Man braucht nicht Geologe zu sein, um nach einem ganz kurzen

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1927 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr

verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Im Original wurden viele fremdsprachliche Begriffe in Antiquaschrift

gesetzt; daneben verbleiben einige Passagen in Englisch in

Normalschrift, insbesondere bei Eigennamen.

Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der

folgenden Symbole gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Kapitälchen: ~Tilden~

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~SVEN HEDIN~

+Gran Cañon+

[Illustration: Blick von Bright Angel Point auf Deva-, Brahma- und

Zoroaster-Tempel.]

~SVEN HEDIN~

+Gran Cañon+

Mein Besuch im amerikanischen Wunderland

★

Mit 38 einfarbigen

und 10 bunten Einschaltbildern

nach Skizzen des Verfassers,

einem Bildnis und 2 Karten

Zweite Auflage

[Illustration]

~LEIPZIG / F. A. BROCKHAUS / 1927~

Copyright 1926 by F. A. Brockhaus, Leipzig

Printed in Germany

Dem Andenken

meiner geliebten Mutter

Zum Geleit.

An warmen Sommertagen und in hellen Nächten, voll Gram und Wehmut

nach der schwersten und schmerzlichsten Trennung, die ich in meinem

Leben erfahren habe, legte ich die letzte Hand an die anspruchslose

Schilderung eines Landes, das an Naturschönheit und eigenartiger

großartiger Pracht alles auf Erden übertrifft.

Während der Wochen, die ich vor drei Jahren im Gran Cañon zubrachte,

schrieb ich an meine geliebte Mutter eine Reihe Briefe. Es geschah

aus alter Gewohnheit -- ich hatte ja seit vierzig langen Jahren aus

Asien meinen Eltern daheim geschrieben. Jetzt flogen die Briefe von

der Neuen Welt aus über das Meer. Kein Tag durfte zu Ende gehen, ohne

daß ich einige Seiten an meine Mutter schrieb. Niemand hat meine

Schicksale mit wärmerer Teilnahme verfolgt als sie. In ihren Gedanken

und Gebeten war sie stets bei mir auf meinen öden, einsamen Wegen. Nun

war sie alt und stand schon im sechsundachtzigsten Lebensjahr; nur

auf den Flügeln der Phantasie und an Hand meiner Briefe und Skizzen

konnte sie sich einen Begriff vom Gran Cañon machen. Ich wußte, daß

ich ihr damit eine Freude bereitete, und schrieb ihr daher von den

verschiedenen Lagerplätzen am Südrand und Nordrand und in der Tiefe

des gewaltigen Tales, von El Tovar und Desert View, von Hermit Cabins

und Phantom Ranch, von Altar Falls und Wylie Way Camp. Ich schrieb

beim Tosen der sich dahinwälzenden Wassermassen des Rio Colorado, beim

Schrei der verwilderten Steppenesel in stillen, lauen Nächten, beim

roten Widerschein der Felsentempel und Pagoden, die bei Sonnenuntergang

aussahen, als seien sie aus Rubinen errichtet und von innen durch

vulkanische Ausbrüche erleuchtet; ich schrieb, wenn der Abendwind in

den Kronen der Kiefern rauschte, und warf schnell einige Seiten hin,

wenn ich in mein Zelt zurückgekehrt war, nachdem ich, träumerischen

Gedanken über das Vergangene, für immer Entschwundene nachhängend, den

Tänzen der Hopi-Indianer um flammende Feuer zugesehen hatte.

Die Briefe waren also an meine Mutter geschrieben. Wenn ich sie jetzt

in umgearbeiteter, abgerundeter Gestalt auch andern Lesern übergebe,

empfinde ich es als eine teure Pflicht und einen kleinen Trost, sie

meiner entschlafenen Mutter zu widmen. Auch in dieser ausführlichern

Fassung war ihr ja meine Schilderung des Gran Cañon nicht fremd. Sie

hat sie mit erneuter Anteilnahme gelesen und sehnte sich danach,

mir, wie früher Jahrzehnte hindurch, beim Korrekturlesen auch dieses

Buches zu helfen. Aber ihre Kräfte verließen sie, und sie vermochte

nicht zu warten. Als der Sommer in unserm Land in voller Pracht stand,

entschlief sie, lächelnd und glücklich wie in all den Jahren ihres

Lebens.

Alles schien mir trübe und öde. Ich hatte meinen besten Freund

verloren, einen Freund, der mir eine Welt voll Liebe und Treue

geschenkt hatte und der nie müde ward, mir meine Fehler zu vergeben.

Ich hatte kein Recht mehr, mich als Kind zu fühlen; ich war eine

Generation älter geworden und hörte deutlicher als je die

Flügelschläge der Zeit. Aber die lichte und teure Erinnerung, die sie

mir hinterlassen hat, ist ein unvergänglicher Schatz; unermeßlichen

Dank schulde ich ihr, die sechzig Jahre mein Schutzengel gewesen,

die mich in meiner Kindheit auf ihrem Arm getragen, die bis zu ihrer

letzten Stunde mit unermüdlicher Geduld über mich gewacht, mich

ermuntert hat und meine Stütze gewesen ist.

[Illustration: Anna Hedin.]

Wohin mich meine Wege auch führen mögen, stets werde ich ihr

leuchtendes Bild vor mir sehen, dem freundlichen Blick ihrer Augen

begegnen und ihre Stimme hören. Und wenn es mir vergönnt sein wird,

noch einmal zum Gran Cañon und seiner überirdischen Schönheit

zurückzukehren, werde ich die Erinnerung an meinen ersten Besuch

als ein neues Band empfinden, das mich mit ihr verknüpft. Dann

werde ich auch mit Wehmut der Zeit gedenken, als ich noch das Glück

hatte, beim Brausen des Rio Colorado und beim roten Widerschein des

Sonnenuntergangs meiner Mutter zu schreiben.

Inhalt.

Seite

+Zum Geleit+ 7

+Erstes Kapitel.+ Einleitung 15

+Zweites Kapitel.+ Nach dem fernen Westen 32

+Drittes Kapitel.+ Durch Neumexiko und Arizona 48

+Viertes Kapitel.+ Der erste Eindruck 60

+Fünftes Kapitel.+ Die Aussicht von Grand View 86

+Sechstes Kapitel.+ Nach Hermit Cabins 99

+Siebentes Kapitel.+ Der Rio Colorado 125

+Achtes Kapitel.+ Navaho Point 137

+Neuntes Kapitel.+ Nach Havasupai Point 158

+Zehntes Kapitel.+ Nach Phantom Ranch am Nordufer des

Colorado 176

+Elftes Kapitel.+ Durch den Bright Angel Cañon zum Nordrand

hinauf 194

+Zwölftes Kapitel.+ Ausflug nach Cape Royal 223

+Register+ 240

Bunte Einschaltbilder.

Blick von Bright Angel Point auf Deva-, Brahma- und

Zoroaster-Tempel Titelbild

Blick von Navaho Point auf die Palisaden 64

Marble Cañon und Palisaden, von Navaho Point aus 80

Abendstimmung bei Navaho Point 96

Blick auf Navaho Point nach Sonnenuntergang 112

Brahma- und Zoroastertempel, von Wylie Way Camp aus 128

Blick nach Norden und Nordnordosten von einem Punkt bei Bright

Angel Point 144

Der letzte Widerschein des Abendrotes auf den Palisaden, von

Point Royal aus 158

Jupiter-, Venus- und Apollo-Tempel, von Cape Royal aus 176

Eine vorspringende Felswand bei Cape Royal 220

Einfarbige Einschaltbilder.

Anna Hedin 9

Aussicht von El Tovar nach Nord 10° West 61

Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nordwesten 67

Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nordwesten 73

Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nord 16° West 77

Aussicht am Nachmittag von El Tovar in den Bright Angel Cañon 83

Aussicht von Hermit Camp nach Nordnordwesten 87

Aussicht von Hermit Camp nach Westen und Nordwesten 93

Blick von Hermit Cabins auf den Hermit Peak im Süden 101

Hopi-Indianer 105

Hopi-Indianer 109

Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado aufwärts 115

Aussicht von der Mündung des Hermit Creek nach Südsüdwesten 119

Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado abwärts 123

Aussicht von Navaho Point nach Nordnordosten 127

Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar auf die Tempel in

Nord 12° West 131

Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nord 60° Ost 135

Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Ostnordosten 139

Aussicht von Havasupai Point nach Westen 143

Aussicht von Havasupai Point nach Nord 20° West 147

Aussicht von Havasupai Point auf das Nordufer des Gran Cañon

(Nord 30° Ost) 151

Blick von Havasupai Point nach Osten 155

Hängebrücke über den Colorado bei Phantom Ranch 161

Blick von der Hängebrücke bei Phantom Ranch nach Osten,

Colorado aufwärts 165

Altarfall 169

Aussicht vom Altarfall nach Süd 30° Ost 173

Aussicht aus dem Bright Angel Cañon nach Süd 15° Ost (29. Juni) 179

Felskuppe im Bright Angel Cañon 183

Felskuppe im Bright Angel Cañon 187

Unterwegs zum Nordrand aus dem obern Teil des Bright Angel Cañon 191

Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Süden (1. Juli) 197

Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Südsüdosten (1. Juli) 201

Aussicht von Cape Royal nach Süd 15° Ost (Wischnutempel) 205

Blick von Cape Royal in den Gran Cañon 209

Blick von Cape Royal nach Süd 20° West auf Wotans Thron 213

Aussicht von Cape Royal nach Süd 85° West 217

Aussicht von einem Punkt in der Nähe von Cape Final 225

Aussicht von Fair View nach Nord 30° Ost 229

Aussicht von Fair View auf den Saddle Mountain 235

Karten.

Übersichtskarte 14

Sonderkarte des Gran Cañon in Arizona, Maßstab 1 : 150000,

am Ende des Buchs.

[Illustration]

Erstes Kapitel.

Einleitung.

Schon ehe ich an die Möglichkeit gedacht hatte, jemals nach Asien zu

kommen, träumte ich vom Gran Cañon. Ein Jahr vor meiner Reifeprüfung

übernahm ich es, für den Vortrag, den Lektor Törnebohm in der

Stockholmer Geographischen Gesellschaft hielt, die vorzüglichen

farbigen Abbildungen von W. H. Holmes in Riesenformat zu kopieren, die

C. E. Duttons Werk „~Tertiary History of the Grand Canyon District~“

(1882) illustrieren. Als ich bei Professor Brögger an der Stockholmer

Hochschule studierte und später, als ich mich auf die Kandidatenprüfung

bei Professor Högbom in Uppsala vorbereitete, erwarb ich mir auch

bescheidene Kenntnisse der Geologie des Colorado Cañon.

Während meiner Reisen in Asien, die dann jahrzehntelang meine ganze

Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, wurde der Gedanke an das große

Erosionstal in Arizona in den Hintergrund gedrängt, aber gleichwohl

nie völlig ausgelöscht. Als ich schließlich im Laufe des Jahres 1922

mein Werk „~Southern Tibet~“ beendet hatte und einige Monate Erholung

brauchte, beschloß ich, Anfang 1923 nach Amerika zu fahren und meine

Reise mindestens bis zum Gran Cañon auszudehnen. Ich hielt in vielen

Städten der Oststaaten Vorträge, besuchte wissenschaftliche Institute

und sehenswürdige Orte und kam natürlich auch nach Chicago. In dieser

eigenartigen Stadt machte ich neben andern Bekanntschaften die des

Grafen J. Minotto, eines gebürtigen Italieners, der amerikanischer

Staatsbürger geworden war und den demokratischen Titel Mister

führte. Wir trafen uns mehrere Male. Herr Minotto war Freiluftmensch

und Sportsmann und interessierte sich lebhaft für alles, was

„~exploration~“ heißt. Mit seiner jungen reizenden Gattin, einer

geborenen Swift, hatte er weite Reisen unternommen und kürzlich auch

den Gran Cañon besucht, den er leidenschaftlich liebte. Als er meine

Pläne hörte, wurde er beredt und tat alles, meine Sehnsucht anzufachen.

Eines Tages traf ich bei einem Essen bei Minottos zwei Herren von der

Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft. Das Gespräch kam ganz ungezwungen

auf den Gran Cañon, und Minotto, der zu Scherzen aufgelegt war,

meinte, die Gesellschaft sollte mich als ihren Gast zu einem

längern Besuch einladen. Die beiden Herren fanden den Vorschlag gut

und wollten sich die Sache überlegen. Ich selbst konnte diese in

Feststimmung gesprochenen Worte nicht ernst nehmen und war daher

nicht wenig erstaunt, als schon am folgenden Tag ein Herr Birchfield,

ein Beamter der Gesellschaft, mich im University Club aufsuchte,

dessen außerordentliches Mitglied ich auf Empfehlung des prächtigen

schwedischen Konsuls C. von Dardel geworden war. Herr Birchfield

zeigte mir ganze Berge von Photographien und bat mich, möglichst

bald Herrn William H. Simpson meinen Besuch zu machen, dem Assistant

General Passenger Agent der „Atchison, Topeka and Santa Fé Railway“;

dieser habe von höherer Stelle Anweisungen erhalten und könne mir alle

Auskünfte geben, die ich wünschte.

Schön! Ich begab mich also in die Hauptgeschäftsstelle der

Eisenbahngesellschaft und traf hier die Herren, in deren Hand die

Entscheidung lag. Im Namen ihrer Gesellschaft baten sie mich überaus

liebenswürdig, ihr Gast im Gran Cañon zu sein, so lange es mir beliebe.

Wir einigten uns auf drei Wochen. Cowboys, Maultiere, Autos, Zelte,

Hotels, Verpflegung, mit einem Wort +alles+, sollte mir zur Verfügung

stehen, ich brauchte nur zu befehlen.

Ich erzähle diese kleine Episode, um im Anschluß daran auch der

Direktion der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft meinen herzlichen Dank

für die große Gastfreiheit auszusprechen, die mir in El Tovar und auf

all den Ausflügen zuteil wurde, die ich von dort aus unternahm. Ein

Fürst hätte nicht unter angenehmeren Umständen reisen können. Alle

waren freundlich und zuvorkommend. Mein Dank richtet sich, außer an die

Direktion, besonders an die Herren Simpson, Birchfield, Kemp, Clarkson,

Crosby, Petrosa, McKee und Ford Harvey sowie an die Führer West,

Tillotson und MacLean.

Freilich wäre ich nach dem Gran Cañon gereist, auch wenn mich die

Gesellschaft nicht eingeladen hätte. Aber das wäre teurer und

beschwerlicher geworden. Alle amerikanischen Bürger, mit denen

ich zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean zusammenkam,

überhäuften mich mit Gastfreundschaft, aber alles, was ich in dieser

Hinsicht erfuhr, überbot doch die Santa-Fé-Bahn. Mit dem Namen dieser

berühmten Gesellschaft ist meine größte und schönste Erinnerung an die

Vereinigten Staaten verknüpft.

Es ist selbstverständlich, daß ich im Gran Cañon als Tourist, nicht als

Entdecker reiste. Etwas Neues konnte ich nicht heimbringen. Ich wollte

nur dieses größte Wunder der Natur aus eigener Anschauung kennenlernen.

In Asien, nicht am wenigsten in Südtibet und im Transhimalaja, habe

ich viele tausend Kilometer zurückgelegt und bin überall der erste

gewesen. Und dabei waren diese Gegenden, wenigstens zu einem Teil, seit

Jahrtausenden bekannt und von den Völkern Indiens in uralten Hymnen

besungen worden. Nur in ein paar Fällen habe ich Nachfolger gehabt --

im übrigen werden große Gebiete Hochasiens nur von meinen Reisewegen

durchkreuzt.

Ganz anders beim Gran Cañon! Sein Erosionstal ist den Europäern

überhaupt erst vor wenig mehr als dreihundertachtzig Jahren bekannt

geworden, und doch ist es jetzt kartographisch aufgenommen und in

naturwissenschaftlicher, besonders geologischer Hinsicht von einer

Reihe berühmter Forscher bis ins einzelne untersucht.

Die ersten, die bis an den Rand vordrangen, von dem aus man senkrecht

in die Tiefe eines Abgrunds hinabschaut, waren die Spanier. Unter

Coronados Befehl kamen sie von Mexiko in das Hochland hinauf; sie

fanden, daß es eine „~arida zona~“, eine trockene, unfruchtbare

Gegend war -- Arizona. Den spanischen Pionieren voran zog 1539 der

Franziskaner Fray Marcos de Niza, der nach seiner Rückkehr Wunder

zu erzählen hatte. Durch seine Berichte ermuntert, brach Coronado

selbst schon im nächsten Jahr, 1540, von seinem Stellvertreter Tovar

begleitet, nach Arizona auf. Sie waren Konquistadoren, traten aber zu

den Indianern in freundschaftliche Beziehungen und Tauschhandel. Unter

anderm hörten sie von einem mächtigen Strom sprechen, der durch das

Land im Nordwesten fließe. Nach erfolgter Erkundung sandte Coronado

eine kleine Truppenabteilung unter dem Befehl von Cardenas aus, damit

sie diesen Fluß suchte. Cardenas fand den gewaltigen Strom, den er

wegen seiner roten Farbe Rio Colorado nannte. Er entdeckte auch den

Gran Cañon, das „große röhrenförmige Tal“.

Während zweier Jahrhunderte wurde die entlegene und öde Gegend nur

hin und wieder von dem einen oder andern Spanier besucht, und sie

scheint lange Zeit in Vergessenheit geraten zu sein. Später dehnten

amerikanische Trapper ihre Streifzüge bis an das tiefe Tal aus. Im Jahr

1824 drang General Ashley an den Coloradofluß vor, doch ohne den Gran

Cañon zu berühren. Im Auftrag der Regierung wurde das Gebiet einige

Male untersucht.

Die erste wissenschaftliche Erforschung des Flusses nahm 1869 der

energische und kühne Major J. W. Powell vor, der die 1600 Kilometer

lange Strecke von Green River City im Staat Wyoming bis zur Mündung des

River Virgin im Boot zurücklegte und diese verwegene Fahrt im Winter

1871/72 wiederholte. Er kam glücklich durch die unzähligen wilden

Fälle und Stromschnellen hindurch, die später so manches Menschenleben

gekostet haben, und schrieb ein lesenswertes Buch über seine Abenteuer.

Nachdem im Jahr 1889 F. M. Brown in einer Stromschnelle umgekommen war,

setzte sein Reisegefährte Stanton im Jahr darauf die Flußfahrt bis ans

Meer fort. Ferner seien die Reisen verzeichnet, die Galloway (1896/97),

Flavell (1896), Russel und Monnette (1907/08), Stone (1909) und die

Brüder Kolb (1911) unternommen haben. Einen der beiden letztgenannten,

Ellsworth L. Kolb, traf ich in El Tovar. Seine Schilderung der langen

Flußfahrt „~Through the Grand Canyon from Wyoming to Mexico~“ (1920)

ist ebenso lehrreich wie spannend. Der Zweck ihres Vorhabens war, zu

filmen und zu photographieren. In den Jahren 1922 und 1923 nahm L.

R. Freeman an den Expeditionen der Geologischen Landesaufnahme der

Vereinigten Staaten teil, auf denen festgestellt werden sollte, ob

es möglich sei, durch einen Staudamm in den oberen Teilen des Cañon

den Unterlauf des Coloradoflusses zu regulieren. In seinem 1924

erschienenen Buch „~Down the Grand Canyon~“ berichtet er über die

gewonnenen Ergebnisse.

In den letzten Jahren sind eine Menge wissenschaftlicher und

gemeinverständlicher Werke über den Gran Cañon geschrieben worden. Es

erübrigt sich, hier eine Bibliographie dieser Arbeiten zu geben. Ich

will nur zwei kleine Bücher nennen, die ich ständig bei mir hatte:

„~Story of the Grand Canyon of Arizona, a popular illustrated account

of its Rocks and Origin~“ von N. H. Darton, Geologe der Geologischen

Landesaufnahme, das ich im folgenden oft anführe, und „~The Grand

Canyon of the Colorado, recurrent Studies in Impressions and

Appearances~“ von John C. van Dyke (1920), dem ich einige der oben in

der geschichtlichen Übersicht angeführten Angaben entnommen habe.

Die klassische Darstellung der geologischen Geschichte des Gran Cañon

verdankt die Wissenschaft Newberry, Powell, Gilbert, Dutton und

Holmes, um jetzt nur die bedeutendsten und bekanntesten Forscher zu

nennen. Ihre Arbeiten werden in allen geologischen Handbüchern aller

Kultursprachen der Welt genannt und sind bei der Lösung vieler Probleme

über Verwerfungen und andere Veränderungen in der Erdkruste, über

Denudation und riesenhafte Erosion zu Rate gezogen worden.

Wie W. M. Davis (~An Excursion to the Grand Canyon of the Colorado~)

anführte, der im Jahr 1900 reiste, hatte Newberry (1857/58) gefunden,

daß die paläozoischen Schichten auf kristallinischen Gesteinen

lagerten; Newberry war der Ansicht, daß das Land in früheren Zeiten

reicher bewässert war als jetzt. Powell, der 1869 den Cañon und

1870 die nördliche Hochebene bereiste, behandelte die Probleme der

Schichtenstörungen, Verwerfungen und Faltenbildungen. Er war von

einer langen Periode eines trockenen Klimas überzeugt, da Bergwände

und Cañontäler ihre scharfen Formen sonst nicht hätten beibehalten

können. Dutton, der 1880 und 1882 schrieb, verfocht den Gedanken,

die ganze Gegend habe sich im frühen Tertiär zu heben begonnen. Er

stellte auch die geologische Datierung für verschiedene Veränderungen

der Erdkruste innerhalb des in Frage kommenden Gebiets fest. Die

Denudationsarbeit im Gran Cañon zerfällt seiner Meinung nach in zwei

Erosionszyklen, von denen der erste in uralter Zeit während eines

feuchten Klimas stattfand, der zweite folgte dagegen in einem trockenen

Zeitraum in Verbindung mit einer ausgedehnten, durch Schichtenstörungen

verwickelten Hebung der Erdrinde.

Die Erscheinung, daß die Cañontäler so eng sind, ist oft durch die

Trockenheit der Hochebenen erklärt worden, durch die der Colorado

fließt. Davis findet eine Erklärung in der späten Hebung des Landes,

in das sich die Cañons einzuschneiden begannen, und in der Dichtigkeit

der widerstandsfähigen Ablagerungen, die jetzt die Seitenwände der

Cañontäler bilden. Die Geschichte des Klimas unseres Gebiets ist jedoch

unsicher. Powells Theorie einer langen trockenen Periode hat nach Davis

die größte Wahrscheinlichkeit für sich, da der Gran Cañon so lange im

Regenschatten von Gebirgsketten gelegen hat, die einst höher waren als

jetzt, während gleichzeitig die ganze Gegend niedriger war. Es ist

sehr wahrscheinlich, daß das Gran-Cañon-Gebiet in der Eiszeit starken

Niederschlägen ausgesetzt war, aber Davis hält es für schwierig, die

Beweise dafür zu liefern. Er glaubt, auch ein Klima wie das jetzige

reiche aus, die Entstehung von Seitenschluchten und kleinen Cañons

zu erklären. In diesen ist die Erosion nach wie vor am Werk, und das

Fehlen der Vegetation hat zur Folge, daß die Erosion hier schneller

fortschreitet als in Gegenden mit ausgiebigen Niederschlägen und

reicherem Pflanzenwuchs.

Ehe der Gran Cañon im Pliozän, dem letzten Abschnitt der Tertiärzeit,

durch Erosion zu entstehen begann, wurden die Ablagerungen fünf

geologischer Perioden, der Perm-, Trias-, Jura-, Kreide- und

Eozänformation, von der Hochebene abgetragen. Bei El Tovar,

Havasupai, Desert View, Wylie Way Camp, mit einem Wort überall am

Süd- und Nordrand des Cañons, wandern wir somit auf dem Kamm der

beinahe horizontal gelagerten Steinkohlenformation. Nicht weniger

als 3000 Meter mächtige jüngere Formationen, die einst über den

Steinkohlenschichten lagen, fehlen also. Ihre Abtragung hat man „die

große Denudation“ genannt. Sechs geologische Perioden sind noch da und

liegen überall in den Cañonwänden zutage, wenn auch zwei von ihnen nur

bruchstückweise vorhanden sind. Die jüngste noch vorhandene Schicht ist

der sogenannte Kaibabkalkstein, der der Steinkohlenformation angehört.

Unterhalb des charakteristischen senkrechten roten Felsbandes des

Redwall, das in so hohem Grad zur Schönheit der Taltiefe beiträgt und

der Steinkohlenformation angehört, fehlen drei geologische Perioden,

Devon, Silur und Ordovicium; vom Devon finden sich jedoch verstreute

Bruchstücke. Der Red Wall ruht auf kambrischem Kalkstein, der

sogenannten Tontogruppe. Oberhalb der archäischen Urgesteinunterlagen,

Granit, Gneis usw., fehlen gegen 4000 Meter algonkinscher und

präkambrischer Ablagerungen, obwohl an einigen Stellen Bruchstücke

unter dem Namen der Unkar- und Chuar-Gruppe vorhanden sind.

Man braucht nicht Geologe zu sein, um nach einem ganz kurzen Aufenthalt

im Gran Cañon gewahr zu werden, daß die sedimentären Ablagerungen, die

durch diesen gewaltigen Einschnitt in die Erdkruste freigelegt worden

sind, eine fast wagerechte, ungestörte Lage besitzen. Die riesige

Erosionsrinne hat sich durch die Schichten der Steinkohlenformation

geschnitten, und dann sind durch fortgesetzte Erosion alle älteren

Ablagerungen freigelegt worden bis zum Granit hinab, in dem der Rio

Colorado jetzt in dem innern Cañon, The Granite Gorge, dahinbraust.

Da die wagerechten Schichten ungestört sind, kann man daraus den

Schluß ziehen, daß die Erosion die einzige Kraft ist, die diesen

ungeheuren Eingriff in die Erdkruste auszuführen vermocht hat. Aber

der Erosionskraft sind auch gewisse andere Faktoren zu Hilfe gekommen.

So ist das Gefälle des Flusses recht groß, da der Höhenunterschied

auf einer Strecke von 349 Kilometer, von der Mündung des Kleinen

Coloradoflusses bis zum Grand Wash, 500 Meter beträgt. An der Mündung

des Hermit Creek soll der Fluß eine Stromgeschwindigkeit von 32

Kilometer in der Stunde haben. Bei einer solchen Geschwindigkeit

vermag eine kompakte, gesammelte Wassermasse nicht nur Sand und Geröll

in ihrem Bett mit sich zu führen, sondern auch Steinblöcke vorwärts

zu bewegen. Der Rio Colorado verfügt daher über ein sehr wirksames

Schleifmaterial, das das Granitbett des Flusses feilt, reibt, aushöhlt,

mit einem Wort erodiert. Wenn eine solche Aushöhlungsarbeit Millionen

und aber Millionen Jahre angedauert hat, Tag und Nacht, Winter und

Sommer ohne eine Sekunde Unterbrechung, dann ist es nicht schwer zu

verstehen, daß das Ergebnis, als die Zeit erfüllt war, d.❁h. in unsern

Tagen, überwältigend und staunenerregend sein mußte. Ein solches

Ergebnis kann nur in einem wasserreichen Fluß erzielt werden, dessen

Gefälle stark und dessen Bett mit Schlamm, Sand, Kies und Blöcken als

Schleifmaterial gefüllt ist, in einem Fluß, der aus einem feuchten,

regnerischen Hochland kommt und durch ein trockenes Tafelland fließt.

So verhält es sich jetzt und so ist es vermutlich schon immer gewesen,

denn sonst hätten sich gewaltige Nebenflüsse gebildet; es gibt nur zwei

solche, von denen der eine der Kleine Colorado heißt.

Neumayr hebt hervor, daß der Gran Cañon uns auch einen Begriff von

der ungeheuren Länge der geologischen Zeiten zu geben vermag. Um

den Graben zu erzielen, den wir von der Brustwehr und den offenen

Waldgalerien bei El Tovar unter uns sehen, mit andern Worten, um durch

sehr harte Gesteine eine Rinne auszumeißeln, die 349 Kilometer lang,

21 Kilometer breit und 1,6 Kilometer tief ist, hat der Colorado die

Zeitspanne gebraucht, die zwischen dem Pliozän, dem letzten Abschnitt

der Tertiärperiode, und der Gegenwart liegt. Dieser Zeitraum umfaßt

viele Millionen Jahre. Und diese Millionen Jahre machen nur einen sehr

kleinen Teil der geologischen Annalen und der Geschichte der Erde

aus, ja eine Zeitspanne, die so kurz ist, daß die Meeresmollusken,

wie Neumayr sagt, sich nur unbedeutend verändert haben und daß die

eingetretenen Veränderungen kaum die Hälfte der Arten betroffen haben.

Beim Gedanken an solche Zahlen und angesichts solcher Perspektiven

wird der Mensch, der nicht von den in unsern Tagen wütenden Seuchen

angesteckt ist, still und demütig. Als ich das erstemal an den Rand

des Gran Cañon trat, hielt ich, unbewußt und unbedacht, den Hut in der

Hand -- wie beim Betreten eines von Menschenhänden errichteten Tempels.

* * * * *

Es gibt also klassische Werke über die Geologie des Landes. Es gibt

Reisebeschreibungen, die von Fahrten und Wanderungen in den Labyrinthen

zwischen Tempeln und Pagoden, auf dem Fluß und auf den Hochebenen

ringsherum erzählen, und Monographien, die sich auf einen langjährigen

Aufenthalt im nördlichen Arizona stützen. Meine Schilderung besitzt

keins der Verdienste, durch die sich solche Arbeiten auszeichnen.

Die Zeit von drei Wochen, die ich im Gran Cañon zubrachte, war allzu

kurz, um ein tiefes, gründliches Eindringen in seine Geheimnisse zu

gestatten. Manche Amerikaner haben sich so sehr in den Gran Cañon

verliebt, daß sie ihn immer wieder sehen wollen und jedes Jahr dorthin

zurückkehren, ebenso wie die frommen Pilger in Tibet und Indien zu

ihren heiligen Bergen und Flüssen wallfahrten. Solche wiederholten

Besuche sind die richtige Methode, um die unvergeßlichen Bilder dieses

Tales wirklich in sich aufzunehmen, dieses Tales, von dem jemand

gesagt hat, daß es nicht das achte Weltwunder ist, sondern das erste.

Das Ideal wäre es, sich für ein ganzes Jahr an irgendeinem Punkt des

Südrandes niederzulassen und Tag für Tag seine Seele zu baden in

dem Anblick des Ganges der Jahreszeiten und des Spiels der ständig

wechselnden Beleuchtung in dem großartigsten Erosionstal der Erde.

Mein Besuch fiel in den Hochsommer, wo die Luft fast immer klar ist

und keine Stürme rasen. Für die Beleuchtung ist die warme Jahreszeit

zweifellos die günstigste, besonders gegen Abend, wo wunderbare

Skulpturen in ihrer ganzen wechselnden und dennoch gesetzmäßigen

Mannigfaltigkeit und ihrem architektonisch dekorativen Reichtum

hervortreten, während die nach Südwesten und Westen gewandten Fassaden

von Felsentempeln, Pagoden und Pyramiden von dem Licht der sinkenden

Sonne getroffen werden und in intensiv roten Farbtönen leuchten. Und

über diesem Bild wölbt sich ein Himmel, so blau wie der edelste Türkis

von Nischapur.

In der zweiten Hälfte des Juli tritt die Regenzeit ein. Leider konnte

ich sie nicht abwarten. Aber an Hand der mündlichen Beschreibungen, die

man mir in El Tovar gab, kann ich verstehen, daß die wasserschweren

Wolkenmassen, die über Arizona dahinziehen, Wirkungen von

phantastischer Schönheit hervorzuzaubern imstande sind. Es kommt vor,

daß sich die Wolken in den tiefen Erosionsrinnen des Cañon vorwärts

wälzen und daß ihre Oberfläche einem aufgewühlten Meer oder einem

ungeheuren wallenden Strom gleicht; oder auch, daß sich der Regenbogen

wie eine Brücke über den Abgrund zwischen dem Nordrand und dem Südrand

spannt, aber trotz seines seltsamen Farbenglanzes das Spiel der bunten

Farbtöne auf den nach Westen gerichteten Mauern des Marble Cañon und

der Palisaden kaum zu übertreffen vermag.

Im Winter liegen die Nadelwälder auf der Höhe des Nord- und Südrandes

in Schnee gebettet, und es soll wunderbar anzusehen sein, wenn der

Schneesturm seine weißen flatternden Fahnen über den Abgrund hinaus

peitscht. In stillen Tagen kommt es dann vor, daß der bedeutende

Temperaturunterschied, der zwischen dem Plateaukamm und dem 1500

Meter tiefer liegenden Talboden herrscht, dichte milchweiße Nebel

hervorruft, die den ganzen Cañon bis fast zu seinem Rand erfüllen.

Die Oberfläche des Nebelbetts kann völlig eben und sonnenbeschienen

sein. Sähe man eine Photographie, die bei einer derartigen Gelegenheit

aufgenommen ist, würde man seinen Kopf wetten wollen, daß sie einen von

niedrigen, schroffen Bergen und flachen bewaldeten Ufern umkränzten

stillen See vorstelle. Am Nordrand würde man unregelmäßige, von

tiefeinschneidenden Buchten zerrissene Halbinseln vorspringen sehen und

hier und da kleine Felseninseln, die in Wirklichkeit nichts anders sind

als die obersten Zacken der Pagoden und Pyramiden. Von den Geheimnissen

der Tiefe würde man nichts ahnen. Man würde nicht glauben, daß die

Insel, die nördlich von El Tovar aus dem Nebel emporragt, die Spitze

eines fast freistehenden Blockes am Nordrande ist, der denselben

Rauminhalt und dieselbe Bergmasse hat wie der Mount Washington!

Aber auch wer sich wie ich nur einige Sommerwochen hier aufhält, hat

keinen Grund, sich über mangelnde Abwechslung in der Beleuchtung zu

beklagen. Diese verändert sich vielmehr vom Morgen bis zum Abend mit

jeder Minute. Nach den schwachen, schlummernden Tönungen der frühen

Morgenstunden kommt die Sonne und weckt die Farben zu neuem Leben.

Die Schatten fallen lang nach Westen, und die Mauer der Palisaden

verschwindet im Dunkel. Die Sonne steigt immer höher, die Schatten

schrumpfen zusammen, und ihre schwarzen Felder werden kleiner. Der

ganze Cañon ist in Licht gebadet. Das Tagesgestirn geht unter, und

die dunklen Flecke wachsen wieder, jetzt nach Osten. Die beleuchteten

Partien gehen immer mehr in Rot über, und beim Sonnenuntergang sind

sie intensiv hellrubinrot. Dann flammt auch die Mauer der Palisaden

in demselben glühenden Farbton. Das Rot wird nach und nach matter und

tiefer, und wenn die Sonne unter den Horizont gesunken ist, verschwimmt

das eben noch so fein abgetönte Relief, alle Einzelheiten verschwinden,

alle Farben verblassen, und im Osten über der Mauer der Palisaden

steigt blauviolett die neue Nacht empor.

Wenn man all diese wilde, überwältigende Schönheit zu schildern

versucht, hat man stets das Gefühl erfolglosen Unterfangens. Man

fühlt die Unzulänglichkeit der Ausdrucksmittel, man findet nicht

die rechten Worte, man sucht immer wieder vergebens nach ihnen und

greift ins Leere. Bezaubert und gefesselt von der großartigen Natur,

den gewaltigen Maßen, dem Reichtum an Farben und Formen und einem

Gesamteindruck, der neben dem Gran Cañon alles erblassen läßt, was

man auf Erden gesehen hat, so daß man sich auf einen andern Planeten

versetzt glaubt, tastet man vergebens nach Worten und Bildern -- und

findet keine. In dieser neuen Welt hätte man eine neue, reichere und

mächtigere Sprache nötig.

Nicht einmal die Stimmung, die innere Wahrnehmung, läßt sich

beschreiben. Tag und Nacht herrscht Sonntagsfrieden über dem Gran

Cañon, und das Schweigen ist tiefer als das Schweigen in der Wüste. Als

die Sonne hoch am Himmel stand, war man unten am Ufer des Colorado und

fühlte, wie der Felsgrund unter der Wucht der Wassermassen erbebte;

man hörte das donnernde Brausen, das, durch tausendstimmigen Widerhall

verstärkt, den Granitkorridor erfüllte. Einige Stunden später sitzt man

in der Abendkühle oben am Rande des Tales und weiß, daß man den Fluß

1500 Meter unter sich hat, ja man sieht vielleicht noch einen Schimmer

seines Laufs. Man weiß, daß die wütenden Wassermassen wie schon seit

Millionen von Jahren sich ohne Rast und Ruh dröhnend vorwärts wälzen,

nach dem Meer sich sehnend, aber kein Laut dringt bis zum Rand der

Hochfläche empor. Die Stille ist rätselhaft, mystisch, fast beklemmend.

Es ist einem zumute, als sei man des Nachts allein in einer Kirche:

man sieht nichts und hört nichts, aber man weiß doch, daß man von

Heiligenbildern, Kanzeln, Altarbildern, Kandelabern und Gräbern umgeben

ist, doch alles ist still, und selbst die Orgel schweigt.

Auch in den Entfernungen täuscht man sich gewaltig. Auf der Hochfläche

sind es 20 Kilometer vom einen Rand zum andern, und der Fluß ist

anderthalb Kilometer tief unter mir. Ein Zapfen, der sich von einer

Gelbkiefer, einer Yellow Pine, löst, die ihre Krone über den Abgrund

neigt, kommt nicht eher zur Ruhe, als bis er einen 300 oder 600 Meter

tiefer liegenden Hang erreicht hat. Ein Adler, der so dicht über den

Wald hinfliegt, daß er die Gipfel der Nadelbäume mit den Spitzen seiner

Flügel streifen kann, schwebt einige Sekunden später, nachdem er über

das Tal hinausgesegelt ist, 1500 Meter über dem Boden.

Man umfaßt alles mit dem Blick, aber man begreift es dennoch nicht.

Täglich sitzt man stundenlang da und schaut und sucht vergeblich

nach einer Lösung der Rätsel. Deutlicher als je erkennt man sich

als ein Staubkorn in dem unermeßlichen Reich der Schöpfung. „Wie

klein alles wird!“ ist ein Gedanke, der sich einem in die Seele

einprägt. Alle Freude und alles Leid, alle Hoffnungen und aller Kummer

verschwinden spurlos. Was bedeuten die 5000 Jahre, die die Fackel der

Geschichtsforschung beleuchtet, gegenüber den unermeßlichen Zeiten,

die in die Tempel und Pagoden des Gran Cañon die Berichte ihrer Taten

eingeritzt haben! Nur die Nacht bezwingt den Gran Cañon. Dann breitet

die Finsternis ihre Decke über die alte Tempelstadt, und die ewigen

Sterne erinnern uns an ferne Welten, im Vergleich zu denen das Wunder

von Arizona, ja die ganze Erde ein Staubkorn ist. Beim Licht der Sterne

legt sich die Unrast des Herzens, und der Erdenwanderer versinkt in ein

Gefühl unendlicher Ruhe.

Wenn jemand glaubt, dieses Buch enthalte Übertreibungen, so will

ich getrost aussprechen, daß man in einer Schilderung der Größe und

Macht des Gran Cañon nicht übertreiben +kann+. Wer das Tal des

Rio Colorado besucht, nachdem er mein Buch gelesen hat, wird gewiß

sagen, daß meine Darstellung matt und farblos ist und daß sie an die

Wirklichkeit durchaus nicht heranreicht. Die einzigen, die Erfolg

gehabt haben, sind die Geologen, die in den gewaltigen Annalen aus

Stein geblättert und Zahlen und Maße und ihre petrographischen und

paläontologischen Diagnosen gestellt haben. Für die Künstler ist die

Aufgabe hoffnungslos gewesen; die Wirklichkeit mit ihren Tönungen und

riesigen Ausmaßen in Farben wiederzugeben, ist ihnen nicht gelungen.

Ein Dichter würde sich lächerlich machen, wenn er versuchen wollte,

den Gran Cañon zu besingen, und ein Tonsetzer würde nie die einzige

Musik übertreffen können, die zur Größe des Gran Cañon paßt -- das nie

verstummende Brausen des Rio Colorado.

Es ist daher vermessen von mir, meine Schilderung mit eigenen Skizzen

auszustatten, die ich an Ort und Stelle gezeichnet und zum Teil

farbig ausgeführt habe. Aber diese Bilder, denen jeder künstlerische

Wert abgeht, werden, hoffe ich, das Verständnis des Textes etwas

erleichtern. Ich erhielt zwar die Erlaubnis, von den zahlreichen

Photographien, die mir in El Tovar geschenkt wurden, soviel ich wollte

in mein Buch aufzunehmen. Aber die Skizzen haben meiner Meinung nach

einen Vorzug vor der photographischen Platte; sie geben persönliche

Eindrücke und eine individuelle Auffassung wieder -- haben also eine

Seele. Mit Photographien kann wer will ein Buch ausstatten, sogar mit

solchen handkolorierten, wie sie in El Tovar zu kaufen sind. Sie ließen

mich völlig kalt; ich wollte sie nicht geschenkt haben, sondern zog es

vor, den Gran Cañon mit meiner eigenen Feder und meinem Pinsel nach

bestem Können festzuhalten. Der Mängel dieser Bilder bin ich mir sehr

wohl bewußt.

Nun zu den Briefen, die ich meiner Mutter sandte.

Zweites Kapitel.

Nach dem fernen Westen.

Sonntag, 10. Juni 1923, verließ ich den schönen, gemütlichen University

Club in Chicago und fuhr nach dem Bahnhof der Illinois Central

Railroad, um mit dem Zug, der 9 Uhr 55 abends abging, nach Westen zu

fahren. Es regnete, und mitten im Sommer war es kühl und unbehaglich.

Dem Wetter im Verein mit dem Ruhetag war es zuzuschreiben, daß die

Straßen öde und leer waren.

Der schwere Zug rollt in die Nacht hinaus. Von dem hohen Bahndamm

sieht man auf die unzähligen Straßen hinab, die wir kreuzen. Matt

schimmert das elektrische Licht durch den Regen, und die weißen Augen

der Autos leuchten im Dunkel. Aber die Lichtpunkte werden spärlicher,

die große Stadt verschwindet hinter uns; man sucht seinen Bettplatz im

Pullmanwagen auf und schläft, während der Zug durch Illinois rollt.

Leider entgeht einem der Mississippi, den wir in pechschwarzer Nacht

bei strömendem Regen überqueren. Der größte Teil des Staates Missouri

liegt bereits hinter uns, bevor der Tag graut. Aber den Missouristrom

und seine mächtig wirbelnden Wassermassen erblicken wir wenigstens

bei vollem Tageslicht. Man läßt sich im Speisewagen nieder, der in

Kansas City abgehängt wird. Schon ehe wir diese Stadt erreicht haben,

geht ein Neger durch die Wagen und bietet Morgenzeitungen feil. Sie

sind voll lebhafter, farbenreicher Schilderungen der furchtbaren

Überschwemmungen, die in der letzten Zeit gewaltige Gebiete des Staates

Arkansas verheert haben. Ein Nebenfluß des Mississippi, der Arkansas,

der den gleichnamigen Staat quer durchschneidet, war aus seinen Ufern

getreten und hatte das Land unter Wasser gesetzt. Zollhohe, packende

Überschriften sprechen von Unglücksfällen und Verwüstungen, von

Verlusten, die auf Millionen Dollar geschätzt werden, und von den

Tausenden von Menschen, deren Wohnungen zerstört wurden und die jetzt

obdachlos sind.

Die ganze Nacht hindurch hat es geregnet, und der Himmel sieht immer

noch drohend aus. Um 11 Uhr 25 sind wir in Kansas City. Man stellt

seine Uhr um eine Stunde zurück. Um 12 Uhr fahren wir weiter. Im

letzten Augenblick ist ein Herr eingestiegen, den ich erwartet habe,

und hat mir gegenüber Platz genommen; sein Name ist R. Hunter Clarkson.

Meine Freunde von der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft haben es so

eingerichtet, daß wir zusammen nach El Tovar fahren. Einen angenehmern,

kenntnisreichern Reisegefährten hätte ich mir nicht wünschen können.

Herr Clarkson ist überdies Schotte von schwedischer Abstammung. Schon

am Anfang einer für mich sehr lehrreichen Unterhaltung, die mehrere

Tage dauern sollte, kamen wir auf den Krieg, und es tat wohl, mit

einem Mann zu sprechen, der so vernünftige, humane und objektive

Anschauungen hatte. Wir fanden, daß wir im Sommer 1916 auf einem der

Kriegsschauplätze einander recht nahe gewesen waren. Als ich während

meines Besuchs bei Oberst Kreß von Kressenstein in El Arisch mit ein

paar türkischen Offizieren eine Autofahrt in der Richtung auf Ismaïlia

machte, lag Clarkson als Batterieführer bei diesem Ort. Nun erzählte

er von den nächtlichen Patrouillen, die zu Pferd oder auf Dromedaren

ständig durch die Wüste nach Osten ausgeschickt wurden, und wir lachten

bei dem Gedanken daran, wie leicht es hätte geschehen können, daß

eine Patrouille meinem Auto den Rückzug abschnitt und mich selbst als

Gefangenen zu Clarksons Zelt brachte. Er beteuerte, daß ich in diesem

Fall nicht nur von ihm selbst, sondern auch von allen andern englischen

Offizieren mit größter Rücksicht behandelt worden wäre. Aber ich

versicherte ihm, ich zöge es vor, in der Santa-Fé-Eisenbahn in seinen

Händen, statt sein Gefangener am Suezkanal zu sein.

Wir haben inzwischen Kansas City verlassen und den gewaltigen Missouri

zur Rechten verschwinden sehen. Zwischen fruchtbaren Wiesen und

Feldern und üppigen Hainen und Gärten saust der Zug weiter durch den

Staat Kansas nach Westen und Westsüdwesten. Oft stehen die Äcker

unter Wasser, und alle Gräben sind bis zum Rand gefüllt. Auf saftigen

Triften weiden Rinder- und Schafherden, und hier und da wühlen

große Schweineherden in dem schlammigen Boden. Das Land ist flach

wie ein Eierkuchen. Lange Strecken glaubt man durch einen einzigen

ununterbrochenen Garten zu fahren.

Unser Wagen ist der letzte des Zuges; von seiner hintern Plattform aus

sehen wir die ständig enteilende recht einförmige Landschaft und die

schnurgerade laufenden Eisenbahngleise. Meistens sitzen wir jedoch

auf unsern bequemen Polstern und plaudern. Der Wagen ist vollbesetzt,

aber es wird nie eng -- man hat seinen Platz und braucht sich nicht

mit andern zu drängen. Ein Vorzug dieser Pullmanwagen ist, daß die

Reisenden gleichsam eine große Familie bilden; wenn man nichts anders

zu tun hat, kann man seine Reisegefährten, ihre Gewohnheiten und

Beschäftigungen beobachten. Die großen Fenster gewähren freie Aussicht

nach beiden Seiten. Wenn man in einem Wagen mit Seitengängen in einem

eigenen Abteil fährt, so ist man zwar ungestört -- was jungen Eheleuten

erwünscht sein mag --, aber man hat dann nur nach einer Seite Aussicht.

Es ist halb zwei, als der Zug in Emporia hält, wo wir eine halbstündige

Frühstückspause machen. Mit Hilfe des Telephons hat das Zugpersonal die

Bahnhofswirtschaft rechtzeitig benachrichtigt, wieviel Gäste kommen.

Man braucht sich daher nicht abzuhetzen, sondern geht in aller Ruhe an

seinen Platz. An kleinen Tischen ist für je 8 Personen gedeckt. Es gibt

Tomatensuppe, Schinken mit Gemüse, Eiscreme, Tee oder Kaffee. Clarkson

und ich haben es insofern besser als die andern Reisenden, als wir

nicht zu bezahlen brauchen, er als Beamter der Santa-Fé-Eisenbahn und

ich als Gast der Gesellschaft.

Alle andern Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten führen Speisewagen.

Aber bei der Santa-Fé ist die Verpflegung der Reisenden in der gleichen

Weise geordnet wie früher auf den schwedischen Eisenbahnen. Man glaubt,

daß alle Bahnlinien der Vereinigten Staaten mit der Zeit dieses System

einführen werden, denn es hat sich gezeigt, daß die Speisewagen

in den Zügen stets mit Verlust arbeiten. Im Jahr 1922 setzte die

Pennsylvania-Eisenbahn 50000 Dollar an ihren Speisewagen zu. Die

Bewirtung auf den Bahnhöfen dagegen ist ein ausgezeichnetes Geschäft,

da nicht nur die Reisenden der Züge, sondern auch andere, vor allem im

Auto vorbeifahrende, hier ihre Mahlzeiten einnehmen.

Dieser Aufenthalt ist eine angenehme Unterbrechung. Tee, Kaffee

und andere einfache Erfrischungen kann man bei den Negern seines

Wagens bekommen, aber Lunch und Mittagessen werden an Haltestellen

eingenommen. Sowohl die Speisen wie die Sauberkeit und Bedienung

gewinnen sehr dabei. Eine Reise von mehreren Tagen wird auch weniger

einförmig, wenn man zweimal des Tages an Land gehen und sich etwas

Bewegung machen kann.

Während wir unsern Lunch einnehmen, erzählt Herr Clarkson, daß die

Santa-Fé-Gesellschaft um 1845 gegründet wurde und sich anfangs nach

der Linie von Atchison nach Topeka, zwei Städten im nordöstlichen

Kansas, nannte. Jetzt ist sie mit einer Bahnlänge von etwa 20400

Kilometer die größte Eisenbahngesellschaft der Welt. Im Jahr 1866

begann Fred Harvey längs ihrer Bahnlinien Hotels und Speisewirtschaften

einzurichten. Nach seinem Tod im Jahr 1900 übernahm den Betrieb sein

Sohn Ford Harvey, der jetzt 25 große Hotels und zahllose kleinere

Restaurants besitzt. Im Jahr 1922 wurden in diesen 13 Millionen

Mahlzeiten verabfolgt. Es ist also ein riesiges Unternehmen und ein

Geschäft, das sich zu einer soliden und erstklassigen Organisation

entwickelt hat. Ford Harvey, der in seinem Fach größere Erfahrung hat

als sonst jemand in den Vereinigten Staaten, ist aufgefordert worden,

in New York und andern Städten Hotels zu errichten und zu betreiben.

Aber auf derartige Lockungen antwortet er ablehnend; er zieht es vor,

seine Tätigkeit auf die Santa-Fé-Eisenbahnen zu konzentrieren und dort

auszubauen; vermutlich ist er der Ansicht, daß die zwölf oder fünfzehn

Millionen, die er schon verdient hat, für seine irdischen Bedürfnisse

ausreichen. Für das Recht, den ganzen mit dem Gran Cañon verknüpften

Hotel- und Ausflugsbetrieb mit Hospiz, Unterkunftshütten, Wegen,

Mauleseln, Pferden, Cowboys, Personal, Automobilen usw. auszuüben,

zahlt er Abgaben an die Regierung. Der Gran Cañon ist nämlich wie so

viele andere Gebiete Nationalpark und gehört der Regierung. Aus meinem

Bericht wird man ersehen, daß die Aufsicht über diese großartigste und

wunderbarste Werkstatt der Natur keinen bessern Händen hat anvertraut

werden können als denen Ford Harveys. Ich hatte Gelegenheit, ihn in El

Tovar kennenzulernen, und kann versichern, daß er auch persönlich ein

ungewöhnlich prächtiger Mann ist.

Aber die halbe Stunde ist vorüber; wir nehmen wieder unsere Plätze

ein und rollen weiter durch das überschwemmte Land. Zu beiden Seiten

breiten sich riesige Wasserflächen aus, schmutziggrau oder braungelb;

an engen Durchgängen weisen sie starke Strömung auf. Bäume, Gärten,

Alleen und kleine Gehölze stehen mitten im Wasser. Auf manchen

Gemarkungen hat die Überschwemmung das reifende Getreide hinweggespült.

Wo der Boden abfällt, ist alles weggeschwemmt worden, Ackerkrume, Saat,

Keime und Getreide, aber wo das Land eben ist, und das ist gewöhnlich

der Fall, kann das meiste gerettet werden. Von Zeit zu Zeit fahren wir

an einer Farm vorüber, deren Besitzer gewiß voller Unruhe die Launen

des losgelassenen Wassers beobachtet.

Die Farmen in diesem Teil von Kansas haben durchschnittlich eine

Bodenfläche von 650 Acres (263 Hektar), eine Größe, die in Europa

als beträchtlich gelten würde. Der Staat Kansas erzeugte seinerzeit

den meisten Weizen in Amerika, ja sein Boden lieferte einen größern

Weizenertrag als alle übrigen Staaten zusammen. Noch heute steht der

Weizenanbau hoch, obgleich jetzt Gerste die wichtigste Getreideart

ist. Kansas City nimmt auch die erste Stelle unter den Orten ein, in

denen landwirtschaftliche Geräte hergestellt werden, und der Staat

Kansas übertrifft in dieser Hinsicht den nächsten in der Reihe um

23 vom Hundert. Die bedeutendsten Fabriken für landwirtschaftliche

Maschinen und Geräte sind in Chicago.

Gran Cañon · 第 1 / 13 段