heutige Behandlung, oder ich will im Leben keinen Brandy wieder trinken;
er soll's noch bereuen, mich auf diese Weise behandelt zu haben. Doch
jetzt kommt, denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem
Schlage sieben gehen die Leute zu Tisch, und von da bis halb acht sind
wir sicher; länger keine Secunde.«
»Und wenn Jemand, indeß wir drinnen sind, an die Thüre draußen kommt und
hinein will?« frug Meier.
»Neben der Stube ist eine Schlafkammer,« sagte Jimmy, »und aus dieser
führt eine stets offen stehende Thür nach dem Gang hinaus, der in den
andern Theil des Hauses läuft -- aber es _kommt_ auch Niemand, zum
Donnerwetter noch einmal; und wenn auch, so wär's vielleicht der junge
Tölpel selber, und dazu seid Ihr zwei baumfeste Kerle, die dem wohl
einen Schlag über den Schädel geben können, daß er ein paar Secunden
ruhig ist. Erst einmal wieder unten auf der Straße, und in der
Menschenmenge, die dort noch auf- und niederströmt, ist eine Verfolgung
ganz unmöglich. Ja, wenn's nach zehn Uhr Abends wäre, da könnte uns eine
einzige Wachtmann-Rassel ein ganzes Viertel Nachtwächter über den Hals
ziehn.«
Meier schien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet, seine letzten
Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz überkommen, doch bei Seite
gestellt zu haben, und die drei Männer schritten jetzt raschen Ganges,
sich unterwegs das Weitere überlegend, ein Stück noch am Wasser, und
dann die Straße hinauf, die nach dem »Deutschen Vaterland« zuführte.
Gerad um sieben kamen sie dort an; durch die mit Flaschen und Karaffen
besetzten Fenster des »Barrooms« konnten sie von außen ganz deutlich die
kleine Uhr im Innern erkennen, die drei Minuten über sieben zeigte.
Dennoch zögerten sie einen Augenblick, ganz sicher zu sein, daß sie
nicht zu früh kämen, und blieben indessen vor der Thür stehn. Daß der
junge Hamann allein in der »Bar« war, konnten sie von außen ebenfalls
deutlich erkennen; so weit stand die Sache günstig genug für sie, und
die Gäste waren jedenfalls schon drin bei Tisch.
Zwei Männer kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen auf die Thür des
Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten sich nach ihnen um, wandten
sich aber auch fast unwillkürlich wieder ab, und schritten dem kleinen
Thorweg zu, der neben dem Schenkzimmer in das Haus führte.
»Weißt Du, wer die Beiden waren?« flüsterte Meier Pelz zu.
»Ja!« nickte dieser leise -- »ein paar alte Bekannte; das schadet Nichts
-- im Gegentheil, die halten den jungen Laffen da drin um so sicherer an
der Flasche fest, und in zehn Minuten können wir wieder unten sein.«
Jimmy führte sie indessen, ohne weiter ein Wort mit ihnen zu wechseln,
rasch die schmale, hölzerne Treppe hinauf, an der oben ein Licht
brannte; an diesem zündete Pelz, wie schon vorher verabredet, seine
eigene kleine Blendlaterne an, und bließ es dann aus, und oben wollten
sie ihren Weg wieder fortsetzen, als sie leichte Schritte auf dem Gange
hörten und einen fremden Lichtschimmer bemerkten, der diesen herunter
und auf dieselbe Thür zukam, in der auch _ihr_ Ziel lag.
»Höll und Teufel,« flüsterte Jimmy leise und ingrimmig vor sich hin
-- »das ist die Madame -- was zum Donnerwetter hat denn _die_ heute
Abend bei dem Alten zu suchen? -- Ruhig Leute, wir müssen hier einen
Augenblick warten; sie wird nicht lange bleiben.«
Es war Hedwig, die mit dem Licht den schmalen Gang herüber kam, nach dem
Kranken zu sehn; sie öffnete mit einem Schlüssel, den sie bei sich trug,
die Thür, und sah sich dabei nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe
um, unter der die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne diese zu
entzünden, den Vorsaal, und klinkte die Thür nur einfach hinter sich
in's Schloß.
»So, jetzt sitzen wir hier auf der Treppe,« brummte Meier finster vor
sich hin, »und wenn Jemand heraufkömmt, findet er das ganze Nest.«
»Das wär' weiter keine _Gefahr_,« flüsterte Jimmy zurück, »wir gingen
nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel wüßte in der Dunkelheit,
wer's gewesen ist.«
»Und das Geld?« frug Pelz.
»Wäre dann allerdings zum Henker,« fluchte Jimmy zwischen den
zusammengebissenen Zähnen durch, indem er wieder anfing, seine Finger
zu knacken.
»Was zum Teufel machst du denn da?« rief ihn mit unterdrückter, doch
zorniger Stimme Meier dabei an, »willst Du das verdammte Knacken lassen,
das hört man ja durch's ganze Haus; das fehlte auch noch, daß wir Dich
als Sturmglocke dabei hätten. Übrigens seh' ich nicht ein, weshalb wir
zögern,« setzte er rasch hinzu, »ob die Madame da drin ist oder nicht,
wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun haben. Wir sind
unserer drei, und mit einer solchen Aussicht vor uns, daß _wir_ künftig
von unseren Interessen leben können und eben nur zuzulangen brauchen,
sollte uns _das_ wenigstens nicht abhalten.«
»Nur um Gottes Willen kein Blut vergießen,« bat Jimmy, ängstlich werdend
-- »Ihr habt mir das schon vorher versprochen, denn _da_mit möchte ich
Nichts zu thun haben.«
»Unsinn,« brummte Meier, »wer spricht denn davon? wir verlangen von
denen da drinnen weiter Nichts, als daß sie ein paar Minuten das Maul
halten, und dazu können wir sie schon bringen, ohne ihnen gleich den
Hals abzuschneiden.«
»Wenn wir nur noch einen Moment warten,« ermahnte Jimmy noch einmal;
»sie _muß_ gleich wieder zurückkommen.«
Die beiden Männer erwiederten Nichts darauf, sondern kauerten eine ganze
Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe, gleich vorsichtig dabei nach
oben wie unten horchend, ob sich kein gefährliches Geräusch irgendwo
vernehmen lasse. Es blieb todtenstill, denn im Haus war Alles im
Eßzimmer versammelt, die Frau kam aber eben so wenig zurück, und Jimmy
selbst fühlte jetzt, daß es die höchste Zeit würde, ihr Vorhaben
auszuführen, wenn sie nicht die günstige Periode des Abendessens, und
damit Alles versäumen wollten. So als Pelz endlich erklärte, wenn Sie
nun nicht an's Werk gingen, wolle _er_ mit der Sache nichts weiter zu
thun haben, da er hier auf der Treppe nervös würde, stand er langsam
auf, bat die Männer noch einmal sich jeder Gewaltthätigkeit zu
enthalten, und stieg langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen
Stufen noch hinauf.
Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch jetzt thaten, so
geräuschlos als möglich die Vorsaalthür öffnen und mit dem Schlüssel,
den Jimmy bei sich führte, wieder hinter sich schließen, dann über den
Vorsaal schleichen, wo sie hatten vorsichtig an der Thür des Alten
anklopfen wollen, erst zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen
der Frau diesen Angriffsplan jetzt geändert hatte, glitten sie nur, so
leise sie konnten, über den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin,
wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann die
Thürklinke, und diese rasch und plötzlich öffnend, sprangen alle drei zu
gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen auch wirklich
nur einen Schrei der Überraschung ausstoßen konnten, auf sie zu. Pelz
warf sich dabei auf den Alten, der neben seinem Bett auf einem großen
Stuhle saß, während Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle faßte und ihr
mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen Laut von sich
gebe.
Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte Geizhals, stets
in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne daß selbst Jimmy etwas davon
wußte, fortwährend ein paar geladene Pistolen neben sich auf demselben
Tisch, auf dem seine Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt
liegen, und fast instinktartig nach diesen in demselben Moment
gegriffen, als er die Thüre seines Zimmers so plötzlich aufreißen sah.
Spannen und Abdrücken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen
Augenblicks, und um Pelz wäre es, außer dem gefährlichen Knall des
Gewehres für die beiden Anderen, jedenfalls geschehen gewesen, hätte
die Pistole, die da schon Gott weiß wie lange geladen lag, nicht
versagt. Der alte Gauner erschrak aber doch nicht wenig über die
nahe Todesgefahr, und als Hamann, den Anspringenden mit dem linken
ausgestreckten Arm noch von sich drückend, nach der zweiten Waffe griff,
führte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand verborgenen
Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm, daß er ihn besinnungslos
zu Boden streckte.
Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die Übrigen zu bekümmern,
die er in guten Händen wußte, mit einem Satz nach dem alten hölzernen
Secretair, in dem des Wirthes Schätze lagen. Mit einem Stemmeisen, das
er bei sich führte, brach er diesen auch rasch und ohne Mühe auf, und
leerte den Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen
Leinwandsack.
Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes; sie fühlte dabei,
wie die Hand des Mörders, dessen Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr
lag, und vermochte keinen Laut auszustoßen, hätte sie der Bube selbst
frei und unberührt gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer
fabelhaften Geschäftigkeit, und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten
enthoben dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen
konnte, als plötzlich draußen, scharf und hell, die kleine Klingel an
der Vorsaalthür ertönte.
Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in aller Glieder
-- die Räuber schreckten, aufhorchend, empor, und selbst Meier ließ in
seinem Griff an Hedwig -- nur erst zu wissen, welcher Art die Gefahr
sei, die ihnen drohe, etwas nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues
Leben durch die Adern schoß, warf mit plötzlicher Anstrengung den Arm,
dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zurück, und stieß, unbekümmert
um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte, jenen wilden gellenden
Hülferuf aus.
»Bestie!« knirrschte Meier zwischen den Zähnen durch, und suchte mit
seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte, ihren Mund zu
decken.
»Hülfe!« stöhnte Hedwig, und draußen brach und prasselte in dem
Augenblick die dünne Thür zusammen.
»Herr Du mein Gott!« schrie Jimmy, in aller Angst den Leinwandsack
fallen lassend und nach der Kammerthür fahrend. Hier aber mußte er an
Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen war allein in dem fremden
Haus im Stich gelassen zu werden, faßte ihn und hielt ihn, während Pelz
an den Beiden vorüberglitt und in die Kammerthür verschwand, am Kragen
fest. --
»Nicht ohne mich, Kamerad.« knurrte er dabei, »den Weg mußt Du mir
wenigstens zeigen, und daß _Du_ hier, mein Täubchen, uns nicht indessen
vor der Zeit das ganze Haus über den Hals schreist, nimm _das_ indessen,«
und sie loslassend führte er, während er sprach, einen gewiß gut
gemeinten Schlag mit der Faust nach der Stirn der jungen Frau, der
dieser wahrscheinlich verderblich geworden wäre, wenn sie nicht, die
Gefahr sehend, ihren Kopf unter seinen linken Arm geworfen, und sich
fest an ihn angeklammert hätte.
»Hülfe, Hülfe!« schallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt um das eigene
Leben ringend und Jimmy, den Moment benutzend, riß sich von Meiers Griff
los, und sprang ebenfalls in die Kammer, während dieser indeß umsonst
versuchte die Frau von sich abzuschütteln oder in den Schwung seines,
nach ihr schlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre schwachen Kräfte zu
wilder verzweifelter Anstrengung getrieben, hielt ihn fest umklammert,
und Meier, endlich selbst zum Äußersten gebracht, riß ein Messer aus
seinen Gürtel, als die Stubenthür auf- und Hopfgarten in demselben
Moment auch in gänzlicher Verachtung der eben so rasch auf ihn
gerichteten Waffe, gegen den Mörder anflog.
Mit dem linken Arm den nach ihm geführten Stoß, so gut das im Augenblick
ging, abwehrend, warf er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers
so voll und gut gewillt gegen ihn, daß er den sonst viel stärkeren,
jetzt aber auch noch durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln
brachte, und Meier fand sich, wenige Secunden später unter den ihn fest
niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch Beide mit
seinem Messer verwundet hatte, am Boden liegen, während aus dem ganzen
Haus schon die Leute, durch das Geschrei aufmerksam gemacht, herbei und
zur Hülfe strömten.
»Hopfgarten,« stöhnte indeß der Räuber, in der Anstrengung seine Arme
wenigstens frei zu bekommen, und mit der Angst jetzt vor der gerechten
Strafe, »lassen Sie mich los -- ich -- ich weiß, wen Sie suchen -- ich
weiß -- ich weiß wo er steckt. Henkel ist hier in der Stadt -- aber
-- heut Abend noch oder morgen früh geht er fort von hier -- lassen
Sie mich frei, und ich sage Ihnen, wo Sie ihn finden können!«
»Alle Wetter!« rief Hopfgarten überrascht, »da könnte man einen Wolf mit
dem andern fangen.«
»Glauben Sie doch nicht was der Schurke sagt,« rief aber Eltrich, der
das warme Blut an seiner Schulter niederrieseln fühlte, »der Bursche ist
zum Galgen reif -- Hülfe -- Hülfe hierher.«
Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anstrengung des Räubers, aber
die Hinterthür, die in die Schlafkammer führte, und _nicht_ verschlossen
gewesen war, wurde in diesem Augenblick von den herbeistürmenden
Boarders, mit dem jungen Hamann an der Spitze, gesprengt, während von
der Straße herauf ebenfalls die Leute herbeisprangen. Wenige Minuten
später war das Zimmer mit Menschen gefüllt, und Hopfgarten und Eltrich,
den Gefangenen der Masse überlassend, konnten jetzt daran denken das
wild umhergestreute und gefährdete Eigenthum des alten Mannes in
Sicherheit zu bringen. Die indessen ohnmächtig gewordene Frau sahen sie
in dem Schutz ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgestreckten
alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufgehoben und auf
sein Bett getragen.
Unter den Fremden waren übrigens auch zwei Constabler mitgekommen,
die sich als solche zu erkennen gaben, und Meier vor allen Dingen in
Gewahrsam nahmen. Andere, die von unten heraufkamen, hatten eine dunkle
Gestalt zum Haus hinauslaufen sehen, und Einige unter dem, nach dem Hof
zuführenden Kammerfenster eine goldene Uhr gefunden, die der Räuber dort
wahrscheinlich, nach einem verzweifelten, aber glücklich abgelaufenen
Sprung aus dem Fenster, verloren haben mußte.
Nur erst als sich Hedwig, unter den zärtlichen Bemühungen ihres Gatten
wieder soweit erholte sprechen zu können, erfuhren sie, daß drei Männer:
der Gefangene, ein früherer Reisegefährte Pelz, und ihr heute
fortgeschickter Barkeeper, die Räuber gewesen seien. Hopfgarten, der
sich indessen mit dem alten Mann beschäftigt hatte, fand in diesem
Augenblick die Wunde an seinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick
mehr zweifeln, daß er _todt_ sei.
Die Verwirrung, die jetzt folgte, ist kaum zu beschreiben, Alles schrie
und drängte durcheinander, und Meier, mit auf dem Rücken festgeschnürten
Ellbogen konnte nur wirklich durch die Constabler vor der Wuth der
Bürger geschützt werden, die große Lust hatten, ihn gleich an Ort und
Stelle, als warnendes Beispiel aus dem Fenster hinauszuhängen.
Jimmy mußte übrigens, da die wider Erwarten sehr starke Kammerthür
verschlossen gewesen, und erst von den zur Hülfe Eilenden durch
gemeinsames Dagegenwerfen gesprengt war, jedenfalls mit seinem anderen
Kameraden, Pelz, aus dem Fenster in den Hof hinunter entkommen sein,
denn aus der Thür hatte er nicht entziehen können. Die Constabler
kannten ihn aber, und versprachen dem jungen Hamann ihr Möglichstes
zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuschneiden, und ihn in den
unzähligen Diebeswinkeln, die New-Orleans hat, herauszustöbern.
Der Gebundene sollte jetzt abgeführt werden, und Hopfgarten, die
erhaltene Wunde im Oberarm, durch dessen dickes Fleisch das Messer
gefahren war, gar nicht achtend, suchte ihn dahin zu bringen, ihm
Näheres über den Aufenthalt Henkels, von dem er behauptet, daß er darum
wisse, mitzutheilen.
»Geht zum Teufel,« knurrte ihn aber der Gefangene an, »macht mit mir was
Ihr wollt, Ihr _habt_ mich einmal, doch verlangt dann nicht auch noch
_Gefälligkeiten_ von mir. Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzköpfig
gewesen wären, wüßten Sie jetzt was Sie wollen; nun könnt Ihr mir aber
die Zunge aus dem Halse reißen, ehe ich eine von Eueren Fragen
beantworte. Hole Euch Alle der Henker.«
»Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Bursche,« sagte der eine
Constabler, ein Deutscher, indem er ihn vor sich her stieß. »Fort mit
Dir; was aus Dir herauszukriegen ist, werden wir schon kriegen, hab'
keine Furcht; mit solcher Art wissen wir schon umzugehen. Herr Hamann,
Sie werden gut thun sich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, daß
man sie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl auch nicht lange
auf sich warten lassen. Einer von unseren Leuten mag indessen noch vor
der Hand unten im Haus bleiben, vielleicht ist doch noch etwas von Einem
der andern beiden Burschen aufzufinden. Jedenfalls müssen wir uns genau
überzeugen, wo die Herren heraufgekommen sind, und mit welcher Hülfe,
und ob sie nicht im Haus noch andere Helfershelfer haben.«
Der Gefangene wurde jetzt fortgeführt, der Platz von den Fremden geräumt,
und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich bat, ihn nur jetzt nicht zu
verlassen und bei ihm und seiner Frau zu bleiben, machte dann mit dem
rasch herbeigerufenen Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu
verbinden hatte, den freilich vergeblichen Versuch, seinen Vater in's
Leben zurückzurufen. Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in der
Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den Schädel eingeschlagen
und augenblicklichen Tod herbeigeführt.
Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa sechzehn Fuß hohen
Fenster hinuntergesprungen sein mußten, war indessen auch nichts weiter
zu erkennen. Das Fenster stand offen, und ließ, mit der unten gefundenen
goldenen Uhr allerdings keinen Zweifel über die Art der Flucht; obgleich
aber der Hof nicht gepflastert, und der Boden ziemlich weich war, hatten
doch die seit der Zeit darauf herumgeschwärmten Menschen Alles derart
zertreten, daß es sich nicht mehr unterscheiden ließ wohin sich die
Beiden gewandt. Das Wahrscheinlichste blieb übrigens, daß sie durch den
schmalen Gang auf die Straße geflohen wären, und eine Verfolgung war
dorthin nicht mehr möglich. Nur um die nächste Ecke, und die Räuber
konnten in dem Menschengedränge der Straße ihren Weg ruhig und
unbeachtet fortsetzen.
Der junge Hamann hatte indessen seine arme kleine Frau, deren zarte
Glieder der rauhen Behandlung des Buben fast erlegen waren, auf ihr
Zimmer gebracht, und sie dort der Pflege von ein paar im Hause wohnenden
Frauen, die sich freundlich dazu erboten, übergeben, wonach er wieder zu
dem Todtenbette seines Vaters zurückkehrte, und jetzt auch die beiden
Freunde bat, ernstlich nach ihren Wunden zu sehn, daß sich dieselben
nicht durch Vernachlässigung verschlimmerten. In der Aufregung aber, in
der noch Beide waren, dachten sie kaum an die Fleischrisse, ließen sich
jedoch von dem Arzt einen Verband darum legen und suchten dann wieder
den Sohn über den ihn betroffenen Verlust zu trösten.
Der junge Hamann, mit der ersten wilden und aufreizenden Erregung
vorüber, saß, in sich zusammengeknickt, in der kleinen Kammer neben dem
Bett, auf dem der Ermordete lag, und starrte mit fest und krampfhaft auf
den Knieen zusammengefalteten Händen still und schweigend vor sich
nieder.
»Lieber Herr Hamann,« sagte Hopfgarten, freundlich auf ihn zutretend
und seine Hand ergreifend, »geben Sie sich Ihrem Schmerze nicht also hin.
Es ist ein trauriges Geschick was Sie betroffen hat, aber es war Gottes
Wille, ohne den kein Sperling vom Dache fällt. Ich will Sie nicht etwa
trösten,« setzte er freundlich und teilnehmend hinzu, »Ihr Schmerz muß
sein Recht und seine Zeit haben -- ich weiß das gut genug, und gerade
die Zeit allein kann ihn lindern, zuletzt heilen -- aber man muß ihm
auch nicht in dem ersten Moment so ganz die Gewalt über sich lassen,
denn gerade dann ist er am gefährlichen, und füllt uns das ohnedieß
genug gequälte Herz mit bitterer Angst und Weh zum Überlaufen voll.«
»Mein armer, armer Vater,« stöhnte Franz, »und auf so schmähliche,
schändliche Weise um sein Leben zu kommen, das ihm überdieß nur noch in
Spannen zugemessen war.« --
»Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe nicht,« sagte
Eltrich; »der deutsche Constabler hatte alle Hoffnung Ihren sauberen
Barkeeper wenigstens abzufangen. Er behauptete die Schlupfwinkel genau
zu kennen, die jener frequentirt, und wir haben ihm auf die Seele
gebunden, kein Geld zu sparen, den Schurken aufzufinden, ehe er
vielleicht im Stande wäre New-Orleans zu verlassen.«
Eine eigen, wunderliches Geräusch schallte in diesem Augenblick durch
das stille Zimmer, und Franz fuhr, wie von einem Blitz getroffen, von
seinem Stuhle auf.
»Was haben Sie? -- was ist?« frug ihn Hopfgarten erstaunt.
»Hörten Sie Nichts?« flüsterte Franz, mit geöffnetem Mund und
ausgerecktem Arm, ein regungsloses Bild der gespanntesten
Aufmerksamkeit.
»Hörten? -- _was_?« rief Hopfgarten, sich ebenes überall in dem leeren
Raume umschauend.
»Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern schnalzte,« sagte Eltrich.
»Das war Jimmy!« schrie aber Franz, wild auffahrend, »ich will nicht
selig werden, wenn das nicht das Fingerknacken des Buben war. An die
Thüren, Herr von Hopfgarten -- um des Heilands Willen an die Thüren
-- der Bube ist hier noch im Zimmer versteckt!«
»Aber wo?« rief dieser, den jungen Mann erstaunt ansehend.
»Haben Sie dort in dem Kleiderschrank? -- haben Sie hier unter dem Bette
nachgesehn?«
»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.«
»Er ist hier, ich schwöre es Ihnen zu,« rief aber Franz, »ich kenne das
unselige Knacken, durch das sich der Bube jetzt verrathen hat,« und das
Licht vom Tisch aufgreifend, hatte er es kaum an die Erde gehalten,
unter das Bett zu leuchten, auf dem der Ermordete lag, als auch die
klägliche Stimme des dort versteckten, und also ertappten Barkeepers
jedem weiteren Zweifel der Männer ein Ende machte.
»Ach mein bester, bester Herr Hamann,« flehte dieser mit winselnder,
kläglicher Stimme, »ich bitte Sie doch um tausend und tausend
Barmherzigkeits Willen, haben Sie Erbarmen mit einem unglücklichen,
verführten, zu Grunde gerichteten Menschen -- oh Jesus, oh Jesus, thun
Sie mir Nichts -- ich will ja vorkommen, ich will ja Alles gestehn,
Alles was ich weiß -- Alles herausgeben was ich habe -- thun Sie mir
nur Nichts.«
»Giebt es etwas Erbärmlicheres auf der weiten Welt als _diesen_
Menschen?« rief Franz, das Licht auf den Tisch zurückstellend, und mit
zusammengeschlagenen Armen jetzt, wo er seines Opfers gewiß war, ein
paar Schritte von dem Bette zurücktretend, dem Elenden Raum zu geben
vorzukommen.
»So 'was ist mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!«
rief Hopfgarten erstaunt aus, »der Mensch verdiente wahrhaftig allein
seiner Dummheit wegen begnadigt zu werden.«
»Ach bester Herr, bitten Sie -- bitten Sie für mich!« schrie Jimmy, der
jetzt rasch vorgekrochen war, sich an das Wort klammernd, indem er gegen
Hopfgarten an auf den Knieen fortrutschte, und die Hände verzweifelnd
rang. »Ja ich _bin_ zu dumm, ich bin zu entsetzlich dumm, und habe mich
ja allein verführen lassen zu dem schlechten, nichtsnutzigen Streich
-- o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit.«
Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die Leiche hin, und
Jimmy, der mit scheuem Blick der Richtung des Armes folgte, sah kaum
die furchtbare Lösung der Bewegung, als er auch mit einem wilden
Aufschrei des Entsetzens, »Herr Jesus -- mein Herr Jesus,« nach dem Bette
zufliegen wollte; Franz aber faßte ihn am Kragen und schleuderte ihn mit
unwiderstehlicher Kraft davon ab.
»Zurück von da!« zürnte er dem winselnd Niederbrechenden zu, »feiger,
erbärmlicher Mörder -- rühre die Leiche nicht an!«
»Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unschuldig, ich bin unschuldig.«
schrie aber Jimmy, »ich bin ein Dieb, ein nichtsnutziger, erbärmlicher,
gemeiner Dieb, Herr Hamann, aber kein Mörder -- bei Allem was mir und
Ihnen heilig ist, schwöre ich es Ihnen zu, ich bin unschuldig an dem
Blut, ich weiß Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch und
theuer versprechen müssen, kein Blut zu vergießen.«
Hopfgarten, der die Zerknirschung des Burschen zu benutzen wünschte,
forderte ihn jetzt auf Alles zu erzählen von Anfang an, wie es gekommen
und geschehn, und Jimmy, der mit der Leiche vor sich, eine furchtbare
Angst über sich kommen fühlte, beichtete mit gefalteten Händen, und nur
von einzelnen Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles
was er wußte, von dem Augenblick an, wo er sich mit seinen beiden
Helfershelfern besprochen, bis wo sie auf der Treppe Hedwig hatten in
das Zimmer gehn sehn, und in der Besorgniß, die Zeit nicht zu versäumen,
eingebrochen waren. Was in dem Zimmer selber geschehen sei, davon wollte
er keine Sylbe wissen, und schwur und winselte wieder, bei Allem was er
über und unter der Erde zu schwören fand -- und er sprach dießmal die
Wahrheit -- daß er nur Hals über Kopf gesucht habe Schmuck und Geld, was
in dem Secretair gelegen, in seinen Leinwandsack hineinzupacken. Pelz
und Meier hätten es übernommen gehabt, die beiden im Zimmer
befindlichen Personen indessen ruhig zu halten.
Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Gefälligkeit, den
Constabler heraufzuholen, indeß sie Beide den Burschen bewachen wollten;
Jimmy hörte aber kaum das für ihn furchtbare Wort, als er sich wieder
vor Franz auf die Erde warf, seine Knie umfaßte und um Gottes Willen
bat, ihn nur dieß eine Mal den Gerichten nicht zu übergeben; er wolle
»so 'was« ja in seinem ganzen Leben nicht wieder thun, und Alles
herausgeben, was er schon in seinem Koffer habe, ja für Herrn Hamann
arbeiten von früh bis spät, um Nichts wie die Kost -- _nur_ keinen
Constabler. Der junge Mann mußte sich mit Gewalt von dem Burschen frei
machen, und Eltrich fing schon fast an Mitleid mit ihm zu fühlen, aber
ein Blick auf die Leiche zerstörte das bald wieder, und seinen Hut
aufgreifend, verließ er rasch das Zimmer, den verlangten Constabler
herbeizubringen, der wenige Minuten später den zitternden, weinenden
Jimmy in Empfang nahm, und mit sich fortführte.
Capitel 8.
Die Überraschung.
Hopfgarten verbrachte in körperlicher wie geistiger Hinsicht eine
peinliche Nacht. Die Wunde, so wenig gefährlich sie auch sein mochte,
war doch durch das ganze Fleisch des Oberarmes gedrungen, und schmerzte
ihn sehr, und dabei quälte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm
wach gerufen, daß Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch hieß,
hier in New-Orleans und zwar im Begriff sein solle wieder abzureisen.
Zwar stellte er sich selber wieder und wieder vor, daß jenes Versprechen
des ertappten Räubers eben nur eine wilde leere Ausflucht gewesen sei,
Rettung zu finden vor dem Arm des Gerichts, und daß jener Meier so wenig
von Soldeggs Aufenthalt wisse, wie er selber. Und doch auch wieder
hatte eben die _Möglichkeit_ der Sache auch etwas Wahrscheinliches, daß
derartiges Gesindel, mochte es nun im gesellschaftlichen Leben stehen
auf welcher Stufe es wolle, wenn einmal im Verbrechen erst so weit
gediehen, auch gegenseitig Kenntniß von einander habe, und die
verschiedenen Schlupfwinkel und Wege kenne.
Und wie nun, wenn jener schurkische Soldegg, den zu fassen und
unschädlich zu machen, hauptsächlich aber das Band zu lösen, das sein
unglückliches Weib noch an ihn fesselte, er allein zum zweiten Mal nach
Amerika gekommen, jetzt hier fast in Arms Bereich von ihm war, und ihm
vielleicht mit nächstem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh?
-- wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun auf den
zahllosen Dampf- und Segelschiffen, Fähren und Booten, die New-Orleans
von Tagesanbruch bis in die späte Nacht verließen, umsonst umherrannte
den Verbrecher zu finden. Und einmal entschlüpft, konnten dann nicht
Jahrelang dazu gehören, bis er wieder zufällig mit ihm zusammentraf?
-- ja war es nicht sogar möglich, daß der Bursche, müde der Gefahr, in
den Staaten doch einmal gefangen zu werden, mit seinem Raube hinüber
nach Frankreich oder England, oder hinunter nach Texas oder Mexico ging?
Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen, und als er endlich
in einen wilden, unruhigen, fieberhaften Schlummer fiel, quälten ihn
tolle Träume noch mehr, als selbst das wachende Nachdenken es gethan.
Da fand er den Betrüger, wohin er trat, und überall äffte ihn die,
ihm unter den Händen wegschwindende Gestalt; zu Pferd wollte er ihn
verfolgen, und der Sattel rutschte ab -- das Pferd stürzte, riß sich
wieder auf und kam in Moorboden, in dem es stecken blieb; schießen
wollte er nach ihm, und sein Gewehr war nicht in Ordnung -- der Pfropfen
ging nicht in den Lauf hinunter, die Zündhütchen glitten ihm durch
die Finger, und als er endlich geladen hatte, versagte das Gewehr; zu
Schiff wollte er ihn verfolgen, und das flüchtige Dampfboot brauste und
schnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem sich der Bube zu retten
suchte, da plötzlich rannten sie auf eine Sandbank; das Dampfboot saß
fest, peitschte vergebens mit seinen Rädern die schäumende Fluth und in
weiter Ferne verlor er den Kahn, der den hohnlachenden Verbrecher trug,
aus den Augen -- zu Wagen war er hinter ihm drein und die Stränge
rissen, ein Rad brach, die Pferde stürzten -- sie kamen nicht von der
Stelle, und vor sich -- immer dicht vor sich mußte er das Hohnlachen des
Buben hören.
In Schweiß gebadet, und an allen Gliedern wie zerschlagen, wachte er
endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und verließ, wenngleich ihm der linke
Arm arg geschwollen war und sehr weh that, doch augenblicklich sein Lager,
wusch sich und zog sich an und schrieb dann, trotz seiner Aufregung
und seinen körperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Professor
Lobenstein, in denen er ihm seine Rückkunft von Deutschland meldete und
ihn bat, sich, wenn er ihm in _irgend etwas_ dienen könne, ohne Rückhalt
und vertrauungsvoll an ihn zu wenden. Den Brief übrigens behielt er noch
in seiner Brieftasche, erst den heutigen Tag und seinen Erfolg
abzuwarten, um seine Adresse sicher angeben zu können.
Die Sonne war indessen aufgegangen und er eilte jetzt, nach rasch
eingenommenem Frühstück, an die Dampfbootlandung hinunter, die dort
liegenden Boote zu besuchen und ihre Passagiere zu revidiren. Vergebens
aber kletterte er an Bord aller der Dampfer, deren Schornsteine rauchten,
in Cajüte wie Zwischendeck herum, kein bekanntes Gesicht traf er an,
und ob er sich gleich die Mühe nicht verdrießen ließ und _sämmtliche_
Privat-Cajütenthüren, eine nach der anderen, öffnete und hineinsah, fand
er doch nicht den Gesuchten.
Ein Paketschiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig; er ging an Bord
-- von Soldegg keine Spur, und Ledermann, den er abgeholt, und der den
besonderen Auftrag bekommen hatte, die Fährboote zu überwachen, schien
eben so erfolglos gesucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die Lüge
rasch ersonnen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen.
Um elf Uhr sollte nach Verabredung Ledermann, der von dem Staatsanwalt
einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher bekommen, Hopfgarten
wieder an der Dampfbootladung treffen, das Weitere dort zu berathen, und
dieser schoß indessen in fieberhafter Aufregung, mit dem schmerzenden
Arm in der Binde, hin und her an der Landung, nur erst einmal, und immer
vergebens, eine Spur des Gesuchten zu finden.
Über den Strom herüber von »Algier,« dem andern Ufer, kam ein großer
Dampfer herüber und legte an der Landung an. Vorn am Boilerdeck trug er
wie gewöhnlich ein kleines Schild, das unter dem Namen den Ort seiner
Bestimmung und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der:
_CHIKASAW_
für Little Rock.
Abfahrt _zehn_ Uhr!
Der Chikasaw hatte in Algier Fracht für Arkansas eingenommen und jetzt
an der New-Orleans-Landung noch einmal angelegt, etwaige Passagiere für
Arkansas, oder die dazwischenliegenden Plätze, die schon durch die
Zeitungen darauf aufmerksam gemacht waren, an Bord zu nehmen. Die Glocke
läutete dabei, rasche Abfahrt kündend, und der Rauch wirbelte dick und
schwarz in die reine klare Luft hinauf.
»_Nach Little Rock!_« -- Hopfgarten gab es ordentlich einen Stich
durch's Herz, als er den Namen las. Wenn Soldegg wirklich heute
beabsichtigte, New-Orleans zu verlassen, so war Nichts wahrscheinlicher,
als daß er wieder nach dem Westen gehen würde. Jedenfalls lag hier die
Möglichkeit, ihn zu finden, und sich den Hut tief in die Stirn ziehend,
daß an Bord, oben von der Cajüte aus, Niemand sein Gesicht erkennen
konnte, schritt er rasch über die schmale Planke an Deck und stieg auf
das Boilerdeck hinauf, die dort versammelten Passagiere zu mustern.
Henkel war nicht unter ihnen, aber noch die Möglichkeit nicht
ausgeschlossen, daß er vielleicht eben nur die wirkliche Abfahrt des
Bootes erwarten würde, an Bord zu gehn, und Hopfgarten beschloß,
jedenfalls, bis die Planken eingezogen würden, in der Cajüte zu bleiben.
Unruhig hier auf- und abgehend, hielt er sich fortwährend in der Nähe
des Boilerdecks, von wo aus er einen freien Blick über die Levée und
Landung hatte, und besonders die Planke des Bootes selber im Auge
behielt, ohne selber auffallend sichtbar zu sein. Es konnte dieses
Niemand, ungesehn von ihm, betreten.
Eine Menge Passagiere kamen, als die Glocke zum zweiten Mal läutete,
heran; Männer mit Koffern auf den Schultern und Hutschachteln in der
Hand, oder Reisesäcken unter dem Arm, Auswanderer von Deutschland, ihre
schweren, riesigen, hölzernen, buntbemalten Koffer zu zweien im Schweiß
ihres Angesichts, und in der Furcht zurückgelassen zu werden, über die
Levée schleifend -- die Frauen Kinder auf Rücken und Armen. Auch ein
Transport Altenburger Bauern, in ihrer Nationaltracht, schritt herunter
zum Boot, sich nach dem fernen Westen einzuschiffen, und die Amerikaner,
die fast alle Trachten der Welt zu sehn bekommen, und sich um keine groß
bekümmern, blieben stehn, sahen den Leuten nach, und lachten über die
wunderliche Kleidung.
Jetzt kam ein ganzer Trupp braun gekleideter Männer, mit breiträndigen
Hüten und weißen Halsbinden, von zwei Güterkarren begleitet, die
ihr Gepäck führten, die Levée nieder und auf das Boot zu. Es waren
jedenfalls Geistliche, und Hopfgarten wandte sich an den neben ihm
stehenden Clerk oder Buchhalter des Bootes mit der Frage, ob er wisse,
wer die Herren wären, und wohin sie in solcher Menge gingen.
»Ah blos Methodistenprediger,« lachte dieser -- »ein ganzer Schwarm, den
wir vor acht Tagen von Little Rock mit herunter gebracht haben. Es sind
meist Circuit-rider aus dem Westen, die hier zu einer protestantischen
Versammlung, wirksame Maasregeln gemeinschaftlich gegen den »Antichrist«
zu berathen, wie sie uns selber sagten, heruntergekommen sind, und jetzt
wieder auf ihre Posten zurückgehn. Es ist eine Vergnügungsreise für die
Herren, zu der sie vorher natürlich eine tüchtige »fromme Sammlung«
gemacht haben.«
Die Geistlichen, elf an der Zahl, kamen indeß an Bord und die
Boilerdeckstreppe herauf in die Cajüte. Hopfgarten blieb an der Thür
stehn, und sah sie einzeln neben sich vorübergehn. Es waren meist
ausdruckslose Gesichter, einzelne aber auch mit verschmitzten Augen, und
scharfgeschnittenen Zügen; der Deutsche hatte jedoch kein Interesse an
ihnen, und wollte seine Aufmerksamkeit eben wieder der Levée zuwenden,
als Einer der Geistlichen ihn mit einem langsamen, salbungsvollen
Kopfnicken grüßte, und an ihm vorbei die Cajüte betrat.
Hopfgarten sah ihn überrascht und verwundert an; der Mann trug allerdings
einen sehr anständigen, braunen, langen Rock von feinem Tuch, eine
schneeweiße Halsbinde, blank gewichste Stiefeln und einen breiträndigen,
schwarzen Filzhut, wie die Anderen, aber _das_ Gesicht war nicht zu
verkennen, und, wenn einmal gesehn, nicht wieder zu vergessen.
»Herr Maulbeere!« rief Hopfgarten, in diesem Augenblick selbst Henkel
vergessend, »träume ich denn oder wach ich -- sind Sie es, oder sind Sie
es nicht?«
»Mein lieber Herr von Hopfgarten,« sagte der Angeredete, dem wirklich
Verblüfften, mit einem milden Lächeln in dem glatt rasirten Gesicht,
die Hand reichend und feierlich schüttelnd, »es ist mir ein ungemein
wohlthuendes Gefühl, Sie nach so langer Trennung wieder einmal begrüßen
zu können -- ich habe in meinen Gebeten manches Mal recht freundlich
Ihrer gedacht.«
Hopfgarten blinzte mit den Augen, trat sich auf den Fuß und suchte sich
im Anfang wirklich erst ordentlich gewaltsam davon zu überzeugen, daß er
nicht träume, und mit wachenden Augen den schmutzigen Scheerenschleifer
Maulbeere, den Schnapsprediger von der Haidschnucke, solcher Art
ausgekrochen und als Schmetterling -- als Braunes Ordensband -- der
Gedanke kam ihm unwillkürlich -- in der sonnigen Luft herumflattern zu
sehn. Aber Maulbeere lebte und athmete, that auch Nichts, das Erstaunen
des vor ihm Stehenden zu beseitigen, sondern schien sich eher an dessen
Überraschung zu weiden.
»Aber wie, um Gottes Willen, kommen Sie in _diesen_ Rock, in _diese_
Gesellschaft?« rief er endlich, jede weitere Höflichkeit bei Seite
setzend, aus -- »ja, wenn mir Jemand des Himmels Einsturz --«
»Spotten Sie nicht, oder profaniren Sie nicht eine so heilige, ernste
Sache« -- unterbrach ihn aber Maulbeere schnell und fast ängstlich. »Daß
der Herr da oben« -- und er warf einen frommen Blick nach der Decke
hinauf, »_Wunder_ thut, brauche ich Ihnen, als gebildetem Mann, nicht
zu sagen. _Sein_ Geist hat mich erleuchtet -- Sein Hauch den Teufel
ausgeblasen, der in mir lebte und thätig war -- der Herr hat Gräuel an
den verkehrten Herzen, und Wohlgefallen an den Frommen -- der Gottlose
ist wie ein Wetter, das überhingeht, und nicht mehr ist, der Gerechte
aber bestehet ewiglich -- der Mund des Gerechten bringt Weisheit,
aber das Maul des Verkehrten wird ausgerottet -- rühme Dich nicht des
folgenden Tages, denn Du weißt nicht, was heute sich begeben mag.«
[Illustration Capitel 8]
»Aber wie ist es möglich gewesen, in der kurzen Zeit eine solche
Verwandlung --«
»Der Herr ist Allen gnädig,« sagte Maulbeere, mit einem zweiten frommen
Blick die Hände faltend, »und erbarmet sich aller seiner Werke -- des
Herrn Geist stieg auf seinen Knecht nieder in der Nacht des Unglaubens,
da Alles finster war, und siehe da, ein feines Lämplein wurde
aufgestellt in dem Tummelplatz des Satans, und sein helles, goldenes
Licht trieb die Sünde aus dem gereinigten Gefäß!«
Hopfgarten schüttelte immer noch, wie seinen Sinnen nicht recht trauend,
den Kopf. Die Gestalt vor ihm aber hatte Fleisch und Bein, und der
braune Rock so wenig, wie die schneeweiße, reine Binde ließen sich
wegleugnen.
Die übrigen Geistlichen hatten sich indeß in der Cajüte versammelt, ein
paar Minuten leise mitsammen geflüstert, und Einer von ihnen kam jetzt
wieder der Thüre zu, wo die Beiden standen und sagte mit einem milden,
lächelnden Blick:
»Der Bruder Mulberry wird freundlich von uns aufgefordert, an einem
stillen Dank, dem Höchsten für die glückliche Beendigung unserer frommen
Sendung zu bringen, Theil zu nehmen.«
Maulbeere neigte langsam sein Haupt, und sich dann wieder zu Hopfgarten
wendend, sagte er:
»Wir haben wohl das Vergnügen, mit Ihnen zusammen die Reise nach Little
Rock zu machen?«
»Nein, bester Herr Maulbeere, das thut mir wahrhaftig leid,« erwiederte
dieser -- »ich bin nur an Bord gekommen, Jemand zu suchen.«
»Das schmerzt mich in der That,« sagte Maulbeere, indem er in die Tasche
griff und ein kleines Paket Bücher und eine Visitenkarte herausnahm
-- »sollten Sie aber später einmal wieder in unser wildes, westliches
Land kommen, so wird es mich herzlich freuen, zu sehn, daß es Ihnen gut
geht -- diese Karte hier enthält meine Adresse -- und mich _glücklich_
machen, zu hören, daß auch Sie den _wahren_ Frieden in Gott gefunden,
und die Bahn des Heils betretend, den breiten, ebenen Weg verlassen
haben, der hinab zu Sünde und Verdammniß führt. Gott sei mit Ihnen -- er
erleuchte Sie -- er neige sein Antlitz über Sie, und gebe Ihnen seinen
Frieden -- Amen!«
Und mit einer halb segnenden, halb grüßenden Handbewegung gegen Herrn
von Hopfgarten, der Bücher und Karte fast unbewußt in der Hand behielt,
und dann ebenso in die Tasche steckte, drehte er sich langsam von ihm
ab, und schritt seinen Gefährten am andern Ende der Cajüte zu.
Ein neuer Trupp Fremder zog in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit
unseres Freundes auf sich, die Glocke läutete dabei zum dritten Male,
und das Boot machte Anstalt zur Abfahrt. Nirgends aber ließ sich eine
Gestalt erkennen, die der des Gesuchten auch nur im Entferntesten
geglichen hätte, obgleich Hopfgarten vollkommen darauf vorbereitet war,
das Gesicht Soldeggs durch Bart oder Brille vielleicht so viel als
möglich unkenntlich gemacht zu sehn. Mit dem Chikasaw beabsichtigte
dieser keinesfalls, den Strom hinaufzugehn, und er mußte zuletzt, als
die Planken und Taue eingeholt wurden und die Räder nach rückwärts an zu
arbeiten fingen, das Boot in den Strom hinauszuschieben, an Land
springen.
Auf seiner Uhr war es jetzt halb elf Uhr, und er ging, die Ankunft
Ledermann's hier verabredeter Maßen zu erwarten, indessen ungeduldig an
der Levée auf und ab. Seine rechte Hand in die Tasche schiebend, fühlte
er dort die vorher in Gedanken eingesteckten, ihm von Maulbeere
übergebenen Schriften, und nahm sie heraus, zu sehn, was sie enthielten.
Es waren natürlich Traktätchen. Das eine handelte über die Heiligkeit
des Sabbaths und die Gefahr der Sabbathschändung, mit einem
abschreckenden Beispiel, wie ein Knabe an einem Sonntag einmal den Fluß
befahren hatte und ertrunken war -- während Millionen Beispiele,
dasselbe Verbrechen jeden Sonntag verübend, glücklich abfuhren und eben
so landeten -- das andere über die Bibelvertheilung, und die übrigen
über das Missionswesen, und dessen dringende Nothwendigkeit; jedes am
Schlusse mit einer Bitte um die Unterstützung der frommen Männer, die in
die Wildniß, unter wilde Bestien und wildere Menschen zögen, und von
Wurzeln und Rinde lebten, das Evangelium zu predigen. Auf der Karte
stand:
#The Reverend Zachäus Mulberry.#
#Little Rock. Arks.#
Die Karte steckte Hopfgarten zum Andenken ein, die Bücher warf er fort.
Und Ledermann kam noch immer nicht -- es war schon fast drei Viertel auf
elf, und Hopfgarten ging wie auf Kohlen, in Angst und Ungewißheit, den
Strahlen der heißen Sonne ausgesetzt, an der Landung auf und ab.
»Gott der Gerechte, der Herr Baron,« redete ihn da plötzlich eine Stimme
an, und als er sich rasch danach umdrehte, stand ein Mann, augenscheinlich
ein Israelit, von dessen Gesicht Hopfgarten aber keine Ahnung hatte, in
einem dunklen, anständigen Rocke, mit einem kleinen Strohhute auf, vor
ihm, und machte ihm eine tiefe Verbeugung; der Mann mußte aber jedenfalls
sehn, daß ihn der Herr, den er angeredet hatte, nicht erkannte und er
fuhr lächelnd fort:
»Gottes Wunder -- hob' ich mich denn gar so sehr verändert, daß so an
lieber Herr anen alten Raisegesellschafter sollte vergessen haben.
Kennen Sie den Veitel Kochmer nicht mehr?«
»Veitel Kochmer? -- nein --«
»Kennt den Veitel Kochmer nicht mehr;« lachte der Alte, mit dem Kopf
dabei schüttelnd -- »den Mann mit der Holzharmonika, dem Sie an
Concertchen zusammengebracht haben an Bord, als an guter und
freundlicher Herr.«
»Veitel Kochmer,« rief Hopfgarten, sich jetzt des Namens entsinnend,
»ja Euch hätte ich allerdings nicht wieder erkannt -- Ihr seht ganz
anders aus -- tragt den langen Bart nicht mehr und den Kaftan -- es geht
Euch gut?«
»Gott soll gedankt sein, ja.«
»Und Euer Sohn --«
»Mai Sohn? -- wie haißt mai Sohn --« sagte der Mann, ungeduldig den Kopf
schüttelnd -- »das Jüngelche, was ich bei mer hatte, mit die hibsche
Stimme -- wenn's ane bessere Lunge und a schlechtere Stimme gehabt
hätte, lebt es _noch_.«
»Ihr habt ihn sich todt singen lassen,« sagte Hopfgarten ernst.
»_Ich_ hab' ihn sich todt singen lassen? -- wie haißt? -- soll sich die
Lunge beim Magen beschweren -- der Eine arbeitet mit die Händcher, der
Andere mit die Lunge, aber Alle arbeiten mer um ze leben, ze essen un
ze trinken, und an Rock auf dem Leib ze haben -- hob ich en nich acht
Wochen gepflegt, als _ob_ er mai Sohn gewesen wäre, und stirbt er mer
nich zuletzt wie zum Possen? -- Soll mer Gott helfen, als ich nich hob'
Schaden gehabt an dem Jüngelche. -- Aber Herr Baron -- kennten wir zwei
Beide nich a klanes Geschäftche zesammen machen; hob' ich was ganz
Extraes von gute Staincher, vor solch einen fürnehmen Herrn, wie der
Herr Baron.«
»Ich danke, lieber Kochmer, ich brauche Nichts in der Art,« sagte
Hopfgarten, wieder nach seiner Uhr sehend, »kann mich auch
augenblicklich gar nicht damit befassen -- haben Sie eine Uhr bei
sich?«
»Ja wohl, Herr Baron -- werd' ich ka Ürche haben, un a Staatsürche is
es,« fuhr er fort, eine goldene Cylinderuhr aus der Tasche nehmend,
»geht se doch um drei Minuten besser wie die Sonne -- s' ist gerade
sieben Minuten über dreiviertel auf elf -- kennten wir _damit_
vielleicht en Handelche machen?«
»Ich danke wirklich -- ich habe selber eine ganz gute Uhr und brauche
keine, wollte auch nur sehen ob die meinige richtig ginge.«
»Wenn Sie die Staincher emol sähen, würden Sie Appetit kriegen -- se
sain zum 'Reinbeißen,« fuhr aber Veitel, nicht so leicht abgewiesen, in
seinem Anpreisen der Juwelen fort, »hob ich die Musik doch jetzt ganz
an den Nagel gehängt un mich auf die Staincher gelegt. Wer die Sache
versteht ist's a solides, prächtiges Geschäftge hier in Amerika -- wenn
mer sai Zeit kann abpasse.« Und er nahm dabei ein kleines Etui aus
seiner Brusttasche, das er öffnete und dann, den Kopf schräg zur Seite
davon zurückhaltend, die Sonnenstrahlen auf die wirklich schönen Steine,
die in tausend Lichtern funkelten, wieder fallen ließ.
Hopfgarten hatte indessen die Levée auf und abgesehn, den so sehnlich
Erwarteten endlich irgendwo zu erspähen, aber vergebens; Ledermann ließ
sich nirgends blicken und der Zeiger seiner Uhr, den er ungeduldig und
ununterbrochen fragte, schien nicht von der Stelle zu rücken.
»Ich danke Euch Veitel -- ich brauche wirklich Nichts der Art,« sagte
er zerstreut, »trage weder Ringe noch Tuchnadeln, und muß hier im Lande
auf- und abreisen, wo man solche Sachen am allerwenigsten bei sich
führen kann.«
»Aber so sehn Sie nur emol die Pracht an,« drängte Veitel.
»Ja, sehr schön -- wirklich brillant,« sagte Hopfgarten, einen flüchtigen
Blick darauf werfend, und dann durch das Feuer derselben doch verlockt
sie aufmerksamer zu betrachten; »sehr schöne Steine in der That, aber
wie gesagt, Nichts für mich.«
»Und _das_ Stainche hier vor a Tuchnadel -- ah?« sagte Veitel, vor
Hopfgartens Augen ein Türquis in der Sonne blitzen lassend.
»Mensch, wo hast Du den Stein her?« rief aber Hopfgarten unwillkürlich
erschreckt aus, als sein Blick auf einen sehr schönen großen _dreieckigen_
Türquis fiel, den Veitel zwischen den Fingern hin und her drehte.
»Woher? -- Gottes Wunder!« rief der Jude erschreckt, »ehrlich gekauft,
soll mer Gott helfe.«
»Ich sage ja Nichts dagegen, Veitel,« rief Hopfgarten rasch, ihn zu
beruhigen, »gewiß ist er ehrlich gekauft, aber von wem? ich kenne den
Stein -- habe wenigstens von ihm, oder einem ganz ähnlichen gehört, ich
möchte gern --«
»Von wem? von em achtbaren, soliden Herrn, von em wahren Schentelmenn in
sein Handeln und Geschäftcher,« sagte Veitel, immer noch in der Meinung,
ein Verdacht ruhe auf ihm, »und wenn er nicht hait Morgen abgereist
wäre, kennten Se ihn selber fragen, Herr Baron -- ist en alter
Bekannter von Sie, noch vom Schiff her.«
»Heute Morgen abgereist? -- wohin Veitel?« sagte Hopfgarten, der sich
krampfhaft mit der rechten Hand in die Seite griff, nur um ruhig zu
bleiben und seine Aufregung nicht zu verrathen, »wer war es denn
eigentlich -- der -- der Doktor Hückler?«
»Gott soll bewahren, der Herr Henkel, und mit dem Schtiemer ist er fort
nach der Havanna.«
»Mit dem Postdampfer nach Havanna?« rief Hopfgarten, jetzt wirklich
_nicht_ mehr im Stande sich zu mäßigen -- und der ist heute Morgen
fort?«
»_Hait_ Morgen wird er fort sain,« sagte Veitel, »Gottes Wunder was is
jetzt dermehr?«
»Ledermann!« schrie da Hopfgarten, Veitel gar nicht mehr beachtend, den
Freund an, der eben jetzt, so lang schon herbeigewünscht, gerade über
die Levée herüber und auf Herrn von Hopfgarten zukam, »wann, um Gottes
Willen, geht der Havanna Steamer?«
»Die Cuba? -- um elf Uhr,« sagte dieser erstaunt.
»Großer Gott -- es muß gleich schlagen -- so ist er noch nicht fort?«
»Dort drüben können Sie ihn sehn,« sagte Ledermann, der von der hohen
Levée aus ein paar Momente mit den Augen in den Fluß hinein gesucht
hatte -- gerade zwischen den beiden ausgezackten Schornsteinen jenes
Bootes dort -- das große Dampfschiff, aus dem der Rauch so dick
aufsteigt.«
»Henkel ist an Bord!« war Alles was Hopfgarten herausbringen konnte,
»großer Gott, daß wir nicht an das Havanna-Schiff gedacht.«
»Gott der Gerechte!« rief Veitel, seine Steine einsteckend und in
Verwunderung die Hände zusammenschlagend, »was han Se uf amol vor a Eil;
wird der Herr Henkel doch wiederkommen in vier oder fünf Woche, wie er
mer hot gesagt.«
»Noch ist es vielleicht Zeit,« rief aber Ledermann, der indeß rasch das
Terrain überschaut hatte; »_so_ pünktlich gehen die Dampfer nicht ab;
einzelne Passagiere zögern immer etwas länger am Ufer, oder der Capitain
kann auch seine Geschäfte nicht so rasch besorgen. Dort fährt ein Cab
-- gegenüber dem Dampfer nehmen wir ein Boot, und einmal von den Schiffen
frei, daß sie an Bord unser Tücherschwenken sehen können, und wir kommen
noch zur rechten Zeit.«
»Veitel!« rief Hopfgarten, sich rasch nach diesem umdrehend, »kommt
morgen früh zu mir in das St. Charles Hotel -- verstanden? -- bringt
Euere Steine mit -- und nun fort Ledermann, fort!« und diesem voran
laufend winkte er schon von weitem dem kleinen einspannigen Cabriolet
zu, dessen Kutscher, Passagiere suchend, langsam die Levée an der
Dampfbootlandung hinabfuhr. Der Mann zügelte sein Pferd ein und
Hopfgarten bot ihm einen Dollar, wenn er sie so rasch das Pferd laufen
könne dem Havanna Steamer gegenüber die Straße niederführe.
»Halt, dort geht ein Constable!« rief ihm aber Ledermann zu, »den nehmen
wir mit.«
»Kann nicht drei Passagiere fahren, Sir,« sagte der Kutscher.
»Du bekommst einen Dollar für jeden, wenn Du uns rasch an Ort und Stelle
bringst!« rief der Deutsche, dem Angst und Aufregung fast die Sprache zu
nehmen drohte. Ledermann lief indessen, so rasch ihn seine langen Füße
trugen, und sehr zum Ergötzen der ihm Begegnenden, der nächsten Straßenecke
zu, an der er einen ihm bekannten Constable erspäht hatte. Wenige Worte
genügten, diesen mit Allem bekannt zu machen was Noth that, und zwei
Minuten später galopirte das eben nicht sehr kräftige Pferd, von der
wacker geführten Peitsche seines Herrn getrieben, in flüchtigen Sätzen
die Straße nieder. Unterwegs unterrichtete der Constable diesen dabei,
dem großen Dampfschiff gegenüber, das sie jetzt deutlich erkennen
konnten, anzuhalten, wo er Miethboote wüßte.
»Ay ay Sir!« sagte der Mann, und hieb stärker auf sein Pferd, »kommen
noch zurecht, wenn mein alter Jack nicht bis dahin zusammenbricht.« Das
Pferd hielt sich aber wacker, und plötzlich gegen die Levée anfahrend,
denn den Wasserrand konnten sie von da aus, des hochaufgeworfenen Dammes
wegen nicht sehen, hielt er an.
»Boot Sir? -- Boot für den Steamer?« riefen ihnen hier schon vier, fünf
Bootsleute zu gleicher Zeit entgegen, die sich herbeidrängten, die
geglaubten Passagiere nach dem Dampfschiff zu bringen; dieses konnte
seines Tiefgangs wegen hier nicht dicht am Ufer anlanden, und mußte ein
Stück draußen im Strom vor Anker liegen; »höchste Zeit, Gentlemen, aber
wir bringen Sie hinüber.«
»Fünf Dollar, wenn wir zur rechten Zeit kommen.«
»Hier Sir! hier ist ein Boot das es thun kann!« schrie Einer Hopfgarten
am Arm ergreifend.
»Mit dem alten Kasten kommst Du nicht vor Abend hinüber,« überschrie ihn
ein Anderer, »_meins_ ist der Clipper, Gentlemen, der über das Wasser
fliegt.«
Der Constable hatte indessen von der Levée aus mit einem Kennerblick die
Boote rasch übersehen, und den beiden Fremden winkend ihm zu folgen,
sprang er in das, was ihm am tüchtigsten schien, hinein, und hinten an
das Steuer. Die beiden Bootsleute, die dazu gehörten, nahmen mit einem
Hohnlachen über die besiegten Gefährten ihre Sitze ein, und wenige
Sekunden später schoß das scharfe, wackere Boot, die gelbe Fluth zu
beiden Seiten in Schaum hinauswerfend, zischend und spritzend über den
breiten Strom dem Dampfer zu.
»Wir kommen wahrhaftig zu spät!« rief Hopfgarten in Todesangst mit der
rechten Hand sein Tuch schwenkend, »dort pufft das Schiff schon seinen
Dampf aus, und die Räder fangen an zu arbeiten.«
»Nur keine Furcht Sir,« sagte der eine der Bootsleute, der einen Blick
über seine Schulter weg nach dem näher und näher rückenden Fahrzeug
warf, »sie arbeiten nur gegen die Strömung langsam an, den Anker
heraufzuheben; die Kette ist noch unten.«
»Er hat recht,« rief aber auch der Constable jetzt, »die Kette ist noch
aus und wir kommen zur rechten Zeit.«
»Gott sei Dank,« sagte Hopfgarten leise, aber tief aufseufzend vor sich
hin, und von dem Augenblick an schien es, als ob jede Unruhe, jedes
Schwanken von ihm genommen sei. Ruhig ein Bein über das andere gelegt,
beobachtete er ihre Annäherung an das keuchende, gewaltige Dampfschiff,
und überflog mit seinem Blick nur manchmal rasch und forschend das
aufgebaute Quarterdeck des Fahrzeugs, zwischen den dort auf- und
abgehenden Passagieren den Gesuchten herauszufinden; aber er bemühte
sich nicht mehr sein Gesicht zu verbergen -- der Verbrecher konnte ihm
nicht mehr entgehen.
An Bord traten jetzt ein paar Mann, das nahende Boot bemerkend, oben an
die noch aushängenden Fallreeps; der eine von diesen hielt ein dünnes
zusammengerolltes Tau in der Hand, und warf es dem einen der Bootsleute
zu, der es durch den Ring vorn zog und um die vordere Queerbank
schlug. Im nächsten Augenblick lag das kleine schwanke Boot, auf
den kurzen Wellen tanzend, die das Starbordrad schlug, dicht an die
steilaufsteigende Seitenwand des mächtigen Fahrzeugs an, und der
Constable rief hinan:
»Ein Tau hier herunter, Boys, für den Gentleman; er hat einen kranken
Arm und kann sich nicht halten.«
Wenige Secunden später war dem Rufe Folge geleistet; der Constable legte
das Seil um Herrn von Hopfgartens Mitte, und während die Matrosen oben
langsam anzogen und ihn dadurch stützten, lief derselbe rasch an der
steil niederhängenden Fallreepstreppe auf.
»Danke -- danke herzlich,« sagte dieser, während sein Blick an dem
Quarterdeck hing; aber auch dort sah er nicht den, den er suchte, und
sich an den Steuermann des Schiffs wendend, der seine Leute eben gefragt
hatte, ob der Herren _Gepäck_ schon an Bord sei, bat er diesen ihm zu
sagen wo er den _Clerk_ der Cuba fände.
»Dort oben, Sir -- an der Starbordtreppe; der mit dem Panama-Hut auf,
Sir, und dem kleinen Buch in der Hand.«
»Sie wünschen Plätze in der Cajüte, Sir?« frug ihn dieser freundlich,
»der Steward soll Ihnen gleich Ihre #staterooms# anweisen.«
»Bitte, mein Herr,« sagte Hopfgarten, dem seine beiden Begleiter auf dem
Fuße folgten, »können Sie mir nicht Auskunft geben, ob ein gewisser
_Soldegg_ an Bord ist?«
»Soldegg? -- Soldegg?« sagte der Clerk nachdenkend sind dabei sein
kleines Buch öffnend, eine dort eingetragene Liste mit den Augen
überfliegend, »ist noch nicht notirt, Sir.«
»Oder Henkel?«
»Ebenfalls nicht,« lautete die Antwort, nach kurzer Pause.
»Oder Holwich?«
»Keiner der drei Herren; aber es sind einige Gentlemen erst in der
letzten halben Stunde an Bord gekommen, deren Namen ich noch nicht
eingeschrieben habe. Sie werden unterwegs Zeit genug bekommen deren
Bekanntschaft zu machen; soll ich Ihnen indessen --«
»Bitte, mein Herr, mein Besuch ist anderer Art,« sagte Hopfgarten ruhig;
»ich habe einen Verhaftsbefehl mit gegen einen gefährlichen Verbrecher,
und ich glaube, ja ich weiß ihn an Bord.«
»Oh wenn das ist,« lachte der Clerk, »dann hat der Herr auch vielleicht
einen andern Namen angegeben; nichts leichter als das. Wohl ein Constable,
der eine der Herren?« -- dieser nickte mit dem Kopf -- »#well#, dann
bemühen Sie sich nur gefälligst selber in die Cajüte hinunter, und sehn
Sie sich dort um; ich werde es indessen dem Capitain melden, und Ordre
geben, daß das Schiff nicht unterwegs geht.«
Hopfgarten blieb einen Augenblick stehn, Athem zu holen, so preßte ihm
die Aufregung dieses Momentes Brust und Herz zusammen, äußerlich aber
war er vollkommen ruhig, und Ledermann und den Constable bittend, ihn
vorangehn zu lassen, und erst nach ein paar Minuten zu folgen, stieg er
mit festen, ruhigen Schritten die Quarterdeckstreppe hinauf, und die
breiten Mahagonystufen, die von da in die untere Cajüte führten, wieder
hinunter, und öffnete, von dem Steuermann begleitet, dem der Clerk ein
paar Worte über den Zweck dieses Besuches zugeflüstert, die Thür der
Cajüte, in der einige zwanzig Passagiere in den verschiedensten
Stellungen umhersaßen und standen, und ziemlich ruhig die nahe Abfahrt
des Dampfers, dessen Maschine schon unter ihnen arbeitete, zu erwarten
schienen.
Aber Hopfgarten sah nur _Einen_ von allen diesen; auf dem mittleren
Sopha, das eine Bein behaglich über das andere gelegt, und neben sich
auf einem kleinen Tisch eine Flasche mit Rothwein und ein Gefäß mit
großen, klaren Eisstücken, ein Buch in der Hand, in dem er nachlässig
blätterte, lag _Henkel_ und schien so sorglos und unbekümmert die
Abfahrt des Bootes zu erwarten, so sicher seiner Umgebung zu sein, daß
er nicht einmal aufsah, als Hopfgarten langsam auf ihn zuging, bis
dieser neben seinem Tische stehn blieb und Henkel jetzt, mit einem
leisen Schrei der Überraschung emporfahrend, ganz plötzlich seinen alten
Reisegefährten neben sich erkannte.
»Alle Wetter! Herr von Hopfgarten,« sagte er aber, sich rasch sammelnd;
»das ist ein prächtiges Zusammentreffen, und wir sind auf's Neue
Reisegefährten? -- Schade, daß Frau von Kaulitz nicht da ist, für den
dritten _Mann_.«
»Wir bekommen noch Gesellschaft,« sagte Hopfgarten, sich ruhig umsehend
und den jetzt eben eintretenden Ledermann heranwinkend -- »Herr Henkel
oder Soldegg oder Holwich -- ich weiß nicht unter welchem Namen Sie
jetzt reisen -- ich habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzustellen,
der eine weite Reise im Auftrag seiner Regierung gemacht hat, nur das
Vergnügen Ihrer werthen Begleitung zu haben.«
»Was soll das? -- was wollen Sie von mir?« sagte Henkel finster, sich aber
doch leicht entfärbend, als er den Aktuar von Heilingen plötzlich hier
erkannte. Einen forschenden, unruhigen Blick warf er dabei in der Cajüte
umher, der indeß weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an
die Bar getreten war, und der Constable, der Gruppe die Seite zudrehend,
eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu den Passagieren gehörte
-- »ich bin gerade nicht aufgelegt zu scherzen, sonst könnte ich Ihnen
vielleicht wieder meinen -- Zwillingsbruder schicken, sich mit dem
abzufinden.«
»Herr Henkel,« sagte Ledermann ruhig -- »wir haben ein Boot unten
liegen, und ersuchen Sie, uns gutwillig und ohne weiteres Aufsehn zu
erregen, da hinein zu folgen, das Weitere werden wir an Land abmachen.
So viel genüge Ihnen zu wissen, daß wir autorisirt sind, in dieser Weise
zu handeln -- ich habe einen Verhaftsbefehl für Sie in der Tasche.«
»Haho!« rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Größe der über ihn
hereinbrechenden Gefahr klar wurde -- »Herr von Hopfgarten will
sich revangiren -- hahaha -- aber die Herren haben sich verrechnet
-- _lebendig_ bekommen sie mich nicht -- und überdieß -- wer giebt
Ihnen das Recht, mich hier verhaften zu wollen?« Seine rechte Hand glitt
dabei rasch und verstohlen unter die Weste, die Bewegung aber war
dem Constable, der ihn indessen scharf und aufmerksam von der Seite
beobachtet hatte, nicht entgangen, und seinen Rock zurückwerfend, unter
dem er sein Polizeizeichen trug, ging er auf den wild und drohend zu ihm
aufblickenden Verbrecher zu und wollte, mit den Worten: »#You are my
prisoner!#«[5], die Hand auf dessen Schulter legen, als Henkel, unter
dem Arm fortgleitend, einen Schritt zurücksprang; mit der rechten aber
zu gleicher Zeit ein mächtiges, blitzendes Bowiemesser aus der Weste
riß, und mit wildem, höhnischen Lachen schrie:
»Lebend nicht -- Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke Pastetenfleisch
aus Euch!« Zu gleicher Zeit führte er einen Hieb nach dem Constable, dem
dieser nur durch ein jähes Zurseitespringen entgehn konnte, und warf
sich auf Hopfgarten, wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieser aber,
ohne einen Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen,
und bereitete sich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, etwas
Ähnliches schon lange erwartend, ohne sich aber selber zwischen die
gehobenen Messer hineinzuwagen, einen Stuhl aufgriff und Henkel so
geschickt vor die Füße schleuderte, daß dieser im vollen Wurf darüber
hinflog.
»Brav gemacht!« schrie der Constable, der indeß einen Revolver aus
seinem Gürtel gerissen hatte, Gewalt mit Gewalt zu begegnen -- »jetzt
bekommen wir den Burschen lebendig.« Und um den Stuhl flog er herum,
zwischen die Thür und den Gefangenen zu kommen, und diesem den Weg
abzuschneiden. Henkel aber, zum Äußersten getrieben und recht gut
wissend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde fiel,
schnellte im Nu, sein Messer noch fest im Griff haltend, vom Boden
wieder auf und sprang gegen die Thür an, von der fort die zufällig
dort herabkommenden Passagiere, vor der drohenden Gestalt mit der
geschwungenen Waffe scheu zur Seite stoben.
»Halt!« schrie der Constable, »im Namen des Gesetzes!«
Henkel hatte die Thür erreicht und stieß sie vor sich auf, als ein
scharfer Knall, und gleich darauf weißer Pulverrauch den Raum füllte
-- ein wilder Schrei und eine blutende, todtenbleiche Gestalt, der die
blanke Waffe entfiel und klirrend die Stufen zurückrollte, taumelte die
Treppe hinauf an Deck, zwischen die entsetzten Passagiere.
»#You are my prisoner Sir!#« schrie der Constable, den Flüchtling
einholend und an der Schulter fassend.
»#Ready for hell!#«[6] stöhnte dieser, ließ die Arme sinken, drehte sich
einmal im Kreise herum und brach, wo er stand, zusammen.
»_Den_ Passagier könnt Ihr von der Liste streichen, Clerk,« sagte der
Steuermann ruhig zu diesem, als er an Deck kam -- »steht bei hier,
Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's Boot hinunter, und zwei von
Euch waschen die Flecken hier weg und die Treppe rein. Marsch mit Euch
und ein Bischen schnell -- ist der Anker auf?«
»Alles klar, Sir!«
»Gut, in fünf Minuten müssen wir unterwegs sein -- die Herren mögen die
Geschichte dann selber an Land ausmachen.«
Hopfgarten stand neben der Leiche und sah tief aufseufzend in die
bleichen Züge, in die stieren zu ihm aufgedrehten Augen -- aber er
sprach kein Wort; nur das Messer, das er noch offen in der Hand trug,
barg er wieder in der Scheide, und einen kleinen weißen Handschuh aus
seiner Brust nehmend, bog er sich nieder, und netzte das zarte
schneeige Leder mit dem quellenden Blut des Gerichteten.
Zwei Matrosen faßten die Leiche jetzt auf und trugen sie zu der
Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen standen und sie hinunter
ließen; der Constable hatte sich indessen vom Clerk das Gepäck, das
dem Gericht verfallen war, ausliefern lassen.
»Hallo, da kommt noch ein Passagier!« rief der eine Bootsmann, als die
Seeleute die Leiche rasch nach unten viehrten -- »dacht' es mir beinah,
wie ich den Schuß hörte.«
»Hast eine gute Nase, Kamerad,« rief Einer der Matrosen nieder, »das
aber da ist nur Ballast; schlagt die Taue los!«
Die Koffer folgten dem Körper, und diesen die Passagiere -- oben läutete
die Glocke, die Räder rauschten und peitschten den gelben Schaum zu
wirbelnden Wellen auf -- stromauf arbeitete das gewaltige Schiff, einen
weiten Bogen beschreibend in der kochenden, zischenden Fluth, und
während es sich stromab wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten
Staaten lustig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit seiner
traurigen Last langsam dem Lande wieder zu.
Capitel 9.
Das Haus im Walde.
Wieder keimten und sproßten die Blumen im lieben deutschen Vaterland;
die Wiesen hatten sich mit frischem Grün gedeckt, im Wald rauschte
und flüsterte der Wind gar so traulich und heimlich durch die jungen,
saftigen Blätter, und schaukelte die langen, duftenden Zweige der Birke,
und trug die wirbelnde Lerche hoch in die blaue, sonnige Luft hinein.
Wie das draußen in den Feldern so regsam schaffte und arbeitete; wie
die Heerden so fröhlich blökten, die wieder hinaus durften in die warme,
sommerliche Flur; wie die Schwalben -- die lieben, lieben Schwalben
so froh durch den Äther strichen und die Störche, von den Kindern mit
scheuer Ehrfurcht betrachtet, klappernd und von ihren Reisen erzählend,
auf den Dächern standen, oder langsam über die feuchten Wiesenflächen
schritten, alte Jagdgründe zu revidiren.
[Illustration: Capitel 9]
Wie das zwitscherte und klang und sang und schmetterte in dem weiten,
lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit seinem Glanz und Jubel
füllte, jeder Ton ein Loblied dem Herrn, jedes grüne Blatt, jeder
duftende Kelch, jeder Thautropfen am schwankenden Halm, ein Dankesopfer
seiner Allmacht und Güte. Oh wie sich auch die Menschenbrust da so froh
und fröhlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt, und hinauf
möchte, höher und höher hinauf, der steigenden Lerche nach, die mit
zitterndem Flügelschlag, ein lebendiges Bild der Lust und Wonne, dort
oben steht und betet. Wie es da stammelnd danken und preisen möchte auch
in _seiner_ Weise, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet für die
Seligkeit, die in ihm glüht und lebt, und seine Adern füllt, und deren
Wiederglanz nur in der Thräne zittert, die heiß und doch so lindernd da
in's Auge steigt.
Der Winter war vorbei -- die Natur erwacht, und Gottes Odem wehte,
ein Segen, über das weite, wundervolle Land, Luft und Frieden in der
Menschen Herzen gießend -- aber nicht in alle. -- Den schmalen Pfad der,
das Dorf Waldenhayn umgehend, nach dem dunklen, die Hügel deckenden
Kieferwald hinaufführte, schritt eine schlanke, bleiche Frau, einsam und
allein; sie sah krank und hülfsbedürftig aus, und die bloßen, wegwunden
Füße ließen hie und da in den Spuren Blutflecken zurück, wo ein scharfer
Stein sie verletzt; der Straßenstaub deckte dabei ihr Gewand, und die
weiße, fast durchsichtige Hand klammerte sich fest und wie krampfhaft an
den rohen Eichenstock, der ihr zur Stütze diente.
Neben ihr auf stieg wirbelnd die Lerche, und im Korn lockte das Rebhuhn
und die Wachtel; -- sie blieb stehn und horchte dem Laut, aber nicht vom
Boden nahm sie den Blick, schauderte zusammen, als ob selbst diese süßen
Töne nur furchtbare Erinnerungen für sie hätten, und schritt langem
weiter ihre stille Bahn, dem Walde zu.
Nur einmal blieb sie noch stehn, und zitterte, und wäre fast in die Knie
gesunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken- und Weidenbüschen verdeckt,
ein kleines, einsam gelegenes, ödes Häuschen, mit halb geöffneter Thür
und ausgebrochenen Fenstern sichtbar wurde; aber wie gewaltsam raffte
sie sich zusammen, faßte ihren Stab fester und schritt auf das niedere,
verlassene Gebäude zu.
Als sie die Schwelle erreichte, läuteten unten die Glocken den
Nachmittagsgottesdienst aus, und als ob _die_ Töne sie mit furchtbarer,
unwiderstehlicher Gewalt getroffen, brach sie zusammen in die Knie, und
lag lange Minuten wie betend da. Dann erhob sie sich langsam wieder,
warf noch einen scheuen Blick über das, unten das kleine Thal füllende
Dorf, und verschwand dann in dem dunklen Raum der Hütte.
* * * * *
Unten im Dorf läuteten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst aus, und
der würdige Pastor Donner, dessen Haar die letzten drei Winter doch um
ein Bedeutendes gebleicht, kam freundlich, rechts und links die noch vor
der Kirche stehenden Kinder und Gemeindemitglieder grüßend, die ihn, mit
dem Hut in der Hand, vorbeiließen, seiner kleinen Wohnung, dem duftigen,
schattigen Garten zu, wo ihn zu dieser Zeit der Nachmittagskaffee in der
blühenden Fliederlaube erwartete. Aber mehr als das harrte heute sein.
»Vater -- lieber Vater!« jubelten ihm die Kinder entgegen, Blätter
Papier hoch und jauchzend empor haltend -- »Brief von Georg ist gekommen
-- Brief vom Bruder Georg; er kommt herüber in ein oder zwei Jahren mit
seiner _Frau_! -- er hat geheirathet, Vater -- Bruder Georg hat
geheirathet und es geht ihm gut!«
Der Pastor blieb stehn, und als die Kinder auf ihn zugesprungen kamen
und ihm in ihrer frohen Kindeslust den Brief entgegen hielten, bog er
sich zu ihnen nieder und küßte sie, aber die Mutter folgte ihnen, und
barg ihr Haupt an des Gatten Brust. Sie hatte sprechen -- erzählen
-- mit den Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte sie jetzt vor
Thränen über die Lippen -- aber es waren _Freudenthränen_.
»Georg hat geheirathet!« jubelte Fritz dabei, der jüngste Sohn, den
Brief in der Hand schwenkend, und um die Anderen herumspringend -- »ich
bin jetzt ein _Schwager_ geworden, und Du, Louise und Du Trinchen, Ihr
seid Schwägerinnen -- hurrah, Bruder Georg soll leben!«
»Und es geht ihm gut?« flüsterte der Pastor, der Gattin an ihn gelehnte
Stirn wieder und wieder küssend.
»Gut -- recht, recht gut, Gott sei ewig gelobt und gedankt,« schluchzte
die Frau -- »da, lies nur selbst -- ich habe vor Thränen nicht weiter
lesen können.«
Auch Louise, die ältere Tochter, kam mit ihrem Bräutigam, einem jungen
Geistlichen aus Heilingen, dem Vater freudestrahlenden Auges entgegen,
und während die Glocken von dem alten Thurm noch klangen und tönten,
und den tiefen harmonischen Laut weit aus über das stille Dorf und an
die sonnbeschienenen Hänge der blühenden Hügel sandten, saßen die
glücklichen guten Menschen in der duftenden Laube, und horchten der
lieben, lieben Botschaft des fernen Bruders und Sohnes, der ihnen Grüße
und Küsse weit über das Meer herübergesandt, und ihre Herzen mit Glück
und Wonne und Dank, heißem Dank gegen den Höchsten erfüllt hatte.
-- -- »Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie vermählt,
und der glücklichste Mensch unter der Sonne. In den angenehmsten
Familienverhältnissen dabei, hat sich unsere Farm, die mein Schwiegervater
schon im Begriff war um ein Spottgeld zu verschleudern, auf eine ganz
unerwartete und kaum geahnte Weise verwerthet, denn ich habe beim Graben
eines Brunnens, in der Nähe einer neu errichteten Mühle, selber ein
_Kohlen_lager entdeckt, das, wenn auch noch nicht für den Augenblick,
doch für die Zukunft einen bedeutenden Ertrag verspricht. Ein Amerikaner
hat mir schon für die Bearbeitung eine sehr bedeutende Summe baar geboten,
aber ich zögere noch sie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen
Willen, und durch einige glückliche Kuren in den Ruf eines geschickten
Arztes gekommen, und da sich unsere Gegend, durch die Unmasse der hier
eintreffenden Einwanderer, sehr belebt, bleibt mir schon gegenwärtig
kaum mehr Zeit, meinen ländlichen Arbeiten so obzuliegen, wie ich es
eigentlich wünschte -- -- -- --«
-- »Noch eine andere Nachricht aus unserer Familie, die auch Euch
interessiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine Schwägerin Anna,
die ältere Schwester Mariens und ein sehr liebes, braves Mädchen, hat
ganz unerwarteter Weise einen Heirathsantrag aus Deutschland und zwar
aus Heilingen, von dem frühern Kürschnermeister Kellmann bekommen.
Kellmann ist, so weit ich ihn kenne, ein braver, rechtschaffener Mann
und Anna scheint ihm auch gut zu sein. Er hat geschrieben, wenn sie ihm
ein freundliches Ja schicke, wolle er ungesäumt herüberkommen -- ich
denke, wir werden ihn wohl nächstens hier sehn -- -- -- --«
-- »Der Rosensenker von Mutters Strauch vor dem Fenster, den mir Louise
noch an jenem schmerzlichen Abend der Trennung gegeben, hat den
Ehrenplatz in unserm freundlichen Garten, und grünt und blüht, daß es
eine Lust und Freude ist, -- die einliegende Knospe hat er getragen. Oh,
wie mich der Blüthenstock an Euch erinnert; ich habe ihn so lieb, und
doch treten mir jedes Mal Thränen in die Augen, wenn ich ihn ansehe.
Meine Marie pflegt ihn selber; sie wird _Euch_ auch gefallen. Hat sich
das Geschäft mit dem Kohlenlager erst geordnet, und sich dasselbe so
einträglich erwiesen, wie ich es jetzt wirklich glauben muß, dann komme
ich mit ihr hinüber, Euch zu besuchen. Lieber Gott, es ist ja doch unser
Aller Wunsch, später einmal wieder nach Deutschland zurückkehren und
dort unsere Tage beschließen zu können. -- -- -- --«
Unten am Brief in einer Nachschrift stand:
-- »Über den Steffen, der bei uns der schwarze Steffen hieß, und von dem
ich Euch schon früher schrieb, wie ich mit ihm zusammengekommen, habe
ich nichts Näheres erfahren können. Auch seine Frau, die sich von ihm
getrennt hatte, ist aus dem kleinen Städtchen, wo sie die letzte Zeit
still und fleißig, und mit keinem Menschen verkehrend, gearbeitet hatte,
spurlos verschwunden; Amerika ist zu groß, solche Leute im Auge behalten
zu können. --«
»Du guter, barmherziger Gott,« sagte die Frau Pastorin, seufzend die
Hände faltend, »ich begreife, wie schlechte Menschen einen Anderen
aus Geldgier oder Rache, oder sonst in böser, sündhafter Leidenschaft
_morden_ können, aber daß Eltern im Stande sein sollen, ihre _Kinder_
auf solche Art zu verlassen, begreife ich _nicht_. Das unvernünftige
_Thier_ thut das ja nicht, sorgt für seine Jungen, und vertheidigt sie
in Gefahr, und der _Mensch_ soll schlechter sein, als das Thier?«
»Für die Kinder war es ein Glück,« sagte der Pastor, seufzend mit dem
Kopfe nickend -- »_was_ hätten sie von solchen Eltern gelernt, _wie_
wären sie von ihnen erzogen worden, und jetzt sind sie bei guten
Menschen untergebracht und versorgt.«
Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in diesem Augenblick athemlos an den
Garten gerannt, rissen die Mützen vom Kopfe, und schauten mit den roth
erhitzten, dicken, gutmüthigen, jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas
sehr erregten Gesichtern durch die Gitterthür hinein, wo der Geistliche
saß.
»Was wollt Ihr, Kinder?« sagte dieser freundlich, indem er von seinem
Sitze aufstand und auf sie zuging.
»Oben am Berge spukt's!« rief aber der Eine von ihnen, in aller Eile
und Geschäftigkeit ganz den sonst gewiß nicht versäumten Gruß vergeßend
-- »am schwarzen Steffen seinem Hause geht's um!«
»Am Hause des schwarzen Steffen?« rief Pastor Donner, erstaunt den Platz
gerade jetzt, wo sie sich selber damit beschäftigt, genannt zu hören
-- »wer hat Euch den Unsinn weiß gemacht?«
»Ne, wahrhaftig,« rief der Andere betheuernd aus -- »Hollebens Liese und
Gutegrunds Annamarie haben den Geist von der »stolzen Jule« gesehn, der
oben herumgeflogen ist.«
Nur mit Mühe bekam der jetzt aufmerksam werdende Geistliche heraus, daß
zwei Mädchen aus dem Dorfe oben am Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade
gegenüber liegenden Hang gewesen waren, Blumen zu suchen, und an der,
von den Dorfbewohnern ängstlich gemiedenen Hütte des schwarzen Steffen
eine Gestalt gesehen hätten, von der sie erklärten, daß sie der Geist
der »stolzen Jule« sei. Sie habe keine Ruhe im Grabe, und ginge dort an
der Stelle um, wo sie ein Verbrechen begangen, für das wir in der sonst
so reichen deutschen Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die Hütte
lag auch noch, gefürchtet und gescheut, unberührt so, wie man die Kinder
damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und dem besten
Hausgeräth herausgenommen hatte, und die Leute in den Spinnstuben
erzählten sich Abends schauerliche Geschichten von dem Ort.
Pastor Donner schüttelte ungläubig den Kopf zu der Erzählung, Andere
aber aus dem Dorf kamen nach, und der Schultze, der von den jungen
Mädchen selber den Bericht gehört, den sie mit bleichen Wangen und
zitternden Lippen in's Dorf getragen, folgte den Übrigen, bestätigte dem
Herrn Pastor, was sich die Leute erzählten, und bat ihn, mit ihm hinauf
zu gehn nach dem alten Hause, das Gerücht zu widerlegen, das sonst leicht
mehr Nahrung gewann und von dem abergläubischen Volke ausgeschmückt
wurde, oder sich zu überzeugen, was Wahres an der Sache sei.
Die Frau Pastorin wollte mit den Kindern ihren Mann begleiten, er bat
sie aber, zurückzubleiben, und schritt dann, seine Amtstracht ablegend
und Hut und Stock nehmend, an der Seite des Schultzen durch das Dorf
hin, den kleinen, mit Unkraut überwucherten und fast verwachsenen
Pfad hinauf, der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Waldenhayn
entfernten Gebäude führte. Eine Menge der Dorfbewohner schloß sich ihnen
unterwegs an, sie zu begleiten.
Als sie den Platz erreichten, war Alles todtenstill; nur hie und da
zwitscherten die Vögel in den Zweigen, und auf dem alten Eichbaum neben
dem Haus saß ein Rabe, drehte, als er die Menschen auf sich zukommen
sah, den Kopf scheu nach rechts und links hinüber, und strich dann mit
seinem tief und unheimlich krächzenden »_krah -- krah_« -- von dem
Zweige ab, auf dem er gestanden, dem Holze zu!
»Das war sie -- das war sie!« flüsterten die Frauen untereinander,
indeß sie sich näher zusammendrückten, und scheu nach dem schwarzen
Galgenvogel hinüberschauten, »jetzt werden sie Nichts mehr finden; die
ist fort, und in der Nacht kommt sie wieder und sitzt dort auf dem alten
Dach. Ich gehe nicht weiter mit -- ich auch nicht -- Gott soll mich
bewahren vor _der_ Stelle, die ewiglich verflucht ist.« rief eine andere
Frau. »Man sollte Feuer anlegen und das Nest von der Erde vertilgen,«
sagte Einer der Männer dann, »_ich_ wenigstens möchte nicht einmal einen
von den Balken in meinem Ofen brennen.«
»Die Thür steht offen, daß sie immer recht bequem aus und ein können,«
flüsterte wieder eine Andere, »huh, wie mag's da drinnen um Mitternacht
zugehn -- der Schornstein sieht auch nicht umsonst so gelb und schweflig
aus, und unsere Annakathrine hat neulich die Irrlichter hier oben wie
toll herumtanzen sehen.«
Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als sie den kleinen freien
Platz vor dem Haus erreichten, scheu an dessen Grenze stehn, und nur
Pastor Donner schritt, von dem Schultzen begleitet, langsam dem Hause
selber zu.
»Ich habe schon lange einmal heraufgehen wollen, zu sehn, wie der Platz
hier eigentlich aussieht,« sagte dieser endlich, »bin aber immer nicht
dazu gekommen. Hm, wie öde und unheimlich das hier ist -- es wundert
mich gar nicht, daß sich die Kinder davor fürchten, ist mir's doch
selber ein ganz eignes, unbehagliches Gefühl hier herzugehn -- es ist
fast, als ob man eine Richtstätte beträte.«
»Wohl ist es so,« sagte Pastor Donner feierlich und mit halb unterdrückter
Stimme, als ob er selber sich scheue, an diesem Orte laut zu sprechen.
»Aber wir wollen hier nicht stehen bleiben; die Leute dort hinten
murmeln schon miteinander, und glauben sonst, daß wir selber uns
fürchten, das Haus zu betreten.«
»Aber was sollen wir darin?« sagte der Schultze ausweichend, und es lag
ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen, »'was Lebendiges hält
sich hier oben nicht auf, sonst hätte der scheue Rabe da nicht im Baum
gesessen, und an Gespenster glauben wir doch alle Beide nicht.«
»Ich bin einmal oben,« sagte der Geistliche mit seinen eigenen Gedanken
beschäftigt, denn vor seinen Augen schwebte in diesem Augenblick die
Scene auf dem Amerikanischen Dampfboot, die ihm in einem früheren Briefe
der Sohn beschrieben, »und möchte auch das Innere des Hauses sehn, das
ich seit jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier oben
abholten, nicht betreten.«
Langsam schritt er, von dem Schultzen nur widerstrebend gefolgt,
der Thüre zu, schob diese noch etwas weiter auf, mehr Licht und Luft
hineinzulassen, und betrat, durch den schmalen dunklen Gang gehend,
die frühere Stube des »schwarzen Steffen«. Dort aber schrak er selber
einen Schritt zurück, denn auf dem Boden vor ihm lag ausgestreckt und
regungslos eine menschliche, weibliche Gestalt.
»Was giebt's? -- was ist?« rief der Schultze, der den unwillkürlich
ausgestoßenen Ruf des Erstaunens gehört, und auf der Stelle stehen
blieb, wo er gerade stand, während sich eine Anzahl Burschen aus dem
Dorfe näher herandrängten, die Frauen und Mädchen aber noch scheuer
zurückwichen, und sich schon halb zur Flucht wandten.
Pastor Donner winkte aber dem Schultzen langsam und traurig näher zu
kommen, und als dieser die Schwelle betrat, deutete er nieder auf den
vor ihm ausgestreckten Körper der Unglücklichen, die Gram und Reue, und
der nagende Wurm im Herzen wieder herüber, zurückgetrieben hatte durch
das weite, wilde Land, über das weite Meer, an dem Ort, wo sie so
furchtbar sich vergangen -- _zu sterben_.
Jetzt rasteten die blutigen, nackten Füße von der weiten Wanderschaft,
jetzt ruhte das arme Herz, das in Verzweiflung und Gram wohl manche
lange furchtbare Nacht _die_ Stunde hier herbeigesehnt, mit dem Kopf
auf den zerfallenen Kasten gestützt, der dem jüngsten Kind in früherer
Zeit zu seinem Bettchen gedient hatte, aus von seinem Leid und Weh. Der
Körper selber war abgefallen und mager, die Wangen hohl und dünn, aber
ein ruhiges, seliges Lächeln zog sich um die bleichen, kalten Lippen,
die der Tod für immer geschlossen. Was sie verübt, was sie gesündigt,
sie hatte schwer gelitten -- hatte tief bereut, und wie, als ob die
Kräfte ihr nur eben noch gehorcht, _die_ Stelle zu erreichen, war hier
der Tod, ein willkommener lieber Freund, zu ihr getreten, sie zu erlösen
von ihren Leid.
Neugierig und muthig gemacht, durch das Verweilen der beiden Männer im
Haus, drängten die übrigen Dorfbewohner jetzt auch nach und nach heran,
und der Ruf. »die stolze Jule -- die stolze Jule liegt todt im Haus!«
füllte den kleinen Raum bald mit einem Theil der Schaar, die jedoch die
Leiche immer noch scheu und furchtsam umstanden. Über ihr aber faltete
Pastor Donner die Hände und sagte mit leiser, tiefbewegter Stimme:
»Gott hat in seiner Vaterhuld sich Dein erbarmt, Du armes verirrtes Kind
-- Du hast schwer gesündigt -- schwer und furchtbar, aber auch viel, viel
gelitten, und Gram und Reue haben ihre Züge mit scharfen Furchen in Dein
Angesicht gegraben. Er sei Deiner armen Seele gnädig!«
Und seinen Hut abnehmend, welchem Beispiele rasch und scheu alle Übrigen
folgten, betete er still und brünstig über der abgerufenen Sünderin.
Capitel 10.
Der rothe Drachen bei Heilingen.
Schluß.
Im rothen Drachen bei Heilingen herrschte heute ein reges, geschäftiges
Leben; Kellner liefen und stürzten durcheinander hin, Tische wurden
gerückt, Stühle getragen, Tischtücher ausgebreitet, und Körbe mit Flaschen
und Getränken angeschleppt, als ob ein Regiment damit versorgt werden
sollte. Im Garten, der mit einer Masse Kränze und Blumen und Guirlanden
geschmückt war, standen noch einzelne Arbeiter, die mit frischem Sand
bestreuten Gänge von den hineingefallenen Blättern und Zweigen des
Ausschmucks zu reinigen, und unter einem kleinen, erst kürzlich
aufgeschlagenen und ganz mit frischen Blumen besteckten und behangenen
Zelt, lagen eine Reihe breitbauchiger Bierfässer mit eingesteckten
gefälligen Hähnen, nur der Hand harrend, die sie aufdrehen würde, ihr
schäumendes, kräftiges Naß zu spenden.
Den Pfad herunter, der von Zurschtel niederführte, kam ein Bettler an
einer Krücke daher gehinkt. Es war sonst eine breitschultrige, kräftige
Gestalt, aber mit eingefallenen Backen und hohlliegenden Augen, das
linke Bein ziemlich dick in alte zerlumpte Tücher und Lappen eingeschlagen,
und die linke Seite seines Gesichts ebenfalls mit einen schmutzigen Tuch
verbunden.
Als er die Gartenthür erreichte, blieb er stehen, und sah hinein, betrat
aber den Garten selber nicht, und schaute still und aufmerksam nach dem
Haus hinüber.
Den breiten Gang herunter, der von der Guirlanden geschmückten Hausthür
in gerader Linie nach dem Thore zu führte, schritt der Eigenthümer des
Grundstücks, Herr Kaspar Helker, nach seinen Arbeitern zu sehn. In die
Nähe des Bettlers gekommen, zog dieser den Hut ab, und sagte mit
bittender Höflichkeit:
»Wären Sie wohl so gut, lieber Herr, mir zu sagen was heute hier los ist
im rothen Drachen, mit all den Kränzen und Blumen, und welches Fest Sie
feiern?«
»Ja wohl Freund,« sagte Herr Kaspar Helker, den armen zerlumpten Teufel
dabei mit aufmerksamem, vielleicht nicht besonders befriedigtem Blick
betrachtend, »Herr von Hopfgarten feiert heute seine Vermählung mit des
reichen Dollinger jüngster Tochter, die früher, ich weiß nicht, ob Ihr
die Geschichte kennt, an einen, jetzt gestorbenen, Amerikaner verheirathet
war.«
»Herr von Hopfgarten -- hm -- Herr von Hopfgarten -- der Name ist mir doch
gar bekannt; stammt er von hier?«
»Nein, aus dem Mecklenburgischen. -- Kommt Ihr weit her? -- Ihr seht müde
und krank aus.«
»Sehr weit -- bin aber wohl mehr hungrig und durstig, wie krank,« sagte
der Mann, mit einem scheuen Blick nach den Brod- und Kuchenkörben
hinüber.
»So kommt herein und eßt und trinkt,« lud ihn der Wirth freundlich ein,
»und Ihr habt _mir_ nicht einmal dafür zu danken,« setzte er rasch
hinzu; »Herr von Hopfgarten hat strengen Befehl gegeben, Niemand heute,
wer es auch sei, ungespeist von dannen zu lassen. Es ist frei Bier und
Essen hier im Haus.«
»Hm, da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen,« sagte der Mann, immer
aber noch zögernd den Garten zu betreten.
»So kommt herein und setzt Euch gleich dort in eine von jenen kleinen
Lauben,« sagte der Wirth; »die werden heute nicht benutzt und Ihr -- Ihr
seht eben nicht appetitlich genug aus zwischen den andern Gästen zu
sitzen. Es soll Euch aber an Nichts fehlen,« fügte er rasch hinzu, »heh
Wilhelm! besorgen Sie mir einmal für den Alten dort in die Laube ein
Mittagsessen und Bier.«
»Bier kann ich nicht gut vertragen -- wenigstens nicht gleich auf den
leeren Magen hinein -- gäben Sie mir einen Schnaps vorher?«
»Auch den sollt Ihr haben -- heh Wilhelm -- ein Glas Kümmel -- aber ein
großes Glas, und dann dürft Ihr ihm Bier geben, was er trinken will.«
»Danke,« sagte der Bettler, und hinkte an seiner Krücke in den Garten
hinein. An der Schwelle blieb er noch einmal stehn, und warf einen
scheuen Blick nach rechts und links, und wandte sich dann der kleinen
Laube zu, in deren Schatten er verschwand.
»Dort kommen die Wagen!« rief da Einer der Kellner, der vor die Thür
getreten war, den Weg hinunter zu sehen, »hierher, Herr Helker -- sie
kommen!«
Der Wirth sprang mit seinem Kellner der Thür zu, die Gäste zu empfangen,
und die Wagen rasselten unter dem fröhlichen Schmettern der Posthörner
lustig die Straße herunter.
In dem vordersten saß Herr von Hopfgarten mit seiner jungen Frau, sein
gutmüthiges Gesicht ordentlich verklärt, seine Augen blitzend in Wonne
und Seligkeit, und auch in Claras liebe Züge war das frohe, süße Lächeln
zurückgekehrt, das ihrem Antlitz sonst einen so unwiderstehlichen Reiz
verliehen. Die düstere trübe Zeit lag hinter ihr, wie ein böser Traum,
und hell und freundlich glühte wieder das Sonnenlicht auf ihren Weg.
Den zweiten Wagen füllte die Dollingersche Familie, der alte Herr mit
Frau, Tochter und Schwiegersohn, denn auch Sophie war im vorigen Herbst
an einen reichen Gutsbesitzer, aber ebenfalls einen alten Bekannten
von uns, verheirathet worden. Herr Baron von Benkendroff nämlich hatte
sich nach seiner Rückkehr von Amerika zufällig einige Zeit in Heilingen
aufgehalten, dort die schöne reiche Kaufmannstochter gesehn und kennen
gelernt, sich zu gleicher Zeit sterblich in sie verliebt und seine
Hochzeit, da ihn auch Sophie lieb gewonnen, gleich in demselben Monat
noch gefeiert.
In den anderen Kutschen, aber alle von mit Blumen geschmückten
Postillionen gefahren, saßen die Hochzeitsgäste aus der Stadt, bunt
gemischte, aber fröhliche Menschen, und unter ihnen das gutmüthige
Gesicht unseres alten Freundes Kellmann, neben der scharfgeschnittenen
aber heute ebenfalls zufrieden lächelnden Physiognomie seines
unzertrennlichen Gesellschafters, des Apotheker Schollfeld.
An der Gartenthür von dem Wirth und einer Schaar geschäftiger Kellner
empfangen, stiegen die jungen Eheleute aus, und begrüßten hier zuerst
ihre Gäste, und während das, hinter einer künstlichen Blumenhecke
aufgestellte Militair-Musikchor -- eine Überraschung Kellmanns
-- plötzlich mit schmetternden Trompeten in Mendelsohns herrlichen
Hochzeitsmarsch des Sommernachtstraums einfiel, und dem kleinen
glücklichen Hopfgarten vor Rührung auf einmal die großen hellen Thränen
in die Augen traten, setzte sich der Zug in Bewegung, dem Hause zu.
Das Mahl ging vorüber, wie derartige Mahlzeiten gewöhnlich thun; eine
Menge Toaste wurden ausgebracht, und die glücklichen Menschen jubelten,
lachten und erzählten bis spät am Nachmittag, wo der Kaffee im Garten
selber servirt werden sollte, und die Gäste dann zusammen in das
Dollingersche Haus eingeladen waren, wo Herr Dollinger einen kleinen
Ball für den Abend arrangirt hatte.
Im Garten, bei lustig tönenden Fanfaren, bildeten sich dann kleine
Gruppen, und Benkendroff, Kellmann und Schollfeld hatten sich nächst
dem Thor auf dem kleinen Vorbau, wo sie die wundervolle Aussicht nach
dem grünen herrlichen Thal und den fernen Bergen genießen konnten,
zusammengefunden ihre Cigarre zu rauchen. Nach einer Weile fand sich
auch Hopfgarten zu ihnen, sie zu bitten, sich bereit zu halten, da die
Wagen bald wieder vorfahren würden.
»Wer uns das damals gesagt hätte, Hopfgarten,« rief Benkendroff, seine
Hand lächelnd auf des Freundes Schulter legend, »als wir auf der
Haidschnucke zusammen Whist spielten, oder selbst als wir in New-Orleans
von einander Abschied nahmen, daß wir _heute_ hier _so_ zusammenstehen
würden.«
»Dem wär' ich schon damals vor Freude um den Hals gefallen, Benkendroff,«
sagte der kleine Mann mit leuchtenden Augen.
»Es ist eine merkwürdige, mir aber höchst interessante Thatsache,« rief
da Herr Schollfeld, sich die Hände reibend, »daß _die_ Menschen, die
einmal in Amerika _gewesen_, und glücklich wieder, ein sehr seltener
Fall, zurückgekommen sind, sich am wohlsten fühlen. Und trotzdem, trotz
allen schlagenden Beweisen, will sich dieses unglückselige Menschenkind,
dieser frühere Kürschnermeister hier, nicht warnen lassen, sondern
ebenfalls mit einem Leichtsinn, den man kaum einem jungen Menschen von
achtzehn Jahren verzeihen würde, hinüber nach diesem gottvergessenen
Lande der Freiheit ziehn, und _das_ nennt er _sich zu Ruhe setzen_. Es
wäre mehr Verstand darin, wenn er hier Nachtwächter oder Briefträger
würde.«
»Aber bester Herr Schollfeld,« sagte Hopfgarten, »Sie wissen ja, daß
er um seine jetzige Braut erst _dort_ angehalten hat, und von Fräulein
Lobenstein doch nicht verlangen kann herüber _zu ihm_ zu kommen; er muß
sie doch wenigstens _abholen_.«
»Ich will auch noch gar nicht verschwören, daß ich drüben _bleibe_,«
sagte Kellmann ruhig, »mir aber jedenfalls die Verhältnisse dort
ordentlich ansehn. Meines künftigen Schwagers, Georg Donners, Beschreibung
des dortigen Landes lautet keineswegs entmuthigend; von anderer Seite
habe ich ebenfalls recht gute Berichte über das wirkliche Farmerleben
gehört, und kann ich mir dort mit meinem Capital, und von dem Rath
meiner guten Freunde unterstützt, eine ruhige, _glückliche_ Stellung
gründen, warum nicht? -- Freund Schollfeld müssen Sie aber viel zu gut
halten, mein lieber Herr von Hopfgarten; er ist als ein Antiamerikaner
hier schon bekannt.«
»Und hab' ich nicht recht?« rief dieser hitzig, »hatt' ich nicht recht
auch mit jenem lebendigen Loblied Amerikas, jenem Weigel, der
Betrügereien halber landesflüchtig werden mußte.«
»Das war ein einzelner Lump und kann nicht als Maasstab gelten,« sagte
Kellmann.
»Lassen Sie das gut sein,« nahm Benkendroff hier des Apothekers Parthie,
»Herr Schollfeld hat sehr gediegene und vernünftige Ansichten über
Amerika, und Sie werden mir zugeben, daß _ich_ ebenfalls im Stande bin
ein Urtheil darüber zu fällen; ich kenne das Land aus Erfahrung, aus
eigener, persönlicher Anschauung.«
Hopfgarten wechselte mit Kellmann einen gutmüthig lächelnden Blick, und
sagte, sich an diesen wendend:
»Wie kommt es nur, daß Sie Fräulein Lobenstein, wenn Sie dieselbe schon
so lange geliebt haben, von hier fortziehen ließen, ohne ihr Ihr Herz zu
öffnen?«
»Weil es ein wahnsinnig, unnatürlich verschämter Kürschnermeister war,«
rief Schollfeld, die Antwort für seinen Freund aufnehmend, »wie
Lobensteins hier fort waren, ging er herum wie ein begossener Pudel,
sprach mit Niemandem, trank nicht mehr, schnitt ein Gesicht, als ob er
Äpfelwein getrunken hätte, und wollte keinem Menschen Rede stehn, beinah
zwei Jahre lang. Endlich bekam ich's heraus, und da gestand er mir, daß
er -- sehn Sie sich den Menschen einmal an -- _keine Courage hätte_ den
Schritt zu wagen, obgleich er selber fast hoffe, Anna Lobenstein sei
ihm nicht ganz abgeneigt. Da hört denn doch Alles auf. Na ich nahm ihn
dann ordentlich in's Gebet, schon meiner selbst willen, denn es ist ja
langweilig mit einem solchen verliebten Kopfhänger umgehn zu müssen.
Er ließ sich auch endlich überzeugen, und ist mir nachher, wie er den
Zusagebrief erhielt, um den Hals gefallen, und hat mich »sein liebes
Schollfeldchen« genannt -- und so ein Mensch will nach Amerika.«
Die Männer lachten über Schollfelds komischen Eifer und Hopfgarten
sagte, noch immer lächelnd. »Sie reden gerade als ob Amerika ein
_Unglück_ wäre.«
»Ist es auch,« rief Schollfeld hitzig, »ist es auch, und der arme Teufel,
der Ledermann, sonst so ein netter, rechtschaffener Kerl, wußte wohl,
was er that. _Der_ hätte auch nach Amerika gehn können, aber was ich
ihm darüber die ganze Zeit vorgepredigt, hatte gute Früchte getragen;
er sprang lieber in's Wasser, Ruh zu haben, ehe er solch verzweifelten
Schritt that. Ist mir übrigens doch Leid um ihn, und ich hätte ihm etwas
Besseres gewünscht -- das verfluchte Spiel.«
»Seine Frau ist noch in Heilingen?« sagte Hopfgarten.
»Ja,« sagte Schollfeld mürrisch, »will aber wirklich dieses Frühjahr mit
ihrem Bruder auswandern. Das ist auch so ein Lump, hat zweimal Bankerott
gemacht, und nun natürlich nichts Gescheuteres zu thun, als daß er nach
Amerika geht. Solche Leute gehören auch dorthin, aber vernünftige und
rechtschaffene Menschen sollten besser wissen, was sie sich und ihren
Familien schuldig wären.«
»Apropos, lieber Kellmann,« sagte Hopfgarten da plötzlich an diesen
gewandt, »erinnern Sie mich doch daran; ehe Sie fortgehn, möchte ich
Ihnen noch ein paar Zeilen an einen sehr lieben Freund von mir, einen
Herrn _Fortmann_ in New-Orleans, mitgeben; er kann Ihnen dort von Nutzen
sein.«
»Ich danke Ihnen, ich werde es nicht vergessen -- Sie haben ja wohl
heute Briefe von dort bekommen?«
»Ja -- eben von Fortmann. Das wird Sie auch interessiren; Sie wissen
doch, daß der arme, unglückliche Loßenwerder eine Schwester hatte?«
»Lieber Gott,« sagte Kellmann, hinauf auf die Straße deutend, »an
_dieser_ Stelle trafen wir das arme Kind, Ledermann und ich, an jenem
Abend, wo sie hier allein und zu Fuß in die Stadt kam, und noch keine
Ahnung von der furchtbaren Nachricht hatte, die ihrer wartete. Es geht
ihr gut jetzt, wie Sie uns schon früher sagten.«
»Besser jetzt wenigstens wieder -- Fortmann schreibt mir eben, daß außer
der bei dem Raubanfall erlittenen Mishandlung Schreck und Aufregung sie
so ergriffen hätten, sie lange Monate an ihr Lager zu fesseln. Hamann
hat auch deshalb besonders sein Geschäft aufgegeben, und sich weiter den
Strom hinauf in ein gesünderes Klima gezogen. Der Nachlaß seines Vaters
ergab übrigens, wie es scheint, ganz unerwarteter Weise, ein gar nicht
geahntes, höchst bedeutendes Vermögen, das der alte Geizhals von dem
Schweiß und Blut armer Auswanderer zusammengescharrt. An Aktien und
Papieren, Geld und Juwelen, ganze Säle voll Leinwand und anderen Sachen
gar nicht gerechnet, fanden sich weit über hunderttausend Dollar. Der
junge Hamann ist aber ein braver, rechtschaffener Kerl, der gern wieder,
wenigstens einen Theil dessen gut machen möchte, was sein Vater schlecht
gemacht, und Fortmann schreibt mir eben, daß er, besonders von seiner
Frau dazu angeregt der Stadt New-Orleans die volle Hälfte des ganzen
Vermögens zur Verfügung gestellt habe, wenn sie das andere Geld zuschießen
und ein großes Auswanderungshaus, das unter städtischer Aufsicht steht,
gründen wolle, wo der Einwanderer vor Betrug sicher sei, und der arme
hülfsbedürftige Arbeiter auf eine gewisse Zeit, seinen ersten Aufenthalt
zu decken, selbst unentgeldlich Obdach und Nahrung fände. Wenn es zu
Stande käme, wäre es ein Segen für Tausende, und New-Orleans, als
Theil der Staaten, erfüllte damit nur eine schon längst schwer auf ihm
gelegene Pflicht der Hafenstädte, Tausende von Unglücklichen, die nach
Amerika kamen, dem Lande ihre Kräfte zu weihen, vor Verderben und
Untergang, wenigstens vor grenzenloser Noth zu bewahren. Gott gebe
seinen Segen dazu.«
»Wie wunderbar doch Gottes Wege sind,« sagte Kellmann, langsam mit dem
Kopf dazu schüttelnd; »das arme Kind, das wenige Jahre früher, ohne
einen Groschen, seine Nachtherberge zu zahlen, barfuß hier die Straße
wanderte, verfügt jetzt über Tausende, und sucht Schmerz und Elend zu
lindern, das sie selber ja so schwer aus ihrem eigenen Leben kennt.«
»Da kommen die Damen,« sagte von Benkendroff, der sich für die Leute
nicht im mindesten interessirte, und indessen langsam seinen Kaffee
getrunken und seine Cigarre geraucht hatte, »Schwiegermama scheint
aufbrechen zu wollen, die Anordnungen zum Ball zu revidiren. Dort
rasseln auch schon die Wagen heran,« rief er seine Cigarre wegwerfend,
»also meine Herren, auf Wiedersehn heute Abend.«
Die Kutschen kamen jetzt, unter dem fröhlichen Hörnerschmettern des
Postillions, um die Gartenwand gefahren und die erste hielt vor dem
Thor, in die Hopfgarten wieder, als Ehrenpaar den Zug anzuführen, seine
junge, lächelnde Frau hineinhob, und dann Platz an ihrer Seite nahm.
Langsam fuhr dann der Postillion voraus, bis sämmtliche Gäste ihre Sitze
eingenommen hatten, und der ganze Zug unter dem Hurrahgeschrei der
sämmtlichen Dorfbewohnerschaft, der ebenfalls für den Abend hier draußen
ein Fest bereitet worden, rasch die Straße nach Heilingen hinabrollte.
Der Wirth hatte seine »innigsten Glückwünsche« sämmtlich angebracht, und
seine tiefen und freundlichen Bücklinge noch gemacht, bis der letzte
Wagen schon lange sein Grundstück passirt war, drehte sich dann mit
demselben freundlichen Gesicht um, gab einem der in die Lehre genommenen
jungen Kellner, der mit offenem Maule neben ihm stand, eine Ohrfeige,
und schickte den darüber auf's Äußerste Erstaunten an seine Arbeit, und
lief selber in das Haus zurück, das Wegräumen der nicht getrunkenen
Weine zu überwachen.
Nur der Oberkellner blieb, sich vergnügt die Hände reibend, und mit
schmunzelnden, ein vortreffliches Trinkgeld verrathendem Antlitz noch
einen Augenblick in der Thüre stehn, bis auch die letzte Staubwolke auf
der Straße verschwunden war, und wandte sich eben, seinem Principal zu
folgen, als der alte Bettler, der bis dahin vollkommen unbeachtet in
der dichten Laube gesessen hatte, daraus hervor und auf ihn zu hinkte,
den Garten zu verlassen.
»Nun, Alter, hat's geschmeckt?« sagte der Oberkellner mit einem
huldvollen Lächeln ihm zunickend -- »seid Ihr satt geworden?«
»Vollkommen, Gott lohn' es Ihnen!« seufzte der Mann und strich sich mit
der Hand über das Gesicht -- »aber eine Frage hätt' ich noch, die Sie
mir wohl beantworten können. Jener Herr von Hopfgarten --«
»Ja?« frug der Kellner, die Augen fest zusammenpressend, und sich wieder
aus Leibeskräften die Hände reibend -- »der eben fortfuhr?«
»Ja, derselbe -- war der Herr auch schon einmal in Amerika?«
»Der? -- nun ja, gewiß; auf der Hinreise hat er ja seine jetzige Frau,
die frühere Madame Henkel kennen lernen.«
»Hm -- ja _Henkel_,« wiederholte der Mann leise vor sich hin.
»Dort hat er auch,« fuhr der Kellner, seinem Ideenlauf folgend, der ihn
besonders interessiren mochte, fort -- »den früheren Wirth hier vom
rothen Drachen, den Lobsich, gefunden, der in Milwaukie ebenfalls einen
rothen Drachen errichtet hat. Bei Tisch erzählte er uns die Geschichte
-- hahahahaha -- es war zu komisch. Na adieu Alter -- glücklichen
Marsch,« und den Mann in der Thüre stehn lassend, ging er vor allen
Dingen in die Laube, wo jener gesessen, zu sehn, ob er auch weder Messer
noch Gabel mitgenommen und schoß dann, wieder wie vorher die Hände
reibend, als ob er sie in Feuer bringen wollte, nach dem Speisesaal
hinüber.
Der Bettler drehte sich langsam ab von ihm.
»'S ist mir doch 'was Unbedeutendes!« flüsterte er leise und tief
aufseufzend vor sich hin, und hinkte, während ihm eine große Thräne über
die eine offene Backe hinunter und in das Tuch lief, dem nicht mehr
fernen Heilingen zu.