Capitel 5

Jimmy.

Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerikanern scherzweis

»der gelbe Jack« genannt, war vorüber; der Oktober hatte, gleich von

Anfang an mit kalten und scharfen Nordwest-Winden einsetzend, die Seuche

seewärts geweht, und die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten

die geflüchteten Bewohner der gefährdeten Stadt in Schaaren zu ihren

Wohnsitzen zurück.

Welch ein Unterschied zwischen dem New-Orleans jetzt, und dem, vier

Wochen früher. Welch Drängen und Treiben überall von frischem, fröhlichem,

kräftigem Volk, das herüber und hinüber drängt, kauft und verkauft, und

plaudert, lacht und singt. Welch Treiben und Leben an der Levée, wo Boot

nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, seine Waaren der neugeborenen

Stadt zuzuführen; welch Treiben und Leben in den Straßen, den kleinen

Adern des Verkehrs, in denen das warm pulsirende Herzblut herüber und

hinüber treibt, und nur vier Wochen Unterschied, wie sahen da die

Straßen aus? -- wie der Strom? -- wo war das Leben, das jetzt, dem

schäumenden Bache gleich, aus seinen Ufern quoll?

Der Wanderer, der die Stadt in _der_ Zeit, im August und September,

betrat, und das lebendige Bild von ihr im Herzen, ein fröhlich

schaffendes, lebenslustiges Volk zu finden erwartete, steht entsetzt

und traut den Augen kaum.

New-Orleans, des Südens Königin, der keine andere Stadt im weiten Reich

die Spitze bieten kann, scheint in _der_ Zeit ein weiter offener Sarg

-- die Straßen liegen todt und leer, der Fußtritt des einzelnen flüchtigen

Wanderers schallt hohl und unheimlich von den verschlossenen Häusern

wieder -- dort begegnet ihm ein anderer, eben so rasch, das Tuch am

Munde -- aber scheu weicht man sich aus und will aneinander vorüber -- da

zuckt der Fuß fast unwillkürlich -- es ist ein Freund, den man so lange

nicht gesehn, schon todt gewähnt -- einerlei, vorbei; die Krankheit

könnte in seiner Nähe weilen, sein Hauch vielleicht sie bringen, und mit

stummem, traurigem Nicken fliehen sich die Beiden.

Wo ist dann der fröhliche Lärm der Dampfbootlandung, das Rasseln der

schwerbeladenen Güterkarren mit den trunkenen Irländern, das Singen und

Lachen der Neger. Dort fährt etwas über das Pflaster -- wie hohl das

in den leeren Straßen klingt -- es ist nur der Leichenwagen, der im

scharfen Trab hinausfährt, seine Doppellast abzuwerfen und neue, schon

lang bestellte Fuhre zu holen. Wo ist das rege geschäftige Treiben der

Läden -- die meisten sind geschlossen, wer soll jetzt kaufen, und der

Trauerflor an den Thüren dort und hier, und da und drüben, kündet die

Stelle, wo sich die Seuche mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre

Opfer herausgeholt.

Und jetzt? -- kaum ein Monat ist verflossen, daß diese Straßen wüst

und öde lagen, und der große Vernichter seine Erndte in der scheinbar

menschenleeren Stadt hielt; wo er mit schwülem Flügelschlag über die

Dächer strich, und rechts und links in boshafter Lust seinen Giftodem

einbließ in das, in jenes Haus -- und seht, wie das wieder drängt und

wogt, und lacht und singt und fröhlich ist, und die Todten in ihren

stillen Gräbern schon lange, lange vergessen hat. Lieber Gott, _Wochen_

sind ja auch schon darüber hingegangen, und eine fast neue Bevölkerung

hat Besitz von dem Grund und Boden genommen, den die Seuche gelichtet

und verödet.

Was damals freilich New-Orleans verlassen _konnte_, that es, und

die Wirths- und Gasthäuser standen öd' und leer, ja man vermied die

Schwellen derselben mit scheuer Angst, aus Furcht, gerade dort am

meisten Kranke zu treffen, und in dem Athemzug vielleicht den Tod schon

einzuziehen. So flohen auch »das deutsche Vaterland« sechs Wochen lang

die meisten »Boarder«, aber die dort Wohnenden _konnten_ nicht alle

fort. Viel arme Deutsche, die mit verspäteten Schiffen nach langer

Reise hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr, das sie

mit fortnahm von hier, theils hatten sie kein Geld, die in der Zeit

entsetzlich hohe Passage zu bezahlen. Die Capitaine der wenigen dort

anlegenden Dampfer wußten recht gut, daß Alles, was jetzt die Stadt

verlassen konnte, ging, und rechneten fünf- und sechsfache Passagepreise,

sich selbst für die Gefahr bezahlt zu machen, der sie die Stirn boten.

So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzukommen, in den

kleinen dumpfigen Hinterstuben des »deutschen Vaterlands«, und wie die

Seuche hereinbrach über die Stadt, suchte sie sich schon ihre ersten

Opfer aus der Schaar.

Im »deutschen Vaterland« war aber indessen auch noch außerdem eine große

Veränderung vorgegangen, und Hedwig hatte das Haus nicht allein nicht

verlassen, sondern Franz seinem Vater frei und offen erklärt, daß er das

junge wackere Mädchen, sobald er nur erst einmal selbstständig dastehe,

wenn sie ihn haben möge, zum Weibe nehmen wolle.

Den alten Mann fesselte in dieser Zeit ein Sturz, den er von der Treppe

gethan, an sein Lager, und Franz mußte überdieß indessen die Leitung der

ganzen Wirthschaft übernehmen. Mit _dem_ Plane seines Sohnes war er im

Anfang aber gar nicht einverstanden, hatte die und jene Einwendungen,

erklärte, er sei doch nicht ganz _so_ arm wie Franz zu glauben scheine

(und wie er ihm allerdings selber oft genug betheuert) und _sein_ Sohn

könne da wohl schon noch eine bessere Parthie machen, und sich seine

Frau aus einem anderen Hause -- und wenn es das größte Steingebäude in

der Stadt wäre -- holen. Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine

Einwilligung dringend, hartnäckig bei dem einmal gefaßten Entschlusse

blieb, gewöhnte er sich zuletzt an den Gedanken, und sah, wenn er dem

Sohne das auch nicht gestand, selbst seiner abnehmenden Kräfte wegen,

eher noch eine Stütze in dem fleißigen, wirthschaftlichen Mädchen.

Nur der »verschwenderische Geist« des Sohnes, wie er es nannte, machte

ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an sein Bett, und beschwor ihn,

doch nur um Gottes Willen auf sein eignes Gut mehr zu achten, den

eigenen Nutzen mehr im Auge zu haben, denn wenn er selber einmal die

Augen schließe, und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren könne, wie

bald seien dann die paar gesparten Thaler auch wieder fort, an der die

Undankbarkeit der Menschen schon lange arbeite und wühle und zehre.

Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu folgen als diesem,

und der Vater würde dem einzigen Sohne auch wirklich schon lange den

Willen gelassen, und die Wirthschaft ganz übergeben haben, hätte ihn

nicht Messerschmidt bis jetzt noch immer aus allen Kräften davon

abgehalten und gewarnt; wie dieser denn auch sein Möglichstes that, die

Heirath mit dem jungen Hamann und dem fremden »hergelaufenen« Mädchen

aus allen Kräften zu hintertreiben.

Die Seuche unterbrach das Alles -- Niemand, der nicht mußte, verkehrte

mit dem Anderen; Messerschmidt selber betrat in dieser ganzen Zeit

das Haus nicht, Franz aber lernte gerade da den Werth des holden

anspruchslosen Kindes, mit seiner Aufopferung und Herzensgüte im reinsten

Lichte kennen. Hier war kein _Schein_ mehr, wo der Tod grinsend und

drohend an der Schwelle stand; hier war nicht mehr Verstellung denkbar,

»das Herz des reich geglaubten Wirthssohnes«, wie Messerschmidt dem

jungen Hamann oft und heimlich warnend zugeflüstert, zu fesseln;

unbekümmert um Alles, wo sie nur nützen konnte, ging Hedwig ihren

stillen Weg, und an den Krankenbetten stand sie oft ein Engel des

Trostes und der Hülfe.

Schon seit Clara damals sich von ihrer Krankheit erholt, und selber im

Stande gewesen war durch weibliche Arbeiten ihren Unterhalt wenigstens

zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt bezogen, den ihr der alte Hamann

selber, _trotz_ seinem Geiz, freiwillig erhöht, als er sich doch nicht

leugnen konnte, wie sie arbeitete und schaffte, und wie sie Alles ihm

zusammenhielt. Was sie aber an Geld bekommen, nahm die schwere Zeit auch

wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht hülflose Wittwen und

Waisen den Sarg des Gatten und Vaters hinausbegleitet zu seiner stillen

Ruhestätte, dann aber selber verlassen und allein in der fremden Welt

gestanden hätten, die ihnen eine Heimath werden sollte, und jetzt nur

Tod und Elend zeigte, wohin sie schauten. Für wie viele zahlte sie da

nicht das Passagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, sie nur fort, einer

gesunden Gegend zuzubringen, ehe sie hier ihr Letztes verzehrt, und mehr

noch vielleicht von ihren Lieben begraben mußten; wie viele unterstützte

sie hier mit Rath und That, löste die schon versetzten Koffer für sie

ein, und zog sich scheu und schüchtern in ihr kleines Kämmerchen zurück,

wenn ihr die Leute nur dafür danken wollten, was sie gethan.

Mit der gesunden Jahreszeit kehrte aber auch die gewöhnliche Arbeit

wieder für das deutsche Gasthaus; Schiff nach Schiff traf ein, alle mit

Auswanderern schwer beladen, und da sich nicht Alle gleich entschließen

konnten die eben betretene Stadt, die keine Spur der überstandenen Pest

mehr zeigte, gleich wieder zu verlassen, füllten sich die Gasthäuser,

wie das um diese Zeit fast stets der Fall ist, bis unter die Dächer mit

Fremden und ihren Gütern an. Dieß war auch immer die geschäftigste und

einträglichste Zeit für den alten Hamann gewesen, und jetzt saß er, in

sein Zimmer gebannt, regungslos fest auf seinem Stuhl, und durfte und

konnte nicht hinaus.

Zuerst quälte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und wollte es wohl

gar erzwingen, trotz allen Ärzten und Medicinen; endlich sah er aber

doch wohl ein daß es nicht ging, daß er sich Ruhe gönnen müsse, bis ihn

die Glieder wieder trügen, und die Hauptarbeitszeit wohl überhaupt für

ihn vorbei sei. Der Sohn drängte und bat dabei daß er nun endlich in

seine Verbindung mit Hedwig willigen möchte; es sei ein anderes Leben

wenn eine _Hausfrau_ in der Wirthschaft wäre, besonders _solche_

Hausfrau, und er, der Vater selber, könne ruhiger sein, wo er nicht

_fremden_ Menschen nur sein Eigenthum anzuvertrauen habe.

Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und Hedwig, die dem

jungen Mann von Herzen zugethan war, und mehr fast noch in dem Bewußtsein

nun freier handeln, noch mehr Gutes thun zu können, sich wohl und

glücklich fühlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog als

_Herrin_ in das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als Dienerin

betreten.

Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne, und wenn er auch

von seinem Vater -- der Termin dazu war auf den ersten December

festgesetzt worden -- die ganze unbeschränkte Führung des Hauses noch

nicht überkommen hatte, fühlte er sich doch zu glücklich im Besitz

seines braven, inniggeliebten Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit

noch Raum zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller

anspruchsloser Weise -- wo sie helfen konnte, half sie gern, und das

»deutsche Vaterland,« früher der einträglichste Platz für alle Arten

diebischer Agenten, und die Höhle, in der hunderte von armen Einwanderern

ihr Alles verloren, und nackt in die Welt hinausgestoßen wurden, schien

ein Asyl der Hülfsbedürftigen zu werden, und erweckte deshalb auch

besonders in den Herzen einzelner, bei dem früheren Gewinn Betheiligter,

rege Besorgnisse.

Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy der Barkeeper

vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen den jungen Leuten ein Dorn

im Fleisch geworden, und was sie nicht mehr hintertreiben konnten,

suchten sie wenigstens so viel als möglich zu stören. Franz wußte das,

vermochte aber noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis

er nicht die Wirthschaft allein in Händen hielt, und als unumschränkter

Herr darin gebieten konnte. Der Tag rückte jedoch mehr und mehr heran,

und als der November endlich verflossen war und der alte Hamann am 1sten

Morgens, wie schon früher verabredet, einen Advokaten zu sich in's

Zimmer kommen, und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei

seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft überschreiben ließ, war Franzes

_erstes_ Geschäft, hinunter in die Bar zu gehn und dem darüber

allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen lautete, mit

vierwöchentlicher »Warnung« auf den ersten Januar des nächsten Jahres zu

kündigen.

»Jimmy,« sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in den gerade

unbesetzten Schenkraum kam, »ich bin jetzt eben Herr hier im Haus

geworden, und da wir Beide nicht recht zusammenpassen, meine Frau mir

auch Manches von Euch erzählt hat was mir nicht gefällt, so ist's

besser, daß Ihr zu der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit

das Haus verlaßt. Heute ist der erste December -- am ersten Januar könnt

Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis dahin Zeit Euch umzusehen;

wollt Ihr aber früher fort, hält Euch Niemand hier -- verstanden?«

»Das war deutlich genug Mr. Hamann, #anyhow#,« sagte Jimmy, der dabei

wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbeschäftigung begann -- die

Finger zu knacken, »werde aber von Ihrer Güte wohl keinen Gebrauch

machen, _vor_ der bestimmten Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen

gedenke. Sonderbar -- wollte Ihnen auch heute aufsagen.«

»Desto besser, Jimmy,« sagte Franz, »dann haben wir Einer dem Andern

nicht weh gethan, und können und werden uns ziemlich gut ohne einander

behelfen.«

»Jes,« sagte Jimmy, eine gleichgültige Miene dabei annehmend, »verdammt

gut, denk' ich mir so; -- werden eine _sehr_ schöne Wirthschaft hier

anrichten, Mr. Hamann _junior_.«

»Jes, Jimmy -- denk' ich mir so,« lachte Franz leise vor sich hin, und

verließ dann, ohne sich weiter um den Menschen zu bekümmern, das Zimmer.

»Denk' ich mir so -- Einfaltspinsel« -- knurrte der Barkeeper finster

und verdrießlich hinter seinem neuen Principale her -- »_Du_ wirst noch

Manches zu denken kriegen, mein Bursche, bis wir Beiden auseinander

sind, denk' _ich_ mir so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es

müßte doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht noch

was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung gäbe. _Was_,

weiß ich freilich selber noch nicht, aber daß Jimmy eine sich etwa

bietende und ihm passende Gelegenheit nicht unbenutzt wird vorübergehn

lassen, darauf mein Juwel, könntest Du allenfalls Gift nehmen.«

»Hallo Jimmy,« sagte da eine bekannte Stimme, und als sich der Barkeeper

rasch nach der Thür umdrehte, sah er den eben nur hereingesteckten,

etwas dicken Kopf des Agenten Julius Messerschmidt.

»Ah -- Ihr kommt gerade recht Alterchen,« sagte Jimmy, in einer Art

Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei Gläser umsetzend -- »was

trinkt Ihr?«

»Immer Brandy Jimmy, im Winter,« sagte Messerschmidt jetzt ganz zur

Thüre hereinkommend, und den Kautabak, den er nach Amerikanischer Sitte

im Munde hielt, daraus entfernend, dem besprochenen Getränke Raum zu

geben; »immer Brandy, und im Sommer erst recht Brandy, denn da kühlt er;

besonders wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.«

»Ihr seid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ihr ihn selbst geliefert

habt;« lachte Jimmy.

»Unsinn, Jimmy -- baarer Unsinn -- an dem Brandy hab' ich mein Geld

verloren, und such' es nur dadurch wieder einzubringen, daß ich recht

viel davon trinke. _Der_ Brandy ist spottbillig mit sechs Cent das Glas,

und an der Levée verkaufen sie ihn aus demselben Faß für zwölf und einen

halben.«

»Werden wohl ihre Gründe dafür haben,« meinte Jimmy, »aber was führt

_Euch_ gerade _heute_ Morgen her?«

»Mich _gerade_ heute? -- ist heute ein besonderer Tag, Jimmy?« frug

Messerschmidt.

»Hm, nicht das ich wüßte,« meinte Jimmy, der erst herauszubekommen

wünschte, was der Agent hatte, ehe er ihm von dem heute abgeschlossenen

Vertrag zwischen dem alten und jungen Hamann sagte. Er wußte recht gut,

wie Messerschmidt bei dem letzteren angeschrieben stand.

»Nun also, Jimmy;« meinte Messerschmidt, »aber Ihr könnt mir wohl sagen,

wie's mit dem _Alten_ steht; ich möcht' ihm ein Anerbieten machen.«

»Nicht zu sprechen,« sagte Jimmy trocken, »alle Geschäfte heute an die

junge Firma angewiesen.«

»Hm -- mit dem _Jungen_ hab' ich gerade nicht gern viel zu thun,«

brummte der Agent langsam zwischen den Zähnen durch, »wenn aber der Alte

ja sagt, kann _der_ mir auch den Hobel ausblasen. Also den Alten kann

man nicht sprechen?«

»Ertheilt Niemand Audienz.«

»Und wo ist der Junge?«

Jimmy mache eine entsprechende Bewegung mit dem über die Schulter

gestoßenen Daumen nach dem Hof hinaus.

»Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?«

»Wenn's sein _muß_, ja,« sagte dieser.

»Apropos Jimmy --«

»Nun? -- was giebt's noch?«

»Wißt Ihr, die Mecklenburger Bauern, die ich Euch gestern zugebracht --«

»Nun? -- kein Geld?«

»Kein Geld?« -- wiederholte der Agent, indem er die Lippen vorspitzte,

so weit er sie bringen konnte -- »oh Jimmy, wenn wir Beide das nur

hätten, was in den zwei grünen Koffern steckt -- nachher könnten wir

zufrieden sein.«

»Nun, wird das Große eben nicht sein,« meinte Jimmy gleichgültig.

»Das Große nicht sein? -- wenn _ich_ ihnen nicht hätte Amerikanisches

Gold für Dänisches geben müssen -- und das Säckchen voll, was da drin

stand -- und die goldenen Uhren und Ketten die daneben lagen. Die

Menschen müssen ein heidenmäßiges Geld haben, und das ist nur erst ein

_Theil_, denn das Meiste haben sie, wie sie sagen, zu Hause gelassen,

um mit dem erst einmal zu probiren, wie es hier eigentlich ist.

-- Jammerschade, daß sie keine Schwiegersöhne brauchen.«

»Wir Beide wären ein paar kostbare Exemplare,« schmunzelte Jimmy.

Die beiden liebenswürdigen Gesellen lachten noch zusammen als die Thür

aufging, und der junge Hamann wieder in's Zimmer trat.

»Ah Franz, das ist mir lieb, daß Sie kommen,« sagte Messerschmidt in

seiner vertrauten Weise; »ich hatte eine Bitte an den Alten, aber da ich

höre, daß er noch auf der Kante liegt, können Sie mir auch den Gefallen

thun.«

»Und das wäre?« sagte Franz, dem Mann ruhig in's Gesicht sehend.

»Sie wissen, daß ich in letzter Zeit ein Bischen in Geldverlegenheit

gewesen bin,« sagte der Agent, »das verdammte Spielen, was ich schon so

oft verschworen, hat mich wieder einmal angeführt, und ich mußte sogar,

wogegen ich mich bis jetzt hartnäckig gesträubt, mein Quadroonmädchen,

das allerdings das letzte Jahr in einem fort gekränkelt und keinen

Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutscher Violinspieler hatte einen

Narren an ihr gefressen und mir die Dirne noch gut genug bezahlt; jetzt

hab' ich Niemand Anderem im Haus; Lohn möcht' ich auch nicht gern viel

zahlen --«

»Bitte, kommen Sie zur Sache,« sagte Franz.

»Nun die ist einfach genug,« meinte Messerschmidt -- »Sie haben da ganz

kürzlich ein paar arme, aber ganz hübsche Braunschweiger Mädchen in's

Haus genommen, die der jungen Frau glaub' ich, um ihren Boarding zu

bezahlen, mit in der Küche helfen -- bitte -- Sie brauchen sich deshalb

gar nicht zu entschuldigen --« setzte er rasch hinzu, als ob er etwas

Derartiges von dem jungen Hamann vermuthete -- »das versteht sich von

selber, und ist ganz in der Ordnung; aber ich möchte gern eine von

denen, die Jüngste hat mir am besten gefallen, zu mir in's Haus nehmen,

das zu besorgen, was ich eben zu besorgen habe; sollte sie dann etwa

noch eine Kleinigkeit im Hause schuldig sein, so könnten wir das ja am

nächsten _Geschäfte_ abrechnen.«

»Ist sonst noch etwas, Herr Messerschmidt, was Sie vielleicht an das Haus

hier zu fordern haben?« sagte Franz ruhig.

»Für den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklenburger hat mir Ihr

Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals besonders klamm.«

»Also sind wir Ihnen weiter Nichts schuldig?«

»Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen morgen früh vielleicht

--«

»Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken,« unterbrach ihn Franz ziemlich

kalt und trocken, »daß von jetzt an jede Geschäftsverbindung zwischen

uns aufgehört hat --«

»Unsinn, Franz -- Sie wissen ja --«

»Entschuldigen Sie, mein Name ist für _Sie_ Mr. Hamann; mein Vater hat

heute die Führung dieses Hauses in meine Hände gelegt, und ich ersuche

Sie, alle weiteren Bemühungen für mich zu unterlassen.«

»Hoho« -- rief Messerschmidt dunkelroth im Gesicht werdend, und sich

hoch dabei aufrichtend -- »weht der Wind aus _der_ Richtung, und hat der

Alte richtig den dummen Streich, gemacht?«

»Ich verbitte mir solche Bemerkungen, Herr Messerschmidt --«

»Oh Herr -- ich werde Ihre Schwelle nicht mehr betreten --«

»Ich bin davon überzeugt,« sagte Franz, vollkommen ruhig, »würde auch

sonst mich in die unangenehme Nothwendigkeit versehn, Sie

hinauszuwerfen.«

»Herr Hamann!« rief der Agent drohend.

»Herr Messerschmidt?« sagte Franz ihm ruhig aber fest und entschlossen

in's Auge sehend.

»Es ist gut!« rief dieser, keineswegs gewillt dem jungen Mann

entgegenzutreten; »das ist mein Dank jetzt für die jahrelange Protektion

dieses Hauses, das aber jetzt _kein_ Gast mehr betreten soll, den _ich_

daran verhindern kann.«

»Sie werden zu spät zu Ihrem #Lunch#[4] kommen,« sagte Franz ziemlich

bedeutungsvoll auf die Thür zeigend.

»Jimmy, Sie sind mein Zeuge, wie ich hier behandelt werde,« rief

Messerschmidt mit gekränktem Stolz, »Sie werden mir dafür Rede stehn

müssen, Herr Hamann.«

»Sie werden wirklich zu spät zu Ihrem #Luncheon# kommen,« sagte der

junge Hamann, die Thüre jetzt selber öffnend und mit einer ungeduldigen,

nicht miszuverstehenden Bewegung hinausdeutend.

»Guten Morgen Herr Hamann!« rief da der Agent, bebend vor Zorn, drückte

sich den Hut fest in die Stirn, und flog im nächsten Augenblick voll

und breit gegen die Gestalten zweier anderer Männer an, die eben im

Begriff waren, die beiden steinernen Stufen in das Schenkzimmer

hinaufzusteigen.

»Hallo,« sagte der Erste von diesen, nur mit Mühe sein Gleichgewicht

bewahrend und dem Davonstürmenden erstaunt nachsehend, »der hat's

verdammt eilig -- das Gesicht sollt' ich auch kennen, ging der

freiwillig, oder _wurd'_ er gegangen?«

Der junge Hamann warf einen flüchtigen Blick auf die neu Eintretenden

und drehte sich dann, ohne sich weiter mit ihnen einzulassen, rasch

herum und verließ das Zimmer.

»Alle Wetter, Mr. Meier!« rief da der Barkeeper den früheren »Boarder«

erkennend -- »wo haben Sie die Zeit gesteckt -- man hat Sie ja mit

keinem Auge mehr gesehn.«

»Geschäftsreisen, mein junger Freund, Geschäftsreisen,« sagte der

Passagier der Haidschnucke, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog,

und mit den Achseln zuckte, »komme gerade von Milwaukie herunter, die

»balsamische Luft« des Südens einzuathmen. Aber weshalb war der Mann,

der da zur Thür hinaussprang und mich beinah über den Haufen warf, so in

Eile? -- irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?«

»Häusliche Scenen wie sie manchmal in einer Familie vorkommen,« lachte

Jimmy ausweichend -- »soll ich Gläser aufsetzen?«

»Hm, ja -- aber nicht hierher,« sagte Meier -- »gebt uns ein paar Glas

rechten steifen kalten Punch -- lieber etwas reichlich Zucker und

Citrone, aber desto mehr Arrak -- dort in das Eßzimmer an den kleinen

Ecktisch -- wir haben 'was mit einander zu reden -- werft auch ein paar

Stück Eis hinein, und wenn Ihr noch zwei andere Gläser in Vorrath macht,

schadet's ebenfalls Nichts -- wir sind alle Beide durstig.«

»Ich auch,« sagte Jimmy.

»Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zurecht; uns aber nicht

schlechter, verstanden? -- werdet ja wohl irgendwo so eine bestaubte

Flasche noch stecken haben.«

Meier winkte dabei seinen Gefährten ihm zu folgen, und ging mit ihm in

das Nebenzimmer, wo ein paar deutsche Zeitungen auflagen, und sie, mit

diesen zwischen sich, ohne jedoch darin zu lesen, an einem kleinen Tisch

dicht am Fenster und der nächsten Wand, Platz nahmen.

»Nun, was war's also Kamerad, was Du mir sagen wolltest,« frug hier

Meier seinen Gefährten -- »wir sind hier ungestört.«

»Wißt Ihr, was aus Euerer Frau geworden ist?« frug der Andere, eine

kleine, gedrungene Gestalt mit struppigem, grau gesprenkelten Bart und

darüber unstät umhersuchenden kleinen grauen, stechenden Augen, sonst

aber in anständiger behäbiger Tracht.

»Meiner _Frau_?« sagte Meier erstaunt, »wie kommt Ihr auf die? _lebt_

sie denn noch?«

»Ein zärtlicher Gatte, das muß wahr sein,« lachte Pelz -- auch

eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt in anderer

Schaale -- »sie war noch vor acht Tagen hier in New-Orleans.«

»'S ist mir lieb daß Ihr sagt sie _war_« -- brummte Meier, »hol' der

Teufel das Weibervolk, das flennt und heult und wimmert und ist immer

eine Kette am Fuß, wo der Mann einmal einen raschen, entscheidenden

Schritt zu thun gedenkt. Wo ist sie hin?«

»Zu Schiff fort.«

»Zu Schiff?« rief Meier, rasch und erstaunt in seinem Stuhle auffahrend.

»Mit einem deutschen Schiffe zurück,« bestätigte aber der Andere.

»Nach _Deutschland_ zurück; ist sie denn toll? -- aber Ihr habt Euch

geirrt, Pelz, das kann sie nicht gewesen sein.«

»Geirrt? -- ich werde die Frau nicht kennen;« sagte der Mann mürrisch

-- »sie sah noch dazu weit besser aus als an Bord, ging einfach und

reinlich gekleidet, und hatte 'was höllisch Ordentliches an sich; trug

auch keinen Schmuck mehr, weder am Hals noch in den Ohren, und kam mir

nur verdammt elend vor.«

»Und hat sie _Euch_ gesehn?«

»Ja; aber ob sie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht kennen wollte,«

sagte Pelz, »weiß ich nicht. Sie sah mir ein paar Secunden starr in's

Gesicht, und ging dann still und ernst an mir vorüber auf's Schiff, das

etwa eine halbe Stunde später seine Taue einholte und, von einem Dampfer

in's Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.«

»Glückliche Reise,« brummte Meier, sein Glas, das ihm in diesem

Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug leerend.

»Danke,« sagte dieser etwas erstaunt, »aber woher wißt _Ihr_, daß ich

fort will?«

»Ihr?« sagte Meier, mit einem halbspöttischen Lächeln den Barkeeper über

sein Glas ansehend, »nun dazu braucht man kein Prophet zu sein; Ihr habt

Euch ja, so lange wir hier sind, die Gelenke schon in einem fort zum

Marschiren eingerenkt.«

»Hundeleben hier,« sagte Jimmy, der sich Meiers Einladung nach sein Glas

mit zum Tisch gebracht hatte, und jetzt daran nippte, »möchte hier nicht

länger _abgemalt_ sein.«

»Wär auch Schade um die Farbe,« lachte Meier -- »aber was ist im Wind?

-- Skandal im Haus?«

»Neue Wirthschaft!« sagte Jimmy mit einem vorsichtigen Blick nach der

Thür -- »_moralische_, verstanden? -- der Sohn hat die Haushälterin

_endlich_ geheirathet, und nun wird's _fromm_ im Hause hergehn. _Wie_

das Geld verdient ist, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt

man ein Gesangbuch.«

»_Viel_ Geld hier verdient, sollt' ich denken,« sagte Meier, den Rest

seines Glases hinunterspülend und dieses dem Barkeeper zu neuer Füllung

hinreichend.

»Ein Haufen,« versetzte dieser, aber wieder leise -- »der Alte muß oben

einen Kasten voll haben, Gott weiß wie groß.«

»Kostet auch viel so eine Wirthschaft,« sagte Pelz, ruhig vor sich

niedersehend -- »wer das nicht weiß, glaubt's kaum -- das geht meist

Alles wieder d'rauf.«

»Wie Ihr's versteht,« rief Jimmy, in Eifer gerathend, seine Behauptung

bezweifelt zu sehn; _ich_ weiß was da _hinauf_ gekommen ist, und daß

Nichts wieder herunter geht, denn Alles, was die Wirthschaft selber

kostet, wird aus der Kasse hier bestritten -- _so_ scharf geht's. Wenn

der alte Hamann in seinem Geldkasten oben nicht seine _Hunderttausend_

liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.«

»Noch ein Glas, Jimmy, bitte,« sagte Meier -- »mein Kamerad ist auch

fertig, und _Ihr_ trinkt so langsam, als ob's Wasser wäre, wir haben

Durst.«

»Gleich,« sagte Jimmy, mit den Gläsern wieder zurück in die Bar gehend,

während die beiden Männer bedeutsame Blicke mitsammen wechselten.

»Ich glaube, der Junge taugte dazu,« flüsterte Pelz leise und rasch.

»Vielleicht -- vielleicht auch nicht,« sagte Meier, mit dem Kopf

schüttelnd -- »nur um Alles in der Welt vorsichtig.«

»Nu versteht sich; aber _der_ weiß Hausgelegenheit --«

»Pst -- er kommt.«

»Da -- _der_ wird Euch noch besser schmecken,« sagte Jimmy, mit den

frisch gefüllten Gläsern hereinkommend, und die Lippen schon im Voraus

ableckend, »der ist famos.«

»Ne zum Donnerwetter Jimmy, das sollte mir wirklich leid thun wenn Ihr

fort gingt,« sagte Meier -- »wo kriegt denn der Esel von Wirth auch

gleich wieder einen solchen Barkeeper her? Ihr kennt doch das Geschäft

von innen und außen.«

»Sollt' es denken,« brummte Jimmy an seinem zweiten Glas vorsichtig

nippend.

»Und das Haus und die Wirthschaft --«

»Wie meine Tasche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.«

»Apropos Jimmy,« sagte Meier, seinen Punch dabei mit dem Löffel umrührend,

»ist noch Platz hier im Haus für uns Beide?«

»Das wird schwer halten,« meinte der Barkeeper, die Augenbrauen in die

Höhe ziehend -- »so arg ist's noch beinah nicht gewesen wie heuer, mit

der Einwanderung.«

»Oh das wird alle Jahr besser, Kamerad,« lachte der Alte dazwischen

-- »je hübscher sie's drüben in Deutschland treiben, desto mehr Leute

glauben, daß sie so ein Glück gar nicht verdienen. Wie bei einem vollen

Kelterfaß -- je mehr man oben drauf preßt, je mehr läuft über den Rand

fort, bis die Presse unten aufsitzt -- und dann kann man vielleicht

wieder frisch nachgießen.«

»Und das _Beste_ läuft oben ab,« sagte Jimmy, nicht ohne einen gewissen

Humor die Beiden betrachtend.

»Wenn man _uns drei_ hier ansieht,« bestätigte Pelz, »sollte man's

beinah glauben.«

»#Don't flatter me, Mr. Mac Karthy# wie die Wittwe sagte,« meinte Jimmy

in einem breiten Schmunzeln.

»Also es wird wohl noch Platz für uns werden, nicht wahr Jimmy?« nahm

Meier die vorige Frage wieder auf.

»Platz? ja das weiß ich wahrhaftig nicht; wenn's _gestern_ gewesen wäre,

wo noch vernünftige Menschen im Hause regierten, ja, da wäre Platz

_gemacht_ worden, wenn keiner mehr da war; ob sich aber der gestrenge

Herr von _Heute_ dazu verstehen wird, ist eine andere Frage -- es könnte

Einer von dem Bauerpack dabei _incommodirt_ werden, und in der Hinsicht

werden jetzt furchtbar strenge Rücksichten genommen.«

»Hm so? und erst seit heute Morgen?«

»Heute ist die Geschichte an den jungen Hamann übergeben worden,« sagte

Jimmy leise, »und der Alte lebt von jetzt ab von seinen Interessen.«

»Alle Wetter, da muß er sich einen hübschen Pfennig gespart haben,«

sagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken Auge zuwinkend, »wenn _wir_

das hätten, Jimmy, _wir_ legten's nicht hin, einen faulen Bauch bis an

sein Ende zu füttern, so viel weiß ich.«

»Ne, das ist sicher,« sagte Jimmy, der plötzlich wieder an seinen Fingern

begann, »aber an unser Einen kommt so 'was auch nicht.«

»Ih nu,« brummte Pelz, sich seinen kurzen Bart kratzend, »die

Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier eingezogen, sind doch

auch nur ganz gewöhnliche Bauern, und _ich_ möcht' es nicht auf einmal

fortschleppen, was sie in ihren Koffern mit herumführen.«

»Die Koffer sind mordmäßig schwer,« betheuerte Jimmy.

»Jimmy, 's ist wahrhaftig Schade, daß Ihr hier Euere Fähigkeiten so

nutzlos verschwendet, Brandy und Bier einzuschenken,« meinte Meier,

nach kurzer Pause -- »ich wüßte eine famose Beschäftigung für Euch.«

»Und die wäre?« frug der Barkeeper neugierig.

»Wir sprechen ein andermal darüber,« erwiederte Meier ausweichend,

»wenn's nur einen Platz für uns im Hause gäbe.«

»Ich denke, ich kann noch einen schaffen,« sagte Jimmy, sich die Sache

ein wenig überlegend -- »Ihr macht Euch doch natürlich Nichts draus in

_einem_ Bett zu schlafen?«

»Keine Objektion in der Welt,« betheuerte Meier.

»Und die Aussicht ist auch ziemlich gleichgültig?«

»Total.«

»Gut, gleich über den Mecklenburgern ist noch ein kleines Käfterchen mit

einem Bett drin, dicht unter dem Dach; sonst nicht viel Bequemlichkeiten

oben, aber famose frische Luft, wenn Ihr _das_ haben wollt, frag ich den

Schlaps, den jungen Herrn Hamann gar nicht, und schaff Euch hinauf. Aber

wo ist Euer Gepäck?«

»Kommt in einer halben Stunde etwa mit der #dray#. -- Also sind wir

eingezogen?«

»Denke so,« sagte Jimmy, die geleerten Gläser mit dem dazu gelegten

Geld mit fortnehmend nach der Bar. Ohne dann weiter seinen jungen Herrn

um Erlaubniß zu fragen, wieß er den beiden neuen Gästen ihr kleines

Kämmerchen an, es ihnen selber überlassend, ihr Gepäck hinaufzuschaffen,

und ging wieder in die Bar hinunter, wo er, die Hände auf dem Rücken,

mit raschen Schritten und in tiefen Gedanken auf- und ablief. Das

Gespräch mit den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht,

und Jimmy brauchte einige Zeit, die gehörig zu verarbeiten.

Capitel 6.

Kapellmeister Eltrich.

Das Paketschiff von Havre war angekommen, und von den verschiedenen

Passagieren desselben hatte sich Einer, der im St.-Charles-Hotel

abgestiegen, kaum Zeit genommen, seine Kleider zu wechseln und war dann,

jedenfalls dringende Geschäfte zu besorgen, ein paar Stunden lang Straße

auf und ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt sein

Fuhrwerk ablohnte, und müde und erhitzt in eine der dort befindlichen

kleinen Eisbuden trat, sich abzukühlen und ein Glas Sherbet zu trinken.

Die Passage da vorbei war sehr belebt, kleine Gruppen von Kaufleuten

standen überall zusammen, Geschäfte wurden entrirt und abgeschlossen,

Aufträge gegeben und genommen und selbst neben dem Glas Gefrorenen in

der Bude, das oft unbeachtet zusammenschmolz, hatten die Leute ihre

Brieftafeln vor sich liegen, und notirten und rechneten mitsammen, und

ordneten die Bestimmungsorte jener Wälle von verschiedenen Waaren, die

draußen an der Levée durch Tausende von Händen aufgehäuft, und zugleich

wieder durch andere fortgeführt wurden, ohne sich anscheinend zu

vermindern oder zu vermehren.

Nur der eben angekommene Fremde hatte, wie es schien, mit Geschäften

Nichts zu thun; sein einziger Zweck war, sich auszuruhn und zu erholen,

und selbst das Leben und Treiben um ihn her interessirte ihn nicht, oder

war ihm bekannt, denn er nahm abwechselnd eine der verschiedenen, dort

liegenden Zeitungen zur Hand, flüchtig die Spalten überfliegend, oder

saß auch wohl, in Gedanken vor sich niederschauend da, nicht einmal die

Vorübergehenden beachtend.

»Täuschen mich meine Augen nicht, oder habe ich das Vergnügen, Herrn von

Hopfgarten wieder einmal begrüßen zu können?« sagte in diesem Augenblick

eine feine, unserem alten Freund sehr wohl bekannte Stimme, der auch

rasch, aber zugleich erstaunt zu der breiten, korpulenten Gestalt des

vor ihm stehenden Mannes aufsah, und sich trotzdem auf das Gesicht

durchaus nicht besinnen konnte.

»Ich weiß nicht« -- sagte er wirklich etwas verdutzt, von seinem Stuhle

aufstehend und die ganze Figur des Mannes, der jedenfalls seinen Namen

kannte, auf das Aufmerksamste betrachtend -- »Gestalt und Stimme erinnern

mich allerdings an einen früheren Reisegefährten, aber zu denen paßt das

Gesicht durchaus nicht.«

»Ja, mein guter Herr von Hopfgarten,« sagte wieder die nur zu wohl

bekannte Stimme, während der Mann selber vergnügt dabei mit dem Kopfe

nickte -- »ich bin es auch eigentlich nicht mehr; ich habe mich geschält

und die Haut abgeworfen, wie eine Klapperschlange. Schöner bin ich

dadurch freilich nicht geworden, aber heiße doch noch immer Christian

Mehlmeier.«

»Also sind Sie's _doch_!« rief Hopfgarten, ihm freundlich die Hand

entgegenstreckend, »aber um Gottes Willen, Mann, was ist mit Ihnen

vorgegangen? ich hätte Sie im Leben nicht wieder erkannt.«

»Ja, das ist anderen Leuten auch so gegangen,« schmunzelte Mehlmeier

in seinen weichsten Tönen vor sich hin -- »sehn Sie sich einmal mein

Gesicht genauer an.«

»Haben Sie die Blattern gehabt?« frug Hopfgarten mitleidig -- »es ist

voller Narben -- und die Augenbrauen fehlen ganz. Was in aller Welt

haben Sie mit sich angefangen?«

»Es ist mir wie Berthold Schwarz gegangen,« sagte Herr Mehlmeier, mit

seinem vergnügtesten Gesicht -- »ich habe ebenfalls, freilich nach einem

vorgeschriebenen Recept, auf die Art wie er, das Pulver erfunden, war

jedenfalls über die unerwartete Explosion eben so erstaunt wie er. Sie

-- Sie erinnern sich vielleicht noch des -- des Geschäfts, was ich

damals betrieb, als Sie mich, hier ganz in der Nähe, dort am Markt

drüben, fanden?«

»Sie verkauften Schwefelhölzer, wenn ich nicht irre --«

»Ich stand wenigstens zu diesem Zweck an einem jener Pfeiler,« betätigte

Mehlmeier, »verkaufte übrigens ungemein wenig, und diente eigentlich, wenn

ich so recht an jene Zeit zurückdenke, nur dazu, etwa Vorübergehenden,

die mich um Feuer baten, ihre Cigarren anzuzünden. »Danke« sagten

dann die Leute und damit war die Sache abgemacht; _sie_ gingen ihren

Geschäften nach, und ich blieb an dem Pfeiler stehn, über das meinige

Betrachtungen anzustellen.«

»Sie sehen jetzt weit besser, weit behäbiger in Ihrem Äußern aus,« sagte

Hopfgarten.

»Das wäre noch immer kein großes Lob,« meinte Mehlmeier, »denn

_schlechter_ wie ich damals aussah, kann der Mensch nicht gut

anständiger Weise in der Welt herumlaufen. Hosen und Rock hielten

gewissermaßen nur aus Gefälligkeit für mich zusammen, und außerdem

durfte ich nicht einmal vor Dunkelwerden Abends von meinem Pfeiler, den

ich mit der Dämmerung in Besitz nahm, weggehn, meines hinteren Menschen

wegen. Da traf ich _Sie_ und den fremden Herrn, der mit Ihnen war, und

von der Stunde an, mein guter Herr von Hopfgarten änderte sich mein

Loos. Ich hatte damals schon lange bemerkt, daß die Leute, welche die

Streichhölzer fabricirten, einen recht hübschen Nutzen dabei machten,

während wir Verkäufer daran verhungern konnten; von zu Hause aus war

ich auch mit der Fabrikation vollkommen gut bekannt, das Material dazu

hätte ich hier billiger wie irgendwo gehabt, das Holz brauchte ich

nicht einmal zu kaufen, denn eine kleine Strecke von der Stadt entfernt,

konnte ich mir so viel davon selber nehmen, wie ich brauchte, aber -- ich

hatte kein Capital um damit zu beginnen, und meine täglichen Einnahmen

gelangten oft nicht einmal zu der Höhe, mich, worauf ich den ganzen Tag

hungerte, Abends satt zu essen. Ich mag beiläufig bemerken, daß ich der

Schrecken der verschiedenen kleinen Eßbuden geworden war, in die ich,

sobald sich meine Kasse in den Umständen befand, ein Abendessen zu

zahlen, hineinfiel. An jenem Tage nun gab mir jener fremde Herr für

eine unbedeutende Nachricht ein Stück Geld -- ein Goldstück. Herr von

Hopfgarten -- ich will nicht versuchen, Ihnen zu schildern, was ich an

dem Tage ausgestanden habe« -- sagte Mehlmeier; seine Stimme klang dabei

leise und heiser, indeß ihm ein paar große schwere Thränen, trotzdem,

daß er mit den Augen auf das Lebhafteste blinzte und sie zurückzudrücken

suchte, zwischen die Wimpern traten -- »es war _kein_ verdientes Geld,

ich mochte dagegen argumentieren, wie ich wollte,« setzte er dann nach

kurzer Pause hinzu, »und ich -- ich war zuletzt fest davon überzeugt,

daß ich die kleine Summe -- für mich damals ein Capital -- mehr meinen

zerissenen Hosen, als der Nachricht verdankte.«

»Nein, lieber Herr Mehlmeier,« rief aber Hopfgarten rasch dazwischen

-- »die Kunde, die Sie uns gaben, hätte tausend solcher Stücke verdient

-- der alte Herr suchte sein _Kind_ und Sie zuerst brachten ihn auf die

rechte Spur.«

»Es freut mich ungemein, wenn ich dem fremden Herrn nützlich gewesen

bin,« sagte Mehlmeier ruhig, »_das_ aber war meine damalige Ansicht von

der Sache und -- hat sich auch bis jetzt noch nicht verändern können.

-- Aber meine Lage änderte sich damals. Für zwei Dollar kaufte ich mir

ein blaues Überhemd, eine solche Hose, wie sie die Feuerleute und Matrosen

tragen, ein paar Schuh, einen Hut und ein Halstuch. Trotzdem behielt

ich noch genug übrig, mich einmal recht tüchtig satt zu essen und -- es

war vielleicht eine Schwäche, aber ich hatte eine unendliche Sehnsucht

danach -- ein Glas Bier zu trinken, und für die übrigen zwei Dollar

schaffte ich mir das nöthige Material an, auf _meine_ Art _gute_

Streichhölzchen herzustellen. Mörser und sonstige Geräthschaften mußte

ich mir allerdings im Anfang noch borgen, aber das Alles machte ich,

jetzt einmal in anständigen Kleidern, wo ich mich wenigstens sehn lassen

konnte, möglich, und so klein die Quantität sein mußte, die ich mit

meinen geringen Mitteln zum ersten Mal fabricirte, so sehr sprach die

Qualität an. Wohin ich Proben brachte, bekam ich Bestellungen, von denen

ich im Anfang nur einen kleinen Theil ausführen konnte, mit jeder Woche

mehrte sich aber meine Einnahme, mit jeder Woche konnte ich größere

Mengen liefern, und war zuletzt sogar im Stande, mir erst einen, dann

zwei und mehre Arbeiter zu nehmen, dem immer steigenden Bedarf zu

begegnen. Gleich im Anfang, bei der Zusammenstellung einer Mischung,

passirte mir eines Abends das Unglück, daß mir die ganze Masse im

Mörser explodirte, und ich fand mich erst am andern Morgen in der

entgegengesetzten Ecke meines Zimmers wieder, da die Nachbarn weiter

keine Notiz von dem Knall und Qualm genommen.

»Seit der Zeit befinde ich mich aber ausnehmend wohl; ich _boarde_ in

einem anständigen Französischen Kosthaus und beschäftige jetzt elf

Arbeiter, lauter arme deutsche Einwanderer, die ich mir abrichte und gut

bezahle, verdiene dabei ein recht hübsches Geld und beginne sogar schon

an Sparen und Zurücklegen zu denken, drohenden Alters wegen.«

»Nun das freut mich wahrhaftig recht, recht herzlich von Ihnen zu

hören,« sagte Hopfgarten, dem fast die Thränen in die Augen gekommen

waren, bei der so anspruchslos und wirklich rührend vorgetragenen

Erzählung, indem er seinem alten Reisegefährten die Hand reichte und

derb und freundlich schüttelte; »es giebt wenig Leute, lieber Mehlmeier,

die so ernst und entschlossen und so brav und rechtschaffen dabei, einem

einmal gesteckten Ziele entgegenstreben, und ich wünschte in der That

recht von Herzen Ihnen irgend einen Dienst erweisen zu können, um Ihnen

zu zeigen, wie sehr ich Sie achte und schätze.«

»Ich danke Ihnen recht herzlich, mein guter Herr von Hopfgarten, für die

freundlichen Worte,« sagte Mehlmeier, wirklich gerührt, »Sie thun mir

wohl -- und eine Bitte hätt' ich wirklich an Sie, wenn Sie dieselbe

erfüllen wollten.«

»Von Herzen gern -- und was ist es?«

»Sie kennen den Herrn, der -- der mir damals das Goldstück gab?«

»Sehr gut -- ich komme jetzt gerade von dort her -- war nämlich in der

Zeit wieder in Deutschland --«

»Sie waren in Deutschland?« frug Mehlmeier, rasch und erstaunt, »ja, hm

-- das ist eigentlich gar nichts so Wunderbares, denn man fährt jetzt

rasch genug herüber und hinüber, aber -- es ist doch ein eigenes,

sonderbares Gefühl, wenn man so von Deutschland sprechen hört, fortwährend

Schiffe sieht, die hinüber gehn und von dorther kommen, und -- so gern

man hinüber _möchte_, und auch _könnte_, was eben die Passage betrifft,

doch auf der weiten Gottes Welt da drüben, wo man doch eigentlich zu

Hause ist, Nichts weiter zu thun hat; Nichts wieder anfangen könnte, und

nun ganz allein aus dem Grunde hier bleiben muß.«

»Aber mit was sollte ich Ihnen dienen?«

»Ja,« sagte Mehlmeier rasch, »sehn Sie den Herrn -- wie war sein Name

gleich?«

»Dollinger.«

»Sehn Sie den Herrn Dollinger wieder?«

»Hoffentlich bald, jedenfalls schreibe ich ihm in den nächsten Tagen.«

Mehlmeier griff in die Tasche, nahm ein Amerikanisches Goldstück heraus

und sagte, es Herrn Hopfgarten hinreichend:

»Dann thun Sie mir die große Liebe, mein bester Herr von Hopfgarten, und

geben Sie ihm das _Goldstück_ nicht allein zurück, sondern sagen dem

Herrn auch _wie_ Sie mich wieder gefunden haben, und daß ich das nur

allein als _sein_ Werk betrachten könne, ihm auch ewig dankbar dafür

sein würde.«

»Aber mein bester Herr Mehlmeier,« rief Hopfgarten, das Goldstück

zurückweisend, »Herr Dollinger ist ein reicher, ein _sehr_ reicher Mann,

und ich weiß --«

»Und wenn er ein Millionair wäre,« sagte Mehlmeier fest und bestimmt,

»es ist nicht der wenigen Thaler, es ist der Sache wegen, das Geld hat

mir auf der Seele gebrannt, und Sie erzeigen mir einen unendlich großen

Dienst, wenn Sie es dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückerstatten. Es hat

mir genug genützt, und da jetzt die _Ursache_ verschwunden ist, der ich

es verdanke« -- und Mehlmeier warf einen wehmüthigen Blick an seinen

Beinen hinunter -- »so darf ich auch mit gutem Gewissen die Wirkung

zurückgeben. Sie thun mir einen _großen_ Gefallen mit der Erfüllung

meiner Bitte, mein lieber Herr von Hopfgarten.«

»Sie sind ein wunderlicher Mensch,« sagte der kleine Mann freundlich,

das Goldstück dabei nehmend und einsteckend, »ich will es besorgen; aber

Herr Dollinger glaubt sich Ihnen nun einmal zu Dank verpflichtet, und

wird das auf andere Weise wieder gut machen wollen. Jedenfalls muß er

Ihnen die Quittung einsenden, daß _ich_ wenigstens das Geld richtig

abgeliefert habe, und ich möchte Sie deshalb um Ihre Adresse bitten.«

»Das wird nicht nöthig sein,« sagte Herr Mehlmeier mit einem wehmüthigen

Blick.

»Nein, nein; es muß Alles seine Ordnung haben,« rief Hopfgarten, »also

Ihre Adresse?«

»Erlaube ich mir denn hier auf einem Exemplar meines Fabrikats zu

überreichen,« sagte Mehlmeier mit einer etwas linkischen und verlegnen

Verbeugung Hopfgarten ein kleines elegantes Etui mit Streichhölzchen,

auf denen seine genaue Firma angegeben stand, übergebend, »das sind

meine Visitenkarten,« setzte er lächelnd hinzu.

»Vortreffliche Visitenkarten,« lachte Hopfgarten, sie betrachtend

und einsteckend; »aber apropos, mein lieber Herr Mehlmeier, Sie als

wandernder Adreßkalender sind vielleicht im Stande mir wieder eine

Auskunft zu geben. Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich einen

gewissen Ledermann, einen Juristen, hier in der Stadt finde?«

»Ledermann? -- Ledermann? -- nein, der Name ist mir gänzlich unbekannt,«

sagte Mehlmeier, sehr bestimmt mit dem Kopf nickend; Hopfgarten kannte

aber seine schwache Seite mit den verkehrten Gesticulationen, und wußte

was er meinte.

»Er arbeitete früher in dem Bureau des Mr. Mac Culloch, des Staatsanwalts,«

setzte er dann hinzu, »der ist aber in diesem Augenblick verreist und

sein Bureau geschlossen, und von den Hausleuten wollte ihn Niemand

kennen.«

»Ledermann?« sagte Mehlmeier, die Hände am Kinn, in tiefem Nachdenken.

»Eine lange hagere Gestalt,« half Hopfgarten seinem Gedächtniß nach,

»ein dünnes, mageres Gesicht und blonde Haare.«

»Hm, ich kenne einen Herrn _Fort_mann, der etwa auf diese Beschreibung

paßte.«

»Donnerwetter, _Fort_mann!« rief Hopfgarten, sich vor den Kopf schlagend,

»jetzt hab' ich die Namen verwechselt -- Fortmann heißt er ja auch

-- Mehlmeier, Sie sind ein kapitaler Mann -- _wo_ find' ich den?«

»Ja, wo Sie den _jetzt_ finden, wenn er nicht in seinem Bureau ist,

weiß ich allerdings auch nicht -- er müßte denn sonst vielleicht beim

Kapellmeister sein.«

»Was für ein Kapellmeister? -- wo wohnt der?«

»Kapellmeister Eltrich, gar nicht weit von hier.«

»Eltrich? -- _unser_ Eltrich von der Haidschnucke? -- ich glaubte, der

sei ein Arbeiter an einem Dampf- oder Flatboot geworden.«

»Allerdings, im Anfang, weil ihm seine sämmtlichen Sachen, selbst seine

Violine gestohlen worden; nachher aber hat er sich ganz tüchtig wieder

herausgearbeitet, und jetzt eine brillante Anstellung an der hiesigen

französischen Oper erhalten.«

»Und dort ist Ledermann zuweilen?«

»Herr Fortmann? ja, aber wir gehn hier nur diese Straße hinunter, und

ich kann Ihnen dann das Haus zeigen.«

»Kommen Sie nicht mit hinauf?«

»Es ist meine Arbeitszeit jetzt, mein bester Herr von Hopfgarten,« sagte

Mehlmeier, »und ich habe mich überdieß schon zu lange von meinen Leuten

entfernt -- jedenfalls hoffe ich Sie noch zu sehn ehe Sie New-Orleans

verlassen. Denken Sie sich lange hier aufzuhalten?«

»Einige Tage -- doch noch eins, mein lieber Mehlmeier, so viele Menschen

sind Ihnen hier vorgekommen -- wissen Sie vielleicht zufällig, wo sich

-- Herr Henkel jetzt aufhält?«

»Nein, das ist merkwürdig, _den_ Herrn habe ich auch mit keinem Auge

wieder gesehn, seit wir gelandet sind. Im Anfang ging einmal ein dumpfes

Gerücht, daß doch nicht Alles mit ihm so in Ordnung -- nicht eben Alles

Gold sei, aber ich weiß nicht, ich habe weiter Nichts darüber gehört und

-- wenn ich aufrichtig sein soll, mich nicht weiter darum bekümmert.

Sehn Sie dort? das ist die Wohnung Eltrichs -- das kleine freundliche

weiße Häuschen, mit den grünen Jalousieen, und dorthinein wohne _ich_.

Also mein lieber Herr von Hopfgarten, ich habe die Ehre mich Ihnen auf

das Freundlichste zu empfehlen.«

Hopfgarten nahm herzlichen Abschied von ihm; der Mann hatte etwas rührend

Hartnäckiges in seinem ganzen Wesen, mit dem er dem Unglück die Spitze

geboten und sich, allen bösen Neigungen wacker dabei begegnend, an die

Oberfläche gearbeitet.

Noch stand er in der Straße, unfern von Eltrichs Wohnung, und sah

dem rasch und geschäftig davongehenden Manne nach, als ein, in einen

abgetragenen blauen Frack geknöpftes Individuum an ihm vorüberging,

ihn scharf fixirte, und sich rasch gegen ihn wendend die rechte Hand

-- unter dem linken Arm trug er ein Cigarrenkistchen -- nach ihm

ausstreckte und rief. »Sieh da, sieh da Thimoteus, die Kraniche des

Ibikus -- Herr von Hopfgarten; eine höchst angenehme Erscheinung beim

Zeus, in diesem verdammten hausbackenen Land.«

»Herr Steinert?« rief Hopfgarten erstaunt aus, »ich hätte Sie fast nicht

wieder erkannt -- wie geht es Ihnen?«

Steinert zuckte die Achseln.

»Durch Unglück mehr als durch Versehn,

Verlor Alcest im Handel sein Vermögen

-- verwünschte Geschichte das hier, man darf seinem eigenen Bruder nicht

trauen, wenn man wirklich einen hier hat. Ich habe bittere Erfahrungen

gemacht, Herr von Hopfgarten -- bittere Erfahrungen und -- wenn weiter

Nichts -- Menschenkenntniß gesammelt, wie wohl kaum Einer vor mir. Ich

sage Ihnen, ich könnte eine Geographie des menschlichen Herzens, der

menschlichen Schwachheiten, Laster und Leidenschaften herausgeben.«

Hopfgarten hatte sich indessen, so genau das geschehn konnte, ohne den

Mann durch ein zu scharfes Anschauen zu kränken, die vor ihm stehende

Gestalt betrachtet, und das Resultat fiel gerade nicht zu Steinerts

Vortheil aus. Sein Anzug, einst jedenfalls modern, war abgerissen, und

noch schlimmer, war schmutzig; eben so seine Wäsche. Nur den äußeren

Staat hatte er noch beibehalten; der große Siegelring saß auf einer

ungewaschenen Hand, und neben den Uhrberloquen zeigte das Tuch häßliche

farbige Flecke. Sein Gesicht sah dabei verwildert aus; die Augen lagen

ihm tief und durchschwärmte Nächte, wenn nicht Mangel kündend, in den

Höhlen, und flogen unruhig, ungeduldig, ohne auf irgend einem Punkte zu

haften, umher.

»Und womit beschäftigen Sie sich jetzt,« sagte Hopfgarten endlich, dem

es unheimlich in der Nähe des Mannes wurde, »haben Sie irgend eine

Anstellung? irgend ein -- ein --«

»Ein freies Leben führen wir,« unterbrach ihn aber Steinert, den rechten

Arm mit einer etwas theatralischen Bewegung zum Himmel hebend. »Ich

konnte mich erstlich nie dazu verstehen, zu irgend Jemand in ein

dienstliches Verhältniß zu treten -- der Gott, der Eisen wachsen

ließ, der wollte keine Knechte -- und dann bin ich wohl ein halb Jahr

vergebens herumgelaufen,« setzte er, wieder in eine natürlichere

Stellung zurückfallend, hinzu, »ohne irgend einen passenden Platz für

mich auftreiben zu können. Für jetzt habe ich übrigens eine famose

Quelle ächter Havanna-Cigarren entdeckt,« und er nahm bei den Worten

das Kästchen rasch unter seinem linken Arme vor, »die ich Ihnen mit

gutem Gewissen empfehlen kann, mein bester Herr von Hopfgarten. Famose

Cigarren, sage ich Ihnen, und zu einem Preis,« setzte er leise flüsternd,

und mit einem scheuen Blick umher, hinzu, indem er das Kästchen sehr

aufmerksam und ängstlich öffnete, »wie sie kein Mensch auf der Welt

liefern _könnte_, wenn sie eben nicht -- _geschmuggelt_ wären.«

»Sie wissen ja, bester Herr Steinert, daß ich gar nicht rauche,« sagte

Hopfgarten freundlich, »ich bin auch wirklich in diesem Augenblick so

mit meiner Zeit --«

»Sie rauchen gar nicht?« sagte Steinert etwas bestürzt, »aber Sie haben

doch gewiß Jemand, den Sie mit einem halben Tausend Regalias glücklich

machen würden.«

»In der That Niemanden hier, mein bester Herr; es ist auch schon spät

geworden heute, und ich bin eben erst wieder angekommen.«

»Ich sehe, Sie sind in Eile,« sagte der frühere Weinreisende rasch,

indem er das schon halb geleerte Kästchen -- was in Hopfgarten den

Verdacht aufsteigen ließ, daß er die Regalias auch im Einzelnen verwerthe

-- wieder an seinen früheren Platz zurückschob. »Ich will Sie nicht

länger aufhalten, aber -- ich dürfte Sie wohl um eine Gefälligkeit

bitten. Wir sind hier gerade in der Nähe und ich habe vergessen mein

Portemonnaie zu mir zu stecken -- bin jedoch einem Freund von mir da

drüben fünf Dollar schuldig. _Wären_ Sie wohl so freundlich, mir diese

kleine Summe auf ein paar Stunden zu leihen?«

»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Hopfgarten verlegen, und

unwillkürlich zugleich in seiner angeborenen Gutmüthigkeit in die

Westentasche fahrend, »ich weiß nur nicht --«

»Philemon, der bei großen Schätzen ein edelmüthig Herz besaß,« recitirte

Steinert.

»Wenn Ihnen für den Augenblick mit dieser Dollarnote gedient wäre.«

»Sie sind sehr freundlich -- aber Sie erlauben mir, daß ich es mir

gleich notire; ich habe so vielerlei im Kopf, und morgen zahle ich es

Ihnen jedenfalls zurück. Welches Hotel?«

»St. Charles --«

»Ah, desto besser; dort dinire ich auch gewöhnlich -- Herr von

Hopfgarten »Haben« 1 Dollar.«

Er hatte dabei eine rothe, ziemlich umfangreiche Brieftasche vorgenommen,

die Cigarrenkiste auf das linke emporgezogene und ziemlich geschickt

balancirte Knie gelegt, und notirte sich den Fall auf ein weißes Blatt.

»Mein guter Herr Steinert, ich habe indessen das Vergnügen Ihnen einen

angenehmen Abend zu wünschen.«

»Ah, guten Abend, lieber Hopfgarten, guten Abend,« rief Steinert, ihm,

immer noch in der vorigen Stellung, mit dem Bleistift freundlich

zuwinkend.

Hopfgarten benutzte die Gelegenheit, Eltrichs Haus zu erreichen, und

stieg die wenigen Stufen vor der Hausthür, an deren Klingel er zog,

rasch hinan.

Ein wunderhübsches, nur etwas kränklich aussehendes, beinah weißes

Mädchen, aber doch mit dem eigenen dunkeln Teint und fast blauschwarzen

Haar dieser Race, das die Quadroonin verrieth, öffnete ihm die Thür,

frug den Erstaunten in deutscher Sprache was er wünsche, und führte

ihn dann in das untere Zimmer, wo Hopfgarten zu seiner nicht geringen

Genugthuung -- denn Mehlmeier hatte ganz recht gehabt -- Herrn Ledermann

#alias# Fortmann, am Kaffeetisch bei Eltrichs traf, und von den dreien

auf das Herzlichste begrüßt wurde. Eltrichs kleine reizende Frau war

besonders glücklich den alten Reisegefährten, der sich schon an Bord von

allen Cajütspassagieren immer am freundlichsten gegen sie benommen, bei

sich zu sehn und bewirthen zu können, und verschwand gleich aus dem

Zimmer, aufzutragen, was nur, trotz Hopfgartens Protestiren, Küche und

Keller vermochte.

Nach den ersten Begrüßungen aber lag Hopfgarten viel zu sehr daran zu

erfahren was er von Ledermann hinsichtlich seiner Nachspürungen nach

jenem Soldegg hören sollte. Eltrich wußte überdieß von der Sache, über

die Ledermann schon oft mit ihm gesprochen, und Hopfgarten erfuhr jetzt

daß von Soldegg selber allerdings nicht das Mindeste wieder gesehen

wäre, seit Herr von Hopfgarten die letzten Nachrichten von ihm mit

aus Milwaukie gebracht, daß aber ein Compagnon von ihm, jener Goodly,

unter einem falschen Namen in New-Orleans ertappt sei, und einen

Schlupfwinkel gestohlener Güter verrathen habe, in dem man auch einen

nicht unbeträchtlichen Theil von Herrn Dollingers Waaren gefunden hätte.

Nach allen verschiedenen Staaten, selbst nach Canada hinauf, war indeß

geschrieben worden, des Burschen habhaft zu werden, doch umsonst;

entweder war er untergegangen, oder lebte irgendwo, unter einem falschen

Namen, von seinem Raube, wo es freilich dem Zufall überlassen bleiben

mußte, ihn einmal auszuspüren und zu Tag zu bringen.

Herr _Fort_mann, der übrigens Eltrich gegenüber sein Incognito nicht

beibehalten konnte, da Beide schon in Heilingen befreundet, wenigstens

bekannt gewesen waren, wünschte, wie sich wohl denken läßt, ebenfalls

etwas Neues von dort zu hören, das ihm Hopfgarten denn auch nicht

vorenthielt. Während Frau Eltrich nun dem Gast, der endlich eingestehn

mußte, daß er in aller Eile heute auf Amerikanischem Boden noch nicht

einmal zu Mittag gegessen, ein kleines Mahl mit Claret und Eis

herrichtete und ihn selber dabei, trotz allen Einwendungen, bediente,

mußte er erzählen, wie er es in Heilingen gefunden, wie es dort aussah,

was die Leute dort trieben und -- wie es vor allen Andern der Frau

Aktuar Ledermann ging, für die sich Frau Eltrich ganz speciell

interessirte.

»Hm, ja,« sagte Hopfgarten lächelnd, und emsig dabei beschäftigt ein

kaltes gebratenes Huhn zu zertheilen, »gut -- sehr gut -- hat ihre

Trauer -- dieß Huhn ist wirklich delikat -- hat ihre Trauer abgelegt und

wohnt jetzt bei ihrem Bruder.«

»Existirt der Lump auch noch?« frug Ledermann.

»Wollte wieder ein Geschäft eröffnen,« fuhr Hopfgarten langsam fort,

»scheint aber doch nicht, nach den beiden vorher erfolgten Fällen, das

nöthige Vertrauen gefunden zu haben, und hat sich, auf dringendes

Anrathen des Herrn J. G. Weigel entschlossen, mit seiner Schwester --«

»Den Teufel auch!« rief Ledermann von seinem Stuhl aufspringend, und in

jäher Angst den Schluß des Satzes errathend.

»Mit seiner Schwester,« fuhr Hopfgarten ruhig fort, »nach Amerika

auszuwandern.«

»Was für ein rührendes Wiederfinden das werden würde, Herr Ledermann,«

lachte diesen Frau Eltrich schelmisch an.

»Man soll den Teufel nicht an die Wand malen,« rief aber der Aktuar

wirklich bestürzt -- »tollere Sachen sind schon vorgefallen, und _mir_

bliebe nachher Nichts übrig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen.

-- Aber -- nicht wahr, lieber Herr von Hopfgarten, Sie machen nur Spaß?

das ist Ihr Ernst nicht. -- Meine Frau, ich meine die verwittwete Frau

Aktuar Ledermann, denkt nicht daran nach Amerika zu kommen?«

»Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, daß die Sache schon so gut wie

abgemacht war; das Ziel aber, soviel wie ich davon erfahren konnte, lag

nach den nördlichen Staaten, New-York oder Baltimore, wo Sie denn hier

allerdings nicht viel zu befürchten hätten; ich habe mich, wie Sie

sehen, genau nach Allem erkundigt.«

»Der Henker traue,« rief Ledermann, unruhig im Zimmer auf- und abgehend,

»wenn die Frau erst einmal nicht mehr durch das ganze Weltmeer von mir

getrennt ist, findet sie mich auch wieder heraus, und wenn sie nur erst

einmal eine Ahnung davon bekömmt, daß ich noch lebe, bin ich verloren.«

Eltrich und Hopfgarten lachten über die Angst des armen Teufels, der eine,

vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr schon jetzt heraufbeschwor,

sich selber zu quälen; Ledermann konnte aber den Gedanken nicht los

werden, und Hopfgarten ihn endlich nur dadurch beruhigen, daß er ihm

versicherte, der Schiffsakkord für seine Frau wäre erst für das nächste

Jahr abgeschlossen, bis wohin noch mancher Tropfen Wasser den Berg

hinunter fließe. Übrigens schien kein Mensch in ganz Heilingen, seiner

Betheuerung nach, eine Ahnung zu haben, daß der Aktuar _nicht_ ertrunken,

sondern nach Amerika geflüchtet sei. Der Körper war allerdings, trotz

hartnäckigem Suchen, _nicht_ gefunden worden, aber das _Spielen vor_her,

und die kalte, ruhige, sehr gut geheuchelte Verzweiflung _nach_her,

schienen bei den in solcher Art auch eben nicht mistrauischen Heilingern

keinen Zweifel mehr übrig gelassen zu haben. #Dr.# Hayde besonders

hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen langen, allerdings

etwas schlecht stylisirten Artikel im Tageblatt zu schreiben, worin

er nachwieß, daß der Selbstmord nur eigentlich, trotz einzelner

Ausnahme-Fällen, ein durchaus _bürgerliches_ Laster sei, (und später

dafür von seiner Regierung den gelben Sperlings-Orden fünfter Klasse

erhielt;) die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewiesen, doch

außer allen Zweifel gesetzt. Es dachte sich in der That Niemand die

Möglichkeit eines anderen Falles, und Therese Ledermann selber, wenn

ihr ja einmal ein solcher Gedanke dunkel und unbestimmt vor der Seele

aufgestiegen sein sollte, verwarf ihn eben so rasch wieder. Wo hätte

Ledermann den Muth herbekommen, sich ihrem Regiment auf eine solche

Weise zu entziehn.

Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren, wie Eltrich, von

dem er doch durch Maulbeere gehört, daß er an einem Boote als Handlanger

arbeite, sich so rasch und glänzend heraufgeschwungen habe, und dieser,

seine kleine Frau dabei rasch zu sich nieder auf seinen Stuhl ziehend,

gab ihm gern Bescheid.

Vor allen Dingen erzählt er ihm seine erste Landung, wie sie, durch das

viele Neue verwirrt, den Karren aus den Augen gelassen hätten, auf dem,

von einen Neger gezogen, ihre sämmtlichen Sachen, selbst sein Instrument,

gelegen. Der diebische Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder,

trotz allen Nachforschungen, aufzufinden gewesen. In der ungeheueren

Stadt, wo noch dazu weder über Kommende noch Gehende auch nur die

geringste ernstliche Controlle geführt wird, hätte nur der Zufall sie

auf die Spur des Diebes bringen können.

Dort begann eine schwere Zeit, besonders für seine arme Frau, die, von

allem entblößt, mit dem Kinde der dringenden Noth entgegen ging. Noth

aber lehrt nicht allein beten, sondern mehr noch arbeiten, und fest

entschlossen, sich durch Nichts beugen zu lassen, sondern dem Schicksal

fest und trotzig die Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit _ganz_ andern

Hoffnungen nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl schlugen,

in der Stadt herum _Arbeit_ zu suchen; Arbeit wie sie vorkam, hart oder

leicht, nur Brod zu verdienen, für sich und die Seinen. Nach einiger

Anstrengung gelang ihm das auch -- er wurde zuerst auf einem Flatboot

zum Ausladen der Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das

beendet war, fand sich Arbeit auf einem anderen, und ihre Existenz war

wenigstens gesichert.

Aber er brauchte mehr als das -- er mußte Geld verdienen, wieder eine

Violine, und zwar ein tüchtiges Instrument zu kaufen; er mußte Geld

verdienen, sich wieder anständige Tuch-Kleider anzuschaffen, in denen er

Besuche machen konnte, und seine Finger, die ihm später in seiner Kunst

sein Brod verdienen sollten, ruinirte er indessen mit Fässer rollen und

dem scharfen Tau der Winde. Unermüdlich aber, unverdrossen, schaffte

und arbeitete er dabei im gießenden Regen, wie in der brennenden Sonne,

und sparte jeden Cent, den sie nicht nothwendig zum Leben brauchten,

während sich die Frau ebenfalls Mühe gab Geld zu verdienen, und es

endlich möglich machte, erst von der Frau des Hausbesitzers, und dann

durch diese empfohlen, auch von einigen Nachbarn feine Wäsche zum

Waschen und Plätten zu bekommen.

»Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende Zeit für mich,«

erzählte Eltrich, »denn während ich meinem nächsten Ziel, mir wieder

ein Instrument und uns beiden anständige Kleider zu kaufen, wohl

entgegenrückte, sah ich doch um mich her eine Menge Leute meiner Kunst,

die mit ziemlichem Talent und guten Empfehlungsbriefen ausgerüstet,

ankamen, eine Weile sich schwimmend über Wasser hielten, und dann

spurlos verschwanden. Ich wußte dabei nicht, ob sie untergegangen, oder

nur von der Strömung mit fortgerissen waren, und mußte mir zu meiner

Beschämung gestehn, daß ich wahrscheinlich jetzt mit meiner Hände

Arbeit, als gewöhnlicher Tagelöhner, _mehr_ verdiente, wie es mir

möglich sein würde mit meiner Kunst zu erschwingen; nichts destoweniger

ließ ich den Muth nicht sinken. Dabei hatten wir Glück; meine Frau gab

unserer Wirthin, die sich überhaupt sehr freundlich gegen uns bewieß,

Clavierunterricht, da sie dorthin unseren Knaben mitnehmen konnte. Unser

Schicksal war dabei durch unsere Wirthsleute bekannt geworden, und ich

wurde von dem Eigenthümer unserer Wohnung eines Abends, wo ich gerade

von der Arbeit zu Hause kam, aufgefordert, in einer Gesellschaft, die er

gab, zu spielen. Ein Instrument sollte ich dort vorfinden, und leichte,

anständige Sommerkleider besaß ich schon, Dank unseren Ersparnissen;

aber meine Finger waren steif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte

ich die ganze Zeit geübt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken können,

im Kopf herum -- trotzdem nahm ich, mit einer mir selbst jetzt noch

unerklärlichen Keckheit, die Einladung an, und die Sehnsucht, wieder

einmal einen Bogen in der Hand zu fühlen, mochte wohl größtentheils die

Schuld dabei tragen. Dann aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau

schuldig, Alles zu thun, was in meinen Kräften stand, unsere Lage zu

verbessern, und dadurch geschah vielleicht der erste Schritt.

»Die Gesellschaft versammelte sich ziemlich zahlreich, und ich spielte,

zu Adelens Entsetzen, aber aus sehr natürlichen Gründen, spottschlecht.

Nichts destoweniger waren die Leute freundlich genug gegen mich -- sie

wußten ja, daß ich den Tag über Porkfässer gerollt und Maissäcke

geschleppt hatte; der Wirth aber überließ mir von da an die Violine

zum Üben, bis ich mir selber eine kaufen konnte, und -- veranstaltete

heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich spielte, und es ging

nicht allein vortrefflich, sondern ich kam dadurch auch plötzlich und

eigentlich ganz unerwartet in den Besitz eines Capitals von hundert und

einigen achtzig Dollarn, mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben

beginnen konnte. Am nächsten Tage mußte ich freilich noch einmal Fässer

rollen -- ich hatte dem Mann versprochen gehabt zu kommen und hielt auch

Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann eine neue Existenz.

Allerdings stand ich nicht mehr allein und freundlos da, denn die

Amerikaner und Franzosen, mit denen wir bekannt geworden, und die

doch wohl fanden, daß wir Beide nicht in die Masse der gewöhnlichen

Einwanderer gehörten, nahmen sich unserer auf das Herzlichste an. Ich

sowohl, wie meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Madame

Fleurette, unsere freundliche Wirthin, ließ es sich nicht nehmen, den

Knaben indessen bei sich zu behalten. Wieder gab ich jetzt mit meiner

Frau zusammen zwei Concerte, und während andere, weit größere Künstler

als ich, kaum die Kosten solcher Abende herausgeschlagen, traf ich Zeit

und Umstände so glücklich, daß ich das erste Mal einen Überschuß von

zwei-, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte. Ich bekam einen Ruf

in New-Orleans, und um kurz zu sein, zuletzt die Stelle am hiesigen

Französischen Theater, mit einem recht anständigen Gehalt, habe dabei

Stunden zu geben, so viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit

meiner kleinen Familie wohl und zufrieden.«

Hopfgarten sprach seine innige Freude über das glückliche Gedeihen in

Eltrichs Verhältnissen aus, und erzählte jetzt auch wie er die beiden

früheren Freunde, Steinert und Mehlmeier, gefunden habe.

»Herr Steinert ist ein Lump,« sagte da Eltrich, »und Mehlmeier, trotz

einigen Eigenheiten, die er an sich haben mag, ein Ehrenmann. Wie

Mehlmeier im Unglück war, und Steinert noch Leute fand, die ihm borgten,

hat er den armen Teufel nicht einmal mehr angesehn, und sich seiner

Bekanntschaft geschämt; ihn jetzt aber, wo sich Mehlmeier herausgearbeitet

hat, schon drei oder vier Mal angeborgt. Mehlmeier in seiner Gutmüthigkeit

läßt sich auch beschwatzen, er wird aber doch endlich einmal klug

werden, und aufhören sein Geld in diesen Schmutzbrunnen zu werfen.«

»Wie der Trunk hier in Amerika die Leute ruiniren kann,« sagte Ledermann,

»davon habe ich in der kurzen Zeit meines Aufenthalts hier, schon mehre

recht traurige Beispiele gesehn. So traf ich heute Morgen erst wieder

einen alten Bekannten, und früher sehr wohlhabenden Mann aus oder bei

Heilingen, den Wirth des rothen Drachens dort, den ich in brillanten

Verhältnissen in Deutschland zurückließ.«

»Lobsich? -- hier in New-Orleans? -- was ist mit dem?« rief Hopfgarten.

»Kennen Sie ihn?«

»Von Milwaukie her -- das ist ja derselbe Wirth, in dessen Hause ich

verhaftet wurde; aber was treibt er jetzt? hat er sein Gasthaus

aufgegeben?«

»Seine Frau, die das Ganze zusammengehalten zu haben scheint, ist ihm

gestorben,« sagte Ledermann, »und der Mann hat dann wahrscheinlich durch

den Trunk -- denn er taumelte selbst hier, als ich ihn sah -- sein

Geschäft nach und nach ruinirt.«

»Hat er Sie gesehn?« frug Hopfgarten lächelnd.

»Brille und Bart haben mich sehr verändert,« erwiederte Ledermann etwas

verlegen; »ich kann darin ziemlich sicher sein; dennoch fühle ich mich

nicht wohl hier, und werde mich wahrscheinlich in nächster Zeit weiter

in das Innere zurückziehn; es kommen doch fast zu viel Bekannte

hierher.«

Ledermann mußte jetzt Herrn von Hopfgarten erzählen, was er von den

hiesigen Verhältnissen seiner Bekannten wußte, und besonders interessirte

ihn dabei Hedwig Loßenwerders glückliche Verbindung, die sie in eine

angenehme und unabhängige Stellung gebracht hatte. Er trug auch Briefe

für Hedwig von Clara, wie die Hinterlassenschaft ihres Bruders bei

sich; ebenso die in den gelesensten deutschen Blättern veröffentlichte

Erklärung der Gerichte selber, nach denen der damals angeschuldigte, und

durch unglückliche Umstände zum Selbstmord getriebene Franz Loßenwerder

von jeder Schuld an dem ihm zur Last gelegten Diebstahl freigesprochen,

und sein Name von jedem auf ihm haftenden Makel gereinigt wurde. Herr

Dollinger selber hatte dann noch eine eigene Erklärung erlassen, und

überhaupt Alles gethan, was in seinen Kräften stand, wenigstens das

Andenken des armen unglücklichen Menschen von jedem bösen Leumund zu

befreien, und seinen ehrlichen Namen wieder herzustellen. Ein einfacher

Stein auf seinem Grabe erzählte ebenfalls in kurzen schlichten Worten

seine Leidensgeschichte, und was er unschuldig getragen -- guter Gott,

er war todt, und gedruckte, und in Stein gegrabene Worte konnten das

Unrecht nicht ungeschehen machen, das ein armes, treues Menschenherz in

Gram und Schmerz gebrochen.

Wie froh, aber auch wie schmerzlich mußte die arme Hedwig eine solche

Nachricht bewegen, und Adele bat deshalb ihren Mann die junge Frau,

die sie schon auf dem Schiffe lieb gewonnen, und mit der sie auch in

New-Orleans öfter zusammengekommen, heute Abend _mit_ dem jungen Hamann

hierherzuholen, und ihr die Briefe hier zu übergeben. Eltrich verstand

sich gern dazu, und er und Hopfgarten beschlossen augenblicklich hinüber

nach Fayetteville zu fahren und die jungen Leute gleich mitzubringen.

Ledermann hatte noch einige Geschäfte zu besorgen, versprach aber auch

gegen Abend zurückzukommen und diesen in ihrer Gesellschaft zu

verbringen.

Als Hopfgarten mit Eltrich wieder durch das Haus ging, öffnete ihnen das

junge Quadroon-Mädchen die Thür.

»Wetter noch einmal, was ist das für ein liebes freundliches Gesicht,«

sagte Hopfgarten, als sie draußen auf der Straße waren, und dem nächsten

Omnibus zugingen, »doch mit Negerblut in den Adern.«

»Es ist das erste gute Werk, das ich in Amerika habe thun können,«

lächelte Eltrich, »eine durch mich befreite Sclavin.«

»Was?« rief Hopfgarten, sich rasch und erstaunt nach ihm umdrehend, »das

hab' ich ja gar nicht gewußt, daß Sie schon Zeit zu Entführungen gehabt

-- davon haben Sie mir ja kein Wort erzählt.«

»Die Sache hat auch keineswegs einen solchen poetischen Hintergrund

-- ich habe sie, mit Hülfe meines früheren Wirthes, der mir die Hälfte

der Summe vorgestreckt, _gekauft_, und diese zweite Hälfte arbeitet sie

nun selber ab, so daß sie, mit den Geschenken, die sie bekommt, denn

alle meine Freunde nehmen Theil an ihr, schon wahrscheinlich in zwei

Jahren, vielleicht noch früher, vollkommen frei und ihre eigene Herrin

sein wird. Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal, denn hier

ist unser Omnibus, der uns hinüber nach Fayetteville nehmen soll.«

Sie stiegen in den schon ziemlich gefüllten, auf Rädern gestellten

unförmlichen Kasten, der dazu diente, Passagiere von einem Ende der

Stadt zum andern zu befördern, und mußten eng zusammenrücken, da der

Bursche hinten am Schlag hinein beförderte, was eben Passage bezahlte,

gleichviel wie viel Platz der inwendige Raum bot.

Dicht vor ihnen, auf der gegenüber befindlichen Bank, daß ihre Kniee

ineinanderpreßten, saß ein sehr anständig gekleideter Mann, der Hopfgarten

ungemein bekannt vorkam. Auch dieser fixirte ihn und Eltrich in der

schon einbrechenden Dämmerung ein paar Augenblicke, und dann dem

letztern die Hand entgegenstreckend sagte er freundlich:

»Ich glaube, daß wir zum zweiten Male Reisegefährten sind -- Herr

Eltrich -- Herr von Hopfgarten -- nicht wahr?«

»Leupold, wahrhaftig!« rief Eltrich, rasch und freundlich die

dargebotene Hand nehmend und schüttelnd, »wir haben uns nicht gesehn

seit wir das Schiff verlassen; wie geht es Ihnen?«

»Körperlich _recht_ gut,« sagte Leupold, doch ein recht wehmüthiger Zug

um den Mund strafte ihn Lügen dabei, oder verbarg mehr als er sagen

wollte.

»Sie sind hier in New-Orleans etablirt?« frug ihn Hopfgarten.

»Ja, Herr Baron, und ich muß gestehen, ich habe viel Glück gehabt

-- wie man hier so im gemeinen Leben sagt -- in meiner Familie aber

destomehr Leid.«

»Ist Ihre Mutter krank geworden?« frug Eltrich.

»Sie starb vorigen Herbst am gelben Fieber;« erwiederte Leupold, »auch

ein Knabe, der vor zwei Jahren beide Eltern an der Seuche verloren,

und den ich an Kindesstatt zu mir genommen hatte, nur irgend Jemand zu

haben, den ich lieben konnte, der mich liebte. Sie sind Alle todt, und

ich arbeite jetzt eigentlich für weiter Nichts, als eben zu essen und zu

trinken.«

»Doch sonst geht es Ihnen gut?« frug Hopfgarten.

»Was pecuniäre Verhältnisse betrifft, allerdings. Wie das gelbe Fieber

dießmal nahte, floh Alles, was nur fortkommen konnte. Ich selber hatte

eine stille Hoffnung, daß mich Gott ebenfalls abrufen würde; ohne Zweck

und Ziel sich so allein in der Welt herumzutreiben wird Einem doch zuletzt

verleidet; ich wurde aber nicht einmal krank. Ich war bei, Gott weiß wie

vielen Leichen, fertigte Särge so viel ich mit vier bei mir ausharrenden

Gesellen fertigen konnte, und verdiente ungezähltes Geld in der Zeit

-- ich ginge auch gern zurück nach Deutschland, aber -- ich habe den Muth

nicht dazu -- ich werde die nächste gelbe Fieberzeit noch abwarten, und

sehen was da wird.«

»Sie fühlen sich nicht wohl in Amerika?« sagte Hopfgarten mitleidig.

»Wie soll man sich da wohl fühlen, wenn man Alles verloren hat, was

Einem noch lieb und theuer auf dieser Welt war, und für das nur einzig

und allein man arbeitete. Das Amerika ist ein recht guter Platz Geld zu

verdienen, wenn man fleißig ist, aber das ist auch Alles; ja wenn es

mir in Deutschland schlecht gegangen wäre. -- Aber ich will Ihnen nicht

die Ohren voll lamentiren -- überhaupt ist hier die Straße, wo ich

aussteigen muß. Es hat mich _herzlich_ gefreut Sie wieder einmal begrüßen

zu können!«

Er reichte ihnen die Hand, schüttelte sie freundlich, und drängte sich

dann durch die ihm mürrisch Raum gebenden Passagiere der Thüre zu, den

Omnibus zu verlassen.

»Dem armen Mann ist Amerika theuer zu stehn gekommen,« sagte Eltrich

traurig, »lieber Gott, wenn ich mich in seine Lage setze, kann ich mir

recht gut denken, wie furchtbar es ihm sein muß, jetzt so allein und

verlassen dazustehen. Was hilft ihm das Geld, das er verdient, wenn er

Niemanden hat, der es mit ihm theilt, für den er spart.«

»Es ist seine eigene Schuld,« sagte aber Hopfgarten achselzuckend,

»er hat uns selbst erzählt, daß es ihm in Deutschland nicht schlecht

gegangen wäre; weshalb wandert er da aus? -- Das kommt von dem

thörichten Misvergnügtsein ohne Grund.«

»Lieber Gott, es läßt sich da doch Manches zur Entschuldigung sagen,«

seufzte Eltrich, »wir könnten es auch den Trieb sich zu verbessern

nennen, den doch jeder Mensch in der Brust mit herum trägt -- warum ihm

den schlimmsten Namen geben? Thäten die daheim, deren _Pflicht_ es wäre,

für das wahre Glück der Völker zu sorgen, etwas mehr ihren Unterthanen

das Leben daheim erträglich zu machen, bedächten sie, daß das »Von Gottes

Gnaden« nicht nur auf _ein_ Haupt niedergeht und da ruhen bleibt, als

auf etwas ganz Besonderem -- wie oft nur auf etwas sehr Gewöhnlichem

-- sondern niederfällt, wie Thau und Regen auch auf die kleinste

unscheinbarste Wiesenblume. Stäke mit einem Wort einer Masse Menschen da

drüben nicht der verdammte Dünkel zu fest in der Stirne aus einem ganz

besonders feinen Porcellainteig geknetet und gebrannt zu sein, Tausende

würden nicht daran denken, die Heimath zu verlassen, sondern in einer

möglich bürgerlichen Existenz gern und freudig ausharren. Die Noth

treibt vielleicht nur zwei Dritttheile aller Auswanderer über das große

Wasser, der Ekel das andere -- und _das_ gerade thut Deutschland weh

-- unendlich weh, denn _was_ für wackere Kräfte sind ihm dadurch

verloren gegangen.«

»Ja, die Geheimenräthe wandern nicht aus,« lachte Hopfgarten.

»Nein, leider Gottes,« seufzte Eltrich, »_die_ liegen an zweifarbigen

Bändchen fest vor Anker. Der Deutsche theilt sich in seiner Unschuld in

Nähr-, Wehr- und Lehrstand -- daß er den _Zehr_stand gar nicht dabei

berücksichtigt. Wie war Ihnen zu Muthe, als Sie jetzt wieder nach

Deutschland zurückkamen?«

»Wunderbar,« lachte der Gefragte, »unendlich wunderbar -- ich gebe Ihnen

mein Wort, es kam mir in einem fort so vor, als ob die Leute nur Comödie

spielten -- und sie thun's auch. Wenn man hier aus dem frischen, freien

Leben, das allerdings viele, unendlich viele Mängel und Schwächen hat,

aber dem Menschen doch seine freie, ihm von Gott zugesprochene Entwickelung

garantirt, wieder hinüber in das abgetheilte, angeblich _geordnete_

Leben kommt, wo die Menschen wie in Gefachen, mit kleinen darauf

geklebten Zettelchen eingeschachtelt liegen, sieht wie die untersten,

bequemsten Gefache fortwährend herausgezogen und gebraucht werden,

während auf den oberen der dicke ehrwürdige Aktenstaub liegt, und dann

zurückdenkt, wie das Alles gar nicht nöthig ist, und wie es noch eine

andere Welt giebt, in der Gottes Creaturen frei und fröhlich aufathmen

dürfen; wenn man sieht, wie das dort kriecht und scharwenzelt, und auf

Kindereien sein höchstes Ziel setzt, wenn man einen Blick wieder auf

jenen Beamten-Wust wirft, der einem in das Kleinste zergliederten,

auf das peinlich kunstvollste hergestellten und berechneten Räderwerk

gleicht -- einfach einen Stein zu drehn und Brod zu mahlen, dann wundert

man sich wirklich, daß die eigentlichen Menschen nicht _Alle_ auswandern

und das ganze kunstvolle Beamtensystem, wie ein von Insekten

skelettirtes Blatt als Satz zurückbleibt.«

»Und doch wollen Sie wieder nach Deutschland?« frug Eltrich.

»Es ist ja das Vaterland,« sagte Hopfgarten herzlich, »der Himmel

ist doch nirgends so blau, die Erde nirgends so grün wie daheim. Sie

mögen mich auslachen, lieber Eltrich, aber wie ich im vorigen Herbst

zurückfuhr, und in der Nordsee die nackten Sanddünen, den Thurm von

Wanger-Ooge wieder sah, hab' ich geweint wie ein Kind -- es giebt doch

nur ein Deutschland.«

»Ja, leicht können sie's nicht todtmachen,« rief Eltrich, »aber ich

kehre doch nicht dahin zurück.«

»Verschwören Sie's nicht,« rief Hopfgarten; »es kommt doch eine Zeit, wo

es uns wieder hinüberzieht -- das Grab unserer Väter ist ein heiliger

Platz, wo wir mit beiden Händen anfassen müssen, wenn wir unser Herz

davon losreißen wollen. Mit dem Leben dort, was man die eigentliche Welt

da nennt, mag ich auch Nichts mehr zu thun haben, dafür bin ich schon zu

viel Amerikaner geworden; aber ich ziehe mich auf das Land zurück und

lebe mir und den Meinen. Denken Sie nie an unsern Frühling, wenn die

Lerche an zu wirbeln fängt, wenn die Birken keimen -- werden Sie das je

vergessen können?«

»Ich will's versuchen,« sagte Eltrich seufzend, »aber hier ist unser

Halteplatz -- dort in der Straße liegt für jetzt unser »Deutsches

Vaterland«.«

»Ein trauriger Ersatz,« lächelte Hopfgarten, als der Wagen hielt, und

sie, an ihrem Ziele angekommen, aussteigen mußten.

Capitel 7.

Meier, Pelz & Co.

Es war indessen, bis sie die Straße erreichten, in welcher das »Deutsche

Vaterland« lag, schon vollständig dunkel geworden, denn der kurzen

Dämmerung in Amerika folgt rasch und fast plötzlich die Nacht. Dicht

vor der Thür des Gasthauses standen drei Leute in leisem, flüsternden

Gespräch, und als sich Eltrich im Vorübergehn nach ihnen umsah, glaubte

er bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, bekannte

Gesichter zu erkennen, wenn er sich auch nicht gleich auf das Wo und

Wann einer Begegnung erinnern konnte. Die Männer wandten sich aber rasch

von ihnen ab, und gingen langsam in dasselbe Haus, doch nicht in das

Schenkzimmer, sondern in die kleine Hausthür, die mit der Treppe nach

oben in Verbindung stand.

Natürlich achteten sie nicht weiter darauf, und öffneten gleich nachher

die Glasthür des unteren Schenkraumes, wo sie den jungen Hamann allein,

und mit verschränkten Armen und finster zusammengezogenen Brauen auf und

abgehend, fanden. Freundlich begrüßte er Eltrich, mit dessen kleiner

Familie er, wie seine Frau, schon manchmal zusammengekommen waren, und

hörte mit großer Theilnahme, wie jener schändliche Verdacht endlich auch

öffentlich von dem unglücklichen Bruder seiner Frau gewälzt sei, und

diese sich doch nun wieder froh und glücklich fühlen würde, mit solcher

Sorge vom Herzen.

Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend mit Hedwig bei

ihnen zuzubringen, mußte er aber, wenigstens für sich selber, ablehnen,

wenn auch die Frau kein Hinderniß hatte, und unter Eltrichs Schutz die

Herren gern begleiten würde.

»Ich habe heute einen schlimmen Ärger und bösen Auftritt im Haus gehabt,«

setzte er, sich entschuldigend, hinzu, »und meinen Barkeeper, einen

nichtsnutzigen, frechen Gesellen, den ich, wie ich fast fürchte, auf

verbotenen Wegen ertappte, zum Teufel jagen müssen.«

»Ihren Jimmy?« rief Eltrich -- »Gott sei Dank, daß der Bursche fort ist;

wenn irgend Jemand auf der Welt, so hatte der eine böse, galgenwürdige

Physiognomie, und ich bin fest überzeugt, er strafte die auch nicht

Lügen.«

»Was ich heute von ihm gesehn habe,« meinte Hamann, »widerspräche dem

wenigstens nicht, denn ich fand ihn über Tisch in dem Zimmer einiger

meiner »Boarder,« die, wie vermuthet wird, viel Geld bei sich haben, bei

einer sehr verdächtigen Untersuchung des einen Koffers, für dessen sehr

hübsche Arbeit er sich angeblich interessirte. Ich bin übrigens froh,

den Burschen, den ich sonst noch hätte einen vollen Monat behalten und

füttern müssen, auf solche Art so rasch losgeworden zu sein, nur muß ich

jetzt, bis ich mich morgen nach einer passenden Persönlichkeit dafür

umsehen kann, selber die Stelle verwalten. Sie thun mir übrigens einen

Gefallen,« setzte er dann hinzu, »wenn Sie selber zu meiner Frau hinauf

gingen und es ihr sagten; Sie werden sie jetzt warscheinlich in meines

Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg. Meine Gäste

sind drin beim Abendbrod, und ich muß indessen hier in der Bar bleiben;

hab' ich aber heut Abend zugeschlossen, was heute früher als gewöhnlich

geschehen wird, komme ich noch selber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in

meinem kleinen Wagen ab.«

Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu leisten, als die

Thür aufging und ein junger Mann hereinkam, Hopfgarten und Eltrich aber

kaum erblickte, als er auch schon mit einem lauten, etwas exaltirten

Freudenruf auf sie zusprang, ihre Hände ergriff, und wie es schien, sich

alle Gewalt anthun mußte, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen.

»Ach Herr von Hopfgarten -- ach Herr Kapellmeister -- welch glückliches

Zusammentreffen -- nein, ich kann Ihnen gar nicht sagen, _wie_ froh

ich bin, Sie endlich einmal wieder zu sehn. Wie geht es Ihnen? -- was

machen, was treiben Sie -- Herr Hamann, darauf müssen wir ein's trinken,

bitte meine Herren, was nehmen Sie -- ich habe ja überhaupt hier noch

eine kleine Kreide stehn --«

»Herr Theobald!« rief Hopfgarten erstaunt aus, den Dichter dabei mit

einem flüchtigen Blick, eben nicht zu dessen Gunsten, von oben bis unten

messend -- »wie kommen Sie wieder nach New-Orleans?«

»Ich? -- lieber Gott, wo kommt man nicht in diesem verwünschten Lande

hin!« rief Theobald mit einer gewissen Wehmuth aus --

»Treibt auf wildbewegtem Meere

Auch mein schwank-gebrecher Nachen,

Dräut mir auch der Wogen Schwere,

Soll's mich doch nicht muthlos machen --

»wo kommt man hier _nicht_ hin? -- sag' ich noch einmal -- Sie kennen ja

die alte Geschichte, bester Baron, »willst Du in meinem Himmel mit mir

leben -- #à la bonheur#, aber auf Erden sind alle Kämmerchen vermiethet«

-- Nichts wie Prosa, Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in

der das dumme Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, daß ein höher

begabter Mensch auch noch mit etwas Anderem _arbeiten_ könnte, als mit

Spitzhacke und Schaufel. _Arbeiten_ schreien sie -- _arbeiten_, immer

nur arbeiten, und was der Geist dabei thut, rechnen sie nicht, das nennen

sie faullenzen. Aber zum Henker mit der Bande, wenn's uns hier nicht

länger gefällt, Herr von Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und

jetzt wollen wir trinken, Herr Hamann hat uns schon die Gläser

aufgestellt -- bitte, was nehmen Sie?«

»Ich danke wirklich herzlich,« sagte Hopfgarten ablehnend -- Theobald

sah ihm gar nicht danach aus, als ob er so viele Sechs-Cent-Stücke

wegzuwerfen hätte, für Andere zu bezahlen, und zugleich ließ sein

ganzes, außergewöhnlich aufgeregtes Wesen auch noch überdieß darauf

schließen, daß er schon selber eigentlich mehr wie seine tägliche

Quantität getrunken habe -- »bitte, erzählen Sie mir lieber, wie es

Lobensteins geht, was sie thun und treiben und wie der Professor mit

seinen Arbeiten vorwärts rückt.«

»Bah -- _so_ viel für den Professor,« rief Theobald mit einer wegwerfenden

Bewegung -- »ein Schwachkopf, der sich einbildet, von Landwirthschaft

und Poesie gleich viel zu verstehn, und wirklich gleich viel davon

versteht. Er ist ruinirt, und Eduard, der große Nimrod, hat sich auf der

Jagd todtgeschossen --«

»Heiland der Welt,« rief Hopfgarten entsetzt aus, »das ist ja furchtbar,

und Sie erzählen das hier, als ob Sie die Leute nicht das Mindeste

angingen.«

»Thun Sie auch nicht,« sagte Theobald ruhig -- »wenn Jemand

Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, so ist es der Professor gegen

_mich_; ich habe ihm meine Kräfte nicht allein, ich habe ihm auch meinen

Geist geliehen; aber die Rathschläge, die ich ihm gab, konnten ihn nur

noch eine Zeit lang über Wasser halten -- sein eignes Gewicht zog ihn in

die Tiefe.«

»Und was ist aus ihnen geworden?« frug Hopfgarten.

»Oh sie sind für jetzt wohl noch, so viel ich weiß, in Indiana,« sagte

Theobald, »der Professor wird jedoch jedenfalls gezwungen sein, seine

Farm zu verkaufen, weil er Schulden hat, die er nicht tilgen kann. Aber

kommen Sie, meine Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.«

Auch Eltrich suchte sich von der Einladung loszumachen, Theobald

drang aber auf das Ungestümste in sie, und da es in Amerika für eine

Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man eingeladen wird, nicht zu

trinken, traten die beiden Männer, um ihn nur loszuwerden, mit ihm an

den Schenktisch.

Die Gläser waren gefüllt und Hopfgarten wie Eltrich hoben sie mit einem

höflichen Nicken gegen den jungen Mann, der mit einer hochtragischen

Bewegung, den Arm ausstreckend, rief:

»Halt! nicht also dürfen wir, verehrte Gönner und Freunde, die edle

Gottesgabe unseren Kehlen zusenden. Der Geist verlangt Geist:

So fließe denn dieser edle Trank,

Ein perlender Tropfen Himmelsthau,

Als Weiheopfer, als Gottes Dank,

Den schönen Augen der schönsten Frau.

Wie er zittert im Glase, wie funkelndes Blut --

_Sie_, deren Bild uns im Herzen ruht,

Lebe hoch!«

»Lebe hoch!« stimmte Eltrich gutmüthig mit ein, indem sie ihre Gläser

leerten.

»Also Sie haben auch ein paar schöne Augen?« lachte der Kapellmeister,

»die Ihnen im Herzen ruhn? sollt' ich sie am Ende kennen? -- an Bord

ging einmal ein unbestimmtes Gerücht --«

Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und streckte den Arm abwehrend

aus:

»Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild,

Da ruht mit dem Bild auch der Namen,

Ein düsterer Schleier decket das zu --

_Ich_ bin zu dem Bild nur der Rahmen --

aber apropos« -- wandte er sich dann rascher und lebhafter plötzlich an

den Kapellmeister -- »ich habe ein paar prächtige Lieder für Sie zum

Komponiren, lieber Eltrich -- ich weiß, daß Sie in neuerer Zeit einige

Lieder von Heine und Freiligrath reizend in Musik gesetzt haben, das

sind aber natürlich nur immer gerade zufällig passende Sachen, die Sie

sich in Ermangelung eines Besseren heraussuchen mußten. In den meinigen

werden Sie _Deutschen_ Geist in Amerikanischer Hülle finden, etwas

Passendes, Zeitgemäßes, mit dem Sie, wie ich fest überzeugt bin, Ihre

Hörer entzücken können, und ich bin gern erbötig, Ihnen nicht allein

die Wahl zwischen einigen fünfzig vortrefflichen Sonetten zu gestatten,

sondern Ihnen auch das Stück der ausgewählten mit zwei Dollar zu

überlassen.«

»Sie sind _sehr_ gütig, lieber Theobald,« sagte Eltrich, verlegen, wie

er das Anerbieten abweisen sollte, und doch auch wieder zu gutmüthig,

geradezu nein zu sagen. »Sie werden mir erlauben, daß ich die Sachen

einmal gelegentlich durchsehe, denn in der nächsten Zeit bin ich zu sehr

mit andern Sachen beschäftigt, an irgend eine Composition denken zu

können --«

»Oh gewiß -- gewiß,« rief Theobald rasch -- »aber -- mit dem Lesen,

wissen Sie, ist es eine unangenehme Sache; ich weiß zu gut, wie ungern

Leute Manuscript lesen, und wie verschieden sich auch etwas im Manuscript

und Vortrag ausnimmt. Wie wäre es also, wenn Sie mir jetzt ein halbes

Stündchen gönnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit --« er holte dabei ein

etwa daumenstarkes, sehr eng beschriebenes Manuscript aus der Tasche

-- »einmal hier flüchtig vorläse; es würde --«

»Lieber Eltrich,« drängte Hopfgarten, »wir _müssen_ hinaufgehn, es wird

die höchste Zeit, wenn wir Frau Hamann noch heute Abend mit fortnehmen

wollen, und Sie wissen, ich habe _wichtige_ Sachen mit ihr zu besprechen.«

»Sie haben recht,« rief Eltrich -- »wir müssen uns wahrhaftig heute

entschuldigen, Herr Theobald -- wenn Sie mir später das Manuscript

vielleicht einmal anvertrauen wollen, so würde ich --«

»Ich werde mir selber das Vergnügen machen, es Ihnen in Ihrer eigenen

Wohnung vorzulesen,« sagte Theobald rasch entschlossen -- »zu welcher

Zeit trifft man Sie am Besten?«

»Es ist jetzt _sehr_ unbestimmt,« sagte Eltrich, den ungeduldigen Winken

Hopfgartens nachgebend und seinen Hut nehmend -- »vielleicht einmal

Nachmittags -- also auf Wiedersehn, Herr Theobald --«

»Auf Wiedersehn, lieber Kapellmeister -- auf Wiedersehn Herr von

Hopfgarten.«

»Gott sei Dank, daß wir den schrecklichen Menschen los sind,« sagte

Hopfgarten, als sie durch den dunklen Gang, der im Hause hin zur nach

oben führenden Treppe gingen, »der wäre im Stande gewesen und hätte uns

die halbe Nacht seine faden Mondscheinergüße vorgelesen. Aber -- alle

Wetter, Eltrich -- hier ist's dunkel -- kennen Sie den Weg?«

»Ja -- ich bin freilich nur erst einmal Abends hier oben gewesen, und da

dächt' ich, hätte eine Laterne auf der Treppe gebrannt; aber kommen Sie

nur -- hier ist das Geländer -- fassen Sie mich an -- so -- sehn Sie?

-- hier steigen wir hinauf, und nun weiß ich auch Bescheid, denn gleich

oben an der Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, ist die

Vorsaalthür, die zu dem alten Hamann führt.«

»Es soll nicht besonders mit ihm gehn,« meinte Hopfgarten.

»Ach der ist zäh,« sagte Eltrich, »der kann noch lange leben; sehn Sie,

da sind wir schon -- fallen Sie nicht wieder rückwärts hinunter, es geht

ganz häßlich steil ab. Daß die Leute hier auch keine Laterne brennen,

man könnte ja Hals und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!«

und den kurzen Griff fassend, zog er daran, daß die kleine Glocke

drinnen hell und klar ertönte.

Alles todtenstill -- kein Laut antwortete.

»Sie haben es nicht gehört -- ziehn Sie noch einmal,« sagte Hopfgarten.

Eltrich klingelte noch einmal, stärker als vorher, und legte dann das

Ohr an die Thür, ob er nicht Schritte hören könne.

»Hülfe!« tönte da ein wilder, markdurchschneidender Schrei zu ihm herüber

-- »Hülfe!« rief es noch einmal, aber mit schwacher, gedämpfter, doch

nichtsdestoweniger deutlicher Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund

zu schließen suchte.

»Was ist das?« rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei aber ebenfalls

gehört, und ohne sich weiter zu besinnen, ohne irgend eine Frage zu

thun, oder ein Wort weiter zu verlieren, fühlte er nach der Thür, und

führte im nächsten Augenblick einen so gut gemeinten und kräftigen Tritt

gerade nach der, eben nicht übermäßig dicken Füllung, daß er diese

gleich mit dem ersten Stoß nach innen trat. Ein zweiter machte die

Bresche passirbar, und sich in wilder Hast, von Eltrich dicht gefolgt,

hindurchdrängend, fand er sich wenige Secunden später in dem inneren

Raum, den zu durchfliegen und der nächsten Stubenthür, aus der ein

Lichtstrahl drang, zuzuspringen, das Werk weiterer, nur weniger Secunden

war.

* * * * *

Es dämmerte, und am Ufer des Flusses gingen, nur die Fronte des einen

#square# haltend, zwei Männer in eifrigem, aber mit unterdrückter Stimme

geführten Gespräch, mit raschen Schritten auf und ab. Allem Anschein

nach erwarteten sie Jemanden, der sich ihnen auch endlich, nach einigem

Herüber- und Hinübersuchen, anschloß.

»Nun, Jimmy, wie ist's?« frug der Eine von ihnen, Meier (der Andere war

sein Reisegefährte Pelz), den eben Gekommenen -- »wird's noch was heute

Abend?«

»Jetzt oder nie,« flüsterte Jimmy mit leiser, ängstlicher Stimme, »denn

schon heut' Morgen war die Rede davon, daß sie den Alten am nächsten Tag

hinüberbetten wollten, wo die jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er

dort mehr Pflege hätte; wenn das geschieht, kann kein Teufel mehr dazu.«

»Und lohnt's wirklich?« frug Meier, noch immer mistrauisch.

»_Lohnt's?_»wiederholte Jimmy ärgerlich -- »glaubt Ihr, daß _ich_

meinen Hals an so eine Geschichte setzen würde, _wenn's_ nicht eben

was Außerordentliches wäre?«

»Na, ob _Dein_ Hals das gerade ist,« brummte Meier.

»Jetzt ist keine Zeit zu Albernheiten,« sagte aber Pelz mürrisch, »also

Ihr glaubt wirklich, daß wir mit dem einen Schlag _genug_ kriegen

können, Jimmy.«

»Ich _glaube_ gar Nichts,« rief dieser rasch und eifrig, »ich _weiß_,

daß der Alte in dem einen kleinen, erbärmlichen Holzschrank, den er

nicht gegen einen eisernen vertauscht hat, um sich nicht in den Verdacht

zu bringen, daß er wirklich etwas Stehlenswerthes in seiner Wohnung

habe, für vielleicht hunderttausend Dollar Juwelen, Geld, Papier und

Aktien liegen hat, und mit einem einzigen Faustschlag kann man den

Deckel sprengen.«

»Und der Alte?«

»Ist in einer halben Stunde etwa, auf dreißig oder fünf und dreißig

Minuten allein, denn der junge Lümmel muß heute, weil ich nicht da bin,

in der Bar bleiben, und die Frau guckt nach der Kaffeekanne im Eßzimmer,

daß Niemand eine Tasse zu viel trinkt.«

»Ich weiß nicht -- mir ist nicht recht wohl bei der Geschichte,« meinte

Meier -- »ja wenn ich selber den Grund und Boden, und die Winkel und

Schliche da kennte, wo man hinausfahren muß, wenn's Noth thut, dann wär'

mir's gerade recht; aber mich so von Jemand Anderem in ein ganz fremdes

Haus, denn in dem Theil sind wir doch noch nicht gewesen, hineinführen

zu lassen, das hat mir 'was verdammt Unbehagliches. Passirt 'was, so

drückt sich Jimmy sachte ab, und wir Andern sitzen drin.«

»Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was soll passiren?« rief Jimmy

-- »wir brauchen auf der Welt weiter Nichts zu thun, als die Treppe im

Haus hinaufzugehn; in der Tasche hab' ich den Schlüssel zur Thür -- die

schließen wir hinter uns zu, wer dann hinein will, muß klingeln, und die

Thür vom Alten, der in der Zeit mutterseelensallein ist, steht auf.«

»Wenn's aber weiter Nichts wäre,« brummte Meier, »da hättet Du ja auch

die ganze Geschichte allein machen, und den Profit allein in die Tasche

stecken können.«

»Das hätt' ich auch,« sagte Jimmy, halb verlegen, halb mürrisch, »aber

-- es ist mir so ein eignes, wunderliches Gefühl mit dem Alten. Mit

_einer_ Hand könnte man ihn zusammendrücken, und doch -- doch _fürcht'_

ich mich vor ihm; sein Blick sieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter,

und er schläft -- Ihr mögt mich auslachen, wie Ihr wollt -- mit einem

Auge offen.«

»Vor dem Sohn fürchtest Du Dich nicht?« lachte Meier.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Sechster Band · 第 5 / 9 题