Und trotzdem war der Paroxismus noch nicht zum höchsten Grade gestiegen.

Der Geistliche auf der Kanzel hatte wieder eine Pause gemacht; es fehlten

ihm Worte weitere Schrecken heraufzubeschwören, das Schlimmste was er

hatte aufführen können war geschehn -- der Teufel stand mit gekrümmten

Krallen hinter den Bäumen und lauerte auf seine Opfer; _der_ Schrecken

mußte jetzt wirken und dann _die Möglichkeit_ der eingeschüchterten

Schaar gezeigt werden, dem zu entgehn.

»Fühlt Ihr Euere Gefahr? -- erkennt Ihr den Abgrund an dem Ihr steht?«

rief der lange finstere Mann plötzlich wieder mit nicht sehr lauter,

aber zu den entfernteren Stellen dringender, bohrender Stimme, »habt Ihr

das schwarze Meer, mit seinen stürmenden rollenden Wogen gesehn, das

über Euch hereinwälzen will, Euch in seine Tiefe zu ziehn? -- _fühlt_

Ihr endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erbärmlichkeit, Euere Sünde, die

schwarz genug ist daß sie die Sonne verfinstern und der Engelein

Gnadengebet ersticken könnte? -- _fühlt_ Ihr sie? wißt Ihr daß Ihr

_verloren_ sein müßtet -- rettungslos, erbarmungslos für immer und ewig,

wenn Ihr nur das bekämt was Ihr hier _verdient_? nur dem _gerechten_

Richter gegenüber?«

»#Oh Looooooo'od a massy!#« schrie eine dicke, vor Maulbeere sitzende

Negerin jetzt mit gellendem Aufkreisch, und fiel von der Bank herunter

auf der sie gesessen, als ob sie todtgeschossen wäre. Niemand bekümmerte

sich aber um sie, und sie blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein

Glied zu rühren.

»Aber _noch_ ist es Zeit!« donnerte da plötzlich des Redenden Stimme,

wie eine schmetternde Posaune Heil verheißend durch den Wald -- »_noch_

ist die zwölfte Stunde nicht vorüber, noch hält der Engel der Gnade

die Hand ausgestreckt nach den Strauchelnden -- _noch_ ist es Zeit

Mitbrüder, Mitschwestern, der Himmel ist offen, das Licht des

Heilands leuchtet Euch entgegen, das Wort der Verheißung kann noch

Wahrheit werden -- _noch_ ist es Zeit Gentlemen -- Brüder, Schwestern,

Reisegefährten!« schrie der Mann, der beinah in der Hitze der Rede in

sein altes Geschäft, das Auktioniren, gefallen wäre und eben noch Raum

fand wieder einzulenken -- »_noch_ ist es Zeit -- kommt, kommt, kommt zu

dem Herrn -- kommt, kommt, kommt zu Jesus Christus -- kommt -- oh kommt

in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod und Verdammniß

-- kommt!«

»#Glory -- glory -- happy -- happy!#« brüllte und tobte da plötzlich die

Masse -- »#blessed be de Looo'd# Dschisos!« schrie die dicke Negerin mit

einem gewaltigen Ruck sich emporrichtend, daß sie gerade vor Maulbeere

auf die Erde zu sitzen kam, und ihm starr in's Antlitz sah. Aber überall

zu gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd los

-- Männer und Frauen sprangen empor, rissen sich die Röcke vom Leib,

die Tücher von den Schultern, rauften sich die Haare, schlugen sich die

Brust, stöhnten, kreischten, schrieen, den dicken Schaum auf den Lippen,

große Schweißtropfen auf der Stirn, und die Augen fast aus ihren Höhlen

drängend.

Es wäre überhaupt unmöglich dem Leser auch nur im Entferntesten

eine solche Scene lebendig genug zu beschreiben, daß er sich selber

hineindenken könnte; etwas Derartiges muß man selber gesehn und erlebt

haben, und ist es dann vorbei, zweifelt man trotzdem wieder ob es

wirklich geschehn sein _könne_, ob nicht ein toller Fiebertraum uns

geneckt, und selbst der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns

solch wildes, tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geisterhafteres,

Unnatürlicheres giebt es auf der weiten Gotteswelt, als diese Scenen, wo

der heilige Geist von den schaumbedeckten Lippen wahnsinniger Schwärmer

sprechen soll, und diese sich auf der Erde wälzen, die Fingernägel in

den Boden einwühlen, den Rasen beißen und #glory, glory!# schreien, Ruhm

dem Herrn in der Höhe!

Viele mag es dabei geben, die einen solchen Zustand aus irgend einem

Grunde heucheln; die sich eben nur stellen als ob der »Geist« über

sie käme, mit den Armen und Beinen werfen, und solcher Art einen sehr

billigen Ruf großer Religiosität erlangen, vielleicht Einlaß in manche

Familie zu bekommen, deren Kreis ihnen sonst verschlossen geblieben

wäre. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß Viele, _sehr_ viele in

Wirklichkeit und Wahrheit in diesen Zustand verfallen, daß sie nur

durch die oft vollkommen sinnlose, nur mit einer gewissen Begeisterung

und mit steigendem Affekt gesprochene Rede in einen halb bewußtlosen

überspannten Zustand gerathen, in dem sie sich der Erde entrückt und von

einem anderen, außer-, und jedenfalls überirdischen Wesen begeistert

wähnen.[2] Fieberanfälle folgen nicht selten demselben, und die aufgeregte

Einbildungskraft ist nachher jedenfalls sehr leicht im Stande das, wo

sich etwa noch eine Lücke in ihren Gedanken und Bildern finden sollte,

mit Leichtigkeit auszufüllen. Auf Jemandem aber, der einer solchen

Versammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht sie unausweichlich

den Eindruck eines Haufens wahnsinniger Menschen, die losgebrochen sind,

und die kurze Zeit ihrer Freiheit geschwind benutzen, sich einmal recht

tüchtig auszuschrein.

In diesen Pferchen besonders, wohin die sich drängen, die den heiligen

Geist über sich kommen fühlen, geht es zuweilen zu, daß man sich mit

Ekel von einem solchen Bilde menschlicher Entwürdigung abwendet, und

doch fühlen sich diese verblendeten Menschen auf dem Gipfel menschlicher

Erhöhung, und werden natürlich darin von den Geistlichen, die den

Erfolg ihrer Wirksamkeit nach den Köpfen ihrer geretteten _Schaafe_

zählen, bestärkt.

Ich weiß wirklich nicht, ob der Ausdruck »Schaaf« in _solchen_ Fällen

hinlänglich und stark genug bezeichnend ist -- er genügt mir sehr häufig

bei uns nicht einmal.

»Glory! Glory! Hallelujah!« brüllte die Schaar, »heiliger Geist komm

-- senke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns -- #glory, happy, happy,

happy!#«

»Uch!« schrie oder kreischte da plötzlich eine einzelne Stimme, so

scharf und gellend durch die Mistöne um sie her, daß sich selbst von den

augenblicklich Begeisterten Viele, halb dabei aus ihrer Rolle fallend,

nach der Stelle umsahen, von wo der merkwürdig wilde, unheimliche Laut

ertönte, und hier bot sich ihnen allerdings ein neues seltsames

Schauspiel.

Zachäus Maulbeere hatte der Geist ergriffen, und während die dicke

Negerin, die sich wieder aufgerichtet, seine Knie umklammert hielt und

abwechselnd Hülfe und Glory! schrie, stand Maulbeere auf der Bank, auf

der er bisher gesessen, mit bloßem Kopf, an der Stirn noch die Spuren

des niedergelaufenen Regenwassers von der vorigen Nacht, die Arme zum

Himmel ausgestreckt, und das Gesicht ebenfalls dorthin erhoben, und

tobte ärger als Einer der Anwesenden sein #happy -- happy -- happy# dem

grünen Waldesdome entgegen.

»Dort ist _noch_ ein Schaaf!« schrie der Geistliche von der Kanzel

nieder, mit dem Arm auf den begeisterten Scheerenschleifer deutend, und

mit funkelnden, fast wie beutelustigen Augen die Wirkung seiner Rede an

dem Fremden beobachtend -- »dort ist ein verirrtes, abtrünniges Schaaf

das zur Heerde zurückkehrt -- ein Lamm das sich in den Händen des Herrn

vor den Krallen des Teufels bergen will -- eine Taube, die den Fängen

des ewig nagenden Geyers zu entziehen sucht. -- Oh komm -- komm Lamm

Gottes -- komm in den himmlischen Pferch -- komm in die Arme des

Heilands, die sich liebend und sehnsüchtig nach Dir ausstrecken -- oh

komm -- oh komm! --«

»Ich bin ein arger Sünder gewesen!« schrie da Maulbeere, plötzlich seine

Brust schlagend und einen vergeblichen Versuch machend sich von der

dicken Schwarzen zu befreien -- »ein nichtswürdiger, verstockter Sünder

-- eine Kerze des Satans, ein Pflegekind der Hölle -- der rothen,

feurigen, flammenden Hölle.«

»#Oh do--nt -- do--nt -- oh Loooood#« schrie die Schwarze dazwischen.

»Aber ich fühle die Kraft in mir,« fuhr Maulbeere in seiner Begeisterung

fort -- »Alles abzuwerfen was mich bis dahin gehalten (ausgenommen die

Schwarze, die nicht von ihm ließ), ich fühle den _Geist_ kommen -- ja

Brüder, ja Schwestern, ich fühle den Geist kommen, den heiligen, lieben,

gesegneten Geist!«

»#Oh glory -- glory -- glory -- happy -- happy!#«

»Ich fühle, wie es in mir tobt und wühlt und brennt; _das_ ist das Feuer

das die Sünde läutert, das ist der letzte Rest der Sünden die jetzt

verkohlen und verfliegen -- ich komme -- ich komme -- _heih!_«

Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus -- Augen schienen

aus ihren Höhlen herauszudrängen, die struppigen Haare sahen in diesem

Augenblick so aus als ob sie vor Entsetzen emporständen, und mit einer

gewaltigen und wirklich verzweifelten Kraftanstrengung aus den ihn

umklammernden Armen der Negerin sich herauswindend, und jetzt ebenfalls

#glory, glory, happy, happy# rufend, arbeitete er sich nach dem schon

vollgedrängten Pferch durch, kletterte über die Fenz, sprang mitten

in den Haufen hinein, und verschwand dort in dem Gewühl und Zucken

menschlicher Gliedmaßen, die sich auf dem bestreuten Boden wanden.

Capitel 3.

Der wandernde Krämer.

Warm und freundlich schien die Sonne nieder auf die weiten grünen

Prairieen von Illinois, die sich in ungeheueren Flächen, nur hie und da

von einem dunklen Streifen hoher Eichen unterbrochen, nach Nord und Süd,

nach Ost und Westen dehnten. Wie eine wogende See stand dabei das hohe,

üppige Gras in der frischen Westbrise, die darüber hinstrich, und lichte,

rasch über die Oberfläche laufende Wellen bildete, täuschend ähnlich

einer ruhigen See, über die ein leiser Passat die leicht gekräußten,

eben nur sich hebenden Wogen zieht.

Wie Inseln darin, um die Täuschung noch größer zu machen, lagen einzelne

kleine Farmen weit zerstreut, deren Maisfelder gleichfalls wogten und

dem Wind sich neigten, und das grüne Wasser darstellen konnten in der

Nähe des Landes, während die Prairieen schon eine dunklere, gelblichere

Färbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen grauen Dächer der

Blockhäuser, mit ihren blauen dünnen Rauchstreifen, die weit über die

Fläche zogen; Felsen gleich, an denen sich die Brandung brach, während

in den Wogen der Prairieen selber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und

Rücken oft aus dem schwellenden Gras herausreichend, das seine Wellen an

ihnen vorübertrieb, herumschwammen, oder die breiten gutmüthigen Köpfe

witternd und schnüffelnd der frischen Luft entgegenhielten.

Aber kein Fahrzeug strich auf dem weiten wasserähnlichen Grasspiegel

einher; vergebens suchte das Auge nach einem lichten Segel, die Täuschung

nicht größer zu machen, sondern mehr fast zur Bestätigung, daß dieß

nicht Land- und Pflanzenwuchs, sondern wirklich schiffbares, wogendes

Wasser sei.

»Ein Kahn!« von den grünen Wellen getragen schwimmt, einen dunklen

Streifen hinter sich herziehend, ein schmaler dunkler Kahn dahin, und

ein einzelner Ruderer sitzt darin, still und regungslos sein Forttreiben

Wind und Strömung überlassend. Mit Gewalt muß sich das Auge zuletzt

zwingen in dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen, die

langsam einem schmalen, sich durch die Prairie ziehenden Wege folgen,

und gerade auf die nächste, von einem kleinen Feld begrenzte Blockhütte

zuhalten.

Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg Donner, der,

langsam seinen Weg verfolgend, die kleine Hütte endlich erreichte, und

dort seinem Pferde kurze Rast zu gönnen beschloß. Die ganze Umgebung

des Hauses ließ ihn auch auf Landsleute als Eigenthümer schließen, und

den Zügel seines klugen wackeren Thiers abstreifend, band er ihm die

Vorderfüße, nach Landesart zusammen, und ließ es sich sein Futter auf

der weiten Wiese selber suchen. Da ging die Thür der Hütte auf, und ein

junges, rothwangiges, kräftiges und auch recht hübsches Mädchen von etwa

achtzehn Jahren trat auf die Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend.

»Grüß Euch Gott, Kind,« rief ihr dieser freundlich entgegen, »kann man

ein Glas Milch hier bekommen? -- es ist warm heute und das Wasser in der

Prairie schmeckt schlecht.«

»Recht gern und so viel Ihr wollt -- grüß Euch Gott,« sagte das Mädchen,

rasch in das Haus zurückgehend und bald mit einem großen, bis zum Rand

gefüllten Blechmaas voll Milch wiederkehrend. »Ihr seid wohl von weit

her unterwegs?« frug sie dann, als Georg das Gefäß dankend an die Lippen

hob, und einen langen durstigen Zug daraus that.

»Ich komme von Wisconsin herunter, wo ich ein Jahr mich aufgehalten,«

sagte der junge Mann.

»Von Wisconsin; da soll es auch recht gut sein -- wir haben viel Freunde

drüben, die mit uns über See gekommen sind -- wir wollten auch erst

dorthin, aber die Schwester wurde hier krank, und da dem Vater die

Gegend gefiel, blieben wir da, und ließen die andern weiter ziehn.«

»Und es geht Euch gut hier?«

»Gott sei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft, und die Jahre nun,

die wir hier sind, recht sparsam gelebt und recht fleißig gearbeitet,

und da sieht man doch daß man vorwärts rückt.«

»So kommt Ihr hier besser fort wie in Deutschland?«

»Ei Gott ja, _viel_ besser; lieber Himmel dort fraßen die Steuern, was

wir mit Mühe und Noth erzwingen konnten; wir schafften und schafften,

daß uns das Blut unter den Nägeln vorkam, aber nur schlimmer wurd' es,

nicht besser; wir _konnten_ nicht erschwingen was wir brauchten, und

langsam aber sicher ging's bergunter. Hier ist's besser; arbeiten müssen

wir freilich auch, beinah so viel wie in Deutschland, aber was wir

einnehmen ist unser, wir brauchen Nichts davon abzugeben, haben keine

groben Gerichtsleute die uns quälen, und keine Taxen und Steuern, die

Einem das Mark aus den Knochen saugen. Auch das Land ist vortrefflich;

was man pflanzt gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem

großen Fluß wohnten, daß wir Alles gleich verkaufen könnten was wir

bauen, wär's noch viel besser. Die Leute sagen freilich, daß wir eine

Eisenbahn hier vorbeibekommen, nachher wär's schon gut. Wo seid _Ihr_

her, wenn man fragen darf?«

»Aus Waldenhayn.«

»Aus Waldenhayn -- Jesus, in unserer Gegend liegt auch ein Waldenhayn,

aber s'ist doch wohl nicht das --«

»Und welches ist das?« lächelte der junge Mann.

»Krisheim -- und Bachstetten liegt auch nicht weit von dort, der Pfarrer

von Bachstetten ist ein Bruder vom Waldenhayner Pfarr.«

»_Der_ Waldenhayner Pfarr' ist mein Vater,« sagte Georg.

»Und Ihr seid in Krisheim gewesen?« frug das Mädchen und hohe freudige

Röthe goß sich ihr über Stirn und Schläfe.

»Oft und oft; es sind ja nur höchstens vier Stunden von unserem Ort.«

Das Mädchen sah dem jungen Mann fest und forschend dabei in die Augen,

und dann drehte sie sich plötzlich ab, und die hellen klaren Thränen

liefen ihr an den Wimpern nieder.

»Ihr hängt wohl noch recht an daheim?« sagte Georg endlich leise und

nach langer Pause, »möchtet Ihr wieder zurück?«

»Ich weiß nicht,« flüsterte das Mädchen, immer noch von ihm abgewandt,

»ich hatt' es schon beinah vergessen, und seit dem letzten Weihnacht

wenig mehr daran gedacht -- wenn ich aber den Ort wieder nennen höre,

und nun gar wieder Jemanden sehe, der selber dort war, selber eigentlich

dorthin gehört, dann -- dann fängt's freilich wieder an zu stechen,

und -- und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor, als ob ich das

alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergessen könnte. -- Wenn ich an den

Kirchthurm denke und -- und was daneben liegt -- und an die großen

Linden -- nur an den Weg der dorthin führt, möcht ich mir die Augen aus

dem Kopfe weinen. -- Aber der Vater darf's nicht merken,« setzte sie

rasch hinzu, »sagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es ist ihm gerade so wie

uns zu Muthe, ich weiß es wohl, wenn er sich's auch nicht will merken

lassen -- aber weinen kann er nicht, das geht ihm nicht von der Hand,

und da wird er lieber grob, wenn er's auch nicht so böse meint und

-- wenn man eigentlich weiß warum er's wird, möcht' man ihn nur um so

lieber d'rum haben.«

Georg war es, als er das Mädchen so plaudern, und selbst den Dialekt

aus seiner eigenen Gegend dabei hörte, ebenfalls recht weich um's Herz

geworden; ihm selber klang die Rede wie Glockentöne aus der Heimath, und

er hätte den lieben Lauten stundenlang lauschen mögen, so wohl, so weh

wurde ihm dabei in der Brust. Von der Fenz herüber tönte da das Knallen

einer Peitsche, Stimmen wurden laut und der Bauer, mit seiner andern

Tochter, Lisbeth, kam den Weg die Fenz entlang; der Mann hatte frischen

Mais aus dem Felde in seinem kleinen Karren geholt, und das Mädchen,

wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen helfen. Die

Leute sahen frisch und wohl aus mit ihren sonnverbrannten aber gesunden

Gesichtern, und man merkte es ihnen an, daß sie die Arbeit freute die

sie thaten. Sie luden auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die

Nacht zu bleiben und sich und sein Pferd auszuruhen, von dem langen

Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn nach Indiana

hinüber, wo er wenigstens hören wollte wie es denen ging, an denen sein

Herz, so weh ihm auch der Mann gethan, den er vor allen Anderen gern

geliebt hätte, mit festen -- er fürchtete unzerreißbaren Banden hing,

und je länger er sich fern gehalten von dem Platz, destomehr drängte und

trieb es ihn jetzt, wo seines Pferdes Kopf der Richtung sich wieder

zuwandte.

Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es that ihm wohl

hier zufriedene, glückliche Menschen zu sehn, die dem Lande ihr Brod

sauer genug abverdienen mußten, die aber die Schultern ernst dagegen

stemmten, gegen das Werk, und, wenn auch langsam vorrückten, doch eben

sahen, _daß_ sie vorrückten, und sich glücklich dabei fühlten.

»Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den Mund,« sagte der

Mann unter Anderem und im Laufe des Gesprächs lächelnd, »wie sie uns

manchmal, als wir von Deutschland fortgingen, vorgehalten haben, daß wir

so etwas erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unsere Knochen

nicht schonen, dann können wir uns doch Tauben braten, und haben dann

welche, und in Deutschland ging das eben _nicht_ mehr an. Das erste Jahr

haben wir uns freilich tüchtig placken müssen, und sind bei anderen

Leuten in Dienst gegangen, alle miteinander -- es war ein schweres Jahr,

aber es ging vorüber, wir lernten auch das Land dabei kennen und die

Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundstück hier gekauft. -- Ganz

ist's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei Jahren hoffentlich ist's

mein, und mit dem Vieh was ich indessen ziehe, und das den Werth der

Farm erhöht, können wir der Zukunft ruhig und sorgenfrei entgegengehn.«

Der Mann hatte hundert Preußische Thaler mit herübergebracht, und mit

dem dazu was er und seine Familie das erste Jahr verdient, den Stamm

gelegt, der ihm eine sorgenfreie Existenz geben konnte.

Georg fing sein Pferd endlich wieder ein, band die Hobbeln ab, legte ihm

den Zügel wieder an, und ritt nach freundlichem Abschied von den Leuten

auf dem ausgeruhten Thiere rascher die etwas staubige Straße entlang,

wo er, wie ihm der Hesse gesagt hatte, noch eine andere kleine deutsche

Farm erreichen würde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, fleißigen

Deutschen gehörte. Es waren noch zwölf Englische Meilen bis dorthin, und

kein Haus lag dazwischen, kein Baum -- unabsehbar mit dem wogenden Gras

den Horizont begrenzend, dehnte sich die weite Prairie um ihn aus.

Erst unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenstrom dem Wabasch zu, an

dessen Ufer dichte Büsche von Weiden, Eichen, Erlen, und einzelne

Hickorybäume wuchsen, und dem Platz etwas unendlich freundlich Heimliches

gaben. Prairiehühner[3] gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen

und die kleinen Rebhühner Nord-Amerikas -- ein Mittelding zwischen

Rebhuhn und Wachtel.

Die Ansiedlung, die hier stand, war noch ganz neu, das Land erst

kürzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen Erndte wehenden

Maises, die Blöcke zu der Hütte frisch gehauen, und sogar das von ihnen

übrig gebliebene und dort zum Feuer gelassene Holz noch nicht ganz

verbrannt. Ebenso bestand die Fenz aus ganz neu gespaltenen Riegeln, und

selbst die Hühner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine, die dann

und wann einmal einen vergeblichen Versuch machten, irgend wo eine Lücke

in der Einfriedigung des Feldes zu entdecken und diesem einen Besuch

abzustatten, die beiden Kühe, die zum Melken nach Hause gekommen waren,

sahen aus, als ob sie dort noch nicht recht hingehörten, und keinen

eigentlich bestimmten Platz hätten zu Aufenthalt und Wohnung. Weit

eher hatten sich die Kinder eingerichtet, von denen drei vor dem Hause

spielten und sich herumtummelten, und ein junges Mädchen von etwa vierzehn

Jahren schien alle Hände voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf

sie aufzupassen.

Heute gab es freilich auch etwas Neues für sie, das die Einförmigkeit

ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weise unterbrach, denn vor dem Hause

hielt ein kleiner Karren, ein sogenannter Pedlar-Wagen, mit allerlei

bunten, wunderhübschen Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte gesagt,

daß er die Nacht da bleiben und jedenfalls warten würde bis Vater und

Mutter vom Felde heim kämen, ihnen seine Waaren auszupacken, von denen

sie Manches brauchen könnten. Indessen zeigte er ihnen aber allerlei,

und gewann ihre Herzen noch überdieß durch ein paar kleine Spielereien,

die er ihnen preisgab. Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit

zurück, und während die Frau nach den Kühen ging, diese zu melken, trat

der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand.

»Guten Tag Landsmann -- Ihr seid doch ein Deutscher, wie?« --

»Allerdings,« sagte der Pedlar, freundlich den Handdruck erwiedernd,

»möcht's nicht verleugnen.«

»Möcht' Euch auch schwer werden,« lachte der Bauer, »Euer Gesichtsschnitt

würd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr seid von »unsere Leut«, wie wir bei

uns zu Lande sagen?«

»Na, wie mer's so nimmt,« lachte Wald, denn es war unser alter

Reisegefährte von der Haidschnucke, der hier seine Umstände als Pedlar

schon so verbessert hatte, mit einem Güterkarren durch's Land fahren

zu können, »wir _leben_ wie die Christen, und handeln wie die Christen

-- der Mensch kann nicht mehr verlangen.«

»Aber Ihr eßt kein Schweinefleisch,« lachte der Bauer.

»Nu, was wär der mehr d'rum, wenn wir's _nicht_ thäten,« sagte Wald

achselzuckend, »aber setzt mich 'mal auf die Probe, besonders wenn

Bohnen dabei sind.«

»Na, ein Mann ein Wort,« rief der Bauer, »das sollt Ihr heut' Abend

haben, und Eueren Kasten könnt Ihr dann auch auskramen, wenn meine Alte

mit Melken fertig ist; die hat schon die ganze Zeit lamentirt, daß sie

kein Band und keinen Zwirn und keine Nadeln und Kämme und Gott weiß was

hat; es ist in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.«

»Glück muß der Mensch haben,« sagte Wald vergnügt, »da komm ich wieder

einmal gerade recht, und was die Frau braucht, steckt da Alles im Karren

d'rin.«

[Illustration: Capitel 3]

»Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch Alles stäk' um damit

zu zahlen -- na, aber so viel wird schon da sein. Und nun Cathrine, wie

ist's mit dem Kranken drin?« wandte er sich dann an das junge Mädchen

das, indessen die Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte

Achtung geben müssen.

»Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gestöhnt, ist aber vor

einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt ruhig.«

»Habt Ihr Jemand krank in der Familie?« frug Wald, »ich habe kleine

Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da helfen.«

»Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank,« sagte der Bauer, »aber ein

Landsmann, ein Bischen ein verkehrter Kauz, der ein paar Wochen bei mir

hier gewohnt, und hier versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen,

ist dabei gefallen und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der

Umgegend zu haben ist, mußten wir es ihm selber zurechtrücken so gut es

gehen wollte, und das, fürcht' ich, wird wohl nicht zum Besten geschehn

sein. Wir können den armen Teufel aber nicht so verkommen lassen, und

ich will lieber morgen nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor

holen; es ist ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.«

»Wie ist denn das gekommen?« frug Wald, »und _wo_ hat er das Bein

gebrochen?«

»Wo? -- da hinten von dem Baume herunter,« sagte der Bauer, »seht Ihr

die einzelne Eiche dort an der Prairie, an der die Balken lehnen?

-- dort drüben links.«

»Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben zu thun?« frug Wald

erstaunt.

»Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht -- er hat _fliegen_ wollen,

und das ist noch nicht recht gegangen.«

»Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh daß ich 'nen Karren

habe auf dem ich _fahren_ kann -- fliegen, und da ist er von oben

heruntergestürzt?«

»Wie ein Mehlsack -- er hatte sich so ein Gestell gemacht wie ein Drachen

etwa, aber ohne Bindfaden unten d'ran,« sagte der Bauer, »woran man

sonst so ein Ding hält, daß es nicht wegfliegt; das war aber hier auch

nicht nöthig, denn es kam gleich von selber herunter, und ich hätte gern

gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht gegangen

wäre -- es ist auch ein Deutscher.«

»Hm, hm, hm,« sagte Wald, »was es doch für wunderliche Menschen auf der

Welt giebt, und macht er da ein Geschäft d'raus?«

»Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher --«

»Er heißt doch nicht Schultze?« rief Wald schnell.

»Schultze heißt er allerdings -- am Ende kennt Ihr ihn gar.«

»Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir miteinander

über See herübergekommen, und er hatte da schon immer so einen kleinen

Sparren; wenn's ihm nur nicht gar am Ende im Oberstübchen fehlt. Kann

ich ihn einmal sehn?«

»Jetzt schläft er, wie die Cathrine sagt,« meinte der Bauer, »und da er

die ganze Zeit über Schmerzen gehabt hat, wird's wohl besser sein wir

lassen ihn ruhig liegen, bis er von selber aufwacht.«

»Und wie lange ist's her, daß er das Bein gebrochen?« frug der Pedlar.

»Heute gerade elf Tage,« sagte der Bauer.

»_Gerade_ elf, hm -- arme Teufel -- hat er denn Geld?«

»Nun ein Bischen was wohl,« meinte der Bauer achselzuckend, »er kam hier

durch, und die Gegend gefiel ihm hier für das was er machen wollte, wie

er sagte.«

»Er meinte, er könnte hier recht hübsch in der Prairie herumfliegen?«

»Wahrscheinlich so -- und er bot mir ein und einen halben Dollar

wöchentlich, wenn ich ihn ein paar Monate beköstigen wollte, bis er mit

seiner Arbeit fertig wäre. Nu ja, viel zu verdienen war da nicht dabei,

aber ein Bischen baar Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war,

und sonst ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja.

Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und Noth mit

ihm, können ihn aber nun auch nicht im Stich lassen, bis er wieder

gesund ist und sich selber helfen mag.«

»Das ist brav von Euch gehandelt,« sagte Wald, »hier in dem Amerika weiß

man nie wie Einer den Andern braucht; aber da kommt die Frau, nun kann

ich meine Sachen auspacken, daß wir noch fertig werden eh' die Sonne

unter ist; nachher wird's dunkel im Handumdrehen.«

»Guten Tag miteinander,« sagte die Frau zu dem Pedlar tretend, und ihm

die Hand reichend, »na das ist recht daß endlich einmal Einer von Euch

sich hierher verliert, wir haben lange darauf gewartet. Was habt Ihr

denn da in Euerem Karren drin?«

Wald säumte nicht seine Waaren anzupreisen, und die verschiedenen Kästen

und Schubfache herausziehend, legte er den Blicken der jetzt um ihn

herdrängenden Familie die Herrlichkeiten offen, die, aus den Städten des

Ostens hergeführt, die Herzen in den westlichen Prairieen entzücken

sollten.

Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut zu wenden,

Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht und _mußte_ geschafft

werden, und ging der Mann auch einmal in die ziemlich fern liegende

Stadt, konnte er's doch nie im Leben so aussuchen wie die Frau, und die

Pedlar bleiben deshalb auch immer den Frauen willkommene Gäste.

Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und bezahlt worden,

und obgleich der Pedlar bat, die Frau möchte das Nachtquartier in Abzug

bringen, wollte diese doch davon Nichts hören. Sie hätten so Nichts

großes zu bieten, und für ein Nachtquartier dürften sie kein Geld

nehmen, das ginge nicht an -- »aber wie ist mir denn,« setzte sie hinzu,

den Pedlar dabei immer schärfer und aufmerksamer ansehend, »ich dächte

doch, wir hätten einander schon einmal gesehn?«

»Wär wohl möglich,« lachte Wald, »ich zieh' nun schon ein paar Jahr lang

die Kreuz und Queer im Lande herum -- hierher bin ich aber doch noch

nicht gekommen.«

»Es war auch nicht hier,« sagte die Frau, ihn immer stärker in's Auge

fassend, »es war unten noch am Wasser, gleich wie wir ankamen -- Jesus,

Heinrich, sieh mal, ist das nicht der Mann, der mir den halben Dollar

gab, den Kindern Milch dafür zu kaufen?«

»Seid _Ihr_ die Leute, die da unten in New-Orleans an der Levée saßen

und kein Brod und keine Arbeit hatten?« frug aber nun Wald seinerseits

wirklich erstaunt, »alle Wetter, dann habt Ihr Euch aber tüchtig

herausgearbeitet in der kurzen Zeit.«

»Siehst Du's, er ist's,« rief aber die Frau, rasch und herzlich Wald's

Hand ergreifend, »wenn nur ein Mensch wüßt' wie ich mich danach gesehnt

habe Euch wieder zu sehn, und Euch danken zu können.«

»Ah, papperlapapp,« sagte Wald, abwehrend, »macht kein Aufhebens von der

Läpperei -- ich wollt' ich hätt' mehr thun können.«

»Ich glaub's Euch,« sagte der Mann jetzt auch, dem Juden die Hand

reichend und derb drückend, »Ihr habt das Herz auf dem rechten Fleck,

gerade wo's hingehört.«

»Ihr wißt aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen habt,« sagte, mit

Thränen in den Augen, die Frau, als sie an die schwere Zeit zurückdachte,

»wir anderen hätten uns helfen können, aber das Kleinste schrie nach

Milch, und ich hatte keinen Tropfen mehr für das arme Würmchen. Seht

jetzt den Jungen an, was für ein kräftiger Bengel das geworden ist;

wer weiß ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn Ihr uns nicht

damals beigestanden. Lieber allmächtiger Gott, Du magst mir die Sünde

verzeihen, aber ich wäre lieber mit ihm in's Wasser gesprungen wie

nicht, so weh, so traurig war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand

um uns kümmerte, und es _allen_ Menschen eben ganz gleichgültig zu

sein schien, ob wir da am Flußufer verdarben oder nicht. Euer Geschenk

brachte mir zuerst wieder, _mit_ der Hülfe, Hoffnung in's Herz, und von

dem Augenblick auch an schien's beinah, als ob es hätte besser werden

sollen.«

»Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,« lächelte Wald.

»Ich glaub's Euch nicht, daß Ihr es gefunden habt,« sagte die Frau, ihn

scharf ansehend.

»Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele gelegen, Geld

genommen zu haben, was ich nicht _verdient_ hatte,« sagte der Mann, »es

war das erste Mal gewesen, und Gott sei Dank, daß wir jetzt im Stande

sind es mit tausend Dank zurückzuzahlen.«

»Wie heißt zurückzahlen,« sagte Wald halb verlegen, halb lachend, »hab'

ich's mir doch schon selber wieder geholt -- zurückzahlen, was sagen Sie

zu _dem_ Mann; hab' mit ihm um sieben Dollar Geschäfte gemacht, und

werde den halben nicht dabei haben.«

Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas, was er für einen

Nebenmenschen gethan, »bezahlt zu nehmen«, und der Bauer mußte ihm

jetzt erzählen wie es ihm hier so schnell geglückt. Ohne Mittel auf's

gerathewohl hin, und einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die

Passage zu zahlen, war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen

und hatte da ein kleines Stück Land zuerst gepachtet. Die Erndte, von

der er einen Theil abgeben mußte, war trefflich gerathen, und so langsam

fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen Platz, mit der Zeit ihn in den

nächsten Jahren langsam abzuzahlen, käuflich übernommen.

Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer nicht müde wurde dem

Krämer von den Vorzügen des Landes zu erzählen, kam noch ein Reiter die

Straße nieder die zum Hause führte, und hielt neben der Gruppe.

»Hallo Wald! so fleißig und eifrig im Geschäft, hier mitten in der

Prairie?« rief diesen da die freundliche Stimme Georg Donners an.

»Herr Donner, wahrhaftig!« sagte aber auch Wald, ihm die Hand auf das

Pferd entgegenstreckend, »woher des Wegs?«

»Vom Norden herunter -- guten Abend Ihr Leute, wie weit ist's noch bis

zum nächsten Haus dahinein zu?«

»Nach der Richtung hin liegt keins,« sagte der Mann, »bis Ihr nicht zum

nächsten Waldstreifen kommt, und der ist sieben englische Meilen von

hier entfernt. -- Dort wohnen Irische, aber eben kein freundliches Volk,

und je weniger man mit ihnen verkehrt, desto besser.«

»Ja, ich bäte Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht hier behalten

wolltet,« sagte Georg, »aber Ihr habt schon Besuch, und in dem Häuschen

möcht' ich Euch auch nicht gern beschränken.«

»Das thut Nichts,« sagte die Frau freundlich, »wir müssen uns

eben einrichten, und dürfen schon einen Landsmann nicht dicht vor

Sonnenuntergang von der Thür weisen.«

»Ja und _den_ schon gar nicht,« rief Wald rasch, »denn erstens ist er

ein braver Kerl, und zweitens ein _Doktor_!«

»Ein Doktor?« riefen die beiden Leute rasch, »ja das wär schon recht!«

»Ist Jemand krank hier bei Euch?« frug Georg.

»Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall, Herr Donner, von der

Haidschnucke hat das Bein gebrochen, und liegt im Haus drin schon elf

Tage ohne ärztliche Hülfe.«

»Aber so steigen Sie doch nur ab,« bat der Mann.

»Du lieber Gott,« sagte Georg, aus dem Sattel springend, und den Zaum

über einen Zweig des nächsten Baumes werfend, »da ist's ja doch die

höchste Zeit daß irgend etwas für den armen Mann geschieht.«

»Aber er schläft jetzt,« sagte das älteste Kind, »ich habe deshalb die

Kleinen aus dem Haus genommen, weil er so lange schon keine ordentliche

Ruhe gehabt hat.«

»Ich will ihn nicht stören,« sagte Georg, »nur wenn er wacht geh' ich zu

ihm; aber ich möchte ihn wenigstens sehn -- liegt er in diesem Haus?«

»Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.«

Georg schlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur über die Schwelle

trat, hörte ihn der Kranke, drehte den Kopf nach ihm um, und streckte

ihm dann rasch und freudig die bleiche abgemagerte, zitternde Hand

entgegen.

»Donner, Sie sendet mir Gott selber, und von jetzt glaub' ich an

Wunder!« sagte er, und die Stimme klang hohl und matt; »guter Himmel,

was habe ich ausgestanden -- wie führt Sie denn jetzt mein Schutzgeist

her zu _mir_?«

Georg ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen und

Auseinandersetzungen ein, bis er nicht den Bruch untersucht hatte. Viel

war dabei schon in der langen Zeit, in der er uneingerichtet gelegen

hatte, verloren, und das rechte Schienbein, das bei dem Sturze, wie es

schien, schräg abgebrochen, noch ziemlich stark geschwollen. Er gab aber

die Hoffnung nicht auf noch Alles gut werden zu sehn, ging vor allen

Dingen mit der Axt hinaus an den kleinen Fluß, sich selber die passenden

Rindenstücken zu Schienen abzuschlagen, und richtete den Bruch erst

ordentlich ein, schiente und band ihn, und stellte dann mit Walds Hülfe,

der Manches dazu in seinem Karren mit sich führte, eine Art Schwinge

her, in der sie das Bein frei schwebend hängen konnten, was dem Kranken

große Erleichterung gab, und ein wieder Verschieben des Knochens

verhinderte.

Indessen war es dunkel geworden, der Mann hatte die beiden Pferde seiner

Gäste in einen Verschlag gebracht und ihnen dort Mais eingeschüttet,

die Frau kochte emsig am Kamin das Abendbrod für ihre gern bewirtheten

Gäste, und Schultze mußte nun Georg und Wald, dem er ebenfalls herzlich

die Hand geschüttelt, erzählen, wie er zu dem unglückseligen Sturz

gekommen. -- Georg Donner hatte nämlich noch gar keine Ahnung, was er

hier für Unsinn getrieben.

»Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber Schultze,« frug er

ihn, als er neben dem Bette saß und seine Hand dabei dem kleinen jetzt

überglücklichen Mann, der sich schon der schwärzesten Verzweiflung

hingegeben, überließ.

»Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich hab' es mir gleich

gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen andern Grund, der Schwanz war

um dritthalb Fuß zu kurz.«

»Aber von was in aller Welt reden Sie denn?« rief Georg, auf's Äußerste

erstaunt.

»Nun von meinem Drachen -- ich sage Ihnen Herr Donner, wenn ich den

unglückseligen Fall nicht gethan hätte, flög ich jetzt im ganzen Lande

umher. Ich habe das Geheimniß gefunden, das uns wieder zu unserer alten

verlorenen Eigenschaft verhelfen soll.«

»Aber bester Herr Schultze, was machen Sie für Streiche,« lachte Georg,

als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen Worten die ganze Geschichte

erklärt hatte, wie sich Herr Schultze mit unendlicher Mühe aus Schilf

und Rohrwerk und Seide ein breites Gestell gebaut, dieses dann oben an

dem Baum befestigte, und bei einer frischen Brise endlich, wo sich die

Fläche von selber an zu heben fing, oben darauf gestiegen wäre und die

Seile durchgeschnitten hätte, wonach der Drache, oder wie es sonst

heißen möchte, auf der einen Seite übergekippt wäre, Herrn Schultze

heruntergeworfen, und sich selber im nächsten Baume wieder gefangen

hätte.

»Was ich für Streiche mache, bester Donner?« rief aber Schultze, »ich

schlage mein Leben für die Wissenschaft in die Schanze, _das_ mache ich.

Meine feste, innige Überzeugung ruht auf dem System, und ich weiß, daß

ich es durchsetze; was liegt daran, ob ich später noch einmal ein oder

beide Beine breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch sehr wenig

gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die Flug_kraft_

am Besten herzustellen ist, nein ich bin auch im Stande, mein später

vervollkommtes Luftschiff in eine höhere oder tiefere Luftschicht zu

lenken und es dort zu _steuern_ -- was sagen Sie nun, Freundchen?«

»Daß Sie, sobald Ihr _Bein_ wieder geheilt ist, mit _diesen_ Ideen

nächstens den _Hals_ brechen werden,« erwiederte Georg achselzuckend;

»was aber um des Himmels Willen hat Sie auf diese unglückselige, brodlose

Idee gebracht? -- was wollen Sie damit bezwecken, was _hilft_ es Ihnen,

wenn Sie wirklich eine Strecke durch die Luft fliegen und mit

unzerbrochenen, unverrenkten Gliedern wieder auf Gottes Erdboden

kommen?«

»Das kann ich Ihnen nicht so auseinandersetzen, mein junger Freund,«

sagte aber Schultze, ernst und recht wehmüthig dabei mit dem Kopfe

schüttelnd, »das ist das Ziel, die Aufgabe meines Lebens, für die mich

Gott eigends geboren und in die Welt gesetzt. Ich fühle das auch in mir,

ja was noch mehr ist, ich fühle daß ich es durchsetzen werde, daß ich

bestimmt bin, der Menschheit eine neue Ära zu gründen, oder vielmehr

unsere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zurückzuführen. Die Kraft und

Eigenschaft, die wir einst besessen, haben wir nicht _verloren_, sondern

nur auf eine Zeitlang _vergessen_. Es ist das Ei des Columbus; wenn

gefunden, wird die ganze Welt schreien: »ja das ist gar Nichts -- wenn

wir das _so_ gemacht hätten, hätten wir's auch gekonnt.« Die Sache ist

aber die, sie haben's nicht _so_ gemacht, und Schultzes Name, mein

lieber Freund, Benjamin Schultze wird unsterblich werden.«

»Wenigstens bald zu den Unsterblichen gehören, wenn Sie in der Art

fortfahren,« lächelte Georg. »Ich will eine mögliche Ausführbarkeit der

Luftschifffahrt gar nicht etwa bestreiten; es sind in den letzten Jahren

andere Sachen möglich gemacht, die wir früher für eben so unmöglich

gehalten; aber ich fürchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht

dazu etwas derartiges durchzuführen. Ihnen stehen keine bedeutende

Mittel zu Gebote, Sie haben auch, so viel ich weiß, keine mechanischen

Kenntnisse, Sie in der Ausführung eines solchen Plans zu unterstützen,

und der gute Willen genügt dazu nicht. Dieser Sturz sollte Ihnen deshalb

eine Warnung sein; Sie kommen dießmal noch hoffentlich mit ein paar

Monate Hinken davon -- daß es nicht später schlimmer wird.«

Wald mußte jetzt erzählen, was er bis dahin getrieben, und that das mit

dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er war mit etwa zwanzig Spanischen

Dollarn in der Tasche an Land gekommen und hatte dort gleich, nach

dem Beispiel seiner Glaubensgenossen, einen kleinen Handel mit Band,

Litzen, Nadeln etc., etc., etc. angefangen. Den war er bald im Stande

zu vermehren und kaufte jetzt, anstatt ein theueres Haus in der Stadt,

das er nicht hätte bezahlen können, und wo das Standgeld allein seinen

Nutzen halb aufgezehrt haben würde, ein kleines altes Flatboot an der

Landung, das er dort ruhig auf dem Schlamm liegen ließ, und zu einem

Laden herrichtete. Er mußte dort natürlich viel von den Mosquitos sowohl,

als dem schauerlichen Dunst der benachbarten Boote leiden, aber er

verdiente Geld, und blieb da so lange, bis er im Stande war, sich eine

ordentliche Quantität Waaren mit Wagen und Pferd zu kaufen, mit denen er

dann von New-Orleans fort zu Lande am Mississippi hinaufzog, bis ihn die

Fieberzeit dort wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfschiffes

ging, sich in Cincinnati mit seinem Karren an Land setzen zu lassen. Von

dort aus hatte er Indiana ziemlich durchstreift, vortreffliche Geschäfte

gemacht, und große Lust wieder dorthin zurückzukehren, und vielleicht

erst zum Spätherbst nach Illinois zu kommen, da die Fliegen den Tag über

das Pferd so belästigten, und Nachtreisen ihm bei seinem Geschäft doch

nichts nützen konnten.

»Durch Indiana?« -- Georg fühlte wie sein Herz stärker an zu klopfen

fing, denn er dachte der Möglichkeit, der Krämer könne auch Lobensteins

besucht haben, von denen er über ein Jahr auch nicht die geringste Kunde

gehabt. Wald ließ ihn aber auch darüber nicht lange in Zweifel, und fing

an aus freien Stücken die ihrer früheren Reisegefährten aufzuzählen, die

er auf seinen Wanderungen angetroffen.

Die ersten waren zwei von den drei Passagieren, die von dem Leuchtschiff

zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem Zuchthaus wahrscheinlich

entnommenen jungen Verbrecher, die ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten

verleugnen können oder wollen, und bei einem Pferdediebstahl erwischt

waren. Die Eigenthümer schienen Lust gehabt zu haben sie gleich an Ort

und Stelle zu hängen, aber der Sheriff legte sich zu ihrem Glück noch

in's Mittel, und sie wurden (Wald kam gerade dazu sie abführen zu

sehen), nachdem die dortigen Ansiedler ihnen wenigstens erst eine

tüchtige Tracht Schläge mit einem schwanken Hickory verabreicht, in das

Staatsgefängniß abgeliefert.

Dann hatte er ein paar von _seinen_ Landsleuten, auch

Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke, im Lande, und ebenfalls als

Krämer oder Händler angetroffen. Löwenhaupt war Eigenthümer eines

Kleiderladens am Wasser unten, in Cincinnati, wollte sich aber von

seiner Frau scheiden lassen, weil sie ihn mishandelte. Rechheimer war

ebenfalls Pedlar geworden und die beiden Rechheimer Mädchen hatten sich,

die eine in Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende

Leute verheirathet.

Der Polnische Jude mit seiner Holzharmonika war wieder nach New-Orleans

zurückgegangen, der Knabe aber so krank geworden, daß er nicht mehr

singen konnte -- und erst ganz kürzlich -- vor ein paar Tagen nur

-- hatte er ein ganzes Nest von Haidschnucken-Passagieren auf einer Farm

unweit Grahamstown in Indiana getroffen.

»Und wie geht es Lobensteins?« rief Georg rasch.

»Sie kennen den Platz?«

»Ich habe dort gearbeitet,« erwiederte Georg ausweichend.

»Thut mir leid um die Leute,« sagte Wald.

»Wie so? -- was ist mit ihnen?« frug Georg rasch.

»Nun, daß es ihnen so schlecht geht.«

»Ist Jemand krank?«

»Nicht daß ich wüßte -- nur so, meine ich.«

»Aber der Professor hat doch die Farm?«

»_Hatte_ sie,« sagte Wald.

»Er hat sie verkauft?« rief Georg, rasch und erschreckt.

»Noch nicht,« meinte der Pedlar, »doch heute oder morgen wird's wohl

dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's dicht daran.«

»Aber wie ist das möglich,« sagte Georg, »die Erndte ist doch gewiß

dort wie hier gut ausgefallen, die Verbesserungen, die er auf der Farm

gemacht, müssen ihm wenigstens _etwas_ eingetragen haben, und so war der

Platz doch nicht verschuldet, ein solches Ende so rasch herbeizuführen.«

»Wie die Geschichte ganz genau ist, weiß ich nicht,« sagte Wald, »so

viel aber ist gewiß, daß der Professor Vieh und manches Andere verkaufen

mußte, dem Weber, der sich bei ihm mit seiner Familie verdingt hatte,

seinen Jahrlohn zu geben. Außerdem hat er Unglück gehabt mit dem

einzigen Sohn, der sich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib

geschossen.«

»Großer Gott, Eduard,« rief Georg, entsetzt von seinem Sitz aufspringend.

»Wie ich die Sache hörte,« fuhr Wald fort, »war der junge Mann mit einem

andern unserer Zwischendeckspassagiere -- dem langhaarigen Burschen, der

immer die Verse an Bord machte -- auf die Jagd gegangen, und weiß der

liebe Gott, was die beiden jungen Leute zusammen angefangen, aber der

junge Lobenstein, Eduard hieß er, glaub' ich, schoß sich, wie jener

Versemacher sagte, beim über einen Graben springen durch den Leib, und

starb ein paar Stunden darauf unter den furchtbarsten Schmerzen.«

»Das ist ja entsetzlich,« stöhnte Georg.

»Nicht so, als der Mensch vielleicht denken möchte,« meinte Wald ruhig,

»denn wie mir der Weber erzählte, war der junge Bengel zum Arbeiten nie

etwas nutz gewesen, und durch den Fall wurden sie auch, als reinen Gewinn,

den Literaten los, der sich auf dem ersten Dampfboot wieder nach

New-Orleans einschiffte.«

»Aber wie um Gottes Willen konnte er so zurückkommen, _gezwungen_ zu

werden seine Farm verkaufen zu müssen?« frug Georg.

»Wie? -- einfach genug,« meinte der Pedlar, »ich habe weitläufig darüber

mit dem Weber, einem ordentlichen, braven Menschen gesprochen, der die

Sache schon lange hat kommen sehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen

den Starrkopf des Professors. Anstatt sein Feld ordentlich mit Mais oder

Waizen zu bepflanzen, Produkte, von denen er wußte, daß er sie wieder in

baar Geld verwandeln konnte, machte er Experimente, baute in eine Ecke

Runkelrüben und in die andere Ölsaat, verschwendete dabei ein Capital an

Arbeitslohn, für eine Bande müssiger, ungeschickter Gesellen, die ihren

Nutzen dabei fanden ihn in dem Glauben zu bestärken er könne Mühlen und

Gott weiß was sonst noch, bauen. Die Leute wollten dann allwöchentlich

ausgezahlt sein, und was nicht mehr länger verborgen bleiben konnte, kam

an's Tageslicht. Mit einem recht großen, tüchtigen Capital hätte der

Mann vielleicht Manches erreichen können, so aber reichten seine Mittel

nicht aus; Mühlen, Zuckerpressen, Backsteinmaschinen, Alles was er zu

gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn richtig geleitet,

gewiß einen hübschen Profit abgeworfen hätte, blieb mitten in der Arbeit

stehn, und zehrte, anstatt zu helfen, mit an dem übrigen Capital.«

»Und ist der Weber noch bei ihm?« frug Georg.

»Oh Gott bewahre,« sagte Wald, kopfschüttelnd, »der Professor hat ihn

bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er ihm und seiner Familie für

die Jahresarbeit schuldete, und seinen Contrakt ehrlich gehalten, damit

aber auch, wie es scheint, seine eigenen Kräfte total erschöpft, und

Brockfeld sitzt jetzt, etwa zwei Meilen diesseit von Lobensteins Farm,

auf einem eigenen Stück Land, in einem eigenen freundlichen Häuschen,

und es geht ihm und den Kindern und der alten Mutter _recht_ gut.«

»Wie weit ist es bis dorthin?« frug Georg, fast unwillkürlich dabei von

seinem Stuhle aufspringend.

»Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin,« lachte Wald, »wenn Sie aber

ordentlich zureiten, mögen Sie in vier Tagen den Platz erreichen -- Sie

wissen ja wohl wo er liegt.«

»Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir bleiben könnten,

bester Donner,« seufzte Schultze wehmüthig vor sich hin, »wie soll es

denn werden, wenn Sie fortgehn?«

Georg beruhigte ihn übrigens hierüber, und versprach ihm, heute Abend

noch seine beiden Wirthsleute und Pfleger so zu unterrichten, daß sie

den jetzt gut eingerichteten und fest und sicher geschienten Bruch auch

allein behandeln könnten. Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das

Hauptsächlichste dann nahrhafte Speisen, die sich die Leute nicht

getraut hatten ihm zu geben, damit sich sein Körper, was er so sehr

bedurfte, wieder kräftige und stärke. Sei es ihm möglich, wolle er

selber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher zurückkehren.

Capitel 4.

Georg und Marie.

Vier Tage später mit Sonnenuntergang erreichte Georg nach scharfem Ritt,

auf dem er sein Pferd nicht geschont, »Brockfelds Farm,« erfuhr aber hier,

wo man ihn auf das Herzlichste begrüßte, nur die Bestätigung dessen, was

ihm Wald schon in Illinois gesagt, daß es mit den Vermögensumständen

des Professors _recht_ traurig stehe, dieser nicht im Stande sei, seine

letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem er die Farm gekauft,

zu machen, und gesonnen sei, sie am nächsten Montag -- der erste

im Monat September, wo Gerichtssitzung in Hollowfield wäre -- zu

verauktioniren, wenn er sich nicht vorher mit dem Wirth selber über die

Rücknahme des Platzes einigen könnte. Dieser aber wollte jetzt freilich

nur entsetzlich wenig dafür geben, weil er behauptete, die Aussichten

für die Lage desselben hätten sich allerdings, und ganz wider Erwarten,

sehr verschlechtert. Noch immer war keine Hoffnung eine Eisenbahn

hierherzubringen, indeß die Cincinnati-Bahn schon beendet worden, und

was sollte er nun mit einer mitten im Wald liegenden Farm anfangen?

Der Professor mochte jetzt wohl recht gut einsehn, daß er damals von dem

schlauen Wirth bei seinem Ankauf betrogen worden, und sich bös damit

übereilt habe; war das aber nicht seine eigene Schuld? Anstatt, wenn er

selber darin nicht Zeit gehabt Erfahrungen zu sammeln, wenigstens einen

unpartheiischen Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verhältnisse des

Landes kannte, war er mit den beiden Deutschen hinübergeritten die,

so gut sie es mit ihm selber meinen mochten, doch nur im Stande sein

konnten einen _deutschen_ Maasstab an das Land zu legen; von allem

Anderen verstanden sie Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht

gesäumt das zu benutzen.

Die Summe, die der Professor dem Wirth in Grahamstown noch schuldete,

kannte der Weber nicht, und Georg hätte das Herz brechen mögen vor Weh

und Schmerz, wenn er der Zukunft dachte, der jetzt die Frauen

entgegensahen.

Dem Weber ging es indeß recht gut hier auf seinem neuen Platz; er hatte

Zeit gehabt sich die Umgegend genau anzuschauen, und nach allen Seiten

hin etwa die Preise der verschiedenen Plätze zu erfahren. Dies kleine

#improvement# mit vierzig Acker vom Staat gekauften und fünf Acker

darunter urbar gemachtem Landes war da, durch das plötzliche Fortziehn

des Eigenthümers, unter dem Werth gegen baar Geld zu verkaufen gewesen;

die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand sich wohl dabei. Die Leute

waren auch unendlich fleißig, griffen _Alle_ zu, und arbeiteten von früh

bis spät, sich ihre neue Heimath nicht allein wohnlich, sondern auch

einträglich zu machen. Der Viehstand besserte sich dabei ebenfalls, und

die Aussicht war da, daß sich ihr Vermögen von Jahr zu Jahr vermehren,

nicht zurückgehen werde, und sie ihre Auswanderung aus der Heimath, so

weh ihnen die im Anfang auch gethan, nicht zu bereuen brauchten. Auch

die alte Mutter, die noch am längsten an der Heimath gehangen, und

doch immer heimlich gestöhnt und geklagt, so gut es ihren Kindern auch

ging, und so sorglos sie in's Leben sehen durften, hatte sich endlich

hineingefunden in die neue Welt. Freilich, so warm und freundlich schien

die Sonne doch hier nicht wie in Deutschland, so kühl war der Schatten,

so lau die Luft nicht im Frühling, die Blumen rochen nicht so gut, die

Vögel sangen nicht so lieb, der Himmel war nicht so blau, die Wiese

nicht so grün, das Wasser nicht so süß, und einen Vergleich mit

Deutschland hielt »das Amerika« lange nicht aus. Aber -- sie mußte doch

zuletzt einsehn, daß es ihren Kindern gut hier ging; in Deutschland

hatten sie ihr Schwein verkaufen müssen, Steuern davon zu zahlen, hier

hielten sie schon vier Kühe und so viel Dutzend Schweine, wie sie zu

Hause Stück gehabt, und Hühner und Gänse daneben, hatten zwanzig Mal so

viel Land wie daheim, und wenn das Haus auch noch nicht so warm und

bequem war, der nächste Sommer würde das schon bessern. So saß sie denn

jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus, oder bei schönem

Wetter unter einem breitästigen Eichbaum vor der Thür im Schatten, wo

ihr der Sohn ein großes freundliches Asterbeet angelegt, ihre Augen an

dem Glanz der Herbstblumen zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor sich,

wenn sie auch nur wenig spann, und das mehr aus alter Gewohnheit bei ihr

stand, legte sie oft die Hände in den Schooß und schaute schweigend und

still befriedigt die neben ihr spielenden Enkel an, die sich munter auf

dem Platz da umher tummelten, und amerikanischen Boden gerade so passend

zu ihren Spielen fanden, wie deutschen.

Georg hatte aber keine Ruhe hier -- ihn drängte es mehr von dem Schicksal

einer Familie zu hören, deren Wohl ihm warm am Herzen lag, und mit

Tagesanbruch am anderen Morgen sattelte er sein Pferd, nahm freundlichen

Abschied von den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der

Farm her hatten, und ritt in scharfem Trabe, Lobensteins Farm für jetzt

umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erst vor allen Dingen mit dem

Gläubiger des Professors zu sprechen, und zu sehen wie tief dieser

eigentlich in Schulden stecke.

Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen Platz, der noch gerade

so still und öde lag wie vor zwei Jahren, ja eher noch stiller, noch

verlassener, denn drei oder vier damals gebaute Häuser waren wirklich

von ihren Eigenthümern, da alle die großen Verheißungen nicht wahr

geworden, im Stich gelassen, und gaben dem Ort noch mehr ein wüstes,

trauriges Aussehn. Auch Ezra Ludkins hatte Lust auszuverkaufen, und

zu dem Zweck einen großen Anschlag unter seine Seejungfer befestigt,

welchem zufolge ihn dringende Familienverhältnisse nach Texas riefen,

und er Haus und Geschäft unter dem Werth losschlagen wolle. Es fand sich

aber kein Käufer, und Wind und Wetter bekamen es endlich satt, das

Papier da nutzlos hängen zu sehn, und rissen es herunter.

Ezra Ludkins war übrigens zu Hause, hatte auch freie Zeit genug, denn er

schien der einzige Gast seines ganzen Hauses, das leer und öde stand und

mit den nackten Wänden und unbesetzten Tischen recht gut zu der ganzen

kleinen Stadt paßte, deren erstes Gebäude es gewesen.

Amerika bietet viel solcher Beispiele; wo sich die Wahl für den Bau

einer Stadt als eine glückliche erwiesen, strömt die Bevölkerung ihr in

Masse zu, und einzelne Beispiele wie Cincinnati, Milwaukie, Buffalo

und hundert andere zeigen, welche Lebenskraft in dem Fall in dem

Volke liegt. Wo das aber nicht der Fall war, wo die Möglichkeit oder

Zweckmäßigkeit der Verbindungswege falsch berechnet worden, oder, wenn

die Stadt dicht am Ufer des Flusses lag, dieser vielleicht zufällig

den Grund zu versanden anfing, wenn auch für jetzt noch Wasser für die

größten Boote blieb, da war es vorbei mit der _Stadt_; nicht allein

keine neuen Ansiedler ließen sich dort nieder, nein auch die, die schon

ein Grundstück gekauft, und viele Hoffnungen früher auf den Platz

gesetzt hatten, suchten das so rasch als möglich wieder loszuwerden, und

ließen es lieber ganz im Stich, ehe sie weiter noch Geld und Zeit darauf

verwandt hätten ihr Glück hier zu versuchen; es gab andere Gelegenheit

dazu im weiten Land.

Ezra Ludkins schien aber nichtsdestoweniger kaum geneigt, dem jungen Mann

den Stand der Verhältnisse zwischen ihm und dem Professor, auseinander

zu setzen; er mochte wohl Hoffnung haben, die für diese Gegend kostbaren

Meublen, wie die andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen

zu sehn, und dann im Stande zu sein billig genug zu kaufen, da hier

Niemand Anders fast Gebrauch für solche Gegenstände hatte. Nur erst, als

Georg in ihn drang, und fest darauf bestand, er sei von dem Professor

selber abgeschickt worden, die noch bestehenden Rechnungen nachzusehn,

und so weit das möglich wäre, zu ordnen, entschloß er sich dazu sein

Buch herbeizuholen, und brachte eine Forderung an den Professor von

einhundert und dreißig Dollar.

»Aber das Andere, was auf dem Haus noch steht,« drängte Georg.

»Nun das ist _das_ hier,« sagte Ludkins mürrisch, »hol' der Henker einen

solchen Handel, denn wenn ich gewußt hätte, daß ich so lange auf mein

Geld warten mußte, wär's mir nicht eingefallen den Platz zu verkaufen

-- ich hätte zehn andere Käufer gehabt die das Geld baar niederzahlten.

Baar Geld ist stets noch einmal so viel werth, wie die beste Note.«

»Wieviel ist aber die _ganze_ Summe, die Ihnen der Professor schuldig

ist?« frug Georg, jetzt ebenfalls ungeduldig werdend, »wenn Sie in

solcher Eile sind, antworten Sie mir wenigstens einfach auf meine

Frage.«

»Nun die Antwort habe ich Dir auch einfach genug gegeben,« brummte

der Pensylvanier -- »wenn Du kein Deutsch verstehst, kann ich's nicht

helfen -- hundert und dreißig Dollar.«

»Und das ist Alles?« rief Georg, wirklich kaum im Stande sein Erstaunen

zu verbergen.

»Das ist Alles, wenn er's nur zahlt,« sagte der Pensylvanier.

»Und an den früheren Eigenthümer der Farm hat er keine Verpflichtungen

weiter?« frug der junge Mann noch einmal vorsichtig.

»Der bin ich; mein Junge hatte sie nur dem Namen nach; -- für hundert

und dreißig Dollar kann er meinetwegen dort wohnen bleiben, und alle

seine wahnsinnigen Experimente durchführen nach Herzenslust.«

»Sein Sie so gut und schreiben Sie mir die Quittung,« sagte Georg ruhig.

»Für die ganze Summe?«

»Ja -- bis auf den heutigen Tag für Alles was Ihnen Mr. Lobenstein noch

schuldet.«

»Das soll schnell genug geschehen sein,« brummte der Pensylvanier, ging

hinter seine #bar#, wo Dinte und Feder stand, und schrieb die Quittung

aus. Georg nahm indessen aus seinem Taschenbuch die Summe in guten

Indiana-Banknoten, die der Wirth jedoch erst höchst aufmerksam und

sorgfältig nachsah, endlich für richtig befand und den verlangten Schein

dem jungen Mann aushändigte. Eine Viertelstunde später saß Georg wieder

im Sattel, und galopirte rasch und mit einem recht freudigen Gefühl in

der Brust, den schmalen, schattigen Weg hinauf, der nach der »deutschen

Farm« führte.

Wie hatte sich der Platz verändert, seit dem letzten Jahre; das

fröhliche regsame Leben was dort geherrscht, war verschwunden, das Haus,

in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern gelebt, stand ganz leer, von

dem munter blökenden Vieh, das die Fenzen sonst umgeben, war fast

Nichts mehr übrig geblieben -- eine einzige Kuh und ein paar Schweine

ausgenommen -- da mit dessen Verkauf die nöthigsten Ausgaben hatten

gedeckt, die dringendsten Schulden bezahlt werden müssen, und der Platz

selber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende Männerhand mehr ihm

vorstehe, selbst nur ihn so in Stand zu halten wie er war.

Über die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelassenen alten

abgetrockneten Bäume umgestürzt, und die niedergebrochenen Riegel, mit

den unausgefüllten Lücken, verschwanden schon allmählich in dem Unkraut,

das über sie emporwucherte. Der Mais war gereift, aber noch zum Theil

-- was nicht hatte verkauft werden müssen -- im Felde gelassen, und die

nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Krähen angepickt, begannen

anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem Haus sah ebenfalls wüst und von

Unkraut überwuchert aus; die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor

dringenderen Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die sie im Anfang gesäet,

und nur die paar Gemüsebeete, für das Nothwendigste was sie im Hause

brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, daß die Sonne es bescheinen

konnte. Selbst über den Weg hinüber lag ein umgestürzter Baum, und der

Pfad, den sich die Bewohner darum hingemacht, bewieß, wie er schon

längere Zeit gefallen sein mußte, ohne daß sich irgend Jemand die Mühe

genommen, ihn hinwegzuräumen.

Es mochte Mittagszeit sein, als Georg den Platz erreichte; kein

menschliches Wesen war aber in dem breiten Hofraum zu sehn; nur der

aus dem Haus selber aufsteigende dünne Rauch, wie ein paar einzelne

scharrende Hühner, verriethen, daß der Ort bewohnt, und nicht ganz

verlassen sei, und mit klopfendem Herzen ritt er über die niedergeworfenen

Stangen der Einfriedigung hinweg bis fast an das Haus hinan, band dort

sein Pferd an und -- zögerte wieder, ob er den Fuß vorwärts setzen und

die Schwelle jetzt betreten sollte, die bald zu erreichen, er sein Pferd

fast zu Schanden geritten. Da schlug der Hund an, ein junger Brake,

den sich Eduard hatte zum Jagdhund dressiren wollen, und der jetzt auf

eigene Hand des Nachts Opossums und Waschbären in die Bäume jagte und

Stunden lang darunter vergebens heulte, Hülfe herbeizurufen.

Am Fenster des kleinen Hauses wurde Jemand sichtbar, Georg konnte aber

nicht gleich erkennen wer es sei, so trübe war ihm das Auge geworden,

als er die trostlose Veränderung hier erkannte, und langsam schritt er

auf die Thüre zu, indeß der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufsprang

und winselte und bellte.

»Kennst Du mich noch Hektor?« sagte er, des freundlichen Thieres Kopf

streichelnd -- »hast Du mich nicht vergessen in der langen Zeit?«

»Georg!« rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber erschreckte Stimme

dicht vor ihm, und Marie, die aus der Küche unten getreten, zu sehn wer

da komme, brach todtenbleich in die Knie, und wäre zu Boden gesunken,

hätte sie Georg nicht in seinem Arme aufgefangen.

»Oh Georg -- Georg ist wieder da!« rief da eine fröhliche Kinderstimme

und Camilla, die jüngste Tochter Lobensteins, von dem um ein Jahr älteren

Carl rasch gefolgt, sprang aus der Thür und flog auf den jungen Mann zu.

Auch Marie hatte sich jetzt wenigstens so weit gesammelt, wieder allein

stehn zu können, aber noch immer war kein Tropfen Blutes in ihr Gesicht

zurückgekehrt, doch lenkte der Neugekommene die Aufmerksamkeit der

Übrigen glücklich von ihr ab.

»Herr Donner?« sagte der Professor, der jetzt ebenfalls in der Thür

erschien, und den jungen Mann halb erstaunt, halb verlegen erkannte

-- »aber bitte, kommen Sie näher -- bleiben Sie nicht draußen auf der

Diele stehn.«

»Mein lieber -- lieber Herr Professor!« rief Georg, dem alten Herrn

entgegeneilend, und seine Hand herzlich drückend -- »wie freue ich mich,

Sie so wohl und munter wiederzufinden -- aber -- wo ist die Frau

Professorin?«

»Sie ist nicht wohl,« sagte der Professor nach kurzer, aber ängstlicher

Pause -- »Sie wissen vielleicht noch nicht, wie schwer uns das Schicksal,

seit Sie uns verlassen, in meinen Sohne heimgesucht --«

»Ich weiß es,« sagte Georg leise, und mit tiefem Mitgefühl.

»Seit der Zeit kränkelt meine Frau,« fuhr der Professor langsam fort

-- »der Schlag damals traf sie zu schwer. Um sich zu zerstreuen und die

bösen Gedanken loszuwerden, arbeitete sie dabei mehr als ihr gut war,

und hütet nun jetzt schon seit vier Wochen ununterbrochen das Lager.

Anna war gerade hinüber gegangen nach ihr zu sehen. Aber komm Marie

-- setz einen Stuhl zum Tisch für Herrn Donner -- wenn Sie mit uns

vorlieb nehmen wollen, wir sind gerade bei Tisch, aber Schmalhans ist

heute Küchenmeister -- Sie haben es sehr unglücklich getroffen.«

Georg -- selber nicht wissend, wie er das, was ihm auf dem Herzen lag,

beginnen sollte -- setzte sich mit zu Tisch -- die Mahlzeit bestand in

Kartoffeln mit Butter und einem sehr einfachen Amerikanischen Gericht,

Hominy -- gequollener und in Wasser abgekochter Mais.

»Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen wäre,« rief Camilla

dazwischen -- »hätte er auch nichts Anderes gefunden.«

»Mögen Sie das Hominy?« frug der Professor verlegen lächelnd, und

versuchend die Aufmerksamkeit des jungen Mannes von dem Kinde abzuziehn

-- »_ich_ habe mich so daran gewöhnt, daß es ordentlich ein Leibgericht

von mir geworden ist.«

»Wir Andern mögen es aber alle mit einander nicht,« sagte Camilla -- »es

schmeckt gerade wie Stroh.«

Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und Anna's Eintritt unterbrach

glücklicher Weise die naseweise Bemerkung des Kindes. Anna begrüßte den

jungen Mann auf das Herzlichste, und auch Marie wurde zutraulicher, und

gewann ihre ganze Fassung wieder, als sie sah, wie unbefangen sich die

Schwester mit dem frühern Hausgenossen unterhielt. Georg beseitigte

dabei auf sehr praktische Weise jede Verlegenheit, die der Professor

etwa hätte wegen dem Essen fühlen können, indem er, durch den scharfen

Ritt auch wirklich hungrig geworden, tapfer zulangte, und dem Hominy und

den Kartoffeln alle nur mögliche Ehre anthat.

»Und wissen Sie, weshalb ich hierher zurückgekommen bin?« frug Georg

nach beendeter Mahlzeit, indem er lächelnd den Professor ansah, nur aber

einen ganz scheuen, flüchtigen Blick nach Marien hinüberzuwerfen wagte,

deren Auge er jedoch nicht begegnete. --

»Weshalb, weiß ich nicht,« sagte der Professor herzlich -- »aber es

freut mich, _daß_ Sie wiedergekommen sind, und mir wenigstens dadurch

beweisen, Sie tragen keinen Groll nach, wegen dem Vergangenen.«

»Lieber Professor.«

»Ich hätte selber schon an Sie geschrieben,« fuhr dieser jedoch

entschlossen fort, »konnte aber von keiner Seite auch nur die geringste

Nachricht bekommen, _wo_ Sie sich befänden; Sie waren auf einmal

verschollen und blieben es, von dem Augenblick an, wo Sie den Platz

verlassen, da Sie Herr von Hopfgarten damals, ein paar Stunden später,

vergeblich im ganzen Township suchen ließ.«

»Herr von Hopfgarten?«

»Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal -- aber -- sind Sie

_zufällig_ wieder in unsere Nähe gekommen, oder haben Sie uns noch nicht

ganz vergessen gehabt, und absichtlich aufgesucht?«

»Ich bin vier Tage so scharf geritten, wie mein Pferd laufen konnte,«

lächelte Georg, tief dabei erröthend -- »nur um recht bald hier zu

sein.«

»Das ist brav, das ist recht brav von Ihnen,« rief Anna freudig, und

Marie dankte es ihm dießmal mit einem lächelnden Blick.

»Um aber kurz zu sein,« fuhr Georg zögernd und erröthend fort, »so -- so

möchte ich wieder hier in Arbeit treten, und -- und wenn Sie mir beweisen

wollen, daß auch Sie keinen Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht

manches voreilig gesprochenen Wortes wegen -- so schicken Sie mich nicht

wieder fort, sondern behalten mich hier.«

»Ach das ist brav, das ist schön,« rief Carl -- »da brauche ich und

Marie nicht mehr das schwere Holz aus dem Wald herbeizuschleppen.« Anna

und Marie aber sahen sich verlegen an und der Vater sagte, ohne die

Frage direkt zu beantworten und dann Georgs Arm nehmend, zu seinen

Töchtern:

»Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zurückkommen, ich muß Herrn

Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit unseren Arbeiten vorwärts

gelangt sind, seit er uns verlassen, und unterwegs können wir dann auch

alles Weitere viel besser und bequemer besprechen,« und ihn mit sich

die Treppe hinunterführend, traten sie in den Hof, wo Georg vor allen

Dingen sein Pferd absatteln, in den Stall einstellen und füttern mußte,

und dann mit dem Professor langsam den Weg hinabging, der an den Feldern

hinführte.

»Lieber Donner,« sagte dieser hier zu ihm, und es war ihm angenehm, daß

er, neben ihm hingehend', nicht in sein Auge zu schauen brauchte -- »die

Zeiten, seit wir uns nicht gesehen, haben sich _sehr_ verändert, und

-- so gern ich Sie wieder auf meiner Farm beschäftigen möchte, ja so -- so

nöthig ich sogar Jemanden dazu brauchte -- bin ich nicht mehr -- durch

die dießjährigen niedrigen Getreidepreise noch außerdem gedrückt -- im

Stande Arbeiter zu halten und -- zu bezahlen.«

»Aber bester Professor --«

»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte dieser, fest entschlossen, die

einmal begonnene Sache nun auch durchzuführen -- »ehe wir von etwas

Anderem beginnen -- ehe ich Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner

Farm eine bestimmte Beschäftigung zu nehmen, zurückweise, bin ich Ihnen,

mein lieber Donner, eine Ehrenerklärung schuldig, die mir -- thun Sie

mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht -- die mir schon

lange schwer und drückend auf dem Herzen gelegen.«

»Lieber Herr Professor --«

»Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin auch ungerecht

gegen Sie gewesen,« fuhr aber der Professor entschlossen fort, »und es

mag Ihnen einige Beruhigung oder Genugthuung gewähren, von mir ganz

offen das Geständniß zu hören, daß ich durch Schaden habe klug werden

und die Wahrheit dessen erleben müssen, was Sie gerade vertheidigten,

und gethan haben wollten.«

»Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, bester Professor, wenn

nur --«

»Sie haben _nicht_ Unrecht gehabt,« unterbrach ihn der Professor

rasch, »und selbst, was Sie mir an dem letzten Morgen über jenen faden

Dichterling sagten, hat sich furchtbar, viel furchtbarer freilich als

wir Beide damals ahnen konnten, bewährt. Ich habe schwer -- fast zu

schwer für meine Leichtgläubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht

selbst eigennützigen Plänen Glauben schenkte, büßen müssen, und wollte

es gern, wenn nicht -- wenn nicht meine arme Familie jetzt auch so

schwer darunter leiden müßte. Sie sehn, lieber Donner, ich bin offen und

aufrichtig gegen Sie, das mag Ihnen den besten Beweis liefern, daß ich

mein Unrecht gegen Sie bereue.«

Georg war tief erschüttert; das Bekenntniß des sonst so strengen

abgeschlossenen Mannes, das gerade _ihn_ furchtbare Überwindung mußte

gekostet haben, machte einen unendlich wehmüthigen Eindruck auf ihn, und

er brauchte Minuten, sich selber erst wieder so weit zu sammeln, dem zu

erwidern. Der Professor war indessen an einer Stelle stehen geblieben,

wo ein dürrer Baum erst ganz kürzlich über die Fenz heruntergeschlagen

schien, und dieselbe zusammengebrochen hatte, was sich ein paar Schweine

zu Nutz gemacht, die drinne an einem Kürbiß herumbissen und, als sie

die Männer kommen hörten, grunzend in das Feld weiterhinein flüchteten.

»Die Farm sieht arg verwildert aus,« sagte Georg endlich leise, eine

direkte Antwort auf das Geständniß vermeidend, »man sollte kaum glauben,

daß ein einziges Jahr eine solche Veränderung hervorbringen könnte.«

»Seit dem Tode meines Sohnes,« sagte der alte Herr seufzend, »habe ich

selber an Allem die Lust verloren, und nichts thun noch arbeiten mögen;

selbst das Nothwendigste ist liegen geblieben, und der spätere Besitzer

der Farm mag nachholen, was ich versäumen mußte.«

»Sie wollen fort von hier?«

»Wir brauchen uns über das Hülfsverbum nicht zu täuschen, lieber

Donner,« sagte der Professor wehmüthig lächelnd, »ob ich _will_ oder

nicht -- ich _muß_!«

»Und Ihre Familie?« sagte Donner halb vorwurfsvoll.

»Sie haben recht,« seufzte der Mann, »es ist schwer für sie, geht aber

doch nicht anders an; ich will nach dem »fernen Westen«, wo man, wie ich

aus sicherer Quelle weiß, ein kleines #improvement# für fünfzig Dollar,

und vierzig Acker Land für denselben Preis bekommen kann. So viel wird

mir nach dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen übrig

bleiben, und wir müssen dort eben ein neues Leben beginnen.«

»Und glauben Sie, daß Ihre Frauen das aushalten würden?« frug Georg ihn

ernst, »_kennen_ Sie das Leben im Westen, mit seinen Entbehrungen,

seinen Beschwerden, seinem Klima?«

»Ich habe viel darüber gelesen,« sagte der Professor ausweichend.

»Du lieber Gott,« seufzte der junge Mann, »wenn ich mir da die arme Frau

Professorin, die zarte Anna und selbst die kräftige Marie denken müßte

-- ich würde im Leben nicht wieder froh werden.«

»Aber was _soll_ ich thun?« sagte der Professor, froh endlich einmal

Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen, gegen den er sein Herz

erleichtern konnte, »Ihnen gegenüber brauch' ich kein Hehl daraus zu

machen, denn ich weiß, Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich

nicht allein durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen

unglückseliger Umstände so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht im

Stande das letzte Kaufgeld für die viel zu theuer bezahlte Farm, so

wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in Grahamstown, dem mein

Mobiliar in die Augen sticht, drängt mich mit der Zahlung, und auch

meine letzte Hoffnung, Herr von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden.

Ich habe mich nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans

erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben, so ist

Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa zurückgekehrt. Den Termin

länger hinauszuschieben bin ich ebenfalls nicht im Stande, und werde

schon nächste Woche gezwungen sein meine Farm und Mobiliar vielleicht

für den sechsten Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu

verkaufen, und mit den Meinen dann von vorn anfangen zu müssen, ein

allerdings vollkommen neues Leben zu beginnen.«

»Wenn Sie denn fest entschlossen sind,« rief da Georg, der klopfenden

Herzens, das Geständniß seiner Liebe zu Marie auf den Lippen, noch nicht

gewagt hatte damit herauszutreten, »wenn Sie die Wildniß wählen wollen

und müssen zu Ihrem Aufenthalt -- dann nehmen Sie mich mit und -- seien

Sie mir mehr als Freund dann, lieber Herr -- seien Sie mir _Vater_

-- Vater im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,« fuhr der junge Mann,

als ihn der Professor staunend ansah, leidenschaftlicher fort, »habe ich

die Qual der Ungewißheit, die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser

Welt, das meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen -- ich darf

das nicht länger mehr -- geben Sie mir Marie zum Weibe, lassen Sie

_mich_ den verlorenen Sohn ersetzen, und nie, nie sollen Sie bereuen mir

so vertraut zu haben.«

»Mein lieber, lieber Donner,« sagte der Professor, der sich noch immer

nicht von seiner Überraschung erholen konnte »Sie wollen Ihr Schicksal

an das einer Familie ketten, die sich -- die sich eben nicht im Glück

befindet -- und weiß Marie --«

»Noch keine Sylbe -- noch habe ich selber nicht gewagt, ihr meine Liebe

zu gestehen,« rief Georg, »aber wenn mich nicht Alles täuschte, darf ich

hoffen.«

Der Professor sah dem jungen Mann lange und fest in's Auge -- bis sich

sein eigener Blick in langsam aufsteigenden Thränen dunkelte, dann nahm

er Georgs Hand, drückte sie fest und herzlich, und zog ihn endlich leise

aber liebend an seine Brust.

»Mein lieber, lieber Vater,« flüsterte Georg.

»Mein lieber, lieber Sohn!«

»Und nun zur Mutter!« rief da Georg, dem Lust und Freude das Herz bald

in der Brust zu sprengen drohte, »nun zur Mutter, ihr Sorge und Kummer,

und mit den beiden Menschenquälern auch die böse Krankheit zu nehmen,

die sie noch an's Lager fesselt. Wir gehen _nicht_ nach dem Westen Vater

-- wir bleiben _hier_, und die Fenzen werden wieder ausgebessert, das

Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde, und die Mühle fertig gebaut,

dem Wirth in Grahamstown gerad zum Trotz und Ärgern.«

Der Professor schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte seufzend:

»Das sind _Pläne_, mein junger Freund, wie sie die _Jugend_ eben

entschuldigt; das ruhige Alter findet sich nicht mehr so leicht mit

Unmöglichkeiten ab.«

»Und wissen Sie denn Vater -- o daß ich Sie jetzt -- daß ich Sie

_endlich_ so nennen darf,« sagte Georg, seinen Arm ergreifend, und ihm

mit blitzenden Augen in's Antlitz sehend, »daß ich vom Glück begünstigt

in Michigan in das Haus eines reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel

Jahr in gutem Gehalt stand und ihm die beiden Kinder, die ihm schwer

erkrankten, rettete? -- wissen Sie, daß mich der Mann aus Dankbarkeit

in den Stand setzte, durch den zweckmäßigen Kauf einer Anzahl von

Bauplätzen in einer neu gegründeten Stadt, in den letzten drei Viertel

Jahren nur durch einen theilweisen Verkauf derselben Parcellen wieder,

fünfzehnhundert Dollar an baarem Gelde zu verdienen? -- Und kennen Sie

die Quittung hier von Grahamstown?« rief er unter vorquellenden Thränen

lachend aus, »kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? -- Da behalten

Sie das Papier und lesen Sie es aufmerksam durch, hoffentlich ist Alles

in Ordnung und -- mag mich Marie nicht -- sagt sie _nein_ -- ja dann

soll mich mein Rappe noch heute Abend fort -- weit fort von hier tragen,

gleichviel wohin. -- Sagt sie aber ja -- oder lacht oder weint sie nur

-- oder thut sie gar Nichts -- und sieht sie mich nicht einmal an, dann

-- aber ich kann es wahrhaftig nicht länger mehr in der Ungewißheit

ertragen; kommen Sie nach Vater, so rasch Sie Ihre Füße tragen, und

voraus hol' ich mir mein Glück oder Leid aus Mariens Munde!«

Und den Hut freundlich gegen den Professor schwenkend ließ er ihn an der

hinteren Fenz und am Holzrande zurück, und sprang in flüchtigen Sätzen

dem kaum verlassenen Hause wieder zu.

Und dort? -- lieber Leser, das ist eine Sache, die nur immer zwei Leute

auf einmal in der Welt interessirt. Wie »Vielliebchen« aus _einem_

Mandelkern hat der liebe Gott die Herzen, von denen immer zwei und zwei

für einander geschaffen sind, über die Welt wild und bunt hinausgestreut

-- selig die, die ihre Theile wieder zusammenfinden.

Und Marie und Georg _waren_ selig; an dem Abend, neben dem Bett der

Mutter, der mit der frohen frischen Hoffnung auch wieder neuer Muth,

neue Kraft in das Herz gezogen, wie es Georg gehofft, saßen sie Hand

in Hand und plauderten und bauten mit der Schwester Pläne auf, die

Glücklichen, nach Herzenslust. Und der Vater ging dabei, die Hände auf

den Rücken gelegt, schmunzelnd auf und ab; in der Kinder jungem Leben

ging auch ihm ein neues frisches Dasein auf -- die trübe böse Zeit lag

dahinten, und wenn auch bittere Erfahrungen ihn geprüft, so waren es

doch eben Erfahrungen geworden, und _auf_ ihnen weiter schreitend, mit

einer jungen kräftigen Stütze jetzt an seiner Seite, konnt' er der

Zukunft wieder froh in's Auge schaun.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Sechster Band · 第 4 / 9 题