FRIEDRICH GERSTÄCKER.

Illustrirt von Carl Reinhardt.

Sechster Band.

Leipzig,

Hermann Costenoble,

Verlagsbuchhandlung

Berlin,

Rudolph Gaertner,

Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.

1855.

Inhalt des sechsten Bandes.

1. Ein Sheriffsverkauf in Arkansas 1

2. Maulbeere in der Betversammlung 31

3. Der wandernde Krämer 63

4. Georg und Marie 91

5. Jimmy 112

6. Kapellmeister Eltrich 136

7. Meier, Pelz & Co. 169

8. Die Überraschung 199

9. Das Haus am Walde 226

10. Der rothe Drachen bei Heilingen 239

Capitel 1.

Ein Sheriffsverkauf in Arkansas.

Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen

verflossen; die heiße Sonne Amerikas hatte wiederum den Mais und Waizen

gereift, und die Früchte und Beeren des Waldes mit süßem Saft gefüllt;

durch die blaue sonnenreine Luft zog der weiße wehende Spinnenfaden seine

stille Bahn, und legte sich einem duftigen Schleier gleich über die

Wipfel des grünen Waldesdoms, in dessen Schatten die feisten Hirsche zu

Rudeln zusammenstanden, und die jungen Truthühner in die Zweige hinauf

flatterten, die ersten jungen Weinbeeren zu versuchen, die sich mit

ihren Reben dort empor gerankt.

Und wie das raschelte und rauschte im stillen Wald, wie sich das

blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen spiegelte, die ein

wohlthätiger Nachtregen über das grüne Laubmeer ausgegossen, und die

jetzt leise klopfend auf die gelbe, noch vorjährige Blattdecke des Bodens

niederschlugen. Und die Grille zirpte ihr regelmäßig melancholisch Lied,

das wie das leise Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehenden

Uhr von allen Seiten tönte, nur manchmal durch den gellenden Schrei

eines aufstiebenden Falken gestört, dem der blaue Heher im Busch

spöttisch den Warnungsruf nachäffte.

Wie das summte und schwirrte um Lianenblüthen und frisch aufkeimende

Waldesblumen, von Bienen und Käfern, zwischen denen hin hie und

da, wie ein verirrter Sonnenstrahl, ein blitzender gold und grün

schimmernder Kolibri gedankenschnell fast herüber und hinüber surrte,

über einem duftenden honigschweren Kelch einen Moment mit unsichtbaren,

schattengleich fibrirenden Schwingen stand, und dann verschwunden war,

daß ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn sein Summen an dem

nächsten Blüthenbusch verrieth.

Wie die Natur in wundervoller Harmonie, besonders in der Jahreszeit,

den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt, und ineinandergreifend

Jedes sich die Hände reicht zum schönen Ganzen; wie selbst der morsche

umgestürzte Baum, von wilden blühenden Ranken umzogen, zum Bilde hier

gehört und nicht fehlen dürfte; ja wär' ein einziger Zweig gebrochen

von den tausenden, die überall dem Licht, der Luft die grünen Arme

entgegenstrecken, die _Lücke_ würde fühlbar, und der fallende Tropfen

selbst schmückt das Blatt das er verließ mit höherem Glanz, und wird zur

Perle wo er niederfällt.

Und doch _ein_ Miston in der Harmonie -- ein dunkler Fleck der da nicht

hingehörte, der sich nicht wohl da fühlte und das Ganze störte -- ein

nasses, schmutziges, verdrießlich unzufriedenes Menschenbild, mitten

im Wald, im freien schönen wundervollen Wald -- Zachäus Maulbeere, vom

Regen durchnäßt, kalt, hungrig, verirrt, festgefahren mit seinem Karren

in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer Laune, Milch nur

durch bloßes Ansehn zu säuern.

»Ein Gottvermaladeites Land das,« lästerte er, sich erschöpft auf einen

umgefallenen Baum setzend und sein Taschentuch, das er in der Hand

hielt, zusammenrollend und ausringend, »daß mich der Teufel plagen mußte

nach diesem Gottvergessenen Staat zu gehn -- Bäume -- Bäume -- Nichts

als Bäume in der Welt -- gerade in die Höh und gerade über den Weg.

-- Schönes Vergnügen das, wo man sich erst sein Schnupftuch _ausringen_

muß, daß man sich damit _abtrocknen_ kann -- _schwabben_ nannten sie's

auf dem Schiff. Und jetzt sitz ich hier -- keine Ahnung wo bin -- keine

Idee von einer Richtung -- ein Scheerenschleifer im Wald -- Maulbeere,

Esel, was hast Du hier im Busch zu suchen, heh? -- war Dir zu wohl

draußen zwischen den Ansiedlungen im Osten, zwischen dem Waizenbrod und

Honig, eh? -- mußtest geschwind machen daß Du _hierher_ kamst, zwischen

Maisbrod und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein -- _Schöne_

Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebastian -- oben in dem

verdammten Baum eingeklemmt gesessen, daß ich die Glieder nicht mehr

rühren kann, und das Beest was da um mich her in den Bäumen geschrieen

hat -- daß ich nicht gefressen bin ist ein reiner Zufall. -- Romantisch

im Wald zu lagern eh? -- wenn ich nur wenigstens den verdammten

langhaarigen Dichter die Nacht bei mir gehabt hätte, um an dem meinen

Gift auszulassen -- aber zehn gegen eins, der Lump hat die ganze Nacht

trocken und behaglich in einem warmen Bett geschlafen, und am andern

Morgen lügt er dann wie ein Leichenstein, schreibt von »Gesicht im

Thau baden« und »Windsbraut die Schläfe kühlen« -- na _Dir_ möcht' ich

einmal die Schläfe kühlen Du -- Du Blattlaus, statt mit sechs, mit zwei

schiefen Beinen. -- Und der Herr Schultze -- der selige Piepvogel mit

einem Gesicht -- wenn man's auf einen Stock schnitt, könnte man einen

Hund damit prügeln, dem hätte die Nacht kreuzwohl zu Muthe sein müssen

-- hundemüde auf einem Ast zu sitzen mit dem Kopf unterm Flügel und mit

der wohlthuenden Überzeugung beim ersten Einnicken herunter zu fallen

und den Hals zu brechen.«

»Das geschieht Dir aber recht, Zachäus, vollkommen recht, mein

Herzchen -- was dumm ist muß geprügelt werden, und anstatt lieber

den alten verdammten Karren, den ich es zum Sterben müde bin im Lande

umherzuschieben, in den Mississippi hineinzufahren und umzudrehen,

mußt Du auch noch Fährgeld dafür zahlen und damit herüberkommen, dann

Wochenlang durch den heißen nassen Sumpf ziehn, um hier endlich an

einem Platz, den die Nachkommen gar nicht finden können wenn sie Einem

wirklich ein Monument setzen wollten, elendiglich und Gotteserbärmlich

umzukommen.«

Maulbeere drückte sich nach diesem Selbstgespräch den alten aufgeweichten

Hut fester in die Stirn, stemmte beide Ellbogen auf die Knie, stützte

den Kopf in die Hände und starrte finster und mit dicht zusammengezogenen

Brauen eine ganze Weile vor sich nieder.

Er sah auch traurig aus; -- den grünen Rock trug er noch immer. Das Wild

im Wald wechselt seinen Pelz oder sein Fell mit der Jahreszeit, der

Vogel hat seine Mauser, die Schlange streift ihre Haut ab, einer neuen

Raum zu geben, und jede Kreatur leckt oder säubert dabei ihr Kleid,

das ihr der Schöpfer gegeben, nach besten Kräften, streicht Federn

oder Haare glatt und fühlt sich dann erst wohl, und behaglich wenn das

geschehn. Nur Maulbeere kannte kein solches Bedürfniß; wie die Katze die

Nässe scheut, haßte er, vor allen anderen Elementen, das Wasser; Niemand

hatte je gesehen daß er sich wusch; wenn das an Bord geschehen war mußte

er es in der Nacht gethan haben und selbst dann heimlich, von der Wacht

an Deck unbemerkt. Den grünen Rock, jetzt an unzähligen Stellen geflickt

und ausgebessert, trug er noch bis oben an die schwarze, matt glänzende

Pferdehaarhalsbinde fest zugeknöpft, der alte Filz, der keine Façon mehr

zu verlieren hatte, lag ihm mit seinem, an drei Seiten durch Bindfaden

befestigten Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Scheitel,

und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch Dornen unten

ausgefranzten großkarirten baumwollenen Hosen niederhingen, schienen

das einzig trag- und nutzbare am ganzen Menschen. Auch der blonde

starre Bart hatte seit Wochen kein Rasirmesser gesehn, und das kurze

semmelblonde struppige Haar hing ihm jetzt naß und in zusammenklebenden

Streifen über Stirn und Schläfe, und ließ ihm einzelne durch den defekten

Hutrand eingedrungene Tropfen über die fahlgrauen Backen, auf denen sie

lange Schmutzstreifen bildeten, in die Halsbinde laufen.

In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch sein trockener Humor

verlassen, und Maulbeere saß neben seinem Karren wie ein wild gewordener,

der Civilisation abtrünnig gewordener Scheerenschleifer, Haß und Groll

gegen die ganze Welt -- die er überhaupt noch nie lieb gehabt -- im

Herzen.

Ein Schuß! -- Zachäus fuhr in die Höh, als ob _ihn_ die Kugel getroffen

hätte, und horchte gespannt, nach welcher Richtung hin er das nächste

Geräusch jetzt hören würde, als auch der Fall eines Körpers, nur wenige

Secunden später, sein Ohr erreichte.

»Hallo! _hupih_! -- hallo!« schrie er jetzt dorthin aus Leibeskräften,

»he! hallo! hallo! hu -- _ih_ -- _ahoy_!«

Das laute Anschlagen eines Hundes antwortete dem fremden Ton, dem gleich

darauf der ermunternde Zuruf einer menschlichen Stimme folgte.

»Existirt wirklich noch eine andere menschliche Kreatur in dieser

gottvergessenen Mischung von Streu und Nutzholz,« brummte Maulbeere

vor sich hin, »fehlte mir jetzt weiter gar Nichts, als daß es so eine

verdammte Rothhaut wäre, die eben solchen Hunger hätte wie ich. Aber

einerlei, lieber an einem warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie

hier madennaß vor Frost und Bauchgrimmen umkommen; also noch einmal ein

Nothsignal, die wilde Bestie auf meine Spur zu bringen.«

Und wieder ließ er den Wald von seinem Geschrei ertönen, und nicht

lange, so brach ein grau gestreifter, kräftig gebauter Hund durch die

Büsche, gerad auf ihn zu, machte noch ein paar tüchtige Sätze gegen ihn

an, und gab dann Standlaut.

Maulbeere, der seine besonderen Gründe hatte den Hund nicht gegen sich

aufzubringen, konnte unter diesen Verhältnissen nichts anderes thun

als sich vollkommen ruhig verhalten; nicht lange aber, so brachen und

knackten die Büsche und ein Jäger, die Büchse auf der Schulter, einen

eben geschossenen Truthahn, Kopf und Ständer mit Bast zusammengebunden,

wie eine Tasche umgehängt, trat aus den Büschen und kam, die wunderliche

Gestalt mit dem Karren dabei nicht wenig erstaunt betrachtend, auf

Maulbeere zu.

»Hallo Fremder!« rief Jack Owen, denn es war Niemand anders als unser

Arkansanischer Freund, »wie zum Henker seid Ihr mit _dem_ Fuhrwerk da in

die Gründorn-Flat gerathen?«

»Hineingerathen?« erwiederte Maulbeere, der in den zwei Jahren seines

hiesigen Aufenthalts schon ziemlich fertig Englisch gelernt hatte,

»fragt mich lieber wie ich wieder hinausgerathe -- hier in der Gegend

wissen die Leute wohl gar nicht was ein _Weg_ ist?«

»Oh doch,« lachte der Mann, der sich nicht satt sehen konnte an dem

Fremden, »manchmal haben wir hier so schmale Dinger, die man, in

Ermangelung besserer, Wege nennt. Aber wo kommt Ihr her? -- was habt

Ihr da in der wunderlichen Maschine und wo wollt Ihr hin?«

»Wenn Ihr mich gefragt hättet wie ich die Nacht geschlafen habe und

ob ich etwas zu essen haben wollte, wäre mehr Sinn d'rin,« brummte

Maulbeere verdrießlich. »Wie weit ist's bis zum nächsten Haus?«

»Kaum eine Viertelstunde -- wenn Ihr _hier_ übernachtet habt, konntet

Ihr die Hähne heut Morgen krähen hören -- wo habt Ihr geschlafen?«

»Wenn's Euch interessirt,« knurrte Maulbeere, »und Ihr den Spuren

nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten Kasten hier aufgewühlt, dann

kommt Ihr zuletzt zu einem Baum -- irgend ein weitläufiger Verwandter

von diesen hier -- auf dem hab' ich gesessen!«

»Oben im Baum?« lachte der Jäger.

»Wenn ich _drunter_ gelegen hätte fändet Ihr einen Theil meiner

Gliedmaßen vielleicht heute Morgen in dem Magen eines Panthers, und den

anderen sauber verscharrt für eine zweite Mahlzeit, unter dem Laube.«

»Unsinn Mann -- Ihr könnt hier ein Jahr lang unter einem Baum im Walde

schlafen, und wenn Euch die Mosquitos und Holzböcke nicht auffressen,

die Panther thun Euch Nichts.«

»So? -- es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem anderen Baum

gesessen, und mir die ganze Nacht eine schauerliche Geschichte

vorgeheult, heh?«

»Hahahahaha!« lachte Jack, »das wird eine Eule gewesen sein; in dieser

Jahreszeit schläft sich's wundervoll im Wald.«

»Eule,« brummte Maulbeere verächtlich zwischen den Zähnen durch,

»wundervoll im Wald schlafen -- wer eine Leidenschaft dafür hat. Mir

ist's lieber ich erfahre es erst am nächsten Morgen, wenn's in der Nacht

geregnet hat.«

»Alle Wetter ja,« rief Jack gutmüthig, »Ihr seid durch und durch naß

-- es hat die Nacht wohl stark geregnet? und wir zu Hause haben nicht

einmal viel davon gemerkt. Aber kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt

es nur hier herüber mir nach.«

»Wenn ich nicht fest damit säße hätte ich mich nicht hier häuslich

niedergelassen,« erwiederte der Scheerenschleifer mürrisch -- »das

Dornenwerk hält wie Ankertaue.«

»Da wollen wir leicht Bahn hauen,« lachte Jack, sein langes schweres

Jagd- oder Bowiemesser aus dem Gürtel nehmend, und die Dornen ringsum

mit leichten Schlägen durchhauend, »so -- so -- so -- jetzt versucht's

einmal, gleich da drüben wo die alte Eiche liegt geht ein schmaler Kuhpfad

nach der Farm zu, dem können wir folgen bis wir in den Reitweg kommen,

und dann habt Ihr freie Bahn -- gehts?«

»Wenn ich Jemanden finde der dumm genug ist mir den Kasten abzukaufen,«

sagte Maulbeere, das Tragband wieder einhenkend und den Versuch machend,

»so gebe ich mein Geschäft auf und gehe unter die Millionaire -- hol der

Teufel das Scheerenschleifen.«

Jack sah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier Ansätzen den

schweren eingesunkenen Karren nicht vorwärts brachte, dann ging er

rasch auf einen jungen Papaobaum zu, von dem er die Rinde, so hoch er

hinaufreichen konnte, mit seinem Messer abschlug und niederstreifte, ein

Seil daraus drehte, und dieses vorn am Karren befestigend, sich selber

vorspannte.

»So -- nun noch einmal -- a hoy -- alle zusammen!«

»Ahoy!« rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der Karren frei, der von

den beiden Männern jetzt mit ziemlicher Leichtigkeit bis zu dem schmalen

Pfad, und diesen hin bis in den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere

allein fortbringen konnte.

Unterwegs wurde der Scheerenschleifer, mit der Aussicht auf ein warmes

Feuer und Essen, wie auf eine heiße Tasse Kaffee aber gesprächiger,

erzählte dem Jäger welcher Art sein Geschäft sei, was er thue und

treibe und wie er sein Brod erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten

schon durchzogen habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten

Schilderungen der westlichen Staaten verführt worden sei auch _hier_

sein Glück zu versuchen, wo er sich jetzt die größte Mühe geben werde,

so rasch als möglich wieder fortzukommen.

Jack Owen amüsirte sich ungemein über die wunderliche mürrisch-drollige

Ausdrucksweise des Mannes, dem er aber doch zu dessen Trost mittheilte,

daß er sich hätte zu keiner glücklicheren Zeit in diese Gegend verirren

können, als gerade heute, da sich fast das ganze County in der Nähe der

Farm, der sie eben zusteuerten, zu einer sogenannten Camp-Meeting (eine

fromme Zusammenkunft im Freien) versammelt sei, während zu gleicher Zeit

von dem Gouvernement des Staates der öffentliche Verkauf des ganzen

Platzes, in Folge eines alten Processes, anberaumt sei.

Maulbeere horchte hoch auf -- von den Camp-Meetings des Westens hatte

er schon so viel gehört, daß er selber gespannt war einer derselben

beizuwohnen, und Leute die sich bei einer solchen Versammlung einfanden,

führten auch stets Geld bei sich. Auf eine gute Einnahme in seinen

verschiedenen Branchen durfte er jedenfalls rechnen, und wer weiß was

da sonst noch für ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von

solcher Gelegenheit den größtmöglichen Nutzen zu ziehn, und daß er sie

nicht versäumen würde, fest entschlossen.

Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er übrigens keine

Ahnung hatte, daß Fräulein von Seebald, seine alte Reisegefährtin, mit

ihr in so genauer Beziehung gestanden, und eine Masse Menschen lagerten

um zahlreiche dort entzündete Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleisch an

der Gluth, und gaben dem sonst so stillen Platz ein eigenes lebendiges,

fröhliches Aussehn -- und wie ernst doch war der Zweck der sie hier

versammelt.

Als Olnitzki damals von Jack Owen erschossen worden, galopirte Soldegg

nach Little Rock zurück und -- klagte nicht etwa gegen die Farmer und

Squatter von Arkansas, er war zu klug dazu, und wußte was ihm selber

geschehen konnte in dem Fall, aber er verkaufte seine rechtsgültigen

von Olnitzki selber gezeichneten Papiere, die den _Verkauf_ seiner Farm

wie seines sämmtlichen Viehstands, mit Ausnahme eines einzigen Pferdes

betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen sonst schlauen und

durchtriebenen, aber erst seit kurzer Zeit aus den östlichen Staaten

hierhergekommenen Burschen, für den halben Werth gegen baar Geld, womit

er Arkansas verließ.

Der Advokat, ein gewisser Kowley, reiste ohne Weiteres nach Oaklandgrove

hinüber, sein Eigenthum in Besitz zu nehmen, fand sich aber hierin

getäuscht, erfuhr daß Olnitzkis Frau, die Einzige die nach den Begriffen

der Nachbarn etwas zu sagen habe, Farm und Vieh einer Waise geschenkt

habe, die der von Olnitzki erschossene Riley hinterlassen, die Nachbarn

es übernommen hätten die Farm für diese zu bewirthschaften, bis sie den

Besitz selber antreten könne, und daß keine Klaue und kein Huf von diesem

Eigenthum ihre »#range#« verlassen solle, in andere Hände überzugehen.

Mr. Kowley sah sich genöthigt unverrichteter Sache nach Little Rock

zurückzureiten; aber keineswegs gesonnen sich »in seinem guten Recht«

durch eine Bande gesetzloser Squatter, wie er sie nannte, stören zu

lassen, machte er die Sache in Little Rock anhängig, und ein ordentlicher

Proceß entstand, von dessen Kosten sich die Squatter schon durch das sie

schützende Gesetz[1] freihielten, der aber doch, nachdem er sich über

Jahr und Tag hingezogen, _gegen_ die Squatter entschieden und ein Termin

zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die früher dem Polen Olnitzki

gehörende und käuflich an Mr. John Kowley übergegangene Farm, mit den

dazu gehörigen und in dem Verkaufsbrief einzeln aufgeführten Pferden,

Rindern und Schweinen, öffentlich und an den Meistbietenden verkauft

werden sollte.

_Der_ Termin war heute, und zwei, gerade in jenem County befindliche

Geistliche, sogenannte #circuit riders#, die von ihren Consistorien

ausgeschickt werden die noch wenig bevölkerten Distrikte, in denen

keine Kirchen sind, zu durchziehn und dort zu predigen, hatten sich

entschlossen für den nächsten Tag eine schon längst beabsichtigte

»Betversammlung im freien Walde« anzusagen, da der Gerichtstermin ja

ohnedieß eine Menge Menschen herbeiziehen mußte. Ob gerade _diese_

Gelegenheit eine sonst passende war kümmerte sie wenig, sobald nur viel

Menschen dort zusammen kamen und die Beisteuer zu ihren milden Zwecken

-- Kirchenbau, Missionswesen, Bibelvertheilung und Erhaltung der

Geistlichen -- recht reichlich ausfiel.

Jack Owens sonst so freundliches Gesicht nahm aber einen recht ernsten,

finsteren Ausdruck an, als er den freien Platz betrat auf dem die

Fremden versammelt waren, und unter diesen eine ziemlich große Zahl

städtisch gekleideter Advokaten und Kaufleute von Little Rock, die

theils Neugierde, theils wirkliche Lust zu kaufen hier heraus in den

Wald getrieben, erkannte. Schweigend, und von seinem Begleiter dicht

gefolgt, seine Büchse über der Schulter, seinen großen Hund hinter sich,

ohne zu grüßen, ohne umzusehen, schritt er zwischen der Schaar durch

und auf das Haus zu, in dessen Thür ein junges, bildhübsches vielleicht

vierzehnjähriges Mädchen stand, und ihm freudig und herzlich beide Hände

entgegenstreckte.

»Oh Gott segne Euch Mr. Owen« rief ihm das etwas bleich und angegriffen

aussehende Kind entgegen -- »wie froh, wie glücklich bin ich daß Sie

endlich angekommen sind; ich hatte schon solche Angst Sie -- Sie

würden --«

»Doch nicht fortbleiben heute, Jenny?« lachte der Jäger, gutmüthig ihre

zarten Wangen und das goldene Haar aus ihrer Stirn streichend -- »nein

mein Kind, wir verlassen Dich nicht, darauf darfst Du bauen; dieß ist

deine Heimath und soll es bleiben und wenn wir Alle unsere Heerden

verkaufen müßten, sie Dir zu erhalten -- wohin es aber nicht kommen

wird. Wie geht's Deiner Großmutter, Herz?«

»Schlecht Mr. Owen, recht schlecht -- die vielen Menschen da draußen

machen ihr Angst -- sie hat stärkeres Fieber heute gehabt, und ist vor

einer halben Stunde etwa nur erst eingeschlafen.«

»Hier hab' ich Dir 'was zu leben mitgebracht, Jenny« sagte der Jäger,

dem Kinde lächelnd das Kinn emporhebend -- »ein junger Truthahn, aber

feist wie Butter; die ißt Du ja so gern. Doch dem Mann da, -- ein

Fremder der sich verirrt und die Nacht im Walde zugebracht hat -- mußt

Du etwas zu essen machen und einen Platz an Deinem Feuer gönnen bis er

sich getrocknet hat, wenn er sich nicht lieber draußen in die Sonne

legt. Hast Du etwas für ihn?« --

»Für Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee ist fertig und steht am Feuer,

ebenso das Brod, und der Speck ist in wenigen Minuten gebraten.«

»Bravo mein Herz, dann können wir gleich zulangen; ich habe überdieß

schon den ganzen Morgen durch den Wald gepirscht, solch einen Vogel für

Dich zu suchen, und Dir dabei gleich den Scheerenschleifer gefangen, der

die Nacht irgendwo im Wald aufgebäumt war aus Furcht vor Panthern und

wilden Bestien. Kommen Sie herein, Mister, wie ist gleich ihr Name?

-- Mowlbare -- wunderliches Wort das, aber ich denke Sie halten's wohl

mit dem alten Sprichwort was wir hier im Walde haben -- einerlei _wie_

man uns ruft, nur nicht zu spät zum Essen!«

Maulbeere ließ sich nicht zweimal nöthigen -- seinen Karren draußen vor

der Thür stehn lassend, nahm er den alten aufgeweichten Filz vom Kopf,

strich sich die nassen struppigen Haare aus der Stirn, und machte Miene

sich ohne Weiteres an den schon gedeckten Tisch zu setzen, auf den die

Kleine eben die breitfüßige blecherne und dampfende Kaffeekanne stellte.

»Wenn Sie sich erst waschen wollen, so steht draußen der Eimer und das

Becken« sagte Jack, dem es vielleicht so vorkam, als ob ein wenig

Seifenwasser der Physiognomie und den Händen des Fremden eben nicht

schaden könne.

»Danke« sagte aber der Scheerenschleifer in aller Ruhe -- »ich bin die

Nacht gerade genug gewaschen, und habe mir das Wasser verleidet -- Kaffee

ist mir lieber.«

»Helft Euch selber dann« sagte Jenny freundlich, dem wunderlichen

Fremden einen Stuhl zum Tisch rückend -- »Ihr seid herzlich willkommen

zu Allem was wir haben.«

Die beiden Männer setzten sich und aßen, und eine Weile wurde weiter

Nichts gehört, als das Klappern der Messer, Gabeln und Tassen, von denen

noch einige aus Olnitzkis Nachlaß übrig geblieben waren und über die

sich Maulbeere allerdings den Kopf zerbrach, wie solch reich vergoldetes,

weit anderen Verhältnissen angehörendes Geschirr hierher seinen Weg

gefunden haben konnte. Er würde freilich noch weit mehr erstaunt gewesen

sein, wenn er erfahren hätte daß die nämliche allerdings henkellose und

oben ausgebrochene Tasse aus der er trank, mit ihm auf ein und demselben

Schiffe von Deutschland erst herübergekommen wäre. Die Lebensmittel,

besonders der heiße Kaffee nahmen jedoch seine Aufmerksamkeit viel zu

sehr in Anspruch, sich für jetzt um irgend etwas anderes zu bekümmern,

und wieder und wieder mußte Jenny die Tasse füllen.

»Jenny« sagte da Jack nach langer Pause, in der seine Blicke ernst und

sinnend über den kleinen Raum geschweift waren -- denn das vergoldete

Geschirr hatte bei ihm ganz andere Erinnerungen wach gerufen, »wenn das

Haus nachher zum Verkauf angekündigt ist, wirst Du mit bieten müssen,

Herz.«

»Ich, Mr. Owen?« sagte das arme Kind, wehmüthig lächelnd, »Du lieber

Gott, mit was sollt ich wohl bieten; Sie wissen ja recht gut daß wir

_Nichts_ haben auf der weiten Welt.«

»Hast Du _gar_ kein Geld, Jenny?« sagte Jack, sie halb erstaunt aber

recht freundlich anschauend -- »_gar_ Nichts, nicht ein ganz klein

wenig?«

»Ein ganz klein wenig, oh ja« lächelte das Mädchen gutmüthig -- »einen

Viertel Dollar in Silber, den mir Großmutter schon vor langer langer

Zeit gegeben.«

»Nun siehst Du wohl, Schatz« lachte der Jäger, »daß Du reicher bist wie

Du Dich machst? das ist vollkommen genug.«

»_Ein_ Viertel Dollar, sagte ich Mr. Owen.«

»Jawohl, und noch dazu in Silber.«

»Aber was soll ich _damit_ anfangen?«

»Nun die Farm und das Vieh kaufen -- ganz Arkansas kannst Du freilich

nicht dafür bekommen.«

Das Mädchen wandte sich langsam ab eine aufsteigende Thräne zu

unterdrücken, denn der Scherz that ihr weh; Jack aber, der sie nicht

kränken wollte, stand auf, ging zu ihr, legte seine Hand auf ihre

Schulter und sagte freundlich --

»Es _ist_ kein Scherz, Jenny, Du mußt gewiß mit bieten, ja noch mehr,

Du mußt den Anfang machen. _Fürchtest_ Du Dich wenn ich dabei bin?«

»Nein Mr. Owen« sagte das Mädchen herzlich -- »aber ich begreife nur

nicht --«

»Wirst das schon Alles noch erfahren -- welche Zeit haben wir jetzt?«

»Bald elf Uhr, nach der Sonne.«

»Alle Wetter, dann ist auch nicht mehr viel zu versäumen, um elf beginnt

die Auktion -- wenn ich Dich rufe komm zu mir hinaus. Und Sie, Mr.

Mowlbare können heut etwas Neues sehn in Arkansas, aber« -- setzte er

ernster und fast wie drohend hinzu -- »wenn ich Ihnen zum Besten rathen

soll, so bieten Sie nicht mit.«

»Danke herzlich« sagte Maulbeere verbindlich -- »spüre für jetzt noch

nicht die mindeste Lust mich in Arkansas niederzulassen -- aber hinaus

darf man doch kommen?«

»Gewiß, gewiß« lachte Jack wieder, »und werden treffliche Gesellschaft

da finden;« und seine Büchse schulternd, während er dem Mädchen freundlich

zunickte, verließ er rasch das Haus.

Draußen kamen indessen Fremde auf Fremde, sammelten sich um die

verschiedenen Feuer, wo sie einen Bekannten trafen, oder besahen auch

wohl die aus dem Nachlaß von den Nachbarn selber herbeigebrachten

Pferde, die dort ausgehobbelt -- d. h. mit zusammengebundenen Vorderfüßen

-- an hingeworfenen Maiskolben knapperten, und munter den immer und

immer wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten.

Um den Sheriff, der von Little Rock selber herübergekommen war

den Verkauf zu leiten, hatte sich dabei eine ziemliche Anzahl von

»Stadtleuten« versammelt; der Platz ging jedenfalls für ein Spottgeld

weg, denn der jetzige Eigenthümer Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis

los sein, und die Pferde allein, wackere prächtige Thiere, hatten einen

guten Werth.

Jack ging wieder zwischen den Gruppen durch, ohne sie auch nur eines

Blicks zu würdigen, und hie und da flüsterte man wohl leise hinter

ihm her, daß das der Mann sei, der den frühern Eigenthümer dieses

Platzes erschossen. Vor eine Jury damals gestellt war er aber, da es in

Selbstvertheidigung geschehen, frei gesprochen worden; Olnitzki hatte

zuerst nach ihm geschossen, und der Wille allein wäre genügend gewesen,

selbst ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von dessen Kugel. Die

Leute von Little Rock hielten sich aber fern von dem Mann; sie wollten

mit den Squattern dieses Distrikts, die den Ruf eines wilden unzähmbaren

Volkes hatten, so wenig als möglich in Berührung kommen, und waren

vollkommen zufrieden Niemand weiter von der Schaar zu sehn, wenn sie

sich auch eigentlich darüber wunderten.

»Gentlemen!« redete da der Sheriff die Versammlung an, »es wird etwa elf

Uhr sein, und ich glaube wir können die Auktion beginnen, damit die

Herren, die noch gesonnen sind heute nach Little Rock zurückzukehren,

Zeit dazu behalten. Wir sind doch wahrscheinlich Alle versammelt, die an

dem Kaufe Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.«

Jack Owen stand etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, als er diese

Worte an die ihm Nächsten richtete, und nahm jetzt, ohne eine Sylbe

darauf zu erwiedern, seine Büchse von der Schulter. Zugleich spannte er

den Hahn, zielte einen Augenblick nach dem Wipfel einer der nächsten

Eichen, und bei dem Krachen des Schusses stürzte ein Rothkehlchen, das

sich dort oben im Gefühle völliger Sicherheit niedergelassen, gänzlich

von einander geschossen herunter zu Boden.

»Ein famoser Schuß!« riefen Einige der Stadtleute, die nicht recht

wußten was sie aus dieser plötzlichen Schießübung mitten zwischen sich

machen sollten -- »ein vortrefflicher Schuß!« Der Sheriff nur wandte

sich mit eben keinem freundlichen Blick gegen den Schützen um, sagte

aber Nichts und Jack, ohne die geringste Notiz von irgend Jemand Anderem

zu nehmen, stieß seine Büchse vor sich auf den Boden nieder, reinigte

sie, und lud sie wieder.

Da brachen rings die Büsche, Rosse wieherten, Hunde schlugen an; überall

raschelte und knackte es im Wald, und der Boden zitterte unter den

schmetternden Hufen einer heranstürmenden Anzahl Pferde, nach denen

sich die hier um die Feuer Versammelten kaum überrascht, ja erschreckt

umsehen konnten, als auch schon einige dreißig kräftige wilde Gestalten,

fast Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte Leggins

gekleidet, ihre langen Büchsen über der linken Schulter, ihre Messer an

der Seite, die Zügel ihrer Thiere locker in der rechten Hand, Einzelne

im bloßen Kopf mit flatternden Haaren wie Indianer, Andere mit alten

Filz- oder Strohhüten auf, über umliegende und dort umhergestreute Stämme

wegsetzend, herankamen, und dicht um die Feuer her ihre schnaubenden

Thiere parirten. So rasch und plötzlich und so mit einem Mal von allen

Seiten war die Schaar der Backwoodsmen, sämmtlich Nachbarn hier und

Squatter dieser Niederungen, herangekommen, daß der Schuß des Einen von

ihnen jedenfalls das _Signal_ für Alle gewesen sein mußte, die schon

lange darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen

kümmerte sich um den Anderen, und handelten sie nach _einem_ Entschluß,

so war der jedenfalls schon früher verabredet und besprochen, und

bedurfte keines weitern Worts noch Winkes. Aber Alle warfen sich jetzt

von den Pferden, hingen die Zügel der scharrenden, stampfenden Thiere an

den nächsten schwingenden Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann,

ihre Büchsen auf den Schultern und trotzig genug sich dabei im Kreise

umsehend, mitten zwischen die Käufer hinein, so daß sie diese von allen

Seiten umgaben und umstanden. Unter ihnen waren der alte Rosemore, Bill

Jones, Sam Houston und überhaupt das ganze »#settlement#« oder die

Nachbarschaft -- Keiner fehlte.

Wenn Jemand in der ganzen Versammlung, so hatte aber der Sheriff von

Little Rock diese »Demonstration«, für was er sie nicht ganz mit Unrecht

hielt, in Zorn und Unwillen angesehn, ohne freilich dagegen einschreiten

oder auch nur etwas dawider äußern zu können. Daß die Leute mit ihren

Waffen kamen verstand sich von selbst, ein Backwoodsman geht nie ohne

diese, nicht hundert Schritt von seiner Hütte ab, vielweniger eine

Strecke durch den Wald, sei die Gelegenheit welche sie wolle, und das

stille ernste Benehmen der Männer ließ ebenfalls auf keine Störung

schließen; nichtsdestoweniger gefiel ihm das plötzliche Ankommen der

Leute nicht, das auch auf die übrigen Käufer, die schon wußten daß

der Verkauf nicht mit dem Willen der »Nachbarn« geschah, einen

fatalen Eindruck gemacht. Dem Gesetz durften sie aber nicht mit Gewalt

entgegentreten, und so oft sie dasselbe auch in ihre eigne Hand schon

genommen, hüteten sie sich doch jedenfalls den Sheriff in seinem Amt zu

hindern. So also auf einen der zahlreichen dort umherstehenden, kurz

abgehauenen Baumstümpfe tretend, die Versammlung besser übersehn zu

können, zeigte er dieser mit kurzen Worten an daß der Verkauf der Farm

jetzt beginnen solle, die er, Zeit und Mühe zu ersparen, und nach dem

bestimmt ausgesprochenen Willen des jetzigen Eigenthümers, Mr. Kowley

aus Little Rock, gleich mit dem dazu gehörenden Vieh, Pferden, Rindern

und Schweinen in _einem_ Gebot an den Meistbietenden losschlagen würden,

wonach es dann dem Käufer überlassen bleibe, wenn er es für gut finden

sollte, Pferde oder Vieh wieder besonders zu versteigern.

»Ein Wort Mr. Sheriff!« sagte da plötzlich der alte Rosemore mit seiner

tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den Kolben seiner Büchse auf

einen andern Stumpf stemmte und hinaufstieg; »ich bin als Ältester hier

unter uns, und von den Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an

die Versammlung zu richten.«

»Ich glaube nicht daß etwas derartiges nöthig sein wird« sagte der

Sheriff -- aber von allen Seiten rief es »doch, doch! sprecht Sir -- was

giebt's« und der Sheriff, sich die Unterlippe beißend, schwieg.

»Ich bin gleich fertig« sagte der alte Mann freundlich, »denen nur die

es noch nicht wissen, wollte ich hier blos einfach mittheilen daß Farm,

Pferde und Vieh von dem früheren Besitzer, dem Polen Olnitzki, an einen

anerkannten falschen Spieler und sonst gar verdächtigen Menschen, der es

seit der Zeit nie wieder gewagt hat zwischen uns zu erscheinen, im

_falschen_ Spiel, wie sich später herausgestellt hat, verloren wurden.«

»Mr. Rosemore« -- unterbrach ihn der Sheriff.

»Entschuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende« sagte der alte

Mann ernst und fuhr dann langsam fort, »die Frau wie wir Alle hier

wissen, die jener Olnitzki schlimmer behandelt hat, als ein Indianer

seine Squaw behandeln würde, stammte aus einer edlen und reichen Familie,

und hatte mit _ihrem_ Geld, als sie nach Amerika kamen, Farm und

Viehstand, von dem Olnitzki schon früher drei Viertheile durchgebracht,

gekauft -- aber sie besaß keine Papiere darüber. Vor mehren Jahren hat

ferner jener Olnitzki, den hier später seine Strafe erreichte, einen

armen aber rechtlichen Mann im allerdings ordentlich abgehaltenen

Zweikampf erschossen, weil dieser nicht ruhig zusehn wollte, wie er

seine arme, kränkliche Frau mishandelte und _schlug_. Der Mann hieß

Riley und hat eine alte kranke Frau, seine Großmutter, und eine jüngere

Schwester ein Kind noch fast, hinterlassen, das dort in der Thür der

Hütte steht. Diesem Kinde hat Olnitzki's Frau, als sie mit ihrer Schwester

nach des Polen Tode uns verließ, die Farm mit dem sämmtlichen Viehstand

geschenkt. Wir Nachbarn erklärten dabei, daß Olnitzki kein Recht gehabt

habe die Farm, die seiner Frau gehörte zu _verspielen_, die Gerichte in

Little Rock entschieden aber anders. Nach langem Streiten gewann jener

Advokat, der von dem falschen Spieler Land und Vieh zu einem Spottpreis

gekauft, den Prozeß, und der Herr Sheriff ist heute herübergekommen,

Land und Viehstand an den Meistbietenden öffentlich zu versteigern.

_Das_, Mitbürger, ist der Thatbestand der Sache, und wir Nachbarn«

-- setzte er mit lauterer Stimme hinzu, »sind der Meinung daß das Kind

die Farm, die ihm rechtmäßig schon gehört, erstehen wird.«

»Das kommt auf die Gebote an, Sir!« rief der Sheriff heftig.

»Ei versteht sich, Sir,« sagte der alte Rosemore -- »auf die Gebote, und

ich bitte daß Sie beginnen. Jack Owen -- seid doch so gut und führt das

arme Kind einmal hier zwischen die Herren herein -- es fürchtet sich

sonst näher zu treten; Sie sind wohl so freundlich, Gentlemen, und

machen ihm Platz!«

»Oh ja wohl -- mit dem größten Vergnügen!« riefen die dem Haus zunächst

Stehenden bereitwillig, und Jack Owen schritt langsam dem Hause zu, nahm

Jenny, der er einige ermuthigende Worte zuflüsterte, an die Hand, und

führte das junge zitternde Mädchen in den Kreis der Männer, die eine

Gasse für sie öffneten.

»Oh Bill!« rief während der kleinen Pause die jetzt entstand, Einer der

Backwoodsmen, ein rauher, wild aussehender Bursche einem Andern über

den ganzen Kreis hinüber zu -- »ich habe die Nacht einen schändlichen,

nichtsnutzigen Traum gehabt -- mir träumte ein feiner Bursche mit einem

Tuchrock an, hatte die Farm erstanden, und wie ich zu Haus ritt lag er

im Gründorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen, häßlichen

Fleck mitten auf der Stirn.«

»Ah Unsinn Jim!« lachte der Andere zurück, »_Dein_ Traum hinkt, denn ich

habe geträumt _es hätte gar Niemand mitgeboten_!«

»Gentlemen ich protestire hier feierlich gegen jede drohende Einwirkung

auf den Verkauf dieses Gutes!« fiel hier der Sheriff hitzig ein, »oder

ich sehe mich genöthigt mich unverrichteter Sache zurückzuziehn, und dem

Staatsanwalt Anzeige solchen Benehmens zu machen.«

»Thut Euere Pflicht Sheriff!« rief aber der alte Rosemore ruhig -- »es

wird kein Mensch mehr ein Wort hineinreden -- daß sich ein paar junge

Burschen ihre albernen Träume erzählen darf Euch nicht kümmern.«

Der Sheriff zögerte noch einen Augenblick und berieth sich in leisem

Flüstern mit den ihm nächst Stehenden was zu thun, ein späterer Termin

würde aber ebenfalls zu keinem andern Resultat geführt haben, die Käufer

hatten jedenfalls das Gesetz und seinen mächtigen Arm auf ihrer Seite,

und nach kurzer Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten

Äcker, der Pferde, die von den Kauflustigen schon in Augenschein genommen,

die Anzahl Kühe, Rinder und Schweine aufgezählt, eröffnete er die

Auktion und lud die Anwesenden zu einem Anfangsgebot ein.

Im ersten Augenblick herrschte tiefe Stille, das Zirpen der Grillen

drang peinlich deutlich von den nächsten Bäumen herüber, und man konnte

das _Athmen_ der Menge hören. Da bog sich Jack Owen freundlich zu dem

jungen Mädchen nieder und flüsterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu

und Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber klaren,

blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und sagte mit nicht lauter,

aber doch bis selbst zu den entferntest Stehenden dringend:

»Ich biete einen Viertel Dollar für das Ganze.«

»Unsinn!« rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit dem Fuße stampfend,

»wir haben hier kein Kinderspiel für müssige Leute -- ein Viertel

Dollar, wo das Gebot in die Hunderte steigen muß, nur den halben Werth

zu erreichen.«

»Gebot ist Gebot!« rief es von anderer Seite, »der Verkauf hat begonnen

-- thut Euere Pflicht Sheriff!«

»Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mahnen zu lassen!«

schrie dieser, leichenbleich vor innerem Grimm, dem er doch nicht Worte

geben durfte, den Männern gegenüber.

»Ein Viertel Dollar ist geboten,« sagte der alte Rosemore ruhig, »Jenny

wird es wohl für den Preis bekommen.«

»Wenn kein Gebot geschieht,« rief jetzt der Sheriff, mit Zornfunkelnden

Augen, »hebe ich den Verkauf auf!«

»Ein Gebot _ist_ geschehn!« schrie da Einer der jungen Backwoodsmen,

derselbe, der vorher seinen Traum erzählt, und trotzig dabei mit der

Büchse in den Kreis springend, »wir Männer von Arkansas sind eingeladen

worden dem Verkauf heute beizuwohnen; der Verkauf hat begonnen, ein

Gebot ist gemacht worden und ich frage Euch hier, die Ihr anwesend

seid, ob etwas Unregelmäßiges in der Verhandlung stattgefunden?«

»Nein -- Nichts!« schrie es von allen Seiten, »die Advokaten mögen uns

Ihre Dintenklexer hier herüberschicken und uns die Farmen unter der Nase

ausbieten lassen, wir können und wollen es ihnen nicht wehren, aber laß

sie es wagen unsere Gebote nicht zu respektiren, und wenn es sich um

einen einfachen Cent handelte, und bei Höll und Teufel wir schicken sie

heim, daß ihre Haut keine Maishülsen mehr halten sollte.«

»Ein Viertel Dollar ist geboten Gentlemen!« rief der alte Rosemore

wieder so ruhig wie vorher, »Mr. Sheriff wollen Sie weiter fragen, oder

glauben Sie daß der Preis genügt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir

noch zur #Campmeeting# zu reiten wünschen, möchten doch erst gern zu

Hause etwas essen.«

»Gentlemen!« rief aber der Sheriff auch, sich jetzt ermannend, »Sie

werden dieses Scheingebot eines Kindes nicht gelten lassen. Das Gesetz

und sein starker Arm _schützt_ Sie in jedem Gebot das Sie machen, und

meinen eignen Hals will ich zum Pfande setzen daß der von Ihnen, der

dieß Gut zu irgend einem Preis ersteht, auch in den rechtlichen Besitz

desselben gelangen soll.«

»Mein Traum wird doch wahr, Bill,« rief der Backwoodsman wieder über den

Kreis hinüber.

»Denkt nicht daran,« lachte der Andere, »der Sheriff hat ja seinen Hals

verpfändet, und wird die Farm vielleicht selber kaufen wollen.«

»Ein Viertel Dollar ist geboten,« begann zum dritten Mal der alte

Rosemore, »wenn Ihr nicht selber jetzt die Auktion beginnt, Sheriff, dann

thun _wir_ es -- überschreitet Euere Pflicht nicht, denn _wir_ sind hier

herbestellt, und verlangen den Zuschlag für den Käufer.«

»Auf ein solches Gebot schlag ich nicht zu!« schrie aber der Sheriff,

jetzt außer sich vor Wuth, »wer will mich zwingen?«

»Das Gesetz!« tobten ihm da die Backwoodsmen entgegen, »glaubt Ihr,

daß Ihr uns hier zum Narren haben könnt, gerad' nach Gefallen, und

herbestellen wenn es Euch freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die

Farm ist angesetzt und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel

Dollar geboten und bietet Niemand mehr, und schlagt Ihr dann nicht zu,

so straf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator, ein anderer Käufer

seinen Fuß wieder auf dieses Land setzen soll.«

»Und Keiner bietet einen Cent mehr,« knirschte der Sheriff zwischen den

Zähnen durch -- wagte aber selber kein höheres Gebot -- »Gentlemen ich

wiederhole es hier nochmals -- das _Gesetz_ schützt Sie in jedem Gebote

das Sie thun, und kein Bürger der Vereinigten Staaten _darf_ und wird

sich dem widersetzen, denn die Folgen würden schwer und furchtbar auf

sein eigenes Haupt zurückfallen. So beginne ich denn nochmals den

Verkauf -- _zwei Bits_ sind geboten, und ich erwarte daß der zweite

Bieter mit eben so viel hundert ganzen Dollarn nachfolgen wird -- _ich_

-- das _Gesetz_ steht ein für sein gewahrtes Recht.«

Alles schwieg -- der Amerikaner läßt selten lange auf sich warten, wo

sich die Aussicht auf Gewinn für ihn bietet, aber die dunklen trotzigen

Gestalten hier umher -- das Blut das schon unter diesen Bäumen geflossen,

ohne daß selbst das Gesetz im Stande gewesen war es zu sühnen, die

Drohung selbst, die versteckt, aber doch deutlich genug in dem erzählten

Traum lag -- hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeitsgefühle

Manches, der doch wohl einsah daß dem Kind -- wie das _Gesetz_ auch da

geurtheilt -- die Farm gehören müsse -- Keiner bot.

Wieder und wieder suchte sie der Sheriff nur erst zu _einem_ Gebot zu

treiben, dem dann leicht andere folgen würden -- umsonst und endlich

selber gereizt, und wüthender fast über die herübergekommenen Käufer als

über die Squatter selbst rief er, während die »Nachbarn« ringsum lautlos

standen, denn sie wußten jetzt daß sie gesiegt hatten -- mit bleichen

Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken:

»Gut -- wenn Ihr Alle denn zu _feige_ seid Euer _Recht_ zu wahren,

und der, der am meisten dabei interessirt ist, sein ausgelegtes Geld

wenigstens für das Land wieder zu bekommen, sich gar nicht dabei blicken

läßt, was kümmerts mich. Also,« und seine Hand hob sich dabei sie zum

Zuschlag sinken zu lassen, »ein Viertel Dollar ist geboten -- ein

Viertel Dollar zum ersten -- kein Gebot weiter? -- ein Viertel Dollar

zum zweiten« -- eine Todtenstille herrschte, man konnte das Zwitschern

der Vögel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen der Hennen vor

dem Hause hören -- »ein Viertel Dollar zum zweiten, und --« die Hand kam

nieder, und mit der Bewegung das Wort: »_zum_ -- _Dritten_!«

»Hurrah! Hurrah!« tobten und jubelten und jauchzten die wilden Gesellen

um ihn her -- »piff, paff,« gingen die Freudenschüsse hoch in die Luft,

und Jack Owen, in der linken Hand seine abgeschossene Büchse schwingend,

griff mit dem rechten, eisernen Arm das junge, ängstlich umherschauende,

und seinem Glück noch immer nicht trauende Mädchen vom Boden auf und

trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwischen die Schaar der Nachbarn

hinein. Alle Hände streckten sich nach ihr aus, den rauhen wilden Gesellen

standen Thränen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt dem Hause

zugetragen, als neue, rechtmäßige Besitzerin.

Capitel 2.

Maulbeere in der Betversammlung.

Die Auktion war vorüber; Farm und Viehbestand gehörte dem jungen

Mädchen, trotz jenem Jahrelang geführten Proceß, und all die Käufer,

die hergekommen waren das Land, die Pferde zu erstehn, und sich das

Alles nun mußten wie ein schönes Traumbild unter den Händen selbst

wegschwinden sehen, standen im ersten Augenblick allerdings etwas

verdutzt und unbehaglich da, und wußten nicht recht was für ein Gesicht

sie dazu machen sollten. Daß die Backwoodsmen nämlich eine solche

Drohung, wie sie der eine Bursche so schlau in seine Träume geflochten,

wahr machen _könnten_, daran zweifelte nicht Einer von ihnen; des Polen

Grab lag keine tausend Schritt von dort entfernt, ein blutig Zeichen,

und ein Land kaufen das der Eigenthümer nie hätte wagen dürfen in Besitz

zu nehmen, wär auch ein Geldverschleudern nur gewesen, wie der

New-Yorker Advokat zu seinem Schaden jetzt erfahren.

»Unter den Umständen durften wir gar nicht bieten,« sagte da der Eine

von ihnen zu dem Andern, »der alte Mann hatte ganz recht -- man kann

doch der kranken Frau und dem Kind das Haus nicht unter den Füßen

wegkaufen, und sie in den Wald setzen? -- ich wenigstens möchte das

nicht auf meinem Gewissen haben.«

»Ich auch nicht,« rief ein Anderer, »die arme Kleine; was für ein

hübsches Mädchen das einmal wird -- und wie bleich sie aussah.«

»Mit Güte kann man bei mir Alles ausrichten,« sagte ein Dritter, »und

ein gutes Wort findet einen guten Ort -- die Leute waren klug genug daß

sie nicht wirklich drohten.«

»Das wußten sie wohl daß ihnen das Nichts half,« rief der Erste wieder,

»was hätten sie machen wollen wenn wir das Haus erstanden? aber so ist's

besser und hundert Dollar sind mir nicht so lieb, als daß es die Kleine

bekommen hat.«

Maulbeere war ein stiller, aber höchst aufmerksamer Zuschauer des

Ganzen gewesen, und so sehr ihn die höchst eigenthümliche Verhandlung

interessirt, überlegte er doch eben, ob er nicht besser seinen eigenen

Nutzen jetzt auch ein wenig wahren, und seinen Karren herbeischieben

solle, der Versammlung mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen

stumpfen Messer und sonstigen Bedürfnisse in's Gedächtniß zurückzurufen,

als die Backwoodsmen plötzlich Alle wieder zu ihren Pferden gingen, die

Zügel von den Zweigen warfen, in die Sättel sprangen und mit einem

wilden _Hupih_, von den laut anschlagenden Hunden gefolgt, aber jetzt

nach _einer_ Richtung hin, in den Wald hineinsprengten. Nur der alte

Rosemore blieb mit Jack Owen zurück und ging mit diesem in das Haus, wo

sie die Thüre hinter sich zumachten, und eine Zeitlang darin blieben.

Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen allein zurück, und dem

Scheerenschleifer freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er

lachend:

»Nun wie hat Euch unsere Arkansas-Auktion gefallen?«

»Gut,« erwiederte Maulbeere trocken, »und wenn Sie einmal wieder eine

Farm für einen ähnlichen Preis wegzugeben haben --«

»Dann wißt Ihr einen Käufer?« lachte der Jäger, »glaub' es wohl -- aber

die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pferden, so wollen wir denn den

armen Thieren hier ebenfalls wieder ihre Freiheit geben; heut oder

morgen werden sie doch nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es

Euch recht ist, gehen wir zur #Camp meeting# hinüber, nicht weit von

hier nach jener Richtung zu; wäre die Sache schon in Gang, könntet Ihr

die Leute selbst hier jauchzen hören.«

»_Jauchzen_ hören?« frug Zachäus verwundert.

»Werdet's schon mit ansehn,« sagte der Jäger ruhig, den zum Verkauf

hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar erstandenen Pferden

die Hobbeln oder Stricke lösend, die ihre Vorderbeine zusammenhielten,

daß die Thiere wieder frei zurück in den Wald, und ihren gewöhnlichen

Weideplätzen zulaufen konnten, »und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und

folgt mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterführt, und wenn

Ihr nicht _beten_ wollt dort, kann ich Euch Arbeit ziemlich gewiß

versprechen.«

* * * * *

Was für ein Leben das war hier mitten in dem sonst so stillen Wald;

wie die verscheuchten Vögel ängstlich in den Zweigen herüber- und

hinüberflogen, und zwitscherten und riefen; wie der Hirsch, der dort

sonst seinen ungestörten Äsungsplatz hatte, als er heute langsam und

vertraut wie immer auf seinen Wechsel herankam, rasch den schönen Kopf

emporwarf, die von feindlichen Dünsten geschwängerte Luft einzog und

schreckend zurück in seine Wildniß floh. Wie die Pferde so freudig

wieherten und den Boden stampften, und der grüne Rasen ringsumher auf

der kleinen Waldesblöße zertreten war, nach allen Seiten, und wie sich

das drängte und schob und durcheinander wogte, von einer bunten

fröhlichen Menschenmasse, die hier von allen Enden des County

zusammengekommen.

Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei, die nämlich,

die von der Auktion kommend, es vorgezogen hatten den heutigen Tag hier

zu verbringen, und morgen früh zur Stadt zurückzukehren. Diese schienen

aber am wenigsten vertreten, kamen auch nicht aus Religiosität hierher,

sondern nur der leidigen Neugier wegen, und wurden von den Geistlichen

am wenigsten gern gesehn. Nein, die Backwoodsmen und besonders deren

Frauen und Töchter bildeten den Hauptkern der Versammlung; von allen

Seiten strömten sie herbei, die Frauen fest im Sattel -- und wenn es

auch kein Damensattel war -- ihre kleinen Bündel mit Kleidern vor sich

auf dem Pferd, die Männer mit Büchse und Messer an der Seite wie immer.

Und Lager wurden von Einzelnen aufgeschlagen rings im Wald, mit

Rinden- oder Deckendach, während Andere dagegen ordentliche Zelte mit

herüberbrachten, die sie allein für diesen Zweck bestimmt. Hier waren

Männer an der Arbeit einen Baum zu fällen, und aus den abgeschlagenen

Stücken rasch kurze Breter zu spalten zu einem sicheren Regenschutz,

dort wurde Feuerholz geschlagen und herbeigeschleppt, oder Zweige wurden

abgehauen, mit diesen ein flüchtiges Schutzdach gegen Sonne und Nässe

herzustellen; aber überall herrschte Leben und Thätigkeit.

Und wie die Feuer ringsum flammten und die Kessel brodelten, der blaue

Rauch so luftig hinauf wirbelte in die grünen rauschenden Wipfel, und

emsige Frauengestalten mit den großen, unförmlichen Bonnets auf dem Kopf

-- gleichen Schutz gegen Sonne wie Küchenfeuer gewährend -- so fleißig

an den Töpfen und Pfannen schafften und siedeten.

Die Frauen hatten auch das meiste Interesse an solcher #Camp meeting#,

und wenn der Mann daheim kaum daran gedacht hätte hinaus in den Wald zu

gehn und die Pferde zu suchen, ließen sie ihm nicht Ruhe, und hatten

tausend und tausend Gründe dafür weshalb sie, wenigstens dießmal, unter

keiner Bedingung die fromme Versammlung versäumen dürften.

Erstlich schadete den Pferden das Bischen Bewegung gar Nichts -- sie

waren überdieß so lange nicht gebraucht, und #Marys colt# schon ganz

lendenlahm geworden von all zu vieler Ruhe. Dann predigte zweitens,

dieses Mal ganz gewiß der Ehrwürdige Mr. Sweetlip -- und was für eine

süße Stimme der hatte, und wie weich und öhlich er Einem zum Herzen

sprach -- wer hätte da ungerührt bleiben können.

Und dann der andere Ehrwürdige Mr. Hottenbrocken, wie der es den Heiden

und Ungläubigen sagte, wie der dem bösen Feind, #alias# Beelzebub zu

Leibe rückte und ihn aus dem Felde schlug.

Und dann hatten sie die Nachbarn in so ewig langer Zeit nicht gesehn

-- lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit Niemandem zusammen, und

ob Bill Norton und Ann Sally wirklich versprochen wären, konnten sie ja

auch nur dort erfahren.

Und die beiden neuen Kleider, die sich Susanne in dem letzten halben

Jahr selbst gewebt und genäht, wie hätte sie die anders zeigen oder

tragen sollen; doch nicht im Haus etwa beim Spinnrad; und mußten sie

nicht wenigstens einmal erst die »priesterliche Weihe« erhalten?

Die armen Frauen der Wälder sind in dieser Hinsicht auch wirklich übel

dran; in dem kleinsten unbedeutensten Städtchen, ja selbst in dem

einzelnen Haus, das nur an einer begangenen Straße liegt, kann sich das

junge Mädchen nett und geschmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung,

daß sie wenigstens gesehn, und auch bewundert wird, denn es sind

oft liebe, bildschöne Gestalten, denen der schlanke Wuchs, die edle

Gesichtsbildung und die, mit nur _sehr_ seltenen Ausnahmen fast

untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht; im Wald

aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung mit der Außenwelt

abgeschnitten, wo sollen da die armen Mädchen und Frauen ihre Kleider

zeigen, und zeigen _müssen_ sie dieselben; bei einem »Klötzeroll-Fest«

oder »#Quilting frolic?#« wie selten kommt das vor, und wenn's

geschieht, wie selten ist dann Tanz nachher -- einmal, zwei Mal im

ganzen Jahr und das noch dazu im Sommer.

Solche Gelegenheiten benutzen sie dann freilich auch auf's Beste, und

welche es irgend von den jungen Mädchen kann, kommt nicht zu einem

derartigen Fest ohne wenigstens noch _ein_ anderes Kleid, manchmal drei

und vier mitzubringen, die während dem Tanz gewechselt werden können.

Weit bessere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine #Camp

meeting#, die nicht nur einen einzigen Abend und im günstigsten Fall

eine Nacht durch dauert, wie ein solches Fest, sondern nicht selten

gleich drei und vier Tage hintereinander weg, während die jungen Leute

aus der _ganzen_ Nachbarschaft dabei Gelegenheit bekommen einander zu

sehen, miteinander zu plaudern -- und mehr als das. Mancher Funke ist

bei diesen Betversammlungen aus Auge und Herz herüber und hinübergeflogen,

und hat gezündet für Lebenszeit -- wenigstens gebunden; überdieß mußten

die jungen Männer dort still und ehrbar auftreten, durften nicht trinken,

fluchen und schwören, und konnten oft nur mit Hülfe einer ihnen

allerdings gewaltsam in's Herz geschütteten Religiosität den Pfad

betreten, der zu der Liebe der Auserwählten führte.

Mit einem Wort, es geht bunt zu bei solchen Betversammlungen, und wenn

der Geist dann erst noch über die Schaaren kömmt, vergeht dem Fremden

Hören oft und Sehn.

Maulbeere fand für jetzt aber nicht das mindeste Außergewöhnliche; daß

hier so viele Menschen auf einen Platz sich versammelt hatten, der sonst

eine Wildniß war, fiel ihm nicht auf, weil er von einer Wildniß, trotz

der letztverbrachten Nacht, überhaupt noch keinen rechten Begriff hatte.

Die Lagerfeuer sahen ganz gemüthlich unter den grünen Bäumen aus, und

die Menge der Gelagerten versprach ihm reichlichen Gewinn. Nur ein

großes hölzernes Gerüst fiel ihm auf, das seitwärts von dem Platz, am

Rande der kleinen Waldblöße, und noch im Schatten einer riesigen Eiche

stand, und rechts und links ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die

mit Laub und duftenden Kräutern streuartig ausgeschüttet waren. Für das

Vieh schienen sie aber nicht bestimmt, denn ringsumher lagen die Feuer,

und die Pferde durften schon der Kinder wegen nicht in den inneren

Kreis.

Maulbeere dachte aber gar nicht daran sich über die Verwendung

der Plätze den Kopf zu zerbrechen -- vielleicht dienten sie zu

Schlafplätzen, vielleicht nicht, was kümmerte es ihn. Nach einem

flüchtigen Überblick über die Vertheilung der verschiedenen Gruppen,

schob er seinen Karren, ohne sich weiter um seinen bisherigen Führer

zu kümmern, mitten in den Kreis hinein, begann plötzlich mit lauter

gellender Stimme, aber natürlich in Englischer Sprache, seine Waaren,

Künste und Eigenschaften anzupreisen, und hatte wenige Minuten später

die Genugthuung, die große Hälfte der Versammlung ihn umdrängen zu sehn.

Maulbeere war auch in der That für diese Waldbewohner ein Gegenstand;

er war ein Charakter wie sie nicht oft dort herumgezogen, selbst unter

den Yankee-Pedlars. Schon sein ganzes Äußere, die wirklich auffallende

Ähnlichkeit mit einem Orang-Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit

des fremden Mannes, mit seinem trockenen Humor, der sie oft zu lautem

Gelächter hinriß, das Alles war ihnen neu, und vielleicht selbst die

Ungewißheit dabei, ob die jeden Augenblick erwarteten Geistlichen

mit diesem Ausbruch lauter Fröhlichkeit einverstanden sein, oder ihn

vielleicht gar verdammen würden, erhöhte den Reiz.

Maulbeere hatte indessen schon sein Schleiferamt begonnen, und Messer

wurden ihm so viele gebracht, daß er sich ihrer kaum erwehren konnte;

auch Bestellungen bekam er genug, dorthin fünf, dorthinüber acht Meilen

vielleicht, eine alte Scheere wieder in Stand zu setzen oder, als er

sich auch hierin entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzulöthen.

Er war unermüdlich dabei, grob gegen die Männer, die ihn auslachten,

zärtlich gegen die Frauen und Mädchen, die über ihn kicherten, und sein

Rad schwirrte und zischte, während seine Zunge noch viel rascher ging

als das Rad.

»_Der ehrwürdige Mr. Sweetlip!_« -- ein freudiges Gemurmel lief durch

die ganze Versammlung, und die Frauen besonders, drängten jetzt rasch

und eifrig fort von dem Scheerenschleifer, während ihre kleinen lieben

Gesichter, die noch vor wenig Minuten so herzlich gelacht, und so fröhlich

in die blaue herrliche Welt hinausgeschaut, einen gar ernsten, fast

wehmüthigen Ausdruck annahmen. Alles schaarte sich um den frommen Mann,

und Maulbeere blieb allein mit seinem Karren in der Mitte stehen.

Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit selber; er sprach mit Allen, hatte für

jeden ein ermunterndes oder ermahnendes, ein freundlich tadelndes oder

lobendes Wort; sprach von der Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem

Vieh und verirrten Schaafen -- in der geistigen Bedeutung des Wortes

-- und seufzte dann oft recht schwer und traurig auf, wenn er der Sünde

der Menschen gedachte, die in die Welt gekommen und leider nicht wieder

hinauszubringen war. Mr. Sweetlip war eine wahre Seele von einem

Menschen.

Ernster und strenger, in finsterem Schweigen trat der andere Geistliche,

Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die beiden mit einem Schwerte des

Herrn hätte vergleichen können, so war Sweetlip der Rücken, Hottenbrocken

aber die Schneide und Spitze in aller Schärfe und Härte edlen Stahls.

[Illustration: Capitel 2.]

Wenn Sweetlip mit sanfter Zunge seinen Zuhörern allerdings ihre geistigen

Wunden aufriß, aber Öl hineinträufelte, und es manchmal sogar für eine

Sünde zu halten schien, selbst der Hölle sämmtliche gute Eigenschaften

abzusprechen, so ging Hottenbrocken hinter ihm her und warf Essig und

Pfeffer und Salz hinein, rüttelte die sanftschlafenden Sünder aus ihrem

bewußtlosen Zustand auf, und beschrieb ihnen mit triumphirendem Lächeln

und glühenden Farben einen furchtbaren Abgrund, an dem sie geschlummert

haben sollten, und wenn sie den auch nicht gleich sahen, wurden sie doch

ängstlich und verzagt, und streckten die Hand nach dem ehrwürdigen Manne

aus, sie zu retten.

Mr. Sweetlip hatte übrigens die »#meeting#« zu eröffnen und zu begrüßen,

und stieg oder kletterte zu diesem Zweck auf das hohe, kanzelartige

Gestell, das unter der Eiche errichtet worden. Von hier aus richtete

er eine ziemlich lange Rede, ohne weiteren besonderen Inhalt, an die

Versammlung, ermahnte sie, ihre Augen und Herzen und Hände zu Gott

zu erheben und ihn zu bitten, daß er sie bei ihrer jetzigen freudigen

Zusammenkunft erleuchten, die Guten stärken, und die verlorenen Schaafe

zurück zu seiner Heerde führen möge, zu deren Bequemlichkeit hier, wie

er mit klaren dürren Worten andeutete, die beiden Einpferchungen

angebracht und mit weicher Streu gefüllt waren.

Maulbeere glaubte wirklich im Anfang daß er mit dieser Sache Scherz

treibe; der ernste, wehmüthige Mann sah aber nicht aus wie Scherz, und

Thränen standen auch schon in vielen Augen seiner schönen Zuhörerinnen.

Um sich dessen aber zu vergewissern, drückte er sich durch die

Andächtigen, seinen Karren sich selber überlassend, langsam der Stelle

zu, wo er seinen alten Freund Jack Owen finster und schweigend an einer

Eiche lehnen und der Rede horchen sah.

»Könnt Ihr mir sagen Freund« redete er diesen leise an, »was der fromme

Herr da oben mit den beiden Pferchen meint, und ob die nur _bildlich_

dastehn, oder in der »Hitze des Gesprächs« vielleicht wirklich gebraucht

werden sollen? ich habe keine rechte Idee von etwas Derartigem, und

möchte mich gern belehren.«

»Es geht mir nicht viel besser, Fremder,« sagte der Backwoodsman

seufzend -- »ich habe auch keine rechte Idee von dem Wesen und Treiben

der Leute; soviel aber ist gewiß, daß sie die Fenzen oder Pferche, wie

Ihr sie nennen wollt, heute oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da

oben die Gemeinde vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem

finsteren Gesicht erst in ordentlichen Schuß und Gang gekommen ist

-- wenn nicht heute, morgen seht Ihr das gewiß!«

»Und sind das so berühmte Prediger?« frug Maulbeere etwas erstaunt, denn

das Äußere der Leute hatte auf ihn den Eindruck nicht gemacht --

»Der sanfte Mann der jetzt da oben spricht« sagte Jack mit einem etwas

bitteren Lächeln, »war noch im vorigen Jahr ein Schneider in Little

Rock, als plötzlich _der Geist_ über ihn kam, wie sie es nennen, und er

zu predigen anfing. Er hat eine »sanfte Gabe« wie die Frauen sagen, und

wenn er nur anfängt zu reden, weinen sie schon vor lauter Rührung und

Wehmuth. Der Andere ist ein Yankee, und war früher ein Pedlar, wie man

bei uns die »wandernden Krämer« nennt -- betrog alle Welt mit seinen

Yankee-Uhren und anderem Trödel den er zum Verkauf im Lande herumführte,

und -- wurde auch auf einmal religiös, hielt einen Ausverkauf mit seinen

Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu kaufen, um,

wie sie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele zu entreißen, und fing

ebenfalls an zu predigen. Die Beiden sind jetzt die beliebtesten Redner,

die wir hier zu hören bekommen, und haben die anderen Circuit-rider wenn

nicht ganz weggebissen, doch so in den Schatten gedrängt, daß sie sich

kaum noch sehn lassen. _Ihre_ Sammlungen fallen auch -- jedenfalls die

Hauptsache -- immer am reichlichsten aus, und für ihre _milden Zwecke_

nehmen sie Geld und Geldes Werth, Hirsch- und Racoonfelle, Talg und

Honig und Bärenfett. Aber jetzt paßt auf« setzte er, mit dem Kopf nach

der Kanzel winkend hinzu -- »jetzt kommt Herr Hottenbrocken d'ran -- es

wird ein heißer Tag werden, denn er schneidet ein furchtbar finsteres

Gesicht.«

Jack schulterte, während er die letzten Worte sprach, seine Büchse,

drehte sich ab von dem frommen Mann, und schritt langsam hinein in den

Wald, während Mr. Hottenbrocken allerdings von der Kanzel zu donnern

begann, und mit leuchtenden Augen und im Anfang zwar noch ziemlich

ruhiger, dann aber immer wachsender Stimme den zitternden Zuhörern die

Pforten aufriß die hinab in den Schlund der Hölle führten. Mit wilden

Gesten und rollenden Augen deckte er dabei alle Schrecknisse auf, die

dort unten der Ungläubigen, der Tauben die nicht hören, der Blinden die

nicht sehen wollten, harrten, und seine Rede floß ihm glühend heiß von

den in wilder Aufregung zitternden Lippen.

Maulbeere, so sehr er sich sonst über derlei Sachen lustig machte, war

aber plötzlich unendlich aufmerksam geworden, drängte sich, so weit

sich das füglich thun ließ, nach vorn, kein Wort von der Predigt zu

verlieren, und verrieth dabei eine Andacht, eine Freudigkeit, die

sogar mehrmals die Blicke des Geistlichen selber auf ihn lenkte und

wohlgefällig auf ihm weilen ließ. Der Eine war Schneider, der Andere

Krämer gewesen, der _Geist_ genügte -- wenn der Geist kam mußte der

Körper gehorchen! -- Die Predigt oben dauerte fort, Maulbeere hörte

sie aber nicht mehr, sein äußeres Ohr war anscheinend offen, sein

inneres lauschte dagegen einem Chaos von Speculationen, die sich in dem

Gehirn des praktischen Scheerenschleifers entwickelten, und ihm seinen

»Gedankenkasten« mit einer Unmasse von Plänen und Ideen füllten.

So kam der Abend heran; dieser Tag war mehr eine Vorbereitung zu der

morgenden _Schlacht_ gewesen, die Mr. Hottenbrocken dem Teufel und

seinen Helfershelfern angekündigt hatte; seine »Krieger,« wie er die

Frommen und Gläubigen nannte, waren gerüstet und geweiht worden zu dem

schweren Kampf, und die nächste Sonne sollte ihre untergehenden Strahlen

auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn siegreich aus

Kampf und Ringen hervorgegangen wären.

Maulbeere verlangte mehr als das zu wissen, und Jack Owen schien ihm

nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte, soviel der Scheerenschleifer

bis jetzt davon gemerkt, keine Freude an der ganzen Sache, war auch in

der That nur herübergekommen, weil er die Frauen nicht zu Hause halten

konnte, und nicht allein ziehn lassen _wollte_. Frauen sind überhaupt

in den meisten Fällen weit besser zu Hause, als bei solchen Campmeetings

aufgehoben.

Unter den hierhergekommenen Andächtigen befand sich eine Familie,

die Maulbeere's Aufmerksamkeit schon von allem Anfang durch das viele

Kochgeschirr und die zahlreichen Proviantkisten auf sich gezogen, die

sie bei sich führten. Der Mann, wie er sich indessen erkundigt hatte,

war Kirchenältester, und ein großer Gönner Mr. Hottenbrockens, der

oft acht und vierzehn Tage auf seiner Durchreise bei ihm blieb, und

allabendlich in seiner Familie predigte. Diesem introducirte sich

Maulbeere noch _vor_ dem Abendessen, enthüllte ihm den Eindruck, den

die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und bat ihn um die

Lebensgeschichte des langen Mannes, der eine so fabelhafte Rednergabe,

mit solchem Feuereifer und solcher Gluth der Sprache vom lieben Herrgott

und heiligen Geist empfangen habe.

Der Kirchenälteste nahm ihn freundlich auf; Maulbeere mußte sich mit zu

seinem Feuer setzen und mit ihnen essen, und erzählte ihnen dafür seine

Lebensgeschichte mit einer Phantasie, die seinen alten Schiffsgefährten

Theobald glücklich gemacht haben würde, und auch hier ihre Wirkung nicht

verfehlte. Er erfuhr dafür Alles was er wissen wollte -- daß nämlich nicht

etwa ein langes Studium erforderlich sei, mit begabter Zunge zu reden,

sondern daß solche, die der heilige Geist als Begünstigte ausersehen,

oft von den niedrigsten Handwerken, aus dem sündhaftesten Lebenswandel

heraus, zu der hohen Würde eines Seelenhirten sich emporgeschwungen

hätten, und Lichter geworden wären, ihren Mitbrüdern und Schwestern auf

dem schmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht einmal ein

Examen war dabei erforderlich; es bedurfte eben weiter Nichts, als der

hohen natürlichen Begeisterung, die, für einen monatlichen Gehalt aus

einer der frommen Stiftungen und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen

in die Schanze schlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des Herrn.

Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, sie hatten nicht allein gegen

die sündhaften Ungläubigen, sondern auch gegen den Antichrist wie eine

Menge anderer Sekten anzukämpfen, aber das Ziel war glorreich -- sie

_mußten_ endlich siegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange

blutete mit zertretenem Haupte unter ihren Hacken.

Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchenälteste dem mit der

gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorchenden Zachäus Maulbeere hielt, und

wie dieser spät am Abend, wo sich die Mehrzahl der hier Gelagerten zur

Ruhe begeben, seinen Karren zu seinem neuen Beschützer heranschob, und

dann in das laut gehaltene Nachtgebet inbrünstig mit einstimmte, schien

ein ganz anderer Geist in den sonst so rohen, profanen Menschen gefahren

zu sein. Die Anderen hatten sich längst wieder erhoben, und er kniete

immer noch eine Weile allein in still versunkenem Gebet, legte sich dann,

in seine Decke gewickelt die er vorn an den Karren geschnallt mit sich

führte, ohne mit irgend Jemandem ein Wort weiter zu wechseln, auf den

ihm angewiesenen Platz unter ein weit gespanntes Leinwandzelt, und

war bald sanft und ruhig -- ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet

-- eingeschlafen.

Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein früh, und Maulbeere

hätte heute keine Zeit bekommen seine Geschicklichkeit zu verwerthen,

selbst wenn er es gewollt; er dachte aber gar nicht daran, saß gleich

vom Morgengrauen in den vordersten Reihen der Gläubigen, und schien

sich wirklich nur zufällig gerade zur Frühstückszeit an dem Feuer des

Kirchenältesten wieder einzufinden. Dieser aber hatte seine innige

Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht meinte, innerlich

und äußerlich einer ordentlichen Reorganisation bedürfe, und die nur

allein durch das Wort Gottes erhalten könne. Übrigens sei es ein

erfreuliches Zeichen auch unter den _Deutschen_, die sonst nicht in dem

Rufe ständen, viel wirkliche Religiosität zu haben, Einzelne zu finden,

die eine rühmliche Ausnahme davon machten.

Zum Frühstück trat eine Pause ein, da die Geistlichen selber, zu

ihrem heutigen harten Kampfe, einer Stärkung bedurften, und es war für

Maulbeere ein rührendes Bild, und eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu

sehn, wie sich die _Brüder_, in Liebe und Freundschaft darum stritten,

die ehrwürdigen Herren an _ihrem_ Frühstückstisch bewirthen zu dürfen,

wo ihnen dann das Beste aufgetafelt wurde, was die Küche aus Wald und

Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte.

Gleich nach dem Frühstück begann die Predigt wieder, die aber bis zum

Mittagessen wenig Erquickliches bot; es war ein Mischmasch von den

allergewöhnlichsten Phrasen, in der allergewöhnlichsten Art vorgetragen;

entweder _konnten_ die Leute nichts Besseres liefern, oder sie versparten

sich den vollen Eindruck auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuhörer

überhaupt mehr aufgeregt und für das Übernatürliche mehr empfänglich

sind. Maulbeere nichtsdestoweniger hielt gewissenhaft aus; Manche seiner

Nachbarn und Nachbarinnen, die auch entsetzlich in ihrer Andacht durch

seinen alten grünen und wie glasirten Rock gestört worden waren,

schliefen sanft; Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem

Redenden.

Mittag kam, und so sehr sich die Amerikaner vor einem unreinlichen

Menschen scheuen, hatte Maulbeeres Andacht doch besonders die

Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen; er war auch fremd hier, und

konnte nicht ohne Nahrungsmittel gelassen werden. Maulbeere bekam drei

Einladungen an verschiedene Feuer, die er alle drei annahm, und mit

geschickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tisch und einer

kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags heranrückte, begann

die Predigt auf's Neue -- jetzt aber mit einem andern Geist.

Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag den Anfang, und die

Versammlung, als ob die Leute schon eine Ahnung gehabt hätten, wie der

Geist heute wirken würde, war zahlreicher als je; Maulbeere aber saß in

den vordersten Reihen.

Mit weicher, schmelzender Stimme begann der ehrwürdige Mr. Sweetlip

seinen aufmerksam lauschenden Zuhörern die Orte auf dieser Erde zu

schildern, wo den armen schwachen Menschen Verführung umlauere, ihn von

der Bahn des Guten abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den

sie auf dieser Welt schon für ein gottgefälliges Leben, aber auch viel

größer noch in einer anderen Welt, zu erwarten hätten: in dieser Welt

durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewissen, das ihnen die Brust mit einer

unendlichen Wollust und Seligkeit fülle (und er selber führte sich dabei

zum Beispiel auf, wie er, seit er sein Herz dem Himmel zugewandt, in

einem wahren Meer von Wonne schwimme) und in jener, wo Gott und der

Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten würde, so sie hier den

sündigen irdischen Lüsten widerstünden, und ihre Augen nur nach dem

richteten _was Gottes_ wäre. Auch hierbei ließ er sich in eine nähere

und mehr bildliche Beschreibung dieser einstigen Seligkeit, wie er sie

sich dachte, ein, und schilderte seinen Zuhörern mit immer glühender

und lebendiger werdenden Farben das Paradies, wo sie von Ewigkeit zu

Ewigkeit oben im Kreis der Engel in den Wolken sitzen, und Hallelujah

singen würden.

Maulbeere sah sich rasch nach seiner Nachbarin zur Linken um, denn diese

fing plötzlich an zu stöhnen, schloß die Augen, warf den Kopf herüber

und hinüber, und gebehrdete sich etwa so, als ob sie einen Anfall von

Krämpfen erwartete. Der Scheerenschleifer dachte auch an seine kleine

Hausapotheke die er in dem Karren mit sich führte, an Salmiakgeist

und Hofmann'sche Tropfen, Einreibungen von Senfspiritus und andere

entsetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entschluß kommen

konnte, begann seine Nachbarin zur Rechten ebenfalls, ähnliche Töne

auszustoßen und überall vor und hinter ihm, und rechts und links, fing

es an zu ächzen und zu stöhnen und die Ausrufe -- »#Oh Loooord -- glory

-- glory -- happy -- happy -- blessed Jesus!#« wurden nach allen Seiten

hin laut, und kamen in Gestalt von gewissermaßen gewaltsam ausgestoßenen

Seufzern zu Tage. Nur erst mit dem Schluß der Predigt, die in einem

langen Gebet endigte, beruhigten sich die Andächtigen, und die Frauen

hielten ihre Taschentücher vor die Augen und weinten, als ob ihnen das

größte Herzeleid in der Welt geschehen und nicht die einstige Seligkeit

geschildert wäre.

Lautloses Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken kletterte jetzt,

nachdem er den ehrwürdigen Bruder Sweetlip heruntergelassen, auf

die Kanzel, übersah mit einem, über die Massen schweifenden finster

drohenden Blick die Versammlung, und rief plötzlich, zu voller Höhe

aufgerichtet und den rechten Arm von sich streckend, mit donnernder

Stimme:

»Brüder und Schwestern -- Mitbürger -- Mitchristen -- Sünder

-- _nichtswürdige, elende, erbärmliche Sünder_ -- der Tag der Rache

ist nahe!«

»Oh Loooooord!« schrie die eine Mitschwester an Maulbeeres Seite, der

doch jetzt fand, daß diese verschiedenen Ausrufe keineswegs einem

körperlichen Gebrechen, sondern eher einer geistigen Vervollkommnung,

einer Empfänglichkeit des Herzens für das Höhere, zuzuschreiben sei.

Mr. Hottenbrocken hatte indessen eine kleine Pause gemacht, als ob er

seinen Zuhörern Zeit geben wollte, über diese Verkündigung nachzudenken,

und begann nun, nachdem er vorher sein Taschentuch herausgenommen und

sich vorsichtig geschneuzt hatte, mit einer Stimme und einem Ausdruck

seine Predigt, als ob er in irgend einem gleichgültigen Gespräch etwa

gesagt hätte -- »ich glaube wir werden diesen Nachmittag Regen

bekommen.«

»Der ehrwürdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder und fleißiger

Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch, liebe Schwestern und

Brüder, die Freuden des Elysiums geschildert; er hat Euch mit glühenden

lebendigen Farben, wie den höheren heiligen Sphären abgelauscht, die

Plätze der Seligen vorgeführt, wohin die _Guten_ einst kommen werden. Es

_giebt_ einen solchen Platz, liebe Schwestern und Brüder, wie ich Euch

wohl kaum noch zu sagen habe, denn Jeder von Euch weiß es -- es steht

mit klaren einfachen Worten in der Bibel, und ist daher keine Kunst

das zu wissen -- Jeder kann das wissen der nur lesen kann, oder einen

Bekannten hat, von dem er weiß, daß er ihm keine Lügen erzählt, und der

ihm die Geschichte vorliest. Also wir sind davon, als einer ausgemachten

Thatsache, überzeugt, _daß_ es einen Platz giebt, wohin die Guten, die

Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein unsere Phantasie,

geliebte Brüder und Schwestern, verleiht diesem Platz die höhere Wonne,

nein auch die heilige Schrift giebt uns ziemlich genaue Grundlagen über

den etwaigen Zustand dort oben, wie ihn mein Bruder in Christo, Mr.

Sweetlip geschildert hat -- Aber« -- rief er plötzlich, und unterbrach

damit gewissermaßen seine bis dahin vollkommen ruhige und wie

gesprächsweis gehaltene Rede -- »_aber_,« donnerte er noch einmal,

mit jetzt tief und dröhnend schallender Stimme, »aber _wer_ sind die

Gerechten? -- _wo_ sind sie? -- wie viele oder wie wenige sind es ihrer?

-- Wehe, wehe, wehe, mein Auge streift umher, und keinen Frieden, kein

Licht findet es, wohin es schweift -- mein Ohr lauscht auch dem leisesten

Klang, und nur Weheklagen sind es, die es vernimmt!«

»Oh Loooooord!« -- stöhnte Maulbeere's Nachbarin wieder.

Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers, mit der er

jammerte daß er umsonst das Haupt eines Gerechten suche, es mit

der ewigen Glorie zu decken -- sie wären _Alle_ Sünder, schlechte,

miserabele, elende Sünder vor dem Herrn -- keiner, der bestehen würde

vor seiner Gerechtigkeit, und nur wenn sie stürben, würden sie es den

ersten Tag bequem haben, sie fortwährend bergunter führen, tief tief

hinunter zu dem höllischen Abgrund, wo da ist Heulen und Zähneklappen,

dann aber -- dann --

»#Oh gracious Looooord!#« stöhnten die Stimmen rechts und links

-- »#merci, merci -- merci!# Gnade! -- sei gut zu uns Herr, sei gut

zu uns!« und hie und da standen Einzelne der Mitglieder auf, und

taumelten mehr als sie gingen unter dem #glory#-, #glory#- und #happy#-,

#happy#-Rufen in den einen kleinen Pferch, der zur Linken des Predigers

stand, wo sie sich auf die Knie warfen, und laut und brünstig, nur von

einzelnen Schreien unterbrochen, an zu beten fingen.

Maulbeere wurde unruhig, er blickte um sich her und sah seine Nachbarn

an, machte sogar ein paar Mal Miene aufzustehen, setzte sich aber immer

wieder nieder. Das Gestöhne um ihn her wurde dabei immer toller, und je

wilder und feuriger der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit rasselnder,

dröhnender Stimme die Qualen der Verdammten zu schildern, und lauter und

drohender der ganzen Schaar seiner Zuhörer ein ähnliches Schicksal zu

prophezeihen, je mehr er mit den Armen warf und seine langen Glieder

umherzuschlenkern begann, die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme,

vielleicht das Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreisch

und Gewinsel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade schrie für die

Verdammten, um deren Glieder er schon die Lohe schlagen sähe, die im

ewigen Feuer zuckten und sich krümmten und die Arme umsonst flehend,

Hülfe suchend, herausstreckten aus dem knisternden Verderben, da

erreichte der Aufruhr und Lärmen einen furchtbaren Grad. Die Leute

sprangen und heulten auf ihren Sitzen, schlugen mit den Armen und Beinen

um sich, und klammerten sich aneinander an, als ob sie schon jetzt

fürchteten von dem höllischen Feind gefaßt, und nach seinen Regionen

niedergeführt zu werden.

In dem links gelegenen Pferch hatten sich indeß die »Böcke« mehr

und mehr angesammelt -- es waren die, die sich als die größten,

nichtswürdigsten Sünder erkannten -- und lagen hier auf den Knieen,

rangen die Hände, heulten, schrieen, und gebehrdeten sich mit einen Wort

wie Verrückte. Zwangsjacken wären auch in der That das einzige gewesen,

was sie hätte halten können.

Mr. Hottenbrocken oben auf seiner Kanzel aber fing an zu triumphiren.

»_Da_ kommen sie!« schrie er mit ausgestrecktem Arm und Finger

niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zudrängenden, (Männer

und Frauen und Mädchen, Alles durcheinander) und sein Auge schoß Blitze,

seine Gestalt hob sich höher und gewaltiger, und zog sich dann manchmal

in sich selbst zusammen, als ob er noch unschlüssig sei, vielleicht

mit einem Satz über die Barriere weg, mitten zwischen die Schaar

hineinzuspringen -- »da drängen sie herbei, vom Teufel gepeitscht, der

hinter ihnen mit ausgespreizten Krallen dreinspringt, den Einen oder

Anderen noch von denen die ihm entfliehen wollen zurückzureißen in sein

Reich der Verdammniß!«

»#Oh L--o--o--o--o--o--rd -- merci -- merci!#« schrieen die Frauen

wieder, die sich jetzt zwischen den Bänken anfingen ängstlich umzusehn,

und sogar manchmal mistrauische Blicke auf den Scheerenschleifer warfen

-- »habe Gnade mit uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem

Teufel -- rette uns vor dem ewigen Feuer!«

»Gnade?« schrie aber der Mann auf der Kanzel mit seiner Donnerstimme

nieder in den Lärm und Aufruhr -- »Gnade wollt Ihr? -- Gnade für Euere

_Sünden_? -- Gnade für Euern _Unglauben_? Gnade für Euere verderbten und

verstockten Herzen? -- der Fluch _Gottes_ wird Euch treffen am jüngsten

Gericht -- niederschmettern wird er Euch in den Staub, die Ihr Euch

jetzt am stolzesten und höchsten wähnt -- niederschmettern in ewige

Verdammniß und Nacht und Finsterniß und ewiges Feuer, wo Satan die Macht

über Euch haben wird und die Kraft und die Gewalt; und _dort_ steht er!«

schrie er plötzlich wild gellend auf, mit dem ausgestreckten Arm gegen

den Wald hinauszeigend -- »dort grinst er herüber auf Euch und fletscht

die gelben fürchterlichen Zähne! -- dort steht er und schüttelt sich vor

Lachen und innerer grimmiger Lust, wie er die Heerde sieht, die er bald

eintreiben kann in sein höllisches Reich, die Opfer sieht, die ihm

verfallen sind durch ihre eigene Sünde und Lust und rettungslos,

rettungslos verloren gehn!«

»#Merci -- merci -- glory -- glory -- oh Looooord!#« schrie und stöhnte

die Schaar wieder, und ein solches Wüthen und Drängen und Ächzen und

Winzeln begann zwischen den Menschen, daß Maulbeere mistrauisch die

Leute von der Seite ansah, und doch nicht herausbekommen konnte ob sie

im Ernst waren, oder sich nur verstellten.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Sechster Band · 第 3 / 9 题