Also wirklich niemand? -- »Haben Sie geheizt, Therese?«

»Ich werde den Arzt rufen, Exzellenz sind krank«, sagte Therese.

Der General schwieg und brütete vor sich hin.

Erst nach geraumer Weile verstand er, was Therese gesagt hatte. Er

drückte auf die Klingel. »Keinen Arzt, Therese. Ich bin vollkommen wohl.

Nur müde.«

Aber die Gabel entfiel seiner Hand: er schlief am Tische ein. Seine

kreidige Wange lag auf dem Kragen des weiten Feldmantels.

8

Die schwarzen Wolken jagten über die finstere Stadt dahin. Ohne Ende,

ohne Zahl. Die Toten in ihren vereisten grauen Soldatenmänteln standen

darauf. Die Toten und Gefallenen aus den Massengräbern von Verdun und

Ypern, von Polen und von Rußland, Serbien, Rumänien, von Mesopotamien,

aus den einsamen Friedhöfen der Vogesen und der Champagne, die Toten aus

den Argonnen, die Toten von der Somme und die Toten, die aus dem Meere

gestiegen waren.

Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrängt auf den schwarzen

Wolken, die in dieser Nacht ganz Deutschland überzogen. Denn in dieser

Nacht kehrten die Toten zurück.

Horch, sie singen! Hörst du? Ihr Gesang braust! Was singen sie?

Unverständlich für die Lebenden ist ihr Gesang.

Die Vorhut der heimkehrenden Armee der Toten hat Berlin erreicht, ohne

Ende ist ihr Zug, noch haben nicht alle den Rhein überflogen. Es sind

Millionen.

* * * * *

Dahinfegte die Limousine. Sie schnellte über eine Brücke und jagte in

eine endlose schnurgerade Straße hinein. Sie bog um eine Ecke -- und ja,

dies war nun die Lessingallee.

Plötzlich pochte der General wild mit den Knöcheln an die Scheiben und

augenblicklich zog Schwerdtfeger die Bremse. Bevor das Auto noch stand,

war der General schon aus dem Wagen gesprungen und lief rasch in die

Straße hinein. Aber auch der kleine Mann in seinem Havelock eilte, so

schnell er konnte, dahin.

Zwei, drei Sätze und die wütende Faust des Generals hatte den Havelock

erfaßt.

»Was wollen Sie von mir? Sprechen Sie!«

Der kleine alte Mann krümmte sich zusammen.

»Was wissen Sie von meiner Tochter. Sprechen sie jetzt -- oder, oder

--!«

Da zerfloß der kleine alte Mann, wie Nebel. Eine Sekunde noch das

bläulich-weiße Gesicht, grüne Funken, wo die Augen waren -- fort.

So heftig war die Erregung, daß der General auffuhr. Er saß bei Tisch.

Allein.

Ohne zu denken, griff er wieder nach Messer und Gabel und bemühte sich,

kleine Stückchen von dem kalten Fleisch auf seinem Teller abzuschneiden.

Er griff nach dem Glas -- aber schon erlahmte wieder die Hand.

Kalt, kalt, die Kälte! Es war eisig kalt in diesem Zimmer.

Und doch, der Ofen glühte. Er näherte die Hände -- deutlich sah er das

Eisen glühen -- aber, wie merkwürdig, keine Wärme. Nun erst, da er mit

den langen Nägeln das rote Eisen berührte, spürte er einen Hauch von

Erwärmung. Ein eisiger Luftstrom blies ihn an.

Sonderbar -- seit jenem Tage hatte es begonnen! Deutlich erinnerte er

sich noch, wie das schneeblaue Gesicht durch die Scheiben ins Foyer

starrte, an den Briefumschlag sogar, der von häßlicher, unangenehmer

grüner Färbung war. Seit jenem Tage war die Unruhe über ihn gekommen.

Überall hatte er diesen kleinen geistesgestörten alten Mann gesehen --

vor dem Hause, vor dem Restaurant, ja selbst wenn er einen Blick aus

seinem Arbeitszimmer warf, da stand er auf dem Platze. Sogar in der

Nacht begegnete er ihm häufig.

Ja, er, dieser Unbekannte, hatte den Argwohn in ihm geweckt -- alles war

daher gekommen, allein daher!

Der 9. November: Roman · 第 69 / 74 题