Der Schmerz fraß. In seinem weiten Feldmantel, der nahezu den Boden
berührte, schritt er durch die Zimmer. Auf seinem Schreibtisch lag Ruths
letzter Brief: -- die dich geliebt hat, Papa, und noch immer liebt
. . .
Sie hatte ihm unrecht getan. Alles entsprang doch nur der Sorge um sie,
der Fürsorge eines Vaters, dessen Pflicht es erheischte -- Kannst du es
denn nicht verstehen, mein Mädchen? Verhängnis über Verhängnis. Er, ihn
getötet? Wie? Wie? Ihn, den sie liebte? Er? Aber, wie kannst du nur so
etwas sagen?
Die Stille lauerte. Lauernd und feindselig umstrich ihn die eisige Luft.
Der Brief flatterte plötzlich in seiner Hand.
Ohne jeden Zweifel, er war nicht allein.
Nein, nicht allein!
Wieder glitt der lange graue Mantel durch die Zimmer. Er drehte das
Licht an. Niemand, natürlich. Aber er fühlte einen Blick auf sich
gerichtet und dieser Blick folgte ihm überall hin.
Vorsichtig, mit zitternden Fingern, schob er den Vorhang zur Seite, er
öffnete das Fenster, leise, und spähte durch einen Spalt der Jalousien
hinaus auf die finstere Straße.
Da, da -- sein Herz stockte!
Nein, er hatte sich nicht getäuscht.
Da stand er -- der kleine Geistesgestörte, in der Tat! Deutlich sah er
sein faustgroßes bleiches Gesicht. Die Augen waren auf dieses Fenster,
genau auf dieses Fenster, auf ihn gerichtet. Er stand mit zwei
Gestalten, zwei Männern, einem großen und einem untersetzten. Nun
näherte sich der Große der Haustüre, aber der alte Mann rief ihn zurück.
Sie sprachen: berieten, deuteten auf das Fenster, auf ihn! Dann gingen
sie, zögernd, und die Dunkelheit verschlang sie augenblicklich.
Leise, vorsichtig schloß der General wieder Fenster und Vorhänge. Noch
eisiger war die Luft geworden. Kalter Nebel war durch das Fenster ins
Zimmer gekrochen. Ja, ohne Zweifel, die ganze Wohnung war nunmehr von
Nebel erfüllt. Die Wände rauchten. Sie waren grüne geschliffene
Eisblöcke, die dampften.
Der Brief Ruths war auf den Boden gefallen und keuchend hob der General
ihn auf. Er war geneigt, über die politischen Verirrungen eines jungen
und urteilslosen Mädchens hinwegzusehen. Er war geneigt, gewisse
Vorfälle zu vergessen -- Irrungen eines jungen und leidenschaftlichen
Herzens. Er war geneigt, Zugeständnisse zu machen, völlige Freiheit
zuzusichern. Forderte sie es, so war er zu jeder Genugtuung bereit. Zu
jeder!
Aber sie sollte zurückkommen!
Ja, zurückkommen. Weshalb kam sie nicht?
Er war alt, sein Leben vernichtet, zermürbt, untergraben, zerstört, ohne
Sinn, ohne Hoffnung, ohne jede Hoffnung! Er besaß nur noch sie, sie
allein -- sonst nichts mehr.
Und er liebte sie! Ja, Ruth, es ist die Wahrheit, ich liebe dich!
Das alles wollte er ihr sagen, sobald er sie traf. Und er würde sie
finden, ohne jeden Zweifel! Morgen, in aller Frühe schon, würde er sich
wieder auf den Weg machen. Sie war ja hier, hier in der Stadt,
Wunderlich hatte sie schon zweimal gesehen.
Ja, all das, all das. Und er würde sie _bitten_ -- nie in seinem Leben
hatte er einen Menschen um etwas gebeten . . . Forderte sie es, von
ihrem alten Vater -- bestand sie darauf -- nun wohl, so war er bereit,
sich zu -- _demütigen_ . . .
Plötzlich taumelte der General, so stark, daß er in einen Sessel fiel.
Er griff nach der Brust. Sein Herz --? Was war es --?
In diesem Augenblick aber schrillte die Klingel, zweimal, dreimal, lang,
herausfordernd -- die Haustürklingel.
Schritte kamen durch den Korridor.
Aber schon stand der General unter der Türe. »Öffnen Sie nicht!« rief
er, zitternd in seinem weiten Mantel.
Dumpf grollte es in der Ferne -- ein Geschütz hatte in der Stadt
gefeuert.
»Ich werde selbst -- gehen Sie ruhig schlafen«, stammelte der General
und Therese schlich wieder in ihre Küche zurück. Immer noch schmerzte
das Herz in der Brust. Allmählich erst hörte es auf zu zucken. Nun erst
ging der General zur Haustüre und bot seine breite Brust der Finsternis
dar. Niemand. Aber dort drüben, im Park, schlichen da nicht Gestalten?
Schüsse klatschten, und wieder feuerte ein Geschütz in der Stadt.
»Sie zerfleischen sich -- wie Wölfe«, dachte der General. Und laut rief
er in die Dunkelheit hinein: »Ist jemand da?«
»Hahaha!« lachte es aus der Finsternis.
»_Hier bin ich! Was wollt ihr von mir?_«
»Hahaha!« Ganz fern.
Niemand. Er verschloß die Türe.
* * * * *
Ein Schritt raste die dunkle Straße entlang. Nein, nicht ein Schritt,
ein Rudel von Schritten. Hinter dem einen rasenden Schritt her jagte
eine Meute klappender Schritte. Geschrei.
Da setzte der Schatten eines schmächtigen Menschen über die Straße und
verschwand im Gebüsch des Parkes. Ein Rudel von Schatten setzte hinter
ihm her. »Haltet ihn, haltet ihn, den Spitzel!«
Die Stimmen verloren sich.
Kunze keuchte. Eine Sekunde noch und er wäre zusammengestürzt.
Meilenweit hatten sie ihn gejagt und alle Wachtposten hatten auf ihn
geschossen.
In Schweiß gebadet warf er sich auf den Boden. Da begann der ganze Park
wie ein Hammerwerk zu pochen. Lob und Dank dem Herrn, sie hatten seine
Spur verloren -- ihre Stimmen klangen ferner und ferner. Ein Schrei --
vielleicht hatten sie einen andern niedergeschlagen?
Noch keuchte die Brust, und schon begann Kunze wieder zu laufen. Durch
den ganzen finstern Tiergarten eilte er. Furchtsam mied er Wege, ob sie
breit oder schmal waren. Endlich kam er in eine Gegend des Parkes, die
Sicherheit verbürgte. Es war dicht hinter dem Zoologischen Garten.
Eifrig spähte er in die dunkeln Baumwipfel empor -- ja, hier, dieser war
der richtige. Ein einladender Ast, nicht allzu hoch über der Erde, aber
doch hoch genug, gerade was er suchte. Hinauf, schon war der Strick
festgemacht, die Schlinge gebunden. So. Und nun rasch! Keine Stunde
länger war dieses Leben zu ertragen -- ja, schade, er hatte nicht einige
Autos zur Verfügung, um über die Grenze fahren zu können --
Nur noch eine Sekunde, bitte, bis er Atem geschöpft hatte -- und dann:
hinab!
In der letzten Nacht hatte er in einer Kanalisationsröhre geschlafen; in
der Lindenstraße, vorgestern in einer Sandkiste beim Halleschen Tor.
Einmal hatten sie ihn schon gefangengenommen -- nein, nein. Schluß! Eine
Sekunde nur -- und dann: hinab!
Die Schlinge um den Hals saß er da, dampfte und keuchte -- zu seinem
Schrecken gewahrte er jetzt, daß er sich ganz in der Nahe eines Weges
befand.
Dunkel und schweigend lag der Tiergarten. Eigentlich, bei rechtem Licht
besehen, ein Park für Selbstmörder, nicht wahr? Eine rührende Vorsorge
der Stadtverwaltung! Jede Nacht erschoß sich hier jemand, erhängte sich
irgendeiner -- fast gab es keinen unbesetzten Baum mehr. In der Ferne,
aus der dunkeln Stadt prasselte Gewehrfeuer, und dann und wann dröhnte
ein Kanonenschuß. Sie kämpften. Es war nicht gut, ihnen gerade jetzt in
die Hände zu fallen . . .
Schwarze, gespenstische Wolken jagten über den kahlen Baumwipfeln dahin.
Das welke Laub raschelte. Zuweilen hörte er auf seinem Ast auch Stimmen
und Gelächter bald näher, bald ferner -- und Gesang. Gesang. Dann
wiederum Schüsse. Und sonderbare Laute, Miauen und Bellen, drangen aus
dem Zoologischen Garten.
So also sollte er enden! Was würde sein Vater, der Pastor sagen? Ein
_Selbstmörder_ in der Familie! Schande, Schmach -- Heimsuchung des
allmächtigen Vaters im Himmel! -- Luxus, schöne Frauen -- und der Ruhm?
Es war nichts damit geworden, nein. Gerade als der Krieg ausbrach wollte
er zur Bühne gehen. Hamlet! Den ganzen Hamlet kannte er auswendig.
»Sein oder Nichtsein --« flüsterte er und hob die Arme.
Beinahe wäre er von seinem Ast gefallen.
Dahinwandeln im Licht der Rampe, bewundert, umrauscht vom Beifall --
Briefe schöner Mädchen und Frauen -- alles nichts.
Und nun -- das Seitenstechen hatte aufgehört -- und nun . . .
Da aber hörte er Schritte knirschen. Er erstarrte vor Entsetzen. Kamen
sie wieder? Weshalb hatte er auch solange gezögert?
Zwei Schatten wanderten über den Weg nebenan. Plötzlich bogen sie in die
Büsche ein. Sie schlichen näher, immer näher. Ja, sie kamen zu ihm, beim
Himmel. Seine Haare sträubten sich. Er wagte nicht mehr zu atmen.
Ein Mann und eine Frau, sie lagerten sich unter seinem Baum. Etwas
Weißes schimmerte, Flüstern, Küsse, Lachen, Geplauder -- leise Schreie
-- eine volle Stunde mußte er ohne jede Bewegung sitzen. Endlich gingen
sie wieder.
Nun aber wollte er keine Minute mehr versäumen!
Die Dunkelheit begann zu sprühen. Augen öffneten sich in der Finsternis,
erschrockene, entsetzte Augen -- ja zumeist entsetzte -- wenn die Hand
des Gesetzes ausholte! Auch die Augen jenes jungen Mannes, der auf dem
Straßenpflaster lag, noch etwas atmete und rief: Alle Völker sind
Brüder!
Ja, auch diese Augen . . .
Kunze weinte. Und plötzlich sprang er, ohne Überlegung, -- ein scharfer
Schmerz schnitt in seinen Hals: zu Ende, vorbei --
Aber einen Augenblick später saß Kunze im feuchten Gras. Er konnte es
nicht fassen, anfangs -- der Strick war gerissen.
Weinend lief er durch den dunkeln Park, den Strick um den Hals.
9
Der General steht über die Karte gebeugt, entschlossen und eisig seine
Miene. Lautlos tritt der Chef des Stabes ins Zimmer. Schon beginnen die
Autos und Motorräder der Befehlsüberbringer zu dröhnen und zu rasseln.
Der Boden zittert vom Feuer, dicht nebenan schlagen die Geschütze, als
würden Türen aus Erz ins Schloß geschleudert.
Alles ging gut!
Der Gegner, sein Gegner da drüben, dieser Halunke mit dem Käppi und dem
weißen Spitzbart, hatte ihm die Höhe durch Überraschung genommen, mitten
in der Nacht. Aber er hatte sich verrechnet! Schon taumelten die
Soldaten von ihren feuchten Strohlagern, schon rollten die Autobusse,
die Hölle wollte er ihm bereiten. Bevor die Sonne aufging, war die Höhe
wieder in seiner Hand.
Es ging vorzüglich, schon hatten die Jäger das Labyrinth -- das
Hauptfort der Höhe -- wieder seinen Zähnen entrissen. Aber irgend etwas
war doch auffallend -- plötzlich schienen es weniger Offiziere zu sein.
Im Vorzimmer war überhaupt niemand. In der Schreibstube arbeiteten im
ganzen zwei Leute.
Doch auffallend! Wo ist der Chef des Stabes? Der General klingelte.
Niemand kam. Er stieß ungehalten die Tür auf: niemand! Wieder ging er in
das Schreibzimmer, der Telegraph tickte -- aber niemand! Die Kanonen
schlugen weniger laut.
Wo waren sie hin, das Gewimmel von Offizieren, Adjutanten, Schreibern,
Ordonnanzen? Das ganze Schloß mit seinen hundert Sälen war leer und
finster. Im Schein des. Geschützfeuers suchte er seinen Weg. Bilder,
Möbel, Spiegel, die rot aufglühten.
Kein Mensch!
Er war allein.
Bestürzt eilte er vor das Portal. Kälte, Nacht. Der Boden gefroren, ein
eisiger Wind, die Bäume kahl und spitz. Ringsum, der ganze Horizont ein
Feuermeer.
Aber kein Lärm!
Über die Parkmauer fuhr von Zeit zu Zeit ein Feuerbalken. Die Haubitzen
standen dahinter, richtig. Der General eilte. Eben schwankte in der
Dunkelheit ein Rohr, Glut blies in die Nacht -- aber kein Mensch und
kein Laut! Der General strich entsetzt um das Geschütz -- keine Seele --
was war das --?
Wieder taumelte das Rohr, und im Schein des Abschusses sah der General
das große dunkle Schloß zusammenstürzen, das Dach stürzte, die Säulen,
das Portal -- aber kein Laut.
Entsetzen schüttelte ihn. Er schrie auf.
Da erwachte er. Seine Augen wanderten über die Wände.
Erst nach geraumer Zeit fand er sich zurecht. Er saß in seinem
Arbeitszimmer, in seinem Sessel, genau wie vor wenigen Minuten.
Sonderbar, die Uhren gingen, die Pendel schwangen, aber er hörte sie
nicht mehr ticken.
Seine Lider waren schwer wie Blei, die Glieder wie gelähmt. Was geschah
mit ihm? Müde, müde.
»Ich bin müde«, sagte er mit schwerer Zunge.
»Ich bin sehr, sehr müde!«
Er wollte aufstehen, aber er blieb dennoch sitzen. Vor seinen Füßen lag
ein Schreibheft, ein dünnes beschmutztes Notizheft. Ach, ja, es waren
die letzten Aufzeichnungen Kurts, seines ältesten Sohnes -- gefallen bei
Comble in der Sommeschlacht, ruhmvoller Verteidiger der Riegelstellung.
Nun erinnert er sich: er hatte es aus dem Geheimfach genommen und wieder
gelesen -- wie in vielen, vielen einsamen Nächten. Feuer, Entbehrungen,
Schrecken, Tod . . .
»Und alles umsonst?« flüsterte der General und schüttelte fassungslos
den Kopf.
»Alles umsonst!«
»Wie, wie, wie?«
»Ein Volk von Bettlern!?«
»Ein Volk von Sklaven!?«
»Ausgelöscht von der Erde, in den Schmutz getreten!«
»Alles, alles umsonst!«
»Ach!«
Der General stöhnte. Er schlug die weißen Hände vor das weiße Gesicht.
Er erhob sich. Aber die Beine trugen den schweren Körper nicht mehr. Er
sank wieder in den Sessel zurück. Die bleischweren Lider fielen herab --
Bilder zogen vor seinen Augen. Und doch war er wach, träumte er nicht.
Deutlich erinnerte er sich, daß er soeben die Aufzeichnungen Kurts
gelesen hatte. Das Schreibheft lag vor ihm auf dem Boden.
Nun also stieg er mit dem kleinen alten Mann, dem zudringlichen, der
sich nicht abweisen ließ, die Höhe hinan. Er hatte seine Hand ergriffen,
und sie gingen beide bergan -- und doch wußte er, daß er in seinem
Arbeitszimmer saß!
»Sie wollen also durchaus hinauf, haben keine Furcht?«
»Nein, keine Furcht.«
Aber die Höhe war nicht dunkel, obschon es mitten in der Nacht war, sie
war matt erhellt. Nicht leblos und starr war sie -- sie wimmelte von
Menschen. Scharen standen hier, Mann an Mann, in ihren grauen Mänteln,
die ganze Kuppe war besetzt von ihnen. Ein Wall von grauen Mänteln links
und rechts. Tausende und aber Tausende, alle bleich, fahl,
leichenfarben.
»Herbst, nicht wahr?«
»Ja, Herbst.«
»Und wie war doch der Vorname?«