Ja, zu Ende --

Der Schritt des Generals stockt. Mitten auf dem Trottoir liegt, Arme und

Beine von sich gestreckt, in einer Lache von Blut, ein toter Matrose.

Rasch geht der General auf die andere Seite. Aber schon wieder

erschauert er. Etwas weht feuerrot in der Dunkelheit, etwas fließt

schimmernd weiß dahin, blitzschnell. Sein Herz bleibt vor Schrecken

stehen. Gespenster? Gespenster in Berlin? Nein, es sind Masken,

Vermummte, die eilig die Straße entlang huschen.

Tanzmusik und der Lärm eines Balles hinter herabgelassenen Rolläden.

Und wiederum Finsternis, Leere, Stille, die Stadt ist tot. Nur dann und

wann klatscht ein Schuß. Das Gewehrfeuer prasselt in der Ferne.

Plötzlich empfindet der General deutlich, daß irgend etwas nicht in

Ordnung ist. Er fühlt die Nähe eines Menschen.

Ein Schritt wandert hinter ihm! Immer hinter ihm her.

Und auch drüben, auf der andern Seite der Straße -- ist es nicht

auffallend? -- schlürfen plötzlich Schritte. Zuweilen, wenn die

Dunkelheit durch einen Lichtschein erhellt wird, sieht er drüben zwei

kleine Gestalten dahinkriechen, die mit den Händen winken.

Und der Schritt knirscht hinter seinen Fersen her. Er überquert die

Straße, der Schritt folgt ihm, er biegt um die Ecke, auch der Schritt

biegt um die Ecke.

Da -- nun spürt er den Atem seines Begleiters im Nacken. Eine tiefe,

rauhe Stimme raunt dicht an seinem Ohre:

»Ich kenne dich!«

Der General zuckt zusammen. Er eilt weiter, er wagt nicht zur Seite zu

blicken.

Und abermals raunt die Stimme:

»General Hecht-Babenberg!«

Drüben, auf der andern Seite, winken die Arme, winken zwei kleine,

bleiche Hände.

Der General eilt, aber sein Begleiter eilt mit großen Schritten neben

ihm her. Es macht ihm nicht die geringste Mühe mitzukommen. Schon

beginnen die zwei Kleinen auf der andern Seite zu laufen.

Lauter beginnt die Stimme des Unbekannten zu raunen, und plötzlich zuckt

der General zusammen. Die Stimme hat ein furchtbares Wort ausgesprochen,

ein schreckliches Wort -- unsägliche Beschimpfung.

Nun rufen die auf der andern Seite. Sie winken und schreien: »Komm doch,

komm doch!«

Da bleibt der Schritt plötzlich hinter ihm zurück. Ein Lachen klingt

durch die finstere, menschenleere Straße. Eine rauhe, häßliche Stimme

schreit: »Licht aus, Messer raus!«

* * * * *

Der General hatte keine Angst vor der Kugel, nein. Aber während der

Unbekannte ihm folgte, hatte er in der furchtbaren Angst gelebt, daß

plötzlich eine Faust nach ihm schlagen könnte. Unausdenkbare Schmach!

Nur aus diesem Grunde war er entflohen, aus keinem andern.

Wer war es, was wollten sie? Und weshalb dieser furchtbare Schimpfname?

Nie, auf Ehre und Gewissen, niemals hatte er von seiner Truppe mehr

verlangt, als das Interesse des Vaterlandes unbedingt erforderte!

In Schweiß gebadet, völlig außer Atem, kam er wieder in belebtere

Gegenden.

Ein Eishauch entströmte dem dunkeln Tiergarten. Kein Licht, keine

Laterne, nichts. Die Fensterläden der Häuser geschlossen, die

Fensterscheiben schwarz. Und schwarze Wolken jagten über die kahlen

Wipfeln des Parkes dahin. Ein Auto, besetzt von Schatten, flog die

finstere Straße entlang. Unaufhörlich erscholl der warnende Ruf: »Straße

frei! Straße frei!«

Die dumpfen Detonationen von Handgranaten ertönten drinnen in der Stadt,

irgendwo.

Nacht ohne Ende, Nacht der Schrecken!

Auf der Treppe seines Hauses fuhr der General erschrocken zurück:

Beinahe wäre er auf einen Menschen getreten!

Wer war hier? Zitternd stand der General.

Etwas wie ein großer, massiger Tierkörper schob sich schleifend die

Treppe empor. Ein unerklärliches Geräusch, eine Vibration ging von der

dunkeln Masse aus, wie wenn jemand vor Kälte zittert.

Der General lauschte, dann rieb er zögernd ein Streichholz an.

Auf der dunkeln Treppe kauerte ein Soldat mit zwei kurzen Krückstöcken

unter den hochgezogenen Schultern. Der Körper des Krüppels wurde

unaufhörlich von einem schrecklichen Zittern geschüttelt. Schmutz klebte

an seinen Kleidern, seine Beinstumpen waren vollkommen vom Straßenkot

durchweicht. Ausdruckslos verschwamm der Blick seiner halbgeschlossenen

Augen im erlöschenden Licht des Streichholzes.

Der General beugte sich zu dem Krüppel herab.

»Was haben Sie -- sind Sie krank?« fragte er. Er fragte nur, um dem

zitternden Haufen Fleisch einen Laut, eine Äußerung seines menschlichen

Wesens, zu entlocken. Hastig kramte er in seinem Überrock nach Geld, der

Gedanke fuhr ihm sogar durch den Kopf, den Soldaten mit sich ins Haus zu

nehmen.

Der Krüppel stieß Laute aus wie ein Taubstummer, ein Röcheln entstieg

seinem krampfhaft geöffneten Mund.

»Wo sind Sie verwundet worden, mein Sohn?« fragte der General und beugte

sich noch tiefer herab. Auch er, der Krüppel, strömte Kälte aus.

»Wo? Sprechen Sie doch. Wo?«

Mühsam schüttelte der Krüppel Silben aus dem Mund.

»Wo? Ich verstehe nicht.«

Aber plötzlich taumelte der General in die Höhe.

Er hatte verstanden!

Nun zitterte er genau wie der Soldat.

Hastig, ohne zu denken, ließ er ein paar Geldscheine fallen und stieß in

aller Eile die Türe auf. Aber als er ins Haus treten wollte, fühlte er

plötzlich, wie sein rechter Fuß von einer Hand umklammert wurde, die ihn

festzuhalten suchte. War der Krüppel gefallen, suchte er Halt, suchte er

seinen Dank auszudrücken? Der General stieß die Hand von sich und trat

keuchend in die dunkle Diele.

»Therese!« Oder, was er sonst rief. Jedenfalls rief er etwas, und seine

Stimme klang schrill, wie ein Hilferuf.

»Drehen Sie das Licht an, Therese, ich kann den Schalter nicht finden.«

Aber augenblicklich wankte der General aus dem Lichtschein.

Quatre vents! Quatre vents!

Der 9. November: Roman · 第 67 / 74 题