Feuer speit der Vulkan und die Erde bebt -- --

Verloren -- alles, in einer einzigen Stunde . . .

Und die Armee auf dem Rückmarsch! Regimenter, Divisionen, Korps --

Hunderttausende, ja Hunderttausende. Hunderttausende -- Millionen!

Hunderttausende von Pferden und Wagen, Zehntausende von Geschützen --

die Straßen überschwemmt, Schulter an Schulter, keuchend, Rad an Rad,

krachend, Pferdeflanke an Pferdeflanke, mit Schaum bedeckt -- Tag und

Nacht, Nacht und Tag -- jetzt in dieser Minute --

Der General findet keinen Schlaf mehr.

Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer Wanderung, Schauspiel, unerhört in

der Geschichte, er _hört_ sie! Er sieht die Flugzeuge, die über den

Landstraßen kreuzen und die Marschbefehle abwerfen.

Eine Stockung, und Hunderttausende sind dem Hungertode verfallen!

Eine Stockung, und Hunderttausende fallen in die Hände des

nachdrängenden Feindes -- seine Vortrupps heben sich am Horizont ab!

Eine Stockung, und Panik erfaßt Hunderttausende, die Riesenarmee

zersplittert in tausend Stücke und Banden von Verzweifelten wälzen sich

durch die deutschen Lande!

Ein Wunder . . . ein Wunder an Manneszucht und Ausdauer allein --

Europas Schicksal hing an einem Faden!

Nein, kein Schlaf kommt mehr in die Augen des Generals!

Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer beispiellosen Wanderung --

beispiellos und unerhört -- aber er sieht auch, daß sie rückwärts

wandert.

_Rückwärts!_

In Eilmärschen, vom Gegner diktiert!

Niemals, niemals -- unfaßbar!

Irgendwo brennt eine elektrische Lampe, und zuweilen kriecht das graue

Antlitz durch einen dunkeln Spiegel.

Unfaßbar, ganz unfaßbar!

Der General stottert, er findet die Worte nicht mehr -- seine fahlen

Lippen bewegen sich, ohne einen Laut hervorzubringen . . .

Und hinter den dunkeln Vorhängen, hinter den herabgelassenen Rolläden,

horch! Ja, wieder!

Da ist er wieder! Er mahlt.

Der Schritt! Hunderttausendfältig, ohne großen Lärm, wie ein Volk, das

aufgebrochen ist und seinem Ziele zuwandert -- ohne sonderliche Eile,

denn es weiß, daß es sein Ziel erreichen wird. Dieser Schritt verfolgt

ihn. Tag und Nacht wandert der Schritt der Hunderttausend an seinem

Fenster vorbei. Eine Armee ist aufgestanden und wandert. Eine Armee, die

irgendwo verborgen lebte. Wo waren sie bis heute? Er hatte sie nie

gesehen. Lebten sie in der gleichen Zeit, in der gleichen Stadt? Ja,

weshalb sah er sie nie? Die Vielen, die Unbekannten -- mit diesen Augen,

die nicht Augen von Menschen waren, von Wölfen, Füchsen, Adlern und

Geiern. Mit diesen Gesichtern, die er früher nur in Träumen sah. Wo

hatten sie gelebt bisher, wo hatten sie sich verborgen gehalten?

Horch! Woher? Wohin?

Endlos, ohne Aufhören wandert der Schritt der Hunderttausend. Selbst im

kurzen Schlaf der Erschöpfung hörte er ihn.

Der General nimmt den weichen Hut, und das graue Steingesicht -- grau

wie der Staub der Landstraße -- erscheint in dem kleinen, kahlen

Vorgärtchen.

Die Augen der Wölfe und Füchse, die stechenden Augen der Geier gleiten

prüfend über das breite graue Gesicht, und ihr Blick dringt in die

Dunkelheit der schwarzen Augenhöhlen. Da aber beginnt es in den

Dunkelheiten dieser finsteren Augenhöhlen zu glühen und zu sprühen --

noch ist es nicht _so weit_!

Ein neues Geschlecht, ein verborgenes, unbekanntes, ungeahntes, nie

gesehenes, war aus der Erde gestiegen.

Rufe, Schreie branden über den mahlenden Strom der Neuen, Niegesehenen

dahin. Der General versteht sie nicht. Fahnen, Plakate, Inschriften,

unverständlich. Lieder, Gesang -- unverständlich.

Still steht er -- ja, wie ein Baum, die Blätter sind gefallen, ein

kahler Baum, und ringsum ist nichts, nichts, Nebel, soweit das Auge

blicken kann. Und der Baum fröstelt, krümmt sich im Wind.

Endlos, in Wahrheit! Die Erde hat sich geöffnet und die Lava strömt --

langsam und ohne jedes Ende.

Schon wandert er neben dem endlosen Strom dahin und verliert sich in den

Straßen. Die Hände in den weiten Manteltaschen des altmodischen

Jagdrocks, den weichen Hut in die Stirn gezogen -- und den Schnurrbart

hat er etwas gestutzt, nicht viel, einen, zwei Daumen breit.

Straßen ohne Ende wandert er hinab. Er überquert Plätze, blickt in

Seitengassen. Sein düsterer Blick zuckt über die Züge der Demonstranten.

Nicht einmal die Autos mit den roten Fahnen läßt er vorüberfahren, ohne

die Gesichter zu prüfen. Aber er läßt sich nicht entmutigen, weiter,

hinab die Straße, hinauf -- er _sucht_.

Ja, er sucht!

Die Straßen sind überschwemmt von Menschen. Die Dämme sind gerissen, die

Flut spült durch die Stadt. Aus den Vorstädten, aus den Fabriken, die in

den Nächten -- in wie vielen endlosen Nächten! -- gleißten, waren sie

gekommen, die gelben Gesichter, die Arme vom schlechten Öl zerfressen,

die Augen entzündet von der stechenden Flamme der Bogenlampen. Auch die

Bleichen und Fahlen, die den Tag seit Jahren nicht sahen, waren

gekommen. Auch sie waren gekommen, die sich von Rüben und faulen

Kartoffeln nährten, während der Kellner in Stifters Diele Geheimnisse in

das Ohr der Gäste raunte. Auch sie waren gekommen, die noch die Lügen

glaubten, während die Eingeweihten schon lange die Wahrheit kannten.

Auch sie waren gekommen, die ihren dünnen, abgescheuerten Ehering

opferten, während in den Schlössern die Leuchter aus schwerem Gold und

Silber auf den Tafeln standen. Auch sie waren gekommen, die Elenden, die

nicht einmal mehr ein Hemd auf dem Leibe trugen.

Von da draußen -- da draußen -- --!

Die Hohläugigen, die Vergessenen, die Ausgespieenen, die lebendig

Begrabenen, die Verfehmten, die Gemarterten, die Gekreuzigten -- ja, von

ihren Kreuzen waren sie gekommen.

Auch die Frauen waren gekommen, die die Frucht ihres Schoßes, ohne zu

feilschen dem General hingegeben hatten.

Auch sie waren gekommen, die Frauen, deren Männer längst in den

Massengräbern moderten, auch die Mütter waren gekommen, die ihre

Säuglinge an der versiegten Brust sterben sahen.

Auch sie waren gekommen, die Wahnsinnigen, die Krieg und Not um den

Verstand gebracht hatte, auch sie, die Sterbenden, erschöpft zu Tode von

Gram und Mühsal, auch sie schlichen auf zitternden Beinen dahin. Auch

die Verzweifelten, die das Leben nur noch nach Stunden maßen, auch sie

waren gekommen.

Auch die Tapferen waren gekommen, die Mutigen, die selbst in den

furchtbaren Jahren nicht den Glauben an den Sieg ihrer Sache verloren

hatten. Gepriesen sei ihr Name!

Geboren von Müttern? Gezeugt in Betten? fragte der General.

Ja, natürlich, was für eine Frage, geboren von Müttern. Gezeugt in

Betten und überall, hinter Zäunen, auf den Bänken der öffentlichen

Gärten -- was für eine Frage, als ob es darauf ankäme?

Die Erde war geborsten, und sie kamen heraus. Die Formlosen,

Ungeformten, selbst noch Erde. Die Verschütteten waren ans Licht

gekommen, die Explosion hatte sie befreit. Die Kasernen und Zuchthäuser

waren geborsten. Auch die Schutzhäftlinge -- Tausende und aber Tausende,

die im Wege waren -- sie waren frei. Auch jener Inder, den ein Geheimer

Rat drei Jahre in Schutzhaft hielt, er war frei, und sein Peiniger

bestellte ihm ein Hotelzimmer, um selbst rasch ins Ausland zu

entfliehen.

Verschwunden die auf den Mann dressierten Berittenen und die Blauen, die

gleich mit dem scharfen Säbel einschlugen. Verschwunden auch jenes

Polizeigehirn, das eine Bibel von Verordnungen verfaßt hatte, die jeden

Schritt von der Geburt bis zum Grab regelte. Fort mit ihm!

Fahrdämme und Bürgersteige sind überschwemmt. Redner überall. Auf Autos,

Wagen, Karren, Bänken. Der _Stumme_, Jahrzehnte, Jahrhunderte stumm

gehalten, nun spricht er!

Soldaten überall, einzeln, in Trupps, in Scharen, in ihren armseligen,

geflickten Uniformen. Durch das Blutmeer sind sie geschritten, dem

Blutmeer sind sie entstiegen, noch sind sie betäubt vom Geruch des

Menschenbluts, schon aber glänzt neue Hoffnung in ihren Augen.

Düster gleitet der Blick des Generals über sie hin, seine Lippen zucken:

die deutsche Armee --

Er fröstelt.

Kriegsgefangene, auch sie sind frei. In Rudeln schieben sie sich durch

das Gedränge: Franzosen und Russen, Italiener und Engländer, Schotten

und Irländer, Kanadier, Neger, Australier, Inder, in allen denkbaren

Uniformen. Sie rauchen, kratzen sich die stachligen Backen, spucken aus,

schnattern. Einer humpelt auf seinem Holzstumpen dahin, aber er lacht.

Ja, weshalb nicht? Der Krieg ist gewonnen, der Präsident wird ihn auf

die Wange küssen und ihm eine Blechmünze auf die Brust heften. Sein

Vaterland wird ihm eine Rente aussetzen, zwanzig, dreißig, vielleicht

hundert Franken den Monat, eine Drehorgel wird er gratis erhalten, er

hat keine Sorge mehr.

Schon aber wandeln sie stolz und unnahbar durch die kochenden Straßen,

die Brust voller Ordenssterne, mit roten Streifen an den Hosen, Litzen

und Tressen glitzernd und funkelnd: die Sieger! Ein Geruch von Lorbeer

bleibt hinter ihnen zurück.

Von weitem schon erspäht sie das Auge des Generals. Rasch begibt er sich

auf die andere Seite der Straße und sieht sie dahinwandeln. _Sie_ also!

Die Würfel fielen.

Auch in seinen düstersten Träumen -- Ja, oft hatten ihn düstere Träume

gequält, oft schien es ihm, in müden Stunden, als ob es zuviel sei, ja,

trotz der wunderbaren Armee und der herrlichen Organisation, zuviel --

aber selbst in seinen düstersten Träumen hatte er es nicht für möglich

gehalten, daß einst die Uniformen der feindlichen Generalstäbe unter den

Linden zu sehen sein würden.

* * * * *

Hell gegen den funkelnd blauen Himmel, hell und leuchtend flattert die

rote Fahne über dem Schloß.

Versprechungen -- Lügen, freie Meinung -- Gefängnis, Freiheit --

Kartätschen; ja, nun also flattert die rote Fahne auf dem Schloß.

Im Gebäude des Reichstags tagt das Parlament der Novembermänner, im

Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus, wo die Greise noch gestern um

Nichtigkeiten feilschten, beraten sie. Wo man nur flüsterte, tobt der

Lärm, wo Diener die Stiefel des Unbekannten musterten, kauern die Posten

bei ihren Maschinengewehren. Fort die Gehröcke und Gamaschen, die

Flüsterer, die wehenden Greisenbärte und funkelnden Glatzen, die krummen

Rücken!

Hüte dich! Wie eine Stichflamme brennt die neue Sonne am Himmel. Sie

stieg empor aus dem weiten Rußland, benetzt von Blut und Tränen. Sie hat

die Weichsel überschritten. Sie wird den Rhein überschreiten. Sie wird

den Kanal überschreiten -- benetzt von Blut und Tränen. Jenseits des

Atlantiks wird sie aus dem Meer steigen, und die Stahlkammern der

Wolkenkratzer werden in der Stichflamme dahinschmelzen -- auch die

Pyramiden der ägyptischen Könige sind heute nicht mehr als Steinhaufen

ohne jeden Sinn.

Auch aus den Fluten des Stillen Ozeans wird sie eines Tages auferstehen,

wo die gelben Völker wohnen.

Die Greise, die Grausamen, die Vermessenen, die die Geschicke der Völker

lenken, wird sie verzehren, die neue Sonne; ehe sie es gewahr werden --

ehe sie lallen können, werden sie nicht mehr sein.

Die Geschichte wird ihre Namen verzeichnen, wie sie den Namen Neros

verzeichnete, der Menschen als Fackeln brannte. Aber vor ihren Namen

wird Neros Name verblassen.

6

Zuweilen glitt ein kecker Soldatenblick über das graue Gesicht, und ein

keckes Auge versuchte in das Düster unter den grauen Brauen

einzudringen. Ein paar Unverfrorene gingen sogar eine Weile neben ihm

her und musterten ihn von oben bis unten. Das Düster unter den grauen

Brauen erhellte sich, und die Unverschämten entfernten sich schwatzend

und lachend.

Das Gesicht des Generals flammte. Diese Verworfenen! Und doch --

sonderbar: Furcht hatte ihn beschlichen, als sie ihn musterten.

Wieder war ein Blick auf ihn geheftet. Dieser Blick flog einem

dahinfegenden Auto voraus. Er kam aus einem lachenden, heiteren Gesicht,

ein neugierig forschender, gutherziger Blick, und trotzdem fühlte er

ihn.

Dieser neugierig forschende Blick ging aus von einem kleinen Feldgrauen

mit einer winzigen Mütze auf dem Ohr. Er saß, den Gürtel gespickt mit

Handgranaten, auf dem Kühler des dahinjagenden Autos, das bis zum Rande

gefüllt war mit Soldaten und Matrosen.

Es war Hanuschke, in der Tat -- man erinnert sich, der um sein Leben

lief, während der General in Stifters Diele Spargel aß -- auch er jagte,

der krummbeinige, kleine Hanuschke, mit der roten Narbe zwischen den

Augen, auf diesen Donnerwagen durch die Straßen. Er war guter Dinge. Er

lebte und konnte es noch nicht fassen. Und weil er lebte, lachte er.

Niemand wünschte er etwas Böses -- und dieses graue Gesicht, es war ihm

nur so aufgefallen.

Aber er erkannte es nicht wieder, es schien ihm nur, als habe er es

irgendwo gesehen. Und der General, er hatte diesen kleinen Feldgrauen

mit der Narbe zwischen den Augen überhaupt nie erblickt.

Doch, was ist das?

Fahnen, Plakate, und die Fußgänger treten zurück. Durch die Linden

gleitet und schwankt eine Prozession, die alle Blicke auf sich lenkt.

Seht!

Auf Krücken, auf Stelzfüßen schwingen sie sich daher, Dutzende ohne das

rechte Bein, Dutzende ohne das linke Bein, Dutzende ohne Beine. Eine

Anzahl wird von Kameraden auf Karren geschoben, sie sind gelähmt.

Scharen werden von Hunden geführt, sie sind blind. Sie haben keine

Hände, keine Arme, leere Ärmel in die Taschen geschoben. Ihre armseligen

Uniformen verbergen gräßliche Verstümmelungen.

Seht, seht, ihr Menschen!

Sie kriechen wie Insekten dahin, sie kriechen wie Krabben, seitlich, sie

humpeln. Ihre Gesichter sind zerschmettert. Sie haben keine Nase, kein

Kinn, ein roter Spalt ist der Mund. Ihre Gesichter sind schwarz- und

blaugebrannt, sie haben keine Ohren, die Hälse sind verdreht, die Köpfe

stehen zur Seite.

Seht, seht, ihr Menschen! Fallt in die Knie!

Ihre Augenhöhlen sind Löcher, die Lider darüber genäht, weiße Kugeln im

roten Fleisch. Treu und achtsam trippeln die Hunde, die sie führen. Seht

ihr Menschen, es sind nur Tiere.

Auch sie sind auf die Straße gekommen. Was hat man ihnen nicht alles

versprochen, in feierlichen Ansprachen, Proklamationen, Erlassen?

Hier also sind sie!

Die Fußgänger weichen gegen die Häuser zurück und erbleichen. Nur die

Feisten, die im Kriege dick wurden, sie empfinden nichts.

Der General steht mit dem Hute in der Hand.

Wieder kochten die Straßen von Menschen und roten Fahnen. Wieder

gerannen sie zuweilen, und es bildeten sich eine Menge Inseln von

debattierenden Menschen.

Die Novembermänner jagten auf ihren Wagen dahin. Lastautos schoben sich

durch das brodelnde Meer der Köpfe, mit Maschinengewehren, roten Flaggen

und Rednern, die zur Menge sprachen.

Drehorgeln, Feldgraue, die Geige spielten auf einer Zigarrenkiste,

blinde Soldaten, die sangen, Soldaten, die tanzten, auf den Händen

liefen, wie Akrobaten Stühle in den Zähnen trugen -- und Scharen von

Verkäufern in grauen Soldatenmänteln, mit Waren aller Art.

Plötzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine eilten, Arme

ruderten durch die Luft, Hüte rollten über den Asphalt. Gewehrfeuer

knatterte. Ein Maschinengewehr feuerte -- und schon waren die Straßen

reingefegt. Nur ein paar verwegene Feldgraue sprangen noch an den

Häusern entlang, von Torweg zu Torweg.

Lautlos glitt ein graues Panzerauto über den Asphalt.

Es huschte die Straßen entlang und verschwand.

Und schon wimmelten die Straßen wieder von Menschen, die Drehorgeln

leierten wieder, die Verkäufer waren wieder mit ihren Kästen und

Schachteln zur Stelle, und die Akrobaten begannen von neuem mit den

Stühlen zu arbeiten.

Schon bog ein neuer, unübersehbarer Zug von Menschen, Kopf an Kopf,

brodelnd von Flaggen und Inschriften, in die Straße ein.

* * * * *

Aus diesem unübersehbaren Zug löste sich plötzlich ein rostfarbener

Havelock, ein steifer Hut. Jemand rief, winkte.

»Herr Herbst!«

»Ah, Sie sind es?«

»Ja, ich! Um Gottes willen --!«

»Um Gottes willen? Und Sie rufen, schreien meinen Namen -- als ob wir

alte Freunde wären --? Und wie Sie aussehen, du meine Güte!«

»Ja, wie ich aussehe!«

Herr Herbst schob den steifen Hut aus der Stirn, denn er schwitzte vor

Erregung. Sein Gesicht war gerötet, die Bäckchen gedunsen. Eine rote

Schleife leuchtete an seinem Havelock.

Augenblicklich zerrte ihn Herr Kunze, der schmächtige, semmelblonde

junge Mann eifrig abseits.

»Helfen Sie mir, um Christi willen!«

»Ihnen?« Herr Herbst trat zurück.

Kunze nahm den Kneifer ab, putzte ihn aufgeregt und sah sich furchtsam

um. Sein Überzieher, sonst säuberlich gebürstet, war bestaubt und

verknittert, der grüne Plüschhut voller Schmutz.

»Ja, mir! Seien Sie barmherzig! Nichts zu essen seit Tagen, kein Geld,

kein Obdach, immer auf der Flucht. Wir sind ja gleich am ersten Tage

geplatzt.«

»Geplatzt?«

»Ja, unsere Dienststelle. Die Fenster zertrümmert, die Schränke

zerschlagen, alles verwüstet, die Akten auf die Straße geworfen. Wohin

sollen wir uns wenden. Niemand wagt es, sich mit uns einzulassen. Sehen

Sie, hier!«

»Eine Schramme!«

»Ein Schlag über den Kopf! Sie haben mich erkannt, die Gefängnisse sind

ja geöffnet worden -- und da haben sie mich erkannt. Sie haben mich

mißhandelt und in den Kanal geworfen.«

»In den Kanal, hahaha!«

»Sie lachen? Ja, über die Brücke, aber ich konnte mich an einem Kahn

festhalten -- so saß ich im Wasser, bis sie fort waren. Und gestern, da

haben sie mich wieder erkannt, andere, die Stadt wimmelt von ihnen, und

verfolgt -- durch ganz Berlin. Ich bin gelaufen, schrecklich, um mein

Leben bin ich gelaufen. Ich flehe Sie an, auf den Knien. Helfen Sie

mir.«

»Ihnen? Hahaha! Die Zeiten haben sich geändert. Die Gerechtigkeit ist

wieder in die Welt gekommen. Ein jeder nach seinen Verdiensten.«

»Ach, auch Sie hartherzig! Und ich hoffte, Hoffnung erfüllte mich, als

ich Sie sah. Ich habe keine Wohnung, kann nirgends bleiben. Ach, Sie

ahnen es ja nicht! Wissen Sie, wo ich schon in diesen Nächten geschlafen

habe?«

Kunze zerrte Herrn Herbst in ein Haustor und flüsterte.

»Ist es zu glauben, daß ein Mensch da schläft? Eine barmherzige, alte

Frau. Erst morgens konnte ich wieder heraus. Gewöhnlich schlafe ich

zwischen Bretterhaufen, klettere über Zäune. Dann kommen plötzlich Hunde

-- entsetzlich!« Wieder glitt Kunzes Blick furchtsam über die beiden

Soldaten, die hinter dem kleinen Herrn Herbst aufgetaucht waren und ihm

überallhin folgten.

»Schlimm, sehr schlimm!« sagte Herr Herbst mit einem spöttischen

Zwinkern der kleinen entzündeten Augen. »Und _ihn_? Haben Sie _ihn_

schon gesehen?«

»Ihn? Wen?«

»Nun ihn, den ihr vom Dache -- da, am Anhalter Bahnhof --?«

»Wie? Wie? Was --?«

»Ja, ich habe ihn gesehen!«

»Wie? -- Sie machen mich irrsinnig!«

»Ja, gesehen. Nicht er ist es, natürlich nicht. Ihr habt ihn ja getötet.

Aber sein Bruder. Ein Jäger! Sieht genau so aus wie er -- ich dachte es

im ersten Augenblick. Nur etwas jünger. Und die Dame -- Sie erinnern

sich -- _jene_ Dame?«

»Natürlich. Wir hatten wenig solch interessante Fälle.«

»Ja, auch sie habe ich gesehen. Hier, sehen Sie, dieser Zettel. Hier.«

Kunzes Spitzelaugen funkelten. »Sie fuhren zusammen auf einem Auto --

auf einem Auto mit roten Flaggen -- und warfen diese Zettel auf die

Straße.«

»Gott stehe mir bei --«

»_Ihm_ dürfen Sie nicht in die Hände fallen! Auch _ihr_ nicht!«

»Helfen Sie mir um Christi willen. Retten Sie mich!«

»Hahaha!«

»Geben Sie mir Geld, damit ich entfliehen kann.«

»Und einmal wollten Sie mich verhaften!«

»Ich weiß es!«

»Meine Wohnung haben Sie an sich gerissen und entweiht. In eine

Irrenanstalt wollten Sie mich bringen lassen -- drohten mir, verfolgten

mich auf Schritt und Tritt. Sagten, ich sei geistesgestört.«

Kunze wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Alles Befehl«, stammelte er, und hielt Herrn Herbst am Mantel fest. »Es

wurde befohlen, und ich mußte gehorchen. Man hätte Sie ja sofort in ein

Irrenhaus gebracht, weil Sie diesem hohen Offizier lästig wurden -- ich

aber bürgte für Sie, setzte mich für Sie ein, aus Mitleid . . .«

»Und in die Zwangsjacke wollten Sie mich stecken lassen! Ja, jedem wird

gemessen werden nach seinen Verdiensten, Gerechtigkeit herrscht wieder

in diesem Lande. Ich darf wohl bitten!«

»Auf den Knien, Herr Herbst, verehrtester --!« Kunze klammerte sich an

den Havelock.

Da aber wandte Herbst den Blick auf die beiden Soldaten, die nicht von

seiner Seite gewichen waren. Ein Blick nur, aber er genügt!

Augenblicklich trat einer der beiden Trabanten vor.

»Was will er denn?« fragte eine tiefe, rauhe Stimme.

Kunze preßte den Kneifer auf die Nase, lüpfte den grünen Plüschhut, und

schnell, schnell verschwand sein dünner Überzieher in der Menge.

Schon schwang Herr Herbst wieder den steifen, verschwitzten Hut und

schrie, rot vor Erregung: »Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!«

Schon waren er und seine zwei Trabanten wieder mit dem endlosen Zuge

verschmolzen, der sich breit durch die Straße wälzte.

»Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!« schrien seine Trabanten. Tag für Tag

trotteten sie schwitzend und aufgeregt durch die Straßen. Jedem Zug,

einerlei welcher politischen Partei, schlossen sie sich an.

Seine beiden Trabanten waren: ein kleiner, stämmiger, etwas

ausgewachsener Infanterist, eine Grabentype mit weitem Mantel,

Transportarbeiter von Beruf, der einen Konzertflügel auf den breiten

Schultern trug, und ein hagerer Artillerist mit schwarzem Schnurrbart,

schwarzen Brauen, schwarzen, wirren Haaren und schwarzen Augen, einer

kleinen, runden Mütze und einem braunen, gestrickten Wollkittel mit

Perlmutterknöpfen. Herbst hatte die beiden auf der Straße gefunden und

sie adoptiert, mit einem Wort. Sie waren seine Gäste im »Löwen von

Antwerpen«, er ernährte sie, sie tranken, und er bezahlte.

Dafür waren sie ihm aber auch blind ergeben. Sie lasen die vergilbten

Briefe, die er in seiner Tasche trug -- lasen -- verstanden -- sofort!

Sie kannten ja das alles, kamen selbst von da draußen und wußten wie es

zuging. Aufmerksam hörten sie zu, wenn er von Robert erzählte -- von dem

Sturmangriff am 5. August, und schon am 4. war kein einziger

zurückgekommen. Stundenlang hörten sie zu und immer wieder. Die Augen

quollen aus ihren Schädeln.

Der schwarze Artillerist erhob sich, ergriff die Flasche und schlug

damit auf den Tisch.

»Sage ein Wort -- ein Wort genügt! Du brauchst nur zu sprechen!« Und er

warf lässig ein feststehendes Messer mit Hirschhorngriff auf den Tisch.

Auch der stämmige Infanterist erhob sich und schob den breiten Nacken

vor.

»Du kannst dich verlassen auf uns. Soll es morgen sein?«

»Ich werde schon -- wartet nur, Geduld.«

Und der hagere, schwarze Artillerist tanzte auf seinen langen Beinen,

schwang das Glas und sang mit rauher, tiefer Stimme seinen Trinkspruch:

»Licht aus, Messer raus! Haut ihn!«

Und nun tranken sie alle drei die Gläser leer.

Ja, blind ergeben.

Vorläufig aber trotteten sie geduldig in diesem endlosen Zug unbekannter

Menschen.

»Hoch! Hoch!« schrie Herbst und hob den steifen Hut.

»Hoch! Hoch!« schrien die Trabanten und schwangen die Mützen.

7

Schon wird es Nacht.

Der Wind pfeift durch die Linden, die Fenster klirren. Qualm schlägt aus

den Häusern, die Stadt raucht. Der Wind braust um das düstere Schloß,

die Säulen wanken. Die Rosselenker am Portal knicken zusammen unter den

Hufen der Rosse. Aber plötzlich wird es still, ganz still, der Wind

schweigt, und ein eisiger Luftstrom schiebt sich über die Linden dahin,

ein wandernder Block von Eis.

Dunkle Wolken fliegen über die Stadt, schwarz, eine hinter der andern --

wie sie jagen! Gespenstisch!

Ja, gespenstisch, es sind die Toten, die Gefallenen, die über die Stadt

dahinjagen und auf den Wolken stehen. Die Kälte des Grabes fällt aus

ihren grauen, vereisten Soldatenmänteln. Denn sie lagen lange in der

kalten Erde.

Der General erschauert, er zieht frierend den Mantel mit dem blutroten

Aufschlag über der Brust zusammen. Er sieht die Toten nicht da oben auf

den schwarzen Wolken, aber er fühlt die entsetzliche Kälte, die sie

mitbringen.

Feuer spritzt vor seinen Füßen, ein Insekt schwirrt zischend an seinem

Ohr vorbei. Schüsse knallen.

Nein, nicht der Mantel mit den blutroten Aufschlägen, er ist in Zivil,

aber er hatte es für Augenblicke -- wie lange? -- vergessen.

Aus den finstern Straßenschluchten blasen Feuerfunken, aber der General

fürchtet die Kugeln nicht. Er wendet ihnen die Stirn zu, er öffnet die

Augen und blickt ihnen entgegen, er bietet ihnen die Brust dar und

bleibt sogar stehen. Unbeirrt verfolgt er seinen Weg. Nur die

entsetzliche Kälte, die aus den jagenden schwarzen Wolken fällt, erfüllt

ihn mit Schaudern.

Licht in einer dunkeln Straßenschlucht. Ein totes Pferd liegt auf dem

Pflaster. Schatten umdrängen den Kadaver, Soldaten und Weiber mit

Messern. Sie zerlegen das Pferd und wickeln blutige Fleischstücke in

Zeitungsfetzen und Schürzen. Dort an der Ecke ein Auto mit dem Zeichen

des Roten Kreuzes. Eine helle Bahre gleitet durch den Lichtschein.

Und wiederum Finsternis, ohne Ende. Die Straßen sind dunkle Katakomben,

Riesenschatten tanzen über die verlassenen Plätze, Schrecken lauert in

den finstern Haustoren. Manche Straßen sind wie mit Schnee bedeckt. Das

sind die Massen von Zetteln und Aufrufen, die täglich auf die Stadt

niedergehen. Der Fuß des Generals raschelt in ihnen. Da! Der Schrei

eines getroffenen Menschen. War es eine Frau? Ja, eine helle Stimme. Und

das Feuer prasselt. Der Widerhall klopft an den Häuserwänden. Der

Widerhall klopft im Herzen des Generals. Jede einzelne Kugel trifft ihn

ins Herz. Zu Ende! Alles zu Ende! Schon töten sie sich gegenseitig.

An den Straßenecken ist ein Plakat angeschlagen: Berlin, halt ein, Dein

Tänzer ist der Tod!

Der 9. November: Roman · 第 66 / 74 题