Petersen! Schwerdtfeger hatte ihn vor der roten Backsteinvilla in der
Lessingallee abgesetzt, weil er nicht weiter konnte.
Der General zögerte. Aber auch in der Lessingallee Trupps von Menschen,
die im Sturmschritt dahineilten.
Er trat ein -- beschämt. Taumelnd tastete er sich vorwärts. Petersen
mußte an den Hauptmann denken, der immerfort sagte: Ach, wie dunkel es
ist -- ich sehe etwas schlecht . . .
»Ich werde nicht lange stören, Petersen«, stammelte der General. »Nur
einen Augenblick -- wir kamen nicht weiter.«
»Gnädige Frau werden sehr bedauern --«
Immerhin, ein Glücksfall an diesem Tage! Dora war nicht hier. Der
General atmete auf.
»Gnädige Frau reiste gestern ab -- nach Pommern, aufs Land, zu einer
Familie Olsen. Bitte Exzellenz Platz zu nehmen, ich werde sofort ein
Glas Wasser bringen.«
»Olsen, sagten Sie?«
»Ja, Olsen. Darf ich nun bitten -- eine Sekunde -- Exzellenz sind ganz
blaß geworden . . .«
»Und Hauptmann v. Dönhoff?«
Petersen tat erstaunt.
»Er wohnt schon seit einiger Zeit nicht mehr hier. Er verließ uns,
mitten in der Nacht. Aber gnädige Frau werden sehr bedauern --«
Am Nachmittag verließ ein Gutsbesitzer die rote Backsteinvilla in der
Lessingallee. Oder auch ein Jäger, wie man will, dem Äußern nach
jedenfalls eine Persönlichkeit aus der Provinz, die in Berlin von der
Revolution überrascht worden war. Dieser Gutsbesitzer trug einen nach
Kampfer riechenden, kurzen, altmodischen Jagdrock aus braunem Tuch, mit
großen Taschen, schweren Lederknöpfen, und einem schmalen, schon etwas
abgeschabten Pelzkragen. Ferner einen weichen, olivgrünen Hut, mit einer
krummen Hahnenfeder hinten, wie Jäger ihn tragen.
Kaum hatte der Gutsbesitzer die Villa verlassen, so verschloß Petersen
die Haustüre und ließ sämtliche Rolläden herab.
Immer noch blendete und funkelte die Sonne am wolkenlosen Himmel. Der
Himmel selbst strahlte Verheißung.
5
»Platz gemacht!«
»Platz!«
Die Autos rasen.
Weite graue Mäntel, Soldatenmäntel, flattern eilig durch die Straßen.
Hier, dort, überall. Es sind Hunderte, Tausende. Voller Lehm, voller
Staub, der Kalk der Champagne, der Schlamm von Flandern, mit Blut
befleckt, versengt von den Granaten, von den Gasen gebleicht,
durchlöchert -- die weiten flatternden Mäntel haben die Stadt
überflutet.
Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweißtriefenden Menschen
behangen. Auf den Trittbrettern kauern sie, auf den Motorhauben, den
Schmutzflügeln, mit Gewehren und Handgranaten. Die roten Fahnen knattern
-- so rasen sie dahin.
»Platz gemacht!«
Es sind die Jungen, die gekommen sind, die neuen Gesichter, die Kühnen
und Wollenden.
»Gegrüßt Ihr Kühnen, Wollenden, gegrüßt!«
»Vorboten des kommenden Menschen, gegrüßt! Ihr Läufer, die dem neuen
Reiche vorauseilen, ihr Hoffenden, Starken, Liebeglühenden, gegrüßt
. . .«
Ackermanns weiter Mantel flattert zwischen den roten Flaggen, die die
Linden hinabrasen. Schüsse knattern. Staub fährt aus der Stadt.