»Es ist Zeit, Herr General!«
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Unübersehbar die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude, Kopf an Kopf.
Kopf an Kopf zwischen den hohen Säulen. Da tritt eine Gestalt vor,
schwingt den Hut -- Brausen! Brausen, die Riesenstadt jubelt.
Das rote Gebäude aber liegt tot! Verödet die Korridore. Die Türen stehen
alle offen, leer die Zimmer. Verschwunden die Stahlhelme,
Gewehrpyramiden und Maschinengewehre. Alles leer, ausgestorben. Nur die
großen Ballen sind geblieben, die alle Gänge des weiten Gebäudes
überschwemmten. Die Ballen mit den Karten ferner Länder, ferner
Provinzen -- der Peipussee, der Kongo . . .
Langsam steigt der General die Treppe ins Foyer hinab. Er berührt mit
der Hand das Steingeländer, zum erstenmal.
Soeben fährt Schwerdtfeger die graue Limousine aus dem Hof auf die
Straße.
»Schnell!« ruft er, mit einer ungeduldigen, respektlosen Kopfbewegung.
Die Augen des Generals erweitern sich. Wie? Er hat noch immer nicht
begriffen.
Da! Da!
Aber was ist das?
Der General taumelt zurück.
Ein Auto, ein grauer, offener Wagen, rast, fliegt -- kein Wort -- er
schnellt in langen Sätzen über den Asphalt, wie eine startende
Flugmaschine hebt er sich in die Höhe, die Funken stieben aus den Pneus.
Matrosen! Und es flattert, weht -- eine rote Flagge! Verschwunden.
Noch immer taumelt der massige Körper des Generals.
Ja, jetzt hat er begriffen. Die zerbrochenen Gewehre auf dem Pflaster --
die Truppen haben sie aus den Fenstern auf die Straße geworfen -- das
war das unerklärliche Splittern, das er gehört hatte, als zerbrächen
dünne Balken. Und der tobende Lärm in der Stadt -- jetzt begriff er.
Der greise Portier schloß den Wagenschlag.
Seine weißen Haarsträhnen flatterten im Wind, als die Limousine abfuhr.
Er hatte die Mütze abgenommen. Nein, nicht wie der alternde Moltke sah
er heute aus, mit seinem Frauengesicht. In seinem abgeschabten Mantel,
mit seinem dünnen Hals, seinen weißen, flatternden Haarsträhnen, seinem
hohlen Blick erschien er in diesem Augenblick wie ein alter Lämmergeier,
wie man sie in den zoologischen Gärten sieht.
Aber weiter, weiter! Schwerdtfeger biegt ab. Eine Mauer von Menschen.
Der Motor dröhnt. Die Limousine jagt durch den Tiergarten, weiter, immer
weiter. Schwerdtfeger versucht die Tiergartenstraße zu erreichen --
unmöglich. Wiederum Züge von Menschen. Rote Flaggen.
* * * * *
Schon knattert es in den Straßen!
Hauptmann Wunderlich lehnt sich mit dem Rücken gegen die Hauswand, auf
seine beiden Krückstöcke gestützt. Der Rest von Farbe weicht aus seinem
zuckenden Gesicht, er stammelt. Verwegen aussehende Matrosen umstehen
ihn.
Schüsse knallen in nächster Nähe. Mit schwerem Klatschen stürzt ein
Körper zu Boden.
»Schon gut, wir sehen ja! Aber Sie könnten doch Unannehmlichkeiten
haben, Herr Hauptmann!«
Und ein Matrose schneidet Hauptmann Wunderlich mit einem langen Messer
die Achselstücke ab.
Dies geschah Ecke Linden und Wilhelmstraße.
Die Wilhelmstraße lag, wie immer, ruhig. Ruhig und unbeteiligt vor dem
Kriege, ruhig und unbeteiligt während des Krieges und auch jetzt -- ganz
still!
Nur zuweilen öffnete sich eine Türe, vorsichtig, vorsichtig, ein Kopf
spähte -- und dann eilte jemand mit einer Mappe unter dem Arm rasch die
Wilhelmstraße hinab. Gamaschen, Lackschuhe, die Monokel waren in den
Westentaschen verschwunden. Manche gingen so rasch, daß sie über die
eigenen Füße stolperten. Auch einige Seidenhüte glitten rasch aus den
Toren, pomadisierte Scheitel, bis in den Nacken durchgezogen. Ein
hagerer Elegant stelzte eilig über die Straße, Perücke, mikroskopisches
Schnurrbärtchen unter der Hakennase, ganz kurzes Überzieherchen, er
schlenkerte höchst eigentümlich mit dem rechten Knie: vor dem Kriege
Botschafter . . .
Auch der Geheime Rat Westphal eilte mit seiner Mappe aus einer
Türspalte. Er wagte es nicht einmal, einen Blick in die Richtung der
Linden zu werfen. Sein dünner Chinesenbart wehte. Schon war er um die
Ecke verschwunden.
Hinter ihm her eilte Professor Salomon -- mit dem Kürbiskopf und den
abstehenden Ohren. Er hatte den steifen Hut tief über die Glatze gezogen
und den Mantelkragen hinaufgestülpt. Er pfiff vor sich hin, tat
unbekümmert. Aber fortgesetzt drehte er sich um, dann wagte er sogar ein
paar Sprünge . . .
»Kommen Sie, Herr Geheimrat --«
»Ah, Sie sind es! Sie haben mich tödlich erschreckt!«
»Ja, keine Kleinigkeit -- wie?«
»Gewiß, keine Kleinigkeit, großer Gott im Himmel!«
»Und ganz überraschend!«
»Ein Blitz aus heiterem Himmel, fürwahr!«
»Trotz mancher Symptome -- -- da, da! -- haben Sie gehört?«
»Ja, ganz in der Nähe! Rasch, rasch! Nichtsahnend komme ich heute morgen
ins Amt -- wir besprachen gerade in aller Ruhe die politische Lage --
England soll geneigt sein, eine wohlwollende Haltung gegen uns -- -- da
-- schon wieder!«
»Wir werden versuchen, die Leipziger Straße zu überqueren -- kommen Sie.
Ob wohl noch Züge fahren?«
»Sie reisen?«
»Ja, aufs Land, auf mein Landgut . . .«
»Ah, wie schnell Sie gehen!«
»Man muß eilen. Jede Minute ist unter Umständen entscheidend für Tod und
Leben. Lesen Sie die Geschichte der Revolutionen . . .«
Kreuz und quer jagt Schwerdtfeger. Endlich hält er und reißt die Türe
auf: »Rasch, rasch!« Willenlos gehorcht der General -- und schon fährt
Schwerdtfeger davon.