Viertes Buch

1

Von heute auf morgen . . .

Innerhalb von vierundzwanzig Stunden . . .

Die Depeschen fliegen, es ticken die Fernschreiber. Fahle Gesichter,

flatternde Hände, erbleichende Augen.

Wie?!

Ist es möglich?!

Ein Keulenschlag! Der General ringt nach Luft und preßt beide Hände

gegen den Brustkorb. Er befürchtet, sich übergeben zu müssen.

Ein Jeu -- hm -- Poker? Aber wir sind schließlich ja nicht in Monte

Carlo? Letzten Endes ist ein Weltkrieg doch kein Manöver, wo der

steigende Fesselballon das Signal zum Halten gibt?

Der General ist krank, die Grippe hat ihn gepackt, ja, auch ihn, ganz

zuletzt -- es gelingt ihm gerade noch im letzten Moment ein Glas Wasser

zu ergreifen, sonst wäre ein Unglück geschehen. Der Schweiß bricht ihm

nun aus der Stirn.

Schon aber knattern die Lichtbogen und aus den Antennen schwingen die

Wellen durch den Äther. Es wanken die Empfangsstationen, die Beamten,

die Hörmuschel am Ohr, erbleichen. Wer spricht? Eine Verhöhnung, eine

Finte, ein schlechter Scherz? Die Station Nauen hat gesprochen.

Schon fliegen die Türen in den Ministerien, und in den Augen entzündet

sich ein Leuchten --

Der General kriecht durch die Zimmer, in den Schlafrock mit den roten

Aufschlägen eingewickelt, hustet, keucht. Nun, also -- nicht! Nicht

diesmal! Rollen wir die Fahnen zusammen -- das nächstemal! Blutiger noch

und furchtbarer als dieser Krieg . . . Schon wieder nimmt er Aspirin und

hustet. Er sinkt in einen Sessel und starrt, starrt -- er sieht nichts,

die Gedanken sind stehengeblieben, vor dem Abgrund haben sie

haltgemacht.

Krachend stürzt die Front, die Erde hört es -- und noch immer kämpft die

Armee, heute, morgen, übermorgen, Wochen! Längst ist es entschieden, daß

alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen

und Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des

Ackers, die Viehherden, Schätze der Erde und Wälder, Schweiß und Fleiß

von drei Generationen, Schweiß und Fleiß von drei kommenden

Geschlechtern -- alles verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen

Schoßes -- dahin, Millionen von Säuglingen -- eine Beute des Hungers.

Alles -- dahin! Das Gehirn unter der Schädeldecke, der Schlaf der Nächte

-- dahin! Ausgespielt die hohe Karte, gegen alle Gesetze der

Wahrscheinlichkeit -- und noch immer kämpft die Armee.

Die Angebeteten und Vergötterten -- bis zum letzten Einsatz! -- und

dann, ja, dann beugten sie das Knie und boten den Degen an.

Auf Gnade und Ungnade.

Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen,

Atem schöpfen, und noch einmal alle Dokumente prüfen. Ob ihm nicht doch

etwas entgangen ist, nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde.

Er wird in den Archiven und Bibliotheken wühlen -- nein, es ist Ihnen

nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. --

2

In diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein,

die seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die

vierzig Räuber -- ja, wer hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen

könnte! Ohne jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher

Orden das ganze Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der

Nacht, gegen drei Uhr, der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung

gehabt. Die Lokomotiven blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke

liegen, man hatte die kupfernen Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen

und sie durch eiserne ersetzt.

Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem

längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, ließ seine Schwester

herausbitten.

»In großer Eile, Adele!« sagte der hohe Herr -- auf englisch, die

Geschwister sprachen nur englisch zusammen -- »Ich komme, um zu gehen.

Ich habe die ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um

zehn Uhr, bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin

erkältet, und einen kleinen Imbiß. Und dann, keine Störung, bitte, nicht

die geringste -- sehr wichtige Geschäfte -- fahre mit dem Mittagszug

wieder zurück . . .« Trocken und hastig klang seine Stimme.

Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von

Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein

ungebärdiger Geist erschienen, ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512

geboren, gestorben 1553, begraben in Bologna -- ungebärdig, er hatte das

Tischchen in Stücke gerissen. Zurzeit aber -- größtes Ereignis aller

Sitzungen des Jahres! -- hatten sie Verbindung mit dem Geiste eines

erhabenen Verblichenen, dem Geiste Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen,

Prophezeiungen der größten Tragweite . . . vielleicht interessiert dich

das Protokoll?

Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die

Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen -- ganz im Gegenteil. So schnell

ihn die müden, dünnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu

seinen Gemächern empor.

Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte auf einen Augenblick

deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: »Ich bitte Durchlaucht,

unsere Frage wiederholen zu dürfen . . .«

Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er den hohen Herrn

eingeschlafen in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber

erwachte er. »Die Koffer?«

»In der Bibliothek, Exzellenz, wie befohlen.«

»Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr Frühstück« -- und er

verschloß alle Türen und prüfte, ob die Vorhänge dicht geschlossen

waren.

Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: Gemälde, Bronzen,

Skulpturen, herrliche alte Möbel -- die Wohnung war ein Museum! Selbst

in dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. Der

hohe Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit einer dicken

Wachsschicht überzogene, gelbe Gesichtsmaske zuließ. Die Lider bewegten

sich rasch über den großen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die

kleinen wächsernen Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte mit hastigen,

steifen Schrittchen ratlos über das gleißende Parkett des Museums, immer

hin und her. Er schlürfte eine Tasse Tee, dann flüsterte er: »Und nun

wollen wir anfangen!« Und seine steile Glatze verschwand zwischen den

Portieren des Arbeitszimmers.

Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen Schlüssel,

den er bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische

Renaissance-Truhe. Ihr entnahm er einen Schlüsselbund. Dann schloß er

einen Mahagonisekretär auf, ein herrliches Stück, Empire, französisch,

schwarze Ebenholzsäulen, von goldenen Schwänen gekrönt. Fächer sprangen

auf, Schubladen öffneten sich.

Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen.

»Anfangen, ja anfangen --!« Aber wie, wo? »Richelieu sagt einmal --«

Aber der hohe Herr verschwieg, was Richelieu sagte. Es war ihm im

letzten Moment entfallen, es interessierte ihn nicht mehr.

Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in Europa -- in den

Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, in Schweinsleder gebunden,

gänzlich unscheinbar -- in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in

den Koffer. Eine Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die

Zerstörung Jerusalems, mit Schmuckstücken, Ringen, Uhren, Steinen, einem

Kruzifix, Gold und Email -- in den Koffer. Ein rotes Lederkästchen, bis

zum Rand gefüllt mit Ordenssternen -- in den Koffer. Die Mappe mit

Handzeichnungen, drei kleine Niederländer -- herrlich eigneten sich die

alten Brokate zum Einhüllen -- wieder ein Schluck Tee. Eine Börse voller

Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben -- weshalb nicht? Sie

nahmen ja fast keinen Platz ein. Nun aber kam das Prunkstück an die

Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar, spanisch --

außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen, eingehüllt, in

den Koffer. Aber die kleinen römischen Bronzen -- wie?

Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte

zwischen Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. Nunmehr glänzte sie

fettig, aber das war der Schweiß infolge der Anstrengung. Jetzt

verschwand sie in das Ankleidezimmer -- kam zurück, entstellt, fast

doppelt so lang, die Wangen eingefallen, die Lippen faltig -- das Gebiß

hatte geschmerzt.

Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick eines Päckchens von

vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin,

als ob er die Briefe verbrennen wolle, dann lief er zu dem

Empiresekretär. Aber, nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfach

eingeschlossen hatte, nahm er es wieder heraus -- in den kleinen Koffer.

Briefe, Schriftstücke -- das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie

gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen zu nehmen, in Leinwand

einzuschlagen, zu umschnüren -- prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte

im Feuerschein, als schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände

. . .

Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine Exzellenz schon fix

und fertig angekleidet, bereit zur Abreise. Schränke, Truhen, Vitrinen

geschlossen -- nichts zu sehen, auch nicht eine Spur!

Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! So. Nur der

eine Koffer, oben mit Anzügen gefüllt, wollte nicht schließen. Die

kleine Exzellenz schwang sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem

Gesäß gegen den Deckel -- so, siehst du, alles geht.

Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, einer

Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus dem reservierten Abteil --

mit einem unmerklichen, etwas hämischen Lächeln. Aber das mochte auch

von der Beleuchtung in der düstern Halle herrühren. Sofort aber schloß

die Wachsmaske in dem Abteil voller Koffer -- das solid verschnürte,

große, flache Paket in gelbem Packpapier nicht zu vergessen -- die Augen

und schlief ein . . .

Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte der vornehme

Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons!

Der Zug stand, in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und

rauchender Nebel.

Da! Ei, ei -- was ist das?

Schüsse?

Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte -- oder?

Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern hervor und öffnete

die Türe des reservierten Abteils.

»Ich bitte -- Schaffner?«

Aber es gab keinen Schaffner, nur eine aufgeregte Schaffnerin in

Pumphosen.

»Ich bitte sehr -- wir halten?«

»Ja, der Bahnhof ist besetzt.«

»Besetzt --?«

»Ja, besetzt.«

»Aber -- von wem besetzt?«

»Von den Aufständigen.«

»-- von den Aufständigen?«

»Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.«

»-- übergegangen, so, so.«

»Ein Soldatenrat ist im Zuge und nimmt die Waffen ab.«

»-- Waffen ab.«

»In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.«

»Danke, liebe Frau -- ich bitte!« Und der vornehme Reisende drückt der

Schaffnerin ein Goldstück in die Hand -- ohne Übertreibung, ein

Goldstück! -- und zieht sich wieder in das reservierte Abteil zurück.

»So, so!« Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zu schmelzen. Ein paar

große Wachsperlen rinnen über die Stirn, ein flatterndes

Batisttaschentuch tastet nach ihnen.

* * * * *

Der General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen unter dem

schneeigen Glaslüster an dem runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie

berührten die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße

Teller fort.

»Aber diese vierzehn Punkte --?« fragte der General mit einem

mißtrauischen Knarren in der müden, heiseren Stimme. Sein Hals war von

einem dicken Umschlag umwickelt.

Wunderlichs Gesicht zuckte.

»Der Präsident ist ein Mann von Ehre!«

»Hm. -- Aber ich darf doch bitten, Hauptmann Wunderlich, sich bedienen

zu wollen.«,

»Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen Bürgern!«

»Hm. -- Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst ist es ja

verboten.«

»Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen

sollen unter allen Umständen angenommen werden -- unter allen

Umständen?«

»Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. Sollte dieses

Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter allen Umständen!«

»Also bedingungslose Kapitulation?«

»Bedingungslose!«

»Hm.« Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. »Hm, aber --.«

Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, düsteren Augen, das Volk muß

sich erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch --

Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte Jakob wiederum neue

weiße Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen

sind eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren

geschlagen.

3

Nacht.

Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, schweigenden Stadt.

Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt sind die Sterne, seine Augen sind

die Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel

aus dem Osten.

Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern ihre Dächer

und Türme.

»Auf, auf, der Tag ist gekommen!« Die Stimme schallt und die schlafende

Stadt erbebt. »Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich

unter den Völkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der Läuterung!«

Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, die Nebel senken

sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich säuselt der Morgenwind.

Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in Scharen. Der

gleißende Lichtgürtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten,

geballt, beginnen zu wandern. In den dunkeln Vorstädten erhellen sich

die Fenster. Schritte schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt,

beginnen zu wandern. Vom Süden, vom Norden, von überall her beginnen die

Schatten, geballt zu wandern. Hunderttausende von Schritten sind

unterwegs.

Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt zu glühen.

* * * * *

Endlich -- ja, Gott sei Dank! -- trillerte die Marspfeife wieder und die

graue Limousine fegt durch die kühle, sonnige Herbstluft dahin. Die

Fußgänger entfliehen, rechtzeitig bringen sich die Straßenkehrer in

Sicherheit. In einer wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft

Schwerdtfeger die Limousine um eine auf der Straße stehengebliebene

Karre voll Straßenschmutz herum.

Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den

gekrümmten Rücken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas

müde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas

geschwollen, aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich

nehmen. Es bereiten sich Dinge vor, jeder an seinem Posten!

Die Marspfeife schrillt -- vor Schreck fällt ein altes Droschkenpferd in

Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift --

halt!

Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden

zu -- rot die jungen Gesichter in der Morgensonne, Stahlhelme, die

Haltung wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht _ein_

Tadel! Er fühlt sich beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt -- aber

welche Narren! Ein Blick auf die Karte Berlins genügt ja: einige

Brücken, Kanäle, Straßen besetzt -- und mit zwei Dutzend

Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu halten. Nur

Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften -- junge Burschen, kaum

den Knabenjahren entwachsen -- ja, obschon er die Gerüchte nicht eben

tragisch genommen hatte, fühlte er sich durch den Anblick dieses

Jägerbataillons beruhigt.

An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den Gürtel mit

Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemächlich,

als käme sie von einer Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch

Befehl zusammengerufen. Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber in den

Marken ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die öffentliche Sicherheit

gefährdeten, auf Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation

strengstens verboten.

Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand

gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an

den Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun,

es war selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine

Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen.

Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den Blechmünzen auf dem

Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich

tiefer als sonst. Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine

tiefe Verbeugung drückte -- soweit die Stellung des Untergebenen es

zuließ -- die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt zu

sehen, sie beglückwünschte zur Genesung.

»Exzellenz!« schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn.

Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt ernst, doppelt

gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin

auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die

Offiziere, die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr -- wie

früher, in den alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas

langsamer.

Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden -- aber der

General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der

gepolsterten Doppeltüre mit den Aufschriften: »Vortrag. Kein Zutritt.

Anmeldung Zimmer 6.«

Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen,

stehenzubleiben, seine Knie zitterten -- solche Anstrengung hatten ihm

die paar Treppen und Korridore bereitet.

Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte der Portier in seine

Loge zurück.

»Ganz wie Anno Siebzig!« dachte er. »Als wir alle Angst hatten,

gefangengenommen zu werden -- und unser General sagte nur: Junge Hunde!

Ja, nichts sonst. So ist es auch heute. Man braucht nur in _sein_

Gesicht zu sehen. Keine Besorgnis, nicht die geringste -- ehek, ehek!«

* * * * *

Horch! Schritte.

Horch! Rufe.

Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen.

Öffnet Kameraden!

Öffnet -- wir sind es . . .

Jubel!

Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist der düstern

Gebäude entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Bürgersteig, mit einem

Mantel zugedeckt.

Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd steigt die Sonne des

9. November über Berlin empor.

Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. Über den

tausend Köpfen schwankt ein Plakat: Nicht schießen, Kameraden!

* * * * *

Immer noch etwas zitternd von der Anstrengung des Treppensteigens saß

der General an seinem riesigen Schreibtisch, in die Arbeit vertieft.

Akten, Schriftstücke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen,

die blauen Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar,

welche Unmenge von Arbeit sich angehäuft hatte! Ganz wie früher, vor

seiner Erkrankung, als sei alles noch wie ehedem, arbeitete der General.

Er versuchte es sogar mit einer Zigarre, ließ sie aber bald wieder

ausgehen. Die Schriftstücke flatterten in seinen Händen.

Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt bis jetzt alles

ruhig. Nach ihm erschien der hünenhafte Major Wolff in der Türe, mit

einer dicken Mappe: Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht

zu treffen gewagt hatte.

Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich ein, er verlor

sich in Einzelheiten. Hier mußte nochmals erinnert werden, hier empfahl

es sich, dringlich zu werden, hier war telegraphisch die Entscheidung

der höchsten Stelle zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese

Angelegenheit aber wollte der General persönlich erledigen. Das

Befinden? Ja, danke -- um vieles besser, man kann wieder anfangen!

Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. Die

Schriftstücke wehten in seinen Händen. Kein Laut, nicht ein einziger

Laut!

Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern Stahlhelme, an den

Eingängen schwere Maschinengewehre mit Munitionskästen. Das Amt eine

Festung, die nur mit Geschützen genommen werden konnte.

Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln in den Schreibstuben.

Laßt sie klingeln, mögen sie ruhig klingeln!

Das Telephon.

»Ruhe, Kameraden!«

»Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!«

»Hurra!«

Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm.

Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter den Doppeltüren, den

Doppelfenstern, den zugezogenen Vorhängen -- kein Laut. Die Feder, das

leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst.

Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf.

Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, mit blauen Lippen. Der Fernspruch

flattert in Weißbachs Hand.

Und der General erhebt sich.

Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das

breite Gesicht wird langsam grau, grau wie der Staub der Landstraße.

Der 9. November: Roman · 第 62 / 74 题