1
Von heute auf morgen . . .
Innerhalb von vierundzwanzig Stunden . . .
Die Depeschen fliegen, es ticken die Fernschreiber. Fahle Gesichter,
flatternde Hände, erbleichende Augen.
Wie?!
Ist es möglich?!
Ein Keulenschlag! Der General ringt nach Luft und preßt beide Hände
gegen den Brustkorb. Er befürchtet, sich übergeben zu müssen.
Ein Jeu -- hm -- Poker? Aber wir sind schließlich ja nicht in Monte
Carlo? Letzten Endes ist ein Weltkrieg doch kein Manöver, wo der
steigende Fesselballon das Signal zum Halten gibt?
Der General ist krank, die Grippe hat ihn gepackt, ja, auch ihn, ganz
zuletzt -- es gelingt ihm gerade noch im letzten Moment ein Glas Wasser
zu ergreifen, sonst wäre ein Unglück geschehen. Der Schweiß bricht ihm
nun aus der Stirn.
Schon aber knattern die Lichtbogen und aus den Antennen schwingen die
Wellen durch den Äther. Es wanken die Empfangsstationen, die Beamten,
die Hörmuschel am Ohr, erbleichen. Wer spricht? Eine Verhöhnung, eine
Finte, ein schlechter Scherz? Die Station Nauen hat gesprochen.
Schon fliegen die Türen in den Ministerien, und in den Augen entzündet
sich ein Leuchten --
Der General kriecht durch die Zimmer, in den Schlafrock mit den roten
Aufschlägen eingewickelt, hustet, keucht. Nun, also -- nicht! Nicht
diesmal! Rollen wir die Fahnen zusammen -- das nächstemal! Blutiger noch
und furchtbarer als dieser Krieg . . . Schon wieder nimmt er Aspirin und
hustet. Er sinkt in einen Sessel und starrt, starrt -- er sieht nichts,
die Gedanken sind stehengeblieben, vor dem Abgrund haben sie
haltgemacht.
Krachend stürzt die Front, die Erde hört es -- und noch immer kämpft die
Armee, heute, morgen, übermorgen, Wochen! Längst ist es entschieden, daß
alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen
und Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des
Ackers, die Viehherden, Schätze der Erde und Wälder, Schweiß und Fleiß
von drei Generationen, Schweiß und Fleiß von drei kommenden
Geschlechtern -- alles verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen
Schoßes -- dahin, Millionen von Säuglingen -- eine Beute des Hungers.
Alles -- dahin! Das Gehirn unter der Schädeldecke, der Schlaf der Nächte
-- dahin! Ausgespielt die hohe Karte, gegen alle Gesetze der
Wahrscheinlichkeit -- und noch immer kämpft die Armee.
Die Angebeteten und Vergötterten -- bis zum letzten Einsatz! -- und
dann, ja, dann beugten sie das Knie und boten den Degen an.
Auf Gnade und Ungnade.
Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen,
Atem schöpfen, und noch einmal alle Dokumente prüfen. Ob ihm nicht doch
etwas entgangen ist, nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde.
Er wird in den Archiven und Bibliotheken wühlen -- nein, es ist Ihnen
nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. --
2
In diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein,
die seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die
vierzig Räuber -- ja, wer hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen
könnte! Ohne jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher
Orden das ganze Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der
Nacht, gegen drei Uhr, der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung
gehabt. Die Lokomotiven blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke
liegen, man hatte die kupfernen Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen
und sie durch eiserne ersetzt.
Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem
längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, ließ seine Schwester
herausbitten.
»In großer Eile, Adele!« sagte der hohe Herr -- auf englisch, die
Geschwister sprachen nur englisch zusammen -- »Ich komme, um zu gehen.
Ich habe die ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um
zehn Uhr, bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin
erkältet, und einen kleinen Imbiß. Und dann, keine Störung, bitte, nicht
die geringste -- sehr wichtige Geschäfte -- fahre mit dem Mittagszug
wieder zurück . . .« Trocken und hastig klang seine Stimme.
Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von
Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein
ungebärdiger Geist erschienen, ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512
geboren, gestorben 1553, begraben in Bologna -- ungebärdig, er hatte das
Tischchen in Stücke gerissen. Zurzeit aber -- größtes Ereignis aller
Sitzungen des Jahres! -- hatten sie Verbindung mit dem Geiste eines
erhabenen Verblichenen, dem Geiste Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen,
Prophezeiungen der größten Tragweite . . . vielleicht interessiert dich
das Protokoll?
Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die
Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen -- ganz im Gegenteil. So schnell
ihn die müden, dünnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu
seinen Gemächern empor.
Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte auf einen Augenblick
deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: »Ich bitte Durchlaucht,
unsere Frage wiederholen zu dürfen . . .«
Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er den hohen Herrn
eingeschlafen in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber
erwachte er. »Die Koffer?«
»In der Bibliothek, Exzellenz, wie befohlen.«
»Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr Frühstück« -- und er
verschloß alle Türen und prüfte, ob die Vorhänge dicht geschlossen
waren.
Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: Gemälde, Bronzen,
Skulpturen, herrliche alte Möbel -- die Wohnung war ein Museum! Selbst
in dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. Der
hohe Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit einer dicken
Wachsschicht überzogene, gelbe Gesichtsmaske zuließ. Die Lider bewegten
sich rasch über den großen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die
kleinen wächsernen Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte mit hastigen,
steifen Schrittchen ratlos über das gleißende Parkett des Museums, immer
hin und her. Er schlürfte eine Tasse Tee, dann flüsterte er: »Und nun
wollen wir anfangen!« Und seine steile Glatze verschwand zwischen den
Portieren des Arbeitszimmers.
Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen Schlüssel,
den er bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische
Renaissance-Truhe. Ihr entnahm er einen Schlüsselbund. Dann schloß er
einen Mahagonisekretär auf, ein herrliches Stück, Empire, französisch,
schwarze Ebenholzsäulen, von goldenen Schwänen gekrönt. Fächer sprangen
auf, Schubladen öffneten sich.
Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen.
»Anfangen, ja anfangen --!« Aber wie, wo? »Richelieu sagt einmal --«
Aber der hohe Herr verschwieg, was Richelieu sagte. Es war ihm im
letzten Moment entfallen, es interessierte ihn nicht mehr.
Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in Europa -- in den
Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, in Schweinsleder gebunden,
gänzlich unscheinbar -- in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in
den Koffer. Eine Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die
Zerstörung Jerusalems, mit Schmuckstücken, Ringen, Uhren, Steinen, einem
Kruzifix, Gold und Email -- in den Koffer. Ein rotes Lederkästchen, bis
zum Rand gefüllt mit Ordenssternen -- in den Koffer. Die Mappe mit
Handzeichnungen, drei kleine Niederländer -- herrlich eigneten sich die
alten Brokate zum Einhüllen -- wieder ein Schluck Tee. Eine Börse voller
Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben -- weshalb nicht? Sie
nahmen ja fast keinen Platz ein. Nun aber kam das Prunkstück an die
Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar, spanisch --
außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen, eingehüllt, in
den Koffer. Aber die kleinen römischen Bronzen -- wie?
Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte
zwischen Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. Nunmehr glänzte sie
fettig, aber das war der Schweiß infolge der Anstrengung. Jetzt
verschwand sie in das Ankleidezimmer -- kam zurück, entstellt, fast
doppelt so lang, die Wangen eingefallen, die Lippen faltig -- das Gebiß
hatte geschmerzt.
Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick eines Päckchens von
vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin,
als ob er die Briefe verbrennen wolle, dann lief er zu dem
Empiresekretär. Aber, nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfach
eingeschlossen hatte, nahm er es wieder heraus -- in den kleinen Koffer.
Briefe, Schriftstücke -- das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie
gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen zu nehmen, in Leinwand
einzuschlagen, zu umschnüren -- prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte
im Feuerschein, als schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände
. . .
Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine Exzellenz schon fix
und fertig angekleidet, bereit zur Abreise. Schränke, Truhen, Vitrinen
geschlossen -- nichts zu sehen, auch nicht eine Spur!
Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! So. Nur der
eine Koffer, oben mit Anzügen gefüllt, wollte nicht schließen. Die
kleine Exzellenz schwang sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem
Gesäß gegen den Deckel -- so, siehst du, alles geht.
Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, einer
Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus dem reservierten Abteil --
mit einem unmerklichen, etwas hämischen Lächeln. Aber das mochte auch
von der Beleuchtung in der düstern Halle herrühren. Sofort aber schloß
die Wachsmaske in dem Abteil voller Koffer -- das solid verschnürte,
große, flache Paket in gelbem Packpapier nicht zu vergessen -- die Augen
und schlief ein . . .
Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte der vornehme
Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons!
Der Zug stand, in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und
rauchender Nebel.
Da! Ei, ei -- was ist das?
Schüsse?
Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte -- oder?
Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern hervor und öffnete
die Türe des reservierten Abteils.
»Ich bitte -- Schaffner?«
Aber es gab keinen Schaffner, nur eine aufgeregte Schaffnerin in
Pumphosen.
»Ich bitte sehr -- wir halten?«
»Ja, der Bahnhof ist besetzt.«
»Besetzt --?«
»Ja, besetzt.«
»Aber -- von wem besetzt?«
»Von den Aufständigen.«
»-- von den Aufständigen?«
»Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.«
»-- übergegangen, so, so.«
»Ein Soldatenrat ist im Zuge und nimmt die Waffen ab.«
»-- Waffen ab.«
»In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.«
»Danke, liebe Frau -- ich bitte!« Und der vornehme Reisende drückt der
Schaffnerin ein Goldstück in die Hand -- ohne Übertreibung, ein
Goldstück! -- und zieht sich wieder in das reservierte Abteil zurück.
»So, so!« Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zu schmelzen. Ein paar
große Wachsperlen rinnen über die Stirn, ein flatterndes
Batisttaschentuch tastet nach ihnen.
* * * * *
Der General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen unter dem
schneeigen Glaslüster an dem runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie
berührten die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße
Teller fort.
»Aber diese vierzehn Punkte --?« fragte der General mit einem
mißtrauischen Knarren in der müden, heiseren Stimme. Sein Hals war von
einem dicken Umschlag umwickelt.
Wunderlichs Gesicht zuckte.
»Der Präsident ist ein Mann von Ehre!«
»Hm. -- Aber ich darf doch bitten, Hauptmann Wunderlich, sich bedienen
zu wollen.«,
»Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen Bürgern!«
»Hm. -- Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst ist es ja
verboten.«
»Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen
sollen unter allen Umständen angenommen werden -- unter allen
Umständen?«
»Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. Sollte dieses
Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter allen Umständen!«
»Also bedingungslose Kapitulation?«
»Bedingungslose!«
»Hm.« Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. »Hm, aber --.«
Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, düsteren Augen, das Volk muß
sich erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch --
Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte Jakob wiederum neue
weiße Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen
sind eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren
geschlagen.
3
Nacht.
Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, schweigenden Stadt.
Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt sind die Sterne, seine Augen sind
die Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel
aus dem Osten.
Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern ihre Dächer
und Türme.
»Auf, auf, der Tag ist gekommen!« Die Stimme schallt und die schlafende
Stadt erbebt. »Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich
unter den Völkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der Läuterung!«
Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, die Nebel senken
sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich säuselt der Morgenwind.
Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in Scharen. Der
gleißende Lichtgürtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten,
geballt, beginnen zu wandern. In den dunkeln Vorstädten erhellen sich
die Fenster. Schritte schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt,
beginnen zu wandern. Vom Süden, vom Norden, von überall her beginnen die
Schatten, geballt zu wandern. Hunderttausende von Schritten sind
unterwegs.
Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt zu glühen.
* * * * *
Endlich -- ja, Gott sei Dank! -- trillerte die Marspfeife wieder und die
graue Limousine fegt durch die kühle, sonnige Herbstluft dahin. Die
Fußgänger entfliehen, rechtzeitig bringen sich die Straßenkehrer in
Sicherheit. In einer wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft
Schwerdtfeger die Limousine um eine auf der Straße stehengebliebene
Karre voll Straßenschmutz herum.
Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den
gekrümmten Rücken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas
müde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas
geschwollen, aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich
nehmen. Es bereiten sich Dinge vor, jeder an seinem Posten!
Die Marspfeife schrillt -- vor Schreck fällt ein altes Droschkenpferd in
Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift --
halt!
Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden
zu -- rot die jungen Gesichter in der Morgensonne, Stahlhelme, die
Haltung wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht _ein_
Tadel! Er fühlt sich beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt -- aber
welche Narren! Ein Blick auf die Karte Berlins genügt ja: einige
Brücken, Kanäle, Straßen besetzt -- und mit zwei Dutzend
Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu halten. Nur
Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften -- junge Burschen, kaum
den Knabenjahren entwachsen -- ja, obschon er die Gerüchte nicht eben
tragisch genommen hatte, fühlte er sich durch den Anblick dieses
Jägerbataillons beruhigt.
An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den Gürtel mit
Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemächlich,
als käme sie von einer Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch
Befehl zusammengerufen. Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber in den
Marken ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die öffentliche Sicherheit
gefährdeten, auf Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation
strengstens verboten.
Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand
gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an
den Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun,
es war selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine
Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen.
Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den Blechmünzen auf dem
Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich
tiefer als sonst. Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine
tiefe Verbeugung drückte -- soweit die Stellung des Untergebenen es
zuließ -- die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt zu
sehen, sie beglückwünschte zur Genesung.
»Exzellenz!« schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn.
Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt ernst, doppelt
gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin
auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die
Offiziere, die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr -- wie
früher, in den alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas
langsamer.
Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden -- aber der
General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der
gepolsterten Doppeltüre mit den Aufschriften: »Vortrag. Kein Zutritt.
Anmeldung Zimmer 6.«
Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen,
stehenzubleiben, seine Knie zitterten -- solche Anstrengung hatten ihm
die paar Treppen und Korridore bereitet.
Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte der Portier in seine
Loge zurück.
»Ganz wie Anno Siebzig!« dachte er. »Als wir alle Angst hatten,
gefangengenommen zu werden -- und unser General sagte nur: Junge Hunde!
Ja, nichts sonst. So ist es auch heute. Man braucht nur in _sein_
Gesicht zu sehen. Keine Besorgnis, nicht die geringste -- ehek, ehek!«
* * * * *
Horch! Schritte.
Horch! Rufe.
Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen.
Öffnet Kameraden!
Öffnet -- wir sind es . . .
Jubel!
Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist der düstern
Gebäude entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Bürgersteig, mit einem
Mantel zugedeckt.
Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd steigt die Sonne des
9. November über Berlin empor.
Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. Über den
tausend Köpfen schwankt ein Plakat: Nicht schießen, Kameraden!
* * * * *
Immer noch etwas zitternd von der Anstrengung des Treppensteigens saß
der General an seinem riesigen Schreibtisch, in die Arbeit vertieft.
Akten, Schriftstücke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen,
die blauen Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar,
welche Unmenge von Arbeit sich angehäuft hatte! Ganz wie früher, vor
seiner Erkrankung, als sei alles noch wie ehedem, arbeitete der General.
Er versuchte es sogar mit einer Zigarre, ließ sie aber bald wieder
ausgehen. Die Schriftstücke flatterten in seinen Händen.
Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt bis jetzt alles
ruhig. Nach ihm erschien der hünenhafte Major Wolff in der Türe, mit
einer dicken Mappe: Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht
zu treffen gewagt hatte.
Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich ein, er verlor
sich in Einzelheiten. Hier mußte nochmals erinnert werden, hier empfahl
es sich, dringlich zu werden, hier war telegraphisch die Entscheidung
der höchsten Stelle zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese
Angelegenheit aber wollte der General persönlich erledigen. Das
Befinden? Ja, danke -- um vieles besser, man kann wieder anfangen!
Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. Die
Schriftstücke wehten in seinen Händen. Kein Laut, nicht ein einziger
Laut!
Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern Stahlhelme, an den
Eingängen schwere Maschinengewehre mit Munitionskästen. Das Amt eine
Festung, die nur mit Geschützen genommen werden konnte.
Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln in den Schreibstuben.
Laßt sie klingeln, mögen sie ruhig klingeln!
Das Telephon.
»Ruhe, Kameraden!«
»Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!«
»Hurra!«
Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm.
Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter den Doppeltüren, den
Doppelfenstern, den zugezogenen Vorhängen -- kein Laut. Die Feder, das
leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst.
Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf.
Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, mit blauen Lippen. Der Fernspruch
flattert in Weißbachs Hand.
Und der General erhebt sich.
Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das
breite Gesicht wird langsam grau, grau wie der Staub der Landstraße.