Die Granate war unterwegs. Es war jene Granate -- --

Ein Tank faucht durch den Sandsturm, hinweg über das Erdloch. Flache

Eisenhüte. Amerikaner. Sie haben die Gewehre umgehängt und trotten durch

den Sandsturm dahin. Nichts stört sie, sie haben keine Eile.

Vor den flachen Eisenhüten einher schreitet ein junger amerikanischer

Offizier. Ein Deutscher, namens Martin. Man hat ihm gesagt, daß die

deutschen Soldaten den Kindern die Hände abschneiden. Er hat es in den

Zeitungen gelesen, er hat sogar Abbildungen gesehen mit eigenen Augen.

Und nun ist er gekommen, diese Kinderschänder vom Erdboden zu vertilgen.

11

Pünktlich auf die Minute erhob sich der General am nächsten Morgen. Er

hatte fast nicht geschlafen in dieser Nacht. Funken sprühten vor seinen

Augen, er sah schlecht. Wieder zuckte sein rechtes Augenlid. Seine Haut

war trocken und heiß, er hatte Fieber.

Nicht einmal Niki, der in seinem Bauer zwitscherte, gönnte er heute

einen Blick. Teilnahmslos, schwerfällig, automatisch bewegte er sich,

wie im Halbschlaf.

Punkt einhalb acht klingelte das Telephon, das Amt, wie befohlen.

Der General taumelte am Apparat. Der Hörer zitterte in seiner Hand. Er

war genötigt einen Stuhl heranzuziehen und lallte, als er sprechen

wollte.

Schlechte Nachrichten, offenbar. Ja, schlechte, sehr schlechte!

Und niemand, dachte der General, niemand -- das Reich wankt -- und

niemand, nichts als Unfähigkeit, Dünkel und Verblendung!

Schlimmer noch -- schlimmer! Ein Verbrechen . . .

Das Haus war leer, tot, das Speisezimmer düster und verlassen.

Ein Brief?

Seht an!

Man schrieb Briefe!

Schon von weitem, obschon schwere und düstere Gedanken ihn

niederdrückten, sprang der weiße Umschlag in seine Augen. Auf dem

Frühstückstisch lag dieser Brief. »An Papa!«

An Papa! Man schreibt Briefe!

Er hatte nicht den Mut, diesen Brief zu öffnen. Was sollte Ruth zu

schreiben haben? Er ließ den Brief in die Tasche gleiten. Seine Wangen

zuckten. Nun, es mochte recht gut sein, daß sie etwas mißverstanden

hatte, seine Fürsorge falsch deutete -- sie war jung und konnte nicht

begreifen, daß ein Vater sich sorgte, daß er nur aus Liebe für sein

Kind, nur aus Liebe, wohlgemerkt --

Plötzlich erhob sich der General.

Er war erbleicht.

»Therese?«

Etwas Unglaubliches war geschehen! Der General war in die hinteren

Räumlichkeiten gekommen, die er nie zuvor betreten hatte.

»Meine Tochter ist verreist?«

»Ja. Ruth ist abgereist.«

»Wohin? Sie wissen es nicht?«

»Nein -- aber ein Brief --«

»Ich weiß --«

Der General schwankte durch den Korridor. Mühsam kletterte er in den

Wagen.

»Ah! Ah!« stöhnte er, als die Limousine dahinschoß, und bedeckte die

Augen.

Ungeöffnet stak der Brief noch in seiner Tasche.

* * * * *

Ein deutsches Feldgeschütz fuhr plötzlich mitten im Sandsturm auf. Was

wollten sie? Waren sie wahnsinnig? Verschwunden ist das Feldgeschütz --

Furchtbar rollt die Brandung aus Eisen und Blut. Die Kanonen knackten,

als würden Knochen in der Luft zerbrochen.

Die Front wankte, kein Zweifel, keine Beschönigung mehr. Schon klafften

breite Risse.

Die Mauer aus Menschenleibern, hundertfach aufgefüllt, hundertfach in

Stücke geschossen, in jede Bresche stürzten sich neue Menschenleiber,

ja, nun wankte sie. Diese Mauer aus Blut, aus menschlichen Gehirnen, aus

menschlichen Herzen, die vor Liebe glühten und sich verzehrten -- sie

_stürzte_.

Die Karte war ausgespielt, die letzte Karte, ausgespielt gegen alle

Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Sie hatte verloren.

Hunderte, Tausende von Granaten in der Sekunde, Einschlag neben

Einschlag. Die Hochöfen der Welt sind gegen dich im Kampf. Die

erschöpften, verbluteten Truppen sahen sich nach Unterstützung um. Die

Kameraden, wo sind sie? In Finnland, Livland, Polen, Rumänien,

Mazedonien, Syrien, in der Ukraine, im Kaukasus -- weit, weit, sie

können nicht helfen.

Und jeden Tag entsteigen zehntausend frische, mutige, wohlgenährte

Männer dem Ozean.

Der Hagelsturm von Eisen rast. Explosionen, Explosionen . . .

Pulvermagazine fliegen in die Luft, Gaskessel explodieren, Städte

verschlingt die krachende Erde -- das Trommelfell birst, Blut sickert

aus den Ohren . . .

Über die ganze Erde ist das furchtbare Krachen der zusammenbrechenden

Mauer zu hören.

Der 9. November: Roman · 第 61 / 74 题