Erlöser! --

»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »ich weiß nicht, ob

diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer

verwundet worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der

Nacht durch das Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. Sage

allen, daß wir unsere Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir

nicht geschlafen und kaum gegessen. Wir können nicht mehr. Bald werde

ich wohl hinter Stacheldrähten spazierengehen. Aber sage allen, daß wir

kämpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht

geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war Kinderspiel --«

Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder

kam er durch, obgleich der Kommandeur und seine Träger auf dem Rückwege

getötet wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der

verblutet war. Ein Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es auf

die Rückseite des Briefes geschrieben.

Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze und wenn es hoch herging, die

glorreiche Feuerwalze, konnte keine Briefe mehr schreiben . . .

Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche mit entblößten

Zähnen. Die Leiche wendet langsam den Kopf und späht aus. Staub treibt,

Staub flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub

und auch ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippen haben den

Staub zu einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise atmet diese Leiche und

stößt dabei mit dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben

hat die Leiche gebrochen.

Fünfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. Er war der

letzte, der kam, er warf Nahrungsmittel ab, aber er kehrte nicht zurück.

Fünf Schritte zur Linken aber liegt ein gekreuzigter Mensch auf der

Erde, mit gebrochenen Gelenken, Arme und Beine von sich gestreckt, vom

Luftzug fast völlig entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrückt, das

Gesicht ins Genick verdreht. Und noch schwelt das versengte Gras von den

giftigen Dämpfen der Granate, die ihn kreuzigte. Es riecht nach

verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren.

Zehn Schritte zur Rechten aber kauert eine Gruppe von Leichen um ein

Maschinengewehr, und sobald die Leiche im Erdloch die Hand hebt und die

Zähne bleckt, so feuert sie. Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten

kommen, nähern sich, versinken. Aber weshalb geht die Leiche im Erdloch

nicht zu dem Maschinengewehr? Das ist es eben. Sie kann nicht. Durch

einen Balken sind ihre Beine festgeklemmt.

Und so kann sie nur die Arme heben, die Zähne blecken und schreien --

aber man hört nichts.

Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Höhe, schwarzer Qualm. Durch den

Sandregen ist zu sehen, wie Menschenleiber in die Luft fliegen -- und

Hauptmann Falk sieht deutlich die Sturmhauben, deutsche Sturmhauben,

wirbeln. Dort im Nebel -- Nebelwesen mit erhobenen Händen, fern, klein.

Und die deutschen Batterien, sie, die stets bereiten, wo sind sie?

Nichts, nichts, kaum zuweilen ein Einschlag drüben -- völlig außer

Gefecht, vergast.

Schatten im Sandsturm, im Qualm. Und wieder schreit er und bleckt die

Zähne. Obschon er seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hat, muß

er sich wieder erbrechen. Die flachen Chinesenhüte verschwinden,

versinken.

Zwanzig Kilometer hinter der Feuerlinie fährt ein schweres

Eisenbahngeschütz aus dem Wald, von gutgelaunten, schwitzenden Kanadiern

in Hemdärmeln bedient. Das Langrohr steigt in die Höhe, wird abgerissen.

Die Mannschaft stürzt zurück, die Hände gegen die Ohren gepreßt.

Der 9. November: Roman · 第 60 / 74 题