Im Vorhang erschien --

Ja, was erschien da?

Es erschien eine, hochaufgerichtet, eine im ersten Moment übersinnliche

Erscheinung, gleißend wie Luzifer. Ein orientalischer Priester, wenn man

will, in einem gleißenden, feuergelben Gewand, über das grellrote

Drachen züngelten. Mit bleichen Armen und einem bleichen bläulichen

Gesicht mit schneeweißen Augen. Hochaufgerichtet. Otto.

Luft -- der General faßte sich. Er hatte die Stimme ja sofort erkannt.

Auch er richtete sich auf, wuchs in die Höhe und blickte in diese

schneeweißen Augen.

Es waren die Augen seines Sohnes, mehr noch, es waren die hellen Augen

der Hecht-Babenberg.

Diese Augen waren im ersten Augenblick erschrocken, sofort aber sammelte

sich der Blick in ihnen. Sie wuchsen, und ein kalter Glanz stieg aus

ihrer Tiefe.

Diese Augen sprachen, und er verstand ganz deutlich, was sie sagten! Sie

glänzten verächtlich.

Du?

Du hier? Seht an! Du lauschst? Du spionierst? Ei, seht an!

Sehr interessant. Soll ich dich bei Dora anmelden?

Nun aber wurde der Glanz härter, kälter, eisig.

Gut! Nun weißt du es! Was willst du noch? Gehe!

Ja, gehe! sagten sie, diese Augen.

Und nun blendeten sie plötzlich.

Du kennst meine Gefühle für dich, oder? -- Du weißt es -- lange, lange!

Ich ziehe die Konsequenzen, wenn du willst -- ich stehe zur Verfügung --

jederzeit . . .

Ja, das sagten also Ottos Augen -- oder täuschte er sich?

Der Vorhang floß über einem nackten Arm zusammen: die Erscheinung war

verschwunden.

»Niemand ist hier!« sagte Otto in gleichmütigem Ton, hinter dem Vorhang,

und Dora rief das Hündchen, das immer noch kläffte, abermals zur Ruhe.

Eine -- zwei -- drei Sekunden lang hatten die beiden Hecht-Babenberg die

Blicke gekreuzt. Nicht länger.

Mit rasender Gebärde schwingt der Heilige im roten Rock sein Buch. Durch

den blinden Spiegel gleitet ein Gesicht, wie aus Kreide geschnitten.

Jemand tastet sich durch die Diele, eine schwarze Hornbrille auf der

Nase -- richtet einige Sekunden die schwarzen Gläser auf ihn -- oder war

es ein Gespenst?

8

Zur gleichen Stunde ging Ruth die Tiergartenstraße entlang, ihrem Hause

zu. Im Augenblick, da sie in das kleine verstaubte und verwahrloste

Vorgärtchen eintreten wollte -- sie hatte schon die Gittertüre in der

Hand -- rief eine leise Stimme ihren Namen.

Sie hielt inne. Im Schatten der Bäume gegenüber gestikulierte ein

Schatten. Da sie zögerte, trat der Schatten einen Augenblick in den

Lichtschein und winkte.

Ruth erkannte ihn. Zögernd überschritt sie den Fahrdamm. Der Mond flog

dahin, hoch oben, von feinen Schleierwolken umtanzt.

»Sie? Was wünschen Sie von mir?«

»Schon seit Tagen versuche ich, Sie zu treffen. Bitte zu verzeihen. Ich

habe neulich etwas zu sagen vergessen. Bitte, in den Schatten zu treten.

Ich darf mich nicht sehen lassen --«

»Ich verstehe Sie nicht!«

»Vieles ist unverständlich -- aber man hat mich gewarnt -- ein hoher

Herr ist ungehalten über mich. Man hat mir gedroht, mich in ein

Irrenhaus zu sperren, wenn ich mich noch einmal sehen lasse.«

»Ich kann Sie wirklich nicht verstehen!«

»Tut auch nichts zur Sache. Nicht das wollte ich Ihnen sagen. Können wir

ein bißchen weiter -- so, danke -- fürchten Sie nichts. Ich bin ein

alter Mann, habe auch nichts getrunken heute. Mit Absicht. All diese

Tage nicht. Ja, neulich -- ich habe mich geschämt -- aber gerade weil

ich in diesem Zustand war, habe ich etwas zu sagen vergessen -- etwas

sehr Wichtiges.«

»Bitte --!«

»Nicht ich allein also, das wollte ich sagen --«

»Nicht Sie allein --?«

»Nein, nicht ich allein bin der Schuldige.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Warten Sie. Es kommt jemand. Gehen wir ein paar Schritte. So.«

Flüstern im Dunkeln.

»Nicht ich allein also, sondern gleichzeitig -- vielleicht sogar früher,

ich weiß es nicht -- aber es galt gar nicht ihm, sondern Ihnen.«

Flüstern. Plötzlich ein Schrei. Es ist Ruth, die schreit.

»Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!«

»Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein -- gehen wir -- gerade kommt -- so,

ein paar Schritte --«

»Ganz unmöglich!«

»Ich schwöre! Der Agent sagte es mir.«

Flüstern. Raunen. Wieder bewegen sich die Schatten im Dunkel der Bäume

vorwärts.

Plötzlich bleibt Ruth stehen.

»Schwören Sie mir --!«

»Ich schwöre!«

»Schwören Sie mir -- bei Ihrem Sohn, der gefallen ist --«

»Ich schwöre!«

»Beim Andenken Ihrer Frau -- schwören Sie --«

»Ich schwöre!«

»Hören Sie: Sie sollen ewig verflucht sein, wenn Sie lügen --«

»Ewig verflucht soll ich sein --«

Ruth schlägt die Hände vors Gesicht und läuft in die Finsternis des

Parkes hinein. --

* * * * *

Der Mond flog über den finstern Himmel, durch brodelnde Wolken hindurch.

Aber schließlich kam er nicht mehr von der Stelle. Er blieb in einer

pechschwarzen Wolke stecken, und endlich verschwand er vollkommen. Die

Bäume des Tiergartens neigten die Wipfel -- ein Windstoß pfiff über sie

dahin.

In völliger Dunkelheit lag plötzlich die Stadt, schwarz und leblos, wie

der Kadaver eines stachligen Riesentieres, das auf dem Marsch durch die

Rübenfelder und Kartoffeläcker verendet war und faulte. So lag sie zwei,

drei, fünf Minuten, dann aber verschwand sie in einer ungeheuren

Staubwolke, die aus den Straßenschluchten emporschlug. Ein Gewirr von

Blitzen griff nach ihr, umklammerte sie, um sie zu vernichten. Der

Donner knatterte.

Plötzlich begannen die verspäteten Passanten erschrocken dahinzueilen!

Nein, nicht das Wetter war es! Etwas ganz anderes --

Durch die dunkeln Straßenschluchten flatterte -- in unheimlicher Eile --

ein weiter, heller Soldatenmantel. Glänzende Hände, glänzend im Schein

der Blitze, pochten donnernd an die Türen der Häuser: Auf, auf, ihr

Schläfer, die Stunde ist gekommen! Die glänzenden Hände berührten die

Schultern der Dahineilenden, daß sie erbleichten: Zögert nicht länger!

An den schwarzen Scheiben der finstern Häuser fuhr ein glänzendes

Antlitz vorbei: Schon sind sie unterwegs die Boten des neuen Reichs.

Seid bereit!

Da trug der Wirbelwind den flatternden Soldatenmantel in die Höhe, und

die glänzenden Hände, das glänzende Antlitz flogen mit rasender

Schnelligkeit über die Dächer der Stadt dahin.

Was war es? Was für Dinge geschahen in dieser Stadt --?

Nun rauschte der Regen.

Die Schutzleute flüchteten, die Diebe und Einbrecher huschten in

Torbogen -- sonst war niemand mehr auf der Straße.

Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rücksichtslos stürzte aus

dem schwarzen Himmel.

* * * * *

Hauptmann v. Dönhoff stand unter einer Haustüre am Ende der

Lessingallee. Weiter war er nicht gekommen, das Wetter hatte ihn

überrascht.

Hier stand er nun und lauschte glückselig auf das Rauschen des Regens

und das Krachen der Donnerschläge. Ja, ganz wunderbar!

Da -- eine Droschke klapperte dahin.

»He, Kutscher -- hundert Mark für die Fahrt!«

»Heda, Droschke! Droschke, halt!«

Es war wieder nichts. Die Pferdehufe klappten weiter.

»Heda, Droschke! Hundert Mark!«

Ah, endlich hatte er Glück. Die Droschke hielt.

Hauptmann v. Dönhoff, mit der schwarzen Brille auf der Nase, tastete

sich durch den Regen. »Wo sind Sie denn? Ich sehe etwas schlecht.«

»Hier stehe ich!«

Langsam schaukelte die Droschke durch die Sintflut. Dönhoff streckte die

Nase durch das Fenster und schnupperte. Herrlich diese Luft, herrlich

dieser Regen und geradezu berauschend das Knattern des Donners. Endlich

etwas Lärm! Die Straßen waren wie reingefegt. Nur dann und wann das

Klatschen von Pferdehufen und das Rasseln eines eisernen Ungeheuers, das

Dönhoff als ein Auto feststellte.

Endlos war diese Reise in das Bayrische Viertel, aber ein Hochgenuß. Zum

ersten Male verließ er sein Zimmer in der roten Backsteinvilla, wo keine

Seele sich um ihn kümmerte. Frei! Frei! Er zündete sich eine Zigarette

an, verbrannte sich etwas die Nasenspitze, aber das schadete nichts. Wie

eine Reise erschien ihm diese Droschkenfahrt durch das dunkle,

regenrauschende Berlin.

Da hielt die Droschke, und Dönhoff kroch heraus.

»Und nun, mein Freund, eine große Gefälligkeit, da ich schlecht sehe --

klingeln Sie den Portier heraus. Ich möchte zu Fräulein Alexa

Alexandra.«

Alexa Alexandra? Eine Tänzerin, das heißt weniger eine Tänzerin als eine

Dame. Früher war er befreundet mit ihr, er hatte sie gewissermaßen

entdeckt, kreiert. Petersen hatte ihm im Telephonbuch ihre jetzige

Adresse aufgesucht.

Der Kutscher steckte sein Benzinfeuerzeug in Brand, überzeugte sich, daß

die Banknote echt war, und begann den Portier herauszuklingeln.

»Er bekommt ein schweres Trinkgeld -- sagen Sie --«

Und dieser Portier brachte ihn im Lift zu Alexa Alexandra hinauf.

»Bitte, klingeln Sie -- ich sehe schlecht!«

Offenbar hatte Alexa Gesellschaft -- Lachen, Händeklatschen, ein sehr

lauter Phonograph, Stampfen -- das traf sich ausgezeichnet.

Die Türe öffnete sich, und Dönhoff bat der Dame des Hauses zu sagen, daß

»Rinaldo« vor der Tür stände und sie erwarte. »Rinaldo! Sonst nichts!

Sie kennen doch den berühmten Räuberhauptmann? Ich bin es!«

Ah! Dönhoffs Herz pochte -- es hatte nicht so laut gepocht, als die

Granaten einschlugen -- ein Ausruf, ein Schrei! »Rinaldo! Wirklich?« Und

zwei Arme umschlangen Dönhoffs Hals, zwei weiche, gepuderte, duftende

Arme.

»Rinaldo, Lieber, Liebster! Welche Überraschung!«

Aber sofort hatte Alexa herausgefunden, daß diese Sache mit den

schlechten Augen auffallend war, diese entsetzliche schwarze Brille!

Sie schob diese Brille mißtrauisch in die Höhe -- und da waren also, wo

sonst die Augen sind, wo sonst diese Augen waren, sie kannte diese

frechen Augen -- zwei rote Nähte, keine Augen mehr.

Alexa stieß entsetzte Schreie aus. »Mein Gott, was haben sie mit dir

gemacht?«

Sie weinte und stampfte mit den Füßen.

»Ah, diese Schurken!« schrie sie -- und der laute Phonograph spielte

einen Two-step -- »Sie haben ihn blind geschossen!« Und sie drückte ein

paar rasche Küsse auf diese roten Nähte, wo die Augen früher saßen.

»Meine Herrschaften!« -- der Phonograph schwieg -- »Ich stelle Ihnen

hier meinen Freund vor, meinen lieben alten Freund, Baron Dönhoff -- ein

lieber Junge! Er ist blind -- diese Schurken von Franzosen haben ihn

blind geschossen! Er ist der berühmte Herrenreiter Dönhoff. Sie erinnern

sich, meine Herren -- er gewann so viele Rennen -- Kitty, gehe weg --

nun ist er also wieder in Berlin -- ja, hier bist du zu Hause, du lieber

Junge!«

Dönhoff lächelte verlegen. Er schämte sich.

Die Alexa küßte ihn, und er fühlte, wie ihre Tränen seine Wangen näßten.

»Noch etwas -- ladies and gentlemen -- er wünscht nicht, daß man auf ihn

die geringste Rücksicht nimmt. Also weiter!«

Der Phonograph ertönte wieder -- die Füße, die Schuhe schlürften.

Die Alexa führte ihn in eine Ecke zu einer Ottomane. Parfüm, allerlei

Essenzen, der Geruch eines scharfen Punsches, Musik und dicht an ihm

vorbei flatterten die Röcke.

»Ganz ungestört sollst du hier sein, du lieber Junge. Du bist zu Hause

und kannst es dir ruhig bequem machen. Siehst du denn gar nichts mehr?

Nein! Oh, diese elenden Schurken! Hören Sie, Doktor, geben Sie ein Glas

Sekt für Baron Dönhoff -- vielleicht haben Sie Geld gewonnen, als Sie

seinerzeit auf ihn setzten? Er gewann fast immer, ach, das waren Zeiten!

Im ganzen sind fünfzehn Menschen hier, Rinaldo, sechs, sieben Damen. Ich

werde sie dir vorführen. Lola!«

»Hier also, das ist die kleine Lola. Sie ist eine Ungarin eigentlich.

Sie ist ganz schwarz, und ihre Brauen wachsen zusammen. Aber sie ist

eine ganz kühle Person, ganz und gar nicht sinnlich -- oder, Lola? Ja,

so komm doch dicht an ihn heran. Verstehst du mich, er sieht ja nichts,

er ist blind. Sei lieb zu ihm, sei nett -- er ist nett zu mir gewesen,

vor zehn Jahren, als ich noch Verkäuferin war und am Sonnabend in

Halensee tanzte -- ja, fühle nur, die Brauen wachsen tatsächlich

zusammen -- fühle nur -- küsse ihn, Lola, du mußt nett zu ihm sein.«

Und Lola küßte Dönhoff und streichelte ihn.

»Das hier ist Fiffi -- wie nett, sie kniet vor dir. Küsse sie, so! Sie

ist die Freundin dieses kleinen Schwarzen dort, der mit dem Monokel, die

beste Tangotänzerin in Berlin. Sie ist blond, aber ihre Haare sind

gefärbt -- Fiffi -- er sieht doch nicht, er ist blind, ich muß ihm also

alles beschreiben. Sie tanzt wunderbar und hat zwei erste Preise

gewonnen.«

»Und hier, das ist Thea -- sie ist etwas üppig -- aber Thea, er sieht

doch nicht! -- sie hat ganz große blaue Augen und filmt. Du würdest dich

in sie verliebt haben, weil sie so drollig ist. Küsse ihn, Thea, er ist

ein so lieber Junge!«

»Und das hier -- Rolli -- come along! -- Rolli -- ein kleiner Teufel!

Siehst du, sie bringt dir gleich Punsch mit! Sie ist erst achtzehn Jahre

alt, aber schon völlig verdorben. Pfui, Rolli -- beherrsche dich doch!

Aber sie ist sehr süß. Sie hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine

kleine Schwäche für Frauen und kennt die Damen der höchsten

Gesellschaft. Ihr Freund ist ein Dichter. Siehst du, sie trinkt an

derselben Stelle des Glases, wo du getrunken hast. Sie will dir zeigen,

wie lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berühmte Rinaldo -- nun

entstellt ihn ja diese häßliche Brille etwas, aber man gewöhnt sich ja

rasch!«

»Und das hier -- Reh -- sie heißt Rebekka -- Reh, komm hierher. Siehst

du, sie ist ein Kind. Sie hat Tränen in den Augen. Aber sie ist auch ein

bißchen angetrunken. Reh! Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Küsse

ihn, so, so, küsse ihn. Er sieht ja nicht, man muß nett zu ihm sein.«

»Du siehst, wie sie dich hier verwöhnen. Das ist Blanche, und sie bringt

dir ein Pralinee. Stecke es ihm doch in den Mund! Blanche heiratet

übermorgen, und dann werden wir Tag und Nacht bei ihr tanzen. Sie

heiratet einen Sattler, der im Kriege sieben Millionen verdient hat. Ja,

reizend wird es bei ihr werden. Fühle nur ihre Ringe. Fühle doch. Alles

echte Steine, aber er ist so verschossen in sie. Fühle doch ihre Wangen.

Hast du je so etwas Sanftes gefühlt? Ihr Teint ist herrlich. Fühle ihre

Hüften -- was sagst du? -- Ah, siehst du, Rinaldo --«

9

Allmählich wurden die Donnerschläge schwächer, das Gewitter zog langsam

ab.

Erst nachdem der General ungeduldig wurde und seinen Titel nannte,

erhielt er telephonischen Anschluß. Augenblicklich meldete sich Major

Wolff, der Nachtdienst hatte.

Der General ließ sich Vortrag halten. Wolff las die wichtigsten

Telegramme vor, die wichtigsten Eingänge -- eine volle Stunde sprach der

General am Telephon. Das Gewitter sog an den Drähten, zuweilen klang die

Stimme Wolffs ganz fern und klein. Um jede Kleinigkeit kümmerte sich der

General. Er gab mit kühler, klarer Stimme Anordnungen -- schließlich

aber war alles erledigt. Bitte morgen um einhalb acht um telephonischen

Anruf. Schluß und gute Nacht!

Augenblicklich vertiefte sich der General wieder in die Aktenstücke,

ohne aufzublicken. Ja, nun waren sie alle erledigt. Nochmals

breitete er die große Karte über den Schreibtisch. Staubecken,

Überschwemmungsgelände, natürliche Hindernisse -- es mußte schließlich

noch in letzter Stunde gelingen, den Riesenkörper der Armee rückwärts zu

leiten. Vielleicht verführte ihn der gegenwärtige Zustand seiner Nerven

zu einer allzu pessimistischen Beurteilung der Lage.

Der General war noch in voller Uniform, er hatte sich nicht umgekleidet.

Und immer noch rauschte draußen der Regen.

Auch die strategische Betrachtung war nun abgeschlossen. Er warf noch

eine Anzahl Notizen auf den Block, für morgen. Ja, nun war alles

Dienstliche erledigt.

Ohne jede Unterbrechung, voller Hast, begann der General plötzlich einen

Brief aufs Papier zu werfen.

Während des einstündigen Telephongespräches, während er die strategische

Lage analysierte -- immer hatte er nur an diesen Brief gedacht, um die

Wahrheit zu sagen. Er hatte ihn völlig im Kopfe entworfen, und nun

rasch, rasch, um die Sache zu Ende zu bringen.

Ein Vermögen . . .

Nun -- das war ja schließlich das wenigste!

Aber schon fühlte er Unruhe. Gemurmel in den Ohren, Stimmen, die von

innen heraus kamen, nicht von außen her, und absurde Worte raunten. Sein

Herz schlug, es pochte in der Brust, im Kopf, in den Armen, im Schenkel.

Die Wände klafften, das starre Auge blickte durch die Spalten in die

schwarze Finsternis, leer, tot, kalt und unendlich wie der Raum zwischen

den Sternen. Erschauernd schob er den Schreibtisch weit von sich und

sprang auf.

Licht!

Lauten Schrittes, absichtlich ging er ganz laut, wanderte er durch die

Zimmer. Er sprach abgerissene Worte vor sich hin, lachte mit

geschlossenen Zähnen.

»Wie? Wie? Freundschaft -- Treue -- Glauben -- wie?«

Grau sein Gesicht. Er vermied es, in die Spiegel zu blicken -- aber

doch, ohne es zu wollen, sah er immer wieder ein graues Gesicht durch

die Spiegel wandern. Er schlich dahin, gebeugt, scheu, verfolgt.

Geflüster kroch über die Wände, die toten Dinge begannen sich zu winden,

das Licht blinzelte.

Im Salon hing sein Porträt, gemalt kurz vor dem Kriege. Von einem

Schützling von -- ihr! Aus Gefälligkeit hatte er sich malen lassen, er

gab sonst nichts auf moderne Malerei. Früher war er jahrelang Mitglied

eines Kunstvereins gewesen, dem hoher Adel und Grundbesitz angehörte,

man zahlte zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafür jedes Jahr

irgendein Kunstblatt. Längst war er ausgetreten, aber da sie es

gewünscht hatte --

Die Hände auf das Schwert gestützt, hatte ihn der Künstler dargestellt.

Das Gesicht war kantig, hart, entschlossen. Trotz der angegrauten

Schläfen blühend von Gesundheit und Kraft. Der Blick voller Festigkeit

und Ziel. Vielleicht ein bißchen geschmeichelt das ganze Bild.

Trotzdem, diese letzten vier Jahre waren wie ein Jahrzehnt.

Grau und erdig sah er sein Gesicht durch die Spiegel gleiten, obgleich

er es vermied, hinzusehen. Auch sein Rücken, die Linie seines Rückens --

sie schien ihm gebogen zu sein, obgleich er nicht hinsah, sondern den

Blick abwandte.

Dieselben Hände, die in kraftbewußter Lässigkeit auf dem Schwertknauf

ruhten, sie waren heute die Hände eines alten Mannes. Die Haut hatte

eine fahle Färbung, die Adern auf den Handrücken waren geschwollen.

Ja, kaum war er den Hauptmannsjahren entwachsen -- und schon war er alt!

Und doch sah er sich noch als Leutnant vor sich! Seine für damalige

Verhältnisse etwas stutzerhafte Uniform. Und doch sah er sich noch als

Kadett vor sich, ganz deutlich, mit dem kleinen Seitengewehr und der

altmodischen hohen Mütze.

Seit seinem zehnten Lebensjahre trug der General das farbige Tuch.

Zivilkleidung hatte er nur höchst selten getragen, vielleicht einmal

einen Jagdanzug auf dem Lande.

Mit zehn Jahren war er Kadett, mit achtzehn Leutnant, dann Hauptmann,

dann Major, Oberstleutnant, Oberst, Regimentskommandeur. Im Sturmschritt

hatte er alle Ränge durchlaufen -- aber es schien ihm, als sei er

eigentlich immer der gleiche gewesen, nur mit verschiedenen

Rangabzeichen versehen. Seine Welt, seine Weltanschauung, seine

Auffassung von Dienst, Vorgesetzten, Pflicht, Religion, Vaterland -- sie

hatten sich nicht geändert. Der Leutnant der gleiche wie der General.

Er war eigentlich nie jung gewesen, auch als Kadett nicht, nein. Nie

jung, und schon wurde er alt!

Er drehte im Salon das Licht aus, um nicht mehr das zuversichtliche

kraftstrotzende Gesicht des Offiziers mit den Ordenssternen sehen zu

müssen -- jugendlich trotz der angegrauten Schläfen.

Ja, ja, ja -- keine Beschönigung, Mut! Otto, sein Sohn -- ein Ehrloser!

Er hatte ja seinerzeit im Frühjahr, als diese Geschichte mit der Hand

passierte, sofort gewußt, ja, gewußt, augenblicklich und instinktiv,

worum es sich in Wahrheit handelte! Aber er hatte nicht gewagt, es zu

glauben. Offizier -- ein Hecht-Babenberg -- und doch! Ja, nun wußte er

alles . . .

Der General kehrte wieder zum Schreibtisch zurück.

Ja, ein Vermögen, diese Frau -- in der Tat, Rothwasser . . . Ihre Augen

strahlten Reinheit, Treue, Unschuld. Es gab niemand, dessen Lachen und

Stimme allein ein solches Maß von Vertrauen erweckte! Ihre Offenheit,

ihre kindliche Naivität, ihre Unbefangenheit und Harmlosigkeit,

unmöglich, gänzlich unmöglich -- er hätte die Hand für sie ins Feuer

gelegt.

Daß ihn seine Menschenkenntnis so trügen konnte!

Nein! Er legte die Feder weg. Schweigen, Schweigen -- nichts sonst

. . .

Plötzlich horchte er betroffen auf. Eine Stimme!

Diese Stimme?

Langsam und heiß stieg ihm das Blut in den Kopf. Die Adern an den

Schläfen zuckten.

Ottos Stimme! Er rief nach dem Burschen.

Wollte er ihn herausfordern, der -- Infame? Der General sprang auf. Mit

zuckenden Schläfen stürzte er zur Türe . . .

In der Tat, Otto war gekommen, wie er zuweilen kam, seitdem er im Westen

wohnte, um irgend etwas abzuholen, Bücher, Wäsche. Er kam zu jeder

Tages- und Nachtzeit, wann es ihm gerade beliebte, und knallte ohne

Rücksicht mit den Türen. Jetzt war er gekommen, um einen Gummimantel zu

holen. Er brauchte ihn, da es noch immer in Strömen regnete.

Dies war der eigentliche Grund seines Besuches. Der zweite Grund aber

war, ganz offen gestanden, daß er dem General seine Furchtlosigkeit

beweisen wollte. Nein, er hatte keine Furcht vor einer Begegnung, nicht

die geringste. Aus diesem zweiten Grunde schrie er auch etwas lauter,

als es eigentlich nötig war. Sein Zimmer hatte er absichtlich offen

gelassen. Jeden Augenblick konnte die Türe gegenüber aufspringen -- nun,

er war gewappnet. Seine hellen verwegenen Augen waren auf eben diese

Türe geheftet, die sich jeden Augenblick öffnen konnte. Er war bereit,

die Konsequenzen zu ziehen -- zu allem war er bereit. Papa sollte nie

und nimmer auf den Gedanken kommen, daß er sich feige in eine Ecke

verkrieche.

Aber nichts regte sich hinter dieser Türe, die zu den Zimmern Papas

führte. Wahrscheinlich hatte er sein Kommen gar nicht wahrgenommen.

Der General -- er war nicht weiter als bis zu eben dieser Türe gekommen.

Sein Herz pochte so stark, daß er sich festhalten mußte. Keuchend und

bebend stand er im dunkeln Zimmer, seine Beine zitterten.

Ein Schritt noch -- und etwas ganz Furchtbares, etwas unsäglich

Grauenhaftes würde geschehen . . .

Sein eigenes Blut hatte sich gegen ihn erhoben!

Die Türe öffnen -- und schon, schon würde es geschehen, das Gräßliche --

Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater -- bis zur Vernichtung -- das Grauen

noch der Ururenkel, ewige Schändung des Namens, Schändung des

Geschlechtes, Schändung der Schöpfung. Schon begann die Finsternis des

Zimmers zu flammen.

»Wo sind meine Handschuhe, Jakob?« rief Otto.

Dann pochte er an Ruths Türe, und der General hörte die beiden plaudern,

ohne zu verstehen, was sie sagten.

Fünf Schritte waren zwischen ihnen, zwischen ihm und seinen Kindern, der

Korridor. Aber dieser Korridor war ein Abgrund, unergründlich wie die

Mysterien des Blutes.

»Dann gute Reise, Ruth!« rief Otto und schloß Ruths Türe.

Ja, in der Tat, ein Abgrund, schauerlich und bodenlos wie das

tausendfach unergründliche Schicksal selbst.

Die Haustüre krachte ins Schloß. Otto war gegangen.

Dank dem Himmel! dachte der General, während er heftig zitterte.

Immer noch stand er, die Dunkelheit lohte, immer noch keuchte er, und

das Zittern seiner Beine wurde stärker mit jeder Minute.

Ja, nur ein Schritt, ein kleiner Schritt und es wäre geschehen. Das

unsagbar Gräßliche. Das keine Macht der Welt hätte wieder auslöschen

können, selbst die Allmacht Gottes nicht.

Es _war_ geschehen, das unsagbar Grauenhafte!

Der General sah seinen Sohn erwürgt auf der Diele liegen.

Zitternd am ganzen Körper sank er in einen Sessel; der Schweiß brach aus

seiner Stirn.

* * * * *

Otto aber eilte im strömenden Regen quer durch den stockfinstern

Tiergarten. Zu Ströbel!

Lustige Kumpane, ein Fest heute, Wein, Spiel. Wie albern, diese

kleinlichen Bedenken, die ihn bisher von Ströbels Haus ferngehalten

hatten!

In förmlichen Wasserhosen verschwand die Straße, wo Ströbels Haus lag,

aber ein wohlbekannter Lichtschein, wie der Schein eines Leuchtfeuers,

zeigte den Weg.

Otto pfiff, den vereinbarten Pfiff, er klatschte in die Hände. Das

erleuchtete Fenster öffnete sich, und ein Schatten neigte sich heraus.

»Wer ist da?« Es war Hedis Stimme.

»Ich bin es«, antwortete Otto mit heller und lauter Stimme. »Ihr habt

doch Gesellschaft heute?«

Der Schatten trat zurück. Erst nach einer Weile wurde Hedis Stimme

wieder hörbar.

»Sie sind es?« sagte sie stockend. »Nein, die Gesellschaft wurde

abgesagt, Ströbel ist verreist!«

»Sie? Seit wann sagen wir Sie zueinander?« sagte Otto lachend. Er konnte

Hedi nur undeutlich erkennen, durch Büsche hindurch, an denen das Wasser

herabrann. Das erleuchtete Fenster ging auf einen kleinen,

dichtbewachsenen Garten hinaus.

Wieder zögerte Hedis Stimme. »Es ist völlig nebensächlich,« sagte sie,

»aber lassen wir es dabei. Er mußte unerwartet in Geschäften fort, und

der Abend wurde verschoben.«

»Schade! Sehr fatal!«

Der Regen prasselte auf Ottos Mantel, Ströme von Wasser wirbelten um

seine Füße. Selbst aus dem Boden sprangen Bäche.

»Ja, leider«, sagte Hedi und schickte sich an, das Fenster zu schließen.

»Gute Nacht.« Der Regen verschluckte ihre Stimme.

»Einen Augenblick --« beeilte sich Otto, und die Fensterflügel blieben

halb offen stehen. »Ich bin durch diese Sintflut gewatet, in der

Erwartung, fröhliche Menschen zu finden --«

»Das ist sehr bedauerlich«, sagte Hedi spöttisch.

Otto lachte belustigt auf. »Sehr bedauerlich? Hören Sie, Hedi -- oder

höre, Hedi -- ich finde es töricht, Sie zu dir zu sagen -- halte du es

ganz wie du willst -- ich hatte gerade heute das Bedürfnis, Freunde zu

sehen -- sei nett und lieb, öffne und koche etwas Kaffee. Ich bin völlig

durchnäßt.«

»Ich bin ganz allein.«

»Ist das ein Grund --?« Eigentümlich war der Tonfall dieser Frage.

Hedi antwortete nicht sogleich. Er fühlte ihren Blick.

»Gehe doch zu ihr!« sagte sie dann. Aber sie schloß das Fenster nicht.

Otto stockte.

»Ich komme soeben von ihr!« sagte er hierauf. Diese Antwort war sehr

kühn, und er wußte genau, daß er alles aufs Spiel setzte. Aber er hatte

seiner Stimme einen gleichgültigen und gelangweilten Klang gegeben.

Schweigen. Der Regen rauschte.

»Lebst du glücklich mit Ströbel?« begann Otto von neuem, in völlig

geändertem, vertraulichem Tone.

»Was für eine Frage? Was kümmert es dich?«

»So öffne doch, Hedi, und wir werden etwas plaudern.«

Hedi schwieg. Nach einer Weile sagte sie, leise und bebend: »-- Ich

öffne!«

Kaum aber hatte Hedi die Türe aufgeschlossen, so riß Otto sie an sich

und vergrub seine Lippen in ihren Hals.

Sie stammelte.

10

Mehre den Schatz!

Mehre den Schatz des Guten und Schönen! Lege nicht Hand an die

Geschlechter, die nach dir kommen -- --

Friedlich säuselt der Morgenwind.

* * * * *

»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »mit dem Urlaub war

es diesmal nichts. Und ein Flieger hatte mir schon versprochen, mich in

seinem Kahn mit nach Berlin zu nehmen. Drei Tage hinten, immer in

Alarmbereitschaft, kein Schlaf, Schwärme von feindlichen Fliegern, in

jeder Nacht Verluste. Die Sache hat sich anmutig ausgewachsen! Heute

abend wieder in Stellung. Wollte Dir gerne mehr schreiben -- aber ich

kann nicht. Es gibt gewisse Dinge. Nun, wir kämpfen, tun unsere Pflicht.

Herrliche Leute! Das Feuer wächst von Tag zu Tag --«

Ja, von Tag zu Tag wuchs das Feuer!

Bis nach London, nach der Schweiz war der Lärm der Kanonen zu hören. Es

stand sogar in den Zeitungen.

Der 9. November: Roman · 第 58 / 74 题