Nichts von Bedeutung eigentlich --

Der General blieb stehen und heftete den Blick auf die staubige,

schwarze Erde des Reitwegs. Es war ihm schwer, einen Gedanken bis zu

Ende zu verfolgen.

Nein, gewiß, das war es nicht. Es wäre unvernünftig, Kombinationen daran

zu knüpfen.

Vorgestern hatte er zufällig einen Blick in Ottos Zimmer geworfen, im

Vorbeigehen. Das Zimmer wurde gereinigt, und das Unterste war zu oberst

gekehrt: da sah er -- nein, zuerst nahm er kaum davon Notiz, aber er

kehrte zurück, irgend etwas war ihm aufgefallen. Da sah er also auf

einem Sessel ein sonderbares Kostüm: eine Art Kaftan oder Kimono von

einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb, einen Turban,

orangerot, mit dicken grünen Schnüren umwickelt. Dieses Kostüm -- sofort

fiel es ihm ein: jener Vermummte, jener Unbekannte auf Doras Hausball,

jener Stumme, der immer mit einer merkwürdigen Schale rasselte! Es ging

das Gerücht, eine hohe Persönlichkeit verberge sich in dieser etwas

phantasielosen Maske.

Also er -- Otto --?

Ein Maskenscherz, natürlich, nichts anderes. Otto war ja damals noch im

Lazarett, offenbar ausgerückt für diese Nacht, er konnte sich nicht gut

zu erkennen geben. Aus diesem Grunde die Geheimtuerei, und sicherlich

hatte er absichtlich das Gerücht von der Hoheit verbreiten lassen.

Gewiß, ohne jede Bedeutung. Wie kam er doch wieder darauf?

Herrlich ruhig war es hier, und nur zuweilen war das ferne Klingeln der

Straßenbahn zu hören. Wohltuend und beruhigend das Grün der hohen

Wipfel, und da droben, da draußen flammte heiß die Sonne, wie ein

grelles Feuer. Hier aber, Schatten, Kühle sogar, und der Schritt

unhörbar. Es ging sich angenehm auf der losen Erde, die Füße ruhten aus.

Der General hielt sich etwas gebückter. Er war im Gesicht magerer

geworden, die Backen hingen schlaff herab, seine Gesichtsfarbe war

fahler, trocken, mit kalkigen Flecken. Zuweilen zuckte sein rechtes

Augenlid, und ein Nerv klopfte oft unangenehm an der Nase, dicht beim

rechten Auge.

Den ganzen Sommer, hatte er in dem stickigen, heißen Berlin verbracht.

Er hatte die Absicht, im August in Urlaub zu gehen, nach Babenberg, nun

aber waren Ereignisse eingetreten, die ihn hier festhielten. Gewisse

Schwierigkeiten an der Front, die bald behoben sein würden. Jedenfalls

aber war es ganz undenkbar für ihn, jetzt, gerade jetzt seinen Posten zu

verlassen, selbst nicht auf einige Tage, so nötig er auch Erholung

brauchte. Sitzungen, Konferenzen, nun gut, die da draußen hatten

ebenfalls keinen Urlaub. Man mußte sehen, wie man durchkam.

Diese halbe Stunde jeden Morgen -- eine volle halbe Stunde, ja, es ging

nicht anders, wollte er nicht zusammenbrechen -- diese halbe Stunde

morgens von einhalb neun bis neun Uhr war sein Urlaub. Um neun Uhr

erfaßte ihn dann die Maschine, und er kam bis Mitternacht nicht mehr zu

sich. Er schlief nur noch mit Hilfe von starken Schlafmitteln.

In diesen dreißig Minuten am Vormittag allein konnte er in aller Ruhe

seinen Gedanken nachhängen und sich mit seinen persönlichen

Angelegenheiten beschäftigen.

Gott sei Dank war er vernünftig genug gewesen, sich diese störenden

Geldgeschichten vom Halse zu schaffen, wirklich ein Entschluß, zu dem er

sich jetzt beglückwünschte! Er hatte das Gut Rothwasser verkauft. An

einen Dänen, namens Olsen, aus Kopenhagen -- ja, schon kamen sie jetzt,

die Neutralen, die am Kriege verdient hatten, und kauften deutsches

Land. Er bereute den Schritt nicht. Was geschehen ist, ist geschehen --

das Notwendige tue rasch, ohne dich umzusehen. Otto würde ja Babenberg

behalten, genug und übergenug für ihn, und Ruth -- nun es würde auch für

Ruth gesorgt sein.

Er machte kehrt, nie ging er weiter bis zu jenem grellen Sonnenflecken

mitten auf dem Reitweg. Zerstreut blickte er, stehenbleibend, in das

Dickicht -- auch hier Staub auf den Blättern, selbst hier.

Rothwasser? Wie kam er darauf? Nun ja, er hatte sich durch den Verkauf

diese störenden, quälenden Kalamitäten vom Halse geschafft -- wie schwer

es ihm doch wurde, sich auf einen Gedanken zu konzentrieren! Fünf

anstrengende Konferenzen waren allein für diesen Vormittag angesetzt.

Schon disponierte er wieder.

Dora --?

In diesem Augenblick dröhnten von der Hofjägerallee drei langgezogene

Hupensignale.

Dieser Schwerdtfeger, dieser Esel! Mußte er ihn gerade in diesem Moment

unterbrechen.

Ärgerlich setzte der General seine Promenade fort. Er ging etwas

rascher, sollte er warten! Ja, diese Wochen, da sie im Bade war, waren

eine Art Probe gewesen. Er hatte diese Probe nicht bestanden, um ehrlich

zu sein! Ja, das war es, nicht bestanden. Er hatte sie vermißt, kam sich

verwaist und verlassen vor, niemand in Berlin, das Haus leer, auch Ruth

auf dem Lande -- die Stimmen rückten mehr und mehr in die Ferne, wurden

unwirklich, nur Doras Stimme klang noch nah. Es schien auch, als ob die

Menschen selbst mehr und mehr verblaßten -- sie riefen unverständliche

Worte, machten unverständliche Gesten. Er beachtete sie kaum, sie

interessierten ihn nicht mehr, seine Mitmenschen, nein, sollten sie

ruhig tun, was sie wollten. Und fünf Konferenzen -- nun saßen sie schon

und warteten, Weißbach schielte auf die Uhr.

Ja, es war die Wahrheit, leugnen wir sie nicht, er fühlte sich einsam

ohne sie.

Einsam?

Welch ein furchtbares Wort, bei rechtem Lichte betrachtet! Nie in seinem

Leben hatte er die Bedeutung dieses Wortes begriffen. Es war die

Abspannung, die Nerven, natürlich. In ihrer Nähe fühlte er sich

augenblicklich beruhigt, ausgeglichen. Etwas von ihrer Sorglosigkeit und

Lebenskunst schien auf ihn überzuströmen.

Wie sie sich gefreut hatte über die kleine Uhr, die er ihr am ersten

Abend brachte! Ein Kind, wahrhaftig, nichts als ein großes,

lebenslustiges, immer heiteres Kind war diese ganze Dora, ein Quell der

Verjüngung, sozusagen. Vielleicht beruhte die belebende Wirkung, die sie

auf ihre Umgebung ausübte, gerade auf ihrer großen und seltenen Naivität

und oft komischen Lebensunkenntnis. Wer weiß es?

Es galt zu überlegen, jedenfalls -- ein bedeutungsvoller Schritt!

Ein Schritt, der wohl erwogen sein wollte, obgleich er sich ja schon

Jahre mit diesem Gedanken beschäftigte. Wohl erwogen. Otto? Nun, Ottos

Meinung war ihm schließlich gleichgültig, Otto fragte ja auch ihn nicht

um seine Ansicht, wochenlang bekam man ihn nicht zu Gesicht. Sein Sohn

war ihm fast ein Fremder geworden. Und Ruth? Nun Ruth würde sich damit

abfinden. Sie zuallererst. Erst jetzt war ihm zum Bewußtsein gekommen,

wie vernünftig diese Ruth in Wahrheit war. Ja, möglich, möglich, daß er

ihr ganzes Naturell falsch eingeschätzt hatte. Sie war in ruhigem und

ausgeglichenem Gemütszustand von Babenberg zurückgekommen. Ihre

sentimentale Laune schien weniger tief gegangen zu sein, als er

befürchtet hatte. Obgleich dieser jugendliche Schwarmgeist, wie man ihm

berichtete, noch hinter Schloß und Riegel saß und seiner Bestrafung kaum

entgehen dürfte. Offenbar hatte Ruth die Beschaulichkeit auf dem Lande

dazu benutzt, nachzudenken. Der rasche Schnitt mit dem Messer hatte sich

wieder als die beste Heilmethode erwiesen.

Gewiß, auch Ruth würde sich damit abfinden -- vielleicht war gerade sie

es, die ihn am ehesten verstand.

Aber sie selbst -- Dora?

Das heißt nicht, daß er zweifelte!

Natürlich nicht, er konnte auch aus früheren Äußerungen Doras schließen

-- es würde für sie immerhin einiges bedeuten, gesellschaftliche

Stellung, nun, und manches andere. Sie war ja aus guter Familie, ein

Bruder sogar Major, aber immerhin, kleiner, unbedeutender Landadel. Und

nicht zuletzt würde sie gewiß aufatmen, aus diesem Zustand finanzieller

Unsicherheit herauszukommen.

Nein, nicht das.

Aber es gab da das und jenes, was ihn in der letzten Zeit stutzig -- ist

stutzig das richtige Wort? -- nun sagen wir ruhig: stutzig gemacht hatte

. . .

Einiges, unbedeutende Dinge, Kleinigkeiten sozusagen, Imponderabilien --

aber vielleicht tat er ihr bitter unrecht? Wie? Nicht unmöglich . . .

Wieder dröhnte das Hupensignal.

Der General hakte ärgerlich den Kragen zu.

»Es ist ganz unmöglich, auch nur fünf Minuten lang seine Gedanken zu

sammeln«, sagte er laut und begab sich zum Auto zurück.

Die graue Limousine fegte in das heiße Berlin hinein: Sitzungen,

Konferenzen, Vorträge. Schon warteten sie dichtgedrängt im Vorzimmer,

und Weißbach schielte tatsächlich ununterbrochen nach der Uhr.

4

Nein, gewiß, der General kannte seine Tochter nicht.

Wäre er ein Beobachter, so würde er auf den ersten Blick gesehen haben,

daß Ruth sich im Laufe des Sommers auffallend geändert hatte. Aber er

war kein Beobachter: Sitzungen, Konferenzen, strategische Erwägungen --

wie sollte er da ein Beobachter sein?

Ja, auffallend geändert!

Nicht mehr die schüchterne, scheue Ruth. Ihre Augen waren flammend und

kühn, ihr Blick wich nicht mehr zurück. Fragend und forschend ruhte ihr

Auge bei Tisch auf dem Vater, und häufiger als früher begegneten sich

auf Sekunden ihre Blicke.

Etwas war hier nicht in Ordnung! Nein! Als Papa sie bei ihrer Rückkehr

begrüßte, war etwas Auffallendes geschehen -- noch heute zitterte die

Betroffenheit in ihr nach. Papa war errötet! Noch mehr, Papa hatte die

Augen niedergeschlagen. Aber man bedenke doch: _Papa schlägt die Augen

nieder!_

Weshalb? Weshalb nur? Sie kannte Papa ja so genau. Irgendein Geheimnis

war zwischen ihm und ihr.

Weshalb Papa, so sprich doch!

Aber der General war tief in seine Gedanken versunken und blickte nicht

mehr auf.

Ruth hatte völlig ihr träumerisches, zerstreutes Wesen verloren. Sie

sprach sogar etwas rascher als früher und nicht mehr so unsicher. Sie

sang nicht mehr, trällerte nicht mehr vor sich hin, wie sie es früher zu

tun pflegte -- um erschrocken abzubrechen, sobald sie sich belauscht

wußte. Ihre Lippen waren bestimmter geformt und klarer geschwungen. Das

unsichtbare Lächeln, das früher über ihnen schwebte -- fort war es.

Wie eine Fremde bewegte sie sich im Hause, die gesonnen ist, nicht lange

zu bleiben. Sie lächelte über diese ewig dienstbereiten Ordonnanzen,

über dieses Exzellenz hin und Exzellenz her, bald würde sie es nicht

mehr hören. Ach, dieser Papa, der sich so ungeheuer wichtig nahm, dieser

Otto, diese Dora, diese ganze Gesellschaft, die in den Tag hineinlebte

und glaubte, es müsse so sein -- nun, bald würde sie sie nicht mehr

sehen. Schon wagte es niemand mehr, sich mit ihr in ein Gespräch

einzulassen, weil sie unumwunden ihre Meinung äußerte.

Vorläufig, bis _dahin_, verrichtete sie wie früher ihre Arbeit in der

Küche. Die Gäste hatte sie nach diesen heißen, stickigen Sommerwochen

noch bleicher und elender angetroffen. Sie waren alle müde, sanken

erschöpft auf den Stuhl, stützten den Kopf, während sie aßen. Alle

Augenblicke gab es Differenzen, ihre Nerven flatterten. Die kleinen

Schreibdamen flüsterten nur noch. Zuweilen kicherten sie leise, um sich

rasch erschrocken umzusehen. Die Küche war auffallend still geworden.

Ruth war eifrig bei der Arbeit -- aber so oft ein neuer Gast eintrat,

blickte sie rasch nach der Türe. Offenbar, sie erwartete jemand, sie

suchte jemand!

Sie suchte, um die Wahrheit zu sagen, jenen kleinen, alten Herrn im

Havelock, ihn, der ihr auf der Treppe die schreckliche Nachricht

mitgeteilt hatte. Tag für Tag erwartete sie ihn, sie hatte Geduld.

Aber er kam nicht. Augenscheinlich besuchte er diese Küche nicht mehr.

Vielleicht war er auch tot? Schnell starben die Menschen in diesen

Tagen. Die Erde verschluckte sie nur so.

Endlich ging sie in die Fabriciusstraße. Sie besaß sogar den Mut, das

Leihhaus zu betreten. Mit welchen Gefühlen! Wie sie die Türe anstarrte!

Aber sie weinte nicht.

Allein, hier wußte man nichts von dem Havelock. Er war ausgezogen,

verschwunden.

Und doch, er war vielleicht der einzige, der ihr über jene Dinge

Ausschluß geben konnte, die sie unbedingt wissen mußte. Klara, die mit

ihr in Babenberg war, hatte ihr Hedis Erlebnis am Anhalter Platz erzählt

-- das war alles, was sie erfahren konnte. Seine Freunde, sein jüngerer

Bruder, wie vom Erdboden verschwunden, niemand zu sehen; keine Nachricht

mehr, man hatte offenbar alle verhaftet -- nur sie ließ man in Ruhe.

Nach vielen Tagen, die sie durch das verwahrloste, übelriechende

Stadtviertel streifte -- ja, plötzlich sah sie ihn.

Das, das mußte er sein! Sie fühlte es augenblicklich.

Ein Rudel lachender und kreischender Kinder -- und mitten darin ein

Mensch. In diesem Augenblick geschah es, daß sie wie eine Seherin

fühlte, er! Ja, er war es.

Er tanzte wie ein Hampelmann, und sobald die Kinder ihm zu nahe kamen,

schlug er nach ihnen mit seinem steifen Hut.

Plötzlich fühlte er Ruths Blick. Es war dicht bei der Eisenbahnbrücke,

die sich über die staubige Fabriciusstraße spannt.

Er hielt inne -- gerade wollte er wieder mit dem Hut nach den Kindern

schlagen -- und suchte seinen Blick zu sammeln.

»Geht weg!« rief Ruth. Die Kinder drängten sich abseits zusammen. Eine

Dame und der Betrunkene! Ungeheuer interessierte es sie. In der

abenteuerlichen Vorstadt aufgewachsen, waren sie an die sonderbarsten

Vorfälle gewöhnt.

»Ich möchte Sie einiges fragen!« begann Ruth.

»Gerne -- stets bereit!« Herr Herbst schwang den Hut und schwankte

erschrocken rückwärts. Er hatte Ruth sofort erkannt, und obschon er

betrunken war, war ihm doch ihr verändertes Wesen aufgefallen. Ihre

Stimme klang nicht mehr sanft und freundlich wie früher -- hart,

unbarmherzig. Ja, nun war sie also gekommen . . .

»Nein, nicht gesehen -- nur gehört«, stammelte er erbleichend, während

sein Blick flatterte. »Geschossen? Ja, geschossen! Ich hörte es.

Weshalb, weiß ich nicht.«

Ja, weshalb hatte man wohl geschossen? Der Soldat schoß, weil man auf

ihn schoß, wenn er nicht schoß. Vom Höchsten bis zum Niedrigsten drohte

hinter jedermann in dieser Zeit ein Gewehrlauf.

»Und Sie können mir nicht sagen --?«

Die Gruppe der Kinder stand immer noch neugierig abseits. Die Dame und

der Betrunkene, der hin und her schwankte und wahrscheinlich bald einige

Backpfeifen erhalten würde -- es war ungeheuer interessant.

»Sie meinen?«

Der Havelock hob die kleinen, schmutzigen Hände gegen die Hutkrempe,

einer Ohnmacht nahe.

»Es muß doch jemand die Polizei aufmerksam gemacht haben, nicht wahr?«

Ruth schrie ganz laut.

Welch eine deutliche, furchtbare Frage!

Der Havelock taumelte. Er kratzte die grauen Bartstoppeln, sein kleines,

bleiches Gesicht zuckt. Dann hob er den steifen Hut in die Höhe und

machte eine Bewegung, als wolle er zu tanzen beginnen, und plötzlich --

plötzlich fiel er in die Knie.

»Ich, ich!« rief er, krächzte er, den Hut in der Hand und nickte. »Ich!«

»Sie --?«

»Ja, ich! Ich!« Er rutschte auf den Knien näher und senkte voller

Zerknirschung den kleinen, bleichen Kahlkopf. Die Kinder lachten.

»Ja, ich, Gott sei mir gnädig!«

»Sie --!? Weshalb nur --?«

»Weshalb? Ja, ja --«

»Was hatte er Ihnen getan? Er?«

»Weshalb? Unerklärlich -- wie alles in dieser Welt. Wie alles -- völlig

unerklärlich -- ich liebe Sie ja, meine Dame, wie meine Tochter --«

»Hüten Sie sich!« Nun wird sie ihn an den Ohren packen, dachten die

Kinder erwartungsvoll.

»Wie meine Tochter -- unerklärlich!« schluchzte Herr Herbst, und der Hut

entfiel ihm. »Ich bin ein Verkommener.«

Die Kinder kreischten und klatschten in die Hände.

»Stehen Sie doch auf!« schrie Ruth. »Stehen Sie doch auf!« Und sie

schrie so laut, daß Herr Herbst sich tatsächlich taumelnd aufrichtete.

»Was Sie sind, das sehe ich ja. Ein Verkommener, sehr wahr, völlig

verkommen --«

»Ja, ja, ja!« Herr Herbst hob beschwörend die Hände. »Aber ich war nicht

immer wie heute, meine Dame. Mein Sohn ist gefallen, seine Mutter

. . .«

»Aber wissen Sie denn, was Sie getan haben?« unterbrach ihn Ruth außer

sich. »Wissen Sie es denn? Wissen Sie denn, wen Sie verraten haben? Sie

Judas Ischarioth?«

Bei dieser Schmähung prallte Herbst zurück.

»Wissen Sie es denn? Er war Jesus Christus, der wiedergekommen war, um

die Menschheit zu erlösen! Ja, das war er! Sie wußten es nicht!«

»Jesus Christus!«

»Und Sie -- ein Säufer --!«

Namenloser Schreck spiegelte sich in den kleinen, halbblinden

Trinkeraugen. Er glaubte, was Ruth, bleich und rasend, schrie -- und

auch Ruth glaubte es im Paroxysmus des Schmerzes.

Rasch wandte sie sich ab und eilte fort. Eingeschüchtert sah das

Häuflein der zerlumpten Kinder ihr nach. Sie waren verstummt, weil sie

sahen, daß die Dame, die mit diesem komischen Betrunkenen zankte,

plötzlich weinte.

»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich! Ein Prophet, ein

Seher, ein Heiliger war er!«

»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich!« rief Ruth vor sich

hin, und die Tränen stürzten über ihr bleiches, verklärtes Gesicht.

Selbst als sie in belebtere Straßen kam, rief sie ganz laut und

unaufhörlich die gleichen Worte.

Aber niemand beachtete sie sonderlich: man war es nachgerade gewöhnt,

daß Menschen vor sich hin sprachen und weinten.

5

Horch!

Das Feuer rollte.

Sie zerrissen die Eingeweide der Erde. Tag und Nacht wühlten

schweißüberströmte Leiber in den finstern Stollen der Tiefe, ohne Pause

klirrten die Förderkörbe in allen Erdteilen auf und ab. Die Hochöfen

spien Feuer über den Kontinenten, Ströme von flüssigem Metall flossen in

die Formen: Geschütze, Granaten.

Sie zerrissen ihre Gehirne. Die Ingenieure und Chemiker schliefen nicht

mehr, neue Maschinen, neue Sprengstoffe und Gase, immer fürchterlicher.

Hunderte von Millionen sannen nur Vernichtung, brüteten nur Tod: die

Völker der Erde waren Mördervölker geworden.

Tag und Nacht peitschten die Schrauben der Schiffe das Meer -- vorwärts!

Tag und Nacht flogen die Züge durch Europa, vorwärts. Das Meer zittert

und die Erde erbebt. Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde,

die Schätze der Welt. Sie hatten alle das gleiche Ziel.

Die Wolke!

Dort, dort, wo Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, die

Schätze der Welt, zu Staub zermalmt werden -- dort . . .

Schon färben sich die Flüsse rot, und auf den Meeren treiben Inseln von

Leichen. Frankreich verwandelt sich in eine Wüste, Deutschland in einen

Friedhof, die Welt in ein Lazarett.

Vorwärts, Soldaten! es soll sich entscheiden -- die Kanonen sollen die

Probleme lösen.

Die graue Limousine raste durch die glühenden Straßen Berlins.

Konferenzen, Besprechungen. Schwerdtfeger wischte sich den Schweiß vom

schmutzigen Gesicht. Auch er war um seinen Urlaub gekommen, aber

schließlich war er nichts als ein Chauffeur und konnte Gott auf den

Knien danken, daß er nicht da draußen fahren mußte, wo die Landstraßen

sich öffnen und Feuer speien.

Die graue Limousine raste über die Linden. Müde und abgespannt blickte

der General mit halbgeschlossenen Augen auf die Straße und gähnte.

Plötzlich galoppierte ein Berittener über den Reitweg, die Fußgänger

blieben wie auf Kommando stehen und gafften.

Der General setzte sich mit einem Ruck aufrecht.

Unerhört!

Am hellichten Tage! Unter den Linden!

Niemals hätte man so etwas für möglich gehalten.

Ein paar Dutzend junger Burschen und Mädchen, hundert vielleicht, nicht

mehr, eilten die Linden entlang und schrien. Eine Spritzwelle von

Menschen, die über die Linden fegte, nichts sonst. War es nicht

unerhört, daß jemand Unter den Linden schrie und die öffentliche

Aufmerksamkeit auf sich lenkte?

Der General rückte unruhig auf dem Sitz und blickte voller Empörung zum

Fenster hinaus. Aber in diesem Augenblick hoben sich die Fäuste der

jungen Burschen und Mädchen gegen ihn und schüttelten sich. Fassungslos

zog er den Kopf zurück. Ja, was geschah, was ging hier vor? Sie schrien

ein Wort, immer das gleiche Wort -- er verstand es nicht. Er wagte nicht

zu glauben, daß sie jenes Wort riefen -- es ist unmöglich!

Oben beim Schloß aber wurde er plötzlich ernst. Ah, seht an! Eine Kette

von Schutzleuten sperrte den Weg. Ein junger Bursche machte den Versuch

-- schon blitzte ein Säbel durch die Luft. Da lag er.

»Schlagt sie nieder!« schrie der General, purpurrot das Gesicht.

Und die Regierung?

Wütend lachte der General, wütend gegen Schwerdtfegers gekrümmten

Rücken.

Die Regierung?

Sie schläft.

Die Gaffer auf den Bürgersteigen bewegen sich wieder. Die Spritzwelle

hat sich verlaufen. Nichts ist geschehen.

Die graue Limousine raste weiter: Konferenzen, Besprechungen. Reserven!

Nachschub! Verpflegung! Munition! Pferde! Sitzung über Sitzung -- --

Vorwärts, Soldaten!

Die Schlacht brüllt, die Geschütze stampfen, kämpft, sterbt!

Schon runzelt der Divisionär am Telephon die Stirn, der Kommandeur

erbleicht am Scherenfernrohr: der Angriff am rechten Flügel stockt!

Vorwärts, Artillerie, wenn es sein muß, die eigene Artillerie soll euch

vorwärts treiben, wartet!

Kämpft, sterbt! Die Augen der ganzen Welt sind auf euch gerichtet.

Schon zittert die Börse, die Papiere fallen. Ihr werdet doch nicht, ihr

geliebten Helden? Ja, Helden! Drei Mark, drei Franken, drei Schillinge

und drei Dollar am Tage, Auszeichnungen, Triumphbögen, künstliche

Gliedmaßen -- ihr kennt doch unsere Tarife? Ihr werdet doch nicht --?

Kali, Kohlen, Kolonien . . .

Der Börsentelegraph tickt, Tag und Nacht, schon ist er erregt worden, es

bröckelt irgendwo ab, es knistert, er tickt, ah, dieses entsetzlich

erregte Ticken, ihr könnt es leider nicht hören im Kanonendonner, die

Börsen von Berlin, London, Paris, Rom, Neuyork -- schon hat sich ein

Bankrotteur eine Kugel in den Kopf geschossen -- und ihr zögert?

Die Kaiser und Könige träumen vom Einzug in die jubelnde Hauptstadt, die

Präsidenten träumen von dem Moment, da sie den glänzenden Seidenhut

hochheben, umbraust vom Beifallsklatschen.

Die Landesfürstin, höchsteigenhändig, die Gemahlin des Herrn

Präsidenten, höchsteigenhändig, wird euch die kleine Blechmünze auf die

zerschossene Brust heften --

Vorwärts, ihr Geliebten, ihr Herrlichen, Unvergleichlichen!

Die Greise, die die Geschicke dieser Welt lenken, hüsteln hinter den

gepolsterten Türen in ihre kalten wächsernen Hände. Sie sitzen an langen

polierten Tischen, mit rosaroten Kinderbäckchen, trommeln mit den

Fingernägeln, ungeduldig -- die Sekretäre, ohne Tadel, schleichen auf

den Zehenspitzen über das glänzende Parkett. Die Greise kritzeln mit der

Feder, werfen gebieterische Blicke.

Jedes Wort, das sie sprechen, bedeutet Tod, jeder Federstrich, jedes

Lächeln -- Tod, Tod -- sie aber leben.

Seit Monaten, seit Jahren, flimmert himmelhoch die Staubwolke über der

Walstatt, es regnet schwarzes Blut -- die apokalyptischen Reiter ziehen

über den Wolken dahin und gießen ihre Schalen aus über Europa. Gewogen,

gewogen und zu leicht befunden! Die Feuerschrift der Geschütze flammt am

verfinsterten Firmament.

Soeben ist das Kabinett der Greise zu einer neuen feierlichen Konferenz

zusammengetreten.

* * * * *

Reserven!

Die Hände des Generals zittern. Erregt wirft er die Telegramme auf den

Schreibtisch zurück. Fieberröte flammt über sein Gesicht.

Schon vor zwei Jahren hatte er eine Denkschrift eingereicht, und erst

kürzlich war er wieder darauf zurückgekommen. Er hatte den Vorschlag

einer Patriotin aufgegriffen, zwei Millionen Frauen in die Armee

einzustellen, für Wachtdienst, Etappe, Bureau. Zwei Millionen, zehn

Millionen, wenn man wollte! Aus den kräftigsten Frauen hätten sich auch

Kampfbataillone aufstellen lassen, ohne Frage. Die Frauen hätten

vorzügliches Material abgegeben. (Der General war gewohnt »Material« zu

sagen, wie alle Militärs.) Auch die Frauen, ohne jeden Zweifel, hätten

ihre Leiber voller Begeisterung den Kanonen entgegengeworfen!

Seine Denkschrift -- sie verstaubte irgendwo, mit abfälligen

Randbemerkungen versehen. Man hatte seinen Rat nicht beachtet -- wie man

Ratschläge überhaupt nicht zu beachten beliebte. Man wußte alles selbst,

wußte alles besser.

»Ich klingle bereits das zweitemal und Sie kommen nicht!« sagte der

General mit gerunzelter Stirn zu Weißbach.

»Es hat nur das einemal geklingelt, Herr General«, versicherte der

Adjutant.

Der General erhob sich -- sein Auge wuchs.

»Ach, nun fangen auch Sie an zu widersprechen.«

Der Adjutant schwieg und stand still. Seine Miene war bleich. Der

General streifte ihn mit einem Blick. »Nun sind auch Sie beleidigt,

Weißbach«, sagte er einlenkend. »Es fehlte noch, daß auch Sie beleidigt

sind.« Der Blick des Adjutanten strahlte Vergebung.

Mit zitternden Händen ging der General hin und her. Dann blieb er vor

Weißbach stehen und sagte ruhig: »Rufen Sie sofort alle Herren

telegraphisch aus dem Urlaub zurück! -- Wir müssen unsere Anstrengungen

_verdoppeln_!« fügte er schreiend hinzu.

Reserven? Als ob nicht alles Grenzen hätte. Und welchen Ton sie

neuerdings beliebten? Man hatte alles, was nicht umfiel, eingezogen,

hatte die Lazarette ausgefegt, Fiebernde aus den Betten gerissen, vom

Operationstisch hatte man die Leute fortgenommen, ohne jede Rücksicht.

Und Reserven?

Ja, es gab einfach keine Reserven mehr, das allein war die Wahrheit!

Das Telephon schrillte . . .

Im gleichen Augenblick wurde es draußen stockfinster, und ein

knatternder Donner sprang mit teuflischem Gelächter über das Dächermeer

von Berlin dahin. Gott sei Dank; die Hitze war unerträglich geworden.

6

Über den Potsdamer Platz schwang sich an Krücken ein Krüppel. Er

berührte nur mit der rechten Fußspitze den Boden. Ein kleiner fahler

Schatten schwang unter ihm.

Alle Passanten, wenige, sehr wenige, zertraten unter ihren Füßen einen

ebenso fahlen, zusammengeballten Schatten. Es war Mittagszeit, der

Himmel war mit einem Dunstschleier bedeckt, durch den die Sonne

blendete. Welche Hitze?

Der Krüppel schwang sich die Leipziger Straße hinauf.

Auch diese Straße war leer! Wenige Menschen, leere Straßenbahnen. Berlin

war wie ein Friedhof, den nur dann und wann ein Grüppchen von

Hinterbliebenen besucht.

»Ja, ein richtiger Friedhof!« sagte der Krüppel.

Die wenigen Menschen schlichen, den Blick zu Boden gesenkt, dahin,

scheu, ängstlich. Mit zitternden Händen griffen sie nach den

Mittagszeitungen, warfen einen Blick hinein, falteten sie mutlos

zusammen.

Krieg, Hunger, Tod -- Tod, Hunger, Krieg . . .

Vor wenigen Wochen noch hatte die Hoffnung die Stadt neu belebt. Die

feindlichen Reserven waren aufgerieben, England stand vor dem Abgrund.

Ja, was blieb also noch viel zu tun übrig? Die Zeitungen schrieben es,

ein Minister sogar verkündete es -- nun schien aber doch nicht alles in

Ordnung zu sein.

Wie Berlin vor Wochen gejubelt hatte, Tausende von Gefangenen, Hunderte

von Geschützen, so jubelten jetzt Paris, London, Neuyork. Berlin aber

war still geworden.

Ein Friedhof bei Tag, ein Friedhof bei Nacht. In den Nächten war häufig

ein Donnern in der Stadt zu hören, ein Grollen, und die Schläfer fuhren

erschrocken in die Höhe -- horch!

Der Krüppel schwang sich an seinen Krücken die Wilhelmstraße hinauf.

Hier, bei den Regierungsgebäuden, war es noch stiller. Kein Mensch. Nur

ein Hund ging, mit Verlaub zu sagen, von Eckstein zu Eckstein.

Der Krüppel bog in die Linden ein und näherte sich der grauen Limousine,

die vor Stifters Diele stand. Er strich neugierig um den Wagen herum.

Schwerdtfeger saß im Schatten des Autos auf dem Bürgersteig und nahm wie

gewöhnlich sein Mittagessen ein, ein Stück Brot mit etwas Käse, weiter

reichte es nicht. Wie alle Soldaten erhielt er zwei Mark dreiunddreißig

Pfennige am Tage und zwei Mark Verpflegungsgelder dazu.

Augenblicklich sprang Schwerdtfeger auf und nahm Haltung an. Der Krüppel

war Offizier, Schwerdtfeger hatte ihn früher schon einmal gesehen. Ja,

wie ein Gymnasiast, mit schneeweißen Haaren, großen, fiebernden Augen

und kreidigem Gesicht, das unaufhörlich zuckte.

Der Krüppel schwang sich in Stifters Diele.

Hier, in einer halbdüstern Nische des vornehmen Restaurants, sah er ein

erdiges Gesicht mit schwarzen Augenhöhlen und einem Blick, der brannte,

ohne etwas zu sehen.

Auch Stifters Diele war fast leer.

»Ist es erlaubt?« fragte der Krüppel.

Das erdige Gesicht mit den schwarzen Augenhöhlen kam in Erschütterung,

aufs tiefste erschrocken, die brennenden Augen, die nichts sahen,

glitten prüfend über das Gesicht, das ohne Pause zuckte, über das

schneeweiße Haar dieses Gymnasiastenkopfes.

»Ich hatte die Ehre --« Das zuckende Gesicht versuchte zu lächeln.

Da sah der General, daß es Hauptmann Wunderlich war.

»Ist es möglich? Es ist so dunkel hier. Bitte Platz zu nehmen -- bitte

mir die Freude zu machen, mein Gast zu sein, Hauptmann Wunderlich.«

Hauptmann Wunderlich lehnte die Krückstöcke an die Wand und zog sich an

den Armlehnen des Sessels in die Höhe. Nie hatte der General die Krücken

Wunderlichs erblicken können, ohne ihn ganz im geheimen um sie zu

beneiden.

»Also in Berlin?«

»Ja. -- Ich bin fertig!«

»Fertig?«

Wunderlichs Gesicht zuckte. Der Blick seiner großen Knabenaugen

fieberte.

»Die Nerven«, sagte er. »Fertig! Leider, aber nicht zu ändern.

Zusammengebrochen!« --

Aber, seht an, auch die Hände des Generals zitterten, und es schien, als

ob es dem General Schwierigkeit bereitete, zu sprechen, er stammelte,

stotterte, suchte nach Worten. Wo war die wunderbare Ruhe und Sicherheit

des Generals hingekommen?

»Also nicht zufrieden mit den Nerven? Auf Urlaub?« Der General füllte

mit zitternder Hand Wunderlichs Glas. »Auch hier in Berlin sind wir --

überarbeitet, dazu die Hitze. Und an der Front?«

Flüstern.

»Scharen von Fliegern! Kämpfe in drei Etagen -- in zwei-, drei- und

viertausend Meter Höhe -- für eine abgeschossene Maschine zehn neue --

Kämpfe auch in der Nacht --«

»Auch in der Nacht?«

»Und Bombengeschwader -- in jeder Stunde der Nacht -- keine Ruhe mehr in

den Quartieren und Lagern -- kein Schlaf . . .«

»Hm.«

Der Kellner servierte.

Mit verzerrtem Gesicht berichtete Wunderlich. Er murmelte, damit niemand

in der Diele ihn hören konnte.

»-- allein fünfzigtausend Mann durch Gefangennahme verloren in drei

Tagen, fünfhundert schwere Geschütze --«

»Ich weiß, weiß.«

Flüstern.

»-- die Lazarette ohne Leinen, die armen Kerle in ihren schmutzigen

Uniformen -- Papierverbände, nackt begraben . . . Pferdefleisch --«

»Pferdefleisch?«

»-- erst die Zunge, jeder ein Stück, mit dem Messer -- in einer Minute

liegt nur noch das Skelett des Pferdes da --«

»Hm.«

»-- und die Pferde fallen zu Hunderten, Tausenden. Ohne jede Kraft --«

»-- und Gelbkreuz, Blaukreuz?«

»Keine besonderen feindlichen Verluste. Man findet die Batterien

verlassen. Aber dahinter stehen neue.«

»Und der -- Geist der Truppe?«

»Herrlich -- wunderbar, wie immer. Kämpfen bis zur Erschöpfung. Ohne

ordentliche Verpflegung, seit Wochen ohne Ablösung . . .«

»Einzelne Divisionen nur noch Stäbe -- Feldküchen, Kraftfahrer . . .«

Flüstern. Raunen. Der General setzt den Kneifer auf und blickt

argwöhnisch aus der Nische. Überall Lauscher. Wenn der Feind _das_

erführe --!

»Eineinhalb Millionen amerikanischer Truppen --«

Plötzlich zieht der General die Uhr und erhebt sich rasch. Seine Hände

sind eisig kalt. Er schwankt beim Hinausgehen.

Und die graue Limousine rast durch die glühenden Straßen: Sitzungen,

Konferenzen . . .

* * * * *

Geschrei . . .

Geschrei in den Wolken. Verflucht die Welt, verflucht die Erde!

Verflucht Könige, Präsidenten und Minister. Verflucht!

Betrogen um unser Leben, geopfert dem Wahnsinn!

Die Millionen der Gefallenen, Geschlachteten, Millionen und abermals

Millionen, fahren über Europa dahin, in ihren armseligen Lumpen,

zerfetzt ihre Leiber und schreien. Sie verdunkeln den Himmel.

Betrogen, betrogen!

Fluch auf euch!

Aber die Front donnert, und unendlich steht die Staubwolke über der

Walstatt.

Nun fällt der Tau, die Nacht sinkt herab. Der Horizont funkelt, Feuer

loht über das Gewölk, die Geschütze brüllen. Riesengroß steht Ackermanns

Geist über dem Schlachtfeld, und lauter als die Geschütze schallt seine

Stimme.

»Völker der Erde -- Söhne von Müttern -- Brüder . . .«

Furchtbar fauchen die Granaten um ihn. In seinem weiten grauen Mantel

steht er, die Hände erhoben, seine Augen sind sprühende Sterne. Stahl,

Feuer, Gase? Was wollen sie noch von ihm? Lauter als die krachenden

Granaten tönt sein Ruf.

»Brüder!«

Und die schweißbedeckten Soldaten in den Laufgräben, Erdlöchern,

Batteriestellungen lauschen. Welche Stimme?

Ackermanns Geist trägt die Verwundeten über das Schlachtfeld, fällt den

Rasenden in den Arm, die den hilflosen Gegner niederschlagen wollen,

führt die Hand des Arztes, der den blutenden Feind verbindet. Ackermanns

Geist berührt die Toten, die mit offenen Augen liegen, Deutsche,

Franzosen, Inder, Amerikaner, Engländer, Neger, Kanadier, Australier,

und spricht: ihr alle werdet auferstehen am Tag der Versöhnung, ihr

Heiligen und Märtyrer!

Ackermanns Geist erfüllt die finstere Wolke, die über der Walstatt bis

zu den Sternen lodert, und schon -- schon dämpft sich der Lärm der

Geschütze. Schon schweigen sie . . .

Aber die Greise, die einen leisen Schlaf haben, fahren erschrocken auf

in ihren Betten, lauschen und drücken auf die Klingel.

Wiederum beginnen die Geschütze fürchterlich zu toben.

Die Menschen lieben Macht und Glanz, wie Kinder. Leicht sind die Völker

zu verführen -- aber wehe denen, die sie verführen!

7

Nein, es ging nicht mehr! An einem Sonntagnachmittag schickte der

General den Wagen wieder fort. Es geschah zum ersten Male seit Monaten.

Vor Erschöpfung sank er um. Augenblicklich fiel er in Schlaf, und er

schlief, röchelnd und stöhnend, den ganzen Nachmittag bis in den Abend

hinein.

Als er wieder erwachte, war das Zimmer voll schwerer Dunkelheit.

Verstört fuhr er auf. Sein Kopf war dumpf, glühendheiß. Der Schweiß rann

über sein Gesicht.

Zehn Uhr! Sollte man es für möglich halten? Sieben volle Stunden hatte

er geschlafen! Ein Unbehagen war aus dem Schlaf in ihm zurückgeblieben

-- etwas Schweres, Bleischweres -- was war es doch? Hatte er geträumt?

Das Haus war heiß wie ein Backofen, unerträglich. Er machte sich rasch

zum Ausgehen fertig.

Auf der Treppe stockte plötzlich sein Schritt. Die Stiefelspitze zuckte

zurück, als habe er auf der Stufe irgendein ekelhaftes Insekt bemerkt.

Ja, ein häßlicher Traum, in der Tat, widerwärtig! Das Siegesgespann auf

dem Brandenburger Tor -- es war herabgestürzt, und sein Auto war von dem

Trümmerhaufen, den Gaffer umstanden, aufgehalten worden. Welch ein Chaos

und diese aus den Trümmern vorstehenden Pferdebeine! Und der

Trümmerhaufe hatte sonderbarerweise fast den ganzen Pariser Platz

bedeckt, ein förmlicher Berg --

Auf der Straße war die Luft herrlich und erfrischend -- schon etwas

herbstlich. Es mußte kurz vorher geregnet haben, das Pflaster war noch

feucht. Über den Tiergarten flog rasch der Mond dahin, umwirbelt von

kleinen Wolken, wie in einem Schneegestöber. Eine Droschke, ein paar

Spaziergänger, tiefe Ruhe.

Der General ging langsam dahin und atmete die Frische des Abends ein.

Bald hatte er auch das Unbehagen überwunden, das aus dem widerwärtigen

Traume zurückgeblieben war. Er fühlte sich durch den langen Schlaf

erfrischt, die abgehetzten Nerven waren ruhiger geworden. Die Gedanken

gehorchten.

Er nickte vor sich hin. Klar stand es vor seinen Blicken, unheimlich

klar, erschreckend klar. Es war gar nicht erst nötig, daß dieser

Wunderlich kam und ihm noch diese fürchterlichen Fingerzeige gab. Nein.

Er blieb stehen.

»Napoleon hatte wenigstens den Winter als Entschuldigung für sich«,

raunte er vor sich hin, voller Verachtung.

Nun ging er wieder einige Schritte und nickte: »Sie lassen sich schlagen

-- regelrecht schlagen!« Ja, das war es.

Hatte er nicht immer gewarnt?

Diese ganze Offensive -- glatter Wahnwitz! Unvermeidlich große Verluste,

eine unsinnige Verlängerung der Front -- keines der strategischen Ziele

erreicht, der Angriff immer mehr nach Süden abgeglitten. Der Durchstoß

zum Meer, die Abdrosselung der englischen Armee -- alles mißglückt. Und

was hatten sie, die Frage war wohl erlaubt, abermals an der Marne zu

suchen gehabt? Eine Riesenausbuchtung der Front, gespeist von einer

einzigen schwachen Bahnlinie. Wie? Weshalb? Unverständlich!

Aber selbst wenn diese verfehlte Offensive gelungen wäre, angenommen --

was dann? Sie hatten ja nichts mehr in der Hand -- nichts mehr, um den

Erfolg auszuwerten. Die andern dagegen: Amerikas unerschöpfliches

Reservoir an lebendem und totem Material, kaum angebrochen --

»Ja, schlagen, diese Gottähnlichen --!«

Würde man ihm heute ein Frontkommando anbieten -- danke, danke ergebenst

. . .

War er nicht immer dafür eingetreten, zurückzugehen auf befestigte

Stellungen, zur Maas, zum Rhein, wenn es sein mußte, und den Feind

anlaufen zu lassen? Millionen hätten sie noch opfern müssen! Jahrelang

konnte man sich halten, und eine ungeheure Manövrierarmee war frei für

politisch-militärische Aktionen in Italien, Mazedonien, der Türkei.

Plötzlich aber blieb der General verwundert stehen:

Licht? Bei Dora Licht?

In seine Gedanken versunken, war er bis zur roten Backsteinvilla

gegangen, ohne jede Absicht.

Er sollte den heutigen Abend eigentlich bei Dora verbringen, aber sie

hatte ihm gestern abgeschrieben, da sie aufs Land reisen wollte.

Erfreut, Dora zu Hause zu wissen, trat er ein. Seine Sorgen, die

Gedanken, die ihn folterten, das Gefühl der Einsamkeit, das ihn marterte

in letzter Zeit --

Die Haustüre stand offen. Niemand war in der Diele, das Licht brannte.

»Petersen!«

Aber niemand kam. Stille.

Aus der oberen Etage, die dunkel lag, klang ein sonderbarer Ton. Wie das

Klagen eines Vogels, der immer den gleichen hilflosen, wehmütigen Schrei

ausstößt, ein gefangener Vogel, der den Tod fühlt und nur noch einen

Klagelaut hervorbringen kann. Eine Geige. Es war Hauptmann v. Dönhoff,

der zurzeit hier Wohnung genommen hatte -- bis er etwas Geeignetes fand.

Zweihundert schöne Frauen, zwei Elefanten und ein Nashorn -- und jetzt

trug er also eine schwarze Brille und fing an, die Geige zu lernen. Er

übte von früh bis nachts.

Der General legte ab und öffnete die Türe, die zum Zeltzimmer führte.

Auch in dem kleinen Vorraum brannte Licht. Der verzückte Heilige in

seinem zinnoberroten Rock schwang mit rasender Gebärde sein Buch -- ein

blinder Spiegel -- der General schlug den Vorhang zur Seite -- auch im

Zeltzimmer war Licht, die blaue Deckenampel brannte. Aber niemand war zu

sehen.

Da hörte er Doras Lachen und eine Männerstimme.

Er schrak zusammen. Hatte sie Gäste? Wer war hier? Es war wohl besser,

wieder hinauszugehen und Petersen zu suchen. Vielleicht war er im

Garten? Ja, wo war er eigentlich, dieser Petersen, das Haus offen, jeder

Einbrecher konnte hereinkommen.

Fern, ganz fern klang das monotone Klagen des unglücklichen, gemarterten

Vogels, der seinen Schmerz in dem ewig gleichen Ton ausdrückte.

Der General war verwirrt. Es fiel ihm schwer, einen Entschluß zu fassen.

Schließlich -- hatte Dora Geheimnisse vor ihm? Plötzlich erinnerte er

sich all der kleinen Widersprüche, der unbedeutenden, gänzlich

unbedeutenden Begebenheiten, die ihn zuweilen, besonders in letzter Zeit

beunruhigt hatten. Sie war also nicht auf dem Lande, und doch schrieb

sie --

Ja, schwer einen Entschluß zu fassen. Wie viele Gäste mochten es sein?

Er roch den Duft von brennendem Reisig. Dora liebte es, mit Feuer zu

tändeln und Reisig und Tannenwedel im Kamin zu verbrennen.

Schweigen da drinnen. Das Feuer knisterte -- der Feuerschein flackerte

über den Boden, und der Vogel klagte in der Ferne.

Der General wandte sich zum Gehen -- aber da, gerade in dem Augenblicke,

da er den Fuß rückte, um hinauszugehen und Petersen zu suchen -- gerade

in diesem Augenblick fesselte etwas seine Aufmerksamkeit im höchsten

Maße: in der lichten Spalte des Vorhangs, neben dem bauschigen schwarzen

Kissen, das auf dem Teppich drinnen lag -- erschien ein himbeerfarbener

kleiner Seidenpantoffel.

Er hypnotisierte den General. Dieser kleine Seidenpantoffel bewegte

sich, als sei er lebendig -- ein Fuß wurde sichtbar, ein Knöchel . . .

trug sie fleischfarbene Seidenstrümpfe, oder was war es?

Nun erschien eine Hand, eine volle, gepflegte Hand, Doras Hand, und

diese Hand warf mit einem kleinen Schwung eine angerauchte Zigarette in

die Richtung des Kamins. Wieder bewegte sich der kleine himbeerfarbene

Seidenpantoffel. Der Saum eines hellroten durchsichtigen Gewandes wurde

sichtbar --

»Das ist ganz unmöglich!« sagte Dora laut und offenbar etwas ärgerlich.

»Ich bitte dich, gewisse Rücksichten --«

»Rücksichten?« lachte eine Männerstimme. »Es ist töricht, ewig

Rücksichten zu nehmen, Dora!«

Diese Stimme! Der General erbleichte.

Da knurrte ein Hündchen. Butzi, der Griffon, war erwacht und knurrte.

»Schweig!« sagte Dora.

Aber Butzi schwieg nicht. Im Gegenteil, er begann plötzlich mit heller

Stimme wütend zu kläffen.

Der himbeerrote Seidenschuh verschwand.

»Ist jemand da? Komm, Butzi, Liebling.«

»Wer soll da sein?«

Der General wich zurück. Er war wie gelähmt. Aber trotzdem wich er

zurück. Doch schon war es zu spät. Jemand stand auf, ein Schritt näherte

sich, lautlos --

* * * * *

Ja, es war zu spät! Der lautlose Schritt war nun ganz nahe. Und eine

Hand raffte den Vorhang auf.

Der General wich noch einen Schritt rückwärts, soweit ihn seine

gelähmten Glieder trugen. Er rang nach Luft, die Uniform schnürte seine

Brust ein -- plötzlich hörte die Geige in der Ferne auf zu klagen.

Der 9. November: Roman · 第 57 / 74 题