1
Von Horizont zu Horizont rollt das Feuer.
Staub und Qualm -- brennende Menschen stürzen aus dem Himmel, ein
Hagelsturm von zerfetzten Menschenleibern fegt über die Erde.
Die Luft wettert von rasenden Donnerschlägen, die glühenden Geschütze
taumeln voll Wut, ferne grollt das böse Raubtierknurren der schwersten
Kaliber. Die Erde schwankt, das Gebäude der Atmosphäre gerät ins Wanken.
Lawinen, Bergstürze, der Vulkan speit. Seit Wochen, seit Monaten.
Horch! Horch -- horch! Schreie, damit ich dich verstehe --! Was sagst
du? Es ist die Stimme Europas -- sehr wohl! Es ist die Stimme der
Habgier, des Geldes -- noch besser . . .
Schiefergrau und rostbraun, in jeder Sekunde neu genährt von Qualm, wogt
von Horizont zu Horizont, unendlich, die fürchterliche Wolke über der
Walstatt. Die Landschaft selbst runzelt die Stirn, gealtert, zermürbt,
zerknittert und vergrämt.
»Ungemütlich, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk, genannt die
Feuerwalze -- »es beginnt ungemütlich zu werden hier außen! Heute morgen
einige tausend Granaten auf unsern Abschnitt, die nicht von schlechten
Eltern waren. Ringsum Leichen, auch die Lebenden, der Divisionär,
vierzig Stufen unter der Erde, ebenfalls eine Leiche! Er stammelt nur
noch, schwere Sprachstörung. Ich schreibe dir, um die Nerven zu
behalten. Was ist los? Wir liegen hier in Granatlöchern, keine Gräben
mehr und Drahtverhaue, die gemütlichen Zeiten sind vorüber -- alle
fünfzig Schritt ein Mann, schwere Maschinengewehre, leichte
Maschinengewehre. Im Hintergelände weit und breit keine Menschenseele --
nur Feldküchen und Verbandplätze -- kein Mensch, was soll das bedeuten?
. . .«
Die schiefergraue und rostbraune Wolke flimmert, endlos, bis in den
schwarzen Äther empor. Schwingen von aufgescheuchten Vogelschwärmen
blitzen darin -- das sind die Flieger. Qualm faucht auf, da oben in der
flimmernden Wolke, Qualm schießt finster durch die Luft, stürzt zur
Erde: ein Mensch, lichterloh brennend eilt über das Feld, taumelt,
brennt, qualmt, kohlt --.
Horch, horch! Ja, schreie, sonst höre ich dich nicht! Stimme des Geldes,
sehr wohl -- die Mark, die Francs, die Pfunde, Dollars, sie brüllen --
es sind auch die Millionenvölker Europas, die nach Nahrung brüllen,
vergiß es nicht -- und das trockene Schießpulver, der Aberwitz, er lacht
aus den Feldgeschützen.
»Die gute alte Zeit, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk in seinem
Erdloch -- »sie ist endgültig vorbei. Schade! Ringsum schreien Menschen,
aber ich kann ihnen nicht helfen, bevor es Nacht wird. Ich sitze mitten
im Rauch. Mein Leutnant übergibt sich, er hat Gas geschluckt, Gott helfe
ihm, ich kann gar nichts für ihn tun. Ich schwitze entsetzlich in meiner
Gasmaske. Gestern sollten wir fünfhundert Flaschen Sodawasser bekommen,
aber ein Volltreffer hat sie auf der Chaussee vernichtet. Die Zungen
hängen uns heraus. Was für ein Staub! Dank, alter Junge, für den Kognak!
Es war eine Freude. Wir hatten zwei gefangene Engländer in unserem
Granatloch, auch sie bekamen einen Schluck aus der Flasche, mußte
schwören, sie nach dem Kriege in England zu besuchen. Hoffe in einigen
Tagen in Berlin zu sein. Seit einer Woche sollen wir abgelöst werden,
aber niemand zeigt sich, obwohl es uns feierlich versprochen wurde. Die
Sache gefällt mir nicht, alter Junge. Stelle die Flaschen kalt, du
erhältst Telegramm. Grüße Bussi! Hoffentlich kommt der Brief durch. Man
braucht hier zwei Stunden für einen Kilometer.«
Bussi? Bussi? Wer ist Bussi? Niemand weiß es, offenbar eine Dame, aber
es tut schließlich nichts zur Sache.
Wie ein blutüberströmtes Antlitz sank die Sonne hinter der endlosen
flimmernden Staubwolke. Rasch kam die Nacht. Aber die Geschütze wüteten
weiter. Schweiß badete die Gesichter der Kanoniere. Die Brandung aus
Eisen und Blut rollte fürchterlich in der Dunkelheit.
Schon stiegen die Leuchtkugeln, da, dort, überall, glühend in allen
Farben. Ein Netz von Blitzen geisterte. -- --
* * * * *
Die Raketen zischten in die Höhe und zerplatzten mit einem leichten
Knall am Himmel. Trauben von silbernen, violetten, lichtblauen und
bengalisch roten Christbaumkugeln sanken mild durch das tiefe Blau der
Nacht.
»Ein Feuerwerk!«
Die Kapelle spielte. Vor dem Kurhaus zerschmolzen die hellen Kleider und
grellen Mäntel und Jacken im gleißenden Licht der Bogenlampen. Hier
außen am Strand aber war es ganz still, dämmerig, nur der Mond und das
glitzernde Meer. Der Geruch von Tang und Salz in der lauen Luft. Ohne
Pause glitten lautlos die silberschäumenden Wellen über den Sand und
breiteten ihr gleißendes Schleiergespinst aus. Klein und hoch der Mond,
und schaukelnde Scherben von Silber sein Spiegelbild.
Plötzlich zischte es, eine Rakete fuhr zu den Sternen empor. Eine Gruppe
von sprühenden Funken erschien am blauen Nachthimmel, trieb, heller als
die Gestirne, im leichten Wind sanft dahin und erlosch allmählich.
Aus einem Strandkorb fuhr eine silberne Larve, eine Hand, blitzend von
Steinen, erschien. »Brillant!«
Es war Herr Olsen aus Kopenhagen, zurzeit in einem deutschen Ostseebad,
der den Zauber des fliegenden Sternhaufens bewunderte. Er streckte den
blonden Kopf heraus, strampelte mit den weißen Hosen und erschien
persönlich im Mondlicht. Er war nahezu zwei Meter hoch, und sein
Schatten ging vollkommen über die Sandburg »Lüttich« hinweg. Er war ein
hübscher, junger Mann, frisch, kindlich und gutmütig. Mit strahlender
Miene und blinkenden Zähnen verfolgte er die bunten Kugeln am Himmel.
Herr Olsen lebte noch in der Welt des Friedens. Er sprach nie vom Krieg,
erzählte nichts von Schützengräben, las keine Berichte und quälte sich
nicht mit Kombinationen -- er studierte höchstens die Börsenberichte und
kaufte deutsches Geld, wenn es Vorteil versprach. Wer den Krieg gewann,
das war ihm höchst einerlei, zu welchem Zwecke er geführt wurde,
berührte seine Seele nicht im mindesten. Herr Olsen war -- nun, dies ist
der etwas triviale Ausdruck seiner Begleiterin -- durch und durch
Friedensware. Seine soliden Schuhe, seine sechs verschiedenen Mäntel,
der Ausdruck seines Gesichts, Augen, Sprache, Lächeln, Gedanken -- alles
Friedensware, selbst Farbe und Glanz seiner Haut und seiner Haare,
unwiederbringlich dahin bei den deutschen Männern. Er war mit einem Wort
eine Sehenswürdigkeit.
Seine Begleiterin, im Schatten des Strandkorbes gegenüber, lachte. Ihre
Augen sprühten im Mondlicht.
Dieses Lachen?
Dieses Lachen! Dora --?
Ja, Dora! Und nun streckte sie ihr Silberlärvchen in das Mondlicht, und
ihre etwas runde Hand tauchte in die gleißende Helligkeit. Ihr heller
Haarschopf flimmerte.
Sie lachte über Olsens kindliche Freude an den bunten Christbaumkugeln
da oben. In seiner Nähe atmete sie leichter, er hatte eine ganz andere
Atmosphäre um sich wie andere Männer. So zum Beispiel Otto, der einige
Tage hier gewesen war.
Herr Olsen streifte seine Dame mit einem fragenden Blick. Weshalb mochte
sie nur lachen? Selbst die Strahlen des Mondes, die nach Doras Augen
zielten, vermochten nicht ihr tiefes, seltenes Blau zu dämpfen.
Herr Olsen kroch wieder in den Schatten des Strandkorbes zurück und
begann sogleich voller Eifer die unterbrochene Unterhaltung
fortzusetzen. Es handelte sich darum, ob Dora ihm, Herrn Olsen riet,
sich ein Gut in Deutschland zu kaufen. Das deutsche Geld war ja jetzt so
lächerlich billig. Herr Olsen sprach nur von seinen eigenen
Angelegenheiten, fremde Schicksale, das Schicksal des deutschen Volkes,
das Schicksal Europas, das Schicksal des Planeten, das war ihm alles
höchst einerlei. Herr Olsen war der Mittelpunkt der Erde.
»Aber Sie müssen mir versprechen, mich dann zu besuchen? Ach, es wird ja
so schrecklich langweilig sein.«
»Wenn Sie artig sind?«
»Artig? Ich will wie ein kleines Hündchen sein, so artig!« beteuerte
Herr Olsen, und wieder fuhr sein Silberkopf aus dem Strandkorb.
Ja, nun war es also Herr Olsen, der sich, Dank der Gnade des Himmels,
seine Friedensseele bewahrt hatte.
* * * * *
Feuerbalken schossen über den Horizont, und das fürchterliche
Wetterleuchten setzte nicht eine Sekunde aus. Hauptmann Falk konnte ganz
gut dabei schreiben. Die Leuchtkugeln sprühten wie Leuchtfeuer, die
plötzlich über dem Meer erglühen. Aus der Höhe beim Nachbarregiment
fuhren Bündel von roten Signalen, und die Artillerie wirbelte. Ein
Feuerloch glühte auf, das waren die Einschläge.
Ein Gespenst kroch über das Feld, versank, kroch, huschte. Es war
Hauptmann Falk. Obschon gefeit -- er glaubte es -- nahm er sich doch in
acht, denn es konnte ja durch einen Zufall ein Unglück geschehen. Er
glitt die Schützenlinie entlang. Hier schüttelte er Schlafende -- aber
sie erwachten nicht mehr. Aber er traf auch Gruppen, deren Augen hell
wie Sterne im Schein des Geschützfeuers sprühten. Es waren wunderbare
Menschen! Ohne einen Tropfen Wasser seit drei Tagen!
Da duckte er sich zusammen. Pechschwarz, von roter Lohe durchglüht,
stieg der Einschlag in die Höhe. Ja, ungemütlich, höchst ungemütlich.
Die Blitze geisterten.
Auf allen Straßen knarrten jetzt die Wagen. Hier und drüben bei ihm.
Munition, Verpflegung, Verwundete, die ganze Nacht hindurch.
Hunderttausende von Wagen knarrten durch die Dunkelheit. Der Himmel
erdröhnte, die Bombengeschwader waren unterwegs. Die Mützen über die
geschorenen Schädel gezogen, die Nase im Wind, jagen die
Befehlsempfänger die Straße hinab. Klein und hoch geht der Mond, Blitze
wehen, Feuer sprüht im Walde.
2
Der Tiergarten fröstelte. Unerträglich heiß war es am Tage gewesen, und
nun war es plötzlich kühl geworden. Irgendwo in der Nähe von Berlin
mußten schwere Gewitter niedergegangen sein, aber man hatte nur zuweilen
das tiefe Donnerknurren gehört.
Vor der roten Backsteinvilla in der Lessingallee, mit Efeu überwuchert,
hielt eine Droschke.
Händeklatschen. »Petersen! Petersen!« Eine helle Stimme.
Schon öffnete sich die Türe, und Petersen in seinem Zebrakittel eilte
auf die Straße.
Ein Offizier stand bei der Droschke, mit einer schwarzen Brille, eine
kleine Reisetasche in der Hand.
»Nun, Petersen, alter Knabe, Sie kennen mich wohl nicht mehr?« Eine
hohe, fremde Stimme.
»Herr Hauptmann?« rief Petersen erstaunt und erschrocken aus. Was tat er
hier, was wollte er hier? Schon vor dem Kriege hatte er ja nicht mehr
hier gewohnt.
»Welche Überraschung, Herr Hauptmann!«
»Ja ja, Petersen -- so geht es -- wenn man sich lange nicht sieht. Meine
Frau --?«
»Im Bade, Herr Hauptmann. Kommt morgen!«
»So? Nun, ich werde nicht stören. Nur ein paar Tage, bis ich eine
Wohnung gefunden habe. Na, und es geht immer gut, alter Petersen?«
»Danke, Herr Hauptmann, sehr gut, danke!«
Petersen nahm die Reisetasche, und Hauptmann v. Dönhoff stolperte die
Treppe hinauf.
»Ah, wie dunkel! Ihr habt wohl eine Kleinigkeit zu essen für mich? Den
ganzen Tag im Zuge --«
Wie leer diese Stadt, wie ausgestorben! Hauptmann Dönhoff _roch_ die
Stille und Ausgestorbenheit. Berlin war tot, ohne Zweifel. Hier und da
ein Schritt, ein zögernder, nachdenklicher, mutloser Schritt. Ja, mutlos
gingen alle diese Schritte in den dunkeln Straßen dahin, mutlos und
bestrebt, keinen Lärm zu machen.
Und früher, früher!
Auch dieses Haus, sein früheres Haus -- totenstill. Welche Feste hatten
sie hier gefeiert. Er hörte sein früheres Lachen! Zweihundert schöne
Frauen hatte er besessen, siebzig Rennen gewonnen, zwei Elefanten und
ein Nashorn geschossen, als einer der ersten war er in Deutschland
geflogen, einer der Entdecker des deutschen Himmels -- ja, es hatte sich
manches geändert.
Aber den Geruch des Hauses erkannte er sofort wieder. Doras Parfüm und
eine gewisse Schwüle.
»Hoppla, Petersen --« Er stieß gegen ein Tischchen in der Garderobe.
»Ich sehe etwas schlecht, bis man sich wieder eingewöhnt.« Immer sprach
er mit einer hohen, fremden Stimme, hastig, unsicher, wie ein Mensch,
der sich _schämt_.
Petersen eilte in die Küche und machte Zeichen mit den Fingern vor der
Stirn.
»Er ist -- so wahr mir Gott helfe, nein, was wird die Gnädige sagen? Was
will er hier? Sie sind doch getrennt. Aber sehen Sie doch selbst. Er
ist, mein Himmel, wie merkwürdig --«
Mina also, neugierig wie sie war, mußte sich ihn selbst ansehen.
Sie fand Hauptmann v. Dönhoff auf einem Sofa, eine Zigarette rauchend.
Er richtete, als sie eintrat, die dunkle Brille auf sie, lächelte, und
sie konnte vor Schreck keinen Ton hervorbringen. Der Gruß blieb ihr im
Halse stecken. Sie hätte ihn -- bei Gott -- nicht wieder erkannt: grau,
völlig grau, fast weiß, gelb, alt, um zwanzig Jahre älter mindestens!
Und dieses Lächeln des welken Gesichts, diese Falten um den Mund -- nur
solche Leute konnten so lächeln, nur solche -- Petersen hatte recht.
Mein Gott, welche Angst sie hatte! Weshalb mußte sie auch gleich
hereinlaufen.
Hauptmann v. Dönhoff gähnte. Er blickte sie durch die dunkle Brille an,
verfolgte jede ihrer Bewegungen. Dann sagte er lächelnd: »Na, also,
Petersen, alter Knabe, erzählen Sie doch, was es Neues gibt in Berlin?«
Petersen! Er hielt sie für Petersen!
Vor Schrecken hätte Mina beinahe einen Teller fallen lassen.
* * * * *
Und das Feuer rollte.
Wie ein blutüberströmtes Antlitz stieg die Sonne aus der endlosen
Staubwolke empor. Die in der Nacht fielen, waren jetzt schon kalt. Auf
den Chausseen lagen in Stücke zerrissene Pferde und Männer, zertrümmerte
Wagen und zerschmetterte Bäume; ihr grünes Laub rauschte im Morgenwind.
Die Mütze über die geschorenen Schädel gezogen, kamen die
Befehlsüberbringer im Auto angefegt und setzten über die rauschenden
grünen Aste, die quer über der Straße lagen, hinweg.
Der Himmel stand voller Schrapnellwolken, Schwärme von Fliegern brausten
im Frühlicht. Die Geschütze stampften, pochten, knackten -- die rasende
Erde beschoß aus ihren Kratern das aufgehende Gestirn der Sonne.
Wie gestern, wie vorgestern, wie alle Tage stürzten brennende Menschen
aus dem Himmel. Ein Hagelsturm von zerfetzten Leibern fegte über die
Erde. Millionen Herzen verkrampften sich in Todesangst.
Und die Wolke, die rostbraune, schiefergraue Wolke stand unendlich über
der Walstatt.
3
Ganz in der Nähe der Hofjägerallee im Tiergarten läuft ein gekrümmter,
schmaler Reitweg durch tiefes Dickicht.
Auf diesem schmalen, gekrümmten Reitweg ging der General hin und her,
die Hände auf dem Rücken, die Augen auf die eigenen Fußspuren geheftet,
die noch von gestern, von vorgestern, hier zu sehen waren, trotz dem
Regen, der in der Nacht fiel. Hier ging nie ein Mensch, und Reiter --
das Geschlecht der Reiter war völlig ausgestorben in Berlin.
Dora --?
Es war drückend schwül, schon um neun Uhr morgens, der General hatte
seinen Kragen etwas gelockert, hier sah ihn ja niemand. Bewegungslos
standen Büsche und Bäume, und zuweilen sang ein Vogel, irgendwo in
weiter Ferne. Es klang wenigstens so in seinen Ohren, möglich, daß er
sich täuschte. War es nicht eigentümlich, in letzter Zeit schienen alle
Geräusche und Laute in weite Fernen zu rücken, auch die Stimmen der
Menschen, die dicht vor ihm standen und sprachen?