Plötzlich erscholl eine Stimme!
Woher kam sie?
Niemand wußte es.
Eine Stimme -- hell, metallen, durchdringend -- sie dröhnte über das
marschierende Bataillon, übertönte die Trommeln, den Schritt der
Arglosen und Erfahrenen -- scholl über den weiten Platz und wurde als
Echo von den hohen Häusern zurückgeworfen -- die Stimme eines Riesen,
eines -- ja, bei Gott, was für eine Stimme war es doch?
Und diese Stimme rief, gellend, dröhnend, sie scholl über das summende,
brausende Berlin -- in alle Ohren gellte diese Stimme.
Diese Stimme rief:
»Es lebe die Kameradschaft zwischen den Völkern!« -- Pause, der Platz
gellte, Widerhall, Trommeln -- »Nieder mit dem Krieg!« -- Stille,
Gellen, Trommeln -- »Alle Menschen sind Brüder . . .«
Auf einem Haufen von Pflastersteinen stand ein Mensch, ein Soldat in
einem weiten grauen Mantel, der flatterte, die Arme wild emporgeworfen,
totenbleich, mit rasenden, fanatisch glühenden Augen -- seine Hände
zuckten -- seine Stimme gellte, gellte. Plötzlich aber brach diese
rasende gellende Stimme ab.
Der Soldat war verschwunden.
* * * * *
Er lag auf dem Pflaster, ein Knäuel Menschen um ihn herum. Ein grüner
Plüschhut rollte über den Bürgersteig.
Eine Sekunde später wurde dieser Mensch im weiten grauen Mantel über das
Pflaster geschleift.
Das Bataillon zog weiter. Wieder setzte die Kapelle ein. Die meisten
hatten gar nichts gesehen -- aber gehört -- ja, eine Stimme aus der
Luft!
Diese Stimme krallte sich in ihr Herz, zerriß es, daß es zu bluten
begann vor Qual und Sehnsucht.
Eine Stimme . . . Was für eine Stimme --?
Die Stimme des Menschen hatten sie vernommen . . . Die letzten des
Bataillons sahen noch einen Menschenhaufen, der sich den Bürgersteig
hinabwälzte.
Der grüne Plüschhut hörte auf zu rollen. Ein schmächtiger junger Mann
ergriff ihn, überzeugte sich mit einem raschen Blick, daß der Mensch im
grauen Mantel in sicheren Händen war, bürstete den Hut eilig ab -- ja,
und nun -- der Kneifer -- er war verlorengegangen. Und der schmächtige
junge Mann suchte eilig den Kneifer.
Da hob der alte Mann, man erinnert sich, er lud Pflastersteine ab,
dieser Mürrische, den Kopf und sagte:
»Wartet nur noch eine Weile -- ihr Halunken!« Und er spie aus.
Der junge Mann geriet sofort in äußerste Erregung, sein Blick glitt
suchend über das Pflaster, sein Blick bohrte sich messerscharf in die
Augen des Mürrischen.
Aber der alte Mann hob einen Pflasterstein in die Höhe, er lächelte --
aber wie! -- und der junge Mann wich zurück, und nun lief er rasch,
rasch, ohne den Kneifer, zu dem Militärauto, um das der Menschenknäuel
sich ballte.
In dieses Militärauto hatte man den Menschen im grauen Mantel gezerrt.
Er blutete im Gesicht, aber er wehrte sich nicht. Jede seiner
Bewegungen, das Lächeln auf seinen fahlen Lippen, sagte deutlich, daß er
nicht gesonnen sei, irgendwelchen Widerstand zu leisten.
Aber unerklärlich -- plötzlich, ohne jeden Grund, schlug einer der
beiden schnauzbärtigen Männer, die ihn ins Auto schleiften, sinnlos,
völlig sinnlos, vielleicht um sich für die Anstrengung zu rächen, mit
dem Knotenstock auf den Menschen im grauen Mantel ein.
»Halt, halt!« schrie der schmächtige junge Mann mit dem grünen
Plüschhut, der herangeeilt kam.
Aber es war zu spät.
Der Mensch im grauen Mantel -- jede Bewegung, ihr seht, ich leiste
keinen Widerstand -- schlug mit einem furchtbaren Hieb nach dem roten
Gesicht des Schnauzbärtigen, stieß noch einigemal in die Luft und sprang
aus dem Auto.
Der Schnauzbärtige blutete aus der Nase und war für einige Sekunden
benommen, aber der andere Schnauzbärtige zog rasch entschlossen einen
Revolver und schoß -- sofort schrie eine Mädchenstimme auf, er hatte ein
kleines Mädchen getroffen.
Der Mensch mit dem grauen Mantel aber war im Torbogen eines Hotels
verschwunden.
Zuerst stürzte der grüne Plüschhut nach, dann der Schnauzbärtige, der
geschossen hatte, dann der andere Schnauzbärtige, dessen Nase blutete.
Ein kleiner feister Herr telephonierte in bester Laune im Foyer des
Hotels, behaglich das dicke Schenkelchen über das Knie geschlagen.
»Höre, mein Kind -- ja also nicht später als acht Uhr. Und vergiß nicht,
süßes Puppchen --«
In diesem Augenblick erhielt er einen Stoß vor die Brust, und ein junger
Mann entriß ihm ohne viele Umstände den Hörer. Militärpolizei.
Vor dem Hotel sammelten sich Scharen von Menschen an. Eine Verhaftung!
Und man hatte ein junges Mädchen in das Bein geschossen, das ganz
harmlos spazierenging. Heitere Zustände, das mußte man schon sagen. Nun,
die Verwundung war ja nicht schlimm, ein Streifschuß, aber bedenken Sie
doch -- man geht über den Anhalter Platz und riskiert totgeschossen zu
werden. Ganz als ob man an der Front sei.
Aber da gab es schon wieder eine neue Sensation. Die Menschen traten
plötzlich vom Bürgersteig auf den Platz zurück. Sie starrten in die
Höhe.
Unglaublich -- dort, dort -- aber, bitte, wo?
Ja, dort, dort! Sehen Sie denn nicht?
Ein Mensch!
Ein Mensch auf den Dächern!
Unglaublich!
Ja, in der Tat, zwischen den Schornsteinen und Ventilationsröhren
erschien da oben ein Mensch. Ein Mensch in einem weiten Soldatenmantel,
ein Soldat.
Die Häuser in der Gegend des Anhalter Bahnhofs sind unansehnlich und
häßlich wie in andern Vierteln der Stadt, die Dächer mit Schiefer
gedeckt, abgeflacht, dazwischen ein steileres Ziegeldach. Über die
abgeflachten Ziegeldächer glitt der Mann da oben rasch dahin, über die
steilen Satteldächer dagegen balancierte er vorsichtig von Kamin zu
Kamin. Stellenweise schritt er, die Arme wagrecht haltend, wie ein
Seiltänzer über den Dachfirst. Blitzschnell kletterte er von einem
niedrigen Dach auf ein höheres am Giebel der Brandmauer empor.
Wieder balancierte er wie ein Seiltänzer -- hoch oben, im stechenden
Sonnenlicht, kreidig Gesicht und Hände, der flatternde Mantel bestaubt.
Diesmal schwankte er, die Leute auf dem Platz schrien auf, aber schon
hatte er Halt an einer Tonröhre gefunden. Er holte Atem, gegen die
Tonröhre gelehnt, blickte mit seinem kreidigen Gesicht, das blutete, auf
den Platz herunter, schrie etwas mit gellender Stimme, aber
unverständlich hier unten, dann eilte er zum nächsten Kamin. Deutlich
sah man, daß er hinkte.
Unten auf der Straße hatte er sich ruhig festnehmen lassen, aber nun,
seitdem man mit einem Knotenstock völlig sinnlos auf ihn eingeschlagen
hatte, schien er entschlossen zu sein, zu flüchten.
Nun glitt er zur Hälfte über ein Ziegeldach und kroch in eine Dachluke.