Ruth warf das Kinn in die Höhe. »Ich bedaure.«

Seht an! Trotzdem sie ganz die Mutter war, wie der General dachte, wenn

er Ruth haßte, trotzdem die Linie der Hecht-Babenberg bei Ruth nicht im

mindesten zum Ausdruck kam -- die gleiche Stimme in diesem Augenblick,

die gleiche, etwas hochmütige Bewegung des Kinns. Trotz allem, trotz

allem. Ach, sie bebte vor Unruhe und Erregung heute.

Aber da ging schon die Türe, und eine ihr unbekannte dichtverschleierte

Dame, ein schmächtiges, zartes Persönchen trat ein.

»Ich bitte tausendmal --« flüsterte diese tiefverschleierte Dame.

War so etwas überhaupt möglich? Sie hatte, Ruth, deutlich genug

bestellen lassen, daß sie heute nicht zu sprechen sei. »Sie wünschen?«

fragte sie, kühl, ohne jede Anteilnahme, abweisend, herzlos.

Aber die dichtverschleierte Dame streckte ihre dünnen Arme aus. »Nicht

Sie! Nicht auch Sie!« Und schon fiel sie in die Knie.

Sofort aber fand Ruth sich selbst zurück.

»Um Gottes willen!« rief sie aus und hob diese kleine weinende zuckende

Person auf, die sie gar nicht kannte. »Was tun Sie? Um Gottes willen!

Ich bin sehr beunruhigt heute -- ja, wer sind Sie eigentlich?« Und Ruth

hob den Schleier der Dame hoch, sah ein blasses verweintes Kindergesicht

mit hilflosen Augen -- sie kannte es nicht -- aber sie küßte es sofort.

»Mein Liebling -- mein Kleines -- aber ich bitte Sie herzlich.«

Ja, nun begriff sie, wer der Besuch war, sie erinnerte sich.

Und Heinz? Sie hatte gehört davon. Ein lieber, frischer Junge.

»Herr v. Meerheim -- sie flogen Sperre -- er sah die Maschine taumeln --

und dachte sich noch, was ist das? Und da stürzte die Maschine schon --«

Ruth preßte Klara an sich.

»Bleiben Sie hier bei mir! Erzählen Sie mir alles, alles. Wir sind

Freundinnen. Geben Sie mir Ihre Hand.« Und Ruth führte diese kleine

dünne Hand an die Lippen. »Ja, Freundinnen! Auch ich habe Sorgen, hören

Sie! Gerade heute bin ich in schrecklicher Unruhe. Ich ertrage diese

Stadt nicht mehr und gehe bald aufs Land. Haben Sie Lust mitzukommen,

Sie sind eingeladen? Ja, in schrecklicher Unruhe bin ich, ich kann es

Ihnen nicht sagen. Deshalb war ich auch so unhöflich! Verzeihen Sie --

und nun plaudern Sie, plaudern Sie!«

8

Berlin -- wer kennt es nicht? -- ist die häßlichste Großstadt der Welt,

ganz offen gestanden. Paris, London, Rom, Neuyork, Kioto, Moskau -- sind

sie von ihren Bewohnern ganz allmählich erbaut worden, Berlin wurde von

Unternehmern errichtet, in aller Eile. Von ganz wenigen Gebäuden,

einzelnen Straßen und Plätzen abgesehen, ist es als Stadt

architektonisch ohne jeden Reiz, ohne Zauber -- ein Steinhaufen ohne

Grenzen, nichts sonst. Trotzdem besitzt es mehr Badewannen als zum

Beispiel Paris, nicht zu unterschätzen, vor dem Kriege genoß es auch den

Ruf, die reinlichste Großstadt zu sein. Also die häßlichste der großen

Kokotten der Erde, aber am sorgfältigsten gewaschen, immerhin etwas. Die

Theater haben ohne Zweifel die besten Spielpläne der Welt, die besten

Konzerte -- aber sonst, häßlich, nüchtern, ein steinernes Meer. Früher

verschwand die Häßlichkeit im Gewimmel der Menschen, im Donner des

Verkehrs, im Gegleiße und Geglitzer von hunderttausend Volt, aber heute?

Nackt und schmutzig lag die häßlichste aller großen Kokotten vor allen

Augen da.

Als die schönste Straße Berlins gelten die Linden. Sie beginnen mit dem

Brandenburger Tor und enden mit dem Schloß. Eine Enttäuschung für jeden.

Aber vom strategischen Standpunkt aus sind sie ganz ausgezeichnet. Das

Schloß liegt auf einer Halbinsel, die Verteidigung gegen das Wasser zu

ist ein Kinderspiel, die Linden selbst aber sind wie ein Lineal, breit

und gerade -- eine Salve Kartätschen, und schon sind alle

Schwierigkeiten beseitigt.

Im Jahre 1848 wurde hier gekämpft. Barrikaden -- aber, wie gesagt,

einige Kartätschen genügten.

Nein, die Linden sind auch nicht die Hauptsache von Berlin, sie sind

nichts als ein geschickt kaschierter Festungswall, mit Linden bepflanzt,

mit Reitwegen versehen, mit Cafés und Hotels besiedelt -- wenig

anheimelnd. Eine einzige Kanone, die vor dem Schloß auffährt, und

sämtliche Café- und Hotelgäste müssen sofort das Trottoir räumen.

Überall, wo Könige hausen oder hausten, finden sich derartig angelegte

Straßen, man braucht nur darauf zu achten. Die Könige lieben einen

freien Blick.

In den kalten Schluchten dieser endlosen versteinerten Häßlichkeit

treiben die Menschen dahin, Geschäftige und Spaziergänger, und

dazwischen lauern die Augen der Verbrecher und Diebe, dazwischen lächeln

die Augen der geschminkten Damen, dazwischen funkelt zuweilen ein Auge,

das Auge eines Wahnsinnigen oder eines Dichters. Wie in allen

Großstädten stehen die Schutzleute und blasen auf ihrer Flöte und

bestimmen Ebbe und Flut des Verkehrs. Heute allerdings, die

Straßengewaltigen -- sie gähnten vor Langeweile und hatten nur noch das

eine Bestreben, nicht vor Erschöpfung auf das Pflaster zu stürzen.

In den Steinschluchten dieses endlosen Meeres wanderte Ackermann seit

dem frühen Morgen dahin. Er überquerte den windigen Alexanderplatz, den

staubigen Spittelmarkt, und schlenderte langsam durch die Schlucht der

endlosen Leipziger Straße, die ihre Größe dem Fleiße der Bürger

verdankt. Er suchte nur noch belebte Stadtteile auf. Selbst diese

Straße, in der der schwache Verkehr der sterbenden Stadt zusammenfloß,

früher glattgeschliffen von den Nägeln der Pneus und Tag und Nacht blank

gehalten wie ein Matschbillard, selbst sie war heute voller Schmutz.

Voller Schmutz waren die verwahrlosten Häuser, die schief hängenden

Firmenschilder, die elektrischen Wagen, die verbeult und abgekämpft

aussahen wie Tanks, die aus der Schlacht kamen. Obwohl es erst anfing,

warm zu werden, strömte die Stadt schon einen übeln Geruch aus. Was für

ein Geruch war es doch? Wenn du ihn nicht kennst, besser für dich -- es

war der Geruch der Verwesung. Genau wie die verlassenen Schlachtfelder

roch Berlin.

Hierauf überquerte Ackermann den Potsdamer Platz und bog in die

Königgrätzer Straße ein, wo die Bahnhöfe liegen.

Er suchte Menschen, Menschen, Massen von Menschen, und in dieser

aussterbenden Stadt würden sie wohl noch am ehesten auf den Plätzen der

Bahnhöfe zu finden sein.

Langsam schlenderte er dahin. Die Sonne blendete ihm ins Gesicht. Auf

dem Spittelmarkt hatte er einen Teller Suppe zu sich genommen, in aller

Ruhe, denn Gewißheit erfüllte ihn, daß alles vollendet sein würde, bevor

die Sonne sank. Er hatte sogar geschwankt, ob er nicht in die

Dorotheenstraße gehen solle, um Ruth noch einmal zu sehen. Aber er war

doch nicht gegangen. Nein, nun war er unterwegs . . .

Da! Horch!

Schon?

Trommeln, beim Anhalter Bahnhof -- Augenblicklich beflügelte sich sein

Schritt. Von plötzlicher Erregung erfaßt, ging er dahin. Deutlich, dumpf

noch, aber ganz deutlich.

Trommeln, ohne Zweifel.

Sonderbar wirkt der dumpfe Laut der Trommel auf den Menschen. Er wirft

ihn ohne jede Übertreibung um einige Jahrtausende zurück, in Zeiten, wo

die Menschen noch mit den Tieren der Wildnis kämpften, zu den Negern am

Kongo. Augenblicklich stürmten die Menschen wie in Hypnose über den

Anhalter Platz, dem Laut der Trommeln entgegen.

Plötzlich schwiegen die Trommeln, und die Blechinstrumente setzten mit

barbarischem Lärm ein.

Ein Menschenhaufe quoll aus der Straße auf den Platz. Waffen blitzten,

gleichmäßig schwankende Reihen wurden im Strom der Köpfe sichtbar.

Offenbar wurde ein Bataillon zur Bahn gebracht.

Ohne zu überlegen, bebend vor Erregung, nahm Ackermann augenblicklich

Aufstellung. Ein alter mürrischer Mann lud an der Straße Pflastersteine

ab, und auf eine Reihe solcher Steine stellte er sich.

Der Strom von Köpfen wälzte sich heran, umbrandet vom Tosen der

Blechinstrumente, die in der Sonne funkelten. Scharen von Neugierigen

drängten hinzu. Dicht neben Ackermann nahmen sie auf der Schicht von

Pflastersteinen Platz und reckten sich auf den Zehen. Sogar der alte

Mann, der die Steine ablud, hob das mürrische Gesicht.

Im Takt der Musikkapelle zog der Menschenhaufe dem Bataillon voran.

Zerlumpte Weiber und verwahrloste Kinder, alte Männer, frühreife

Mädchen, bleich, verhungert, das Mal des letzten Elends auf der Stirn --

-- und doch: Freude glänzte auf allen Gesichtern!

Ackermanns Blick wurde dunkel.

Wirst du bereit sein?

Wird dich die Stunde bereit finden?

Volk, mein Volk, meine Liebe, meine Sehnsucht?

Wie wird dich die große Stunde finden? Ausgehöhlt vom Hunger,

ausgeblutet von den Schlachten, ausgefront -- wirst du die Kraft haben?

Betäubt von Lüge, krank von dumpfer Sehnsucht -- wirst du? Die Völker

der Erde blicken auf dich! Du bist geächtet, bespien, die Dornenkrone

ist auf dein Haupt gedrückt, dein Weg führt durch Tränen, führt durch

Hunger und Wahnsinn -- zitterst du?

Wirst du straucheln? Wanken? Dahinsinken zu den Unwürdigen? Wirst du

auserwählt und berufen sein unter den Völkern, das Reich zu bereiten,

das Reich des neuen Menschen?

Grell blitzten die Trompeten, grell schmetterten sie, die roten Backen

barsten.

Vorwärts, fort, fort, beeile dich! Meine Liebe und Sehnsucht fliegen vor

dir her! Der Ruf erschallt! Lüge, Hoffart, Wahn -- wirf ab, wirf ab!

Tauche nieder in deine reinen Quellen. Sieh, wie sie funkeln, am

Firmament des Gedankens, deine großen Geister! Sie blicken auf dich.

Fort, fort, beeile dich! Die Stunde ist nahe! Laß dein Herz wieder

leuchten, das immer aufglühte, wenn die Dunkelheit am tiefsten war.

Mehre den Schatz der Völker!

Ich sehe dich auferstehen, ich sehe dich erblühen, sehe dich umringt von

brüderlichen Nationen . . .

Schon wälzte sich der Haufe dicht heran.

Die Musikanten setzten mit einem Ruck die Instrumente ab. Im Zickzack

fuhr der Stock des Musikmeisters durch die Luft, und die Trommeln

wirbelten wieder.

Reihen von Gewehren, Reihen von Helmen schwankten heran, vorwärts

getrieben von einer unverständlichen Kraft, von einem unverständlichen

Willen zusammengeballt. Das Bataillon Hähnleins, des Unglücklichen --

Junge Männer, rosige, arglose Kindergesichter, die noch nicht ahnten,

daß morgen schon der Tod ringsum war. Wie oft hatte er, Ackermann, den

Marsch zum Bahnhof erlebt! Alte Feldsoldaten, mit Auszeichnungen auf der

Brust -- nein, sie gaben sich keinerlei Illusionen mehr hin -- stumpf

marschierten sie, genau wie er früher marschierte: stumpf,

schweißtriefend, bepackt, zitternd unter dem Blick der Vorgesetzten.

Hundertmal mochten sie ihr Leben in die Schanze geschlagen haben, sie

blieben trotzdem Tiere, hier wie bei allen kriegführenden Völkern war

der gemeine Mann ein Tier, nicht mehr. Einige Frauen marschierten in den

Reihen der Soldaten, Bräute, Mütter, Gattinnen, bleich, schwankend,

weinend. So zogen sie dahin.

Der 9. November: Roman · 第 52 / 74 题