Aber schon nach einigen Sekunden erschien er wieder in der Dachluke. Er
glitt bis zur Dachrinne herab und lief, wie eine Katze, buchstäblich,
auf der Dachrinne dahin. Die Ausrufe erstarben auf den Lippen, die
kleinen Verkäuferinnen preßten die Hand aufs Herz.
Gleich darauf tauchte in der Dachluke die Mütze eines Schutzmannes auf,
begrüßt vom Gelächter der Zuschauer. Der Mann im grauen Mantel kletterte
abermals den Giebel der Brandmauer empor und lief über das Dach des
Eckhauses.
Tausende von Neugierigen hatten sich angesammelt. Es waren Züge
angekommen, und die Reisenden standen gaffend und blinzelnd auf dem
Platze. Das war Berlin, siehst du! Kaum kam man an, so gab es schon
etwas zu sehen. Man hatte ja gelesen, daß zurzeit in Berlin häufig
Deserteure auf dem Transport entflohen, sogar Passanten waren bei diesen
Vorfällen schon erschossen worden. Brich das Genick, du Spitzbube! Ja,
das war Berlin, man konnte wenigstens etwas erzählen. Ein Haar, und er
wäre abgestürzt.
Rote Gesichter reckten sich aus den Wagen der Straßenbahn, aus allen
Fenstern der umliegenden Häuser. Die Kutscher verdrehten den Hals,
Kellner, Friseure, Verkäuferinnen stürzten aus Läden und Türen.
Messinggelb blendeten die Häuser in der Sonne.
Schutzleute, Soldaten.
Schon stockte der Verkehr. Nur langsam konnten sich die elektrischen
Wagen durch die Menschenmenge schieben.
Scharen von Kindern rannten dahin, deuteten zu den Dächern empor und
schrien wie besessen: »Dort läuft er! Dort!« Das ganze Stadtviertel war
auf den Beinen.
Von der Bahnhofshalle her drang der schmetternde Marsch der
Regimentskapelle. Nun gellte auch noch die Glocke der Feuerwehr -- ein
Löschzug!
Hedis Auto war mitten in die Menschenmenge geraten und konnte sich nur
schrittweise, ohne Pause tutend, mit seinen Pneus den Weg bahnen.
Der Chauffeur wagte die Vertraulichkeit, sie durch eine Kopfbewegung auf
die Ursache der Menschenansammlung aufmerksam zu machen. Da sah sie zu
ihrem Schrecken hoch oben -- in einer Dunstwolke von rostbraunem Staub
-- einen Menschen, staubig und kalkweiß, über den Dachfirst laufen.
Hedi kam vom Einkauf: Gardinen, Stoffe, Antiquitäten, es war schwer,
etwas Ordentliches zu finden. In allen Geschäften und Magazinen jagte
sie umher. Ihr Wagen lag voller Pakete, und neben dem Chauffeur blitzte
aus dem Papier ein silberner Spiegel -- spanischer Barock, etwas
beschädigt, aber, nach ihrer Ansicht, zauberhaft, ein Traum!
Hedis Herz pochte. Bei Gott, es war die gleiche Querstraße, wo sie
einst, im Sommer, Otto das Abschiedssouper gegeben hatte.
»Fahren Sie!«
Eine schweißtriefende Zeitungsfrau drängte sich in diesem Moment, einen
Pack noch nasser Zeitungen unter dem Arm, am Auto vorüber und schrie mit
gellender Stimme dicht an Hedis Ohr:
»Die Marne abermals überschritten!«
»Die Marne abermals überschritten!«
Hundert gierige Hände streckten sich ihr gleichzeitig entgegen. Sie
drehte sich im Kreise, wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel von der
Stirn.
»Hier, bitte, geben Sie!«
»Die Marne -- sofort, junge Frau -- abermals überschritten.« Ihre
gellende Stimme übertönte den Marsch der Kapelle auf dem Bahnhof.
Das Auto rückte an. Hedi konnte gerade noch das Blatt ergreifen.
Sie warf noch einen flüchtigen Blick in die Höhe -- da sah sie gerade,
wie der Mann auf dem Dachfirst plötzlich schwankte -- hatte man
geschossen? -- schwankte -- mit den Händen in die Luft griff und über
das steile Dach herabstürzte. Eine Sekunde wurde der Körper von der
Dachrinne aufgehalten, dann fiel er . . . Hedi bedeckte die Augen mit
der Hand.
Die schweißtriefende Zeitungsfrau raste dem Bahnhof zu und schrie
gellend:
»Die Marne abermals überschritten! Die Marne abermals -- --«
9
Vorgestern nicht, gestern nicht -- aber jetzt, jetzt kam sie die
Fabriciusstraße herauf.
Sie hielt zuweilen inne, als zögere sie, blickte sich um, aber sie kam
doch immer näher.
Herr Herbst kletterte die Treppe empor, bis zur Türe. Er wohnte nicht
mehr hier, hatte das Quartier in diesem Unglückshause geräumt. Er wohnte
jetzt in einer kleinen Kammer im »Löwen von Antwerpen«. In einem ganz
winzigen Raum, aber doch zog er ihn diesem Zimmer vor.
Schon hörte er ihren Schritt, das leichte Keuchen ihres Atems. Sie ging
ganz anders als alle Frauen, die diese Treppe auf und ab stiegen. Die
Sohlen ihrer Schuhe waren dünner, sie vermied jeden Lärm und hielt sich
nie am Geländer fest.
Herr Herbst trat vor, beugte sich über das Geländer. Sie sah ihn an,
hielt inne, leise keuchte ihr Atem.
Herr Herbst lüftete den steifen Hut: »Sie suchen gewiß Herrn Ackermann?«
fragte er.
»Ja«, hauchte sie.
»Er wurde verhaftet --«
»Vorgestern verhaftet --«
Nun berührte sie plötzlich mit den Fingerspitzen das schmutzige
Stiegengeländer, und das Blut wich aus ihren Wangen. Ganz langsam.
Zuerst wurde sie fahl, dann weiß wie Mehl. Dann verloren ihre Augen die
Farbe, auch sie wurden weiß.
Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!
Fleisch von seinem Fleisch. Blut von seinem Blut . . .
Herr Herbst beugte sich über das Geländer und sah ihr tief in die Augen.
Immer noch wurde sie weißer -- ihre Hand griff zu.
Und bald, bald würde man auch sie -- der Magere, Schmächtige hatte es
ihm zugesagt. Und diese Schande für die Familie . . .
Heute abend, es war Sonnabend, würde er den Munitionsarbeiterinnen im
»Löwen von Antwerpen« etwas zum besten geben. Und auch er würde ein
Fläschchen trinken. Er besaß ja immer noch Geld, Gott sei Dank, zwei
Brieftaschen, eine kleine für die laufenden Ausgaben und eine große, in
der sich die blauen Scheine befanden, noch immer eine ganze Anzahl.
Heute abend sollte ihm nichts zuviel sein.
Dabei hielt er den Hut gelüftet, und sein Blick versank in diese Augen,
die die Farbe verloren, den Blick.
»Hier?« hauchte eine zitternde Stimme.
»In der Stadt. Beim Anhalter Bahnhof.«
»Haben Sie es gesehen?«
»Ein Bekannter hat es mir erzählt.«
»So? -- -- Danke.«
Sie wandte sich ab, ging, Schritt für Schritt, und immer noch ganz leise
und lautlos.
Er beugte sich weit über das Geländer und sah ihren kleinen braunen Hut
um die Ecke biegen.
Plötzlich lief er mit den Bewegungen eines Hampelmannes hinter ihr her.
»Hören Sie, noch etwas.«
Sie wandte ihm ihr mehlig weißes Gesicht zu.
Herr Herbst beugte sich über das Geländer. Und nun stieß er ihr das
Messer ins Herz!
»Er ist tot!« flüsterte er, ganz leise, aber so deutlich.
Das mehlige, weiße Gesicht verschwand -- und plötzlich eilte ein lauter,
harter Schritt, blitzschnell die Treppe hinab. Immer rings um das
Treppengeländer.
Aber dies war zuviel für Herrn Herbst. Dieses rasende Klappern der
Schuhe vertrug er nicht. Im Nu stürzte ihm das Wasser aus den Augen.