Schon aber wurde der Nebel lichter. Der Tag war nahe. --

Ackermann hatte seine Papiere in dieser Nacht in Ordnung gebracht und

verbrannt, was verschwinden mußte. Der Ofen qualmte, und Rauch erfüllte

das kleine Zimmer.

Er öffnete das Fenster. Da wälzte sich der Nebel herein, deutlich sah

man ihn um die kleine Kerze kreisen. Schon aber begannen die Dunstballen

sich aufzuhellen, es tagte. Stille, kein Schritt, kein Laut. Die Stadt

war völlig tot.

Ackermann blies die Kerze aus und legte sich zur Ruhe.

Aber der Nebel folgte ihm in seine Träume: Da sah er einen Feldgrauen,

so wie er ihn hunderttausendfach gesehen hatte. Der Feldgraue, in einen

weiten Soldatenmantel gehüllt, eine kleine verknüllte Grabenmütze auf

dem Kopf, arbeitete still für sich, inmitten eines weiten, rauchenden

Ackers.

Es war so düster, daß zuweilen kaum die Umrisse des Feldgrauen zu

erkennen waren. Er war groß, sein knochiges Gesicht von einem kurzen

Stoppelbart eingerahmt. Ohne Unterbrechung, ohne aufzublicken hob er mit

einem Spaten die Erde aus. Ein riesiger, in der Erde vergrabener Stein

kam zum Vorschein, und allmählich bekam man eine Vorstellung von der

Größe des Steins. Er war etwa so groß wie die Drehscheiben, auf denen

man Lokomotiven bewegt. Manchmal schien er auch etwas kleiner, manchmal

größer zu sein. Jedenfalls war er ungeheuer groß, und man wußte ja auch

nicht, wie tief er in der Erde stak.

Der Feldgraue nahm nunmehr ein Stemmeisen zur Hand, eine schwere

Deichsel mit einem Eisenschuh, rammte sie unter den Stein und warf sich

mit aller Wucht dagegen. Der Stein rührte sich nicht. Unverdrossen nahm

der Feldgraue wiederum Pike und Spaten in die Hand und grub das Loch um

den Stein herum tiefer. Ein ganzes Gebirge von Erde warf er aus, und es

war wunderbar zu sehen, wie gleichmäßig, ruhig und hingegeben er

arbeitete. Wiederum setzte er das schwere Stemmeisen an, und siehst du,

nun bewegte sich der Stein eine Idee! Am Rande des Steins zeigte sich

ein feiner Riß im Boden. Es war also kein Zweifel, der riesige Stein

hatte sich bewegt! Abermals warf sich der Feldgraue mit voller Wucht

gegen das Stemmeisen. Zum ersten Male wandte er Ackermann voll das

Gesicht zu. Deutlich war zu sehen, daß es in Schweiß gebadet war, in den

Augen hatte sich der Schweiß angesammelt, so daß sie schneeweiß

erschienen. Mit einer ungeheuren Anstrengung drückte der Feldgraue das

Stemmeisen nieder, die Adern an seinen Schläfen schwollen an -- ah,

schon bewegte sich der Stein deutlicher. Unmerklich war er auf der einen

Seite eingesunken und auf der andern Seite in die Höhe gestiegen.

Der Feldgraue wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, und

mutig nahm er die scheinbar aussichtslose Arbeit wieder auf.

Doch was ist das? Er hält im Schaufeln inne und berührt seine Backe.

Eine blutige Schramme ist entstanden, und das Blut rieselt in einem

dünnen Faden herab über seinen Hals. Verwundert schüttelt der Feldgraue

den Kopf. Es ist ganz merkwürdig, was geht vor? Plötzlich wird ein Stück

von dem grauen Mantel abgerissen: ah, er ist im Feuer, er arbeitet im

Feuer, dachte Ackermann, er wird beschossen. Deutlich sieht er, wie

einen Augenblick später auf seiner Stirn eine klaffende Wunde entsteht.

Das Blut stürzt heraus, und rasch ist die eine Hälfte des ganzen

Gesichts vom Blut überzogen. Der Feldgraue aber arbeitet ruhig weiter.

Er legt sich mit ganzer Gewalt gegen das Stemmeisen, und nur zuweilen

fährt er mit dem Ärmel übers Gesicht, wenn das Blut ihn stört.

Es geschieht das Unglaubliche: es ist ihm gelungen, den riesigen Stein

in eine schräge Lage zu bringen. Voller Raserei wirft er sich nun mit

dem Rücken dagegen und versucht, den Steinriesen vollends in die Höhe zu

heben. Es geht -- ein wenig -- aber da fällt der Stein wieder in die

frühere Lage zurück.

Erneut beginnt der Feldgraue sein Werk, unverdrossen. Seine Hände und

sein Gesicht sind von Blut und Schweiß überzogen, aber er kümmert sich

nicht darum. Plötzlich zerreißt sein Waffenrock an der Brust, er hält

einen Augenblick inne, legt die große Hand auf die Brust, und schon

stürzt ihm das Blut aus dem Mund. Aber gleich darauf nimmt er wieder die

Arbeit auf. Wiederum stemmt er sich mit dem Rücken gegen den Stein, und

siehe da, er hebt ihn hoch, so unmöglich es auch erschien. Nun steht er

schräg wie ein Dach, aber alle weiteren Anstrengungen sind umsonst. Der

Feldgraue streicht um den Stein herum, schüttelt den Kopf, wischt sich

das Blut aus dem Gesicht und vom blutigen Mantel, schaufelt und macht

von neuem verzweifelte Versuche, aber der Stein bewegt sich nicht mehr.

Aber nun, was geschieht? Jemand kommt, jemand ist hinzugetreten. Es ist

ein kleiner Mann, ebenfalls ein Soldat, mit raschen, herrischen

Bewegungen. Offenbar ein Vorgesetzter. Er gestikuliert heftig, treibt

den Feldgrauen zur Arbeit an. Und plötzlich erinnert sich Ackermann, daß

dieser kleine Mann mit den herrischen Bewegungen schon vorher einmal im

Nebel sichtbar geworden war. Nur für einen Augenblick.

Wiederum stemmt sich der Feldgraue mit aller Gewalt gegen den riesigen

Stein, aber es geht nicht. Wieder wendet er Ackermann das Gesicht zu. Es

ist von Blut übergossen, ebenso wie seine Brust, die Augen sind

blutunterlaufen, und bei der ungeheuren Anstrengung quillt das Blut

zwischen seinen Lippen hervor. Plötzlich -- plötzlich springt der kleine

Mann mit den herrischen Bewegungen zornig hinzu, schwingt eine kurze

Riemenpeitsche und -- ah -- schlägt damit den Feldgrauen übers Gesicht.

Er schlägt wieder und wieder und gerät in förmliche Raserei. Der

Feldgraue aber verdoppelt, verdreifacht seine Anstrengungen. Er

schwankt, taumelt ein paar Schritte und fällt zu Boden. Ohne Bewegung,

ohne Zeichen von Leben liegt er da.

Ist er ohnmächtig geworden? Ist er tot?

Der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen geht näher an den

Feldgrauen heran. Er stößt mit dem Stiefel gegen die Schulter des

Regungslosen. Er ist nun plötzlich um vieles kleiner geworden, und der

Feldgraue um vieles größer. Wie ein Zwerg zu einem Riesen verhält der

kleine Herrische sich zu dem Feldgrauen. Er klettert auf den

Regungslosen hinauf, um ihm ins Gesicht blicken zu können. Er steht auf

seiner Brust, schwingt die Peitsche und schreit . . .

Aber der Regungslose, Blutüberströmte, antwortet nicht. Seine Zähne

blinken im Nebel. Da ist sein Spaten, sein Hebebaum, dort der Stein, der

halb aufgerichtet in den Nebel ragt. Aber er regt sich nicht mehr, er

antwortet auch nicht.

Sein Stillschweigen versetzt den Kleinen mit den raschen, herrischen

Bewegungen abermals in rasenden Zorn. Er klettert höher auf der Brust

des Riesen, hält sich an seinem Mantelkragen fest und hebt den Stiefel,

um damit nach dem regungslosen, blutüberströmten Gesicht mit den

blinkenden Zähnen zu stoßen . . .

Da erwachte Ackermann.

* * * * *

Es wurde nun in der Tat deutlich lichter. Gelb wie Lehmwasser floß das

Morgenlicht am Fenster.

Schon ratterte ein Wagen auf der Straße.

Der kleine Herr Herbst hatte, seit ihn Ackermann verließ, die Nacht

zwischen Schlaf und Wachen verbracht. Vielleicht hatte er auch

geschlafen, er wußte es nicht. Sein Körper war mit Schweiß bedeckt, aber

das Fieber schien gebrochen zu sein.

Still lag das Haus.

Diese kurze Stille vor dem Morgen liebte er. Wie oft hatte er in dieser

Stille in seinem Bette gesessen, und die Hände gerungen und das

befreiende Weinen geweint, das ihn beruhigte.

Deutlich hörte er, wie Ackermann sich in seiner Bettstelle hin und her

wälzte, aber nun war es still bei ihm. Auch bei Hähnlein war es still,

ganz still.

Der tote Briefträger, der Veteran von Siebzig, mußte in sein Reich

zurückweichen vor dem Licht, alle Nachtgespenster mußten weichen.

Lieblich war der sanfte Morgen.

Schon aber begann das mit Menschen vollgestopfte Haus zu erwachen. Die

Haustüre ächzte und krachte, und der Hausmeister streckte seinen

graugelben Pudelkopf in den Morgennebel. Türen schlugen, und Tritte

eilten die Treppe hinab. Es wurde geklopft, gerufen, Wasser plätscherte.

Bei Hähnlein -- Stille!

Noch vor kurzem hatte er das Atmen hinter der Wand gehört, aber nun war

es ganz still geworden.

Kein Laut!

Herbst erhob sich und machte in aller Eile Toilette, es dauerte nicht

lange bei ihm. Aber während er sich wusch, nieste er mehrmals und hob

die kleine Nase in die Luft. Gas, wie? Ja, es roch nach Gas.

Deutlich, deutlich spürte er den Gasgeruch.

Auf dem Korridor war der Geruch noch stärker. Ängstlich schlich er sich

zur Türe.

In diesem Augenblick öffnete Ackermann die Türe und streckte den Kopf

heraus. Auch er zog die Luft ein.

»Es riecht so stark nach Gas hier?« sagte er.

»Ja, stark nach Gas!«

Hm. Ackermann trat halb angekleidet auf den Korridor heraus.

»Haben Sie den Gashahn offen gelassen?«

»Ich? Nein, nein«, erwiderte Herbst, die Hand schon am Drücker der Türe.

»Vielleicht Hähnlein --?« fragte Ackermann leise, stockend, und sein

erschrockener Blick wandte sich auf Herbst.

»Ja, vielleicht --?«

»Wir wollen nachsehen --«

Aber Herr Herbst hatte keine Lust nachzusehen, nein, nicht die mindeste

-- diese Stille -- er rannte die Treppe hinab. Schon polterten

Ackermanns Fäuste gegen Hähnleins Türe.

Furchtsam eilte er die neblige Fabriciusstraße entlang. Deutlich entsann

er sich nun, daß er von Hähnlein geträumt hatte. Deutlich! Ganz

deutlich! Hähnlein war mit einem Messer in der Hand die Treppe

hinabgestürzt, ja deutlich erinnerte er sich jetzt daran -- er hatte

sich gegen die Wand geworfen, um ihm aus dem Wege zu gehen.

Schon verlor sich der Havelock im Labyrinth der Straßen wie jeden Tag.

6

Siehe, deine Welt, Langmütiger!

Hunderte und Tausende flüchten täglich voller Verzweiflung aus diesem

Leben.

Öffne die Augen und sieh: Jammer!

Öffne die Augen und sieh: Schande!

Lausche! Das Geschrei der Folterknechte, das Geschrei der Gemarterten,

das Jammern der Witwen und Waisen. Ströme von Tränen rauschen dahin,

Flüche verfinstern das Licht.

Siehe deine Völker: Mörder!

Die Heere der betörten Sklaven, vorwärtsgepeitscht von ihren Verführern,

zerfleischen sich noch immer. Noch immer gibt es Granaten, Torpedos,

Gas, Flammenwerfer, noch immer werden Männer und Frauen füsiliert, noch

immer werden täglich Gefangene -- welches Wort! -- zu Tausenden wie

Sklaven verschleppt. Schiffe sinken in die Tiefe, Kathedralen gehen in

Flammen auf, Tausende von unschuldigen Kindern verhungern an jedem Tag.

Aber auf den Kirchen Europas funkeln golden die Kreuze! Und wie lange

willst du noch zögern?

Die Nebelfetzen zerflatterten, schon glänzte ein rotes Dach. Riesige

Firmenschilder blinkten oben an den Nebelburgen, Fensterreihen blitzten.

Die Häuser wurden farbig, rote Gesichter erschienen in den Türen.

Plötzlich strahlte die Sonne. Und die bunten Flaggen flatterten wieder

heiter im Morgenwind.

Dampfend und glitzernd stieg die Stadt aus dem Nebel empor. Tau lag auf

den Straßen, tropfte von den Bäumen, die Dächer glänzten naß. Die

Brillen der Straßenbahnführer waren beschlagen, Tau hing an ihren

Schnurrbärten. Die Tritte hinterließen Spuren auf den feuchten

Bürgersteigen.

Langsam wanderte Ackermann durch die Straßen, bald dahin, bald dorthin

ließ er sich treiben -- nicht mehr sein ungeduldiger, stürmischer

Schritt. Wozu Eile? Er war am Ziel.

Heute abend würde er nicht mehr in sein Zimmer zurückkehren -- Gott

allein wußte es, was mit ihm geschah . . .

Beglückt sog er die frische Morgenluft ein, wie Dampf kam der Atem aus

seinem Munde. Tau hing an seinen Wimpern. In der letzten Zeit hatte er

sein Äußeres vernachlässigt, aber heute morgen hatte er sich rasieren

und die etwas langgewordenen Haare stutzen lassen.

Schwach ging der Pulsschlag der sterbenden Stadt. Nicht mehr das Brausen

und Donnern des Friedens, wenn sie erwachte. Frauen, Kinder und Greise

besorgten die Geschäfte, kutschierten die Gespanne, zogen Karren und

Wagen. Vor den Geschäften standen, wie jeden Morgen, die langen Reihen

der Weiber mit Töpfen und Markttaschen. Hin und wieder rollten

Heeresautomobile, schwer beladen, polternd vorüber.

Bald war Ackermann wieder in seine Gedanken versunken. Ja, so wird es

sein! Sie, die Reinen, Gläubigen, Hoffenden, werden eine Gemeinschaft

bilden, wie die Apostel, die das Christentum in allen Ländern

verbreiteten. Es wird genau sein wie seinerzeit.

In die Schulen werden sie gehen, die Apostel, und predigen: Die Würde

des Menschen ist das oberste Gesetz! Heilig das Menschenleben und

unantastbar! Alle Völker sind Brüder, und die Vernunft ist das Vaterland

aller Menschen. Sie werden die Lüge aus den Schulbüchern verbannen, sie

werden auf die Tugenden der Nachbarvölker hinweisen und nicht auf ihre

Schwächen.

Dies und hundert anderes werden sie lehren, werden es in die Seelen der

Jungen, der Keuschen und Unverdorbenen pflanzen. Bei ihnen werden sie

beginnen. Fluchbeladen sinkt die alternde Generation dahin, erwürgt von

Gram und Schande.

In die Kirchen werden sie gehen, die Apostel, und den Gläubigen die neue

alte Lehre predigen -- in die Fabriken, Kasernen, Gefängnisse, Dörfer --

überall werden sie sein. Keine Landesgrenzen wird es für sie geben, sie

gehen hin und her, wie sie wollen. Sie sprechen alle Sprachen, in allen

Ländern, allen Kontinenten werden sie morgen die Arbeit beginnen. Arm

werden sie sein, verachtet, die Liebeglühenden, arm wie Bettelmönche,

geächtet und verfolgt.

Sie bereiten das Reich vor, das kommen wird! Glückliche, gütige

Menschen, ohne Mißtrauen, ohne Neid, ohne Hochmut werden es bewohnen.

Kein Mensch wird fortan der Unterdrücker eines andern sein, kein Volk

der Unterdrücker eines andern Volkes, für immer ist die Zeit der

Sklaverei dahin.

Freiheit, Freundschaft, Freude wird der Gruß des neuen Menschen lauten.

Und die Erde wird ein Garten sein! Alle Kräfte, dienstbar heute der

Bewaffnung und dem Kriege, werden dem Frieden und der Wohlfahrt dienen.

Die Wüsten werden blühen, der Sand selbst wird Früchte tragen. Ja, ein

Garten die Erde.

Haubitzen, Bombenflugzeuge, Panzerkreuzer, Unterseeboote, wo sind sie

hin? Wie ein Spuk werden sie sein, ein Spuk aus einer finstern,

unbegreiflichen Zeit.

Deinen Glanz sehe ich, den Glanz deines Friedens und deines Glückes, ich

sehe ihn schimmern -- Reich der Zukunft, Reich der Freude, Reich des

Menschen, ich betrete dich . . .

Da hielt Ackermann den Schritt an. Eine Stimme rief in seinem Innern und

mahnte. Erschrocken fuhr er aus seinen Träumereien auf, bereit, der

Stimme zu gehorchen, die aus seinem Innern drang.

Schritte kamen, trappelten. Er wandte den Kopf. Um die Straßenecke bog

ein Trupp von Männern in abgetragenen, zum Teil zerlumpten

Zivilkleidern, die von einem Unteroffizier geführt wurden. Nicht viel

waren es, kaum hundert. Sie trugen Pappschachteln, es war Ersatz für die

Kasernen. Nein, nicht das Reich des kommenden Menschen, nicht sein

Schimmer, sein Glanz, armselige, trostlose Gegenwart.

Stumpf trotteten die Männer dahin, teilnahmslos, geduckt unter ihr

Schicksal, bereit zu sterben, wenn man es forderte, bereit zu töten,

wenn man es verlangte, bereit zu allem. Alte Männer, eisgrau, einige

plattfüßige aufgeschwemmte Dickbäuche, ein paar spindeldürre Bebrillte,

schwindsüchtige Kaufleute und Studenten, freche Burschen mit

Diebesgesichtern, ein Zwerg in großen Stiefeln, ein Kranker mit

zerfressener Nase, ein Buckliger, ein Hagerer mit nur einem Auge. Und

ein Bleicher, ganz Bleicher, der den Blick voller Scham zu Boden

richtete, bildete den Schluß. Die Stiefel schlürften, schallten, die

Knie bewegten sich automatisch, die Pappschachteln schaukelten hin und

her.

Die in Lumpen gehüllten Weiber, die die Straße reinigten, lachten und

schrien.

»Ihr werdet es schaffen! Immer rasch!«

Eines der Weiber sprang auf den Kehrichthaufen und tanzte mit dem Besen,

daß die schmutzigen Röcke flogen.

»Hahaha! Die Garde kommt!«

»Hohoho!«

Teilnahmslose Blicke, Gelächter, Grimassen. Eine Reihe von Elektrischen

hielt den Zug der Ausgemusterten auf. Menschen sammelten sich an,

Fuhrwerke stauten sich.

Blitzschnell trat Ackermann einige Schritte vor. Sein glühender Blick

flog über die Menschen, die Wagen, den Zug der Armseligen mit den

Pappschachteln.

Jetzt? Jetzt?

Gesetzt den Fall -- jetzt!

Die Hände in die Luft werfen, schreien, diesen Menschen, die sich hier

angesammelt hatten, es zuschreien, diesen armen Krüppeln und Kranken mit

ihren Pappschachteln, laut, über den ganzen Platz, so laut, daß Hunderte

es hören, Tausende und Zehntausende es am Abend wußten --?

Er erbleichte. Angst schnürte seine Kehle zusammen, nicht eine Silbe

hätte er hervorbringen können. Er schwankte -- schon bei dem Gedanken.

Jetzt würden sie über ihn herfallen, der Unteroffizier, wahrscheinlich

sogar die Männer mit den Pappschachteln und der Schutzmann dort, er

würde herbeieilen und ihn zu Boden schlagen.

Aus einem Straßenbahnwagen starrten ihn erschrocken ein Paar große Augen

an, eine alte, zitronengelbe Frau.

Er hatte in der Erregung eine unwillkürliche Bewegung mit den Armen

gemacht, und diese Bewegung hatte den Blick der Frau auf ihn gelenkt.

Die Straßenbahnwagen klingelten und rollten weiter. Wieder bewegten sich

die Knie der Männer mit den Pappschachteln, ihre Rücken drängten sich

zusammen. Die Menschenknäuel lösten sich, zerrannen. Die Wagen fuhren.

Der Schutzmann betrachtete interessiert eine geschminkte Dame, die ihm

zulächelte.

Ackermann stand allein auf dem Trottoir, müde plötzlich, ein leises

Beben in den Gliedern. Allmählich erst kehrte die Farbe in sein Gesicht

zurück. Langsam, die Pupillen geweitet, ging er weiter.

Hier? Wie unsinnig wäre es gewesen! Sinnlos, ohne jeden Widerhall.

Menschenmassen mußten es sein, wimmelnde Menschen, aufhorchend, in deren

Ohren sein Schrei weitergellte, so daß ihr Herz erbebte. Die seinen

Schrei durch Berlin trugen in alle Häuser: über die ganze Stadt mußte

sein Schrei hingellen.

Nein, nicht einen Augenblick hatte er ernsthaft daran gedacht. Aber wie

war es möglich, daß ihn der Gedanke allein schon so tief erschreckte,

daß sein Herz stehenblieb?

Neben einem Pumpbrunnen, wo ein Droschkenkutscher sein Pferd tränkte,

stand eine Bank. Darauf setzte sich Ackermann. Er streckte die Beine

aus, die noch ein leises Zittern schwächte. Die Sonne blendete in sein

Gesicht. Es war weiß, durchsichtig, und Spuren von Sommersprossen waren

im grellen Licht zu erkennen.

Schrecken erfüllte ihn.

Entsetzen!

War er das? Nach allem --?

Mit geweiteten Augen sah er zu, wie die grauhaarige Pferdeschnauze

gierig ins Wasser tauchte.

Was für einen Sinn sollte es haben, daß einer sich vor die dahinrasende

Maschine warf und sich von ihr zerfleischen ließ? Und weshalb gerade er?

Vielleicht hatte ihn die innere Stimme nur genarrt, ihn bis zu diesem

Punkte geführt, damit er seine Schwäche und Ohnmacht erkenne.

Wie?

Vielleicht, vielleicht.

Er saß wie gelähmt. Das alte Pferd bleckte die gelben Zähne nach ihm.

7

Leise schloß Ruth die Türe ihres Zimmers hinter sich.

Sie war voller Unruhe.

Abermals hatte sie den großen, beobachtenden Blick Papas auf sich

gefühlt. Wie schon seit Tagen. Gestern abend sah sie ihn im Spiegel:

groß, hell, lauernd und drohend.

War er argwöhnisch geworden, Papa?

Vielleicht hatte die Zigarrenspitze, die sie neulich in ihrem Zimmer

fand, doch etwas zu bedeuten?

Plötzlich errötete sie. Und der Brief? In einem Buch lag ja ein Brief

von Karl! Schnell, wo ist er? Am Ende war er fort? Am Ende hatte Papa

diesen Brief gefunden, gelesen. War er nicht einmal ganz plötzlich in

ihr Zimmer gekommen, als Dora bei ihr Tee trank? Sie hatte diesem

Vorfall ja nicht die geringste Bedeutung beigelegt, gar nicht weiter

darüber nachgedacht. Ach, sie haßte Papa! Ja, wahrlich, sie haßte ihn!

Man kannte nie seine Gedanken. Sein Blick prüfte, tadelte, sein Blick

entmutigte, sein Blick erstickte jede harmlose Freude.

Nein, sie haßte Papa natürlich nicht, er hatte gewiß seine guten

Eigenschaften, er war charaktervoll, wie wenige Menschen, pflichtgetreu,

stolz, verschlossen, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Sohle, nein, nein,

sie wollte gar nichts sagen. Er war verbittert, unglücklich vielleicht,

trug sein Leben ohne zu klagen. Nie hatte sie eine Klage von ihm gehört.

Er schwieg. Aber wie gerne hätte sie doch Zutrauen zu ihm gehabt, volles

Vertrauen, wie zu einem erfahrenen, erprobten Freund. Ja, so sollte es

sein! Aber es war gerade umgekehrt: anstatt sich ihm anvertrauen zu

können, mußte sie sich vor ihm verbergen. Es war natürlich auch sein

Verhalten Mama gegenüber, das sie gegen ihn einnahm. Nie konnte sie ihm

verzeihen, daß er jahrelang mit solcher Erbitterung gegen die Arme

prozessierte. Aber sie war ja jetzt reifer, sie verstand das Leben jetzt

besser und wußte, daß es viele unglückliche Ehen gab, und doch beide

Teile ehrenhafte und gütige Menschen sein konnten. Nicht das war es, es

war -- undefinierbar. Seine Nähe bedrückte, sie verwandelte, das Leben

erschien plötzlich so schwer und ernst.

Sie fand es überaus häßlich, daß er in ihr Zimmer gekommen war,

seinerzeit. Und die Zigarrenspitze? Papa rauchte die Zigarren in

Papierspitzen mit Gänsekielen. Eines Tages hatte sie eine solche

Papierspitze auf ihrem Schreibtisch gefunden. Sie hatte sie achtlos zum

Fenster hinausgeworfen. Vielleicht war sie auch von einem der Burschen

hereingebracht worden?

Aber hier war ja Karls Brief. Gottlob, sie atmete auf.

Er lag noch an derselben Stelle, zwischen denselben Seiten des Buches,

unberührt. Sie las den Brief, sie drückte ihn an die Lippen.

Ja, Karl war einer von den Kommenden, nicht einer der Vergehenden. Er

hatte Wille und Ziel. Und was er wollte, war gut. Alle Welt liebte ihn,

seine Freunde beteten ihn an, er hatte keinen einzigen Feind. Sie, die

sie selbst schwankte, klammerte sich an ihn, er gab ihr Halt. Glücklich

würde sie mit ihm sein.

Aber weshalb war Papa in letzter Zeit so aufmerksam -- fast zärtlich?

Weshalb sagte er ihr so oft, daß sie bleich und nervös sei und nach

Babenberg gehen solle? Einmal legte er sogar die Hand um ihre Taille --

seit Jahren war es nicht mehr der Fall, oh, sie erinnerte sich deutlich

dieser ihr (damals!) so schrecklich unangenehmen Liebkosung, sie lebte

ganz dem Andenken Mamas. Er fragte, ob sie keine Wünsche habe, ob sie

nicht etwa Lust zu einer Reise habe, vielleicht nach der Schweiz? Er

habe eine gewisse Summe für sie bereitgelegt. Nein, sie brauchte nichts,

gar nichts, hatte gar keine Wünsche.

Ach, wie häßlich sie doch war! Kümmerte Papa sich nicht um sie, so

nannte sie ihn kalt und herzlos -- kümmerte er sich um sie, so war sie

sogleich argwöhnisch.

Ja, ganz unmöglich, den großen prüfenden Blick des Generals zu

ergründen!

Er atmete Haß in diesen Wochen, er atmete Liebe.

Ja, er haßte Ruth zuweilen mit einem furchtbaren und grundlosen Haß, der

ihm unerklärlich war, und den er bereute. Ihre Mutter, ganz ihre Mutter!

Die gleichen hysterischen Augen, wie sie voller Geheimnisse, in die

niemand eindringen durfte, wie sie eingesponnen in eine sonderbare,

unerforschliche Welt. Wie sie rasch und ohne Überlegung Impulsen

folgend. Wie sollte sie anders sein? Man bedenke, eine Dame, die sich

von einem Offizier, den sie erst wenige Tage kannte, von einem Ball

entführen ließ, die sich soweit vergessen konnte -- nun, gewiß, ein

häßlicher und unwürdiger Gedanke, aber trotzdem . . .

Es war das Blut der Sommerstorf, und unergründlich waren die Rätsel

eines Tropfen Blutes.

Beziehungen zu einem schwärmerisch veranlagten jungen Manne -- gebildet,

zugegeben, aber jedenfalls ohne Rang, ohne Familie, arm -- mochten diese

Beziehungen noch so unschuldig sein, wie man ihm versicherte -- noch so

unschuldig --

In Dunkelheiten, voller Schrecken, unklare, verworrene, drohende

Dunkelheiten verloren sich seine Gefühle -- und dann haßte er Ruth.

Reue, Reue! Er war kein Unhold. Ja, schon bereute er seine Heftigkeit.

Sie war jung, sie dachte selbständig, und das war immerhin

anerkennenswert, sie lebte ihr eigenes Leben, war nicht eines jener

törichten oberflächlichen Geschöpfe, die nur an Putz und Vergnügen

denken. Es war natürlich übertrieben, töricht und im höchsten Maße

ungerecht, sie hysterisch zu nennen. Eine Bekanntschaft aus dem

Lazarett, etwas Romantik, weshalb urteilte er so streng?

Nun liebte er sie plötzlich wieder, und er grübelte darüber nach, wie er

ihr Vertrauen gewinnen könnte. Leider, leider hatte ihm der Dienst zu

wenig Muße gelassen, sich mit seinen Kindern beschäftigen zu können. Das

rächte sich jetzt. Etwas Vertrauen, und alles wäre in Ordnung! Heute

abend wollte er mit ihr nochmals über die Reise nach der Schweiz

sprechen. Es war ja eine Leichtigkeit, den Paß zu besorgen . . .

Nein, unmöglich den prüfenden großen Blick Papas zu ergründen! Ruth

versank in die Betrachtung des Bildes der Mutter an der Wand: auch sie

hatte diesen Blick gewiß nie ergründen können, nein.

Da klopfte es, und man meldete ihr ein Fräulein Westphal.

Der 9. November: Roman · 第 51 / 74 题