Ackermann lächelte. »Vor Toten brauchen Sie keine Angst zu haben.«

Herbst zitterte und heftete die fiebernden Augen auf Ackermann.

»Und die Schritte,« flüsterte er, »die ganze Nacht. Vor dem Hause. Haben

Sie das grüne Hütchen nicht gesehen?«

»Trinken Sie noch etwas!«

»Fliehen Sie! Sie sind da!«

Frisch und jung erschien ihm Ackermann, eine Erscheinung aus einer

andern Welt. Die finsteren Mächte, die diese Erde bevölkern, konnten ihm

nichts anhaben. Seine Augen glänzten, sein Mund blühte tiefrot, er

schien weder müde noch schläfrig, obschon es tief in der Nacht war. Er

lächelte heiter, als er von den Schritten vor dem Hause hörte, nein,

auch sie konnten ihm nichts anhaben. Er schwebte auf Wolken wie ein

Engel. Er war ein Gesandter Gottes, der zu ihm gekommen war, um ihm zu

trinken zu geben.

Die Kerze verschwand. Schon war es wieder dunkel.

Ja, ein Traum hatte ihn gefoltert, ein Traum voller Unheil und

Schrecken. Hatte er von den verschütteten Soldaten geträumt, die sich

aus den Lehmbergen auswühlen, oder von Robert, aus dessen Wunden das

Blut in Strömen floß? Noch jetzt schüttelte ihn das Entsetzen.

Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglücks, ein verfluchtes

Haus. Seine Mauern waren zermorscht von Jammer und Tränen. Selbst die

Toten fanden hier keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Briefträger

durch das Treppenhaus und verbreitete seinen häßlichen Geruch. Er war

gestorben, dieser alte Briefträger, ein Veteran mit den Denkmünzen des

glorreichen Siebziger Krieges, ohne daß jemand es wußte. Erst als ein

scharfer, süßlicher Geruch das Haus erfüllte, hatte man ihn aufgefunden,

ausgestreckt auf dem Boden. Jede Nacht kroch er nun durch das

Stiegenhaus, und zuweilen zog er die Klingeln, dann schrien die Frauen.

Ja, ein verfluchtes Haus.

Aber, gottlob, die entsetzliche Kälte hatte aufgehört. Schon begann er

sich zu erwärmen, schon begann er wieder wohlig zu glühen. Ruhig atmete

das Haus, deutlich hörte er hinter der Wand die Familie Hähnlein im

Schlafe atmen. Feuer stieg in seine Augen. Sie wurden größer und größer,

und mit feurigen Augen, so groß wie Wagenräder, saß er in der

rauschenden Finsternis.

Plötzlich hörte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich und tief. Und

durch das volle Orgelbrausen rief eine Stimme:

»Heilig ist der Mensch! Sinn der Erde, unantastbar!«

»Heilig ist das Menschenleben, unantastbar!«

Und wieder brauste die Orgel.

Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell:

»Die Menschenwürde ist das oberste Gesetz!«

»Unantastbar ist die Würde des Menschen!«

»Heilig sein Gedanke, heilig sein Leib!«

»Liebet einander!«

Die Orgeltöne verbrausten in der Ferne.

5

Und der Nebel brodelte über den Dächern der Stadt.

Immer noch ertönte gedämpft der Phonograph in Ströbels Bibliothek. Aber

Hedi tanzte nicht mehr. Sie saß am Spieltisch und setzte eifrig. Rote

Flecken fieberten auf ihren Wangen, ihre Augen sprühten. Sie gewann.

Zuweilen liebkoste Ströbel sie mit einem Blick, sie liebte ihn in diesem

Augenblick. Weißbach, der nach ihren Blicken tastete, hatte sie ganz

vergessen.

Ottos Mädchen war eingeschlafen. Zwei Tränen glänzten wie Tau unter

ihren langen hellen Wimpern. Otto saß beim letzten Glas Wein und rauchte

voller Behagen eine Zigarre. Er brauchte keinen Schlaf, obgleich er von

früh bis abends im Bureau arbeitete.

Immer noch ging Ruth ruhelos auf und ab, den Blick voller Qual. Sie

schwankte, so müde war sie, aber sie konnte sich nicht entschließen, zu

Bett zu gehen.

Der General aber schlief. Er schnarchte und murmelte zuweilen

unverständliche Worte im Traum. Wangel und Jakob packten in aller Eile

die Koffer, und er gab ihnen Befehle. Soeben hatte ihn das Telegramm

erreicht, in vierzig Minuten ging der Zug zur Front . . .

Und der Nebel wallte draußen. Über ganz Deutschland dampfte der Nebel,

undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Deutschland sah

sie nicht. Die Züge winselten durch die Nebelnacht, durch ganz

Deutschland liefen die Transporte mit den zerschossenen Menschen, durch

Wälder, Felder, über Brücken und Flüsse, ohne Zahl, ohne Pause.

Über Europa dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die

ewigen Sterne, aber Europa sah sie nicht. Blutrot wallte das Nebelmeer,

Europas Ströme wälzten Blut.

Die Greise, die die Geschicke der Völker lenkten, schlummerten in ihren

Betten.

Der 9. November: Roman · 第 50 / 74 题