Nun aber hätte er beinahe laut herausgelacht! Hähnlein sprach von der
Musterung, den Skeletten, Krüppeln, Krummen und Lahmen, und er, in
seinem Bett, sah alles deutlich und wunderbar klar vor sich. Wie sie
humpelten, wie sie krochen, wie die Knochen spitz durch ihre Haut
stachen! Nur einer aber war frei gekommen, er fiel in Krämpfe und wurde
hinausgetragen.
Nun kam also jener, ein Riese von Gestalt, der Blut in die offene Hand
spuckte und es dem Arzt zeigte. Aber der Arzt, o nein, er war nicht um
eine Antwort verlegen. Er sagte, der Arzt: Die Luft im Felde ist besser
als in Berlin, solange einer nicht den Kopf unter dem Arm trägt, muß er
hinaus. Fertig! Und da kam dieser andere, der eine offene Wunde am
Rücken hatte, man konnte den ganzen Finger hineinstecken -- aber auch
das half nichts. Immer vorwärts, sagt der Arzt, bei so jungen Leuten
heilt das rasch. Nein, er war nie um eine Antwort verlegen, man muß es
ihm lassen. -- Nun aber, nun also kam Hähnlein, unser Hähnlein an die
Reihe. Es half ihm alles nichts, was er vorbrachte. Sein Lungenschuß,
seine Atemnot -- prächtig geheilt, sagte der Arzt, die Bureauluft ist
nicht gut für Sie. Aber auch die Schwindelanfälle, die von dem
Granatsplitter im Kopf herrührten, das Zittern -- auch das half Hähnlein
nichts. Sollen denn nur gesunde Leute totgeschossen werden? fragte der
Arzt. Hahaha! Richtig, weshalb nur gesunde?
Ja, also Hähnlein saß in der Patsche und konnte es noch immer nicht
begreifen.
Und wieder brodelten die Stimmen. Lange Zeit. Kein Wort zu verstehen.
Dann aber lachte Hähnlein wieder laut heraus, und die Stimmen verloren
sich auf dem Korridor.
»Mut, Kamerad!« rief Ackermanns Stimme.
Hähnlein lachte und sagte irgend etwas. Er schlich draußen an der Türe
vorüber und pfiff leise vor sich hin.
Augenblicklich hörte Frau Hähnlein auf zu beten. Sie stellte sich
schlafend, schnarchte sogar ein wenig. Nach einer Weile fragte sie: »Was
tust du?«
»Ich rauche eine Zigarre«, antwortete Hähnlein mit ruhiger Stimme.
Und nun wurde es still, ganz still. Nun war die Zeit gekommen für ihn,
Herrn Herbst, seinen Triumph auszukosten!
Sanft glitt sein Bett dahin, eine angenehme Hitze kochte in seinem
Körper, heiß fuhr der Atem aus seinem Munde. Prachtvoll, berauschend,
rot funkelte die Finsternis. Am Fenster wallte der Nebel, auf und ab,
drückte sich gegen die Scheiben. Und drunten: horch! Ja, deutlich hörte
er ihren Schritt, dumpf wie der Schlag seines Herzens in der Brust. Da
gingen sie auf und ab, die Männer mit den Knotenstöcken, das grüne
Hütchen eilte durch den Nebel die Straße herauf, nachzusehen, zu
kontrollieren.
Und er, nebenan, ahnte nichts! Raschelte mit Papieren, zerriß sie,
klapperte auf seiner Schreibmaschine, ahnungslos. Sah er nicht das grüne
Hütchen eilen? Nein, nein, blind war er, taub war er.
Nun rasselte er mit dem Ofen, es roch nach verbranntem Papier. Und schon
gingen die Schritte auf und ab, lauter, immer lauter . . . .
Sollte er an die Türe pochen und ihm zurufen: Horch, horch! Öffne das
Fenster und sieh es eilen --!
Aber nein, nun war ja die Stunde gekommen, die wonnige, seinen Triumph
auszukosten!
Heute -- hoho -- heute hatte er es gewagt! Den Hut gezogen, ganz dicht
vor ihm, ganz dicht! Vor dem Hause in der Lessingallee hatte er
gewartet, bis die graue Limousine kam. Und dann -- den Hut gezogen, wie
gesagt. Mitten in den Lichtschein der Automobillampen war er getreten,
in den blendenden Lichtkegel der Lampen!
Und der General? Er war erschrocken -- erschrocken, sollte man es
glauben, vor ihm, einem alten ohnmächtigen Mann, ohne Rang und Würde,
einem Trinker, mit dem es bergab ging, täglich mehr und mehr bergab,
erschrak er -- der Gewaltige! Fuhr zurück, und seine Augen waren voller
Schrecken . . .
Ja, keine Nachsicht mehr, nicht die geringste! Tag und Nacht wollte er
vor ihm auftauchen, keinen Schritt sollte er künftig tun -- er war da!
Und wie er erschrak! Wie er zurückfuhr! Deutlich sah er es vor sich. Das
breite starre Gesicht wankte, nicht Schrecken, nein Entsetzen spiegelte
sich in den Zügen. Der General taumelte einen Schritt zurück -- zwei --
er lief! Und er, den Hut in der Hand, lief hinter ihm her. Wie schnell
er doch lief! In seinem Mantel mit den roten Aufschlägen. In seinen
Hosen mit den roten Streifen! Wie das Entsetzen ihn vorwärts peitschte
-- und doch war es spielend leicht, ihm zu folgen. Rascher, immer
rascher rannten sie beide in die rotfunkelnde Finsternis hinein. Und der
Nebel donnerte! Ballen von Qualm warf die schwarze Stadt aus, wie ein
Vulkan, Ballen um Ballen, himmelhoch donnerten die Wolken von Qualm.
3
Der Nebel brodelte über Berlin. Über dem Nebel funkelten die ewigen
Sterne, aber die Stadt, versunken im gelben Meer von Lehm, sah sie
nicht.
Schrill heulten die Züge, in düstere Glutwolken gehüllt, tasteten sie
sich langsam vorwärts. Die Bogenlampen fieberten in den dunstigen
Bahnhöfen, Schattenriesen stießen mit den Köpfen gegen die Glasdächer
der Hallen. Die Krankenwagen krochen in das gelbe Nebelmeer hinaus, und
zuweilen stutzten die Chauffeure: klaffende Abgründe schienen plötzlich
die Straßen zu spalten. Schlaff und schmutzig hingen Flaggen aus den
Nebelwolken herab.
In nebligen Höfen wurden die Wagen entladen, und voller Erlösung
starrten die Fieberaugen der Verwundeten in das Licht der Korridore,
durch deren Karboldunst die Bahren schwankten.
Und die Züge heulten und winselten, wie seit mehr als tausend Nächten.
Aber in dieser Zeit der großen Offensive kamen sie ohne jede
Unterbrechung. Die Ärzte wechselten Blicke. -- --
Zur gleichen Stunde saß der General, den der kleine Herr Herbst im
Fieberwahn verfolgte, mit zufriedener Miene in dem bequemen
Arbeitssessel vor seinem Schreibtisch und beugte sich über eine große
Generalstabskarte.
Er hatte neben sich ein Näpfchen mit blauer Farbe und ein Glas Wasser
stehen und malte auf die Generalstabskarte blaue Linien. Hin und wieder
suchte er mit der Lupe eine Ortschaft, die der letzte telephonische
Bericht genannt hatte.
Unfaßbar! Flogen sie? War es nicht ganz wie seinerzeit beim Vormarsch
1914?
Schon wurde das strategische Bild klarer -- kristallklar. Der General
beugte sich! Seine Ansichten hatten nicht immer mit jenen dieser hohen
Stelle harmoniert, zugegeben, es war ihm unmöglich gewesen, den
bedingungslosen Glauben der Allgemeinheit zu teilen, er vermißte kühne,
strategische Gedanken, vermißte den genialen Blick, nun aber beugte er
sich. Ja! Ohne Vorbehalt.
Und der General starrte in die weiße Karte, während draußen der Nebel
zog. Bald beugte er sich dicht darüber, den Kneifer auf der Nase, bald
lehnte er sich nachdenklich in den Sessel zurück, und wieder starrte er
regungslos in die weiße Karte. Was sah er? Er sah Brigaden, Divisionen,
Armeekorps, den Gürtel der Artillerie. Er sah wie Brigaden, Divisionen,
Armeekorps sich vorwärts fraßen, die Kolonnen auf den Straßen, die
schwere Artillerie wird nachgezogen, die Fliegerschwärme in der Luft,
die Stäbe, all das sah er auf der weißen Karte.
Seine Hand schob die blaue Linie vorwärts -- ja, schon erblickte er in
der rechten Flanke das Meer -- den Kanal, in der linken Flanke aber
wurde die fadendünne Silhouette des Eiffelturms am Horizont sichtbar.
Heute schon fielen die Granaten auf die französische Hauptstadt,
furchtbare Mahner, furchtbar pochte die Geschichte an die Tore von Paris
-- und London, bald würde die Geschichte auch an die Tore Londons
pochen! Das Reich des großen Alexander, wo war es hin? Die Stunde
schlug, und es sank in Trümmer. Das Weltreich der Römer und Spanier?
Schutt! Unaufhörlich brauste der Strom der Geschichte, und neue Reiche
stiegen aus der Flut empor.
Der General versank in Träumereien. Seine strengen Züge hatten sich
gelöst. Schon heute stand fest, daß die feindlichen Reservearmeen
aufgerieben waren. Sie hatten nichts mehr, fürchterliche Perspektive
. . .
Nur durch einen Korridor vom General getrennt, durch ein paar dünne
Mauern, saß Ruth über ihren geliebten Büchern, die das Evangelium für
sie bedeuteten, und las mit fiebernden Wangen, während an den Fenstern
sich der Nebel ballte. Es war schon tief in der Nacht, sie schrieb,
machte Notizen, ihre Augen glänzten. Ja, diese Bücher, diese Broschüren,
sie sprachen die Wahrheit! Sie allein zeigten den rechten Weg.
Untergehen mußte diese heute herrschende Gesellschaft, die sich nur
durch Sklaverei, Plünderung und Tyrannei aufrechterhielt. Dieser Krieg
war der fürchterlich logische Abschluß ihres Werkes -- welch ein
Abschluß! Heraufsteigen würde eine neue Gesellschaft, besser, reiner,
edler. Schon waren ihre Boten unterwegs. Hier aber erschauerte Ruth.
Ja, schon! Ihr Blick glitt zum Fenster, das der Nebel verhüllte, ihr
Blick füllte sich mit Unruhe und Qual. Ungewiß lag die Zukunft. Lange
würde sie ihn nicht sehen, vielleicht Jahre! Aber es mußte sein, es
mußte Mutige geben, die alles einsetzten für Idee und Glauben! Sie
liebte ihn, sie bewunderte ihn! Auch sie würde ihm nachfolgen. Auf alles
würde sie verzichten, auf Geld, Bequemlichkeit, gesellschaftliche
Stellung. Nichts wollte sie. Wie Millionen von Frauen, die ihr Brot
verdienten, wollte sie sein, nicht anders. Langsam hatte sie sich zu
diesem Entschluß durchgerungen. Tausend beglückende Gespräche gaben
Helligkeit, Klarheit und Ziel!
Wenn sie Papa kränkte, sie konnte nicht anders, Otto, ihre
Verwandtschaft -- nein, es stand unabänderlich fest! Welche Albernheit,
Oberflächlichkeit, welcher Dünkel, welcher Wahn -- nein, fort fort.
Und doch, das Herz schmerzte. Sie erhob sich und begann auf und ab zu
wandern, die Hände an den Hüften, immer hin und her, den Blick voller
Qual -- immer hin und her, die ganze Nacht. --
Und Dora, was tat Dora in dieser undurchdringlichen Nebelnacht? Sie
schlief und lächelte im Schlaf. Auch Klara, die kleine unglückliche
Klara, schlief, aber sie weinte im Schlaf, ihre Wangen waren ganz naß.
Hedi aber war noch wach in dieser Nebelnacht, sie war heiter und guter
Dinge. Sie tanzte Tango mit Weißbach, in der Bibliothek, nebenan saß
eine kleine Gesellschaft beim Spiel. Der Phonograph war kaum zu hören,
da sie ihn geschlossen hatte, aber so fand Hedi es am stimmungsvollsten.
Ströbel hatte ihr eben gesagt, er sei einer der wenigen Männer in
Europa, die alles vertragen könnten -- und so tanzte sie Tango mit
Weißbach, ganz allein, und Weißbach, der heute wenig trank, hatte ihr
erklärt, daß er sie liebe und sie auf der Stelle heiraten würde. Das
belustigte Hedi, und zuweilen erlaubte sie seinem Blicke, in ihre Augen
einzudringen, ganz tief. Sie hatte sich vorgenommen, den kleinen
schwarzen Artilleriehauptmann völlig rasend zu machen. Und dann? Nun,
wer weiß --?
Und Otto? In seinem Zimmer im Westen saß er, eine kleine anmutige
Verkäuferin, die er auf der Straße kennengelernt hatte, auf den Knien,
eine Flasche Wein neben sich. Er küßte den vollen, bläulichweißen Nacken
der Kleinen, und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate
einschlägt. Ihr Bräutigam war ebenfalls im Felde. Otto lachte --
herrlich diese Naivität. Er unterhielt sich ausgezeichnet. Was kümmerte
es ihn, daß der Nebel um das Haus wallte?
4
Immer noch rannte der kleine Herr Herbst hinter dem Mantel mit den roten
Aufschlägen einher, immer noch durch purpurne Finsternis.
Allmählich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht über, er rannte nicht
mehr, er ging langsam -- und der General? Es war gar nicht der General,
es war sein Zimmernachbar Hähnlein. An seinem abgenutzten
Soldatenmantel, seinen abstehenden weißen Ohren, dem dünnen Hals
erkannte er ihn. Er ging langsam, immer einige Schritte voraus, kreuz
und quer durch die Straßen. Offenbar suchte er etwas. Endlich aber --
ah, nun hatte er es gefunden.
Vor einem Laden mit Messern machte er halt. Messer, nichts als Messer,
funkelnd und blitzend, ein Gebiß. Dieses Geschäft umkreiste Hähnlein, er
las die Aufschrift, runzelte die Stirn. Dann trat er zurück an den
Rinnstein, einen Fuß auf dem Fahrdamm, einen auf dem Bürgersteig, zog
den Geldbeutel heraus und blickte aufmerksam hinein. Entschlossen betrat
er den Laden. Aber bevor er die Türe schloß, warf er noch einen Blick
auf die Straße, einen suchenden, kranken und traurigen Blick. Wonach sah
er sich um? Nach Hilfe?
Wie, hier, zwischen den eilenden Menschen, die alle vor dem eigenen
Elend dahinjagten, hier, wie? Nun, er sah es ja auch ein, daß es sinnlos
war, gerade hier nach Hilfe auszuspähen und schloß die Türe hinter sich.
(Herbst spähte durch die Scheibe!) Er wählte ein langes solides
Bratenmesser, lang, spitzig und scharf und verließ den Laden, ein
schmales, langes Paketchen unter dem Arm. Rasch strebte er nun seinem
Hause zu, zuweilen lief er sogar eine Strecke, rasch eilte er die Treppe
hinauf.
Aber was nun? Es war wieder dunkel im Zimmer nebenan, wieder war es
plötzlich Nacht geworden, und nur Hähnleins Schatten war zu sehen, seine
weißen abstehenden Ohren und seine böse glitzernden Augen. Er, Herbst,
lag nun wieder in seinem Bett, schlief, hatte die Augen geschlossen,
trotzdem sah er durch die Mauer hindurch alles, was Hähnlein nebenan
tat. Nun beugte sich Hähnleins Schatten über die schlafenden Kinder,
lange Zeit, dann über die schlafende Frau. Da blitzte plötzlich das
lange Messer. Furchtbar blitzte es in der Dunkelheit. Die Frau regte
sich, und Hähnlein versteckte hastig die Klinge unter seinem Rock. Lange
stand er ohne jede Bewegung.
Dann aber, dann beugte er sich wieder über die schlafenden Kinder, das
Messer funkelte -- nun zeigte die Klinge dunkle Flecken. Lautlos stand
er und atmete. Dann beugte er sich über die Frau, und abermals funkelte
das Messer. Endlich richtete er sich auf. Kein Laut.
Plötzlich aber beschäftigte ihn etwas. Er heftete seine glitzernden
tückischen Augen auf ihn, Herbst, der nebenan in seinem Bett lag und
schlief. Sah er ihn? Es war ja unmöglich, die Wand war dazwischen. Aber
doch schien er ihn zu sehen. Er tastete mit der Hand gegen die Wand --
runzelte enttäuscht und zornig die Stirn. Da begann Herbst (weshalb
eigentlich?) spöttisch zu kichern. Hähnlein lächelte verächtlich,
wollüstig -- und tastete sich an der Wand entlang zur Türe.
Herbst setzte sich plötzlich aufrecht, und sein Herz stand still vor
Entsetzen. Wild schrie er auf.
Er kam! Er sah ihn kommen, das Messer zwischen den Lippen.
Schon öffnete sich langsam die Türe, seine Hand wurde sichtbar -- wieder
schrie Herbst auf -- und er trat ein.
Aber er trug kein Messer, sondern eine Kerze. Und es war gar nicht
Hähnlein, sondern -- Ackermann.
»Sind Sie krank? Weshalb schreien Sie?« fragte Ackermann und kam näher,
den Leuchter mit einer kleinen Kerze in der Hand.
Herbst versuchte zu sprechen, doch die Zunge klebte am Gaumen.
Ackermann ging und kam mit einem Glas Wasser zurück.
»Trinken Sie. Sie fiebern ja. Sie glühen!«
»Ich friere«, entgegnete Herbst, und seine Zähne klapperten. »Ich fühle
mich eiskalt. Gewiß bin ich schneeweiß.«
»Sie glühen. Trinken Sie! Weshalb schrien Sie so?«
»Ich habe von Toten geträumt.«