Die Majorin fiel ihr ins Wort. Kühl und förmlich sagte sie: »Mein Sohn
hatte keinerlei Geheimnisse vor mir. -- Geht hinaus!« herrschte sie die
beiden Schwestern an, und sie verließen sofort gehorsam das Zimmer.
»Wie sagten Sie? Seine Geliebte?« Die Majorin dämpfte die Stimme.
»Ja. Ich bin seine Geliebte.«
»Aber wissen Sie auch, was Sie sagen?«
»Vollkommen.«
»Sie wollen also sagen« -- die Majorin stockte -- »Sie wollen doch nicht
sagen, daß Sie mit Heinz in Gemeinschaft gelebt haben?«
Klara zuckte zusammen und hob den hilflosen, wunden Blick zu den
graublauen Augen empor. Sie errötete. »Nein, nicht das --« stotterte
sie. »Das wollte ich nicht sagen.«
Auch über das gelbe, lange Gesicht der Majorin huschte ein dünnes Rot.
Erleichtert und etwas freundlicher sagte sie: »Nun, dann danke ich Ihnen
herzlich für Ihren Besuch, mein liebes Fräulein!« Sie versuchte, ihrer
Stimme sogar einen warmen und aufrichtigen Klang zu geben. Aber als
Klara sie mit fassungslosen Augen ansah, fügte sie flüsternd hinzu:
»Sollten Sie vielleicht irgendwelche Ansprüche zu stellen haben?«
Fassungslos waren die wunden Mädchenaugen auf sie gerichtet.
Da lächelte die Majorin und streckte Klara die Hand hin. »Herzlichen
Dank, mein Kind. Wie heißen Sie?«
Aber Klara antwortete nicht, ihr Blick glühte. Sie berührte diese lange,
gelbe, entsetzliche Hand nicht. Sie wich zurück, verbeugte sich tief,
sehr tief, und ging hinaus. Die beiden Schwestern lugten durch die
Türspalte. »Von ihr ist die Locke, die er in dem Medaillon trug«,
flüsterte die eine, und die Stimme der Majorin rief: »Emma, Bertha.«
Klara befand sich wieder auf der Treppe.
Ach, und die kleine, törichte Klara hatte sich zu Hause ausgedacht, daß
sie vor der Majorin und den Schwestern in die Knie fallen werde, um
ihnen zu sagen, daß sie gekommen sei, den Schmerz mit ihnen zu teilen.
Sie wollte ihnen die Hände küssen und mit ihnen weinen.
Sie war ein Kind und wußte nichts um die Eifersucht einer Mutter.
Betäubt und völlig fassungslos stieg sie die Treppe hinab. Es war die
Treppe, über die sein Schritt eilte. Sie berührte sie liebkosend mit den
Fingerspitzen. Sie wollte diese Treppe auch küssen -- aber in diesem
Moment wurde ein Kinderwagen aus einer Türe geschoben, und sie entfloh.
Aber sie kam wieder, als die Damen Sterne-Dönhoff ausgegangen waren, und
sie küßte die Treppenstufen und kniete auf ihnen. Dreimal kam sie im
Laufe der nächsten Wochen und schlich wie ein Dieb durch das
Treppenhaus. Einmal war es schon ganz finster. Dann kam sie nicht mehr.
* * * * *
Das Paradies war versunken, nichts blieb als Finsternis, unendlich --
und inmitten dieser finsteren Unendlichkeit stand sie, Klara, die Hände
auf ihr zuckendes Herz gepreßt.
Solange Papa zu Hause war, mußte sie die Trauerkleider ablegen. Sie
wollte Papas Fragen vermeiden. Zuweilen schon streifte sie bei Tische
sein Blick -- ihre Augen waren gerötet, ohne Glanz, ihre Wangen ohne
Farbe. Papa, ihr armer Papa, der ohnehin in den letzten Tagen so
auffallend erregt, ja verstört war. Mehr, als er es sich merken ließ,
schien ihm Hedis Rücksichtslosigkeit nahe zu gehen.
Ja, diese Hedi hatte es tatsächlich übers Herz gebracht, das Haus zu
verlassen. Anfangs war sie nur selten und sehr unregelmäßig gekommen,
sandte immer Boten mit Briefen -- Arbeit, unerwartete Vorkommnisse.
Schließlich kam sie gar nicht mehr. Ganz unmöglich, dieser Weg -- und
Arbeit, Tag und Nacht mußte man zur Stelle sein.
Der Geheime Rat -- nie hätte es Klara für denkbar gehalten, fügte sich,
ohne den Versuch eines Widerstandes.
Er ging wohl etwas erregt hin und her und knackte mit den Fingern,
zupfte an seinen dünnen Barthaaren. Er hatte Bedenken ohne Zweifel,
schwere Bedenken! Ein Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel -- ein während
des Krieges reich gewordener Mann -- hm! Aber schließlich: er besaß kein
Vermögen, und da er kein Vermögen besaß, so war auch seine Karriere so
gut wie abgeschlossen -- derselbe Schreibtisch, derselbe Aktenständer,
derselbe Spucknapf -- bis zur Pensionierung.
Ja, was war da zu tun? Wieder knackte er mit den Fingern.
Bei dem heutigen Geldwert konnte er seinen Töchtern nichts mehr bieten,
gar nichts mehr. Sie mußten selbst sehen --
Es war gar nichts zu tun, mit einem Wort.
Und übrigens hatte er gerade jetzt, gerade in diesen Tagen, ganz andere
Sorgen! Schlaflos verbrachte er die Nächte. Ein ungeheures Mißgeschick,
wenn man so sagen darf, war ihm widerfahren: es gehörte zu seiner
Tätigkeit im Auswärtigen Amt, die deutschen Interessen in drei fernen
exotischen Ländern zu vertreten. Zu diesem Behufe veröffentlichte er mit
Unterstützung eines Universitätslehrers jeden Monat ein
Korrespondenzblatt, dessen sich die Presse allerdings nur wenig, ja, man
kann getrost sagen, gar nicht bediente, leider. Nun aber hatte eines der
exotischen Länder an Deutschland den Krieg erklärt -- und ihm, ihm war
es völlig entgangen! Das letzte Korrespondenzblatt hatte sogar noch
einen lobenden, beruhigenden Aufsatz aus der Feder seines geschätzten
Mitarbeiters enthalten, und doch lebte man mit jenem Lande schon seit
drei Wochen im Krieg! Welches Mißgeschick! Wenn der Minister es,
bemerken sollte --? Allerdings waren ja schon drei Wochen vergangen, und
niemand hatte bis jetzt etwas bemerkt, vielleicht ging der Kelch noch
einmal an ihm vorüber!
Das waren die Sorgen des Geheimen Rats, und es war ihm natürlich zurzeit
gänzlich unmöglich, sich viel um seine Töchter zu bekümmern. Es war ja
schließlich keine Schande, wenn Hedi Schreibmaschine schrieb und Briefe
abfaßte -- und sie bekam mehr Gehalt sogar als er. -- Es schien ihr gut
zu gehen, hatte sie doch kürzlich sogar eine Gänsekeule in Gelee
geschickt. Im übrigen war ihm der Charakter Hedis Bürgschaft genug
. . .
Der wilde Schmerz trieb Klara in diesen Tagen sogar zu Hedi, obschon sie
sich vorgenommen hatte, die Schwester in Zukunft zu ignorieren.
Aber Hedi hatte wenig Verständnis für ihr Leid. Sie war gerade mit dem
Einrichten ihrer Wohnung beschäftigt. Im Salon sollte eine Decke
eingezogen werden -- mit goldenen Kassetten zwischen ultramarinblauen
Balken -- nein, Hedi hatte gar kein Verständnis. Sie wollte ihr einen
Frühlingshut schenken. Sie heuchelte ja Teilnahme, aber Klara fühlte nur
zu deutlich --
Sie kam auf den Gedanken, Ruth zu besuchen. Ruth? Weshalb Ruth? Sie
hatte sie nur einigemal gesprochen -- kannte sie kaum, aber instinktiv
suchte sie bei ihr Zuflucht.
Indessen Ruth war nicht da! Der General trat zufällig in die Diele.
»Meine Tochter ist nie zu Hause!« sagte er -- wie es Klara schien -- mit
Bitterkeit in der Stimme. Feierlich und prunkend -- diese Diele. Dunkle
Gemälde in breiten Rahmen, ein riesiger Spiegel und davor zwei Neger aus
Bronze oder Eisenguß, die hohe Kerzen trugen. Voller Mißtrauen schien
der General sie zu betrachten, sein Blick war prüfend und unbehaglich,
ganz wie der Blick von Frau v. Sterne-Dönhoff. Die sie haßte und
verachtete.
Ja, wohin?
Schließlich kam sie auf den Gedanken, Dora aufzusuchen. Sie beichtete
Dora alles! Aber Dora hatte ebenfalls kein Verständnis für ihren
Schmerz. Sie küßte sie, nahm sie in die Arme und drückte sie an ihr
Herz. Sie versuchte sie zu trösten -- sagte, es sei ein Verbrechen,
Kinder, wie Heinz, in diese Metzelei zu schicken -- aber sie hatte
gerade die Schneiderin im Hause, und ihr Kopf war erfüllt von Frühjahrs-
und Sommertoiletten, man mußte ja jetzt schon an den Sommer denken.
Schließlich kam Otto dazu, und Otto betrachtete sie mit neugierigen
Blicken, die Klara unangenehm waren.
Sie ging.
Allein, ganz allein mußte die kleine Witwe ihren Schmerz tragen. Sie
wußte noch nicht, daß der Mensch in seinem Schmerz immer allein steht.
Wie eine Verzweifelte irrte sie Tag für Tag, bis in die späte Nacht
hinein, durch die Straßen. Für ihn die Flaggen -- mein Geliebter, mein
Held! -- für ihn das feierliche Geläute der Glocken! Niemals würde sie
auch nur die Hand eines andern Mannes berühren! Sie war seine Witwe.
Sie war freundlich zu den Menschen gewesen und selbst freundlich zu den
Hunden auf der Straße. Nun ging sie dahin, ohne den Blick zu erheben.
Zeitungen, Extrablätter, die Menschen rannten, stürmten, rissen gierig
die Blätter in Stücke -- was kümmerte es sie? Selbst die Wagen der
Untergrundbahn waren überschwemmt mit Zeitungen. Man hatte den
Faustkampf um den Platz in diesen Tagen etwas gemildert -- es war ja
nicht unmöglich, daß bald alles wieder anders würde. Siege, Siege! Jeden
Tag! In der Ecke des Wagens starb eine kleine Stenotypistin -- still,
ohne einen Laut von sich zu geben. Von der Station Kaiserhof an wurde
sie bleicher und bleicher, als der Zug am Spittelmarkt einlief, war sie
schon tot. Man trug sie hinaus.
Tot? Ja, vielleicht war es das beste?
Klara wurde nicht müde in diesen schrecklichen Tagen, obschon sie nachts
kein Auge zutat. Denn nachts flossen die Tränen ganz von selbst und
brachten Linderung. Kreuz und quer irrte sie durch die dunkeln Straßen.
Schatten taumelten gegen sie, Schatten krochen vor ihr, Schatten
stürzten hinter ihr her. Plötzlich erschrak Klara: ein alter, haariger
Schimmel stand mitten auf dem Trottoir.
Sie stand an einem stillen Kanal, in einer ihr völlig fremden Gegend.
Aus dem schwarzen Wasser blinzelte winkend ein Licht, tief unten. Die
dunkeln Häuser hinter ihr begannen allmählich zu rücken und zu wandern.
Leichen von Firmenschildern, Leichen von Riesenbuchstaben wanderten
langsam, unendlich langsam vorüber. Kein Mensch weit und breit.
Verlassene Wagen, verlassene Bretterhaufen, verlassene Kähne, die Pest
hatte die Menschen mitten aus der Arbeit weggeholt.
Da erscholl über dem schweigenden, schwarzen Wasser ein fürchterliches
Gelächter -- ein unheimliches Lachen, das Lachen des Wahnwitzes -- Klara
erschauerte. Sie befand sich hinter dem alten Schloß, und es schien ihr,
als käme das Gelächter aus der finstern Burg. Ein Eishauch ging von dem
stillen, toten Schloß aus. Es schien verlassen, bewohnt einzig von einem
Gespenst, das diese fürchterliche Kälte aushauchte. Starrte es nicht
durch die schwarzen Fenster auf sie? Und da -- seine eisige Hand griff
durch die Mauern und berührte ihr Herz.
Klara entfloh. Das wahnwitzige Gelächter scholl hinter ihr her.
Endlich Licht. Ein Kino. Eine dicke Zeitungsfrau rannte an den grellen
Plakaten vorüber und krächzte heiser und ununterbrochen: »Zwanzigtausend
Gefangene -- die Schlacht geht weiter --«
2
Nebel.
Sonderbar, den ganzen Tag über Regen, gegen Abend etwas Sonne und ein
feuchter Wind und nun, in der Nacht, Nebel.
Herr Herbst bog um die Ecke und nieste. Er war erkältet. In dieser
Straße stand der Nebel noch dichter. Ein unheimlicher Riese kam ihm
entgegengestampft, in einige Lagen von Pelzen eingehüllt, eine hohe
Pelzmütze auf dem dicken Schädel, aber er schrumpfte mehr und mehr
zusammen, und schließlich ging nur ein kleiner harmloser Mann an ihm
vorüber. Ein qualmendes Feuer mitten in der Straße und tanzende
Kannibalen um das Feuer: keine Angst, es sind Straßenbahnarbeiter, die
das Geleise ausbessern.
Wie ein lehmiges Meer wälzte sich der Nebel dahin und schob Geröll vor
sich her -- Häuser, Straßen, Häuserviertel, Stadtviertel, Vorstädte,
immer weiter, bis hinaus zum flachen Land, wo es nichts gibt als
Kartoffeläcker und Telegraphenstangen.
Auch ihn schob das lehmige Meer willenlos vor sich her, ganz wie die
Häuser und Stadtviertel mit all ihren Bewohnern. Seine Nase tropfte, er
ging rasch, die Knie etwas eingeknickt, die Arme herabhängend. Müde war
er, todmüde. Den ganzen Tag war er unterwegs.
Er hatte einen neuen Plan ausgedacht -- teuflisch!
Ja, teuflisch!
Wo er ging und fuhr, sollte er ihn sehen -- immer, zu jeder Stunde des
Tages sollte er erinnert werden -- _daran_!
Als er aber wieder niesen mußte, zerflatterte die dichte schmutzige
Nebelwolke, und -- wer hätte das gedacht? -- er erblickte einen kleinen
üppigen Garten in praller Sonne! Er selbst ging in diesem Garten
spazieren, in einem weißen Kittel, die goldene Uhrkette auf der Weste,
einen breiten sonnenverbrannten Panama auf dem Kopfe. So deutlich! Es
roch nach Kaffee, es war Sonntag, er roch sogar die Frische des
Stärkhemdes, das er trug. Bald würde Muttchen -- dasselbe Muttchen, das
später, viel später, wer hätte es ahnen können --? -- bald würde
Muttchen kommen mit dem Kaffeekuchen, die Fingerspitzen etwas fett, die
Lippen etwas glänzend von Fett . . .
In diesem Augenblick stieß Herr Herbst mit jemand zusammen, der unwillig
»Achtung!« rief. Der Garten verschwand, und der Nebel brodelte wieder.
Der Zusammenstoß war so heftig, daß ihm der steife Hut über die Ohren
getrieben wurde und er ins Taumeln geriet. Aber dieses ärgerliche
schroffe »Achtung!« -- diese trockene Stimme, wie?
Scheu wandte er sich um: sofort fiel ihm das grüne Plüschhütchen auf und
der enge, zugeknöpfte Überzieher! Im gelben Dunst einer Laterne stand
der schmächtige junge Mann im Gespräch mit zwei Männern mit
Knotenstöcken. Das Plüschhütchen wackelte hin und her, die dünnen Arme
gestikulierten aufgeregt -- aber da verschwanden sie schon aus dem
Lichtschein der Laterne, der Nebel verschlang sie.
Herbsts Herz pochte.
Also schon waren sie bis hierher gekommen, bis hierher?
Er zitterte und duckte sich zusammen.
Düster lag das graue Haus, umbrodelt vom Nebel, und wie in jeder Nacht
war nur das eine gleiche Fenster erleuchtet.
Leise wie immer stahl sich Herr Herbst in sein Zimmer.
Gottlob, daß er hier war! So müde --!
Frau Hähnlein in ihrer Kammer betete. Mit schluchzender, verzweifelter
Stimme -- aber leise, um die Kinder nicht zu wecken, flehte sie um
Gottes Beistand, rief sie den Himmel um Hilfe an, ja, um Hilfe --
Grundlos wie das tiefe Meer war das Elend dieser Stadt, in allen
Straßen, allen Häusern. Überall Unglückliche, Verzweifelte, Weinende,
Schlaflose. Aus allen Häusern glühten die Augen von Wahnsinnigen in den
Nebel.
Der bucklige Wirt hatte recht: die Zeit der großen Heimsuchung war über
die Welt gekommen. Die Menschen waren Sünder. Sünde! Sünde! Bodenlos wie
das tiefe Meer! Und auch er, ja, auch er hatte Sünde auf Sünde gehäuft
in seinem Leben! Er büßte -- schon büßte er, hatte er den steinigen Pfad
der Sühne betreten.
Daran dachte der kleine Herr Herbst, als er geschüttelt vom Frost in
sein Bett kroch. Sein Gesicht brannte wie Feuer, und funkensprühend
kreiste die Dunkelheit um ihn. Wieder quälte ihn der Husten, und er
steckte den Kopf unter die Decke, um keinen Lärm zu machen. Als er
wieder Atem schöpfte, hörte er Stimmen in Ackermanns Zimmer.
* * * * *
Diese Stimmen brodelten, ganz wie der Nebel an seinem Fenster, auf und
ab, eine heisere, keuchende und eine tiefe klare, die zu beruhigen
suchte. Dazwischen ein belustigtes, ein etwas angeheitertes Lachen.
Die klare beruhigende Stimme, das war Ackermann, aber die heisere,
keuchende, die zuweilen so sonderbar belustigt lachte? Es war Hähnlein!
Ja, niemand sonst -- lachte also, während seine Frau Gott um Hilfe
anflehte, um Erbarmen für ihre armen Kinderchen wenigstens.
»Morgen schon?« fragte Ackermann.
»Ja, morgen um zehn Uhr!« Und wieder das angeheiterte Lachen.
Ohne Unterbrechung brodelten die Stimmen.
Der kleine Herr Herbst dampfte vor Hitze. Sein Kopf rauchte, seine
Hände, ja, wie gesagt, er war erkältet. Mit geneigtem Kopf saß er im
Bett, wie betäubt, ohne jeden Gedanken. Er mußte dem Brodeln der Stimmen
lauschen, das ihn wie ein Zauber bannte, obwohl ihn nicht im geringsten
interessierte, was die beiden zu besprechen hatten.
»Wie ist es nur denkbar?« rief Ackermann aus.
Und mit einem heiseren Auflachen erwiderte Hähnlein: »Ja, wie ist es nur
denkbar, hahaha!«
Trotzdem das Blut in seinem Kopfe wie Dampf zischte, begriff er bald,
was Hähnlein so erregt hatte. Man hatte ihn wieder gemustert, und morgen
ging der Transport zur Front. Die »Mordkommission« war in der Kaserne
gewesen. Zurück, zur Front, abermals -- ja, der Granatsplitter, der ihm
die Schädeldecke zertrümmert hatte, so daß er keine Treppe steigen
konnte, ohne sich am Geländer festzuhalten -- er zählte gar nicht. Und
der Brustschuß, den er in Serbien erhielt -- auch er zählte nicht. Und
dreimal in Frankreich, zweimal in Rußland, in Serbien -- all das zählte
überhaupt nicht. Seine Frau -- seine Kinder --?! Nichts zählte!
Man würde ihn wieder in einen Viehwagen packen, er mußte wieder hinaus.
Ackermann versuchte zu beruhigen.
»Hahaha!« lachte Hähnlein. Seine Ratschläge machten wenig Eindruck auf
ihn.
»Ja, vor die Füße, vor die Füße, wirf es ihnen vor die Füße!« schrie
Ackermann laut und wütend.
»Aber, was dann, Ackermann, hörst du?« fragt Hähnlein. »Gefängnis --
frage Kamerad Schmitt, der dem Gefreiten eine Ohrfeige gab. Lieber den
Heldentod als das Gefängnis! Hunger und Prügel.«
»Die Verruchten!« schrie Ackermann.
Hähnlein lachte wieder laut und heiter. Und obwohl Herbst vom Fieber
glühte, erschauerte er bei diesem sonderbaren Lachen.
Aber, ob er, Ackermann, die Strafkompanie vergessen habe? Teufel von
Vorgesetzten -- Verbrecher -- Zuchthäuslerkleidung -- die ehrlichen
Kameraden spucken dich an -- Sträflingsarbeit im Feuer, Hunger, Prügel,
Läuse, Krankheiten --
Also fort mußt du? dachte Herr Herbst. Gut, gut, daß du fort kommst!
Er fürchtete sich vor Hähnlein in der letzten Zeit. Gestern traf er ihn
auf der Treppe: ohne Regung stand er, erstarrt, den Kopf gesenkt, einen
Fuß in der Luft, die stechenden, glitzernden Augen auf den Boden
gerichtet. Er hatte es nicht gewagt, an ihm vorbeizugehen und war
umgekehrt.
So, ja, genau so hatte auch sie gestanden -- seinerzeit -- immer in den
Ecken, zuerst mitten in den Zimmern, endlich nur noch in den Ecken und
unter den Türrahmen -- bevor sie, hm, bevor sie . . .