Zweites Buch

1

Der Leichnam des jungen Heinz war nach Berlin gebracht worden. An einem

hellen Frühlingstag wurde er in die Erde gebettet. Die Kampfstaffel

hatte den jungen Meerheim mit einem Kranz geschickt. Der Trauerzug war

nur klein. Ohne eine Träne im Auge folgte die Majorin Sterne-Dönhoff dem

Sarge ihres Sohnes, die Schwestern weinten leise und schüchtern. Etwas

hinter dem kurzen Trauerzug, dicht verschleiert und schwarzgekleidet wie

eine Witwe, ging Klara, deren schmale Schultern von einem

ununterbrochenen Schluchzen geschüttelt wurden. Heinzens Freunde,

Schüler, Knaben, sangen des Gefallenen Lieblingslied: Deutschland,

Deutschland über alles. Die Majorin hatte es gewünscht. Sie selbst

stimmte in das Lied ein, während sie mit verklärtem Lächeln in die Weite

des Frühlingshimmels blickte.

Der junge Meerheim sprach einen kurzen Nachruf, mit unbewegter,

soldatisch scharfer Stimme; acht Tage später wurde er selbst im

Luftkampf getötet.

Noch nicht neunzehn Jahre alt, war Heinz gefallen.

Klara preßte das zusammengerollte Taschentuch zwischen die Zähne.

Sonderbar, und nicht die leiseste Ahnung! Am Abend vorher hatte noch ihr

Stern so herrlich und verheißungsvoll gefunkelt.

Es war an dem Morgen nach Doras Fest geschehen -- gerade in der Stunde,

da sie einschlief. Meerheim sah die Maschine stürzen.

Einige Tage vorher -- sie erinnerte sich dessen -- hatte sie von Heinz

geträumt. Er stand auf dem Flugplatz, die grüne Wollmütze auf dem Kopf,

und auf seiner Brust glitzerte in der Sonne das Medaillon. Er spielte

mit einem kleinen Dachshund, und Schwärme von furchtbar anzusehenden

Flugzeugen, mit barbarischen Farben bemalt, rasten über ihn hin. Aber er

sah sie gar nicht, spielte mit dem Hunde -- man konnte diesen Traum wohl

nicht eine Ahnung nennen?

Ohne jede Sorge, ja, mehr, mit dem Gefühl der Sicherheit, war sie nach

Doras Fest schlafen gegangen, glücklich und voller Hoffnungen.

Vor wenigen Tagen aber fuhr sie in die Stadt. Nach ihrer Gewohnheit

kaufte sie in einem Kiosk der Untergrundbahn wahllos einen Stoß

Zeitungen. Wie viele Menschen, war sie zu einer fanatischen

Zeitungsleserin geworden, es war eine förmliche Krankheit bei ihr.

Plötzlich war es ihr, als ob sie seinen Namen gelesen habe! Unglaublich

zwar -- aber hatte er ihr nicht oft gesagt: gib acht, eines Tages wirst

du plötzlich meinen Namen in den Zeitungen lesen, und wie überrascht

wirst du sein! Sie blätterte, und richtig -- da stand sein Name: Heinz

Sterne-Dönhoff. Sie las, und sie begriff zuerst nicht. Nachdem vor knapp

einem Jahre sein Vater, der Major Sterne-Dönhoff, den Heldentod . . .

Sie las die Unterschriften, und plötzlich begriff sie.

Sie warf ihre Zeitungen auf den Sitz, daß sie umherflatterten, und

rannte durch den Wagen.

»Er ist tot,« schrie sie, »ich will hinaus!«

»Aber Sie sehen doch, daß der Zug fährt, Sie können doch nicht

aussteigen«, sagten die Herren, die die Türe verbarrikadierten. »Sie

zerschmettern sich den Kopf, liebes Fräulein.«

Da fuhr der Zug in einen Bahnhof ein, und Klara stürzte hinaus.

»Es ist schrecklich, jeden Tag erlebt man jetzt derartige Szenen.

Gestern sprang eine Frau auf dem Bahnhof Spittelmarkt vor den Zug und

ließ sich überfahren. Ich sage Ihnen, es war entsetzlich -- dieser

Schrei!«

»Hören Sie auf, ich kann von solchen Dingen schon gar nichts mehr hören

--«

Der 9. November: Roman · 第 46 / 74 题