Einer, ja, einer --

Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf Ackermanns

Antlitz.

»Nun wohl, ich bin bereit!« rief er.

Bereit, bereit? Wozu bereit?

»Nun bereit, einfach bereit!«

Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren.

Es war beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck stürmte, und die Reihen

der Kameraden auf rätselhafte Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott

hatte ihn geprüft und auserwählt.

Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, sein jüngerer

Bruder, würde sie wie anderes früher in der Provinz drucken lassen --

die Freunde würden sie vertreiben. Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und

Ruth? Ruth war tapfer. Es war alles in allem nicht die Zeit, an diese

Dinge zu denken.

»Vorwärts! Vorwärts!« Die Glocken heulten es, die Todesschreie in der

Luft, das Röcheln der Sterbenden, das Jammern der Witwen und Winseln der

armen Waisen -- die Kameraden riefen es ihm zu, über die jetzt, in

dieser Minute, die furchtbare Bahn der Granate hinwegheulte, die

Kameraden, die jetzt mit starren Augen lagen, Freund wie Feind, die

jetzt verbluteten, Freund wie Feind -- alle, alle: vorwärts!

»Ackermann! Ackermann!« riefen warnende Stimmen in der Luft.

Er blieb stehen und warf die Blicke empor zu den unbekannten Stimmen in

der Luft.

»Ackermann! Ackermann!«

»Bereit -- bereit!« rief Ackermann und eilte weiter.

11

Im Augenblick hatte der schmächtige junge Mann die Fenster geöffnet und

die Rolladen hochgezogen. Es sah aus, als sei Kunze soeben von der Reise

zurückgekehrt und nehme seine Wohnung in der Blücherstraße wieder in

Besitz. Eine Schicht von Staub und Sonne lag über den Dächern draußen,

und feierlich brodelte darin das Läuten der Glocken.

»So, so -- immer hereinspaziert!«

Zögernd schob sich der kleine Herr Herbst über die Schwelle. Es mußte ja

sein, es gab kein Entrinnen mehr vor dem jungen Mann mit dem Kneifer. --

Ein Block von Licht brach in die dunkle Wohnung, und er schloß, wie

versengt, die Augen -- aber was half es denn? Nichts. Er hatte ihn ja

doch gesehen, trotzdem, ja ohne hinzublicken: den Haken über der Türe

zum Schlafzimmer. Nur ihn sah er -- nichts sonst -- diesen Haken.

Ah, ah, ah!

Ächzend sank er in einen Sessel und krümmte sich zusammen.

»Nun, sofort, mein verehrter Herr!« rief Kunze etwas keuchend aus. Eine

Schweißperle lief über seine Stirn. Jede körperliche Tätigkeit, auch die

geringste, erschöpfte ihn augenblicklich. »Die Lunge, wissen Sie.

Sofort, sofort zu Ihrer Verfügung.« Fieberhaft kletterten seine raschen

Augen über Möbel und Wände. Er verbarg sein Erstaunen nicht, nein, wozu

denn, vor wem denn? Er staunte -- staunte, mit offenem Munde!

Die rote Plüschgarnitur des Wohnzimmers, heute allein ein Vermögen wert!

Die Gaskrone mit Glasprismen, der rote Teppich, überall Vasen, Nippes,

goldene Bilderrahmen -- eine kleine Palme in der Ecke, daneben ein

Grammophon. Die Vorhänge und Gardinen kunstvoll drapiert über den

Stangen. Das Schlafzimmer schneeweiß! Und peinliche Ordnung und

Sauberkeit, bis auf den Staub, der sich da und dort angesammelt hatte.

Alles in allem: ein behagliches Bürgerheim, die Wohnung eines Bürgers in

guten Verhältnissen -- aber _verlassen!_

»Und da hausen Sie nun in diesem Loch, in dieser Mietkaserne -- und hier

haben Sie eine prächtige Wohnung!« rief Kunze in äußerstem Erstaunen

aus.

Herbst entgegnete nichts. Er hatte den steifen Hut aufbehalten und saß

zusammengekrümmt, so daß sein Gesicht nicht zu sehen war. Die schmalen

Schultern in dem abgeschabten, rostfarbenen Havelock zitterten.

»Ist es zu glauben? Ja eine prächtige Wohnung! Und Sie haben keine Angst

vor Einbrechern? Mein Himmel! Tag und Nacht wird ja jetzt gestohlen in

Berlin. Die Stadt wimmelt von Dieben und Einbrechern. Bataillone, Armeen

von Dieben und Spitzbuben sind an der Arbeit!«

»Niemand« -- krächzte hier der Havelock -- »kein Einbrecher würde es

wagen. Auf der Schwelle würde er umkehren! Niemand!«

Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dünnen Überzieher und das

grüne Hütchen auf einen Sessel und schnüffelte von neuem durch die

Wohnung. Er war ganz in seinem Element. Seine kleinen Augen, die stumpf

und dumm hinter den Gläsern aussahen, glänzten vor Begierde. In

Schränke, Schubfächer, Nachttische, sogar hinter Vorhänge steckte er die

spitze Nase. Jedenfalls, das stand fest, jedenfalls würde er sich in den

Besitz dieser Wohnung setzen -- er würde sie einfach für Dienstzwecke

anfordern, ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die

verwöhntesten Damen empfangen -- und in welch elendem Loch hauste er

doch zurzeit!

In der Küche streckte er vor Überraschung die Zunge aus dem Munde.

Ahnungslos, ja, ohne überhaupt etwas zu denken, hatte er dieses Spind

geöffnet, und siehe da: Wein, Wein, Flasche an Flasche! Bordeaux,

Burgunder, Mosel, drei, vier Dutzend, und alles Friedensware! Nicht zu

bezahlen heute. Wein, seine Wonne, seine --! Im Nu, völlig automatisch,

hatte er eine Flasche entkorkt.

Und das Geheimnis dieses kleinen Alten, der dunkle Punkt? Es war ihm

nicht bange.

»Welche Reichtümer, Herr Herbst!« lachte Kunze, als er mit der Flasche

aus der Küche zurückkam. »Ein sonderbarer Heiliger sind Sie! Nun wollen

wir aber Ihre Heimkehr in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingießen? Nun,

ein Gläschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, herrlich ist es

hier, direkt anheimelnd, als ob ich zu Hause wäre.«

Ohne Umstände machte er es sich auf dem Plüschsofa bequem.

»Auf Ihre Gesundheit, Herr Herbst!«

Herr Herbst hatte den Hut abgenommen -- aufgeschreckt durch das laute

Freudengeschrei in der Küche und das Knallen des Korkes -- und sein

kleiner, gelber, verrunzelter Kopf erschien Kunze wie eine Rübe, eine

wirkliche Rübe, die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat.

»Ja, direkt anheimelnd. Ganz wie bei uns zu Hause. Mein Vater -- sagte

ich Ihnen das schon? -- ist Prediger in einem Kirchspiel. Liebt sein

Weinchen, seine Zigarren und lobt den Herrn! Ja, so ist er nun einmal,

sehen Sie. Sobald er aber in seinen Talar schlüpft, versteht er keinen

Scherz mehr, nein, ich bitte Sie -- um Gottes willen, ernst, würdevoll,

der Hirte seiner Schäfchen. Als nun der Krieg ausbrach, da sagte er zu

mir: >Melde dich sofort, eile zu den Fahnen, es ist deine sittliche

Pflicht, ziehe hinaus. Kämpfe<, so redete er -- der kategorische

Imperativ -- Kant -- er ist Philosoph, mein Vater -- ah, ah, was für ein

Weinchen!«

Auf der Kommode, dem roten Plüschsofa gegenüber, stand in einem breiten

Rahmen die vergrößerte Photographie eines jungen Soldaten mit frischem,

keckem Jungengesicht. Ein Jäger, feldmarschmäßig ausgerüstet, den

Gewehrlauf mit Blumen geschmückt. Der Rahmen des Bildes war mit

Trauerflor umhüllt, ein Paar Leuchter mit herabgebrannten Kerzen,

standen davor. Das war er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hieß er

doch -- Robert.

An der Wand, über dem Jäger mit dem frischen Jungengesicht, aber hingen

zwei Bildnisse in ovalen Rahmen: eine etwas korpulente Dame mit voller

Büste, vollen Wangen, einem kleinen Fettkinn und auffallend großen

runden Augen. Die Dame lächelte freundlich, gutmütig, ein bißchen

verlegen. Eine Kette mit einem großen Kreuz trug sie um den Hals.

Daneben: ein Herr, etwas hochmütig, voller Würde, das volle dunkle Haar

peinlich gescheitelt, die Augen zuversichtlich in die Ferne gerichtet.

Im Gehrock, schmaler schwarzer Binde -- ein Beamter, der bei seinem

Vorgesetzten Besuch macht. Sah man die korpulente, freundlich lächelnde

Dame an, so schien sie augenblicklich den kleinen Mund zu öffnen und zu

plappern, zu sprudeln -- der Herr aber, würdevoll, blieb stumm,

schweigsam. Die Hand hatte er etwas steif und gravitätisch zur Hälfte in

den schwarzen Gehrock geschoben -- eine kleine Hand . . .

». . . schlage sie aufs Haupt --« sagte also mein Vater, er ist

glühender Patriot -- »diese vom Teufel Besessenen, die aus Neid und

Rachsucht über unser geliebtes Vaterland herfallen -- schlage ihnen die

Schädel ein, zerreiße sie in Stücke -- der Herr will es! Sofort packst

du deine Sachen! Nun, mit dem Felde war es ja leider, leider nichts. Ich

sagte Ihnen ja schon, meine Lunge. Aber jeder nach seinen Kräften, nicht

wahr? Das war nun nicht ganz nach dem Geschmack --«

Plötzlich stockte Kunze. Er war in das Studium dieser kleinen Hand des

Beamten im schwarzen Gehrock versunken. Er stutzte, rückte den Kneifer

zurecht -- schlürfte am Glas. Hm!

War es denkbar?

Wie, wie, wie, sollte er, dieser Würdevolle, Gemessene, Schweigsame, mit

dem zuversichtlich in die Ferne gerichteten Blick --?

Und diese fahlgelbe -- Rübe, etwas angeschimmelt, mit Erlaubnis zu sagen

-- sollte sie --?

Ja, unmöglich, ganz unmöglich! Und doch, diese Hand, das kleine Näschen

und selbst das kurze Schnurrbärtchen, jetzt zwar grauer und schäbig --

so unglaublich es erschien, dieser Ernste, Würdevolle in seinem Gehrock,

und der Kleine, Glatzköpfige, Vertrocknete, Verkommene, mit den

entzündeten, vergilbten Augen, sie waren in der Tat ein und dieselbe

Person!

Kunze verlor vor Erstaunen völlig den Faden seines Geschwätzes. Er erhob

sich und tupfte das Gesicht mit dem Taschentuch.

Hm. Er polierte den Kneifer, ging auf und ab und verschwand schließlich

in der Küche, um eine neue Flasche zu holen. Seine Miene hatte sich

verändert, als er zurückkehrte. Sachlich und kühl betrachtete er den

kleinen Herrn Herbst. Er goß die Gläser voll, räusperte sich und begann:

»Aber genug mit dem Schwatzen jetzt« -- ruhig und geschäftsmäßig klang

seine Stimme -- »Wir haben, wie ich mir schon zu bemerken erlaubte,

keine Zeit zu verlieren, der Major drängt, nun, er wird wieder von dem

Oberst gedrängt, Sie wissen ja, wie es beim Militär zugeht. Seitdem sich

nun diese hohe Persönlichkeit in die Sache gemischt hat --«

»Eine hohe Persönlichkeit?« Herr Herbst horchte plötzlich auf.

»Ja, ja. Ich kann Ihnen nicht _mehr_ sagen. Es ist einer der

sonderbarsten Fälle, die die Abteilung seit langer Zeit zu bearbeiten

hatte.«

»Eine hohe Persönlichkeit?«

»Ein sonderbarer Fall. Nicht Sie allein erstatteten in dankenswerter

Weise Bericht -- nein, auch von anderer Seite werden gleichzeitig, hören

Sie, _gleichzeitig_, Informationen verlangt -- aber, erlauben Sie, daß

ich abbreche . . . Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, zur Abrundung

meiner Nachforschungen über Ihre werte Persönlichkeit, eine Frage an Sie

zu richten, dienstlich. Ein einziger Punkt noch, wie gesagt. Bevor ich

aber diese Frage an Sie richte, bitte ich ergebenst, dieses Schriftstück

lesen zu wollen.«

Mit einer gemessenen Feierlichkeit überreichte der Schmächtige einen auf

Leinwand aufgezogenen Ausweis.

Der kleine Herr Herbst las ihn mit seinen entzündeten Augen, las,

verstand und zitterte. Schwarz auf Weiß war hier zu lesen, daß Herr

Gottlieb Kunze berechtigt war, Verhaftungen vorzunehmen . . .

»Sie haben Kenntnis genommen --?«

»Ja, ja -- Kenntnis --«

»Nun, und so richte ich also die Frage an Sie --«

Der Havelock erhob sich erbleichend.

Zwei scharfe, messerscharfe Augen richteten sich auf ihn. Der Kneifer

funkelte.

»Herr Herbst -- ich scherze jetzt nicht mehr!«

»Nein, nein!« stotterte der alte Mann.

Die messerscharfen Augen kamen näher. Kunze hatte jetzt den Kneifer

abgenommen.

»Weshalb haben Sie --?«

»Nein, nein -- ah, Gott im Himmel!«

»Weshalb haben Sie Ihre Wohnung verlassen?«

Augenblicklich brach der kleine alte Mann zusammen. Er bedeckte das

Gesicht mit den kleinen Händen und sank in den Sessel.

»Herr Herbst!«

Sofort fuhr der kleine alte Mann wieder auf und wich zurück. »Ich kann

nicht -- ich kann nicht -- so wahr Gott lebt --« rief er und richtete

die Augen flehend auf Kunze.

»Herr Herbst!« Eine Hand erhob sich.

Der kleine alte Mann wich zum Fenster zurück und faßte nach dem

Fensterkreuz.

Die Hand griff nach den Rockschößen.

»Aber, Sie werden doch nicht --? Kommen Sie!«

Ohne jeden Widerstand ließ sich der kleine alte Mann von Kunze zum

Sessel zurückführen.

»Beruhigen Sie sich«, sagte die kalte, dienstliche Stimme. »Haben Sie

Vertrauen. Berichten Sie. Ich selbst werde Ihr Anwalt sein, die Sache so

darstellen . . . einerlei, was es auch sei -- bitte, trinken Sie, so,

so! Auch ich bin ja ein Mensch. Aber die Pflicht, Sie verstehen --«

Der kleine alte Mann nickte.

Kunze selbst war totenbleich geworden vor Erregung. Sein Spitzelgehirn

arbeitete -- sensationelle Enthüllungen, ein Staatsverbrechen,

Vorgesetzte, Beförderung, das Eiserne Kreuz . . .

»Sie waren ja selbst Beamter und wissen, was es bedeutet, dienstlich --«

Der kleine alte Mann rang die Hände und schluchzte. Dann setzte er sich

aufrecht, gab sich Haltung -- ganz wie auf dem Bilde an der Wand, ein

Schatten der früheren Erscheinung.

»Ich weiß, weiß, auch ich war Beamter. Nun gut, da Sie dienstlich

Auskunft verlangen -- ich werde versuchen, Ihnen eine Erklärung zu

geben. Es fällt mir schwer, meine Gedanken, meine Worte -- alles ist

nicht mehr wie früher -- Gott im Himmel, es ist ja unmöglich, es zu

sagen --«

»Beruhigen Sie sich. Wir haben ja Zeit, können den Abend in aller Ruhe

zusammen verbringen.«

»Wir hatten also einen Kanarienvogel --« begann der kleine alte Mann

stammelnd.

»Kanarienvogel? Fahren Sie getrost fort.«

»Einen Kanarienvogel -- namens Hansi. Dieses Tierchen flog immer in der

Stube umher, in allen Stuben, machte etwas Schmutz, aber wir liebten das

Tierchen -- und meine Frau liebte Hansi ganz besonders . . .«

»Ich verstehe, die Damen --«

»Ja, aber was wollte ich eigentlich? Hansi? Was hat Hansi damit zu tun?

Sie können noch den Käfig in der Küche finden. Ja, aber was sollte er

--?«

»Überstürzen Sie nichts -- eines um das andere.«

»Hm. Sie wurde immer merkwürdiger, ja, das war es. Sie sprach eigentlich

nur noch mit dem Vögelchen.«

»Ihre Frau?«

»Ja, sie. Immer stiller und merkwürdiger. Ich selbst, ich ging ja aus,

ging in eine Kneipe, trank -- Sie verstehen, es ist nicht nötig zu

sagen, weshalb ich trank.«

»Unser Junge war ja unser ganzer Lebensinhalt geworden. Ich war in

Pension gegangen, und wir waren seiner Studien halber nach Berlin

gezogen. Da kam der Krieg, er wurde Soldat, Jäger, und schließlich kam

er ins Feld. Eines Tages aber, da kam die furchtbare Nachricht -- eines

Tages . . .«

»Er war gefallen.«

»Gefallen?«

»Ja, natürlich, Sie sagten --«

Der kleine alte Mann schüttelte den Kopf.

»Nicht gefallen, Herr,« flüsterte er, »in den Tod gehetzt -- ich habe

Unterlagen, Briefe -- geschlachtet, nutzlos --«

»Sie sollten nicht derartig schwere Anschuldigungen erheben gegen

gewisse Persönlichkeiten«, warf Kunze nicht ohne Strenge ein.

»Nun gut, gefallen, ganz wie Sie wollen. Es wurde immer stiller hier,

immer stiller -- meine Frau verließ nicht mehr die Wohnung, keinen

Schritt tat sie über die Schwelle. Sie saß immer hier. Aber plötzlich

saß sie nicht mehr, sondern sie stand -- hören Sie -- zuerst mitten im

Zimmer, dann nur noch in den Ecken.«

»Sie war wohl schwermütig geworden?«

»Ja, schwermütig. Sie ertrug es nicht, nein, es war zuviel für sie!

Zuviel, zuviel! Und nun, eines Abends komme ich spät nach Hause. Es war

Mondschein. Ich sah also ziemlich gut. Und da steht sie also hier --

unter der Türe. Hier, sehen Sie.«

»Ja!«

»Aber sehen Sie -- sie stand so _hoch!_ Nun, denke ich -- da ist wieder

mal Hansi auf den Schrank geflogen, wie häufig, und sie will ihn

einfangen -- aber plötzlich, da sehe ich . . . Da kommt es mir

eigentümlich vor, ei . . ., ei . . . sie antwortet nicht. Aber sie

antwortete häufig nicht mehr in dieser Zeit. Nun aber, da denke ich --

da sehe ich -- worauf stand sie eigentlich? Sie stand auf nichts! Ihre

Füße waren abwärts gerichtet -- und darunter war nichts -- nur Mondlicht

-- nichts sonst -- ich sah es ganz klar und deutlich . . . sie schwebte

in der Luft . . . und da begriff ich es . . . dieser Augenblick -- --«

Enttäuschung in den Zügen des schmächtigen jungen Mannes! Er hatte etwas

ganz Besonderes erwartet -- und nun eine alltägliche Geschichte, wie sie

sich während des Krieges hundertmal in Berlin ereignete.

Der kleine alte Mann röchelte. Er sprang auf und schleuderte die kurzen

dünnen Arme wild durch die Luft. Er ballte die kleinen gelben Fäuste und

schüttelte sie in Raserei. Sein Gesicht verzerrte sich, die gelben

Zahnstumpen blinkten, Schaum trat vor seine Lippen.

»Und alles daher --« schrie er außer sich, und sein Gesicht wurde

plötzlich blau, so daß Kunze erschrocken zurückwich -- »alles daher,

daher! Deshalb hasse ich ihn -- hasse ihn, den Hoffärtigen, hasse ihn

. . . mit diesen Händen werde ich -- so wahr mir Gott helfe . . . hasse

ihn --«

»Hasse -- hasse . . .« Seine Hände zuckten.

Und plötzlich stürzte der kleine alte Mann zu Boden. Er war ohnmächtig

geworden.

* * * * *

Das Grammophon neben der kleinen Palme in der Ecke grölte:

Die Vöglein im Walde,

Die singen ja so wunderwunderschön,

In der Heimat, in der Heimat,

Da gibt's ein -- ha! ha! ha!

Ja, die Platte war verdorben, und immer am Schluß -- beim Wiedersehn --

lachte der Apparat. Und immer mußte Kunze aufspringen und die Kurbel neu

andrehen.

Kunze lag auf dem Sofa und schlug mit den geflickten, glänzend

gewichsten Stiefeln den Takt auf dem Armpolster. Zuweilen unterbrach er

sein Geschwätz und sang eine Strophe des Soldatenliedes mit, zuweilen

auch rülpste er, mit Respekt zu vermelden. Eine Reihe leerer Flaschen

stand auf dem Tisch mit der gestickten, lachsroten Decke -- dem Stolz

der Freundlichen, Korpulenten an der Wand.

Herr Herbst saß mit roten Bäckchen, die Äuglein glänzend vom Wein, und

paffte eine kleine schwarze Zigarre. Er trank nicht aus dem Glas, o

nein, Kunze hatte so etwas noch nie gesehen, er setzte einfach die

Flasche an den Mund und ließ den Wein in die Kehle hineinlaufen. Mit

gespannter Aufmerksamkeit hörte er Kunze zu.

»-- und auf diese Weise, sehen Sie, Verehrtester, kam ich also zu G

III.«

»G III?«

»Ja, G III. So heißen wir. Nur eine Chiffre. So geheim sind wir, ganz

geheim -- pst, pst! Ja, nicht einmal einen Namen haben wir.«

»Viele Beamte?«

»Viele?«

Kunze lachte und richtete sich zur Hälfte auf. Das Gesicht des kleinen

Herrn Herbst erschien ihm nun langgezogen, mit turmhoher Stirn, wie in

einem Lachkabinett. »Viele, sagen Sie?« wiederholte er geheimnisvoll und

wichtigtuerisch. »Viele? -- Wir sind _Legion!_«

»Legion?«

Die turmhohe Stirn sank in sich zusammen, und eine runde Rauchwolke

erschien an ihrer Stelle. Herr Herbst war vor diesem Wort zurückgeprallt

und hatte erschrocken den Rauch ausgestoßen.

»Ja, Legion, überall und allgegenwärtig. Selbst da, wo uns niemand

vermutet. Ja ja, mein Verehrtester -- überall. In allen Städten

Deutschlands -- bei allen Generalkommandos -- bei allen Behörden -- bei

der Post, Eisenbahn -- in den Ministerien -- G III ist einfach überall.«

In der Heimat, in der Heimat,

Da gibt's ein -- ha! ha! ha!

Kunze schnellte in die Höhe, und augenblicklich begann der Trichter von

neuem zu heulen:

Ich hatt' einen Kameraden . . .

»Ja, überall. Niemand weiß, ob das Auge von G III nicht auf ihn

gerichtet ist. Selbst ich weiß es nicht, ob ich nicht selbst wieder

beobachtet werde! Ja, so ist es, bei Gott! Alle Kulturstaaten haben

diese Einrichtung, geben Millionen dafür aus -- unsere Organisation ist

sogar noch klein im Vergleich zu der anderer Großmächte. Klein, im

Verhältnis, aber sie arbeitet zuverlässig. Sie können mir ruhig

glauben.«

»Wir öffnen Koffer unterwegs, so daß der Eigentümer es nicht merkt,

besonders das Öffnen von Briefen ist unsere Spezialität. Wir überwachen

die Korrespondenz von Tausenden!«

»Wir nehmen ganz einfach Abschriften, und wenn es besonders interessante

Fälle sind, photographische Kopien. Wir wissen alles, wir kennen die

Geheimnisse der höchsten Persönlichkeiten. Wir erscheinen als Kellner in

den Restaurants, wo irgendeine besondere Sitzung veranstaltet wird, da

sind wir dabei. Selbst bei den hohen Würdenträgern unserer Verbündeten

haben wir unsere Agenten. Wir bohren Löcher durch Türen und öffnen

Schreibtische. Fürsten, Minister, Abgeordnete -- wir kennen ihre

geheimsten Gedanken.«

»Ja, wir machen alles! Ihr junger Schützling, Verehrtester -- er ist in

guten Händen. Und auch jene hochgestellte Persönlichkeit, die sich für

den Lebenswandel ihres Töchterchens interessiert -- auch sie wird

zufriedengestellt werden. Ja, wir machen alles. Und Sie und ich -- was

glauben Sie? -- wir werden einen Orden erhalten -- auch Sie, hören Sie!

Ich werde dafür sorgen, ich! --«

Aber da der Havelock selbst bei dieser blendenden Eröffnung still blieb,

hob der Semmelblonde wiederum den Kopf über die Tischplatte. Das Gesicht

des kleinen Herrn Herbst hatte sich abermals völlig verändert, es war

ohne Augen, ohne Nase und ohne Mund, dagegen umgeben von einem dünnen,

grauen Backenbart. Es war die Glatze des kleinen Herrn Herbst, der

eingeschlafen war. In diesem Augenblick geriet der Havelock ins Gleiten,

und ohne Laut sank er auf den Boden.

»Und noch eine Mosel -- und noch eine Mosel -- dreimal hoch!« sang Kunze

mit hellem Tenor und begab sich im Foxtrott hinaus in die Küche.

Fürchterlich schlingerte das Haus.

»Gloria -- Viktoria --« heulte das Grammophon ganz allein für sich.

12

Vor dem grauen Hause in der Tiergartenstraße hielt Ackermann den Schritt

an.

Unendlich zart umschlang ihn ein Arm.

»Ich werde mir Mühe geben«, flüsterte eine weiche, unendlich geliebte

Stimme.

»Ich weiß es!«

»Ich werde versuchen, stark zu sein, obschon ich wenig Mut habe.«

»Du bist tapfer.«

»Wann?«

»Bald!«

»Du wirst mir Nachricht geben?«

»Du wirst es fühlen.«

»Ja, ich werde es fühlen!«

»Lebe wohl!«

Eine Weile wartete Ackermann noch, bis die Haustüre ins Schloß fiel.

Der 9. November: Roman · 第 45 / 74 题