Der Takt gebot, während des Toastes zu schweigen. --

Aber Hanuschke, der Schneider Hanuschke? Was ist mit ihm?

Der kleine, krummbeinige Schneider fegte immer noch über das Feld, dem

rettenden Wäldchen entgegen. Sein Hemd, soweit man von einem Hemd reden

konnte, klebte naß an seinem Körper. Hatte man je während dieses ganzen

Weltkrieges davon gehört, daß man einzelne Leute mit Flugzeugen jagte?

Über diesem Wäldchen zerplatzten Schrapnelle, gelbe und graue Spinnen,

aber das war schließlich das Paradies gegen diesen englischen

Doppeldecker. Seine zerfetzten Hosen klebten an den Schenkeln. Er setzte

über einen gefallenen deutschen Artilleristen, der mit aufgeschlitztem

Hals dalag, hinweg -- schon brauste das Brummen wieder hinter ihm her.

Da aber schrie Hanuschke vor Entsetzen auf. Der Engländer mit seinem

gestutzten, kleinen Schnurrbart schien jetzt aufs Ganze zu gehen. Er

flog dicht über dem Boden, und schien es darauf anzulegen, ihn zu

überfahren. Er hatte neulich gesehen, wie ein deutscher Beobachter mit

dem Fallschirm aus einem Fesselballon absprang, den ein feindlicher

Flieger in Brand schoß. Sollte man es für möglich halten: der feindliche

Flieger kam zurück und schoß auf den mit dem Fallschirm abstürzenden

Beobachter, der verzweifelt mit den Beinen ruderte. Das sah komisch aus,

wie er in der Luft ruderte, und er, mit anderen Kameraden, hatte laut

aufgelacht -- aber diese Sache war nicht zum Lachen. Im Gegenteil, dem

Schneider passierte etwas, was ihm seit dem ersten Gefecht nicht

passiert war. Im letzten Augenblick warf er sich zu Boden, und die

Maschine rauschte über ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stießen die

Räder auf den Boden, daß der Staub aufwirbelte, und die Maschine wie ein

Ball geworfen wurde. Sollte er verrecken, der Teufel! Aber der Teufel

kletterte in die Höhe und drehte wieder um. In seiner Verzweiflung lief

der kleine Schneider ihm entgegen, durch, krach, aber durch, Glück mußte

man haben. Wirbelnd wie eine Windmühle, mit Beinen und Armen fegte er

dem Wäldchen zu. Plötzlich aber versank buchstäblich der Boden vor

seinen Füßen. Er stürzte und wurde von einer Welle von Erde zugedeckt.

Er rang nach Luft, übergab sich und machte sich bleich und völlig

kraftlos von der Erde frei. Etwas ganz Unerwartetes war geschehen,

etwas, womit er gar nicht gerechnet hatte: eine Granate hatte

eingeschlagen.

Zitternd taumelte er vorwärts, keine Kraft mehr. Sein Gesicht blutete.

Zwanzig Schritte noch, zehn Schritte -- da war er.

Dampfend warf er sich unter die Bäume und weinte. Es war kein geringer

Schreck gewesen. Und er dachte an den Volltreffer seinerzeit -- bei

Souchez -- wie der Feldstecher neben ihm herunterkam -- und er dachte,

daß er einmal anstatt ins Zimmer Nummer 6, ins Zimmer Nummer 7 lief und

plötzlich einem General gegenüberstand. Hätte er diese Dummheit nicht

begangen, damals, wer weiß, ob er nicht heute noch gemütlich in Berlin

säße?

Ja, er weinte, aus nervöser Erschöpfung, aus keinem anderen Grunde, denn

die platzenden Schrapnelle, die Batterien suchten, störten ihn nicht im

geringsten. --

Gerade als der General bei dem gefüllten Pfannkuchen angekommen war, war

Hanuschke in seinem Wäldchen verschwunden.

Der General handhabte einen Zahnstocher.

Sein Blick ging, etwas düster, über die Tischgesellschaft der beiden

Rittmeister hinweg.

»Ruth macht mir Sorge!« sagte er.

»Ruth?«

»Ja. Sie macht mir Sorge!«

»Aber dieser Dietz war ja auch nichts für sie, Papa. Ein oberflächlicher

Mensch.«

»Oberflächlicher Mensch?« Voller Erstaunen blickte der General Otto an.

»Ja, gewiß. Herzlich oberflächlich, Papa.«

Der General schüttelte den Kopf.

»Das ist es nicht . . .« Und er versank in Nachdenken. Nun, Otto konnte

sich wohl denken, was es war! Ruth war wahrscheinlich unvorsichtig genug

gewesen, es sah ihr ähnlich, vor Papa ihre Anschauungen auszupacken.

Otto hatte sich nie viel um Ruth bekümmert, wie es in ihrer Familie von

jeher üblich war, jeder lebte für sich. Aber in letzter Zeit sprach er

häufig mit ihr. Er trank sogar einmal Tee in ihrem kleinen Salon,

immerhin eine Leistung für einen Bruder. Seit er aber mit Ruth über Tod

und Teufel, wie er es nannte, gesprochen hatte, hielt er Ruth für einen

der vernünftigsten Menschen seines ganzen Bekanntenkreises, von der

Verwandtschaft gar nicht zu sprechen. Sie hatte sich ihr Urteil über die

verschiedensten Dinge gebildet -- er wollte nur so viel sagen -- noch

vor einem halben Jahr hätte er sie für völlig verrückt gehalten. In

mancher Beziehung allerdings schien es sogar ihm, daß ihre Ansichten --

besonders für eine Dame, eine Dame -- kein Wunder -- der arme Papa!

Er forschte nicht weiter, und der General schwieg.

Eine blaue Flamme hypnotisierte Otto, sie tanzte mitten auf dem Tisch

der Gesellschaft nebenan. Es war eine »Feuerzange«, eine hochprozentige

Bowle. Ja, wie gerne wäre Otto hinabgestiegen.

Ganz ohne jeden Übergang begann der General plötzlich über die Regierung

zu sprechen, deren Unfähigkeit klar zutage trat, wohin sollte es führen?

Und der Kaiser? Nur sie allein, jene Männer, die die Armee von Sieg zu

Sieg führten, waren imstande, den Frieden zu machen.

Es entging dem General völlig, daß die Gäste des stillen Restaurants in

diesem Augenblick von einer eigentümlichen Erregung ergriffen wurden.

Erst als alle Köpfe sich nach einer bestimmten Richtung drehten, wurde

auch Otto aufmerksam. Irgend etwas wie ein großer Hund schien über die

Teppiche des Restaurants zu schleichen, und die Gäste mit Unbehagen, ja

Grauen zu erfüllen. Einige runzelten die Stirne, die Brauen der Damen

waren entsetzt hochgezogen. Am Tisch der Rittmeister stockte plötzlich

die Unterhaltung.

Es war indessen kein Hund, der über die dicken Perserteppiche von

Stifters Diele kroch, sondern ein Mensch, ein Soldat in Feldgrau, der

sich auf zwei kurzen Krückstöcken dahinschleppte und seine gelähmten

Beine hinter sich herschleifte, während schreckliche Zuckungen seinen

Körper schüttelten. Auf seinem Kopf saß eine kleine graue Feldmütze, und

erst an der Mütze erkannte Otto, daß der Krüppel ein Soldat war.

Unerhört, dachte er, einen solchen Menschen auf die Öffentlichkeit

loszulassen!

Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gästen über die peinliche

Szene rasch hinweg. Es gelang ihm, das menschliche Gespenst, das direkt

aus den Schützengräben in Stifters Diele gekrochen kam, mit seinem

raunenden Gebrummel zum Umkehren zu bewegen.

Die Gäste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister wieder die

fröhliche Unterhaltung ein.

Der General hatte in seiner Nische von dem ganzen Vorfall nicht das

geringste bemerkt. Während aber der Oberkellner die Türe öffnete, um den

Unglücklichen hinauszulassen, drang das feierliche Läuten der Glocken

herein, die den Sieg einläuteten.

Da ergriff der General das Glas und erhob sich.

»Unser Vaterland, Otto!« sagte er.

Und Otto sah, zu seiner größten Überraschung, daß die Augen des Generals

feucht schimmerten. Nie in seinem Leben hätte er das für möglich

gehalten.

Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzähle, dachte er.

10

Schrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz.

Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und stöhnte. Die

Todesschreie von Tausenden, Jammern und Röcheln, Klagen der Witwen und

Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein

. . . Wie riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken über

der Stadt und erbrachen Entsetzen über die Dächer.

Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder . . .

Er hatte sie gesehen -- nicht sie -- die die Hüte schwangen! -- hatte

sie gesehen -- die Felder, über die der Sturm ging. Allmächtiger! Gnade,

Gnade in deinem Zorn! Da liegt er -- Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter,

in Schmerzen geboren, in Sorgen großgezogen -- er ist tot -- er wird

sterben -- er stirbt -- Da liegt er wieder -- -- und hier, hier, Stücke,

Fetzen -- er ist dahin . . .

Grau war Ackermanns Gesicht.

Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich gegenseitig stützen,

immer wieder fallen, und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie

hinweg -- Unglückliche, die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht

gnädig ist. Und die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, stieren

Augen arbeiten -- und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie weg

. . .

Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein längst vergessenes

Erlebnis ein. Das Regiment hatte gestürmt. Über einem zerschossenen

englischen Graben lag, das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön

und edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten

Rasse in den Zügen. Und -- was denkst du? -- die schweißnassen,

blutnassen, rauhen Hände der Kameraden, die rauhen Hände von Arbeitern

und Bauern streichelten das Gesicht des toten Inders, während sie

vorübergingen. Streichelten es, einer um den andern. Schön bist du! --

Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. -- Nun, mein Junge, dich hat es

gepackt! -- Liebkosten ihn -- den _Bruder!_

Den Bruder, den Bruder!

Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. Sein

flatternder Mantel flog dahin.

Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es!

Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich den im Wahnsinn

dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen -- einer mußte das Signal

geben, selbst Signal sein -- einer, einerlei, ob man ihn niederschlug,

in Stücke zerriß. Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr!

Der 9. November: Roman · 第 44 / 74 题