Komme, gebenedeiter Tag!
Die Zeitungsfrauen entflohen, die alten Männer, die Zeitungen
feilhielten -- sie entflohen -- sie jagten die Linden hinunter --
verfolgt von der Meute. An der Ecke Linden-Friedrichstraße weinte eine
Zeitungsfrau, man hatte sie gänzlich ausgeplündert, ohne ans Bezahlen zu
denken.
Siebzig Millionen strichen wie Irrsinnige an den Gitterstäben entlang --
und die Armee hatte einen Ausfall gewagt, einen glückverheißenden
Ausfall.
Verheißungsvoll flatterten die Flaggen im seidigen Blau des Himmels.
Hell funkelte die goldene Göttin auf der Siegessäule.
Die Riesenstadt erbebte bis in die entlegensten Vororte. Überall
flatterten die Zeitungsblätter. Die Kolonnen der gelben Gesichter selbst
belebte die Hoffnung. Die Bewegungen der Erschöpften und Ermüdeten in
den Werkstätten wurden rascher. Verheißungsvoll zischte der Dampf,
blitzten die Räder.
Selbst in den Augen jener, über die bereits die Agonie ihre Schatten
breitete, in den Augen der Verzweifelten, Hungernden, Verhungernden,
Sterbenden ersprühte eine leise Hoffnung, der letzte Funke.
Ja, komme, du gebenedeiter Tag!
Aber horch! Was ist das?
Ein Geschrei wie von tausend gemarterten Kindern, ein Geheul wie von
tausend gemarterten Hunden -- nichts, nein, nichts, es ist nur eine
Regimentskapelle, die in die Linden einbiegt. Sie spielt nicht
erstklassig, Bucklige, Lahme, Greise -- was willst du? -- und eben
feuert auch die Batterie aus dem Siebziger Krieg Viktoria.
Über den Linden brummt ein Riesenflugzeug, zehn Menschen sind an Bord.
Wer sollte es ahnen? Es ist immerhin noch einiges im Lande, nicht viel,
aber noch einiges: zum Beispiel die Haare der Frauen für Seile und
Webwaren, das Gold in den Gebissen. Die Generale und Gamaschenträger
werden nicht zögern.
8
Plötzlich leuchtet ein helles Rot durch die Menge, das weithin blendende
Rot eines Mantelaufschlages.
Ein Gesicht, rosig angehaucht wie ein Steingebirge beim Ausgang der
Sonne, wandelt die Linden einher.
Die Spaziergänger bleiben neugierig stehen. Einer von jenen, die Gut und
Blut der Nation in den Händen halten! Ehrfürchtig lüften sich die Hüte,
die Augen glänzen.
Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte dem General, der mit Otto die
Linden entlangging, eine Ovation dargebracht, obgleich er an den
Zehntausenden von Gefangenen gänzlich unschuldig war. Der General hob
die Hand zum Gruße. Er nahm diese Äußerung der Begeisterung mit Würde
und Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverständlich nicht ihm, sie
galt der unvergleichlichen Armee, sie galt den Begnadeten, Angebeteten
und Vergötterten, die jetzt, in diesem Augenblick, das hohe Spiel
spielten -- da draußen . . .
Die Miene des Generals war verschlossen und gesammelt wie immer.
Trotzdem ein großer, ja ein auffallender Unterschied! Während sich sonst
der Blick in die grauen Augenhöhlen verkroch -- selten nur, höchst
selten bot der General seine Augen den neugierigen, zudringlichen
Blicken der Mitmenschen dar -- standen heute die Augen offen und
blendeten. Ihr Blick war erwärmt, wie wenn die Sonne das Eis leckt.
Zufriedenheit leuchtete in der Tiefe und Triumph, ein stiller,
zurückgedämmter Triumph. Und zudem ging der General zu Fuß, was nur in
äußerst seltenen Fällen vorkam. Zuweilen ließ er sich von Schwerdtfeger
in eine entlegene Allee des Tiergartens fahren, um einige Minuten
spazierenzugehen, immer hin und her, die Hände auf dem Rücken, höchstens
eine Viertelstunde. Manchmal legte er auch den Weg von Dora nach Hause
zu Fuß zurück, wenn es spät wurde. Aber das waren, wie gesagt,
Ausnahmen.
Er hatte Schwerdtfeger vor dem Brandenburger Tore halten lassen und
beschlossen, den Weg bis zu Stifters Diele zu Fuß zurückzulegen. Zur
großen Genugtuung Ottos, der, seit acht Tagen aus dem Lazarett entlassen
und den ganzen Tag in einem Kriegsamt tätig, das Gewimmel der Menschen
liebte.
»Diese Menschen!« sagte der General.
Und erst an jenem Tage, wie da die Linden von Menschen wimmeln würden --
an jenem Tage! Kopf an Kopf, an den Fenstern und auf den Balkonen,
schwarz die Dächer, die Luft erfüllt von Fliegern und Luftkreuzern.
Triumphpforten, die ganzen Linden entlang, Musik -- und der Schritt der
siegreichen Armee, die in die Heimat zurückkehrte, dröhnend vom
Morgengrauen bis zum Sinken der Sonne -- jenes Dröhnen, unter dem die
Welt erbebt war. Die Fahnen geschmückt mit Lorbeer . . .
Niemals konnte der General das Brandenburger Tor passieren, ohne daß die
Vision des heimkehrenden Heeres vor ihm aufstieg. Heute aber hörte er in
der Tat das Dröhnen der Schritte, heute sah er die bekränzten Kanonen
zwischen den schwarzen Menschenmauern rollen. Diese wunderbaren,
schweigenden Rohre, die so herrlich ihre Pflicht getan hatten! Das
Geschrei der jubelnden Menge, Tücherwinken auf den Tribünen -- gab es
etwas Ergreifendes für ihn, etwas wirklich Ergreifendes, so war es
dieser Gedanke. Ohne Zweifel, es würde der glücklichste Tag seines
Lebens werden!
Unverkennbar, die Ähnlichkeit der beiden! Dieselben breiten Gesichter,
beim Alten grau im Unterton, mit einem dünnen Anflug von Rot darüber,
beim Jungen bleich, mit dem satteren Rot der Jugend auf den Lippen.
Dieselben Augen, kühn und nachdenklich beim Alten, verwegen und
leichtsinnig beim Jungen.
Der Alte mit einem sonderbaren Kreuz zwischen den roten Aufschlägen, der
Junge die Brust mit Auszeichnungen übersät, eine Narbe an der Stirn, und
die linke Hand steif in einem schwarzen Handschuh, verwundet, offenbar.
Beide groß, massig.
Otto versuchte, mit dem Vater Schritt zu halten. Das war nicht so
einfach. Denn die Schritte des Generals waren unregelmäßig, und zuweilen
schwankte er auch, unmerklich. Er war das Gehen nicht gewöhnt, von
Gedanken erfüllt, die seinen Gang beeinflußten.
Der Blick des Generals war voller Ruhe in die Weite gerichtet -- Ottos
Blick dagegen flog blitzschnell hin und her. Die langen Wochen im
Lazarett, vergessen und vorbei. Das letztemal, Gott sei Dank! Er hatte
es ausgerechnet, ein volles Jahr, zwölf volle Monate lag er während des
Krieges im Lazarett. Vier volle Monate mit diesem verdammten Kopfschuß,
einen Monat mit der Ruhr, zwei Monate mit einer niedlichen Gasvergiftung
und so weiter -- und schließlich diese Kleinigkeit mit der Hand. Die
nette Schwester hatte ihm ja den Aufenthalt im Lazarett so angenehm wie
möglich gemacht, trotzdem, sein Bedarf war reichlich gedeckt.
Nein, Otto sah keine bekränzten Kanonen, fiel ihm gar nicht ein, er sah
nur -- Frauen! Drei Jahre Front, nur Männer, pfui! -- ein Jahr Lazarett
-- ja also nichts anderes. Über jede gutgekleidete, junge Frau, mit
anderen beschäftigte er sich überhaupt nicht, zuckte sein verwegenes
Auge. Kein Knöchel, kein Schuh, keine Hüfte, keine Locke entging ihm.
Jene Kleine, zum Beispiel, Dutzendware! Jene Kleine aber, unscheinbar,
voller Geheimnisse. Jene dunkle, die das Auge sofort unter dem Blick
erweiterte -- lüstern! Aber jene Schüchterne, Blasse, die dem Blick
augenblicklich auswich -- gepeinigt von entsetzlichen Wünschen. Sie
verstand augenblicklich.
Die Augen der Frauen sprühten auf, zuckten zusammen, verbargen sich.
Manche umschmeichelte Otto weich und schwärmerisch, anderen fuhr sein
Blick wie ein Dolch in die Augen, brutal und unzweideutig. Er behandelte
sie individuell, ganz wie er sie einschätzte. Viele erröteten unter dem
frechen Blick des unverschämten Offiziers. Aber Ottos Eitelkeit deutete
die Schamröte völlig falsch.
Dieser Nacken, dieses Schenkelpaar und jenes herrliche, volle Wiegen der
Hüfte -- drei Jahre Front und ein Jahr Lazarett hatten den Sohn des
Generals völlig zerstört.
Ja, das war das Leben, und er gedachte seine Zähne in dieses Leben zu
schlagen, wie ein Tiger sein Gebiß in die Gazelle schlägt, er gedachte
mit beiden Händen darin zu wühlen, wie in blutigem Fleisch. Sein Gehirn
war angefüllt mit weiblichen Körpern, weiblichen Linien, Schwellungen,
Frauenlippen, Frauenhaaren, gestammelten Worten, Schreien. Ja, Tag und
Nacht wollte er dieses Leben an sich reißen, jede Minute, die der Dienst
frei ließ. Er wollte sie nachholen, diese vier elend vergeudeten Jahre.
Tag um Tag --
Keine zehn Pferde würden mehr imstande sein, ihn wieder zur Front, ins
Feuer zurückzubringen. Alles, die Hölle, wenn du willst, nur nicht ein
Ort, wo scharf geschossen wurde! Schon der Gedanke -- und doch, früher
hatte er sich oft danach gesehnt, die Sprengstücke pfeifen zu hören. Oft
hatte er sich dem Feuer absichtlich ausgesetzt, unverständliche,
perverse Laune -- und die Geschosse peitschten dicht an seinem Ohr
vorbei! -- unbegreiflich!
Und seine Eitelkeiten -- wie lächerlich waren sie doch! Wie
unverständlich. Um in der Heimat von ein paar Gänsen bewundert zu
werden! Was galten ihm jetzt die Ordensauszeichnungen?
Nein, um offen zu sein, auf den Heldentod legte er keinen Wert mehr!
Welch erbärmlicher Schwindel war es doch: süß ist es und ehrenvoll für
das Vaterland zu sterben! Nur noch Gymnasiasten glaubten es, oder Leute,
die nie den schrecklichen Tod da draußen erblickt hatten. Heute wußte
er, daß es nichts als verlogene Phrasen waren, mit denen
nationalistische Redner und Redakteure, die sich selbst in Sicherheit
befanden, andere ins Gemetzel hetzten. Überlassen wir das Heldentum den
Stierkämpfern, die dafür bezahlt werden, hatte Ströbel einmal zu ihm
gesagt -- und er hatte ihn deswegen verachtet. Jetzt aber begriff er
ihn.
Ja, er hatte sich sehr geändert, Otto!
Er begriff kaum mehr sein Denken und Tun, das nur ein Jahr zurücklag.
War er es wirklich gewesen?
Zum Beispiel, als er seinerzeit bei Langemarck den schwerverwundeten
französischen Offizier in den Graben holte! Holte, ganz einfach holte,
und auf alle Metallstücke pfiff, die sich mit fünfhundert oder tausend
Metern in der Sekunde vorwärts bewegten. Nein, heute würde er, Otto, bei
Gott niemand mehr hereinholen -- nicht einmal seinen Vater -- höchstens
ein schönes, junges Mädchen, und sie nur unter bestimmten Bedingungen.
Der Sohn des Generals war heute nichts anderes mehr als ein Schamloser,
offen gesagt. Keck und herausfordernd schritt er neben dem General
einher, jeden einzelnen der bewundernden Blicke genießend, die sich auf
seine glitzernden Sterne und Auszeichnungen hefteten. Der Mensch
spiegelt sich im Menschen. Wie alle Armeen, spekulierte auch die
deutsche auf den armseligsten Instinkt des Menschen, die Eitelkeit. Otto
hatte absichtlich den Mantel zu Hause gelassen, obschon es noch
keineswegs warm war.
»Ha!« lachte der General vor sich hin.
»Wie, bitte, Papa?«
»Diese Menschen, sie sind närrisch!«
Plötzlich errötete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die Narbe an seiner
Schläfe, die von dem Kopfschuß geblieben war, färbte sich rasch und
flüchtig tiefrot. Ein schnelles, vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei
und darin saß -- Hedi!
Hedi -- in einem pompösen Pelz, wehende Federn auf dem Hute -- einen
wollhaarigen, fetten, kleinen Hund auf dem Schoß.
Sie sah ihn nicht, sie sah überhaupt nicht auf die Straße. Sie saß wie
eine Dame, die es gewöhnt ist, in ihrem Wagen durch die Menge zu gleiten
und nichts mehr dabei findet.
Es war keine Überraschung mehr für Otto. Vor ein paar Tagen traf er in
einer Teestube Unter den Linden, wo viel Halbwelt verkehrte, die kleine
Saharet, und sie hatte ihm erzählt, daß Hedi Ströbels »Privatsekretärin«
geworden war. Ströbel hatte die Saharet vor die Türe gesetzt, höchst
einfach, ein paar braune Lappen -- und dann war die andere, wie die
Saharet sagte, gekommen. Also Hedi Westphal die Nachfolgerin der
Saharet! War es nicht zum Schießen komisch? Immerhin, Hedi erhob sich
weit über den Durchschnitt all dieser schnatternden Gänse -- aber sie
war kalt, kalt und berechnend, nichts als eine Egoistin. Und nichts war
Otto mehr zuwider als Egoisten. Aber als Privatsekretärin hätte er Hedi
schließlich auch engagiert. Ja, dieser Ströbel!
Einen einzigen großen Nachteil hatte diese Angelegenheit: er würde
leider gezwungen sein, den Verkehr in Ströbels »Hotel« einzustellen --
schade, sehr schade.
9
Sogar bis in Stifters Diele war die Welle der Begeisterung gedrungen.
Man vernahm heute sogar Lachen, das helle Lachen einer Dame, ein sonst
ganz unerhörter Vorgang in Stifters Etablissement. Knall! Schon knallte
es, ganz wie an der Front, wenn die Flieger kamen. Drei, vier Tische
tranken Sekt.
Man feierte den Sieg, wollte nicht kleinlich sein heute, ein Glas auf
das Wohl der herrlichen Burschen da draußen leeren. Die beiden
Rittmeister, die den General zuweilen irritierten, hatten einen ganzen
Kreis von Freunden geladen, und der raunende Oberkellner schleppte
Flaschen unter beiden Armen. Ein Toast -- und dreimal, gedämpft, aber
begeistert, hurra! Die Kelche klirrten.
Mit Neid beobachtete Otto die Ausgelassenheit nebenan. Wie gerne wäre er
bei ihnen unten gewesen. Ja, man mußte es ihnen lassen, sie legten ein
ordentliches Tempo vor! Papas Gesellschaft dagegen -- nun Gott sei Dank
war es nur dieser eine Abend. Er hatte es Papa heute nicht abschlagen
können. Schließlich war er ja um zehn Uhr, elf Uhr spätestens frei. Von
elf Uhr an wurde er erwartet.
Schweigend nahm der General die ersten Gänge ein. Seine Augen waren
geweitet, und der Blick ging in die Ferne. Er dachte an den 4., 5. und
6. August -- damals, Quatre vents!
Er hörte deutlich das Feuer, das furchtbare Feuer, das damals rings um
ihn tobte -- so, genau so, würde es heute da draußen toben, rollen wie
die Brandung eines höllischen Meeres -- von Horizont zu Horizont.
Krachen, Stampfen, der Himmel stürzt ein, und die Erde klafft in
Spalten. Ja, sie sollen es jetzt nur schmecken, das Gelbkreuz und
Blaukreuz -- diese Unbelehrbaren! Ein Lächeln ohne Erbarmen, voll
grausamen Triumphs, umspielte die blauen Lippen des Generals.
Deutlich sah der General das rauchende Schlachtfeld vor sich. Aber, was
er nicht sah, das war der kleine, krummbeinige Schneider Hanuschke --
der seinerzeit, als Ordonnanz, versehentlich in sein Arbeitszimmer
rannte, und den Unwillen Seiner Exzellenz erregte -- dieser Schneider
Hanuschke, mit dem Querschläger zwischen den Mausaugen, der in dieser
Minute, da der General einen Spargel durch die Zähne zog, um sein Leben
lief. Nein, ihn sah er nicht.
Wie ein Blitz fegte der kleine, krummbeinige Hanuschke über einen
zerwühlten Acker und verschwand in derselben Sekunde in einer Erdspalte,
da der General die ausgesogene Spargelstange auf den Teller legte.
Man hatte ihn zu den Strippenflickern kommandiert, das heißt sie mußten
die zerstörten Telephonleitungen ausbessern. Eine böse Sache.
Im gleichen Augenblick knallte es auch schon, und Hanuschke zog den Kopf
ein. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht -- ganz
wie damals, als er das Arbeitszimmer des Generals hinter sich hatte, mit
der gleichen Bewegung -- und schon flitzte er wieder wie das Wetter
selbst über den Acker, und schon stürzte er sich wieder in ein Loch
hinein, diesmal in einen Granattrichter. Dieser Teufel, dieser
verfluchte Teufel, keuchte er und horchte -- (der General goß eben
Fachinger in sein Glas) -- niemals in seinem Leben hatte der Schneider
etwas Derartiges erlebt. Er, er ganz persönlich, wurde von einem
englischen Flieger verfolgt, der ihn für einen Meldeläufer oder Gott
weiß was hielt. Dieser Teufel ging bis auf zehn Meter herunter, erspähte
ihn immer wieder und warf kleine Bomben herab. Er sah deutlich sein
Gesicht, die kleine Bombe in der Hand, selbst den gestutzten kleinen
Schnurrbart über den Zähnen -- dieses Granatloch bot keine genügende
Deckung, und wieder schoß der kleine Schneider dahin -- jenem Wäldchen
zu: erreichte er es, so war er gerettet. Der Schweiß rann ihm in Strömen
übers Gesicht. Solch ein Teufel, ein verfluchter! --
Der General zog eine neue Spargelstange durch die Zähne.
»Und du?« fragte er, ohne Otto anzusehen, nach seiner Gewohnheit.
»Wie beliebt, Papa?«
»Und du?«
»Was soll ich?«
Der General, in Gedanken, schwieg eine Weile, dann begann er wieder:
»Ich meine -- für dich muß es doch unerträglich sein, nicht an der Front
zu sein -- gerade jetzt?«
Otto errötete.
»Jetzt, wo für ein Jahrhundert oder länger der Lauf der Geschichte
bestimmt wird. In vier Wochen vielleicht, sagt der Arzt?«
»Vier Wochen ist der früheste Termin.«
»Der früheste --?« der General wiegte bedauernd den Kopf. »Weiß Gott,
wie die Lage in vier Wochen sein wird, wenn es so weitergeht.«
Nun, Gott mochte es wissen und seine Freude daran haben, ihm, Otto, war
es höchst einerlei. Er glaubte nicht recht daran, diese ganze Sache kam
ihm abenteuerlich im höchsten Maße vor. Er ergriff die Gelegenheit und
brachte dem Vater schonend bei, daß er sich im Westen, in der Nähe
seines neuen Amtes, ein Zimmer gemietet hatte, weil der Dienst schon
morgens um sieben Uhr begann. Die Wahrheit war, daß er sich der
väterlichen Kontrolle entziehen wollte.
»Der Dienst in erster Linie«, erwiderte der General. Er hielt inne.
Am Nebentisch wurde ein neuer Toast ausgebracht. Drei kurze Hurras,
schon etwas lauter: der Kaiser!