Ja, dahinschreiten werden die Brüder, und auf dem blutigen Schutt dieser
armen Erde werden sie eine neue Welt errichten! Schleift die Kasernen,
werden sie rufen, zerbrecht sie, schleift sie! Ihr Gestank verpestet
Europa und die Erde. Schleift sie und steckt sie in Brand! Sie, die
Brutstätten der Sklaven und Sklavenvögte. Täglich schänden sie
millionenfach die menschliche Würde, Millionen von Sklaven,
Hunderttausende von Sklavenvögten, die die Peitsche schwingen, brüten
die Verruchten jährlich in Europa aus. In die fernsten Dörfer, Steppen
und Wälder senden sie versklavte und geschändete Gehirne, in denen der
unschuldige und reine Gedanke des Göttlichen vernichtet wurde. Ämter,
Schulen, Kirchen, Fabriken, Werkstätten und das weite Land überschwemmen
sie mit Sklavenvögten, verdorben und blind vom Dünkel, so daß sie den
Bruder in ihrem Nächsten nicht mehr zu erkennen vermögen!
Schleift sie, verbrennt sie!
Zerbrecht die Kriegsschiffe der Piraten, deren Kanonen den Erdball in
Schrecken halten, zerbrecht sie!
Schleift sie -- werden sie rufen! -- die Zeitungspaläste, errichtet von
den Mächtigen und Reichen der Erde zur Verbreitung von Lüge und Betrug,
zur Vergiftung und Verführung der Nationen.
Schleift sie und verbrennt sie!
Reinigt Schulen und Kirchen, wo unschuldige Kinder und reine Seelen
betrogen werden. Reinigt die Tempel, hinaus mit den falschen Priestern,
die den Namen des Erlösers auf den Lippen führen und den Mord der
Nationen predigen. Hinaus, hinaus!
Hinaus, hinaus mit den eitlen Advokaten, den hartherzigen Greifen, den
selbstgefälligen Narren, die mit den Schicksalen der Völker spielen,
hinaus mit ihnen!
Es wird Zeit, ihr Brüder, daß die Welt genese!
Zerbrecht und schleift die Zwingburgen des Goldes, Tempel der Habgier,
Kerker der Freiheit und des Glückes aller Völker des Erdballs. Zerbrecht
die Mauern aus Stahl und Eisenbeton, wo die Plünderer ihre Schätze gegen
die Diebe verwahren! Zerbrecht sie!
Ihre Stimme wird erschallen wie der Donner -- und nicht mehr untergehen!
Ach, in dieser Stunde, schwärzeste Mitternacht der Völker, wird sie noch
verschlungen vom Lärm der Kanonen . . .
Plötzlich aber stockte Ackermanns Schritt. Mit offenem Munde stand er
still.
Aus der Stille des Parkes war er, versunken in seinen Gedanken,
unvermutet in das blendende Sonnenlicht und das Gewimmel der Menge
getreten.
Die Menschen schrien, schwangen die Hüte, eilten -- Flaggen wehten über
den Linden, Flaggen in allen Farben, allen Größen, flatterten lustig und
heiter im herrlichen, seidigen Blau des Himmels.
* * * * *
Die Stadt hatte geflaggt. Siege, Siege!
Wie die Sturmflut war das Heer vorgebrochen, wenn die Dämme gerissen
sind -- ganz wie der General es prophezeit hatte. Hunderte von
Geschützen, Tausende, Zehntausende von Gefangenen -- eine Batterie
trabte über die Linden. Der Kaiser hatte befohlen, »Viktoria zu
schießen«.
Die Stimmen schwirrten, Jubel fuhr dahin über die Millionenstadt.
Unaufhörlich mahlten die Drehtüren der großen Hotels fröhliche Gesichter
hinein und heraus. Die Foyers der Hotels waren überfüllt, schon sah man
Frühlingskleider der Damen, während andere noch Pelze trugen. Die
Kellner schleppten die silbernen Tabletten, die Kapellen musizierten.
Freude erhellte die Mienen.
Ja, wunderbar war diese herrliche Armee, prachtvoll diese Burschen, die
kämpften und starben, wie in den ersten Tagen des Krieges, als sei der
Tod ein Scherz.
Und diese Führung: unübertrefflich!
Zehntausende von Gefangenen -- immer mehr, mit jeder Stunde -- die Beute
unübersehbar -- unübersehbar . . .
Oben auf dem Brandenburger Tor trieb die Viktoria ihr Viergespann mit
siegesgewissem Lächeln vorwärts.
Fontänen von Extrablättern stiegen über den Linden in die Höhe. Die
Menschen ballten sich zu Knäueln, sie setzten ihr Leben ein, nur um ein
Zeitungsblatt zu erhaschen, ganz wie die prachtvollen Burschen an der
Front, die durch zischende Eisenstücke sprangen. Schirme wurden
zerbrochen, die Damen verloren die Absätze von ihren Schuhen, und die
Taschendiebe griffen ohne jede Rücksicht einfach in die Taschen.
Und die Batterie, vier alte Kanonen aus dem Siebziger Kriege, trabte
vorbei -- Viktoria . . .
Das Hauptquartier schwimmt in Wonne -- die englische Armee vernichtet
. . .
Furchtbar war dieser Winter gewesen, über alle Maßen furchtbar!
Unerträglich das Sterben ringsum, draußen und in der Heimat. Das
Sterben, das sich sonst in gesitteten Formen vollzog, es war in Panik
ausgeartet. Die Freunde starben, die Dienstboten, die Kutscher fielen
von den Kutschböcken, auf der Straße starben die Unglücklichen, man
sagte einem Gesunden »Gute Nacht«, und am Morgen hustete er ein paarmal,
und schon war er tot. Unerträglich, unerträglich, Tag für Tag zwischen
diesen wandelnden gelben und grünen Leichen einherzugehen, diesen
Gezeichneten, mit dem Kuß der Verwesung auf der Stirn, selbst solch eine
wandelnde grüne und gelbe Leiche, selbst ein Gezeichneter! Unerträglich!
Und die Kinder! Nein, sprechen wir nicht von ihnen, diesen kleinen
Gekreuzigten. Haben wir Mitleid! Geboren als Krüppel, mit weichen
Knochen, gummiweichen Schädeln, ohne Nägel -- und sie starben, siechten
dahin an den welken Brüsten verzweifelt weinender Mütter, auch aus den
Häusern der wohlhabenden Bürger wurden die kleinen, rührenden Särge
getragen. Zu Tausenden und Hunderttausenden gingen sie dahin, ein Strom,
Tag und Nacht. Ja, so weit war es gekommen, ohne Übertreibung, wenn auch
die Zeitungen nichts darüber schreiben durften, es war England gelungen,
zugestanden. Die Sache mit dem Burenkrieg seinerzeit war nur ein
harmloses Vorspiel gewesen. Gelungen, zugestanden. Hütet euch, ihr
Völker der Erde, seid gewarnt! Fordert nicht Englands Zorn heraus, sein
Blick tötet die Frucht eurer Weiber im Mutterleibe.
Unerträglich, völlig unerträglich war das ganze Dasein geworden -- und
jetzt, war es nicht wie ein Schimmer von Hoffnung?
Vielleicht, vielleicht doch!
Vielleicht würde es zu Ende gehen? Vielleicht . . .
Alles war zum Einsatz hingegeben: Väter und Söhne, Ernährer, Stützen des
Alters, Hoffnung, Glück und Sinn des Lebens, Ehre, die Zukunft des
ganzen Volkes, Gesundheit, Vermögen, Vieh, Pferde, die Glocken aus den
Kirchen, die Kochtöpfe aus den Küchen -- und ein Geschlecht von
Neugeborenen -- alles, auch das Gehirn unter der Schädeldecke --
vielleicht, vielleicht . . . Die Generale hatten den Wurf getan, die
Kugel hüpfte über die glücklichen Nummern -- vielleicht . . .
Wie gefangene Tiere hinter den Gitterstäben tigerten die Millionen an
den Eisenstäben ihres Käfigs entlang und witterten hinaus. Es roch nach
Befreiung -- nicht wahr? Einst hatten ihre Nerven die Erde umspannt, sie
waren durchgeschnitten worden und wimmerten. Einst waren sie Menschen,
hoffärtig und voller Fehler, aber doch Menschen, jetzt waren sie
gefangene Tiere geworden, Verworfene, Verbrecher, Parias, bespien und
beschmutzt, Tag und Nacht, vier Jahre lang. Die Luft selbst, die sie in
ihrem Käfig atmeten, war vergiftet. Hatte man nicht behauptet, daß sie
Fett aus Leichen kochten -- hatte man nicht . . . Aufs Rad geflochten
und über langsamem Feuer geröstet. Unbeschützt von einer Rotte von
Unfähigen, die in ihren Ämtern schlummerten, die Fingernägel polierten
und erhaben waren, erhaben -- einfach erhaben.
Die Gewaltigen, die Angebeteten und Vergötterten, sie würden gewiß alles
bis ins Kleinste berechnet und beachtet haben, bevor sie sich
entschlossen, alles hinzuwerfen -- auch das Gehirn unter der
Schädeldecke -- und die letzte halbe Million zur Schlachtbank führten.