Herr Herbst hob abwehrend die Hände.
»Nein, nein -- unmöglich, ganz unmöglich!« stotterte er hilflos.
Aber der schmächtige junge Mann stampfte plötzlich ärgerlich auf den
Boden und sagte mit scharfer Stimme: »Sie werden gehen! -- Bitte, bitte
recht sehr, Herr Herbst«, fügte er wieder ruhig und höflich hinzu, und
schob den vor Erregung zappelnden Havelock in die wackelnde Droschke.
»Wir können den weiten Weg unmöglich zu Fuß gehen. Wir haben keine Zeit
mehr zu verlieren. Mein Chef ist schon ungeduldig, er erhielt eine Rüge
von einer höheren Stelle. Machen Sie es sich ruhig bequem. Es wird ja
alles bezahlt. Das sind die Spesen. Sehen Sie hier, in diesem Notizbuch,
hier unter H., das sind die Spesen. Ich hätte ebensogut ein Auto nehmen
können.«
Voller Verzweiflung starrte Herr Herbst vor sich hin.
Kunze zog vorsichtig die Beinkleider über das Knie herauf. »Mein Chef,
er ist Major, ermahnte mich ausdrücklich, keine Kosten zu scheuen«, fuhr
er zu schwatzen fort. »Mein Chef strahlt! Sie haben uns ja, mein lieber
Herr Herbst, auf eine eminent wichtige Spur gebracht -- ein selten
glücklicher Zufall! Ach, wie langsam doch dieser elende Wagen fährt! Das
Material wächst, der Ring schließt sich -- wir arbeiten Tag und Nacht --
mein Chef wird einen hohen Orden bekommen -- und auch ich vielleicht,
vielleicht sogar das Eiserne Kreuz, er machte Andeutungen, mein Chef
. . .«
Plötzlich brach Kunze ab und zog rasch den Kopf zurück.
»Pst, pst« -- machte er, und deutete mit dem langen, dünnen Finger auf
die Straße. »Aber sehen Sie doch, wer da eben aus der Elektrischen
steigt! Sehen Sie doch! Wie? Wie? Unglaublich -- Fräulein v. Hecht!«
Es war in der Tat Ruth. Sie sprang rasch aus dem Wagen und suchte ihren
Weg durch die Menge. Schon war sie verschwunden.
»Haben Sie sie gesehen? Berlin ist eine so große Stadt, aber man sieht
immer wieder die gleichen Leute. Machen Sie einmal den Versuch, fassen
Sie eine bestimmte Person ins Auge -- wo Sie auch hinkommen, da ist sie,
ich wette mit Ihnen, was Sie wollen. Was hat nun, frage ich Sie, eine
solch feine Dame hier in diesem Stadtviertel zu tun? Wie, wie? Wenn man
es nicht wüßte! Bald wird sie wohl nicht mehr hierherkommen, oder? Mein
Chef ist in bezug auf diese Dame etwas unruhig -- nun, verstehen Sie,
die Tochter eines hohen Vorgesetzten -- aber auch das wird sich ja alles
finden. He, Kutscher, fahren Sie doch etwas rascher!«
7
Mit einem kleinen Paket unter dem Arm kam Ackermann durch den
Tiergarten. Es war noch hell, Sonne, Tag. Wie gewöhnlich suchte er
verlassene Wege auf. Er kam vom Dienst und war auf dem Wege nach Hause,
wo man ihn erwartete.
Ja, schon sammelten sie sich, ohne Zweifel! In England, Amerika,
Italien, Frankreich, Deutschland, Osterreich, Ungarn -- überall in der
Welt -- die Brüder! Nur ein Blinder sah die Zeichen nicht, nur ein
Tauber hörte nicht die Stimmen! Nur ein Tauber . . .
In den Zeitungen, zwischen den Zeilen -- in Broschüren, Aufsätzen,
Büchern, überall Zeichen, die darauf hinwiesen. Überall diese Stimmen!
Trotz der Scharen von Zensoren und Agenten, die ausgesandt waren, die
Wahrheit zu erwürgen, so wie Herodes die Kinder von Bethlehem erwürgen
ließ, nur aus Furcht, weil er vernommen hatte . . . ah, ah -- sein
Morden war vergebens.
Die Gefängnisse sind überfüllt, hier und überall. Arme, betörte Sklaven
bewachen ihre eigenen Befreier! Zu Hunderten werden sie füsiliert, hier
und überall. Arme Verführte ermorden ihre Brüder. Aber -- _der Gedanke
lebt!_ Die Mauern werden fallen -- in der ganzen Welt -- der Gedanke
wird sie stürzen, der Gedanke, der war, bevor die Menschen waren. Der
Gedanke, den man ans Kreuz schlug, folterte, mit Steinen beschwert ins
Meer versenkte, mit geschmolzenem Blei übergoß, den die Gesandten des
Satans zu töten versuchten auf hunderttausend Arten -- und der immer
wieder auferstand. Weltreiche stürzten, aber er lebt.
Und die Brüder werden einherschreiten -- sie, die Heißen, die
Sehnsüchtigen, die Wollenden.
Und auch ich, auch ich, Ackermann, werde bemüht sein, mich ihrer würdig
zu zeigen.
Zu Ende der Dienst, zu Ende! Er hatte Schluß gemacht.
Sie würden ihn nicht mehr sehen.
Monatelang hatte er gerungen, in den letzten Wochen mit Schweiß auf der
Stirn -- der Gedanke siegte. Er war entschlossen . . .
Unter dem Arm trug er, in eine alte Zeitung eingewickelt, seinen
Drillichkittel, wie ihn die Schreiber in den militärischen Amtsstuben
anhaben. Er nahm ihn heute mit nach Hause. Zum Zeichen, daß er nicht
zurückkehrte. Die Kameraden hatten die Frage an ihn gerichtet, weshalb
er den Kittel einpacke. »Ich mache Schluß!« antwortete er. Aber sie
lachten, wie sollten sie es verstehen?