Schon sind die Tribünen leer. -- --

Die Pulse fliegen. Die Lider peitschen die Augen, das Blut donnert in

den Ohren, und die Glieder schwingen. Die Erde hebt sich, bald wird sie

zerreißen -- Rauch, Feuer! Genug, genug!

»Genug und vorbei!«

Das blaue Himmelsgewölbe splittert, Finsternis. Das Rad der Geschichte

vollendet krachend seine Umdrehung, es wälzt sich heran, zermalmend --

Staub, Rauch . . .

* * * * *

Uniformen und Roben fluten die Treppe hinab in den herrlichen Tag. Ganz

wie nach einem Pferderennen von den Tribünen. Die Rechtsanwälte schießen

hindurch, mit ihren Mappen, sie haben es immer eilig. Eingläser funkeln,

das Lächeln blitzt auf den Lippen einer schönen Dame. Sporen klirren und

Säbel rasseln.

Wagen fahren heran, die Automobile qualmen.

Lautlos huscht die Limousine des kleinen freundlichen Greises am Wall

der Schutzleute vorbei.

Schwerdtfeger hat seinen hohen Chef oben auf der Treppe erspäht und den

Wagen herangebracht, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Er kennt

nichts als seinen Dienst.

Der General braucht nur irgendwo aus einem Hause zu treten und über den

Bürgersteig zu gehen, immer steht Schwerdtfeger bereit. Der General muß

nur den Fuß heben, das ist alles. Aber er hat sich nie Gedanken darüber

gemacht.

Oben auf der Treppe sprach der General einen Bekannten mit hohen Orden.

Er drückte seine Befriedigung über den Verlauf der Zeremonie aus -- die

Rede, prachtvoll -- und der Bekannte seinerseits versicherte, daß die

Rede in der Tat eine staatsmännische Leistung ersten Ranges war.

Nun stieg der General die Treppe hinab.

Die Lackstiefel eines Husaren blitzten vor ihm. Ein schmaler, eleganter

Rücken, ein vornehmes Profil, ein rascher, kühner Blick aus schönen,

klaren Augen -- der Husar weicht zur Seite und grüßt.

»Ah -- gut bekommen?« Ja, wie hieß er doch nur?

Leutselig schüttelt der General dem Husaren die Hand.

»Danke, Euer Exzellenz!«

»Ein netter Abend -- hm, etwas spät . . . wir haben ja -- Sie haben mir

ja von interessanten Dingen erzählt --?«

Der Husar blieb indessen völlig kühl und korrekt. Erstens war er kein

Beduine mehr, sondern Husar, zweitens war er, mit Respekt zu melden,

heute nacht völlig bekneipt, und als er aufwachte, fiel ihm (als erstes)

voller Schrecken ein, daß er Dummheiten geschwätzt und sich beinahe auf

Gott weiß welche Geschichten eingelassen hätte -- drittens war man nicht

mehr auf einem Ball, sondern im Dienst, und es wimmelte ringsum von

Würdenträgern und Exzellenzen.

Er blieb also kühl, korrekt, entschlossen, sich auch durch nichts

bewegen zu lassen. Seine schönen klaren Augen strahlten Offenheit.

»Leider vermochte ich nicht mit ganzer Aufmerksamkeit zu folgen -- es

war plötzlich so heiß geworden -- und dann brannte noch dieser Vorhang.«

Aber der Husar blieb zurückhaltend, entgegnete ein paar nichtssagende

Redensarten. Er errötete sogar.

Schwerdtfeger warf den Wagenschlag ins Schloß, und der General erwachte

erst aus seinen tiefen Gedanken, als die grelle Sonne in seinem

Arbeitssaal ihn blendete.

Er zog die blauen Vorhänge zu, das Licht schmerzte seine Augen, jetzt

erst machte sich der kurze Schlaf bemerkbar.

»Trotzdem -- trotzdem --« murmelte der General vor sich hin. Mehr und

mehr verfiel er der Gewohnheit, seine Gedanken laut zu äußern.

»Trotzdem -- ja, er wich aus -- nun, gewiß er ist ein Mann von größter

Selbstkontrolle, ohne Zweifel. Aber er errötete etwas. Weshalb?«

»Oder errötete er nicht?«

»Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber es sah tatsächlich aus, als ob

er errötete.«

»Aber was, was hat er mir erzählt? Ja, wie ärgerlich, daß gerade diese

Sache mit Dora -- --«

»Aber weshalb erzählte er es mir?«

»Wie? Wie? Sogar Angehörige der besten Gesellschaft -- und . . .«

»Deutlich erinnere ich mich -- trotzdem . . .«

Der General starrte vor sich hin -- das Blut wich langsam aus seinem

breiten Gesicht. Plötzlich schüttelte er den Kopf. Welch absurder

Gedanke!

Er berührte die Klingel.

Weißbach erschien, und der General berichtete kurz über die

Reichstagssitzung -- ein Zeichen des größten Vertrauens und Wohlwollens,

das Weißbach, trotzdem er noch in Alkohol kochte, er war bis neun Uhr

bei Ströbel gewesen, zu würdigen wußte.

»Sollten Sie Näheres über Hauptmann v. Dönhoff erfahren --?«

»Jawohl, Herr General!«

Weißbach zog sich zurück. Der General war ihm grün erschienen,

leichengrün -- die Beleuchtung natürlich, oder auch sein Zustand. Er

trank wenig, aber er konnte nichts mehr vertragen, seit er in Rußland

seinen Nervenchok erlitt. Damals waren sie alle verbrannt, durch einen

Volltreffer, der den Unterstand in Flammen setzte -- nur durch einen

Zufall war er gerettet worden. Er wußte selbst nicht wie, er hatte es

auch nie begriffen.

Sobald Weißbach den Saal verlassen hatte, ging der General zum Telephon

und verlangte eine bestimmte Verbindung.

Erst nach geraumer Zeit ließ sich jemand hören.

»Ich hatte doch gebeten« -- begann der General ungnädig -- »mich

umgehend informieren zu wollen -- bereits acht Tage -- wie, bitte --?«

5

Ackermanns Blick fieberte durch die wimmelnden Uniformen und abrollenden

Wagen. Verzweiflung schüttelte ihn.

»Dieses Parlament, welche Schmach! Der Fluch des Volkes wird die

Schmachbedeckten treffen -- einst, einst --!«

Er sah die hohen Offiziere nicht, nicht die Generale mit ihren roten

Aufschlägen, nicht die Admirale mit den goldenen Tressen. Und niemand

beachtete ihn in seinem abgeschabten weiten Mantel, von Entbehrungen und

Qualen erschöpft -- ein einfacher Soldat, einer von den Millionen, die

niemand sieht.

Auf dem Straßendamm stand mitten im Qualm der Autos ein Berittener,

regungslos wie eine Statue. Mit furchtbarem Ernst saß er im Sattel,

quittengelb, mit spitzer Nase, eingefallenen Wangen und violetten

Augenhöhlen. Eine berittene Leiche hielt vor dem Parlamentsgebäude

Wache, im Sattel verhungert, aber sie tat ihre Pflicht.

Plötzlich drehten sich die starren Metallkugeln in den violetten Höhlen,

die Haut des quittengelben Gesichts straffte sich, der rostrote

Schnurrbart zuckte.

Er hatte Ackermann entdeckt, und eine argwöhnische, drohende Falte

spaltete die armselige Stirn.

Das Gesicht dieses gemeinen Soldaten war das Gesicht eines Mannes, der

geheime Gedanken hegte, Gedanken ganz besonderer Art, unzufriedene

Gedanken. Er kannte diese Gesichter vom Kasernenhof her und hatte sie

vernichtet, wo er sie fand, bis sie aussahen wie andere.

Schon drängte er sein Pferd näher, und sein Blick wurde messerscharf und

unbarmherzig. Er war aus der kaiserlichen Schule, auf den Mann

dressiert.

In diesem Augenblick aber ging Ackermann wie ein Schlafwandler mitten

durch die Uniformen und Wagen hindurch, schnurgerade über den Fahrdamm

-- ohne angestoßen, berührt, überfahren zu werden, sonderbar.

»Es ist Zeit!« flüsterte er. »Es ist Zeit!«

»Es ist höchste Zeit!« Er eilte.

Ihr Jungen, Wollenden, Wagemutigen, die Stunde schlägt! Ihr

Sehnsüchtigen, Verzweifelten, Zielerfüllten, ihr Hassenden, Liebenden,

Gesegneten, Boten und Verkünder des Menschenreiches -- auf, auf, die

Stunde ist da! Zögert nicht länger, ihr Gesandten mit den menschlichen

Antlitzen!

Böse folgte der Blick des Berittenen dem grauen Soldatenmantel, der

rasch zwischen den Bäumen verschwand.

* * * * *

Und schon -- ja schon rüsten sie sich zum Aufbruch, die Läufer, die

ihrer Zeit vorauseilen! Schon baden sie das Antlitz im Lichte einer

neuen Sonne, die heraufsteigt.

Schon erheben sie sich von den elenden Pritschen der Gefängnisse -- sie

werden durch hundertfach geschlossene Tore gehen wie durch Luft, keine

Angst. Schon hebt sich ihre leuchtende Wimper in den Kasernenhöfen

Europas -- und sie werden das triumphierende Wort aussprechen, und die

Kugeln werden von ihnen abprallen, keine Angst. Schon beten sie ihr

Morgengebet bei den Kanonen, in den Erdlöchern der europäischen

Schlachtfelder -- sie werden die Kanonen zerbrechen, als ob sie Schilf

wären, keine Angst. Schon wird ihr Schlaf in den Massengräbern Europas

unruhig, schon hebt sich ihr Auge, sie werden auferstehen, stärker als

der Tod, keine Angst.

Schon kommen sie, schon sammeln sie sich, in ganz Europa, sie, die

Brüder sind und sich erkennen am Glanz des Antlitzes. Schon ertönen ihre

Stimmen, da und dort, in ganz Europa, in der ganzen Welt!

Sie kommen!

Kommen sie? Kommen sie wirklich?

Ja, sie kommen! Horch! Schon wandert ihr Schritt im Tagesgrauen.

Und die Finsternis wird ein Ende haben?

Die Finsternis, die schreckliche, wird ein Ende haben.

Schon rötet sich der Himmel im Osten. Sie bringen das Licht. Sie kommen,

und sie werden dahinschreiten, und das Paradies wird unter ihren

Schritten erblühen.

Ihr Feldzeichen aber ist nicht rot, nicht blau, ihr Feldzeichen ist die

Liebe.

6

»Unbegreiflich!'« rief Herr Herbst aus und warf die kleinen Hände voller

Erstaunen in die Luft. »Was ein Mensch doch träumen kann! Also, Berlin

nichts als -- Schutt, nur Schutt, sagen Sie?«

Eingehüllt in den langen rostfarbenen Havelock, den steifen Hut auf den

Ohren, saß Herr Herbst im halbdunkeln Gastzimmer des »Löwen von

Antwerpen«. Eine große, sofort in die Augen springende Veränderung war

mit ihm vorgegangen: er trug keinen Kragen mehr! Denn früher hatte er ja

einen niedrigen, wenn auch nie ganz reinen Kragen und eine kleine

schwarze Binde getragen. Wer sie kennt, die Trinker, weiß, was es zu

bedeuten hat -- keinen Kragen mehr!

Ihm gegenüber saß der scheue, stille, bucklige Wirt, Herr Glienicke,

zwischen ihnen stand die Flasche.

Herr Glienicke räusperte sich krächzend, dann erwiderte er scheu

flüsternd: »Ja, nichts als Schutt, ein Haufen Schutt, das ganze Berlin.

Wie soll ich sagen -- eine Ruine. Und Raben --«

»Raben?« Schauer jagten über den Rücken des kleinen Herrn Herbst.

»Der Himmel war schwarz von ihnen. Sie flogen auf, wohin man kam -- wie

Wolken. Hm, und auch Leichen lagen da und dort, streckten die Hände aus

dem Schutt, blaue Hände.«

»Was für ein entsetzlicher Traum! Und keine Menschen mehr, sagen Sie?«

»Keine Menschen, nein. Nur Raben, alles war schwarz von ihnen. In ganz

Berlin keine lebende Seele mehr. Nur Schutt und verkohlte Balken. Da und

dort stand zwischen den Schutthaufen noch ein verlassenes Geschütz. Aber

keine Menschen.«

»Ah, ah -- entsetzlich!«

»Und dann begann es zu schneien --«

»Guten Tag!« sagte in diesem Augenblick eine helle, nüchterne, aber

bescheidene Stimme, und die beiden fuhren auf.

Ein schmächtiger, junger Mann war ins Zimmer getreten.

Der schmächtige, junge Mann näherte sich, den Hut in der Hand, dem Tisch

und verbeugte sich leicht und steif.

»Ich bitte um Verzeihung! Herr Herbst?«

Zitternd erhob sich der Havelock. Ja, weshalb in aller Welt zitterte er?

Es war nicht nur diese helle, nüchterne Stimme, nein -- jemand kannte

ihn, ihn, seinen Namen . . .

»Ich habe mit Ihnen zu sprechen«, sagte die gleiche Stimme, aber um eine

Schattierung weniger bescheiden.

»Sprechen? Gewiß --«

»Nicht hier, bitte -- in besonderer Angelegenheit --«

Und die beiden verließen das Gastzimmer. Die Eulenaugen des Buckligen

sahen ihnen nach. Herr Glienicke hatte sich nicht von der Stelle

gerührt. Diese Stimme, unverkennbar: die Polizei!

»Bitte!« sagte der schmächtige junge Mann und lenkte den Schritt die

Fabriciusstraße hinab.

Mit etwas eingeknickten Knien schlürfte Herr Herbst neben ihm her. Er

verging vor Angst, erfüllt von den schlimmsten Ahnungen.

Wie immer spielten die Kinder auf der staubigen, zugigen Straße, aber

heute wagten sie sich nicht an ihn heran, da er in Begleitung war.

Mit hohem Singsang schritten sie im Reigen um ein Mädchen, das auf dem

Pflaster kauerte und einen Lumpen über den Kopf gezogen hatte. Ein

schwarzer Hund mit kurzem Schwanzstumpen trippelte mit den Kindern

ebenfalls im Kreise. Nur seiner erschreckenden Magerkeit verdankte er

es, daß er noch lebte. Denn hier außen gab es weit und breit weder Hunde

noch Katzen mehr, alles verzehrt, längst eine Beute der Professionells.

Hohläugig und wächsern erschienen die Kinder wie tanzende, in Lumpen

gehüllte Leichen, die aus den Gräbern eines Kinderfriedhofs gestiegen

waren, um hier zu spielen. Ihre Mütter arbeiteten irgendwo in den

Munitionsfabriken, die Väter faulten längst in den Massengräbern.

Und da war auch schon wieder jener Wagen mit dem schmutzigen Schimmel,

den ein bleiches abgezehrtes zwölfjähriges Mädchen kutschierte. Jeden

Tag kam er hierher in diese Straße, und kam er nicht gerade in die

Fabriciusstraße, so sah man ihn sicher dort an der Ecke warten. Heute

lagen nur zwei Kindersärge darauf, aber soeben brachte ein Mann einen

neuen Kindersarg aus dem Hause und warf ihn wie eine Kiste mit Flaschen

auf den Wagen. Jeden Tag, und doch gab es noch immer Kinder hier!

Die tanzenden kleinen Toten aber beachteten den vorüberfahrenden Wagen

mit den Särgen nicht. Sie schoben den Reigen nur etwas zur Seite und

sangen weiter.

Endlich brach der schmächtige junge Mann das Schweigen. Mit einem nicht

unfreundlichen Lächeln wandte er sich an Herrn Herbst.

»Sie wissen wohl, daß die große Offensive heute begonnen hat?« sagte er

im Tone eines Menschen, der ein Gespräch beginnen will. »Tausende von

Gefangenen --«

»Tausende -- so, so --« stammelte Herr Herbst verwirrt.

»Ja, am ersten Tage!« Aber das Gespräch kam nicht in Gang. So also ging

es nicht. Der schmächtige junge Mann polierte den Kneifer, lächelte

Herrn Herbst mit kurzsichtigen Augen an, und begann von neuem in etwas

kühlerem, geschäftlichem Tone: »Sie kennen mich nicht, Herr Herbst?«

»Wirklich nicht? Und Sie haben mich auch nie gesehen? Trotzdem gingen

Sie sofort mit mir, seht an. Ein neuer Beweis, daß es unleugbare Kräfte

gibt, die Macht über die Menschen verleihen, magnetische und hypnotische

Kräfte. Seit acht Tagen, seit vollen acht Tagen folge ich Ihnen wie ein

Schatten, mein verehrter Herr Herbst. Sie staunen? Sie sehen, man muß es

nur geschickt anstellen. Vor einigen Tagen aß ich sogar mit Ihnen am

gleichen Tisch in der Dorotheenstraße. Und am Schluß der

Reichstagssitzung stand ich dicht neben Ihnen, als Sie den hohen

Offizier grüßten --«

Herr Herbst zuckte zusammen. Ah, ah -- er hatte es ja augenblicklich

gefühlt! Seine Ahnungen! Die Polizei war ihm auf den Fersen, die

Geheimpolizei. Der General hatte sie auf seine Spur gesetzt, und nun war

er -- verloren! Ja, dieser General, natürlich, er wollte seine Macht

zeigen, er hatte ihm jenes furchtbare Wort entgegengeschleudert,

belästigte ihn . . .

»Ich hatte, mit einem Wort, den Auftrag, mich mit Ihrer Persönlichkeit

zu beschäftigen.«

»Ich weiß es.«

»Sie wissen es?«

»Ich dachte es mir! Einen Augenblick.« Herr Herbst wischte sich den

Schweiß von der Stirn.

»Ja, also den Auftrag«, fuhr der junge Mann geschwätzig fort. »Ich kenne

nunmehr all Ihre Gewohnheiten, Ihre etwas sonderbaren und keineswegs

alltäglichen Gewohnheiten. Es bedurfte eines psychologisch geschulten

Blickes, um nicht verwirrt zu werden, ich gestehe es offen zu. Nunmehr

sind meine -- Sie verzeihen -- Beobachtungen abgeschlossen, bis auf

einen großen dunkeln Punkt. Aber auch das wird sich finden. Ich hielt

die Zeit für gekommen, in persönliche Verbindung zu Ihnen zu treten. Sie

gestatten, mein Name ist Kunze.«

Der junge schmächtige Mann nahm den grasgrünen Plüschhut ab und machte

eine gemessene, steife Verbeugung.

»Angenehm!« schlürfte Herr Herbst und erwiderte mit einem Kratzfuß.

Ängstlich und mißtrauisch hefteten sich seine entzündeten Augen auf den

blinkenden Kneifer. Nichts Gutes, jedenfalls nichts Gutes!

Der schmächtige junge Mann, der sich Kunze nannte, war ärmlich, aber

peinlich sauber gekleidet. Sein dünner Überzieher, bis oben zugeknöpft,

war abgewetzt, aber man sah noch die Striche der Bürste. Seine

geflickten Stiefel waren glänzend gewichst. Er trug dünne

Zwirnhandschuhe, nur seine Manschetten, sie waren etwas grau geworden.

Er war semmelblond, das semmelblonde Schnurrbärtchen haarscharf

zugespitzt. Die Augen hinter den Gläsern erschienen matt, ausdruckslos

und sogar dumm. Unter dem Arm trug er eine dünne lederne Aktenmappe. Wie

alle Menschen sah er schlecht genährt aus, und sein Teint hatte eine

unreine, grünlich fahle Färbung.

»Hoffen wir es, daß meine Bekanntschaft für Sie angenehm sein wird«,

nahm Kunze nach dem beendeten Zeremoniell der Vorstellung wieder das

Wort, und er lachte leise dabei. »Für manch einen, für viele war meine

Bekanntschaft -- meine Bekanntschaft wenig angenehm, ähä, ähä! Ja, wenig

angenehm! Nun, nun, Sie haben nicht die geringste Ursache, sich zu

beunruhigen, ich betonte schon, daß ich mich durch Ihre sonderbaren

Gewohnheiten nicht verwirren ließ. -- Einen Augenblick, lassen wir diese

Elektrische vorbei -- so. Sie haben sich also vor geraumer Zeit an

unsere Organisation gewandt --«

»Ich nenne unsere Dienststelle so. Ihr Eingang wurde, wie alle

derartigen Eingänge, unserer Organisation automatisch zugeleitet. Sie

haben, unter anderem, schwere Verdächtigungen erhoben gegen

hochgestellte Persönlichkeiten, oder besser gesagt, gegen Angehörige

hochgestellter Persönlichkeiten, so daß eine ganz besonders sorgfältige

Bearbeitung der Angelegenheit notwendig wurde. Aus diesem Grunde hat

mein Chef mich beauftragt.«

Herr Herbst atmete auf. Also nicht der General -- es war diese andere

Sache --! Aber schon überzog wieder kalter Schweiß seine Stirn. Welch

gefährlicher Lage hatte er sich doch ausgesetzt! Und weshalb?

Unerklärlich alles. Im Rausch, in völliger Bezechtheit, hatte er diese

zwei Briefbogen vollgeschrieben. Zu spät. Seine Beine zitterten. Er

hatte Mühe mitzukommen.

»Wohin --?« stammelte er.

Kunze hielt den Schritt an und lächelte. Er hatte kleine, schlecht

gepflegte Zähne. »Sie können es sich nicht denken?« fragte er mit schräg

geneigtem Kopf.

»Wie sollte ich --?«

»In Ihre zweite Wohnung!«

»Wie --??«

»In Ihre zweite Wohnung!«

»Wie --?!«

Herr Herbst griff mit beiden Händen nach dem steifen Hut -- taumelte

zurück und entfloh . . .

»Aber so warten Sie doch! Wie sieht das aus, wenn wir hier einander

nachlaufen. Warten Sie doch! Aber ich muß doch bitten . . .«

Mit ein paar langen Sätzen lief Kunze hinter dem davoneilenden Havelock

her. Im Nu hatte er ihn wieder eingeholt. Er klemmte den Kneifer auf die

Nase, keuchte -- seine Lunge war nicht ganz in Ordnung -- und lachte

belustigt und nachsichtig.

»Nun, sehen Sie, es hat keinen Sinn. Aber weshalb erschraken Sie nur

so?«

»Ich -- ich . . .«

»Sie sind ja jetzt noch kreidebleich! Nun, nun, Ihre Nerven sind in

einem heillosen Zustand, Herr Herbst, einem bösen, bösen Zustand, ei,

ei! Und doch wollen wir nur in Ihre Wohnung in der Blücherstraße gehen.

Ich sagte Ihnen ja -- nur noch ein einziger großer dunkler Punkt -- he,

Kutscher!«

Der 9. November: Roman · 第 40 / 74 题