Plötzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht an, allzu lange
bei diesen Abenteuern zu verweilen.
Ein Brief des Generals! Seht an! Doras Lippen kräuselten sich. Sie legte
den Brief langsam zur Seite. Diese Schriftzüge jetzt, nein -- sie
langweilten sie momentan, steif und anmaßend kamen sie ihr vor, später.
Sie griff nach einem rosafarbenen Briefchen, das an einem Fliederstrauß
befestigt war. Zu ihrer großen Überraschung war es ein drolliges
Gedicht, die Huldigung einer lustigen Gesellschaft, die das Fest bei
Ströbel beschlossen hatte. Dora lachte, daß das Treibhaus zu klingen
begann. Ach, wie bezecht müssen sie gewesen sein --!
Zu dieser Gesellschaft, die das komische Gedicht bei Ströbel verfaßt
hatte, gehörte auch Hedi. Sie kam etwas nach zehn Uhr nach Hause, und
gerade, als sie das silbergraue Schleierkostüm, das ganz in Stücke
gegangen war, leider, abstreifte, erwachte Klara. Grelle Lichtzacken
stachen durch die zusammengezogenen Vorhänge.
»Ah, da bist du ja!« sagte Klara. Aber welche Betonung! Sie hatte die
Schwester zuletzt in einem Kreis von händeklatschenden Vermummten
gesehen, wo sie einen schamlosen Tanz aufführte, und es gab keine Worte,
die ihre Verachtung ausdrücken konnten.
»Ja, hier bin ich!« erwiderte Hedi mit einem sonderbaren, leisen
Auflachen. Sie war sehr blaß, und ihre Augen flackerten unstet.
»Wo warst du eigentlich?« fragte Klara, während sie neugierig und
überrascht die Schwester beobachtete.
»Ich?« Wieder lachte Hedi leise und heiter. »Du hast ja nicht gewartet.
Bei Ströbel. Alle haben wir bei Ströbel Kaffee getrunken. Herrlichen
Kaffee, Weißbrot, sogar Sahne!«
»Ströbel? Wer ist Ströbel?«
»Er besitzt eine Motorenfabrik und hat im Kriege Millionen verdient.«
»So, und da also --?«
»Und weißt du, wer den Kaffee gekocht hat?« fragte Hedi lachend. »Ich,
zusammen mit Ströbel. Denn Ströbel hat keine Dienstboten im Hause,
obschon er so reich ist -- um ungestört zu sein. Ja, also wir zwei haben
den Kaffee gebraut -- und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! --
aber niemand fiel es auf.«
»Was fiel niemand auf?«
Hier brach Hedi in lautes Gelächter aus. »Was sagte ich? Nun -- niemand
fiel es auf, daß es so lange dauerte, bis der Kaffee fertig wurde. Es
war einfach schnurrig! Die ganze Gesellschaft trank Kognak aus
Kaffeetassen. Wir haben alle Bruderschaft getrunken!«
Hedi lachte, erzählte, summte, tänzelte, während sie abwechselnd durch
Dämmerung und grelles Licht glitt. Bald flammte ihr Auge auf, bald ihr
weizengelbes Haar, bald ihre bleiche Haut. Plötzlich stieß sie ein Glas
vom Tisch, aber auch darüber mußte sie nur lachen.
Voller Verachtung drehte Klara sich gegen die Wand.
»Nun,« sagte Hedi triumphierend, »dieser Herr Ströbel ist nicht nur
reich, sondern auch ein Gentleman. Und er ist verliebt in mich! Dich
aber würde er wahrscheinlich gar nicht ansehen, kleine Braut.« Dies
fügte Hedi ein, um Klara zu reizen.
Aber Klara schwieg.
»Ah, seht an, sie spielt die Hochmütige!« fuhr Hedi fort. »Nun, mein
Liebling, es ist mir höchst einerlei, was du denkst. Du bist ja noch ein
Kind, und was solltest du vom Leben wissen? Auch was Papa denkt, ja,
siehst du, auch das ist mir höchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft
gesagt, daß ich dieses Leben hier satt habe, diese ewige Langeweile, und
eure Rüben und Kartoffeln. Und dazu die ewige Kontrolle! Nein, mein
Herz, nun mache ich Schluß. Hörst du mich, kleine Braut? Ja, natürlich
hörst du mich, du tust ja nur so . . . ich werde euch verlassen . . .«
»Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretärsstelle angeboten, tausend Mark
im Monat, bei völliger Bewegungsfreiheit -- ein kleines Bureau werde ich
haben, und einen kleinen Empfangssalon -- du staunst, wie? -- und bei
Ströbel selbst. Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, wie es mir
gefällt. Ich bin jung, ja Gott sei Dank, noch bin ich jung. Und du
darfst mich besuchen, kleine Braut, und vielleicht schenke ich dir ein
Paar seidene Strümpfe --«
Ganz plötzlich schlief Hedi ein.
Aber ihr Schlaf war unruhig, und immerfort lief ein Zittern über ihren
Körper. Klara beobachtete sie.
Was war geschehen?
Labyrinthisch und voller Dunkelheiten erschien Klara plötzlich das
Leben. -- --
Dora aber freute sich immer noch über das Gedicht, während sie das warme
Bad genoß. Ihre Augen, ihre Zähne, Grübchen, ihre Schultern und Brüste,
die ganze Dora strahlte vor Entzücken. Es war so leicht, ihr eine Freude
zu machen. Sie wartete nur darauf.
Behutsam legte sie das Gedicht zur Seite, um es aufzubewahren, in dem
Schubfach, das angefüllt war mit ähnlichen Huldigungen.
Ein Billett von Otto. Sie strich das volle Haar in den Nacken, las --
nur zwei Zeilen -- und zerriß es, in winzige Stückchen, die sie in die
Aschenschale warf. Eine feine Röte flog über ihre Wangen.
Dann trank sie ein Täßchen Kakao.
Und dann griff sie nach dem Briefe des Generals. Seine Schrift begann zu
zittern. Es war nicht mehr die frühere, starke Hand. Er begann langsam,
ganz langsam zu altern, ja . . . Was sollte er ihr zu sagen haben?
Nichts, gar nichts.
Plötzlich aber saß Dora ganz still.
Ihre glänzenden, roten Lippen standen offen, die Hand zitterte -- ihr
schwindelte.
Heute nacht . . .
Heute nacht also . . .
Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, während sie
lachte. Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . .
Heute nacht -- die Tänzerin, die Neger, die Vermummten -- alles wirbelte
vor ihren Augen.
Und vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . Sie schauerte zusammen.
Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden
gerichtet. Vielleicht war er schon tot --
Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven Blau, füllten sich
langsam mit Tränen.
Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte es ihm nie
verzeihen, daß er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere.
Immerhin, ein Mann, der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie
sentimental war und nie eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht
flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei Gott, das tat er nicht. Der
spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand vor ihr.
Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehen war, diesen
Gedanken konnte sie nicht ertragen. Trotzdem sie ihn gerade in diesem
Augenblick bitter haßte -- leiden sollte er nicht! Und doch, ein
abscheuliches, verruchtes Gefühl triumphierte in ihr, ganz wider ihren
Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch dich hat die Granate
zerrissen!
Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora.
Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit
strahlte.
Dann klingelte sie eilig der Zofe.
3
»Und nun los, Heinz!«
Hauptmann Wunderlich schwang sich an den Krücken über den Flugplatz.
Gerötete Gesichter und rote Hände im Sonnenschein.
Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den Lärm der Geschütze,
und schon eilte die Maschine über den Rasen, dem herrlichen Morgen
entgegen. Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag
unter der linken Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine Maschine,
kaum zu merken, ganz wie gestern. Meerheims Maschine, der einige Minuten
früher abflog, blitzt zuweilen wie ein Funke im Süden.
Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, unmerklich drückt der
Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke
des rasenden Autos da unten auf der schneeweißen Landstraße wird
langsamer und langsamer, nun steht sie still, und nun scheint sie sich
plötzlich rückwärts zu bewegen.
Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte mit den Fingern
den Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs.
Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene Achate, Felder und
Wälder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein
Gefunkel aussendet. Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den
Achatflächen, Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser zarte
Teppich da unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen
kleine, verwehende Dampfwolken empor, wie aus Geisern, oft vereinzelt,
oft in Gruppen, milchigweiß, graugelb und schwarz. An einer Kurve
drängen sie sich dicht zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze paffen
sie ohne Pause auf -- das sind die Gräben.
Merkt er etwas?
Morgen, morgen, geht das Gerücht!
Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben!
Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen dichtgedrängter
Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, Schwärme von Schrapnells, die
den Flugzeugen gelten. Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden
feinster Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther.
In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab.
Meerheim patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine
Maschine, wenn sie sich der gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war
die Front kaum noch zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur
zuweilen warf der Gürtel der Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken
aus. Am Horizont ringsum blitzten die Messer der feindlichen und
deutschen Batterien. In der großen Weite war kein Flugzeug zu sehen, nur
nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von Maschinen, die aber bald
verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein, und er wünschte
nichts sehnlicher, als daß sie hierher in seinen Abschnitt kämen. Er
glühte vor Kampfbegierde! Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch
ausspähte, keine Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm
dahin. Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dann wuchs ein
schimmerndes Schneegebirge rasch zu ihm empor. Türme von Schnee
brodelten ihm entgegen, Kuppen von Schnee wölbten sich, und der Schatten
seiner Maschine jagte über glitzernde Gletscher.
Heinz begann zu singen.
Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein Glück hinausrufen.
Laut und inbrünstig hingegeben sang er: »Deutschland, Deutschland über
alles.« Er sang sämtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der
Schule berauscht hatte. Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren und
Brausen des Motors seinen hellen Tenor.
Dann sang er die »Vöglein im Walde«.
Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt.
Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras Bild vor
seinen Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur einmal mit ihr durch den
Äther dahinjagen! Nie würde er imstande sein, ihr dieses Glück zu
schildern.
Ja, heute, heute -- vielleicht würde es ihm endlich heute gelingen,
einen Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran,
als Sieger aus diesem Zweikampf hervorzugehen. Er war entschlossen, er
war kühn, er fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester
Liebe für sein Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene sein?