Dort? Dort? Schon jagte er hin --

Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze ganz nahe, aber zu

seinem Schmerz entfernten sie sich stets wieder. Es war sein

persönliches Pech, daß niemand seinen Abschnitt aufsuchte.

Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der

Sekunde wandte Heinz die Maschine nach Hause. Er stürzte sich mitten in

eine der schimmernden Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis

und kalten Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu

werden. Wieder lag da unten der schimmernde, bunte, freundliche Teppich,

und Heinz nahm den Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont.

Was aber gibt es? Was ist geschehen?

Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. Mächtig

pendeln die Flügel. Heinz hat sich in namenlosem Erstaunen aufgerichtet.

Die Maschine stürzt . . .

Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel

ein Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. Senkrecht stürzt es sich

in die Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, in seiner Vermummung anzusehen

wie ein furchtbarer Dämon, beugt sich über Bord, um die stürzende

Maschine des Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu

bringen.

Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, und plötzlich

löst sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper -- verschwindet rasch,

wie ein Punkt in der Tiefe.

Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel rauscht in die

Wolke zurück. --

Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hörte, zerriß er sich mit den

Nägeln das Gesicht und schrie: »Ich ertrage es nicht mehr, ich kann

nicht mehr!«

4

Immer noch sprach der freundliche Greis -- mit leiser, feierlicher

Stimme. Und immer noch verharrte das Haus in Totenstille.

Der kleine gütige Greis sagte Ja, und er sagte Nein. Er sagte Sofort und

sagte Niemals. Vorsichtig und sorgfältig fügte er Wort an Wort zu

kunstvollen Sätzen. Zuweilen huschte sogar etwas wie rethorischer Glanz

über seine Rede, ein Glanz wie er über Reliquien in den Kathedralen

liegt.

Die Erregung hat seine Greisenbäckchen gerötet wie die Bäckchen eines

Kindes.

Er war nicht abgeneigt, Zugeständnisse zu machen, das heißt nicht

eigentliche Zugeständnisse, es wäre ihm natürlich unmöglich, irgendwie

und in irgendeiner Form auch nur das geringste . . .

Er versicherte heilig seine Friedensgeneigtheit, ja, jeden Tag würde er

Frieden schließen, aber natürlich, er bittet, nicht mißverstanden zu

werden -- er war entschlossen, fürchterlich entschlossen . . .

Und er schwingt die kleine hilflose Greisenfaust durch die Luft. So

entschlossen war er.

Ja, entschlossen . . .

Der General setzte den Kneifer auf und warf den Kopf in die Höhe. Vor

ihm glänzte die bedeutsame Glatze eines Admirals, neben ihm schimmerte

nichtssagend das dünne gebürstete Haar eines Diplomaten.

Die Tribünen gegenüber lagen im Halbschatten. Kopf an Kopf, eine

gesichtähnliche Nichtigkeit neben der anderen. Und doch . . . Er fühlte

sich unbehaglich -- früher war er ähnlichen Einflüssen überhaupt nicht

zugänglich gewesen, indessen der Krieg -- die Überarbeitung . . .

Da!

Ein glänzendes, bleiches Gesicht unter all den matten Nichtigkeiten, und

ein paar Augen voller Schrecken und Entsetzen auf ihn gerichtet.

Vielleicht nicht auf ihn, eigentlich mehr auf den kleinen Greis, dessen

Kinnlade sich ruckartig bewegte. Der General hatte das Gesicht schon

irgendwo gesehen, vermochte sich indessen im Moment nicht zu entsinnen.

Es war nicht Schrecken, es war Grauen, das von dem glänzenden, bleichen

Gesicht mit den schwarzen rasenden Augen ausging. Dieses Grauen lähmte

die Zunge des sprechenden Greises, lähmte seine Bewegungen. Sein

erhobener Arm sank plötzlich herab, er schöpfte Atem, hastig, seine

schmalen Schultern schoben sich in die Höhe -- er beugte sich tiefer

über das Manuskript und stotterte.

Das bleiche phosphoreszierende Gesicht aber wuchs in die Höhe -- schon

fiel es allenthalben auf. Der Diplomat mit den dünnen, säuberlich

gebürsteten Haaren blinzelte beunruhigt und runzelte die Stirn.

Die dünne feierliche Stimme des Greises erschallte wieder.

Die kleine eigensinnige Greisenfaust schlägt auf den Tisch, und

eigensinnig wiederholt die tonlose und feine Stimme Ja und Nein, Niemals

und Sofort. Nun sind es keine Worte mehr, nun sind es nur noch Laute,

nur noch Luftwellen . . .

Der 9. November: Roman · 第 38 / 74 题