In dieser Sekunde aber --

In diesem Augenblick begann es in der Luft zu sausen, ein hohles,

saugendes Rauschen war plötzlich nahe, und im nächsten Augenblick schlug

eine blendende Lohe bis zum schwarzen Himmel empor. Dönhoff stürzte, den

Arm vor die Augen geschlagen, rückwärts in den Keller hinab. Er hörte

den Knall der Explosion nicht mehr.

Verschwunden war der Wagen, der Kutscher, die Pferde und der Sarg.

Verschwunden waren die Offiziere, nichts blieb als der kräuselnde,

stinkende Qualm über dem Schutthaufen, den die schwere Granate

hinterließ. Aber die Haubitzen feuerten noch.

* * * * *

Die Uhr hatte ausgeschlagen.

Die Tänzerin erwachte aus der hypnotischen Starre, in die das Rasseln

der Uhr sie versenkt zu haben schien, die Lider hoben sich, und gelbe

Funken fuhren aus den Augen. Sie atmete wieder. Ihre zierlichen Finger

lösten sich von den jungen Brüsten, sie drehte sich in der Hüfte, hob

das linke Bein, knickte plötzlich zusammen, so daß sie mit dem Kinn das

Knie des linken Beines berührte -- lächelte verzückt -- und ihr

Elfenbeinkörper blitzte.

Dichtgedrängt glänzten die Augen der Vermummten im Halbdunkel. Eine

Schattenkugel mit zwei großen Ohren hob sich für einen Augenblick auf

dem hellen Hintergrund gespenstisch ab. Aber rasch duckte Professor

Salomon sich wieder auf den Boden.

Der General auf seiner Empore hatte den goldenen Kneifer aufgesetzt.

»Du bist noch schöner!« flüsterte Ströbel in Hedis Ohr, und seine Lippen

berührten ihren Nacken. Sie saßen dicht nebeneinander auf dem Boden. »Es

ist nicht Liebe -- ich belüge dich nicht, wie die andern Männer, aber es

ist -- Sympathie.«

7

Die kleine türkische Witwe in Grau hatte ihre ganze Kundschaft

eingebüßt. Alle fanden, daß sie reizend sei -- aber tödlich langweilig.

Zuletzt hatte sie das Glück gehabt, einen Offizier zu treffen, der die

Kampfstaffel Wunderlich kannte -- er lag ganz in der Nähe -- und ihr

versprochen hatte, Heinz Grüße zu bestellen. Das war der einzige

Lichtpunkt des Festes. Sonst fand sie es entsetzlich. Entsetzlich diese

Frauen, die halbnackt von Arm zu Arm wanderten, entsetzlich diese

Männer. Auch Hedi -- nun, du bist durchschaut, Hedi, gib dir keine Mühe

mehr.

Nun saß die kleine türkische Witwe mutterseelenallein auf dem Diwan im

Zeltzimmer, das Gesicht nachdenklich und gelangweilt in die Hände

gestützt. Alles würde sie Heinz schreiben, ja, schon begann sie in

Gedanken den Brief.

Sie hatte darauf verzichtet -- rundweg verzichtet -- diese schamlose

Person tanzen zu sehen. Sollte man so etwas für möglich halten? Und man

sagte, daß sie dreihundert Mark für den Abend bekäme und überall tanze,

wo man sie engagiere. Nicht für eine Million würde die kleine graue

Witwe, nicht für eine Million würde sie -- pfui.

Verlassen stand im Vorzimmer der Heilige, der mit wilder Gebärde das

Buch schwang, allein, wie sie. Sie fühlte Mitleid mit ihm und küßte ihm

die kalte, grüne Hand.

Das Haus war völlig leer. Selbst die Dienerschaft drängte sich unter den

Türen zusammen. Auch Papa -- ja, selbst ihr Papa -- seht an! Da stand

er, mit einem Sektglas in der Hand.

Klara stieg die Treppe empor -- aber sofort kehrte sie wieder um. Da

oben, bei den Truhen und Schränken stand der Bettelmönch mit seiner

Schale, und sie fürchtete sich, ihm allein zu begegnen. Obwohl man

sagte, daß es eine Königliche Hoheit sei. Auch er fand gewiß diese

Nackttänzerin schamlos.

Drinnen raste der Beifall. Die Musik setzte von neuem ein.

Dora eilte an ihr vorbei die Treppe hinauf.

Es war Zeit, wieder das Kostüm zu wechseln, nicht wahr? Es war auch die

beste Gelegenheit, gerade jetzt, wo der Tanz wieder begann.

Rasch rauschte Dora an den Truhen und Schränken vorüber. Da reckte sich

ihr aus einer dunkeln Nische die rasselnde Schale entgegen -- wieder

stand er da und verneigte sich.

Sie schrak zurück. Aber gewiß wollte der demütige Bettelmönch nichts

Böses.

Sie waren ganz allein, unten lärmte das Fest.

»Wer bist du?« fragte Dora.

Der Bettelmönch schüttelte den roten Turban.

Dora trat dicht an ihn heran und blickte in seine Augen, die zwischen

Vermummung und Turban blendeten. Einen Augenblick lang hatte sie,

erschreckend, gedacht, vorhin, er könnte es sein -- er, das Gerücht, das

kursierte! War es nicht möglich, daß er hierhergekommen war, auf eine

Stunde, unerkannt von allen Gästen, unerkannt selbst von ihr, um

wiederum unerkannt zu verschwinden. Es war unmöglich -- und doch,

wunderbar war dieser Gedanke.

Aber die Farbe der Augen stimmte nicht. Dieser Bettelmönch hatte helle

Augen.

Der 9. November: Roman · 第 32 / 74 题