»Wer???«
»Man sagt es.« Scheu wich Hedi zurück.
* * * * *
»Ich bin der Ansicht,« schrie der General in das schmale wächserne Ohr,
»nur noch eine einzige, gewaltige Kraftentfaltung des deutschen Volkes,
und wir werden den Frieden diktieren.«
Der hohe Würdenträger wiegte den spitzen Kopf.
»Es ist möglich,« unterbrach er den General, »daß diese Anstrengung
nicht mehr nötig sein wird. Dies, bitte, ganz unter uns! Ja es ist
möglich, daß sie genug haben!« Plötzlich tat der hohe Würdenträger
geheimnisvoll. Aber immerhin -- er verbrachte seine Tage in
allernächster Nähe der allerhöchsten Persönlichkeiten.
»Wie belieben?«
»Möglich, immerhin möglich! Es sind Anzeichen dafür vorhanden. England
. . . Aber bitte, ganz unter uns!« Völlig unvermittelt erhob er sich.
»Außerordentlich gefreut, mein lieber Freund -- ganz außerordentlich.
Sehr interessant -- Ihre Ausführungen, sehr interessant. Bitte herzlich,
sich ja nicht zu bemühen --.«
Er war ja nur auf einige Minuten hierhergekommen, erstens, um dieser
prächtigen Dora die Freude zu machen, zweitens, um seiner Schwester
gefällig zu sein, und drittens -- nun drittens gab es nicht.
Vorsichtig stieg die steile, kantige Glatze die schmale Treppe hinunter,
die noch heute nach Weihrauch roch.
Der hohe Würdenträger kroch in seine schwarzlackierte Limousine und zog
eine Pelzmütze über den kahlen Schädel.
»Große Fähigkeiten, ohne Zweifel«, sagte er vor sich hin, indem er sich
im Polster zurechtrückte. »Aber weshalb schreien diese Militärs alle so?
Er hat mich fast taub geschrien.«
Und er schlief augenblicklich ein, während die Limousine lautlos durch
die Finsternis schlich.
6
Kaum hatte der hohe Würdenträger die rote Backsteinvilla verlassen, so
brauste der Lärm erneut auf. Die hochstehende Persönlichkeit da oben,
mit dem General zur Seite, hatte die Ausgelassenheit etwas beeinflußt.
Es war peinlich für viele, zu denken, daß ein so hoher Würdenträger sie
bei ihren Albernheiten belausche. Schon der General störte, er störte,
ohne es zu wissen, und man wünschte, daß er möglichst bald verschwinde.
Es kam auch die neue Kapelle. Zigeuner, die bis dahin in einer Bar
gespielt hatten. Es war die beste Kapelle von Berlin, und augenblicklich
fühlten es alle Tänzer.
Plötzlich aber ertönte laut und dröhnend ein Gong, und gleich darauf
wurde es, bis auf wenige Kerzen, dunkel. Eine kleine, helle Bühne mit
einem phosphorgrünen, dunstigen Vorhang im Hintergrund leuchtete. Der
Vorhang teilte sich. Eine Hand erschien, ein nackter Arm, eine
elfenbeinerne, glänzende Schulter. Eine schlanke Tänzerin trat aus dem
Vorhang.
Alle Turbane, Perlenschnüre und Federbüsche sanken plötzlich zur Erde
nieder.
Die Tänzerin war ein wunderbares Geschöpf mit einem herrlichen Körper
und jungen, kleinen Brüsten. Sie war vollkommen nackt, nur um die Hüften
trug sie eine Kette aus blauen Steinen und einen kleinen Schleier, eine
Hand breit.
Mit jedem Schritt löste sie sich mehr vom Dunkel los, ganz allmählich
tauchte ihr Körper in das Licht. Zuerst nur eine Ahnung von Fleisch und
Herrlichkeit, wurde er langsam verwirrende Wirklichkeit.
Wie eine Somnambule schritt die Tänzerin vorwärts, die Augen visionär in
die Ferne gerichtet. Sie hatte die Hände, zierliche, transparente
Finger, an ihre beiden jungen Brüste gelegt. Nun stand sie still, ohne
jede Regung. Dann -- bei einer bestimmten musikalischen Phrase -- hob
sie langsam den linken Fuß und begann sich in der Hüfte zu drehen.
In diesem Augenblick aber hub eine Uhr an zu schlagen. Es war ganz
still, so daß das dumpfe, rasselnde Schlagen der Uhr deutlich zu hören
war.
»Diese dumme Uhr!« sagte Dora halblaut und ärgerlich.
Die Musik brach ab, die Tänzerin stand, die zierlichen Finger an den
Brüsten, regungslos, mit leicht geneigtem Haupte, um das Schlagen der
Uhr abzuwarten.
* * * * *
Genau zur gleichen Stunde, an diesem Abend, meldete man Hauptmann v.
Dönhoff in dem halbzertrümmerten Keller des Champagne-Dorfes, wo er
zurzeit hauste, daß der befohlene Wagen zur Stelle sei. Dieser Wagen
sollte den Leichnam seines Adjutanten Kammerer, gefallen auf der
Beobachtung, nach rückwärts bringen. Dönhoff hatte den Wagen auf
Mitternacht bestellt, weil zu dieser Zeit das feindliche Feuer weniger
heftig auf seinem Dorfe lag, das heißt auf dem Schutthaufen, der von dem
Dorfe übriggeblieben war. Die Nacht hatte indessen keine Ruhe gebracht.
Die Geschütze tobten, und auch die Batterie Dönhoff feuerte, was die
Rohre hergaben. Die schweren Schläge der Haubitzen erschütterten
unaufhörlich den Keller, in dem die Batterieoffiziere um den Sarg des
gefallenen Kameraden versammelt waren. Einschläge knatterten. Eine
zusammengestürzte Scheune nebenan hatte einen Treffer bekommen, und der
Schutt qualmte, ätzender Rauch drang in das Kellerloch.
Punkt zwölf Uhr wurde der Sarg von einigen Batterieleuten hinausgetragen
und auf den Krümperwagen gelegt. Darauf verließen die Offiziere den
Keller, um dem gefallenen Kameraden das letzte Geleit zu geben.
Die Luft war lau, erfüllt vom ätzenden Rauch der qualmenden Scheune. Der
Himmel wetterleuchtete ohne Pause von dem Gespinst von Blitzen, das von
Horizont zu Horizont geisterte. Deutlich waren die umstehenden Kameraden
zu erkennen -- sogar die Tränen in ihren Augen. Furchtbar tobten die
Geschütze, und die Abschüsse der Batterie, die feindliche Zufahrtstraßen
unter Sperrfeuer hielt, knallten wie Explosionen. Die Granaten sägten
und gurgelten über die Köpfe hinweg in die Nacht hinein.
Gegen Süden zu, hinter der feindlichen Linie, stand ein feuerspeiender
Berg. Ein blutroter Glutkegel stieg in den schwarzen Himmel, unheimlich
und düster: irgendein Lager war da drüben bei ihnen in Brand geraten.
Nur wenn die Haubitzen in der Nähe ihre Feuergarben in die Nacht
schleuderten, so glomm der Vulkan für Augenblicke fahler. Ohne Pause
zuckten aus der Frontlinie gespenstige Lichtsignale in allen Farben
empor. Sie krochen bald niedrig über dem Boden, bald erhoben sie sich
wie Raketen und sprühten in der Höhe. Wie die höllischen Leuchtfeuer der
Unterwelt sahen sie aus, der die Totenschiffe zusteuern.
Eine Laterne wanderte um den Krümperwagen, die Hinterteile der schweren
Batteriepferde glänzten, der Sarg dehnte sich fahl im Wetterleuchten der
Abschüsse. Auf dem Bock kauerte ein Schatten, dessem Maul Funken
entstoben.
Die wütenden, raschen Schläge seiner Batterie erfüllten Hauptmann
Dönhoff mit Genugtuung. Gebt es ihnen tüchtig! Rache für Kammerer! Auch
der rotglühende Vulkan im Süden befriedigte ihn.
Erregt suchte der Gegner die Dönhoffsche Batterie zu packen. Ringsum
flammten die Einschläge.
»Sie haben Kammerer eine ordentliche Totenfackel angezündet«, sagte er,
und seine Stimme war von einem grausamen Triumph erfüllt.
Die Schatten der Offiziere drehten sich gegen Süden. »Ein Depot brennt«,
sagte eine Stimme. Unruhig wieherte ein Pferd.
»Kameraden«, schrie plötzlich Dönhoff mit übermäßig lauter und scharfer
Stimme. Er wollte möglichst rasch über die Szene hinwegkommen, er wollte
seinen Schmerz über den Verlust Kammerers verbergen, mit dem er drei
Jahre zusammengelebt hatte.
»Kameraden, Kammerer verläßt uns. Er war ein tüchtiger und prachtvoller
Junge. Fahre los! Lebe wohl, Kammerer!«
Dönhoff legte die Hand an die Mütze, und die Offiziere taten das
gleiche. Die kleine Laterne kroch über die Räder empor neben den
Kutschersitz und beleuchtete den langen, gelben Sarg.