Plötzlich sagte der Bettelmönch: »Dora.«

Und augenblicklich erkannte ihn Dora an der Stimme.

»Du --?!«

Der Bettelmönch, der den ganzen Abend stumm geblieben war, brach in

lautes, heiteres Lachen aus.

»Ja, ich bin es.«

»Und ich habe dich nicht erkannt! Du hast geschrieben -- noch heute --«

»Ich wollte dich überraschen!«

Dora zog ihn einige Schritte mit sich, bis zur Türe. »Geliebter --«

flüsterte sie.

Die Lappen fielen vom Gesicht des Bettelmönchs, und seine Zähne

blitzten.

Plötzlich umschlang er sie mit ungestümer Gewalt.

»Nein, nein --« sagte sie, bat sie. »Sei vorsichtig -- der General -- er

blickt heraus --!«

In der Tat war plötzlich für eine Sekunde das Gesicht des Generals an

der kleinen Tapetentür aufgetaucht, die auf die Diele führte. Allerdings

nur für eine Sekunde. Er hatte sie wahrscheinlich gar nicht gesehen.

»Laß ihn ruhig!«

Eine Perlenkette zerriß, und die Perlen prasselten auf den Boden. Mit

dünnem Knallen sprangen sie die Treppe hinab, eine hinter der anderen.

* * * * *

»Beunruhigung?« Der General zog die Brauen in die Höhe.

»Ja, ich meine, das Volk --«

»Das Volk?« Der General wiegte geringschätzig den Kopf.

»Verzeihung,« antwortete der kleine, elegante Rittmeister mit dem

schweißüberströmten Gesicht, »ich meine die Öffentlichkeit. -- Ist es

gestattet, Euer Exzellenz?«

Der kleine Rittmeister öffnete etwas die Tapetentür, die von der Empore

auf die Diele hinausführte. Es war heiß hier oben auf der Empore.

Unbegreiflich, daß der General es auszuhalten vermochte. Er mußte

Gletscherwasser in den Adern haben. Der kleine Rittmeister -- ja, wie

hieß er doch gleich? -- er gehörte einer der ersten Adelsfamilien des

Landes an, hatte die ganze Erde bereist, zurzeit in hervorragender

Stellung, mit den höchsten Auszeichnungen und einer blendenden Karriere

vor sich -- an all das erinnerte sich der General ganz genau, aber der

Name, dieser bekannte Name fiel ihm nicht ein -- der kleine Rittmeister

wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht. Er war als

Beduine gekleidet, hatte jedoch die Kopfbedeckung in den Nacken

zurückgeschlagen. Schon wieder brach ihm der Schweiß aus allen Poren.

»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben« -- fuhr er fort -- »es ist

nicht zu leugnen, daß in der breiten Öffentlichkeit eine gewisse

Beunruhigung Platz gegriffen hat. In der feierlichen Osterbotschaft

wurde von Allerhöchster Stelle --«

»Bitte mich nicht mißverstehen zu wollen. Ich wage selbstverständlich

nicht, diesen hochherzigen Gnadenakt Seiner Majestät -- Sie belieben?«

»Ich bin ganz Ohr, Euer Exzellenz!«

»Ich selbst trete ja für eine Reform des Wahlrechts ein. Und zwar

schlage ich ein gestaffeltes Wahlrecht vor. Bis zu dreißig Stimmen --«

»Dreißig Stimmen?« fragte der schweißglänzende Beduine, bemüht, sein

Erstaunen zu verbergen.

»Je nach Besitz, Fähigkeit, Verdienst, Rang, Titel, Bildung.«

»Jawohl.«

»Kinderzahl, Alter, Stand, Religion.«

»Jawohl, ich verstehe vollkommen. Zu begrüßen wäre es nur, wenn bald

etwas geschähe. In unserer Zentrale laufen ja alle Berichte zusammen. Es

bilden sich Gruppen von Unzufriedenen.«

»Unzufriedenen?«

»Mehr als das, es bilden sich Gruppen, die umstürzlerische Tendenzen

verfolgen. Erst vor kurzer Zeit ist unser Augenmerk wiederum auf

konspiratorische Elemente gelenkt worden.«

Plötzlich unterbrach der General das Gespräch. Sein Blick glitt unruhig

durch die Türspalte. Sein Auge wanderte. Soeben hatte er Dora erblickt.

Sie glitt an der Türspalte vorüber -- kam aber im Augenblick wieder

zurück. Und plötzlich trat in der verlassenen Diele jemand zu ihr. Seht

an! Eben er, dieser -- nun was stellte er vor? -- diese Mumie, dieser

Unbekannte, den er schon den ganzen Abend beobachtet hatte.

»Natürlich sind es nur einige wirre Köpfe?«

»Natürlich. Aber immerhin, die Erscheinung ist symptomatisch --«

Ohne jedes Wort der Entschuldigung erhob sich hier der General und

streckte den Kopf in die Diele hinaus. Dies war der Moment, da Dora den

Bettelmönch warnte.

Der Kopf des Generals zog sich augenblicklich zurück, als Dora ihn

bemerkte. Er schloß die Tapetentüre.

»Symptomatisch«, wiederholte der schweißglänzende Beduine. »Auffallend

ist, daß selbst Angehörige der besten Gesellschaft --«

Zerstreut hörte der General zu. Sein Blick wanderte unruhig durch den

Saal.

»Bei dem neuen Fall, auf den ich anspielte,« fuhr der kleine Rittmeister

fort, »ist sogar die Tochter eines hohen Offiziers beteiligt. Ihr Vater

bekleidet Generalsrang. Es ist mir natürlich nicht möglich, mehr . . .«

Aber der General schien jegliches Interesse an dem Gespräch mit dem

Rittmeister verloren zu haben. Er tupfte sich mit dem Taschentuch

Schweißperlen von der Stirn. Dann stand er rasch auf.

»In der Tat,« sagte er stockend, »es ist unerträglich heiß geworden hier

oben. Vielleicht belieben Sie mitzukommen?«

Und beide verließen die Empore.

Auf der Treppe aber blieben sie plötzlich erschrocken stehen. Der

General taumelte sogar etwas zurück. Feuerschein blendete sie! Der ganze

Tanzsaal schien plötzlich in hellen Flammen zu stehen.

Ein dünner Vorhang war in Brand geraten und brannte lichterloh. Auch

einige Schleier fingen Feuer, und die Funken flogen. Die Damen schrien

auf und stoben auseinander. Der Feuerschein währte indessen nur einige

Sekunden. Inmitten der Flammen erschienen plötzlich ein Hauptmann in

Uniform und ein dicker, pechschwarzer Neger, die die flammenden Fetzen

auf den Boden rissen und zertraten.

Kaum daß die Musik eine Minute gestockt hatte. Das Fest ging weiter. Nur

ein dünner Brandgeruch blieb zurück.

Der schweißtriefende Beduine hatte diesen Vorfall benutzt, sich

unsichtbar zu machen. Als der General sich suchend nach ihm umblickte,

war er verschwunden. Es war dem General nur angenehm.

Mit schlechtverhehlter Unruhe schritt er durch die Räume. Seine Augen

forschten. Man nahm in dieser späten Stunde des Festes keinerlei

Rücksicht mehr auf ihn. Die Tänzer drängten ihn gegen die Wand. Einmal

wurde er dicht neben der Negertrommel festgehalten, die Hauptmann Falk

mit aller Kraft bearbeitete.

Professor Salomon stürzte ihm entgegen und berichtete wichtigtuerisch

von den Hungerkrawallen in England und dem katastrophalen Mangel an

Grubenholz über dem Kanal. Schon weigern sich die Bergleute einzufahren!

Nur mit Mühe und Not vermochte er den Kürbis abzuschütteln. Im

Erfrischungsraum traf er die Gräfin Heller, und es war nicht zu umgehen,

daß er sich mit ihr in ein längeres Gespräch einließ. Wieder und wieder

äußerte er seine Freude über das prächtige Aussehen Seiner Exzellenz!

Auch im Erfrischungsraume war von Dora nichts zu sehen.

Auch im Zelt nicht. Hier traf er nur eine Anzahl still kosender Paare,

die, dicht aneinander geschmiegt, den großen Diwan belagerten, und sich

durch ihn nicht im geringsten stören ließen. Angewidert und halb betäubt

von der schwülen Luft, die im Zelt herrschte, zog er sich sofort wieder

zurück.

Endlich betrat er das bengalisch rotglühende Musikzimmer, Ali Babas

Opiumhöhle.

Hier saßen die Vermummten im Kreise auf dem Teppich und klatschten im

Takt in die Hände, während sie geheimnisvoll summten und die Köpfe

wiegten. In der Mitte des roten Nebels tanzte ein weizenblondes,

schlankes Geschöpf, in flimmernde Silberschleier gehüllt, die Brüste

völlig frei und die Hüfte zwischen Jäckchen und Pluderhosen gänzlich

nackt. Sie tanzte eine Art Bauchtanz, rasend und hingerissen.

Und ah -- da war auch Dora! Wieder trug sie ein anderes Kostüm:

schwefelgelbe Seide, über die zinnoberrote, schreckliche chinesische

Drachen wie Flammen züngelten.

Wo aber war dieser andere hingekommen -- diese Mumie mit dem orangeroten

Turban?

Weit und breit war von ihm nichts mehr zu sehen.

Unter tosendem Beifallsklatschen sank die weizenblonde Tänzerin,

taumelnd vor Erschöpfung, mit einem wilden Schrei zu Boden.

8

Rastlos wanderte Dora durch die verlassenen Räume, rastlos hin und her.

Zuweilen warf sie sich in einen Sessel -- aber schon wieder wanderte

sie. Ihr schwefelgelbes Kostüm mit den grellrotzüngelnden Drachen

flatterte. Es war über die linke Schulter herabgeglitten. Die blonde

Haarfülle, die schmerzte, hatte sie halb gelöst.

Die Fata Morgana war zerflossen -- Sand, Sand, Wüste. Durch die Vorhänge

graute trüb der Tag.

Zertretene Blumen, abgerissene Schleier, halbgeleerte Gläser, Scherben.

Scherben von Worten, Gelächter, Scherben von Musik. Ein paar vereinzelte

Lampen brannten noch. Petersen hatte seinen Frack abgelegt und kletterte

in seinem Zebrakittel auf eine Leiter, um ein Fenster zu öffnen. Es zog.

Zuletzt erschienen die beiden Neger unter der Türe, in Ulstern,

Stehkragen, und verneigten sich.

»Hoffentlich war es nicht zu beschwerlich für Sie«, sagte Dora und

begleitete die beiden schwarzen Gentlemen in ihrer Zerstreutheit zur

Diele. »Vielen Dank!« Und sie drückte ihnen die Hand.

Sie empfand tiefe Sympathie für die beiden schwarzen Gentlemen,

aufrichtige -- auch sie waren fremd hier, auch sie gehörten in ein Land

mit Papageien, Wärme, blauem Himmel und Orchideen -- ganz wie sie. Alle

drei waren sie Fremde hier.

Ach, wie unglücklich sie war, Dora!

Sie sank auf einen Stuhl, wanderte wieder -- das Kleid glitt immer mehr

über die Schulter. Damals -- Reisen, Feste, Paris, Nizza, Italien -- und

immer Fröhlichkeit, jeder Tag ein Paradies für sich. Aber es mußte sein,

man riß sie los von ihm. Nein, sie liebte auch ihn nicht, um die

Wahrheit zu sagen, sie liebte einen andern, früher noch, der das

schönste Lächeln der Welt hatte. So -- mit diesem Lächeln stand er in

ihrer Erinnerung. Aber es war unmöglich. Er war arm, er hatte gar

nichts. Unmöglich. Dann hatte sie diesen Lumpen geheiratet -- weshalb

eigentlich? Weil die Frauen sich um ihn rissen -- er betrog sie am

ersten Tage schon. Ja, weshalb? Nur um diese Leere zu vergessen, die

zurückgeblieben war, als man sie losgerissen hatte.

Dann, eines Tages -- welch entsetzlicher Tag -- wo sie vis-à-vis de rien

stand -- buchstäblich -- das heißt noch Schulden. Aber es gab Freunde,

Gott sei Dank gab es -- einen hochherzigen -- ja, in Wahrheit

hochherzigen Freund, der nicht zögerte, ein Vermögen hinzugeben.

Und -- nun -- und nun? Oh -- entsetzlich!

Dora wanderte. Sie rauchte eine dicke Zigarette und wanderte. Die Jahre

flogen, die Sommer wirbelten rückwärts, Sommer um Sommer, Frühling um

Frühling. Und diese Welt, diese entsetzliche Welt, die schrecklicher,

oder, düsterer und kälter wurde mit jedem Jahr!

Nicht die Welt hatte sich geändert, Dora vergaß es. Sie war seit jener

Zeit, da jeder Tag ein Paradies war, um zehn Jahre älter geworden.

Aber sie begriff es nicht.

Und trüb graute der Tag.

* * * * *

Auch da draußen graute der Tag, und immer noch kläfften rasend die

Haubitzen der Batterie Dönhoff. Die Kanoniere schossen Vergeltung und

sollten sie dabei alle in Fetzen gehen! Grausam und rachsüchtig wühlten

sich die Granaten hinein in den Dunst des Morgens. Schon hatte eine

Haubitze eine schwere Granate vor das Rohr bekommen, und die Stücke

flogen.

Nun erwachte das Feuer an der ganzen Front und rollte mächtig von

Horizont zu Horizont.

Der 9. November: Roman · 第 33 / 74 题