Der junge, schlanke Neger, der nur ein kurzes, rotgelbes Röckchen
anhatte, glitt mit Erfrischungen in das Zelt. Wohlgefällig folgten die
Augen der Prinzessinnen, Haremsdamen und Odalisken dem hübschen Sklaven.
Hedi kühlte das fiebernde Gesicht, der süßliche Duft des Räucherwerks
betäubte sie. Ihre Wangen glühten durch den Schleier, ihre Augen
blinkten wie geschmolzenes Blei. Sie fühlte, wie eine Schweißperle über
ihre Hüfte rann, gerade wo der dünne Schleier sie bedeckte. Dieser
rinnende Schweißtropfen war wie eine wollüstige Berührung.
Da hörte sie zu ihrem Erstaunen Klaras Stimme.
Ihr Kavalier, ein steifer Beduine, in einer Kadettenschule erzogen,
sagte mit gelangweilter, selbstgefälliger Stimme: »In sechs, acht Reihen
griffen die Russen an, und wir warteten, bis sie ganz nahe heran waren,
dann erst eröffneten wir das Feuer.«
»Wie schrecklich!« rief Klara aus.
»Fünfmal griffen die Russen auf diese Weise an, immer in dichten Haufen,
und wir schossen sie zusammen. Sie schrien und stöhnten vor unseren
Verhauen. In der Nacht aber sank die Temperatur plötzlich auf minus 10
Grad, da wurden sie still.«
»Oh, wie entsetzlich!« Und Klaras Stimme verklang.
»Also kein Freund von Generalen?« fragte Hedi. Hier in dem kleinen,
leeren Zeltzimmer war es Gott sei Dank etwas kühler.
»Nein.« Der billardgrüne Räuber lachte, ein freches Räuberlachen. »Das
kann ich wirklich nicht sagen! Mit ihren Federbüschen, Ordenssternen und
Ritterschwertern wirken sie lächerlich auf mich, wie Gespenster aus dem
Mittelalter. Leider aber sind sie alles andere denn komisch. Ich
behaupte sogar, solange es Generale gibt, wird es Kriege geben.«
»Solange es Kriege gibt, meinst du --?«
»Keineswegs. Ich meine, was ich sagte. Solange man Leute zu dem einzigen
Berufe anstellt, Kriege vorzubereiten und zu führen, solange werden
Kriege unausbleiblich sein.« Der Räuber ringelte sich behaglich auf dem
Diwan zusammen und sog mit einem Strohhalm Eiswasser aus dem Glase. Er
schwatzte gern, tat gerne geistreich, Hedi hatte das längst
herausgefunden. Aber er gefiel ihr, und selbst sein Geschwätz über alle
möglichen Dinge hörte sie nicht ungern. Es wäre gänzlich falsch,
anzunehmen, daß Hedi nur für Flirt, Tanz und fünfzigpferdige,
dahinrasende Automobile Sinn hatte. Sie hatte auch Sinn für Gespräche --
nur für Langeweile hatte sie nicht die geringste Verwendung.
»Ja, unbedingt!« fuhr der Räuber eifrig fort. »Während die Welt nichts
Arges denkt, sitzen überall diese Generale und denken darüber nach, wie
sie ihre Kanonen verbessern könnten. Oh nein, sie verbessern sie nicht
selbst! Man kann in der ganzen Geschichte nachforschen, nie haben diese
Generale etwas erfunden, dafür haben sie ihre Spezialisten. Aber sobald
sie nun glauben, die besseren Geschütze zu haben, wird ihre Sprache
schon etwas kühner. Sie sammeln die große internationale Gemeinde der
Kanonenanbeter um sich, bestechen die Presse, stürzen Minister, die
nicht an ihre Kanonen glauben -- und schon ist das Unglück fertig. Nun
aber treten die Generale, die sich bisher im Hintergrund hielten, zum
großen Erstaunen der Mitwelt plötzlich in den Vordergrund. Keine Macht
der Welt ist von diesem Augenblick an mehr imstande --«
»Ich höre, du bist nicht Soldat?«
Wieder strich die kleine graue Witwe mit ihrem Kavalier an dem Diwan
vorüber. Der steife Beduine sagte: »-- stehe also auf der Sturmleiter,
die Uhr in der Hand. Mit der Sekunde springe ich aus dem Graben.«
»Was für ein entsetzlicher Augenblick muß das sein«, sagte Klara.
»Alles ist Gewohnheit. Der Mensch gewöhnt sich an alles, mein gnädiges
Fräulein.«
Die glänzenden Pechaugen des Räubers lachten aus dem vermummten Gesicht.
»Soldat? Auch ich war Soldat«, erwiderte er.
»War?«
»Ja. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich bin tot.«
Hedi brach in lautes Gelächter aus.
»Ja, ich bin tot, meine schöne Maske,« fuhr der Räuber fort, »ich bin
gestorben im Lazarett zu Warschau. Meine Bestattung kostete mich tausend
Mark. Der Feldwebel hat mich aus der Stammrolle des Regiments
gestrichen, ich existiere nicht mehr. Neben meinem Namen steht:
Gestorben am Typhus --«
Nein, wie Hedi doch lachen konnte!
»Wie herrlich -- wie wunderbar!« Sie konnte sich gar nicht beruhigen.
»Welch wunderbarer Einfall. Er ist tot! Wer bist du eigentlich? Kenne
ich dich?«
»Wir sahen uns zuweilen im Kaiserhof.«
Ah! Daß er sie solange täuschen konnte? Es war Ströbel.
4
Plötzlich erhob sich der General. Seine Hände griffen nach dem Geländer
der niedrigen Balustrade. Hatte nicht eben die Empore geschwankt wie bei
einem Erdbeben? Die Musik versank, der Ballsaal war leer, brodelndes
Nichts. --
Ein unerklärliches Gefühl der Verlassenheit schnürte ihm die Brust
zusammen. Eine fremde Welt, unverständlich! Aber plötzlich trieb ihn ein
Verlangen, sich unter diese fremden, unverständlichen Menschen zu
mischen, die sich in bunte Lappen hüllten und lachten. Ein paar Worte,
Dora, ein paar Worte mit ihr sprechen!
Vorsichtig und tastend stieg er die wurmstichige Rokokotreppe hinab, die
unter dem Gewicht seines schweren Körpers krachte. Nunmehr war es ja
auch sehr unwahrscheinlich geworden, daß jene hochgestellte
Persönlichkeit, mit der er gerne ein paar Worte gewechselt hätte, das
Fest noch mit ihrem Besuche beehren würde. Der General bedauerte es
aufrichtig. Jene hochgestellte Persönlichkeit war niemand anderes, als
der Bruder der Gräfin Heller, dessen Name man nur ehrfürchtig zu
flüstern wagte. Der General hatte die Gelegenheit begrüßt, in den
Gesichtskreis einer Persönlichkeit treten zu können, die das Ohr des
Allerhöchsten Herrn hatte und über Schicksale entschied. Denn, nunmehr
war es offenbar: man hatte ihn vergessen, vollkommen vergessen.
Am Fuße der Treppe stand der General still. Der Blick seiner hellen,
grauen Augen glitt über den Saal. Das breite, erdfarbene Gesicht zuckte
bei der Bemühung, die Starrheit der Miene zu lösen. Es mißlang. Diese
sorglosen, heiteren Menschen vermochten keine Teilnahme in seiner Brust
zu wecken, kaum daß Doras Lächeln, das ihn traf, so oft sie
vorbeitanzte, eine flüchtige Wärme in seinem Herzen anfachte.
Nein, fremd, unverständlich!
Er begab sich in das Speisezimmer, trank ein Glas Sekt und zerkaute
gelangweilt ein belegtes Brötchen.
Der Erfrischungsraum war fast völlig leer. Ein Vermummter lehrte mit
feierlichem Ernst einer Verschleierten einige schwierige Tangoschritte.
Andächtig schob sich am Büfett ein befrackter Rücken entlang, von
Schüssel zu Schüssel.
Dieser andächtige, befrackte Rücken war der Geheime Rat Westphal, den
der Anblick der aufgestapelten Herrlichkeiten völlig hypnotisiert hatte.
All die Kriegsjahre hindurch hatte er sämtliche Vorschriften und
Gesetze, die die Ernährung betrafen, peinlich genau befolgt. Schon wurde
es ihm beschwerlich, eine Treppe zu steigen, sein Gedächtnis schwand, er
schlief vor Schwäche die Hälfte der Zeit in seinem Bureau im Auswärtigen
Amt, schlief, schlief, aber befolgte die Vorschriften, denn schließlich
gehörte er ja zur Regierung, die sie erließ. Und hier, war es möglich,
hier gab es ganze Schinken, man denke sich! Es gab hier ganze Puten,
ganze Gänse, man denke! Es gab hier ellenlange Braten, man denke! Das
Fett troff von den Schüsseln, es gab hier Sardinen, woher denn, beim
allmächtigen Gott, sogar Früchte, obgleich sie beschlagnahmt waren. Es
gab hier Torten und Kuchen wie in einer Konditorei vor dem Kriege. Es
gab hier Butter, und es gab sechs verschiedene Sorten von Käse. Der
Geheime Rat hatte sich der Wollust des Kauens hingegeben. Er kaute, er
nahm hier ein Stückchen Lachs, dort einen Putenschenkel, dann ein
Stückchen gesülztes Fleisch, dann wiederum ein Schnittchen rohen
Schinken. Auch ein Scheibchen Gänsebraten, von der Brust, eine
Pfaffenschnitte dazu, so! Seit zwei Jahren hatte er nicht mehr
ordentlich gegessen. Er knabberte ein Radieschen, und, wie gesagt, die
ganze Reihe der Käse und der Kuchen lag noch vor ihm. Andächtig schob er
sich an den langen Tischen entlang, den Blick durch die Brille
gleichzeitig auf alle Herrlichkeiten gerichtet.
Plötzlich aber blitzten in seinen Gläsern Ordensauszeichnungen,
Stickereien, das Rot des Generalstabes funkelte. Er prallte zurück.
»Herr General«, sagte er, sich verbeugend, und balancierte den Teller
geschickt auf der Hand.
Der General machte eine kühle Bewegung mit dem Kopfe und knarrte irgend
etwas in der Kehle. Nichts haßte er mehr als Aufdringlichkeit.
»Geheimer Rat Westphal. Ich hatte bereits die Ehre, Herr General.«
Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand, die immer eintrat, wenn
Vertreter der hohen Generalität und Angehörige des Auswärtigen Amtes
sich begegneten.
Der General hatte einen unüberwindlichen Argwohn allen Beamten des
Auswärtigen Amts gegenüber, und der Geheime Rat seinerseits gebrauchte
allen Militärs gegenüber -- äußerste Vorsicht! Er hatte Angst vor ihnen,
er fürchtete sie, offengestanden.
»Ich bin allerdings etwas mager geworden«, sagte der Geheime Rat mit
nachsichtigem Lächeln und schob den Finger zwischen Kragen und Hals.
»Ich trug vor dem Kriege Kragen 42, aber nun könnte ich 38 tragen.«
»Es geht uns allen nicht besser«, antwortete der General. »Wie
beurteilen Sie diese Sache?« Und der General langte nach einem
Lachsbrötchen.
Der Geheime Rat griff nervös nach dem dünnen Chinesenbart.
»Ich bin,« begann er, »ich bin hoffnungsvoll. Es ist natürlich schwer zu
sagen, aber ich halte die Lage, jetzt in Anbetracht der militärischen
Situation für, ich möchte sagen, ganz vorzüglich, obgleich zu bedenken
ist -- England --«
»Wie, bitte?« Der General beugte sein knorpeliges, rotes Ohr mit den
kleinen Haarpinseln zu dem Chinesenbart herab.
Der Geheime Rat knackte verwirrt mit den Fingern und wich etwas zurück.
»Ich spreche natürlich nur meine Private Ansicht aus. Ich kenne
keineswegs -- ich weiß keineswegs, wie der Minister die Situation
beurteilt. Ich habe den Minister seit einem Jahre nicht gesprochen.«
»Sie sprechen von der politischen Lage?«
»Ich meinte, Herrn General so verstanden zu haben.«
»Ich meinte nur, wie Sie diese Sache heute abend finden.«
»Oh -- Verzeihung! Ich finde, es ist wie ein Delikatessenladen vor dem
Kriege, genau so, eine Art, möchte man sagen, Schlaraffenland, ha ha
ha!«
»Après nous le déluge!« sagte in diesem Augenblick ein heftig
schwitzender Beduine zu einer zierlichen Schleierfee.
Rügend wandte sich das Auge des Generals auf den Beduinen. Gerade dieser
Geist war es, der am Mark des Volkes zehrte. Mit einer Art von
Bewunderung mußte er in diesem Moment an den französischen
Ministerpräsidenten denken, der all diese Schwätzer und Kleinmütigen
ohne viel Umstände -- an die Wand stellte!
Wo aber war hier, hier in Deutschland das hypnotische Auge, das diese
Hypnose des Schreckens, die unter allen Umständen nötig war, auf das
Volk ausübte? Wo hier --?
In diesem Moment verbeugte sich ein Befrackter vor dem General, als
wolle er ihn zum Tanz engagieren. Es war indessen nur Petersen, der
meldete, daß Seine Exzellenz gekommen waren.
Eine flüchtige Röte huschte über das erdfarbene Gesicht.
Schon hatte der hohe Würdenträger den Saal betreten. Am Arme Doras
trippelte er dahin, ein greisenhaftes, zerstreutes Gewohnheitslächeln
auf dem langgezogenen, völlig glatten Wachsgesicht, das wächserne
schmale Ohr aufmerksam gegen Doras gemalte Lippen geneigt. Ein
Ordensstern blitzte auf seinem Frackhemd.
Augenblicklich dämpfte sich der Lärm des Festes.
»Wer ist es?«
Leises Wispern.
»Ah --?«
Ganz deutlich war plötzlich für alle der Abglanz der Allerhöchsten
Gnadensonne, in deren Schein der hohe Würdenträger nach Fügung des
Himmels seine Tage verlebte, auf dem wächsernen, glatten Gesicht zu
sehen.
»Und was für einen Orden trägt er?«
»Wie alt er geworden ist! Nur seine Augen sind noch die gleichen!«
dachte Dora, während sie sich an ihn schmiegte, als sei sie seine
Tochter. Sie durfte diese Vertrautheit wagen, denn er hatte in ihrem
Hause verkehrt -- damals! Er wußte alles. Aber damals war er noch nicht
Exzellenz, damals wurde er von seinen Freunden noch Franz der Erste
genannt, und die intim befreundeten Damen nannten ihn einfach Franzl.
Auch sie nannte ihn so. »Was ist nun aus ihm geworden? Eine Ruine!«
Aber Dora strahlte.
Der hohe Besuch rief Erinnerungen wach in ihr an jene Zeit -- an damals
-- da sie bewundert und auf den Händen getragen wurde, von aller Welt,
da alle Welt wetteiferte, ihr gefällig zu sein, da täglich Geisterhände
sämtliche Vasen und Schalen ihres Hauses mit den wunderbarsten Blumen
füllten. Und das heutige Fest erschien ihr plötzlich als eine
Fortsetzung jener blendenden Feste dieser Zeit. Wieder trug sie in einer
Nacht ein Dutzend verschiedener Kostüme, wieder wurde sie stets neu
entdeckt und stets neu bewundert. Wieder war sie von einem Schwarm von
Anbetern umgeben. Da war dieser Hauptmann, mit dem drolligen Namen
Feuerwalze -- hoffnungslos verliebt in sie! Da war dieser Sonderbare,
Unbekannte mit der rasselnden Schale, der sie auf Schritt und Tritt
verfolgte -- und da waren noch andere, die ihr Worte ins Ohr flüsterten,
die beim Tanzen plötzlich -- und ein eifersüchtiges Auge wachte über ihr
-- ganz wie damals.
»Hier ist er!« rief Dora mit heller Stimme und übergab den hohen
Würdenträger auf der Empore dem General.
5
Mit allen Anzeichen mühsam zurückgehaltener, freudigster Überraschung
erhob sich der General.
Wie alt er geworden ist, dachte auch er. Und die eine Augbraue ist schon
ganz verzerrt. Eine Wachsfigur! Er verbeugte sich. Der Orden, der auf
dem Frackhemd der Exzellenz funkelte, wog allein mehrfach alle
Auszeichnungen auf, die der General auf der Brust trug.
»Ich bitte«, flüsterte der Träger des hohen Ordens und streckte dem
General beide Hände entgegen, »aber ich bitte Sie herzlich, mein lieber,
alter Freund, freue mich, Sie wiederzusehen, freue mich ganz
außerordentlich, wieder einmal Gelegenheit zu haben.«
Schon stand ein Sessel bereit, und der General beachtete genau, bis der
hohe Würdenträger sich gesetzt hatte, bis er richtig saß. Erst dann
wagte er, neben ihm Platz zu nehmen.
»Erfreut, außerordentlich erfreut. Ich bin etwas verspätet, ein Diner.«
Petersen trat hinter den Sessel der Exzellenz.
»Ich danke -- doch, einen Augenblick, mein Freund. Ein Glas Wasser, wenn
ich bitten darf.«
»Ich sehe mit aufrichtiger Freude, daß Euer Exzellenz sich sehr
wohlbefinden«, rief der General.
»Bis auf mein altes Darmleiden, mein Freund --«
Die Unterhaltung wurde in lautem Tone geführt, denn der hohe
Würdenträger war schwerhörig, und es war bekannt, daß er es niemals
zugestand und niemals fragte. Man behauptete sogar, daß er die
wichtigsten Verhandlungen führe, ohne ein einziges Wort zu verstehen,
und völlig freie Erfindungen weitergäbe. Die Stimme des Generals klang
kräftig, er wünschte, daß der hohe Würdenträger kein Wort verliere. Wie
geschickt Dora diese Begegnung arrangiert hatte! Vielleicht würde diese
Gelegenheit, sich in Erinnerung zu bringen, nie wiederkehren.
»Zwischen den Schlachten«, sagte die Exzellenz lächelnd, und deutete auf
Turbane, Federbüsche und die Woge von nacktem Fleisch da unten.
»Exzellenz bemerken sehr treffend. Es sind zumeist Offiziere, die auf
Urlaub hier sind, Atem schöpfen, um morgen zur Front zurückzukehren.«
»Ja, ja, ja.«
»Exzellenz --.«
Der Einflußreiche legte seine weichen, kleinen Hände auf den Schenkel
des Generals. »Lieber Freund,« sagte er, »ich darf wohl bitten, alles
Zeremoniell zu lassen. Wir sind doch alte Freunde. Ja, wie lange kennen
wir uns schon?«
»Es sind,« der General dachte nach, »es dürften wohl dreißig Jahre
sein.«
»Dreißig Jahre!« Der hohe Herr rückte auf dem Sessel hin und her, wiegte
den wächsernen Kopf und lachte beunruhigt. »Ein Menschenalter! Ich
erinnere mich noch sehr deutlich, daß wir ebenfalls in Berlin einmal auf
einem Ball waren. Es war, wo war es denn nur gleich?«
Der General errötete. Nun wird er sich gewiß an diese Affäre erinnern,
an diese Entführung, und alles wird vergeblich sein.
»Ich erinnere mich nicht«, sagte er.
Aber mit dem Eigensinn eines Greises forschte der hohe Würdenträger in
seinem Gedächtnis nach.
»Es war bei Baron Kreß«, rief er aus. »Ja, nun habe ich es, und es war
eine entzückende Dame da, eine reizende kleine Person! Ah, ah, ah, wie
hieß sie doch?«
Der General schwieg beharrlich, außerordentlich peinlich war die
Situation. Scham erfüllte ihn, daß er nicht den Mut hatte, zu bekennen,
daß diese reizende kleine Person, wie Exzellenz sie zu nennen geruhten,
später --
»War es nicht eine kleine Baronesse Bassewitz? Nein, nein, es war --
nun, es ist lange her. Ich bin nicht für die Ehe geboren gewesen, mein
lieber Freund. Und wie fühlen Sie sich in Berlin?«
Der General rückte auf seinem Sessel. »Wo mich mein König hinstellt,«
heulte er in das Ohr Seiner Exzellenz, »da --«, er stockte.
Aber der Greis verstand vollkommen.
»Ja, ja, ja,« nickte er. Ach, er hatte diese Phrase tausendmal in seinem
Leben gehört. Er klopfte sich auf den Mund, um ein Gähnen zu verbergen.
»Ich höre aber, daß Sie sich bei der Truppe wohler fühlten, lieber
Freund? Meine Schwester --«
»Ich erfülle meine Pflicht und beklage mich nicht!« beteuerte der
General. »Indessen ist es ja selbstverständlich für einen Frontsoldaten
--«
»Ja, ja, ja -- natürlich, selbstverständlich.«
Der Würdenträger versank in Nachdenken, schloß die großen Greisenaugen
zur Hälfte, und es sah eine Weile aus, als ob er einschlafen wolle. Er
erinnerte sich plötzlich, daß man, vor gar nicht langer Zeit, bei der
Frühstückstafel von diesem Hecht-Babenberg gesprochen hatte. Irgend
etwas war ihm mißlungen oder besser gesagt, nicht gelungen -- irgend
etwas an der Front, und man sprach von einer Untersuchung, die schwebte.
Natürlich nur schwebte, alle diese Untersuchungen schwebten, und das war
ganz in Ordnung. Das Ansehen der Armee würde anders leiden. Daran dachte
er, und er quälte seinen alten, spitzen Kopf, um sich zu erinnern,
welches Mißgeschick dem General eigentlich passiert war. Es hatte sich
um eine Höhe gehandelt -- um irgendeine von diesen vielen Höhen, von
denen immer die Rede war. Er war kein Militär, und er kannte die Front
nur als eine ungefähre blaue Linie, die er überall in den Beratungssälen
auf den Karten sah.
Er las die Heeresberichte nicht mehr, seit langem, seit einigen Jahren
-- es waren ja immer die gleichen Orte. Ganz offen gestanden,
interessierte ihn die Front auch nicht, in militärischen Fragen war er
Laie, sie gehörten nicht in sein Ressort. Aber es hatte sich damals um
eine Höhe gehandelt, eine Höhe, na, es war ja schließlich vollkommen
einerlei. Hm, es würde wohl -- im Hinblick auf dieses Mißgeschick --
nicht ganz leicht sein . . .
Plötzlich verklärte ein Lächeln sein Gesicht. Da unten -- wie scharmant
-- hatte sich soeben ein Pärchen ganz sans géne während des Tanzens
geküßt! Diese Jugend -- wieder rückte er unruhig auf dem Sessel.
Der General aber erlaubte sich zu erwähnen, daß auch hier in Berlin
wichtige Arbeit zu leisten wäre. Es waren gewisse Einflüsse am Werk,
pazifistische, jüdisch-liberale, radikalsozialistische Einflüsse, die zu
bekämpfen waren. Der Wille des gesamten Volkes mußte zusammengeballt und
in eine Richtung gelenkt werden, zu einer letzten gewaltigen
Anstrengung. »Gewaltigen, gewaltigen!« schrie er in das wächserne Ohr
der mit schrägem Kopf lauschenden Exzellenz.
»Ja, ja -- sehr richtig -- sehr schön --«
Der General aber benutzte die Gelegenheit, dieser hohen Stelle seine
militärisch-politischen Ansichten im allgemeinen darzulegen. Der
Peipussee, der Weg nach Indien über den Kaukasus, die Zerschmetterung
Englands vom Orient aus, der Korridor über die Türkei und Ägypten nach
einem mächtigen deutschen Zentralafrika, Rohstoffreservoire,
Siedlungsgebiete, maritime Stützpunkte . . .
»Sehr interessant -- sehr wohl --«
Fließend trug der General seine Gedanken vor, sie bildeten das Thema
eines fertig ausgearbeiteten Vortrags, den er in den nächsten Tagen im
Bund Barbarossa halten wollte.
Der hohe Würdenträger nickte und blinzelte durch das geschnitzte
Geländer der Empore hinunter in den kleinen Saal. Viel angenehmer wäre
es ihm gewesen, wenn der General über diese Beinchen, Hüften und
Gesichtchen gesprochen hätte -- diese modernen Tänze waren sehr
reizvoll, wenn auch etwas gewagt. All das, was der General sagte, hörte
er täglich von Militärs. Nur diese Sache mit dem Korridor über Ägypten
war eine neue Variante.
»Sehr wohl -- sehr richtig --«, sagte er und nickte.
Und dieser Hauptmann, der eben mit Dora tanzte, sah es nicht ganz so
aus, als sei er -- etwas bekneipt? Bewundernswürdig diese überschäumende
Lebenskraft . . .
Dora gab es auf, mit Hauptmann Falk zu tanzen.
»Ich bin durstig, Feuerwalze!«
Gab es eine Bitte in der weiten Welt, die der Hauptmann mit größerem
Entzücken erfüllt hätte? Nein, keine. Er wollte Dora die gesamte
Weinernte von drei Jahrgängen zu Füßen legen, er schwor, die Weinkeller
der Millionäre in der Nachbarschaft zu plündern, wenn es sein müsse.
»Gib Wein, schwarzer Halunke!« schrie er dem fetten Neger zu.
Er leerte sein Glas auf das Wohl seiner Dame und warf es -- nun höchst
einfach -- mitten in das Orchester. Das gehörte zu seinem Stil.
»Spielt, ihr Schweine!« schrie er, und als die Musiker sich entsetzt
umblickten, fügte er mit einer tiefen Verbeugung, auf Dora weisend,
hinzu: »Für meine Dame!«
Dann nahm er einen blauen Lappen aus der Tasche, rollte ihn zu einer
Kugel zusammen, spuckte darauf und warf ihn den Musikern zu. Auch das
gehörte zu seinem Stil. Nun verbeugten sich die Musiker.
Vor knapp fünf Stunden war der Hauptmann in Berlin angekommen und bei
Ströbel, wie gewöhnlich, abgestiegen. Gestern früh, um sieben Uhr, hatte
er noch an der flandrischen Küste einen Graben gestürmt, mit dem Messer
hatte er gearbeitet, heute tanzte er hier -- es war ein Krieg mit
Komfort, wie er sagte -- morgen abend, um zehn Uhr, ging sein Zug --
vielleicht mußte er übermorgen wieder mit dem Messer arbeiten --
einerlei.
»Und noch ein Glas auf das Gedeihen dieser kleinen Härchen im Nacken da
--!« Ja, durch ein Sektglas gesehen hat die Welt ein ganz anderes
Gesicht.
Dora fand ihn ungeheuer drollig. »Weshalb aber trinken Sie so
schrecklich, Feuerwalze?«
Der Hauptmann versicherte, daß er ein Vulkan sei, sozusagen, ein Vulkan,
der sich bemühe, seine Temperatur zu halten. Dazu hätten ihn heute diese
kleinen Nackenhärchen rasend gemacht -- und dieses Ohrläppchen und noch
andere Sachen. Und er sei nichts als ein armes Frontschwein,
bedauernswert, kaum vierundzwanzig Stunden Zeit --
Plötzlich umschlang er Dora. Sie entfloh.
Schon aber rasselte die Schale, und ein bleicher Arm streckte sich dem
Hauptmann entgegen.
»Huh, hier ist er wieder. Ein unheimlicher Geselle.«
»Befehlen Sie, Gnädigste, und wir werden ihn töten. Hinweg mit dir,
Sklave!« schrie der Hauptmann mit gutmütigem Lachen.
Aber da begann der Bettelmönch plötzlich zu wachsen -- er wuchs, und
seine Augen blitzten . . .
»Bist du es?«
Hedi zupfte den Bettelmönch am Arm. Ihr Herz schlug.
Die blinkenden Augen zwischen den Tuchlappen zogen sich zusammen zu
Schlitzen, wie bei einer Eule. Der Bettelmönch wich zurück und verbeugte
sich, während er mit der Schale rasselte.
»Bist du es, sprich?«
Schweigen.
»Kennst du meine Stimme?«
Der Bettelmönch schüttelte stumm den Kopf.
»Zeige deine linke Hand!«
Der Bettelmönch zog beide Hände unter die Vermummung zurück und
verneigte sich noch demütiger, bis zur Erde. Es war ihm nicht
beizukommen.