Mit einem kleinen Aufschrei wich Hedi zurück. Ein fetter Neger, mit dem
Gesichtsausdruck eines Orang-Utans, schlug den Vorhang auseinander und
fletschte ihr die Zähne entgegen: »Ali Baba heißt dich willkommen!«
»Er tut dir doch nichts«, lachte Klara und schob Hedi vorwärts.
Die mächtigen, nackten Arme und Beine des Negers funkelten. Hellrot
waren seine wulstigen Lippen gemalt. Dora selbst hatte ihn hergerichtet.
Ein zweiter Neger half aus den Mänteln. Er war jung und schlank, heller
von Farbe, sein Gesicht drollig und hübsch. Auch er ging barfuß und trug
nur ein kurzes, rot und gelb gestreiftes Röckchen.
Hinter Vorhängen, irgendwo, schrillten Pfeifen.
Wieder ertönte der Schrei einer Dame im Entree. Ein zottiger Bär schob
sich an Hedi vorüber, und daraus schälte sich eine zierliche,
halbnackte, nilgrüne Türkin. Gräfin Heller. Abendmäntel aus kostbaren
alten Brokaten, antiken Samten, japanischen Stickereien, ehemaligen
Kirchengewändern -- und Fabelwesen entstiegen ihnen: Prinzessinnen,
Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, mit goldenen, roten,
grünen Schuhen, Schuhen mit langen Silberschnäbeln und blitzenden
Steinen. Wohlgerüche und der Duft gepflegter Frauenkörper gingen von
ihnen aus.
Hedi zitterte vor Erregung. In fieberhafter Hast verhüllte sie das
Gesicht mit dem Schleier, wie Doras Vorschrift es verlangte. Doppelt
begierig blitzten nun ihre Augen.
Hedi war ganz in durchsichtige Silberschleier gehüllt. Ihre jungen
Brüste lagen nahezu völlig frei. Zwischen dem silbernen Jäckchen und den
faltigen Pluderhosen aber war sozusagen gar nichts. Ein Hauch von Tüll.
Das war Hedis höchsteigene Erfindung.
Wegen dieses etwas kühnen Kostüms war es heute nachmittag -- schon am
Nachmittag begannen die Damen mit der Toilette -- zwischen den beiden
Schwestern nahezu zu Tätlichkeiten gekommen.
Plötzlich erklärte Klara rund heraus, daß sie _so_ nicht mit Hedi gehe!
Wie?
»Ja, so! Du bist ja völlig nackt! Es ist skandalös einfach!«
Wie? Ein Kostüm, das das Taschengeld eines halben Jahres verschlang!
Hedi war tödlich verletzt.
»Das ist ja gerade das Orientalische«, schrie sie aufgebracht. »Was
versteht ein Kind von solchen Dingen? Und du -- was soll das werden, du
meine Güte?«
Ein sehr einfaches Kostüm aus hellgrauer Seide hatte Klara sich
zurechtgemacht. Dazu sollte noch ein schwarzes Spitzentuch kommen, das
ihr Gesicht bis zu den Augen verbarg.
»Ich bin eine türkische Witwe!«
»Eine Witwe?«
»Ja!«
»Du bist lächerlich, Klara, und wirst auch mich noch lächerlich machen!
Zum ersten Male höre ich, daß man als Witwe auf einen Ball geht.«
»Aber ich gehe so!«
»Blamiere dich ruhig!« Empörend war Hedis Lachen.
»Dann gehe ich überhaupt nicht, ich habe sowieso nicht die geringste
Lust!« schrie Klara und begann sich wieder auszukleiden. Sie warf die
Schuhe wütend unter das Bett.
Hedi erbleichte. »Nun gut, mein Liebling. Papa wird außer sich sein,
wenn er dich nicht dort findet. Ich werde ihm aber dann die Geschichte
erzählen, die du mit dem kleinen Fliegerleutnant hast, warte nur!«
Sie hatte Klara ins Herz getroffen. »Und du?« schrie Klara und funkelte
die Schwester mit drohenden Augen an.
»Und ich? Was soll mit mir sein?«
»Sage nur ein Wort, und ich werde es Papa erzählen. Ich weiß mehr, als
du glaubst.«
»Was weißt du, nichts weißt du.«
»Nun, ich werde Papa erzählen, daß du einen Brillantring bekommen hast.
Woher hast du diesen Brillantring? Und weshalb gehst du immer in den
Kaiserhof?«
Jetzt war die Reihe an Hedi, außer sich zu sein.
»Das ist doch unerhört!« schrie sie rasend. »Du weißt so gut wie ich,
daß man mir den Ring anonym mit der Post geschickt hat. Ich schwöre --«
Hier also wäre es nahezu zwischen den Schwestern zu Tätlichkeiten
gekommen.
Nun aber waren sie doch hier. Dumpf lockte die Trommel, und Hedis Herz
pochte.
Unaufhörlich stürzte Petersen mit dem Schirm die Treppe hinab. Es
regnete etwas.
Droschke um Droschke klapperte die stockfinstere Lessingallee herauf zur
roten Backsteinvilla. Dazwischen kam auch ein Gespenst von einem Auto,
das auf eisernen Rädern wie ein Tank rasselte und die ganze Straße mit
Qualm und Gestank erfüllte.
Schließlich, etwas spät am Abend, rauschte auch eine elegante feldgraue
Limousine heran, mit wunderbaren Lampen, die alle Villen der
Lessingallee magisch beleuchteten. Und -- viel später noch -- fuhr eine
zweite Limousine vor, ein schwarzlackiertes Auto mit einem Chauffeur in
Livree, das gänzlich lautlos dahinglitt und selbst die Limousine des
Generals weit in den Schatten stellte.
»Ali Baba heißt dich willkommen!«
Der General prallte zurück. Seit seiner Kindheit hatte ihn niemand mehr
geduzt. Und nie in seinem Leben hatte ein Schwarzer es gewagt, ihn
anzusprechen.
Drollige Einfälle hatte diese Dora!
2
Hedis Herz pochte vor wilder Erregung.
»Die Liebe, meine süßeste Prinzessin --.«
Dumpfe Trommeln und schrille Pfeifen. Rote, grüne, gelbe Riesenlampen,
Zelte, Diwane. Die Musiker trugen scharlachrote Turbane und
grünspanfarbene Gesichtslarven mit langen Fransen. Sie hockten auf einem
Diwan in der Ecke.
Schon jetzt herrschte in Ali Babas Räuberhöhle Gedränge.
Ein sonderbares Holzinstrument dudelte, und aus einem bronzenen Dreifuß
stieg eine betäubende Wolke von Wohlgerüchen empor. Die beiden
halbnackten Schwarzen kredenzten Erfrischungen.
»Die Liebe, meine Prinzessin -- so banal es klingt, ist eine
Bauernfängerei der Natur, eine Illusion zweier Narren --«
»Ah!«
»Genau wie die Ehe eine Bauernfängerei der Gesellschaft ist, eine
Illusion einer Masse von Narren.«
»Also du glaubst nicht an die Liebe?«
»Nein, nein, ich glaube nur . . .«
»Nun?«
»Darf ich es dir ins Ohr sagen?«
Diese geistvolle Unterhaltung führten Hedi, die Prinzessin in Silber,
und ein wild aussehender Räuber mit vermummtem Gesicht, in
billardgrünem, durchlöchertem Burnus. Sie kauerten dicht nebeneinander
mit angezogenen Beinen auf einem Diwan. Die Prinzessin näherte nun dem
Räuber ihr Ohr, sprang aber sofort auf, als der Räuber ihr sein
Glaubensbekenntnis ins Ohr flüsterte.
»Pfui, wie häßlich!«
»Auch du nicht stark genug für die Wahrheit?« Enttäuscht schüttelte sich
das vermummte Gesicht.
Da verbeugte sich ein zerlumpter Bettelmönch vor Hedi und hielt ihr eine
Schale hin, eine ausgehöhlte Kokosnußschale, die er an einer dünnen
Kette am Handgelenk trug. Der Bettelmönch war völlig in Tuchlappen von
einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb eingehüllt, wie
eine Mumie. Sogar die Arme. Er trug einen orangeroten Turban, mit dicken
grünen Schnüren umwickelt. Seine Augen blendeten.
»Wer bist du?« fragte Hedi und warf eine Zigarette in die Schale. Ihr
Herz stockte.
Der Bettelmönch hob die Schale zur Stirn und verneigte sich. Wieder
blendeten seine Augen.
»Wer ist es?«
»Ich kenne ihn nicht. Gottlob sind alle Gesichter vermummt. Welch eine
herrliche Idee! Um wieviel gewänne dadurch das Leben!«
Hedi blickte in die kleinen, raschen Augen des Räubers, blitzende
Pechtropfen. Wer war es, der sich an ihre Fersen heftete und sie nicht
mehr losließ? Seine Keckheit gefiel ihr, auch der Unsinn, den er sagte.
Ein großer Diamant gelblichen Feuers sprühte an seiner kurzfingrigen,
gepflegten Hand.
Schon jetzt glühte Hedi am ganzen Körper. Ja, heute, heute, in dieser
Nacht, mußte es geschehen, in dieser Nacht mußte es sein! Was mußte
geschehen, was mußte sein? Das wußte sie selbst nicht.
Betörend dudelte das sonderbare Holzinstrument in Hedis kleines Ohr.
* * * * *
»Halt, einen Augenblick, Verehrtester!«
Professor Salomon zwängte sich blitzschnell zwischen zwei nackten Rücken
hindurch, einem heißen, rosafarbenen, mit großen Poren, und einem
kühlen, glatten, kantiggeschnittenen, elfenbeingelben, mit verwirrenden,
rabenschwarzen Kräuselhärchen im Nacken, blitzschnell und vorsichtig, um
seinen Frack nicht mit Puder einzufetten. Der Professor war trotz Doras
Verbot im Frack. Er fand es entwürdigend, sich mit bunten Lappen zu
behängen. Aber er trug die Rosette des Eisernen Kreuzes im Knopfloch.
Soeben hatte er einen Bekannten erspäht, der sich gerade das Auge mit
dem Taschentuchzipfel auswischte. Die Feder eines Kopfputzes war ihm ins
Auge gefahren. Es war ein ganz besonderer Glücksfall, denn der Bekannte
war ein gewaltiger Schürzenjäger, so aber war er gezwungen
stillzuhalten.
Das fette Kürbisgesicht des Professors strahlte. Es muß leider gesagt
werden, daß der Schädel des Professors einem halbausgewachsenen, etwas
gelblichen Kürbis mit großen, abstehenden Ohren glich. Professor
Salomon, Gründungsmitglied des Vereins zur raschen Zerschmetterung der
englischen Welttyrannei, Vorstand des Bundes Barbarossa, vorher fast
unbekannt, hatte es während des Krieges zu einer Art von Berühmtheit
gebracht. In diesem Kürbisschädel waren die wirtschaftlichen Gutachten
entstanden, die die Marine als Unterlage für den unbeschränkten
U-Boot-Krieg benötigte. Professor Salomon hatte seine Aufgabe zur
vollsten Zufriedenheit der Admiralität gelöst. Nunmehr bekleidete er
einen einflußreichen Posten im Auswärtigen Amt.
»Wichtige Neuigkeiten«, rief der glänzende Kürbis. »Die Wissenschaft
triumphiert -- trotz aller Zweifel unserer Anglomanen.«
Der mit Diamanten übersäte Perser, in Ali Babas Gefangenschaft geraten,
schielte ihn hilflos mit seinem tränenden Auge an. Er war ihm vollkommen
ausgeliefert.
»Wir haben Meldungen, daß in ganz Schottland schon kein Pfund Mehl mehr
aufzutreiben ist, und in Südwales gab es eine Hungerrevolte«, zischelte
der Kürbis.
»So?« Der impertinente Ton wandelte den gelblichen Teint des Kürbis
augenblicklich in tiefes Scharlachrot.
»Und Sie haben immer gezweifelt, gerade Sie waren immer derjenige! Auf
Grund genauester wissenschaftlicher Unterlagen, völlig einwandfreier
Statistiken --«
Der Perser wischte sich die Tränen von den Wangen. »Ich pfeife auf
Statistiken, mein Lieber. Das Konversationslexikon genügt mir. Völlig
abgesehen davon --«
»Völlig abgesehen?«
Der Professor verfolgte den fliehenden Perser.
»Völlig abgesehen davon --«
»Hören Sie --« Der Professor versuchte den fliehenden Bekannten
festzuhalten. »Die Engländer haben kein Grubenholz mehr. Die englischen
Bergwerke versacken -- Sie entfliehen --?«
Der Perser stürzte sich verzweifelt mitten in den Malstrom der Tänzer.
»Ah, ah, so sind sie, so sind sie alle«, murmelte verzweifelt der
Kürbis.
Schon hatte er einen neuen Bekannten erspäht. Aber gerade, als er sich
ihm nähern wollte, geriet er in einen Wirbel von Foxtrottänzern.
In demütiger Haltung, sich ohne Aufhören verbeugend, ging der zerlumpte
Bettelmönch von Raum zu Raum und rasselte mit der Schale. Seine Brust
keuchte erregt, und seine Augen blinkten in jedes Frauengesicht.
Wer bist du?
Er ging weiter. Seine Augen drangen hinter die Schleier, glitten über
Hände, Ohren, Hüften, Füße.
Wer bist du?
Plötzlich zuckte er zusammen. Eine Hüfte -- nichts als das Wiegen einer
Hüfte beim Tanze . . . Ohne jede Rücksicht stürzte er sich zwischen die
Tänzer. Laut rasselte er mit der Schale vor einer etwas üppigen
Haremsdame, die wie ein Kolibri in allen Farben schillerte.
Die Haremsdame blieb -- unwillkürlich -- stehen und sah ihm in die
Augen.
»Wer bist du?«
Aber stumm verbeugte sich der Bettelmönch. Bis zur Erde. Seine breite
Brust wogte unter den Lumpen.
Die Haremsdame lachte -- nur Dora konnte eine derartige Fontäne von
Gelächter hervorsprudeln.
»Du bist wohl stumm?«
Der Bettelmönch nickte. Aber so oft Dora vorüberkam, verbeugte er sich
und rasselte mit der Schale, seine blinkenden Augen folgten ihr überall
hin.
Schon war es ihm gelungen, Doras Neugierde zu wecken.
3
Über dem Dunst des Räucherwerks, den wirbelnden Turbanen, Federn und
Schleiern, auf der kleinen Empore, gerade über den Musikanten mit ihren
grünspanfarbenen Gesichtsmasken, bewegte sich plötzlich ein massiger,
breiter Schatten, der sich düster über die Decke reckte. Dann schrumpfte
der Schatten zusammen, und über der Brüstung erschien ein breites,
erdfarbenes, glanzloses Gesicht und blickte herab. Alle Blicke wandten
sich nach oben. Der General war gekommen.
Der Räuber im durchlöcherten, billardgrünen Burnus deutete mit dem
vermummten Gesicht zur Empore und raunte Hedi eine Bemerkung ins Ohr,
die bei seiner Dame unbändige Heiterkeit auslöste. Sie fand ihren
Kavalier schnurrig über alle Maßen. Und so etwas Keckes und
Unverschämtes hatte sie überhaupt noch nicht erlebt!
»Fort, fort, er sieht her! Wie herrlich du doch lachen kannst!«
In der Tat, das erdfarbene Gesicht auf der Empore hatte die Brauen
hochgezogen.
Der Räuber hielt die linke Hand mit dem gelblichen Brillanten wie zum
Schwure in die Höhe, seine Rechte berührte Hedis Schulterblatt, schon
tanzten sie. Obschon er sie kaum berührte, hielt er sie fest wie ein
Schraubstock, unentrinnbar. Und bei gewissen Figuren zog er sie
unvermittelt dicht an sich -- wie nur Räuber es vermögen.
Unterdessen irrte Klara mutterseelenallein und tief unglücklich in der
labyrinthischen, farbenlohenden Höhle Ali Babas umher. Jeder Schlag der
dumpfen Trommel traf ihr Herz, die Pfeifen schrillten Verzweiflung.
Sobald aber das sonderbare Holzinstrument zu dudeln anfing, hielt sie
sich die Ohren zu und entfloh in die fernsten Winkel. Aber überall waren
diese verrückten Vermummten, in den entlegensten Winkeln. Aus allen
Ecken und Dunkelheiten winkten weiße Arme und Hände, blendeten heiße
Augen. In einem rotglühenden niedern Raum -- Ali Babas Opiumhöhle --
kauerten sie in Scharen auf dem Teppich. Das Herz der kleinen türkischen
Witwe pochte gegen den Brief, den sie im Mieder trug -- heute morgen war
er gekommen.
Plötzlich sah sie aus einer Nische ein Paar Augen auf sich gerichtet,
unendlich sanfte Augen voller Trauer, und sie versank angezogen in ihre
Betrachtung. Sie hob die Hände, auch die Erscheinung in der Nische hob
die Hände. Sie berührte Glas.
»Du bist es -- Klara?« fragte sie, und die Erscheinung stellte die
gleiche Frage.
Da aber griff plötzlich eine gespenstische, grüne Hand nach dem
Spiegelbild, und sie schrak zusammen. Doch niemand war da. Eine
Heiligenfigur, die ein Buch schwang, stand dem Spiegel gegenüber, und
durch den wehenden Vorhang war ein Lichtstrahl auf die grüne Hand des
Heiligen gefallen.
Wunderbar . . . Heinz hatte oben in der Luft ihr Gesicht im Äther
dahinfliegen sehen. Es flog neben ihm her, genau so schnell wie die
»Schwalbe«. So hieß seine Maschine.
Der Brief brannte auf ihrem Herzen.
»Wir sind ja jung! Vor uns liegt das Leben, vor uns liegt die Zukunft.
Ich liebe dich, du Teuerster!«
Und der Brief glühte.
Schon taumelte sie wieder erschrocken zurück. Durch die Luft kam
kopfüber ein Mensch geflogen, ein Mensch, merkwürdigerweise in Uniform,
mit staubgrauem Gesicht und fiebrisch glänzenden Augen. »Feuerwalze,
Feuerwalze!« schrie erschrocken ein Chor von Stimmen. »Er hat sich das
Genick gebrochen!«
Die fiebrischen Augen wandten sich der kleinen, grauen Witwe zu. »Du
weinst ja --« sagte der Uniformierte verwundert, und schon zuckte eine
Hand nach ihr.
Aber schon floh Klara. Zwischen Vermummten hindurch, eine kleine Treppe
hinauf. Plötzlich hielt sie inne: in einem Sessel saß der General. Auch
für ihn gab es weder Tanz noch Musik. Zusammengesunken saß er, den Blick
in sich zurückgezogen.
Düster brannten seine Augen.
Er hatte sich früher auf Festen gelangweilt, heute bedrückten sie ihn.
Musik weckte Melancholien, fröhliches Gelächter Trauer. Er war ja nur
hierhergekommen, um Dora nicht zu kränken -- und um womöglich einige
Worte mit einer hochstehenden Persönlichkeit zu wechseln, die ihr
Erscheinen zugesagt hatte. Voller Verachtung blickte er auf diese Narren
herab, die sich in bunte Lappen hüllten. Die Frauen begriff er noch zur
Not -- es war ihre Natur -- aber die Männer --? Während das Brüllen der
Kanonen eine neue Epoche der Geschichte verkündete?
Durch eine schmale Tapetentür schlüpfte Klara ins Treppenhaus. Hier,
zwischen alten Truhen und Schränken, atmete sie auf. Fern klangen
Trommeln und Pfeifen. Plötzlich lächelte sie wieder.
Glücklicher war sie ja, als alle! Als alle!
Und plötzlich tanzte die kleine graue Witwe mit stillen, kleinen
Schritten, für sich allein, zwischen den alten Truhen und Schränken. Sie
hatte noch nicht das Meer gesehen und noch nicht das Hochgebirge.
Zierlich hob sie die Füßchen: all das würde sie sehen -- mit ihm!
Venedig und Paris, London und eine Stadt in Indien -- zierlich wiegte
sie die Hüfte -- alles mit dir, mein Geliebter . . .
* * * * *
»Weißbach? Sind Sie es, Weißbach? Retten Sie mich!« rief Hauptmann Falk
und wischte sich den Schweiß vom grauen Gesicht. »Helfen Sie mir -- Sie
sehen mich in einem schrecklichen Zustand!«
Weißbach lachte.
»Ich bin behext, ein Weib hat mich total behext. Da -- da -- da -- das
ist sie! Sehen Sie diese Schwefelgelbe. Diese Hüfte -- grundgütiger
Himmel!«
»Aber, das ist ja Dora!« rief Weißbach aus.
»Dora? Wer ist Dora?«
»Das wissen Sie nicht? Die Baronin Dönhoff selbst!«
»Ah, ah -- gut, einerlei, wer es ist. Jedenfalls, sie sehen mich in der
fürchterlichsten Aufregung. Dieses --Weib hat mich vollkommen verrückt
gemacht. Sie kam zu mir und blinzelte mich an und berührte nur ein wenig
meinen Arm, aber ich sage Ihnen -- ein Strom! Jedenfalls -- es muß etwas
geschehen, und es wird etwas geschehen.«
»Halt, halt -- Feuerwalze! Einen Augenblick! Nehmen Sie sich etwas in
acht.«
»In acht, vor wem, vor ihr?«
»Nein, vor ihm.«
»Vor ihm? Er ist doch im Felde? In der Champagne!«
»Nein, er ist keineswegs im Felde. Er ist hier.«
»Hier? Hier --?«
Weißbach flüsterte Falk etwas ins Ohr -- und Falk taumelte vor
Verblüffung zurück.
»Wie sagen Sie --?«
»Pst!«
»Unmöglich!«
»Nun, Sie werden schweigen!«
»Ah, ah -- aber hören Sie?«
»Sie sprechen nicht darüber? Ihr Wort!«
»Ich spreche nicht darüber. Nein, was Sie sagen? -- Ich dachte, ich
hörte -- eine Königliche Hoheit?«
»Das war ja früher. Vor der Heirat.«
»Ah, ah! Ich verstehe! -- Aber hier kommt sie wieder! Sehen Sie doch,
diese Hüfte, diese Bewegung! Leben Sie wohl, Weißbach --«
»Vorsicht!«