Ackermann erhob sich. Es wurde kalt. Die Schatten wurden dichter und
krochen näher.
Er überquerte den Schloßplatz, überschritt die Brücke und wanderte der
finstern Vorstadt zu.
1914 hatten sie gestürmt, bei Langemark, mit dem Liede: »Deutschland,
Deutschland über alles.« Man hatte sie in die englischen
Maschinengewehre gejagt. Wie viele waren zurückgekommen? Einer der
wenigen war er. Wieviel war seitdem geschehen!
Wie Hunderttausende war er zu den Fahnen geeilt -- wie Hunderttausende
in dem Wahn, sein überfallenes Vaterland zu schützen.
Wie Hunderttausende hatte er sich dem Tode entgegengestürzt, wie
Hunderttausende hatte er gemordet. Wie Hunderttausende war er der
Verzweiflung nahe gewesen und hatte er den Tod herbeigesehnt. Wie
Hunderttausende der armen Teufel aller Nationen hatte er in dem Wahne
gelebt, einer heiligen Sache zu dienen.
Im Laufe der Zeit aber war er zur Erkenntnis gekommen, daß Deutschland
nicht überfallen worden war, sondern eine Handvoll eitler Scharlatane
den Krieg provozierte. Aber auch das war ja nicht richtig. Ein Jahr
später hatte er sich zur Erkenntnis durchgerungen, daß alle Völker, die
sich heute zerfleischten, gleichermaßen schuldig waren.
Plötzlich, in einer Nacht im Bahnhofslazarett von Sedan -- er erinnerte
sich noch deutlich dieser entsetzlichen Nacht voller Stöhnen und
Gejammer -- sah er Europas wahres Gesicht! Es war das Haupt der Medusa!
Bis ins Mark entsetzt, starrte er in diese furchtbare Maske -- Lüge,
Lüge, Lüge! Jede Linie Lüge!
Verbrechen, Habgierde, Heuchelei, Schamlosigkeit, das war Europa, nichts
sonst. Die europäischen Großstaaten hatten das Raubritterwesen ins
Gigantische gesteigert. Gestützt auf ihre Heere und Flotten plünderten
sie die Erde, versklavten sie alle Völker des Erdballs, gelbe, braune,
schwarze -- um sich endlich, argwöhnisch und gierig, gegenseitig selbst
zu zerfleischen. Diese weiße Rasse war die verruchteste aller Rassen,
die den Planeten bewohnte. Ganze Rassen hatten sie ausgerottet -- aber
in ihren zoologischen Gärten pflegten sie seltene Gazellenarten. Mehr
als das: sie versklavten die eigenen Völker! In Schulen, Kasernen,
Kirchen, Fabriken erzogen sie den willigen Söldling! In Schulen,
Kasernen, Kirchen, Fabriken vernichteten sie den europäischen Menschen,
täglich, stündlich, seit Hunderten von Jahren.
Ihre Priester standen auf den Kanzeln und predigten: Was nützte es dir,
wenn du die ganze Welt gewännest und nähmest Schaden an deiner Seele?
War es möglich? Ihr ganzes Tun ging ja darauf hinaus, die Welt zu
gewinnen, und die Seele mochte zur Hölle fahren.
Entsetzliche Verwirrung der Geister! Wer förderte sie? Wer zog Nutzen
aus ihr? Die herrschenden und die besitzenden Klassen.
Die Völker selbst, sie waren nur Verführte, verführt durch kunstvolle
teuflische Systeme.
1914, im Spätherbst -- deutlich erinnerte er sich dessen -- begannen die
Fronten zu fraternisieren. Man kam zusammen -- plauderte, tauschte
Kleinigkeiten, diese armseligen Kleinigkeiten des europäischen Sklaven
-- ganz von selbst keimte in den Herzen der einfachen Soldaten die
Kameradschaft und Liebe empor. Eine Versammlung einfacher Feldsoldaten
hätte in drei Tagen Frieden geschlossen. Die Gewaltigen duldeten es --
aber sobald Nachschub und Munition wieder gesichert waren, befahlen sie
den europäischen Sklaven, sich wieder gegenseitig zu zerfleischen.
Schwarzweißrot, blauweißrot, der Union Jack -- frech wehten die
Standarten der Raubritter, und die weißen Sklaven beteten sie an.
Dunkelheit -- Verfinsterung, kein Ausweg . . .
Menschen zitterten vor Menschen. War es möglich? Ackermann hatte
Gefangene gesehen, die auf den Knien um ihr Leben flehten -- wohin war
es gekommen?
Er verhüllte vor Scham sein Gesicht.
Schreckliche Jahre, schreckliche Tage -- ein Tag fürchterlicher als der
andere!
Und kein Ausweg! Nein!
Weiter rollt die Lawine, in Bewegung gesetzt von Gehirnen, die längst in
der Erde modern. Weiter rollt sie, zerschmettert Länder, Städte,
Generationen.
Europa war ein eiterndes Geschwür, das die Erde vergiftete. Oft schien
es Ackermann, als habe Gott sein Antlitz abgewandt: das einzige, was
euch gebührt, vollzieht es: schlachtet euch gegenseitig. Haubitzen,
Mörser, Gase, Fliegerbomben -- geht unter -- rasch, rasch, verschwindet
. . .
Da begann -- unerwartet -- aus dem Osten ein Licht zu strahlen . . .
Seit den Somme-Schlachten war Ackermann nicht mehr für den Felddienst
geeignet. Er hinkte und litt an Ohnmachtsanfällen. Er wurde in ein
Gefangenenlager zur Bewachung von Menschen kommandiert. Hier schloß er
Freundschaften mit Gefangenen, er versuchte seine Kameraden aufzuklären.
Er wurde wegen »pazifistischer Umtriebe« angeklagt und entging mit
knapper Not dem Gefängnis. Und zwar nur aus dem Grunde, weil die
Gefängnisse zu dieser Zeit schon überfüllt waren. Man schob ihn
kurzerhand zum Regiment ab, und das Regiment kommandierte ihn nach
Berlin, wo man Schreiber und Ordonnanzen zu Tausenden in den unzähligen
Kriegsämtern brauchte.
Hier traf er in einer Speiseanstalt -- -- Ruth!
Wie? Wer war es? Wo hatte er sie schon gesehen? Wann?
Da erinnerte er sich: es war in einem Lazarett in Cambrai. Man hatte ihn
abends dahin gebracht, und in der Nacht erwachte er -- zu seinem großen
Erstaunen -- in einem Krankensaal. Er hatte an diesem Tage den Tod
gesucht -- besser getötet zu werden als zu töten. Da hatte ihn eine
Handgranate zu Boden geworfen.
Da lag er nun in einem halbdunkeln Saal. Franzosen, Engländer, Kanadier,
Farbige, hier waren sie nun alle vereint. Neben ihm saß ein Schwarzer im
Bett, dem der Unterkiefer weggerissen war, und keuchte aus einem
blutigen Watteklumpen. Stöhnen, Winseln, Fauchen, halblautes Lallen. Wie
über alle Lazarette, war auch über diesen Saal jene unbegreifliche
Ergebenheit gebreitet. Sie alle, die hier lagen, fühlten, daß es ihr
Schicksal war, gegen das es keine Auflehnung gab. Die Schlacht war
gekommen, weil es so sein mußte, sie waren verwundet worden, weil es so
sein mußte, und sie würden sterben, wenn es beschlossen -- war.
Auch über ihn war diese gleiche rätselhafte Ergebenheit gekommen, die
jeder Verwundete kennt, der im Lazarett aufwachte.
Da -- plötzlich -- sah er eine Gestalt, eine kleine Gestalt, eine
Schwester. Sie stand mit dem Gesicht gegen die Wand, der Lichtschein
streifte sie -- sie preßte das Taschentuch gegen das Gesicht, ihre
Schultern bebten -- sie weinte. Lange beobachtete er sie. Sie weinte
. . .
Auch Ruth erkannte ihn wieder.
Ruth sagte: »Sie schrien im Fieber immerzu -- füsiliert mich! Die
einzige Ehrung, die Europa bieten kann, ist füsiliert zu werden!«
»Sagte ich das?«
»Ja, Sie sagten noch ganz andere Dinge. Sie sagten viele Dinge, die
schon lange in mir schlummerten.«
»Sie --?? Aber Sie sind doch die Tochter eines Generals?«
»Ja! -- Was hat das zu sagen?«
So wurden sie Freunde.
9
Seht, ein Mensch! Er steht gegen ein Haus gelehnt und weint!
Plötzlich aber weicht das Haus zurück -- sollte man es für möglich
halten -- ein vierstöckiges Haus weicht dem Druck eines schmalen
Rückens? Es weicht zurück, und der Mensch stürzt der Länge nach zu
Boden. Sein Zylinder rollt, rollt in unendliche Fernen.
Schon kommen die Kinder. Ein Zylinder! Sie spielen Fußball damit.
Welches Gelächter! Aber die Kinder, selbst sie, haben Mitleid, nicht mit
dem kleinen alten Mann, sondern mit dem Zylinder.
Ein Junge bringt ihn zurück. Der kleine alte Mann kramt in der Tasche,
sucht einen Groschen -- aber plötzlich läuft er in einer
unverständlichen Kurve über den Fahrdamm und rennt gegen das Pferd einer
Droschke, das selbst Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Die
Peitsche flitzt durch die Luft. Und die Kinder kreischen vor Vergnügen.
Herr Herbst lag in seinem Bett und röchelte im Halbschlaf. Nacht,
Finsternis, er hatte keine Lust zu erwachen. Wie lange war er unterwegs
gewesen, wo hatte er getrunken, wie lange hatte er geschlafen? Er wußte
es nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Nur schlafen. Schmach,
Schmach, nichts als Schmach, sobald er erwachte.
Stimmen raunten hinter der Wand, zischelten, flüsterten. Wie in jeder
Nacht wanderte Hähnleins Schritt ruhelos hin und her. Wie lange werden
sie es noch ertragen? dachte Herr Herbst in seinem Bett. Nicht mehr
lange! Er lauschte auf die raunenden und zischelnden Stimmen, labte sich
an dem fremden Elend, um nicht an seine eigene Verzweiflung denken zu
müssen.
Hähnlein rief Gott zum Zeugen an, daß dieses Leben selbst ein Hund nicht
länger ertragen würde. Er hatte Dienst, Dienst, immer Dienst, seit drei
Jahren, zweimal verwundet, und seine Frau nähte sich die Augen blind.
Und seine Frau hustete nachts die ganze Wand voll Blut. Und während er
Dienst machte, verhungerte seine Familie zu Hause. Seine Frau hatte auf
Zeitungen entbunden, verlassen, hilflos, wie ein Tier in einem Winkel.
Nicht einen Tropfen Milch, nicht einen Teller Suppe, nichts. War das
Gerechtigkeit? War das möglich überhaupt? Ja, eine Milchkarte hatte sie
gehabt, aber keine Milch, so war es! Und die Kinder, drei und vier Jahre
alt, sie konnten noch nicht einmal gehen, die Knochen waren krumm
gebogen, die Schädel ganz weich. Was für eine Welt war das? Aber die
kleine Zinnkanne, die hatten sie abliefern müssen, sonst hätte man sie
eingesperrt. Und die Kinder schliefen auf Papier und Lumpen. Wo war man?
War man noch auf der Erde oder schon in der Hölle?
Nein, nicht mehr lange!
Hähnleins heisere Stimme glitt in die Ferne, tiefer röchelte Herr
Herbst, gleichmäßiger, der Schlaf wollte wieder zurückkehren.
Da sah er -- in verschwommenen Umrissen -- die entsetzlichen Wogenberge
aus erstarrtem Schmutz wieder, mit den zersplitterten Baumstrunken und
dem schmalen Laufgraben, der sich zwischen den Wogenbergen verlor.
Er ächzte und drehte sich auf die andere Seite.
Aber auch hier waren sie, diese entsetzlichen Wogenberge. Nur -- siehe
da! -- sie waren nicht mehr starr, sie regten sich, bewegten sich.
Erdschollen schoben sich in die Höhe -- Rücken, Arme, Hände, Beine
wurden sichtbar -- in verschwommenen Umrissen -- was war das? Sieh nur
schärfer hin, und du wirst es erkennen. Ja, es waren Menschen! Deutlich
zu sehen, lehmbeschmierte Menschen, Soldaten, die von den Lehmbergen
verschüttet waren und sich stumm und verzweifelt abmühten, sich aus der
Erde zu wühlen.
Er ächzte und setzte sich im Bett aufrecht. Da sah er Robert vor sich,
und Robert trug einen solchen zerfetzten Lehmberg auf dem Rücken, und
der Lehmberg preßte ihn zu Boden.
»Ich ertrage es nicht mehr!« schrie in diesem Augenblick Hähnlein. »Um
Christi willen!« wimmerte die Frau und hustete.
Robert war verschwunden. Dunkelheit, Nacht, dort das Fenster, das Zimmer
war leer.
Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirne.
»Schmach, nichts als Schmach . . .«