Spät an diesem Abend, es war nahe an Mitternacht, kehrte der General von
Dora zurück. Er brummte gutgelaunt vor sich hin. Wie gewöhnlich hatte
Doras Frohsinn ihn aufgeheitert. Auch der Spaziergang durch die Nacht
hatte ihm gutgetan.
Wie ein Bad wirkte die Heiterkeit dieser Frau auf ihn. Wie ein
erfrischendes Bad! Wunderbar -- ihr Lachen -- nichts nimmt sie tragisch,
eine Künstlernatur, eine Philosophin! Wir Männer dagegen . . .
Ja, Dora, sie allein verstand es, das Leben zu nehmen, man konnte lernen
von ihr -- obschon sie nur eine Frau war, ja --
Kaum aber flammte das Licht in seinem Arbeitszimmer auf, so erinnerte er
sich wieder an die peinliche Szene von heute nachmittag, und
augenblicklich war seine gute Laune wieder verschwunden.
Das höhnische Lächeln, der höhnische Blick des kleinen geistesgestörten
Mannes schwebten noch irgendwo in der Luft des Zimmers. Ich weiß, sagte
das höhnische Lächeln auf den dünnen Lippen, weiß, aber ich spreche
nicht. Wie heute nachmittag legte sich das fahle kleine Gesicht zur
Seite, das eine Auge wurde größer als das andere, das Lid zog sich in
die Höhe, und dieses größere Auge blinkte von Spott und Hohn.
Unruhe erfüllte den General.
Nein, kein Zweifel, dieser kleine Geistesgestörte war im Besitze eines
Geheimnisses, das Ruth betraf. Der Ausdruck seiner Augen war nicht
mißzuverstehen. Vielleicht eines Geheimnisses, das Ruth, das die Familie
kompromittierte? Unverständlich war ihm in diesem Augenblick seine
Tochter, rätselhaft, fremder als der fremdeste Mensch, den er nie in
seinem Leben gesehen.
Morgen würde er mit Ruth ein ernstes Wort sprechen! Ihre Eigenwilligkeit
verriet einen bedauerlichen Mangel an Pflichtgefühl ihrer Familie, dem
Geschlechte der Hecht-Babenberg, gegenüber. Es gab schwerlich eine
Verbindung, die das Ansehen der Familie mehr gehoben hätte,
gesellschaftlich und materiell, als die Heirat mit Baron Dietz, der eine
blendende Laufbahn vor sich hatte. War es nicht auffallend, der Krieg
schien die Grundpfeiler des Gesellschaftsgebäudes zu erschüttern? --
Allenthalben ähnliche Symptome -- Mißheiraten, Eheirrungen, Scheidungen
-- der Oberst Schulendorf, zum Beispiel, kommt nach Hause und findet --
Skandal! Bredows Sohn hat sich im geheimen trauen lassen, er fällt,
plötzlich meldet sich die Witwe -- eine völlig unbekannte Person,
frühere Schauspielerin, stellt Forderungen. Allein im Rheinsbergschen
Familienverband zwei Scheidungen in kurzer Zeit.
Ja, auffallend, Hunderte von Beispielen fielen ihm plötzlich ein --
allein aus dem Kreise seiner Bekannten. Erschreckende Symptome der
Zersetzung. War die Generation der Größe der Zeit nicht gewachsen?
Keine Nachsicht mehr, nein, nein, morgen, sobald sich die Gelegenheit
bietet, werde ich mit ihr sprechen.
Und dieser alte Mann? Lassen wir ihm seine Freude. Nichts wird ja
leichter sein, als Aufklärung zu erhalten, jede gewünschte Aufklärung.
Schon einmal hatte er -- früher . . .
Der General machte Toilette für die Nacht. Nachdenklich musterte er
Hände und Gesicht, jede Falte.
Mehr Bewegung -- und alles war in Ordnung!
Schon schlief er.
* * * * *
»Schwere Kämpfe! Außerordentlich schwere Kämpfe!« Mitten in der Nacht
setzte sich Herr Herbst plötzlich im Bett auf und knarrte mit breiter,
selbstgefälliger Stimme: Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!
Warte nur, du Hoffärtiger! Warte nur. Hüte dich -- ein alter Mann --
aber hüte dich --!
Dann sank er wieder in Nacht und Bewußtlosigkeit, zusammengerollt zu
einem kleinen Kleiderbündel.
Am Nachmittag schien die Sonne ins Zimmer, aber immer noch lag das
kleine Kleiderbündel regungslos auf dem Bett. Erst gegen Abend fing es
an, sich unruhig zu bewegen. Die Hände zerrten an der Decke, zogen sie
dicht um den Körper. Der Schläfer fror. Kälte, schreckliche Kälte
hauchte von dem Gebirge aus, das er erblickte. Ein Strom von Eis. Nacht,
Winter, wie? Und er kniete vor dem Gebirge und erstarrte, während er die
Hände ausstreckte. Nun schien es heller zu werden, es tagte, die Sonne
schien aufzugehen. Das Gebirge begann allmählich zu erglühen, es glühte
rot, nur Stein, zerrissen, verwittert.
Plötzlich aber verschoben sich Felsen, Riesenblöcke zitterten -- das
Steingebirge wandelte sich zu einem Gesicht.
Der Schläfer erbebte. Deutlich fühlte er, daß er bald aus der
Bewußtlosigkeit auftauchen würde. Nur noch eine Idee brauchte er höher
zu tauchen, und schon würde er an die schwarze, schwere Schicht von
Schmach stoßen, die auf ihm lastete. Zu spät! Sie sank herab zu ihm, die
schwere Schicht von Schmach, berührte ihn, drückte ihn zu Boden.
Da! Er war wach. Der barmherzige Rausch war verflogen. Und da war sie
wieder . . .
Betäubt saß er da. Es dunkelte schon.
Schmach, nichts als Schmach!
Er war gedemütigt worden, zertreten, zu Boden geworfen und mit den Füßen
getreten. Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe -- Tausende,
Hunderttausende -- -- ja, man hatte ihm einen Sessel angeboten, ihm ein
Bild gezeigt -- trotzdem! Worin aber bestand die Schmach eigentlich,
wie?
Nein, nicht das war es, daß er gerufen hatte: Hinaus mit Ihnen, oder ich
lasse Sie abführen.
Das nicht, nein. Schlecht hatte er sich ja benommen.
Trotzdem: zu Boden geworfen und mit Füßen getreten.
Horch! Stimmen. Sie sind da, die jungen Leute -- bei ihm! Und da, da --
hörst du? Laut und erregt schwirrten die kecken, jungen Stimmen nebenan.
Aufrecht saß er im Bett und hielt den Atem an.
Ja, auch sie war da!
Hoffärtiger -- nichts als ein alter Mann -- vielleicht bereust du noch,
wer weiß es? -- Und du -- Sanfte, Bleiche -- deine sanften Augen werden
weinen müssen -- es muß sein --
Plötzlich erstarrte er vor Entsetzen. Eine laute verzweifelte Stimme
gellte durch das Haus. Hilfe! Hilfe! Es war Frau Hähnlein.
Sofort schwiegen die schwirrenden Stimmen nebenan. Eine Türe schlug,
Schritte eilten. Eine Faust pochte gegen Hähnleins Türe, und Ackermanns
Stimme fragte: »Was gibt es?«
»Nichts, nichts, Ackermann!« antwortete Hähnlein mit einem keuchenden,
verlegenen Auflachen. »Meine Frau ist erschrocken. Sie dachte -- nichts,
nichts --«