Herr Herbst keuchte. Seine entzündeten Augen füllten sich mit Tränen.
Zuerst verschwand der kleine Erdgang, dann die Baumstrunke, dann die
wilden erstarrten Schmutzwogen -- aber das schreckliche Bild hatte sich
für immer in seine Seele eingegraben. Um ein Haar wäre eine Träne auf
die kostbare Aufnahme, die der General sich einrahmen lassen wollte --
er kam bis jetzt nur noch nicht dazu -- eine Träne getropft, aber der
General hatte das Bild noch rechtzeitig fortgenommen.
Hier also -- vielleicht war er durch diesen schmalen Erdgang geschritten
--? War es möglich, daß er zwischen diesen fürchterlichen Erdwogen um
sein Leben kämpfte? War es möglich, daß zwischen diesen Erdwogen, diesen
schrecklichen, sein Todesschrei verhallte? Wie? Wie? Wie?
War es möglich, daß ein Mensch geboren wurde, um hier zu enden?
Herr Herbst zitterte vor Entsetzen. Allein das Bild dieser Höhe erfüllte
ihn mit schrecklichem Grauen.
Er taumelte und rang nach Luft.
»Hier also --?« stammelte er.
»Es waren sehr schwere Kämpfe!« sagte der General beruhigend.
»Und -- sein Grab, hier --?« Die Augen Herbsts waren plötzlich starr und
entgeistert auf den General gerichtet.
»Wie beliebt?«
»Aber -- vielleicht -- ist er gar nicht begraben worden?« schrie er mit
schriller Stimme und rang verzweifelt die Hände. Ja, nun verstand er
alles . . .
Alles!
Wie sollte ein Toter Ruhe finden zwischen diesen entsetzlichen
Wogenbergen? Wie sollte --!
Der General runzelte die Stirn. Aus purem Mitleid hatte er sich mit
diesem alten Mann abgegeben. Nur um überhaupt ein Gesprächsthema zu
schaffen, hatte er ihm die Photographie gezeigt. Die Stätte, wo sein
Sohn gekämpft hatte, konnte wohl sein Interesse finden. So unerhört es
war, daß ein ixbeliebiger Beamter aus der Provinz, ohne viele Umstände
seine Karte bei ihm abgab, zu ungewöhnlicher Stunde, in einem geradezu
skandalösen Anzug, hatte er doch den Umständen eine Konzession gemacht
und Nachsicht geübt. Nun aber sah er sich veranlaßt, sich wegen seines
allzu großen Entgegenkommens Vorwürfe zu machen.
Der Gesichtsausdruck des kleinen alten Mannes erschreckte ihn. Es war ja
nicht unmöglich, daß dieser merkwürdige, völlig unberechenbare alte Mann
--
Erschreckend ähnlich war sein Gesicht dem Traumgesicht geworden, das
durch die Scheiben starrte, als es pickte . . .
»Es waren außerordentlich schwere Kämpfe -- es ist natürlich gänzlich
unmöglich für einen Laien, sich ein Bild zu machen. Zumal, da Sie ja die
Verhältnisse an der Front nicht kennen.« Einen letzten Versuch machte
der General, den kleinen alten Mann zu beruhigen.
Verstört, entgeistert schwankte Herr Herbst auf seinen dünnen Beinen.
»Sie haben also den Befehl gegeben? Und dann mußte er -- da hinauf --?«
fragte er mit pfeifender Stimme.
Betreten richtete sich der General auf. Drohung ging plötzlich von
diesem verzerrten, kalkweißen Gesicht aus.
»Was soll diese Frage?« rief er, und schon funkelten seine Augen. Seine
Geduld war zu Ende. Genug mit diesem Burschen!
Aber plötzlich funkelten auch die Augen des kleinen Herrn Herbst,
schneeweiß glitzerten sie. Haß glitzerte aus ihnen, Haß, unergründlich.
Er warf die Hände in die Luft, mit einer wilden, erschreckenden
Bewegung, und schleuderte dem General ein fürchterliches Wort entgegen.
»Mörder!«
Der General wich zurück und erbleichte.
Aber der kleine alte Mann schwang wieder die Hände, und abermals schrie
er: »Mörder! Mörder!«
Schon aber trat ihm der General mit breiter Brust entgegen. »Hinaus!«
rief er. »Hinaus -- augenblicklich -- oder --!«
Plötzlich, ganz unvermutet, war der kleine alte Mann in die Knie
gesunken und hatte die Hand des Generals ergriffen, alles in einer
Sekunde.
»Verzeihung, Exzellenz!« stammelte er. »Verzeihung -- ich -- ich bin --«
»Ich bin -- betrunken . . .«
Ja, in dieser Sekunde fühlte er, daß er betrunken war. Sonst empfand er
nichts mehr. Es war ihm klar, der Rausch war zum Durchbruch gekommen,
plötzlich, der Alkohol, sein Teufel, hatte ihm ein Bein gestellt. Er
wollte all das gar nicht sagen, wollte -- ja, was wollte er eigentlich
-- aber er hatte nie und nimmer beabsichtigt, so etwas zu sagen. Wie
konnte er, er machte Besuch --
Der General aber begriff in diesem Augenblick etwas ganz anderes. Dieser
alte Mann war vielleicht betrunken, möglich, aber er war etwas ganz
anderes -- er war geistesgestört. Einen Geistesgestörten hatte er vor
sich! Alles erklärte sich nun, der Brief, der ungewöhnliche Besuch, sein
Gebaren. Ein bedauerlicher Geistesgestörter, das war dieser alte Mann.
Es würde sich nunmehr darum handeln, ihn möglichst rasch und, ohne
Aufsehen zu erregen, loszuwerden.
»Sie sind erregt -- begreiflicherweise -- stehen Sie auf --« sagte er,
um seinen unheimlichen Gast zu besänftigen.
»Erst wenn Sie verzeihen«, rief Herr Herbst, während die Tränen aus
seinen Augen sprangen.
»Ich verzeihe Ihnen, natürlich --«
Sofort erhob sich der alte Mann.
»Es ist ja begreiflich, daß Sie erregt sind«, fuhr der General fort.
»Wir haben alle in diesen Jahren Schreckliches erlebt. Aber ich muß
jetzt bitten, ich habe dringend zu arbeiten . . .«
»Bitte zu entschuldigen . . .«
Anscheinend völlig beruhigt nahm Herr Herbst den Zylinder in die Hand.
»Ich bitte zu entschuldigen, Euer Exzellenz -- die Störung.«
Aber er blieb an der Türe stehen, hob das noch von Tränen glänzende
Gesicht, und wieder nahmen seine entzündeten Augen einen eigentümlichen
Ausdruck an. Wieder begannen sie zu glitzern.
Jedenfalls -- -- er blieb stehen -- obschon ihn der General mit einer
kleinen stummen Verbeugung entlassen hatte. Der Ausdruck seiner Augen
war unerklärlich. Spott lag darin -- oder -- war es nicht Spott?
Er wartete auf irgend etwas.
* * * * *
Der General, der schon die Absicht ausdrückte, sich am Schreibtisch
niederzulassen, wandte den Kopf. Offenbar, dieser Mann hatte noch etwas
auf dem Herzen, und er würde nicht gehen, bevor er von dieser Last
befreit war.
Plötzlich erriet der General. Diese geheimnisvollen Andeutungen in
seinem Brief! Diese anfangs völlig unverständliche Anspielung, die
plötzlich einen gewissen Sinn zu bekommen schien. Es war ja sogar
möglich, daß dieser Geisteskranke tatsächlich im Besitz eines
Geheimnisses war.
»Sie wollten mir --« begann der General erneut, etwas betreten, indem er
sich voll gegen Herrn Herbst wandte -- »Sie schrieben seinerzeit etwas
von meiner Tochter -- irgend etwas, ich erinnere mich nicht mehr --?«
Der General stockte.
»Das gnädige Fräulein --?« Es war der gleiche Ausdruck, den er in seinem
Brief anwandte.
Der General hatte richtig geraten. Herr Herbst hatte tatsächlich auf
diese Frage gewartet -- aber nicht um sie zu beantworten!
Der Ausdruck in seinen Augen, dieser Schimmer von Spott steigerte sich
zum Hohn. Er legte den Kopf auf die Schulter, lächelte . . . höhnisch,
triumphierend, wieder wurden die gelben Zahnstumpen sichtbar. Er fing
sogar an, leise zu lachen.
»Ich wüßte nicht, Exzellenz . . .«
»Guten Abend!« sagte der General kurz. Und mit einer spöttischen
Verbeugung verabschiedete sich Herr Herbst.
Kaum hatte er das Haus verlassen, so fegte ein Donnerwetter durch die
Diele.
8
Wie ein blutiges Nordlicht flammte die sinkende Sonne zwischen finsteren
Wolken. Durch die Torbogen des Brandenburger Tors schleuderte sie rote
Glutkegel, die die Linden überfunkelten. Häuser und Menschen brannten
düster, und düster brannte das Schloß am Ende der Linden. In den
Schaufenstern der Luxusgeschäfte flammten die Brillanten, Perlen,
Diademe, Orchideen, goldenen Schalen und Prunkgefäße.
In seinem weiten abgenutzten Soldatenmantel strich Ackermann, der
Student, die Linden entlang, dicht an den Läden vorüber mit den
Orchideen, Perlen und Prunkgefäßen. Er sah sie nicht.
Sein Mund zuckte.
Dies ist die Stunde, dachte er -- ja, dies ist die Stunde, da die
Sterbenden noch einmal die Augen aufschlagen, um den hohen Himmel zu
grüßen. Erinnerst du dich -- dieser Blick aus schlafschweren Augen? Dies
ist die Stunde, da die Verwundeten gierig das scheidende Licht mit ihren
fiebernden Augen trinken, denn einen Augenblick später kommt schon die
Nacht mit ihren Ungewißheiten, dem Gewimmer, Stöhnen und Miauen im
Krankensaal.
Dies ist die Stunde, da die Gefangenen in all den hundert Lagern, von
_Menschen_ errichtet, um _Menschen_ gefangenzuhalten, noch einmal an den
Stacheldrähten entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Höhlen
zurückjagt, da die Hände von Hunderttausenden von gefangenen
Menschentieren sich verkrampfen um den kalten Draht. Ja, dies ist die
Stunde des schrecklichen Sterbens -- in Flandern und Frankreich, in
Italien, Mazedonien und der Türkei, überall in dieser ganzen verfluchten
Welt.
Dies ist die Stunde, da das Elend der ganzen Welt sich vertausendfacht
-- da das Gespenst des menschlichen Elends sich riesengroß über der Erde
erhebt . . .
Ackermann watete durch die gespenstisch rote Lichtflut des sinkenden
Gestirns. Blut, nicht Schein der Sonne, Blut, das von den
Schlachtfeldern hereinströmt in diese Stadt und täglich steigt wie ein
Meer. Er roch das Blut, er fühlte seine dampfende Wärme, genau wie
damals in Flandern, als ihn dieser dicke Blutstrahl traf, der aus der
Halsschlagader eines getroffenen Kameraden spritzte -- und dann, ja, als
sein eigenes Blut über ihn strömte. Es rann über die Scheiben der
Schaufenster, es quoll aus den Haustüren, überschwemmte die Straßen, das
Schloß -- dort unten -- schon feuchteten sich die dicken Steinmauern --
Blutige Gespenster stürzten an ihm vorbei. Schon wateten die Menschen in
der roten Flut bis an die Brust, sie fühlten es nicht. Bald wird sie bis
an ihre Lippen steigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hände
färbte es rot.
Erst Lügner, dann Räuber, dann Mörder -- das sind die Völker Europas
geworden! Dunkel rauscht die Menschheit dahin, ein Strom in der
Finsternis, der nicht sein Ziel kennt . . .
»Und du, Herr, über den Finsternissen?«
»Weshalb zögerst du?«
Verzweiflung zerbrach ihn, Qual und Schmerz zerrissen sein Herz. Sein
Hirn blutete, sein Hirn zersprang.
»Ja, weshalb?«
Plötzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte er gespürt, wie
er zu sinken begann, wie der wirbelnde Blutstrom ihn mit sich forttrug
. . .
»Bringe Erlösung dieser Erde! Führe sie zurück auf deinen Weg!«
»Wann wirst du das Signal geben?«
»Sprich!«
»Wer wird es rufen -- das erste Wort?«
»Mut! Mut!«
Plötzlich hob ihn der weite Mantel in die Höhe, und er schwebte dahin.
Durch unendliche gleißende Helle brauste er, über blendende Ebenen,
hingegeben einer unbekannten Wollust . . .
Da faßte jemand seinen Arm und schüttelte ihn.
»Sie werden doch nicht fallen?« sagte die Stimme eines Mannes.
Nun saß er, noch etwas betäubt, auf einer Treppe, ganz in der Nähe des
Schloßplatzes.
Rasch kam er wieder zu sich. Seit seiner letzten Verwundung litt er an
Schwindelanfällen. Zuweilen war er auch schon bewußtlos zu Boden
gestürzt.
Die Sonne verglühte und zog ihre Glutkegel zurück. Bleich und fahl trieb
die Viktoria auf dem Brandenburger Tor ihr Triumphgespann vorwärts.
Schon schob sich die schwarze drohende Finsternis herauf über die
Riesenstadt, um sie zu vernichten. Die Nacht war nahe.
Düster lag das Schloß, kalt, leblos. Tod und Nacht strömten von ihm aus,
Kälte und Haß. Ringsum die Denkmäler, die finstern Reiter aus Erz mit
ihren Marschallstäben standen wie Schatten.
Wo immer sie ihre Hufe hinsetzen auf Erden, diese Rosse aus Erz mit
ihren finstern Reitern, entweichen die freundlichen Geister!