Noch immer diese leise, nicht mißzuverstehende Ziegelröte --

Weißbach näherte sich dem großen, ehrfurchtgebietenden Schreibtisch im

Bogen und zögernden Schritts, um nicht zu plötzlich die Netzhaut des

hohen Chefs zu treffen. Er verbeugte sich leicht bei jeder Unterschrift

des Generals, während er die Tinte mit dem Löscher trocknete.

Dann erhob sich der General und ging zu seinem Mantel.

Jeden Tag, seit Monaten, spielte sich bei dieser Gelegenheit, zweimal am

Tage, vormittags und nachmittags, die gleiche Szene ab.

Der Adjutant näherte sich dem General.

»Herr General gestatten?«

»Danke, es geht noch allein, Gott sei Dank.«

Lächeln des Hauptmanns, Verbeugung, stärkeres Klirren der Sporen.

Der General ist in den rechten Ärmel geschlüpft und gerade dabei, den

linken Ärmel zu suchen. Rascher Sprung des Adjutanten.

»Herr General gestatten doch?«

Und nun gestattet der General. Der Adjutant streicht den Mantel zurecht.

Und der General dankt mit einem Blick, gerade so lange, als seine hohe

Stellung es zuläßt.

Wenn der General in die Handschuhe schlüpft, so erteilt er gewöhnlich

noch kleine Aufträge, wie sie ihm gerade in den Kopf kommen.

»Es treibt sich hier eine Ordonnanz herum, ein kleiner Bursche mit einer

Narbe zwischen den Augen. Ich lege keinen Wert auf ihn.« Schon schwoll

die Stimme des Generals wieder drohend an.

Weißbach erbleichte. Eine unzuverlässige Ordonnanz, das ging ihn an!

Augenblicklich wollte er nachforschen --

Behutsam schloß der Hauptmann die gepolsterte Flügeltüre hinter dem

hohen Chef -- bis auf einen schmalen Spalt. Dann stand er noch eine

Weile, leicht gebeugt, bereit zum Sprung, und lauschte, denn es war

möglich, daß dem General draußen auf dem Korridor plötzlich noch ein

Auftrag in den Sinn kam. Der Schritt seines Herrn hallte über den Gang,

ferner und ferner. Nun erst schloß der Hauptmann mit einer leichten

Verbeugung die Türe vollständig.

»Donnerwetter!« flüsterte er aufatmend. Und was diese Ordonnanz mit der

Narbe zwischen den Augen betraf, so wollte er sofort die Angelegenheit

in Ordnung bringen. Hinaus mit diesem Burschen!

Vierundzwanzig Stunden später war der Schneider Hanuschke schon wieder

beim Regiment und achtundvierzig Stunden später schon wieder auf der

Fahrt zur Front. Er hatte Pech, es ging gerade ein Transport hinaus. Von

einem Kommando zurück zum Regiment geschickt zu werden -- etwas

Schlimmeres konnte wahrhaftig nicht passieren.

* * * * *

Selbst in der leise murmelnden Dämmerung von Stifters Diele fand der

General sein seelisches Gleichgewicht nicht völlig zurück.

Mockturtlesuppe, westfälischer Schinken in Weintunke, gebackene Flundern

und Aprikosenpudding, eine der Spezialitäten des Hauses, das Menü schien

ihm heute mäßig. Jede Erregung legte sich bei ihm auf den Magen,

sonderbar. Eine rätselhafte Einrichtung ist der menschliche Organismus.

Und diese Ignoranten von Ärzten sagten immer das gleiche . . .

Ja, Bewegung, wenn der Dienst jede Minute bei Tag und bei Nacht in

Anspruch nahm -- diese Ärzte sind Narren! Sie trinken sich, zum

Beispiel, zu Tod, buchstäblich, und predigen: keinen Alkohol, Gift,

hundertprozentiges Gift für den Organismus, für Sie besonders -- und

trinken sich unter die Erde, ohne zu erröten.

Und diese beiden Rittmeister gegenüber, heute in voller Gala, sie

konnten ihm, ganz gelinde gesagt, es gab ja treffendere Ausdrücke,

vollends den Appetit verderben.

Zahlen, Lawinen von Zahlen, wälzten sich auf den General herab, dessen

Erscheinung vor kurzem den Schneider Hanuschke so erschreckt hatte. Nur

selten, ein- bis zweimal im Jahre, beschäftigte er sich eingehender mit

Zahlen.

Es war nur gut, daß er gestern an die pommersche Hypotheken- und

Wechselbank um hundert Mille geschrieben hatte. Sie würden den Kredit

gewiß anstandslos gewähren, und für einige Zeit würde es wohl wieder

genügen.

Alles kostete heutzutage Unsummen!

Er hatte nur ein ganz verschwommenes Bild seiner Vermögenslage im Kopfe.

Das Konto war ein Kaleidoskop, unaufhörlich wechselnd, verwirrend,

unübersichtlich. Aber er fühlte, daß es bergab ging. Ja, bergab --

Eines Tages, als sein hochverehrter Herr Vater, der als Oberst

abgegangen war, auf Babenberg die Augen schloß, hatte er sich im Besitze

von einigen Millionen und zwölftausend Morgen Land befunden. Aber einige

Millionen, was war das, wenn das Kapital sich nicht automatisch

vermehrt? Jeder Augenblick des Lebens verschlang Summen, Unsummen! Seine

verstorbene Frau, er nahm es ihr nicht übel, im Gegenteil, diesen Zug

liebte er an ihr, auch sie war kein, wie sagt man doch, wirtschaftliches

Genie. Das Organ dafür fehlte ihr.

Bergab -- nur gefühlsmäßig erfaßte er es. Babenberg war Fideikommiß,

unantastbar -- Rothwasser, fünftausend Morgen, immerhin außerordentlich

stark belastet.

Und jeder Atemzug verschlang auf dieser Welt Summen, Unsummen! Es war

letzten Endes ganz unerklärlich, wie die Menschen lebten. Der Haushalt

hier -- Unsummen, Diners, Gesellschaften -- Unsummen, seine

Privatangelegenheiten, die niemand etwas angingen -- Unsummen. Ein Paar

bescheidene Ohrringe, zum Beispiel, ein paar Perlen in Platinfassung,

die früher keine dreitausend Mark gekostet hatten, kosteten heute, sage

und schreibe, fünfundzwanzigtausend Mark. Seine Bezüge während des

Krieges, obgleich nicht unbeträchtlich, was waren sie schließlich? Ein

Tropfen auf einem heißen Stein.

Sein Kredit aber würde keineswegs gekräftigt werden, nun, weshalb sollte

man nicht den Tatsachen ins Auge sehen, wenn man erst in Pommern erfuhr,

daß diese Verlobung zurückgegangen war.

Zahlen, Lawinen von Zahlen.

Die Ziegelröte des breiten Gesichts steigerte sich allmählich zur tiefen

Glut.

»Eine kleine Schwarze oder eine lange Braune, Exzellenz?« raunte der

Oberkellner und präsentierte die Zigarrenkisten.

»Die Zigarren werden immer schlechter, mein Freund.«

»Leider, Exzellenz. Es wird immer schwerer . . .«

Er hatte die Heirat mit Dietz freudig begrüßt, natürlich, er hatte die

Annäherung begünstigt, offen zugestanden -- schließlich war er ja der

Vater -- und es kam ja auch einmal der Moment, da er die Augen schloß,

und seine Kinder sehen mußten, wie sie allein vorwärtskamen. Wehmut

erfüllte den General, als er sich in diesen Gedanken vertiefte. Einmal

würde ja der Augenblick kommen, da er, den Helm in der Hand, vor seinen

Herrgott treten mußte.

Furchtbarer Augenblick, furchtbar der Gedanke, diese Welt der Tatsachen

verlassen zu müssen -- ins Ungewisse hinein . . .

Aber der Oberkellner rief ihn zur heitern Erde zurück. Er brachte die

Liköre.

Wieder umwölkte sich das tiefrote Gesicht Seiner Exzellenz. Es war eine

Tatsache: während der Adel auf den Schlachtfeldern verblutete, Blut und

Gut opferte, füllten sich zweifelhafte Elemente die Taschen. Und diese

zweifelhaften Elemente kauften Land! Eine ganze Reihe bekannter Familien

war schon gezwungen gewesen, uralten Familienbesitz abzustoßen. Was aber

würde aus dem Adel werden, der seit Jahrhunderten Kraft aus der Scholle

sog, wenn er erst einmal entwurzelt war?

Trotz alledem -- es würde ja jedenfalls Babenberg bleiben, wenn es so

weit kommen sollte, daß er Rothwasser verkaufen mußte.

Aber, ganz abgesehen von materiellen Gesichtspunkten: Dietz war ja ein

prachtvoller Mensch, eine stattliche Erscheinung, gebildet, von seltener

Noblesse und Großzügigkeit -- unverständlich . . .

Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rätsel.

5

Den ganzen Nachmittag schon wanderte der kleine Herr Herbst in seinem

Zylinder in der Tiergartenstraße auf und ab. Immer wieder zog er die

Uhr, immer wieder klopfte er die Schmutzflecke mit dem Taschentuch von

den Stiefeln.

Es war eigentlich nicht mehr kalt. Die Luft des Tiergartens war von

roten Sonnenkeilen getigert, es roch schon nach Frühling, und zuweilen

hauchte es feucht und warm, aber Herr Herbst hüllte sich fest in den

rostfarbenen Havelock.

Er fror.

In der verflossenen Nacht hatte er nicht geschlafen. Er hatte getrunken,

in einer kleinen Spelunke, mit richtigen Spitzbuben, die

Einbrecherwerkzeuge bei sich hatten -- richtigen Spitzbuben, seht an.

Deshalb also fror er. Auch war dieser Zylinder kalt. Er schmiegte sich

nicht wie sein anderer Hut dicht an den Schädel, es gab Spalten, durch

die die Kälte wie durch Schornsteine an seinem geschorenen Schädel in

die Höhe stieg.

»Ja, so ist es, so ist es!« flüsterte Herr Herbst und träumte vor sich

hin. »Er würde, zum Beispiel, meinen Gang haben. Er war mir ja so

ähnlich! Er würde sogar die gleiche Art zu sprechen haben. Bei manchen

Worten fällt es mit ja etwas schwer, wenn viele L und R zusammenkommen,

zum Beispiel: Sell -- nun: Sellerie. Auch er hatte ja denselben kleinen

Sprachfehler, schon in der Schule. Er würde mit einem Wort ganz wie ich

sein. Wenn ich nun einmal unter der Erde liege, so würde er leben und

gehen und sprechen -- und eigentlich wäre ich es! Eigentlich, bei

rechtem Licht besehen, ja. Ich würde weiterleben, obschon ich tot bin.

Auch er würde Kinder gehabt haben -- und so würde ich immer weiter

leben.«

»Aber so?«

»Wie ist es so?«

»Nichts, nichts. Gar nichts. Ich sterbe, man begräbt mich, und alles ist

zu Ende. Wir sind tot, die ganze Familie ist von der Erde verschwunden.«

Wie klar er heute zu denken vermochte! Seit langer Zeit fügten sich die

Gedanken nicht so spielend aneinander. Ausgezeichnet war das! Herrlich!

Es gab ja so viele Tage, da er nur stottern konnte, seine Gedanken sich

fortwährend verwirrten, und das hätte einen schlechten Eindruck gemacht.

Wieder befand er sich dem grauen Hause gegenüber. Jakob, der immer noch

den Messingknopf der Haustüre polierte, machte ihm ein Zeichen. Also

noch nicht! Jakob war ja eingeweiht, hatte zehn Zigarren erhalten -- und

zehn weitere Zigarren sollte er bekommen -- danach!

Ja, das also ist die Wahrheit: von der Erde verschwunden!

Der Zylinder verlor sich in der Tiefe des Parkes. Schon war Herr Herbst

wieder in seine alten Gedanken versunken.

»Eigentlich, ja, wäre alles ganz genau, als ob ich noch lebte. Ich liege

unter der Erde, und doch lebe ich weiter. Denn er ist eigentlich ich --

oder ich eigentlich er -- --! So aber -- bin ich wie eine Pflanze, die

man ausgerissen hat und auf den Weg warf. Und dann ist es zu Ende -- zu

Ende für immer . . .«

Herr Herbst blieb mitten auf dem Wege stehen. Er zitterte.

»Ja -- trotz allem -- unfaßbar!«

»Ich lebe, obschon ich alt bin, und er, jung, kaum neunzehn -- ist tot.

Ich gehe hier -- und er, liegt unter der Erde. In unbekanntem Land,

vielleicht nicht einmal eingesegnet, vielleicht nicht einmal ordentlich

begraben. Ohne Ruhe --!«

»Ohne Ruhe --«

Plötzlich aber schrak Herr Herbst zusammen. Sein Herz blieb stehen.

Voller Schrecken, voller Verwirrung schlug er die Hände vors Gesicht.

Die Marspfeife der Limousine trillerte. Er kannte sie ganz genau.

6

Das Antlitz noch immer umwölkt, stieg der General aus dem Wagen. Noch

immer war die Ziegelröte nicht völlig verflogen. --

Auch dieser Brief -- er lag noch in demselben grüngebundenen Buch --

auch dieser Brief gab keinen Aufschluß. Er bestärkte wohl gewisse

Vermutungen, lüftete aber nicht den Schleier. Dieser Brief lautete:

»Geliebte Ruth! Frevelhaft erscheint es, in dieser entsetzlichen

Verfinsterung an das persönliche Glück zu denken. Immerhin, ich

unterliege der Versuchung.

Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit, Werk und Vermächtnis der

Edelsten, Kühnsten, Reinsten aller Völker, der Seher und Weisen, es

scheint in seinen Grundmauern erschüttert.

Verzweiflung erfaßt uns, Dich, mich, alle, die wir an die Sendung der

Menschen glauben.

Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend völlig belanglos, Unzahlen

leichtfertiger Worte, unscheinbar, leichtfertiger Wünsche,

leichtfertiger Handlungen, nebensächlich im einzelnen betrachtet -- sie

haben diese entsetzliche Verfinsterung herbeigeführt.

Ich glaube -- glaube unbedingt an einen Schatz des Guten auf Erden, die

Summe aller guten Handlungen, guten Gedanken und guten Worte. Ich

glaube, daß dieser Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich

unaufhörlich mehren muß -- sollen nicht Verfinsterungen wie diese

eintreten. Die letzten Generationen und vor allem jene Völker, die sich

zivilisiert nennen, haben aber diesen Schatz nicht vermehrt. Sie haben

ihn verschleudert, vermindert. Die Schale sank und -- wie immer, wenn

sie sank -- kam die Katastrophe.

Welch ein Irrtum: die Menschheit für den einzelnen!

_Wahr ist: der einzelne für die Menschheit!_

Jeder einzelne sei Mehrer jenes Schatzes des Guten, Gerechten und

Schönen, oder er ist ein -- Dieb! Hüten wir uns, die Mörder der

kommenden Generation zu werden, wie die vergangene unser Mörder wurde

. . .«

Hier brach der flüchtig mit Bleistift hingeworfene Brief ab. Seine

Fortsetzung fand sich nicht im Buche. Keine Aufklärung also --

In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustüre.

Der General erschrak. So heftig, daß er einen Stich in der Brust fühlte.

Wenn er es auch als seine väterliche Pflicht erachtete -- es wäre ihm

peinlich . . .

Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentümlich, hier in Ruths

Zimmer -- wie ein Signal. Hastig legte er den Brief in das grüngebundene

Buch zurück -- ein Werk Lassalles -- und rasch, scheu, als habe man ihn

auf verbotenen Wegen ertappt, eilte er über den Gang.

Es war indessen, Gott sei Dank, nur ein blinder Alarm.

Jakob übergab eine Karte.

»In dringender Angelegenheit. Herr General sind unterrichtet --«

Ein völlig unbekannter Name -- Rentier. Unterrichtet? Wahrscheinlich der

Hausverwalter; das Badezimmer sollte neu gerichtet werden.

Immer noch etwas verwirrt, ließ der General bitten -- zu Jakobs maßlosem

Erstaunen.

* * * * *

Der General wartete, aber nichts regte sich. Schon in dieser Verzögerung

witterte er etwas Ungewöhnliches. Jeder Mann von Erziehung mußte längst

eingetreten sein. (Diese Verzögerung entstand dadurch, daß Herr Herbst

sich im letzten Augenblick umständlich die Nase putzte.) Übrigens --

hieß dieser Hausverwalter nicht anders?

Plötzlich aber verdunkelte ein Schatten die Türe -- und im gleichen

Moment erbleichte der General . . .

Augenblicklich hatte er dieses Gesicht wiedererkannt!

Jenes Gesicht, das an Doras Geburtstag durch die Scheibe des Foyers

spähte -- nein, nicht jenes, sondern das andere, das er erblickt hatte,

als er am Schreibtisch eingenickt war, als es so eigentümlich an die

Scheiben pickte -- das Drohung und Kälte ausstrahlte . . .

Augenblicklich erinnerte er sich an alles. Es war ja erst vor wenigen

Tagen.

Scheu und blaß stand das Gesicht in der Türe, und ganz langsam und

zögernd kam es näher. Nicht Drohung, nicht Kälte -- Angst,

Hilflosigkeit, Verwirrung.

Das Blut kehrte in das Gesicht des Generals zurück. Die leichte Lähmung

wich aus seinen Händen.

Unsicher trat Herr Herbst in seinem verknüllten schwarzen Gehrock ins

Zimmer, den Zylinder in der Hand. Er verbeugte sich tief, voller

Ehrerbietung.

In dieser Verbeugung verharrte er ungewöhnlich lange. Er erwartete

irgendein Wort. Dann richtete er sich verlegen auf und blickte dem

General mit seinen entzündeten tränenden Augen ins Gesicht, ohne irgend

etwas zu sehen.

Der General räusperte sich, und Herr Herbst beantwortete dieses Räuspern

mit einer neuen, wenn auch weniger tiefen Verbeugung.

»Bitte«, sagte der General, etwas unsicher und mürrisch und deutete auf

einen Sessel. Rot funkelte die Sonne ins Zimmer.

Herr Herbst nahm auf der Kante des Sessels Platz, hielt den Zylinder in

der Hand und begann zu zittern . . .

Ja, er zitterte. Seine Zähne schlugen aufeinander. Der Sessel schwankte,

er fürchtete auf den Boden zu stürzen. Feuer blies aus der Wand.

Rot wie ein Gebirge bei Sonnenuntergang leuchtete das breite Gesicht des

Generals im Schein der sinkenden Sonne. Riesenhaft wie ein Gebirge

erschien der General Herrn Herbst in diesen Sekunden schrecklichster

Angst.

Der -- »Blut-Hecht!« Wie? Ja, er -- so nannten ihn seine Soldaten

. . .

Erst jetzt, da es zu spät war, begriff er, was er gewagt hatte, _wem_ er

sich gegenüber befand.

Der . . .

Was hätte er gegeben, alles, alles, wenn er nur wieder auf der Straße

wäre.

Der General schnitt behutsam die Spitze einer Zigarre mit dem

Federmesser ab.

»Ich bitte --?« sagte er leichthin, während er die Zigarre zwischen den

Fingern rollte. »Was wünschen Sie?« Er hatte das Gleichgewicht völlig

wiedergefunden.

Sein Blick glitt flüchtig über das zitternde Häufchen Hilflosigkeit in

dem abgetragenen schwarzen Rock. Ohne sich dessen bewußt zu werden,

genoß er die Angst, die er seinem Besuche einflößte, denn kein Mensch,

er sei denn von seltener Güte, kann einen andern zittern sehen, ohne

sich augenblicklich erhoben zu fühlen. Oben und Unten, Herren und

Knechte, nie hatte der General eine andere Gesellschaftsordnung auch nur

in Gedanken erwogen. Es waren Gesetze, von Gott gegeben, die man

hinnahm, ohne darüber weiter nachzudenken. Bis zum jüngsten Tage wird es

Oben und Unten, Herren und Knechte geben. Andere als dieser hatten vor

ihm gezittert -- Soldaten und Offiziere -- und sie hatten gezittert

wenige Minuten, bevor sie in den Tod gingen.

Herr Herbst bewegte die Lippen -- aber in diesem Augenblick zwitscherte

ein Vogel irgendwo, und erschrocken wartete er.

Wieder bewegte er die Lippen. Er mußte sprechen, Worte, irgendein Wort,

es war höchste Zeit. Wie lange noch sollte dieser andere -- dieser hier

-- schon sank die Sonne, dämmerte es im Zimmer -- nur dieses breite

starre Gesicht leuchtete noch.

Und plötzlich flüsterte er. Aber er erschrak bis ins Mark über die

Worte, die von seinen Lippen kamen -- keineswegs die Worte, die er sich

zurecht legte und einübte, in den Nächten, auf der Straße, wenn er so

dahinging.

Seine Lippen flüsterten, kaum vernehmbar:

»_Geben Sie mir meinen Sohn wieder!_«

Und schon hob er erschrocken die Hand, um die Worte zurückzuhalten.

Aber der General konnte sie gar nicht gehört haben, kaum, daß sie bis in

seine eigenen Ohren drangen.

Das Gesicht des Generals wurde fahl und erdig. Die Sonne war fort. Starr

stand er vor ihm, unerbittlich, schweigend, und die Augen forschten --

kalt, ohne Erbarmen.

Hastig bewegte er von neuem die Lippen. Aber obschon er diesmal eine

bestimmte Redewendung, die mit »Bitte gehorsamst« begann, auf den Lippen

formte, flüsterten seine Lippen, ganz gegen seinen Willen, die gleichen

furchtbaren Worte wie vorher:

»Geben Sie mir meinen Sohn wieder!«

Diesmal schon etwas vernehmbarer.

Er fuhr zusammen, erschauerte, suchte nach dem Taschentuch.

Da erklang die Stimme des Generals. Ruhig und beherrscht -- mit jener

doppelten Ruhe und Überlegenheit, die sich ganz von selbst bei allen

Menschen von nicht seltener Güte einem zitternden Menschen gegenüber

einstellt.

»Sie haben mir neulich geschrieben?« sagte die ruhige und überlegene

Stimme.

»Bitte gehorsamst, Exzellenz!«

»Sie haben mir geschrieben -- Ihr Sohn, wenn ich mich recht erinnere

--?«

»Mein Sohn Robert, Euer Exzellenz!« Prächtig ging es nun. Röte huschte

über das bleiche, kleine Gesicht. Der Sessel hörte auf zu schwanken, die

Gestalt des Generals nahm natürliche Maße an.

»Er ist --?«

»Gefallen. Am 5. August.«

»Fünften, sagten Sie?«

»Fünften, Euer Exzellenz. Beim Sturmangriff auf Quatre vents. Am vierten

hatte bereits ein Jägerbataillon gestürmt, vergeblich, am fünften

. . . da fiel er.«

Der General ließ den Blick rügend auf Herrn Herbst ruhen. Dieses leicht

kritische »vergeblich«, wahrscheinlich ohne besondere Absicht geäußert,

mißfiel ihm.

»Er fiel für Kaiser und Reich!« sagte er mit etwas salbungsvoller,

tieftönender Stimme.

Die kleinen entzündeten Augen blinkten. Herr Herbst leckte sich die

schmalen Lippen, und ein paar gelbe Zahnstumpen wurden sichtbar. Einen

Augenblick schien es, als ob sein Gesicht sich zu einer Grimasse von

satanischem Hohn verzerren wolle.

»Wie Tausende und Hunderttausende, wie Millionen --!« fuhr der General

fort, und seine Stimme hob sich.

Wieder verzerrte sich das kleine fahle Gesicht, dann aber zog er das

Taschentuch heraus und preßte es an die Augen. Der Schmerz überfiel ihn.

Er wimmerte leise.

Plötzlich aber knallte es -- ganz wie heute vormittag im Foyer, als er

mit dem Portier sprach -- der Zylinder war auf den Boden gefallen.

»Bitte gehorsamst --« stammelte Herr Herbst erschrocken und hob den

Zylinder auf. Schwindel ergriff ihn, als er sich wieder setzte und die

Tränen abwischte. Das Zimmer drehte sich im Kreise, eine Faust preßte

seinen Magen zusammen. Ah, wenn es ihm nun übel würde! Das wäre eine

Sache! Er hatte ja die ganze Nacht hindurch getrunken, und plötzlich

fühlte er die Betrunkenheit. Beschütze mich Gott! Mit Spitzbuben hatte

er getrunken, richtigen Spitzbuben, die Werkzeuge in einem Brotbeutel

bei sich führten -- in einer Kneipe, im Hof, die die ganze Nacht offen

war. Wenn der General nun bemerkte --

Aber der General war zum Schreibtisch gegangen und hatte ein Schubfach

aufgezogen. Er drehte das Licht an.

»Verstehen Sie Karten zu lesen -- Herr --?«

»Herbst.«

»Herr Herbst? Nun, ich hätte Ihnen sonst erklären können, was ich

beabsichtigte. Wir haben am 4., 5. und 6. August gekämpft und die Höhe

leider räumen müssen, weil man uns die Reserven versagte . . .«

Versöhnlich klang plötzlich die Stimme des Generals. Auch er hatte ja

einen Sohn im Kriege verloren. Auch er war ein Vater, der trauerte. Der

Krieg hatte alle gesellschaftlichen Bande gelockert. Über manches mußte

man in dieser Zeit hinwegsehen. »Hier ist die Höhe,« fügte er hinzu, »wo

Ihr Sohn für die Größe und Ehre des Vaterlandes . . .«

Taumelnd erhob sich Herr Herbst. Ja, der Rausch kam, ohne Zweifel.

»Sie sind nicht von hier?«

»Aus der Provinz, Euer Exzellenz!«

»Beruf?«

»Früher Lehrer an einem Gymnasium.«

»Bitte, treten Sie ruhig näher.«

Auf der großen und ausgezeichnet scharfen Photographie sah Herr Herbst

zunächst nichts. Ein Meer, wie, was war das? Wellen, Wogen. Ein Ozean in

Aufruhr! Dann aber unterschied er Baumstrunke, die kreuz und quer aus

diesen furchterweckenden Wogenbergen hervorstanden, und einen schmalen

Erdgang der mitten in die Wogenberge aus erstarrtem Schmutz hineinführte

-- es war die Kuppe der Höhe selbst, von den Minen zerrissen.

Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit pflegte der General diese erschreckend

realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen.

»Das also ist Quatre vents!« sagte er.

Herr Herbst atmete schwer.

7

Die Geschichte wird entscheiden, dachte der General, wie immer, wenn er

die Kämpfe um Quatre vents in seinem Geiste vorüberziehen ließ. Aber er

täuschte sich. Die Geschichte wird nicht entscheiden, sie hat etwas

Besseres zu tun. Die Geschichte wird diese Höhe ganz einfach vergessen.

Die Höhe von Quatre vents war strategisch gänzlich belanglos. Drei

Kilometer rückwärts lag eine zweite, viel stärkere Höhe, durch einen

Flußlauf vor der Unterminierung geschützt. Die Lage von Quatre vents war

sogar ungünstig. Sie konnte jederzeit abgeschnürt werden, wie es später

auch geschah, sie lag offen vor den feindlichen Geschützen, und ihre

Zugänge wurden vom feindlichen Feuer bestrichen. Der General aber hielt

Quatre vents für einen Angelpunkt der Westfront.

Sonderbarerweise aber, auch der französische General gegenüber, ein

französischer Hecht-Babenberg, auch er hielt die Höhe für einen

Angelpunkt der Westfront! Unaufhörlich schickte er seine Schwarzen vor.

Tausende und Abertausende von dunkelhäutigen Kadavern verpesteten

monatelang die Luft, bis die gütige Erde, die keinen Unterschied macht

zwischen Schwarz und Weiß, sie in sich schluckte. Trotz ungeheurer

Verluste sappte sich der Franzose eigensinnig heran, und endlich lag man

sich an einzelnen Stellen kaum fünf Meter entfernt gegenüber. Ein

Räuspern bedeutete den Tod. Nun erst begann der eigentliche Kampf um die

Kuppe.

Man unterminierte gegenseitig die Stellungen und sprengte die Gräben

einfach in die Luft. Als der General eines Tages gerade badete, meldete

man ihm, daß eine ganze Kompanie in die Luft geflogen sei. Furchtbarer

Morgen! Zuweilen kämpfte man sogar mit Messern und Handgranaten in den

finsteren Stollen unter der Erde.

Wie die Rasenden bekämpften einander die beiden Generale, die fünfzehn

bis zwanzig Kilometer hinter dem Teufelsberg, umgeben von

Stabsoffizieren, Telephonapparaten, Ordonnanzen, Köchen und

bombensicheren Unterständen in ihren Schlössern hausten.

Frankreich erwartet, daß ihr die Trikolore auf der Höhe aufpflanzt!

Die Höhe ist und bleibt in deutscher Hand! Nur über unsere Leichen,

Kameraden . . . Ja, Kameraden pflegte der General seine Soldaten in

derartigen Befehlen zu nennen. Von Zeit zu Zeit verteilte er mit

feierlichen Ansprachen Eiserne Kreuze.

Schließlich glaubten die Soldaten auf beiden Seiten tatsächlich, daß sie

um den Angelpunkt der Westfront rangen.

Der 9. November: Roman · 第 24 / 74 题