1
Dampfwolken quollen aus der Halle, Rauchfetzen flatterten zwischen den
Eisenträgern. Alles wehte. Die Vorortzüge liefen kreischend ein,
keuchten kreischend hinaus. Mäntel, Hüte, Röcke wirbelten im Rauch und
weißen Wasserdampf. Auch Klaras Kleider wirbelten. Sie fror an den
dünnen Beinchen, aber sie liebte es, ganz leicht gekleidet zu gehen.
Der nach der Westfront abgehende Frühzug hatte Verspätung. Mochte er!
Wie gerne wartete sie! Schon seit einer Stunde ging sie hier am
Charlottenburger Bahnhof auf und ab. Drüben am Bahnhof Zoologischer
Garten standen sie nun, die Damen Sterne-Dönhoff, Mutter und Schwestern,
und plauderten noch mit ihm. Der Wind pfiff von allen Seiten in die
Halle, und blendende Helligkeiten fegten draußen über die Dächer.
Plötzlich blieb Klaras Herz stehen:
Um die Ecke schnob ein pechschwarzes Ungeheuer, qualmend aus Schlot und
Zylindern. Blitzschnell kam es auf Rauch herangewirbelt. Der Fernzug
. . .
Der Kurfürstendamm, wimmelnde Menschen -- sie und Heinz. Der Tiergarten,
brausende Bäume -- sie und Heinz. Die Stufen der Untergrundbahn, ein
Menschenstrom, das kleine Café in der Kantstraße -- sie und Heinz. Wie
durch ein scharfes Glas sah sie sich neben ihm, immer neben seinem
weiten grauen Feldmantel -- nur die Szenerien änderten sich,
blitzschnell, alle Straßen, Plätze, die sie zusammen besucht hatten. Der
Tiergarten -- gestern nachmittag, als sie Abschied nahmen, es dämmerte
schon -- sie gab ihm das Medaillon mit der Locke, das sie so oft und
tausendfach küßte, bis sie einen Weinkrampf bekam -- als Talisman sollte
er es tragen -- und plötzlich verschwindet alles in einem Wirbel, nichts
ist mehr vorhanden als ein leerer Raum, durch den die schwarze
Lokomotive dahinstürmt.
Ihre Kleider flatterten, sie griff an die grasgrüne Mütze mit der grünen
Seidenquaste, in der Rechten wehte das Taschentuch. Sie dachte an
nichts, ihre Augen glitten erregt an dem fliegenden Zug entlang, und sie
verging vor Angst, daß sie Heinz nicht mehr sehen würde.
Da, da, da, da war er! Seine Hand, sie erkannte sie sofort, winkte ihr
zu. Ein Lachen in seinem geröteten Gesicht, ein Blitzen der Zähne, und
die blonden Haare leuchten. Auf seiner Brust aber glänzte -- wie ein
heller Stern -- durch den Mantel hindurch -- das Medaillon aus Kristall:
deutlich sah sie es. Groß und mächtig wie ein Stern, obgleich es ganz
klein war.
Hunderttausende und abermals Hunderttausende waren schon auf diesen zwei
Schienen fortgefahren, und alle trugen einen Talisman auf der Brust.
Fort war Heinz.
Der Zug war rasend schnell gefahren, aber die letzten Wagen rollten ganz
langsam an Klara vorüber.
Der Wind riß ihre Kleider bis zu den schmalen Knien empor, aber sie
bemerkte es nicht. Soldaten, die aus den letzten Wagen blickten,
schnitten ihr Gesichter.
Da aber fing sie an zu laufen, und weinend stürzte sie die Treppe hinab.
Wie ein Messer zerschneidet das Lebewohl ein junges Herz.
Alles war ja noch Geheimnis, niemand wußte etwas, niemand wußte von
ihren Schwüren, ihren Versprechungen, ihren Plänen, ihren Träumen,
niemand.
* * * * *
Schon war Klara zu Hause, und schon war die grüne Mütze mit der grünen
Seidenquaste in ein Paketchen eingeschnürt, fertig zum Absenden. Er
sollte sie haben. Ach, und sie weinte und bedeckte die alte grüne Mütze
mit Küssen und Tränen.
Schon aber hatte der Zug die nächste Station passiert, und Klara steckte
die kleine Flagge auf der Karte um. Man muß wissen, daß Klara sich ein
Kursbuch gekauft hatte, um den Zug verfolgen zu können.
Und schon war Klara wieder auf der Straße und lachte in Sonne und Wind,
während auf ihrem Herzen noch die Tränen brannten. Auf zierlichen,
raschen Beinchen schritt sie, die schmale Hüfte wippend, die
Joachimsthaler Straße hinab. Sie war glücklich.
Klara ging einkaufen. Sie mußte ja nun an die Feldpaketchen denken, ganz
wie Millionen andere Frauen. Kam sie zurück, so konnte sie die Flagge
schon bis Hannover vorstecken.
Schon dachte sie an die Zeit, da sie die Flagge zurückstecken würde --
wenn er zum ersten Male auf Urlaub kam.
Zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen liegt die Zone des
Paradieses. Blendend von Träumen, Plänen, Visionen, Ahnungen und
Wünschen. Wunderbar und erhaben liegt das Leben vor den Blicken, und
mutig geht ihm der Schritt entgegen.
Durch dieses Paradies schritt Klara dahin, obschon sie nur die
Joachimsthaler Straße hinabwanderte.
2
Schon wanderte die kleine Flagge auf der Karte wieder rückwärts. Es war
der Zug, der den ersten Brief bringen konnte. Konnte! Aber er kam nicht.
Nun kam der Zug an die Reihe, der den ersten Brief bringen sollte. Aber
er kam nicht. Nun kam der Zug, der den ersten Brief bringen mußte. Aber
er kam nicht. Die Stunden blieben stehen. Die Uhren tickten, das Herz
schlug im Halse, und in der Nacht saß Klara mit offenen Augen im Bett.
Endlich, am sechsten Tage, kam er.
»Hier ist ein Brief, kleine Braut«, sagte Hedi, und Klara errötete. Hedi
hatte ein überlegenes, aber gutmütiges Lächeln für die Schwester.
Dieselbe Geschichte! dachte sie. Sie wird Briefe schreiben, jahrelang
auf den Briefträger warten . . . Es ist immer das gleiche.
»Gib, bitte!« sagte Klara, und ihr Atem stockte.
»Du versprichst mir, auf Frau v. Dönhoffs Hausball mitzukommen?« (Allein
würde der Geheime Rat Hedi nicht gehen lassen!)
»Ich verspreche! Feierlich!« --
Welches Glück, beim Himmel! Und welche Enttäuschung, dieser Brief
. . .
»-- wir haben ein reizendes Quartier. Ein kleines Schlößchen. Daneben
liegt unser Flugplatz. Mich haben sie in einer Dachkammer untergebracht.
Wir haben eine Enten- und eine Hühnerzucht. Die Mannschaften besitzen
sogar ein kleines Wildschwein.« Ja, was ging sie das an?
Herrlich ist es hier, herrlich, liebe Klara!
Tag und Nacht krachen die Kanonen, und fast in jeder Stunde knallen die
Abwehrgeschütze ganz in unserer Nähe, Schwärme von feindlichen Fliegern
kommen herüber. In der Nähe nämlich steht im Walde ein weittragendes
Geschütz. Wenn es schießt, ist es wie ein Erdbeben. Ein balkendicker
Feuerschein fährt dann aus dem Walde.
Das Wetter ist stürmisch und trüb, und gestern habe ich mich mit dem
kleinen frechen Meerheim -- Du kennst ihn ja -- etwas in der
Nachbarschaft herumgetrieben. Er ist eine Art Zyniker, aber wir kommen
trotzdem ganz gut miteinander aus. Wir waren mit dem Auto in Q. Schutt
und Asche! Furchtbar anzusehen! Die Kathedrale wurde von französischen
und englischen Geschützen in Trümmer geschossen und geriet zuletzt in
Brand. Ein Symbol des Schreckens und des Krieges. Am Abend speisten wir
in der Etappe, wo mich der kleine Meerheim bei Bekannten einführte. Sie
führen ein herrliches Leben, essen und trinken und feiern ein Fest nach
dem andern. Gerade als wir kamen, feierte ein Rittmeister sein Eisernes
Erster. Es wurde furchtbar gekneipt, und zuletzt ging es böse her. Wie
ekelhaft! Ich habe nicht einen Tropfen angerührt, denn ich halte das
Versprechen, das ich Mama gab. Neben dem Kasino liegt das Lazarett, wo
die armen Kerle von vorn hereingebracht werden. Auf dem Heimwege
begegneten wir einem Wagen voller Kisten, nur notdürftig zugenagelt. Sie
wurden zum Friedhof gebracht. All das ist schrecklich. Das sind die
Schattenseiten des Krieges, der sonst herrlich ist, Klara, und alle
wunderbaren Eigenschaften des Menschen weckt, Heldentum, Aufopferung,
Kameradschaft!
Die Kameraden sind alle reizende Leute, prachtvoll ist unser Chef,
Hauptmann Wunderlich, geliebt und bewundert von Offizieren und
Mannschaften. Es ist rührend zu sehen, wie sie Hauptmann Wunderlich alle
behilflich sind, wenn er in die Maschine steigt. Er wird ja
hineingehoben. Aber alle tun so, als ob sie ihm immer nur ein bißchen
behilflich wären und er aus eigener Kraft hineinklettere.
Das Wetter war sehr schlecht die ganze Zeit her, die Sicht gleich Null.
Nur einmal machten wir einen Geschwaderflug, und das war wunderbar für
mich, das erstemal gegen den Feind zu fliegen. Ich sang oben in der
Luft.
Schon hatte Klara Tränen in den Augen. Und ich? dachte sie, und ich? Er
schreibt ja kein Wort -- keine Silbe . . .
Die Schilderung des Geschwaderfluges, die zwei volle Seiten einnahm,
überflog sie. Mit Tränen in den Augen las sie, daß Heinz den Spitznamen
»Kücken« bekommen hatte. Den ganzen Tag heißt es nun: »Wo ist das
Kücken? Kücken, kommen Sie mal her!«
Und von ihr, von ihrer Liebe . . .?
»Neulich war auch P. P. da, Du weißt schon, wen ich meine. Er besuchte
uns. Er kam im Automobil angefahren, das er selbst lenkte. Er war sehr
elegant gekleidet, und seine Offiziere trugen phantastische Mäntel aus
wunderbarem weichen Leder, herrliche Stulphandschuhe, überhaupt waren
sie tipptopp. P. P. hatte die Tasche voller Zigaretten, die er mit
vollen Händen an die Mannschaften verteilte. Ich mußte vorfliegen, und
ich machte fünfmal Looping in tausend Meter Höhe --«
Das alles interessierte Klara nicht.
Es interessierte sie auch nicht, was Heinz über den berühmten bayrischen
Kampfflieger Seitz schrieb, der den ganzen Tag Geige spielte und seinen
kleinen Dackel mit in die Maschine nahm. Dann war viel von
Ordensauszeichnungen die Rede. Heinz wollte nicht eher auf Urlaub
fahren, bevor er nicht die beiden Kreuze besaß. Und dann kam der Pour le
mérite an die Reihe! Ach, du lieber Himmel, gewiß würde sie stolz auf
ihn sein, aber . . .
»Ich fiebere danach, mich auszuzeichnen und für mein Vaterland, das
große und herrliche Deutschland, zu kämpfen, das ich über alles liebe,
und dem ich meine ganze Kraft weihen will. Der schönste Moment meines
Lebens wird es sein, wenn ich das erstemal mich mit meinem Gegner da
oben messe! Ich werde nicht locker lassen, bis er hinunterrasselt. Über
alles werde ich Dir dann schreiben, liebe Klara!«
Dann, kamen noch ein paar Redensarten. »Wie geht es Dir? Hoffentlich
gut. Hast Du meine Cousine, Frau v. Dönhoff, schon besucht? Was macht
Berlin? Eben fängt dieser Bayer Seitz wieder an, Geige zu spielen. Er
spielt sehr schön, aber oft übt er stundenlang, bis sie Gegenstände nach
seiner Decke werfen.
Nächstens werde ich Dir auch einiges über meine Maschine schreiben. Sie
ist ein ganz neuer Typ, klettert wie ein Affe senkrecht in die Höhe.
Hauptmann Wunderlich ist sehr zufrieden, und die Kameraden haben für
meine Fliegerei sogar etwas wie Bewunderung übrig. Gute Nacht!«
Klara weinte.
Hedi ging durchs Zimmer, aber sie störte die Kleine nicht. Sie wußte
genau, was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. Hunderte solcher
Feldbriefe hatte sie bekommen. Sie hätte Klara warnen sollen, sich mit
einem Offizier einzulassen. Sie waren ja alle eitle Schwätzer, eitel und
oberflächlich, nichts als Prahlereien über Kämpfe und Geschwätz über
Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front kamen, waren sie gänzlich
wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht.
* * * * *
Klara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswärmer zu stricken.
Sollte man es für möglich halten, in ganz Berlin gab es nicht einen
Strang Wolle? Und früher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle
Welt strickte Tag und Nacht, Deutschland war vollgestopft mit Wolle. Wie
sollte man auf den Gedanken kommen, daß es einmal damit zu Ende gehen
könne?
Früher -- Klara erinnerte sich deutlich, damals trug sie noch Zöpfe --
als der Krieg begann, gab es herrliche Dinge zu kaufen. Jetzt gab es
nichts mehr, gar nichts. Höchstens Bücher und schlechte Zigaretten. Rein
ausgeplündert schien diese Stadt!
Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie für Heinz einkaufte --
und billig. Denn Klara erhielt nur dreißig Mark Taschengeld im Monat.
Sie hatte allerdings schon seit langem gespart . . . Aber allein das
Medaillon hatte eine große Summe verschlungen.
»Es ist für meinen Mann, er ist im Felde«, sagte sie, wenn sie einkaufte
und errötete bei der süßen Lüge.
»So jung und schon verheiratet, gnädige Frau?«
»Ja, wir sind kriegsgetraut.«
Klaras Augen strahlten. Sie wandelte im Paradies.
Häufig hielt sie sich in der Straße auf, wo Frau Sterne-Dönhoff wohnte.
Nur um Heinzens Mutter und Schwestern gelegentlich zu sehen. Selten nur
hatte sie Glück. Die Schwestern sahen Heinz ähnlich. Der Mund besonders!
Die Damen Sterne-Dönhoff gingen immer in Schwarz. Sie trugen dicht
anliegende Wollkleider, flache, schmucklose Hüte, spitze Schuhe. Die
Mutter ging immer in der Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie.
* * * * *
»Ich liebe Dich, Heinz, ich küsse Dich, ich drücke Dich an mein Herz.
Dir gehöre ich, mit Leib und Seele! Mache nicht Looping und sei
überhaupt vorsichtig. Ich werde stolz sein, wenn Du Auszeichnungen
erhältst, aber ich liebe Dich auch so. Es ist ganz nebensächlich. Ich
war in der Kirche und habe gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, daß
ich mich schämte. Ich bin ein dummes Mädchen. Ich schicke Dir hier eine
neue Locke. Bitte, tue sie in das Medaillon. Ich habe sie in Weihwasser
getaucht, bei der ersten hatte ich das vergessen. Verbrenne die erste,
versprich es mir! Das mußt Du tun, und so wird der Talisman wirken! Ich
habe so inbrünstig gebetet, und vor kurzem konnte ich überhaupt nicht
mehr beten. In der Kirche waren sechs Frauen, sie beteten wie ich.
Ich lege Dir hier eine ganze Menge Briefe bei, die ich geschrieben habe
in diesen letzten Tagen, jeden Tag einen, um mein Herz auszuschütten.
Ich lege sie bei, obwohl sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, daß
ich immer an Dich gedacht habe.
Von allen Deinen Kameraden ist mir der Bayer Seitz am sympathischsten.
Er nimmt seinen kleinen Hund mit in die Maschine, wie rührend ist das!
Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mißmutig und niedergeschlagen.
Man könnte glauben, sie hätten alle Hoffnung verloren, und doch steht es
ja besser als je, wenn man die Zeitungen liest.
Du hast mir nicht geschrieben, ob Du unseren Stern betrachtest. Zwischen
zehn und elf Uhr, vergiß nicht. Gestern funkelte er herrlich, und ich
mußte so schrecklich weinen. Ich bin so ein dummes Ding, denn ich bin so
rasend glücklich.
Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glücklich. Es scheint,
als ob es zwischen ihr und Otto zu Ende sei. Sie spricht geringschätzig
von ihm, und das finde ich nicht schön. Wahrscheinlich liebt sie ihn
nicht mehr. Aber das ist ja kein Grund Schlechtes über ihn zu sagen und
zu sagen, er sei eitel und eingebildet. Wir zanken uns sehr viel. Hedi
glaubt nicht, daß die Liebe zwischen zwei Menschen ewig dauert. Aber ich
glaube es. Und so geht der Streit hin und her. Was glaubst Du, mein
Geliebter? Du brauchst auf diese Frage nicht zu antworten. Ich weiß
selbst, was Du glaubst.
Ja, bei Frau v. Dönhoff habe ich Besuch gemacht. Deine Cousine ist eine
originelle Frau. Ich traf sie in einem schwefelgelben seidenen Kimono,
und sie kann so herrlich lachen. Es wird einem wohl ums Herz dabei!
Sonst lebe ich ganz zurückgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater.
Denn es scheint mir Sünde, daß die Menschen sich amüsieren, während
andere draußen leiden. Wenn ich etwas zu sagen hätte, so würde ich alle
Theater schließen. Übrigens hat sich eine schreckliche Unsitte bei uns
eingebürgert. Die Leute bringen ihre Brötchen, ihr Abendessen, mit ins
Theater, und sobald es dunkel wird, fangen sie an, mit dem Papier zu
rascheln und zu kauen. Es ist unerträglich. Du weißt, Heinz, daß wir
davon gesprochen haben, auf dem Lande zu wohnen und zu reisen. Davon
träume ich. Fräulein v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte,
die Behörden erlauben mit Absicht Theater, Kinos und Konzerte. Das Volk
solle gar nicht zum Bewußtsein kommen, es solle betäubt werden.
Überhaupt -- sie hat Ansichten, daß man nicht glauben sollte, sie sei
die Tochter eines Generals! Wenn sie diese Ansichten öffentlich äußert,
so wird man sie einsperren und das mit Recht. Und doch ist sie
anziehend. Sie plauderte sehr lieb mit mir, und wir gingen ein weites
Stück zusammen. Ich glaube wohl, daß ich sie lieben könnte, wenn sie nur
nicht diese schrecklichen Ansichten hätte.
Otto ist noch immer im Lazarett, wird aber bald entlassen. Man sagt, daß
er schrecklich niedergeschlagen sei, weil er nicht mehr zur Front zurück
kann. Vielleicht sehe ich ihn aber nächstens, denn Fräulein v. Hecht hat
mich gebeten, sie zu besuchen, und da treffe ich ihn vielleicht. Hedi
lernt nun Schreibmaschine schreiben. Sie sagt, sie will sich nun
unabhängig machen, und sobald sie Geld verdient, wird sie ihre Koffer
packen. Ich traue es ihr zu, aber Papa wird ihr schon die Meinung sagen.
Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fühle, Gott hat Dich in
seinen Schutz genommen. In den letzten Jahren war ich ja leider zu einem
völligen Atheisten geworden, und zwar durch Hedi, die nicht an Gott
glaubt und behauptet, wenn es einen Gott gäbe, so würde er solch einen
Krieg nicht zulassen, wo Millionen Menschen zerfleischt werden.
Lebe wohl, Heinz, und vergiß nicht unsern Stern. Möchtest Du bald
wiederkehren, möchte der schreckliche Krieg bald zu Ende sein! Ich bete
zu Gott! Mein Herz ist gequält.
Ach, Heinz, ich liebe Dich! Hier, diesen kleinen Zettel schicke ich mit.
Er sieht ganz unscheinbar aus, nicht wahr? Aber ich habe ihn mit tausend
Küssen bedeckt, und die soll er Dir überbringen.
Deine kleine Frau Klara.
Nebenan ist jetzt ein kleiner weißer Terrier aufgetaucht. Ich habe mich
mit ihm angefreundet. Er spielt im Vorgarten mit Papierstücken, die der
Wind bewegt -- rührend! Auch Paketchen sind schon unterwegs.«
3
Ein Fingernagel pickte an das Fenster der Portierloge.
Keine Antwort. Kein Laut. Totenstille.
»Herr Portier! -- Herr Portier?«
Der Portier, der dem alternden Moltke ähnlich sah -- natürlich nur eine
flüchtige Ähnlichkeit und nur unter besonderer Beleuchtung, es war dem
General ja nur so nebenher durch den Kopf gegangen -- der Portier
schlief.
Aber hartnäckig pochte der Fingernagel. Und nun wurde eine schneeweiße
Visitenkarte durch das offene Fenster geschoben -- da erwachte der
Portier.
Er erwachte und hob sofort beschwörend die Hände, und auch, sonderbar
genug, der kleine Herr mit dem zu tief sitzenden Zylinder hob sofort
beschwörend die Hände.
»Um, Gottes willen -- Sie -- wieder?«
»Ich bitte um Verzeihung.«
»Und heute dazu!«
»Weshalb -- heute --?«
»Exzellenz ist heute -- horchen Sie nur: das ganze Haus -- totenstill!
Exzellenz sind heute schlecht gelaunt, mit einem Wort. Und Sie -- ich
sagte Ihnen doch -- ach, ach!«
»Gestatten Sie --«
»Ach! Ach!«
Das Aluminiumetui blinkte.
»Nein, nein, danke. Sie bringen mich noch in Ungelegenheiten.«
Plötzlich knallte es, als sei eine Bombe im Foyer explodiert. Aber es
war nur der Zylinder des Herrn Herbst, der auf die Steinfliesen gefallen
war, als er sich bemühte, den Kopf durch das Fenster zu stecken.
»Ich bitte Sie -- ich fordere Sie hiermit ebenso höflich wie dringend
auf --!« Geifer stand zwischen den Zähnen des alternden Moltke.
»Sie mißverstehen mich --« Herr Herbst hatte den Zylinder wieder
aufgesetzt.
»Ich verstehe Sie recht wohl. Ungelegenheiten --« Das Fenster klappte
zu.
Wieder pickte der Fingernagel, hartnäckig.
Der Portier setzte eine eisige Amtsmiene auf, öffnete das Fenster wieder
und sagte in dienstlichem Tone: »Sie wünschen?«
»Ich wollte nur fragen --«, stotterte Herr Herbst, den die Amtsmiene
augenblicklich in Verwirrung brachte, -- »nur fragen -- es ist wichtig
für mich, weil ich entschlossen bin --«
»Entschlossen?« Ach, wie kalt die Stimme klang, ohne Teilnahme.
»Ja, entschlossen.«
»Bitte?«
»Es liegt wohl keine Antwort für mich hier?«
»Nein!« Das Fenster flog wütend zu.
Herr Herbst lüftete den Zylinder, obwohl ihm der Portier die weißen
Haarsträhnen zudrehte, und ging. Nach einer Weile kehrte er zurück und
legte, ohne ein Wort zu sagen, eine Zigarre auf das Gesims des kleinen
Fensters. --
In der Tat, das häßliche rote Amtsgebäude mit seinen öden Korridoren lag
heute noch stiller als sonst, totenstill.
Schweigen, Flüstern, halblaut geführte Telephongespräche. Die Türen
waren Samt. Die Ordonnanzen und Drillichkittel schlichen auf den
Zehenspitzen über die Korridore, jemand nieste, und sofort fuhr ein Kopf
drohend aus der Türe. Die Offiziere, die zusammengedrängt an ihren
Schreibtischen arbeiteten, wagten nicht aufzublicken. Jeden Augenblick
konnte das graue Steingesicht im Türrahmen erscheinen. Major Wolff
paffte eine dicke Zigarre und vergrub den Kopf in die Akten. Es war
Windstärke 12, ohne jede Übertreibung.
»Hat er den Abschied bekommen, Weißbach?«
»Meine Herren --!«
»Oder die schöne Dora --?«
»Ich bitte doch dringend!«
Der Adjutant war vom Chef zurückgekommen und hatte nur beschwörend die
Hand gehoben. »Windstärke 12.« Damit pflegte er einen bestimmten Zustand
zu bezeichnen. Weiß Gott, wie er als Artillerist zu diesem Ausdruck kam.
»Aber erklären Sie doch!«
»Pst!« Zuweilen legte Weißbach lauschend das Ohr an die gepolsterte
Doppeltüre.
Ein lautes, herausforderndes Räuspern, das Räuspern eines Menschen, der
keine Rücksichten zu nehmen braucht und auch keine Rücksichten nimmt,
drang aus dem Saal, der von dem Ölgemälde Seiner Majestät bewohnt war.
Plötzlich aber begann es in diesem Saal zu donnern, einmal, ein
schwächeres Donnerrollen, zweimal -- wiederum Stille. Der Adjutant
wechselte die Farbe. War jemand in das Zimmer des Generals gekommen?
Unmöglich! An der gepolsterten Doppeltüre im Korridor hing das Schild
»Vortrag«. Und daneben das Schild: »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!«
Ganz unmöglich. Aber trotzdem: es klang, als spräche er mit jemand --?
* * * * *
Halt, Unglückseliger! Es war zu spät . . .
An der gepolsterten Doppeltüre, die zum Korridor führte, knackte es
plötzlich höchst eigentümlich, und der goldene Kneifer glitt von der
Nase des Generals.
Es geschah etwas geradezu Unfaßbares . . .
Der General hatte, so alt er war, das heißt solange er einen höheren
Rang bekleidete, so etwas nicht erlebt. Er hätte es, offen gesagt, für
unmöglich gehalten.
In der Doppeltüre erschien -- unter Umgehung des Schreibzimmers, der
Anmeldung, unter Umgehung des Adjutanten, trotz der Aufschriften
»Vortrag« und »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!« -- erschien, ganz als
ob es eine selbstverständliche Sache sei, hier einzutreten, ein
gewöhnlicher Soldat! Wie von einer höllischen Versenkung emporgehoben,
tauchte er plötzlich auf.
Ein Drillichkittel, eine Ordonnanz mit einem großen gelben Brief in der
Hand. Dieser Mann -- ein Schneider von Beruf, klein, etwas krummbeinig,
namens Hanuschke, den man hierher kommandiert hatte, so wie man ihn im
Laufe der Kriegsjahre an Dutzend Stellen kommandierte -- hatte sich
einfach in der Türe getäuscht. Er wollte gar nicht nach Nummer 7, er
wollte nach Nummer 6.
Dieser Schneider Hanuschke hatte, um nur etwas zu nennen, bei der
Lorettohöhe gekämpft, er war einer der wenigen, die noch in der
berühmten Zuckerfabrik bei Souchez waren, von der seinerzeit soviel die
Rede war. Bei Souchez hatte eine schwere französische Mörsergranate
dicht neben ihm den Kompanieführer und drei Kameraden mit in die Höhe
genommen, gewiß kein geringer Schreck -- er hatte sich am Roten-Turm-Paß
und in Polen geschlagen, also manches erlebt -- nun aber stand er wie
vom Schrecken gelähmt: Vor seinen Augen schwebte urplötzlich in einer
lichtgesättigten, hellblauen Rauchwolke ein General. Im ersten Moment
glaubte er sich einer überirdischen, verwirrend funkelnden Erscheinung
gegenüber, die zwei weiße Stichflammen auf ihn richtete.
Als alter Feldsoldat handelte Hanuschke augenblicklich. Er hatte ja auch
gehandelt, als die schwere Mörsergranate bei Souchez dicht neben ihm
einschlug. Wie der Blitz hatte er sich zu Boden geworfen und
fortgerollt, mit solcher Eile, daß die herabkommenden Gliedmaßen ihn
nicht mehr erreichten. Nur der Feldstecher seines Kompanieführers
klatschte neben ihm in den Boden.
Also handelte er auch hier.
Automatisch und blitzschnell führte er alle die Akte der hohen Dressur
aus, die man ihm beigebracht hatte. Soweit sein schwindendes Bewußtsein
es zuließ, schätzte er die Schritte ab, und in der vorgeschriebenen
Entfernung begann er sich vor der in einer Wolke schwebenden Erscheinung
aufzubauen. Er schlug die Absätze seiner schweren Kommißstiefel
zusammen, schwang die Ellbogen nach außen, führte die Hände an die
Hosennaht und fing an, so klein und krummbeinig er auch war, zu wachsen.
Seine Gelenke streckten sich, die krummen Beine bogen sich gerade, der
Oberkörper hob sich aus den Hüften, der Brustkorb wölbte sich, der Kopf
stieg zwischen den schmächtigen Schultern empor, und endlich erstarrte
er, den Blick in die weißen Stichflammen gerichtet.
Zweiundzwanzig Sturmangriffe hatte er mitgemacht, zweiundzwanzigmal war
er mit dem Trillern der Pfeife dem Tod in den Rachen gesprungen -- aber
er fühlte deutlich, daß er sich diesmal in eine geradezu schreckliche
Gefahr begeben hatte.
Die weißen Stichflammen sengten an ihm entlang.
Der Schneider Hanuschke wuchs abermals.
Seine viel zu weiten Hosen waren geflickt und hundertmal von Schmutz und
Blut gereinigt, seine Halsbinde war unordentlich gebunden und fettig.
Und dieser Drillichkittel! Aber in der armseligen, der Kleidung eines
Zuchthäuslers ähnlichen Uniform, die man des Königs Rock nannte, stand
der kleine Schneider wie eine Statue.
Donner schlug an sein Ohr. Donner trieb ihn zurück zur Türe und wieder
zurück zur Erscheinung. (Das war das Donnern, das der Adjutant Weißbach
nebenan hörte.)
Zweiundzwanzig Sturmangriffe -- lieber die französische Mörsergranate --
meinetwegen . . .
Wieder wuchs er. Seine Rippen drückten sich durch den dünnen
Drillichkittel hindurch ab. Seine vorgestreckte aufgepumpte Brust bot
sich irgendeinem unsichtbaren Messer dar. Alles, was die Schlachtfelder
und Lazarette von ihm übriggelassen hatten, stellte er möglichst
vorteilhaft zur Schau. Sein winzig kleines und unendliches Ich war
konzentriert im Blick der ängstlichen Mausaugen, deren Pupillen der
Schreck weitete. Kreidig grün war sein Gesicht, und zwischen den Augen
glänzte violett eine fingerlange Narbe, die von einem Querschläger
herrührte, der ihm in Rumänien die Stirn zerschmettert hatte.
Abermals donnerte es, diesmal weniger drohend. Er war entlassen. Sein
geflickter Hosenboden schaukelte durch die Doppeltüre. Auf dem Gang
wischte er sich aufatmend mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, der
plötzlich aus allen Poren hervorbrach. Genau so wie damals, als der
Feldstecher des Kompanieführers neben ihm herunterkam.
4
Ohne Laut, fast ohne jede Bewegung, arbeitete der General, vergraben in
den Berg von Akten, den man auf dem Schreibtisch aufgehäuft hatte.
Die eisige Stille, die von ihm ausging, drang durch die Poren der Steine
und Fasern der Türen, verbreitete sich durch Zimmer und Korridore und
erfüllte zuletzt das ganze Gebäude.
Mit rascher Hand warf der General Bemerkungen an den Rand der Akten, um
sie hierauf in einen Korb zur rechten Hand zu legen. Der Berg der
Schriftstücke zur Linken schmolz zusammen, auf der andern Seite wuchs er
in die Höhe. Umfangreiche Schriftsätze maß der General mit einem
rügenden Blick und warf sie -- je nach ihrem Umfang mit größerem oder
kleinerem Schwung -- in einen besonderen Korb, der die Aufschrift trug:
Wolff, Vortrag! Wolff, der Major, der Hüne, hatte Zeit für alles. Er war
eines jener beklagenswerten bürgerlichen Arbeitstiere, wie sie in allen
Ressorts saßen, die sich im Schweiße ihres Angesichts, ohne jede andere
Empfehlung als die Qualifikation ihrer Vorgesetzten, in der Karriere
vorwärtskämpften. Wolff arbeitete oft die ganze Nacht hindurch.
Es schien dem General, als ob seine Hände, deren erdiges Aussehen ihn
seit geraumer Zeit ängstigte, nunmehr lebhafter gefärbt seien. Offenbar,
die Erregung vorhin hatte ihm gutgetan! Das Blut, das sich in seinem
Kopfe gestaut hatte -- wie immer nach großen seelischen Erregungen --
war durch die Adern gepreßt worden und hatte die Gefäße wohltuend
erweitert. Eine gleichmäßige Hitze überzog seinen Körper, und die Hände
schwitzten plötzlich etwas. Ein Symptom, daß die Krisis überwunden war.
Bewegung fehlte ihm!
Wenn er wenigstens hätte ausreiten können!
Aber der Dienst -- und dann, welch jämmerliche Pferde hatten sie doch
gegenwärtig in Berlin! Er würde sich schämen, sich auf solch einer
Schindmähre sehen zu lassen. Wie wunderbar war es dagegen an der Front
gewesen! Wenn er in der Morgenfrische, täglich zwei Stunden, spazieren
ritt, begleitet von seinem Adjutanten. Und die Geschütze brummten nah
und fern. Herrliche Morgen, unvergeßlich!
Der Blick des Generals verlor sich in die Weite.
Aber er sah nicht die Lindenallee, durch die er zu reiten pflegte, die
Rauchsäulen, die aus den Erdwohnungen der Soldaten stiegen, die
Kolonnen, die über den Hügel krochen, nein, er erblickte: Ruth! Ruth und
den Frühstückstisch von heute morgen.
»-- also gelöst?«
»Ja, Papa«
»Und er, Dietz -- also mit seinem Einverständnis? Hm -- so, so . . .« Er
schlürfte den heißen Kaffee.
»Hier ist sein Brief, Papa, lies ihn.«
»Danke, wozu? Du bist ja kein Kind mehr und kannst schließlich tun und
lassen, was du willst. Na -- schön!«
Ruth küßte ihm die Hand. Weshalb eigentlich?
Jakob kam in diesem Augenblick ins Zimmer -- wie peinlich! Er brachte
geröstetes Brot, denn das Kriegsbrot war nachgerade nicht mehr zu
genießen.
»Soso, hm.« Aber weshalb küßte sie ihm die Hand? Es war völlig unnötig.
Nichts haßte er ja mehr als irgendwelche Sentimentalitäten.
So warm und bebend, Nachsicht erflehend, hatte er ihre Lippen auf seiner
kalten Hand gefühlt -- er konnte ihr nicht zürnen in diesem Augenblick.
Ruth hatte also das Verlöbnis mit Dietz gelöst. Eine glänzendere Zukunft
hätte ihr niemand bieten können. Natürlich war es eine Überraschung für
ihn, keine angenehme Überraschung, unnötig es zu sagen.
Der Blick des Generals kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. Eine
Stunde verging, zwei Stunden. Ohne jede Unterbrechung arbeitete er. Nur
ein einziges Mal legte er sich in den Sessel zurück: dieser Schriftsatz
war mit Randbemerkungen von Allerhöchster Hand versehen -- frisch,
lapidar, ganz im Geiste des Großen Friedrich. Behutsam, mit dem Ausdruck
der Ehrerbietung legte er den Schriftsatz zur Seite.
Lautlos ging die gepolsterte Doppeltüre, und lautlos, bis auf ein leises
Singen der Sporen, trat Weißbach ein. Es war Zeit für die
Unterschriften, genau ein Viertel vor ein Uhr.