Aber, Entsetzen! Wieder begann der Teure zu bluten --

Von der Stirn floß plötzlich dunkles Gerinnsel, gewiß, dort hatte ihn

das tödliche Geschoß getroffen. Das Blut floß, es strömte, es färbte die

Uniform dunkel, lautlos strömte es auf den Boden, ohne Ende. Und der

Teure stand, regungslos blutete er, ohne jeden Laut . . .

»Wie schrecklich du heute wieder blutest, mein Einziger!« flüsterte der

kleine alte Mann -- oh, so leise! -- und rang die Hände. Die Tränen

stürzten über seine Wangen. »Immer noch findest du nicht Ruhe, du

Teuerster? Warte, gedulde dich -- ich habe schon an ihn geschrieben, er

wird antworten -- gewiß . . . Alles werde ich versuchen, nichts werde

ich unversucht lassen -- ich gelobe es -- mein Liebling --«

Und er flüsterte, versprach, rang die Hände, verhüllte das tränennasse

Gesicht --

Da wurde es licht, der Schein einer Kerze, und augenblicklich zerfloß

die Erscheinung. Nichts blieb als die hellgestrichene Füllung einer Türe

mit einem schwarzen Schloß.

Nicht eine Kerze, der Mond war über die Dächer gekommen. Ein Lichtkeil

spaltete plötzlich die Dunkelheit des Zimmers. Erschrocken zog Herr

Herbst die Hände aus dem Lichtstrahl zurück, als würden sie verbrannt.

* * * * *

Die Dunkelheit war zertrümmert, und nun kamen auch die Geräusche zurück.

Stimmen murmelten, es hustete, alle Arten von Husten, vom pfeifenden

Frauenhüsteln bis zum brüllenden Husten erkälteter Männer. Schlaflos war

das ganze Haus, es brauchte nur der Mond über die Dächer zu kommen, aus

Glas schien es zu sein. Die Lider standen im Schlummer geöffnet, wie bei

den Toten, und die Strahlen des Mondes stachen wie Nadeln in die

bloßgelegten Hirne.

Nebenan wimmerte ein Kind, eine Bettstelle knarrte.

»Bist du denn wieder aufgestanden?« zischelte es hinter der Wand.

»Ja, ja«, entgegnete Hähnleins heisere Stimme. »Ich sehe mir den Mond

an.«

»Wie soll ein Mensch das ertragen?«

»Beruhige dich, Mutter -- bald, ja bald --!«

Ermattet saß Herr Herbst, bebend vor Erschöpfung. Das Gespräch mit dem

Sohn hatte ihn völlig entkräftet. Der Teure sog alle Kraft aus ihm. Das

Herz zuckte in seiner Brust. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne.

Ach, wie entsetzlich er doch wieder geblutet hatte -- er litt -- rasch

mußte er handeln, rasch!

Er versank in tiefes Nachdenken. Langsam, wie betäubt bewegten sich die

Gedanken in seinem kahlen Kopf, schlafschwer krochen sie dahin wie

Schatten auf den Dächern. Das Geflüster und Gezischel hinter der Wand

störte ihn nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends und

des Hungers. Nein, das Elend fremder Menschen machte keinen Eindruck

mehr auf ihn. Worte, Nichtigkeiten! Weshalb sollten nicht andere

ebenfalls unglücklich sein, alle. Neulich hatte er mit angesehen, wie

ein vornehmer Herr von einem Militärlastauto überfahren wurde -- gerade

über das rechte Bein war das schwere Doppelrad gegangen. Er war in

verzweifelter Stimmung, sofort aber besserte sich seine Laune! Die

Unglücklichen weiden sich am Unglück, die Kranken an der Krankheit, die

Armen an der Armut -- nur die Glücklichen, das ist etwas ganz anderes,

sie weiden sich nicht am Glück. Sie sehen andere Menschen nicht mehr.

Langsam -- aber schließlich fand er sich doch zurecht in all den

Dunkelheiten.

Nein, keine Antwort. Hunderte warten!

»Der General antwortet nicht!«

»Nein, nein!«

Erregt setzte er sich auf.

»Was aber dann? Was dann?«

Im Nu hatte er die Füße auf den Boden gestellt. Er saß mitten im

Mondlicht und blickte zum Fenster hinaus. Sein Schädel glänzte wie eine

Quecksilberkugel, seine Augen schimmerten wie die Augen toter Fische,

die schon lange liegen. Er lauschte in sich hinein, er grub in seinem

Gehirn. Plötzlich begann sein gleißender Schädel zu dampfen, Rauch

kräuselte aus seinen Augen. Eine Wolke glitt über den Mond. Wieder

glänzte die Quecksilberkugel. Aber plötzlich saß er gänzlich ohne Kopf

da. Der Mond glitt hinter einen Schornstein. Als er wieder ins Zimmer

blendete, hatte Herr Herbst die Hälfte seines Volumens verloren. Er

hatte den Havelock abgelegt.

Rasch, rasch riß er den Kragen und die kleine schwarze Binde ab und

steckte den Kopf in eiskaltes Wasser. Der Mond funkelte.

Einen ungeheuren Gedanken hatte der Mond im Gehirn des kleinen Herrn

Herbst wachgeblendet.

Er konnte gar nicht genug eiskaltes Wasser über seinen Kopf gießen.

Fieberhaft rieb er sich ab, zog Kragen und Binde an.

»Ja, ja, weshalb nicht --?« Rasch schlüpfte er in den Havelock.

»Ich werde --«

»Ich werde --«

»_Ich werde ihn besuchen!_«

Schon rannte er zur Türe hinaus. Halt! wohin? es ist mitten in der

Nacht! Aber nichts hielt ihn zurück. Mit raschen Schritten eilte er die

leere und verödete Fabriciusstraße hinab.

Ah, und wie eisig kalt es war!

12

Dora lachte belustigt auf.

»Achttausend Mark, Ruth, ich bitte Sie! Für eine ganz einfache

Gesellschaftstoilette! Und ein Hemd, ganz und gar nicht luxuriös, etwas

billige Spitzen, ein paar Seidenschleifen -- fünfhundert Mark. Es ist

wirklich eine Komödie. Ich wage es schon gar nicht mehr, ein Geschäft zu

betreten.«

»Wie wird es aber werden?« fragte Ruth und zog die Brauen hoch. »Die

Hälfte der Bevölkerung hat schon keine Wäsche mehr. Die Kinder schlafen

auf Papier.«

Dora fand das sehr spaßig.

»Wie es werden wird? Höchst einfach, im nächsten Jahr werden wir uns

alle in Papier kleiden, Ruth, und das wird ungeheuer lustig werden! Sie

erinnern sich an die Dame, die im vorigen Sommer ohne Strümpfe Unter den

Linden ging? Wenn man hübsche Beine hat, ist das reizend. Aber denken

Sie sich eine Gesellschaft, ganz in Papier gekleidet! Die Industrie wird

die reizendsten Farbtöne erfinden --« Dora mußte vor Lachen abbrechen --

»Der General meint allerdings --«

»Was meint Papa?«

»Er sagt, die Industrie habe Ersatzstoffe erfunden, die viel besser sind

als Wolle und Seide. Zum Beispiel, nun wie heißt sie, diese Patentfaser?

Die ganze Lüneburger Heide soll mit Brennesseln bepflanzt werden, doch

das wird wohl noch ein Weilchen dauern. Aber hören Sie, Ruth, welch

blendende Idee! Ich werde bei meinem Hausball Papierkostüme

vorschreiben!« Dora klatschte vor Vergnügen in die Hände, und wieder

füllte ihr Lachen Ruths kleinen halbdunkeln Salon mit Heiterkeit und

tausend Schelmereien. »Süß sehen Sie aus, mein Kind. Woher stammt diese

Bluse? Lassen Sie fühlen, herrlich! Das ist noch Seide! Was man heute

für schweres Geld bekommt, ist ja Schund, den früher unsere Neger

getragen haben. Aber denken Sie doch Ruth, wenn wir erst in einer

Papierserviette schlafen gehen werden --!« Es war Dora gänzlich

unmöglich, diese drolligen Phantasien abzuschütteln.

Ruth bereitete den Tee, während die schöne Dora schwatzte und lachte.

Sie folgte mit zärtlichen Blicken jeder Bewegung Ruths, die sie liebte.

Ja, aufrichtig liebte, obschon sie ganz anders war, vielleicht, weil sie

ganz anders war. Und sie fand sie in vieler Beziehung so amüsant! Zum

Beispiel, der Hut hing auf einer Blumenvase und -- bei Gott -- ein

kleiner schwarzgelber Abendschuh lag verlassen auf dem Sofa. War das

nicht süß? Und die Teemaschine stand auf dem Schreibtisch, natürlich

floß das kochende Wasser auf die Platte. Nein, wie reizend! Früher war

Ruth häufig bei ihr gewesen, sie hatten zusammen musiziert --

»Singen Sie noch, Ruth?«

»Wenig nur, leider.«

Aber nun sah man sie selten. Dora nahm es ihr nicht übel. Sie liebte sie

trotzdem, wie sie alle Menschen, die ihr nichts zuleide taten, liebte,

wenn sie guter Laune war. Hatte sie aber ihre bösen Stunden -- nun, da

hätte sie ruhig sehen können, wie man die Menschen vor ihren Augen

abschlachtete -- aber das war natürlich eine Übertreibung. Dora konnte

grausam sein, sehr grausam, wenigstens dachte sie es.

Butzi, der Griffon, ließ den schwarzgelben Abendschuh, der neben dem

kleinen Sofa auf dem Boden lag, es war der zweite, plötzlich aus den

Zähnen und schlich zur Türe.

Er steckte die Nase in die Ritze zwischen Schwelle und Türe und blies.

Dann aber schnellte er erschrocken auf allen vieren zurück . . .

Die Türe öffnete sich -- behutsam -- leise -- und das breite

steinfarbene Gesicht des Generals, nachdenklich gesammelt, wurde

sichtbar. Aber schon in der nächsten Sekunde verschwand die

nachdenkliche Sammlung und die Steinfarbe -- betreten und überrascht

prallte das Gesicht zurück und färbte sich rot.

Der General erschrak genau wie Butzi und wich genau wie Butzi zurück.

Butzi erholte sich sogar zuerst und begann zu kläffen.

»Herr General?« rief Dora überrascht aus.

»Papa?« fragte Ruth leise und ungläubig.

»Ich bitte zu verzeihen, wollen die Damen, bitte . . .«

Dora lachte. »Kommen Sie doch, Herr General, wir sind eben bei den

interessantesten Gesprächen.«

»-- will nicht stören -- ich wollte nur -- ich hörte Stimmen -- guten

Tag, meine Damen.« Und der General verschwand sofort wieder und schloß

leise die Türe hinter sich.

Butzi hatte gesiegt. Er kläffte wütend hinter dem abziehenden Gegner

her.

»Was wollte er denn?«

Ruth schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie. »Er kommt

sonst nie in mein Zimmer.«

»Er ist argwöhnisch, Ruth«, sagte Dora.

Ruth blickte auf und errötete.

»Ja, ja, er glaubt, Sie haben einen Geliebten«, fuhr Dora fort und

blinzelte mit dem rechten Auge.

Die Röte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich.

»Er glaubt --?«

»Ja, er hat Sie doch neulich erwischt.«

»Sie kamen erst am Morgen nach Hause. Er erzählte es mir. Gott, wie sie

erschrocken ist, die Kleine. Ich habe es ihm natürlich ausgeredet. Sie

können sich das wohl denken.«

»Ich bin bei Platens im Grunewald gewesen, und es wurde sehr spät.«

»Und Sie haben es ihm nicht gesagt?«

»Ich? Wieso? Er fragte nicht. Schließlich ist es auch nicht seine Sache.

Nehmen Sie Süßstoff, Dora? Ich habe keinen Zucker.«

Ja, nun wurde also Tee getrunken, lange genug hatte es gedauert -- und

draußen goß es in Strömen, welches Wetter, in diesem Berlin! Dora

zündete eine ihrer dicken englischen Zigaretten an.

»Aber vielleicht hat er doch recht, der General --?« sagte sie, und

wieder blinzelte sie mit dem rechten Auge.

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, ich meine nur -- so -- so . . .«

Dora lachte. Es machte ihr Vergnügen, scheue Menschen in Verlegenheit zu

bringen. Dann aber änderte sie den Ton.

»Und Dietz geht es gut in Bukarest?«

»Sehr gut, danke. Er bewohnt eine reizende Villa, reitet täglich

spazieren, es fehlt ihm wirklich an nichts.«

»Hören Sie Ruth -- aber Butzi, sehen Sie, er zerreißt Ihnen den ganzen

Schuh --«

Ruth nahm den Schuh und warf ihn zu dem andern auf dem Sofa.

»Ich wollte sagen, Ruth, wenn Sie erst einmal auf Ferchow wohnen -- es

ist der schönste Sitz in Pommern, und Sie haben da einen chinesischen

Pavillon auf einer Insel im See, märchenhaft, die Armins haben ja ihr

Gut nebenan -- wenn Sie erst auf Ferchow wohnen, versprechen Sie mir --«

Ruth unterbrach sie.

»Ich werde nie auf Ferchow wohnen, Dora!« sagte sie, jede Silbe

betonend.

»Wie? Aber --?«

Ruth blickte Dora in die Augen.

»Nein, niemals!«

»So erklären Sie mir doch, meine Liebste --?«

»Sprechen wir nicht mehr davon.«

»Aber, ich bitte Sie, Ruth, wollen Sie mir nicht --?«

Doppelt so groß wie gewöhnlich waren Doras blaue Augen vor Erstaunen.

* * * * *

Das nächstemal war der General vorsichtiger. Er erkundigte sich erst, ob

seine Tochter ausgegangen sei, und klopfte zur doppelten Vorsicht vorher

an. Zu peinlich war es ihm neulich gewesen -- Dora saß da, Ruth, nicht

einmal angeklopft hatte er -- was mochten sie denken von ihm?

Er hatte jahrelang Ruths Zimmer nicht betreten. Jahrelang hatte er sich

überhaupt nicht im geringsten um Ruth gekümmert, ihr jegliche Freiheit

gelassen, seinen Grundsätzen gemäß -- nun aber schien es ihm an der Zeit

zu sein . . .

Nicht ohne eine gewisse Scheu trat er ein.

Sofort aber waren diese beiden Augen auf ihn gerichtet, obwohl er den

Blick abgewendet hatte, denn er wußte genau, wo das Bild hing. Diese

Augen leuchteten ihm entgegen, und der General fühlte ihren schimmernden

Blick durch die Lider hindurch, ja selbst durch den Kopf, wenn er das

Gesicht abwandte. Er räusperte sich und murmelte etwas vor sich hin, um

sein Gleichgewicht wieder zu finden.

Rügend schüttelte er den Kopf: Welche Unordnung!

Auch diesen Mangel an Ordnungssinn hatte sie von der Sommerstorf geerbt,

keineswegs von ihm. Augenblicklich schossen ihm in einer Sekunde tausend

Erinnerungen durch den Kopf. Da war, zum Beispiel, die Naht am Handschuh

geplatzt, und sie machten Besuch beim Regimentskommandeur. Es war

äußerst peinlich. Der Regimentskommandeur sah sofort die geplatzte Naht

des Handschuhs, es sah aus, als sähe er überhaupt nichts anderes. Und da

kamen, zum Beispiel, Gäste, sie waren auf acht Uhr geladen. Sie kamen,

und der Salon war völlig in Unordnung. Notenblätter waren überall

umhergestreut, und die Tischdecke lag voll von Rosenblättern, die von

einem welken Strauß abgefallen waren. Wie in aller Welt sollte er sich

denn vor den Gästen entschuldigen? Aber die Sommerstorf lachte nur

darüber. Gerade über solche Dinge konnte sie ausgelassen lachen. Es

fehlte ihr jedes Organ dafür. So waren sie, die Sommerstorfs. Sie kamen

nicht umsonst aus dem Süden.

Ein Hut lag auf dem Tisch im Salon, daneben eine Schere und eine Rolle

Zwirn. Die Nadel stak in der Tischdecke. Zeitungen waren über das Sofa

verstreut, und in der Ecke lag sogar ein Abendschuh. Überall

Schreibpapier, Bücher.

Zerstreut nahm der General ein aufgeschlagenes Buch vom Schreibtisch.

Marx.

Karl Marx.

Ein Sozialist!

In dem Buche waren Stellen angestrichen. Sie arbeitete darin.

Einen Augenblick war der General geneigt, diese Lektüre für eine junge

adelige Dame unpassend zu finden. Schon wollte er den Kopf schütteln.

Aber er überwand sich. Mochte sie -- weshalb nicht -- wenn sie Interesse

dafür hatte? Auch ein Sozialist hatte ja wohl manches zu sagen, was

interessieren konnte -- im übrigen, sie hatten ja in der Stunde der

Gefahr das Vaterland über den Internationalismus gestellt, bewilligten

die Kredite, was man wollte, gingen mit durch dick und dünn -- in der

Tat, sie hatten sich als wahre und echte Patrioten erwiesen!

Viele Bücher. Stöße von Büchern. Autoren und Titel waren ihm unbekannt.

Er hatte keine Zeit, Bücher zu lesen -- der Dienst -- seit zwanzig

Jahren hatte er eigentlich kein Buch mehr in die Hand genommen -- seit

dreißig, von fachwissenschaftlichen Werken natürlich abgesehen.

Im übrigen, diese modernen Autoren, soviel er von ihnen wußte, sie

beliebten Konstruktionen, lebten in einer fiktiven Welt -- während seine

Welt, die Welt des Generals, eine Welt der harten Tatsachen war, ohne

Beschönigung, ohne Lüge und Poesie, einfach der harten Tatsachen.

Aus einem Buch fiel ein Brief: »Geliebte Ruth« -- sofort schob ihn der

General wieder in das Buch zurück. Wieder schüttelte er rügend den Kopf.

Daß sie, zum Beispiel, nicht daran dachte, daß Unberufene, etwa Therese,

den Brief lesen könnten! Erschreckend diese Ähnlichkeit in den kleinsten

Charakterzügen. Auch ihre Mutter hatte die wichtigsten Briefe und

Schriftstücke herumliegen lassen. So hatte es ja seinen Anfang genommen

. . .

Wiederum fühlte er den Blick der leuchtenden Augen so stark, daß die

Hand matt wurde, die das Buch hielt. Deutlich, ganz deutlich hörte er

eine Stimme in seinem Kopf, die irgendwo geschlafen hatte. Er verstand

nicht die Worte, die diese Stimme aussprach, aber er hörte ihren Klang,

ganz deutlich, und es war doch schon viele Jahre her, daß er diese

Stimme zum letzten Male gehört hatte.

Diese Stimme wurde lauter und lauter und nahm einen immer heitereren

Klang an. Deutlich hörte er, wie diese Stimme in seinem Kopfe oder

irgendwo -- sie schien irgendwo verborgen zu sein! -- zu lachen anfing,

ein Lachen, heiter, spöttisch. Der General legte das Buch zurück.

Traurigkeit stieg plötzlich in seinem Herzen auf.

»Was will ich eigentlich hier?« sagte er. Nachdenklich verließ er das

Zimmer, während die Augen des Bildes ihm bis zur Schwelle folgten --

Und Marx? Weshalb nicht Marx? Aber es war eigentümlich, dieser Name

klang in ihm weiter.

Als er wieder über den Korridor schritt, hatte er die Empfindung, aus

einer fremden Welt und andern Zeit gekommen zu sein. Niki zwitscherte

fröhlich sein Lied, und alle Dinge betonten plötzlich ihre Wirklichkeit

und Vertrautheit.

Übrigens war es auch frostig in Ruths Zimmer gewesen.

13

In der kahlen, verwahrlosten Fabriciusstraße erscheint -- ist es

möglich, an einem Wochentage, in diesen Zeiten -- ein Zylinder! Der

Zylinder kommt näher, immer näher, er verschwindet im »Löwen von

Antwerpen«.

Der bucklige Wirt blinzelt mit den düsteren Eulenaugen und bringt die

Flasche Roten und das Schachbrett.

»Meine Hochachtung«, flüstert er, wie es seine Art ist, leise -- er

sprach jahrelang kein Wort, in einer gewissen Periode seines Lebens.

»Sie treiben es nobel in diesen Tagen! Immer noch diese amtliche Sache?«

»Gestern war es leider nichts. Ich hatte versäumt -- hatte ja keine

Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Plötzlich denke ich gestern: nun,

und die Visitenkarten?«

Herr Herbst hatte sich verändert. Das Rasiermesser hatte Kinn und Wangen

geglättet, und der Haarkranz war etwas geschnitten. Im ganzen hatte das

Volumen des Kopfes nur minimal abgenommen, aber es schien, als sei der

Kopf um die Hälfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo der

Hinterkopf ansetzte, waren faustgroße Höhlen sichtbar geworden. Wie in

den letzten Tagen, trug er auch heute einen etwas verknüllten, zu langen

schwarzen Gehrock, und wieder empfand der bucklige Wirt Hochachtung vor

ihm, als er den Gehrock erblickte. Dieser kleine alte Mann, der mit dem

Gläschen in der Hand vor den Munitionsarbeiterinnen tanzte und sich zum

Gespött der frechen Geschöpfe machte -- wer war er? Ein

Heruntergekommener, ein Sonderling -- er behauptete, Lehrer an einem

Gymnasium gewesen zu sein, aber was behaupteten die Leute heutzutage

nicht alles?

»Heute aber sollen die Karten fertig werden. Er hat mir sein Ehrenwort

gegeben«, fügte Herr Herbst hinzu, und seine kleinen, etwas schmutzigen

Hände rasselten gierig mit den Schachfiguren. Dieses Rasseln der

Schachfiguren, immer erinnerte es ihn an einen kleinen Marmortisch mit

blankgeputzter Messingeinfassung -- sein Stammcafé in der Provinz,

einst, lange war es her.

»Sie haben den Anzug, Herr Herbst!« flüsterte der Bucklige und schob das

spitze Kinn über das Schachbrett.

Herr Herbst griff nach dem Glas. Seine Hand zitterte. Ja, schlimme Tage

hatte er hinter sich. Er zerdrückte den Wein auf der Zunge zwischen den

gelben Zahnstumpen. Plötzlich sah er deutlich -- sollte man es für

möglich halten? -- das Gesicht des Generals im Glase! Er schloß rasch

die Augen und ließ das ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. Noch

ein Glas -- und nun war er bereit.

Kraft und Mut strömten aus dem Wein.

Furcht? Nein, nein, er hatte keine Furcht.

Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zündete sich eine Zigarre an

und setzte sich zurecht.

»Und nun wollen wir einmal etwas ganz Neues versuchen.« Er zog den

Turmbauern.

Noch weiter schob der Bucklige das spitze Kinn über das Brett.

Eine Falle? Wie, was? Was wollte er mit dem Turmbauern?

»Sie haben ja ein Feld zu weit gezogen.«

»Zu weit? Nun, dann nehmen wir ihn eben um ein Feld zurück.« So

hochgemut fühlte sich Herr Herbst in diesem Augenblick, daß er den

Bauern gleich über drei Felder vorstoßen ließ.

Die Partie begann. Beide waren leidenschaftliche Spieler.

Herr Herbst lehnte sich im Stuhl zurück und blies den Rauch in die Luft.

Furcht? Wieso? Vor wem? Vor ihm?

Die Karten würden um vier Uhr fertig werden, nun und dann . . .

Wieder trank er ein Gläschen.

Alles war ja in seinem Kopfe zurechtgelegt. Jedes Wort, die Rede floß in

Gedanken. Und, hm, auch die Verbeugungen und Anreden hatte er schon

eingeübt, ganz genau. Weshalb sollte er Furcht haben? Schließlich war er

doch nicht der Kaiser, wie?

Kein Zweifel, er würde ihn zwingen, ihm Rede und Antwort zu stehen, jede

Auskunft, die er wünschte, zu geben.

Er hatte ja die Briefe in der Tasche, zum Beispiel, am 4. August griff

ein Jägerbataillon an, kein Mann kehrte zurück. Weshalb also mußte am 5.

August -- er würde natürlich in aller Höflichkeit, in aller

Bescheidenheit . . .

»Schach der Königin!« rief er laut und warnend.

»Wahrhaftig! Nun, Sie erlauben, ich nehme den letzten Zug nochmals

zurück -- es heißt überlegen. Sie gehen ja scharf vor, heute.« Die

düsteren Eulenaugen des Buckligen begannen zu glühen.

Herr Herbst griff in Wahrheit stürmisch an. Er fühlte sich seinem Gegner

heute weit überlegen, und er hätte jede Summe gewettet, daß er gewann,

obgleich der Bucklige für gewöhnlich stärker spielte -- unter den

jetzigen Umständen, früher, da hätte er ihn ja nie schlagen können.

Natürlich, der Kaiser war er ja am Ende nicht. Und schließlich -- er

würde ihm ja ebenfalls gefällig sein! Nein, nein, es war ganz und gar

kein kleiner Dienst -- bei rechtem Lichte betrachtet. Vielleicht würde

er sagen: aber mein lieber Herr Herbst, weshalb sind Sie nicht früher

gekommen? Wer weiß? Wer weiß?

Ja, so würde er beginnen. Von diesen jungen Leuten nebenan würde er

berichten -- von ihren Ideen, ihren Absichten, gefährlichen Absichten --

nun ja, rascher als irgendein anderer würde der General verstehen.

Der 9. November: Roman · 第 20 / 74 题