Nun wäre der geeignetste Augenblick --

Es wäre ja das Natürlichste gewesen, Ruth ohne Umschweife zu fragen, wo

sie in der vergangenen Nacht gewesen war. Vielleicht war sie bei

Freunden und hatte dort übernachtet, weil sich kein Wagen auftreiben

ließ? Möglich. Wahrscheinlich würde die Sache sich aufs Harmloseste

aufklären. Aber diese Frage ließ die Tradition der Familie

Hecht-Babenberg nicht zu, wo jeder eine kleine abgeschlossene Welt für

sich bildete, die es vermied, die andere zu berühren. Eine Art

luftleerer Raum trennte diese Welten, der die Worte verschlang und ihren

Klang und Sinn entstellte.

Die Augen der Sommerstorf würden sich voller Staunen auf ihn richten,

als ob er etwas völlig Unmögliches und Undenkbares ausgesprochen habe.

Etwas, das der Welt der Sommerstorf völlig fern lag, das die Welt der

Sommerstorf nie begriff und nie begreifen konnte. Ruth würde lächeln und

die Brauen in die Höhe ziehen. Ja, auch dieses Flattern der Brauen

liebte der General nicht und die leise Überheblichkeit, die im Lächeln

der Sommerstorf lag.

Seine Gedanken verdichteten sich, ballten sich zusammen, die Stirn wurde

düster.

Behutsam schob Jakob mit seinen großen, in weißen Wollhandschuhen

steckenden Händen die neue Flasche Fachinger auf den Tisch.

»Der Wagen ist da?«

»Jawohl, Herr General!«

Und die Limousine zwitscherte die Tiergartenstraße hinunter zur

Lessingallee. --

»Hoffentlich geben sie ihm bald ein Frontkommando!« dachte Ruth, die

sofort hinter dem General das Haus verließ. Sie hatte sich am

Kemperplatz, ganz in der Nähe, mit jemand verabredet.

Beim Rolandbrunnen am Kemperplatz stand schon dieser Jemand und wartete.

Er hob sich fast ebenso deutlich ab wie der Roland auf dem Brunnen

selbst. Ruth lief wie ein junges Mädchen -- lief dem Jemand in die Arme.

»Papa kam heute unvermutet zu Tisch«, sprudelte sie hervor. »Seine Laune

wird immer schlechter. Wollte Gott, daß er bald wieder an die Front käme

--«

»Wollte Gott, daß es bald keine Front mehr gäbe --«

»Ein herrlicher Abend, aber etwas kühl!«

»Es ist immer herrlich, wenn Ruth da ist.« Und der Jemand hüllte Ruth in

seinen Mantel.

11

Noch immer saß der kleine Herr Herbst inmitten der unendlichen

Dunkelheit und flüsterte zärtlich den Namen seines Sohnes. Sein kleines,

hohlwangiges Gesicht war in Tränen gebadet.

Da -- nun wurde es lichter an der Türe -- nun kam er! Der Teuerste,

Heißgeliebte kehrte aus dem Reiche der Schatten, wie die Menschen es

nennen, zu seinem Vater zurück, wie in jeder stillen, dunkeln Nacht.

Ein fahler Schein ging von der Türe aus -- und er erschauerte. Ja, ja,

er war es, der Geliebte, Beste. Deutlich sah er ihn im fahlen Schein

stehen: genau so sah er aus wie zu Hause auf dem Bilde. Ein Soldat im

Helm, ein Jäger, jung, ein blutjunges Bürschchen, in der Rechten den

Gewehrlauf, der mit Blumen geschmückt war, ganz wie an jenem furchtbaren

Tage, da er ihn zum Bahnhof begleitete.

Eisige Kälte brachte er mit aus dem Reiche der Schatten. Der alte Mann

zittert. Die Kälte kroch über ihn, und er fühlte, wie sein kahler

Schädel einschrumpfte. Die Angst schnürte ihm die Brust zusammen, und

doch war es süß -- erlösend.

»Bist du es?« flüsterte er voller Verzückung.

»Mein Sohn, mein Liebling!« Und er streckte seine eisigen, kleinen

blauen Hände gegen die Türe aus.

»Bist du wieder hier?« Niemals sprach die Erscheinung, und er wartete

auch nicht auf Antwort. Sie stand, regungslos, und blickte unverwandt

auf ihn. Manchmal sah er deutlich die Augen, nicht immer. Seines Sohnes

Augen, deren Glanz und Färbung er nie vergaß -- glänzend und kristallen

wie die Augen eines unschuldigen Tieres -- während die Züge des Gesichts

zuweilen schon seinem Gedächtnis entglitten.

»Bist du zurückgekehrt zu Papa --?«

Der 9. November: Roman · 第 19 / 74 题