Manchmal flüsterten sie auch, tuschelten, raunten, geheimnisvoll --

In diesem Augenblick lachte Ackermann in seinem Zimmer laut auf und

sagte: Man sollte es nicht für möglich halten --

Und wütend prasselte die Schreibmaschine.

Nicht für möglich halten?

Warte nur, du, du . . . he?

Hast vergessen, daß Gott jeden deiner Schritte bewacht, daß die Haare

auf deinem Haupte gezählt sind -- die Fügung hast du ganz vergessen.

An den Sonntagen, da saßen sie oft bis in die späte Nacht und

debattierten, schrien, sprachen durcheinander, daß man kein Wort

verstand. Neu, völlig neu sollte die Welt erstehen!

Und sein Mädchen saß dabei, an den Sonntagen! Es war ja

selbstverständlich, daß dieser, dieser -- ein Mädchen hatte, aber, daß

sie dabeisaß, während es nichts Heiliges für sie gab? Nein, nein, es

störte sie gar nicht, nicht im geringsten. Im Gegenteil? Sie kochte Tee

und sagte: Bitte, meine Herren -- bitte. Und so ging es den ganzen

Sonntag bis nachts um zwei, drei Uhr. Bitte, meine Herren -- und sie

qualmten, daß der Rauch durch die Türe quoll und er husten mußte,

obschon er doch selbst ein starker Raucher war. Worte flogen, Worte,

wilde, verwegene Worte.

Und sein Mädchen saß mitten unter ihnen!

Da schwieg die Schreibmaschine plötzlich. Ackermann verließ das Haus.

Sein Schritt eilte die Treppe hinab, die Haustüre wurde ins Schloß

geworfen. Bis zum grauenden Tag würde er nun fortbleiben.

Wann schläft er eigentlich? dachte Herr Herbst in seinem Bett.

Nun war es ganz still geworden. Es knackte in den Balken, rieselte in

den Mauern, die Wände seufzten.

Ja, ganz still und dunkel.

Mitten in der unendlichen Dunkelheit und Stille saß der kleine alte

Mann, und plötzlich begann er zu flüstern. Leise, oh, so leise -- nur er

hörte es.

»Robert -- mein Sohn -- Geliebter, Teurer -- mein Liebling --!«

Zärtlich streckte er die kleinen Hände der Dunkelheit entgegen.

10

Mit der Minute kehrte der General abends aus dem Amt zurück. Er

plauderte wie gewöhnlich etwas mit Niki, dem Kanarienvogel; plötzlich

aber brach er die Unterhaltung ab und zeigte ein ganz unbegreifliches

Interesse für den Papierkorb. Zuerst blickte er in den Papierkorb

hinein, dann wühlte er darin mit der Hand, endlich stülpte er den Korb

über den Arbeitstisch. Nichts. Es war sonderbar, jeder unbedeutende

Zettel fand sich wieder -- zum Beispiel, sollte man es glauben,

Schnitzel jenes Briefes, den er vor einer vollen Woche an den

Chefredakteur einer großen, besonders im Ausland vielgelesenen Zeitung

in einer Aufwallung geschrieben hatte, worin er diesem Chefredakteur --

-- auch dieser Prospekt -- alles, jede Kleinigkeit.

»Sonderbar, höchst sonderbar!«

Nicht ein Fetzen, nicht einmal ein Eckchen jenes grünen Briefumschlages,

er würde die Farbe ja sofort wieder erkennen. Doch hier -- nein, ein

Notizzettel zu seiner Denkschrift: Die Armee der Frauen -- worin er

empfahl, diese brachliegende ungeheure Armee zum Wohle des Vaterlandes

systematisch zu mobilisieren -- lächerlich, alles, jede Kleinigkeit,

aber von diesem Briefe: nichts.

Schon schlugen die Uhren.

Der General hatte heute aus dienstlichen Rücksichten bei Frau v. Dönhoff

abgesagt und sich erst nach Tisch angemeldet.

Der Lüster im Speisezimmer brannte.

Dieser Lüster war aus schneeigem Glas, Tulpen, Prismen, Perlen. Eine

Grotte aus schimmerndem Schnee, die leuchtete ohne zu schmelzen.

Das Zimmer war leer. Ruth war noch nicht da.

Daß er auch gerade diesen Brief -- da trat Ruth ins Zimmer. Heiter und

gut gelaunt, mit einer jungenhaften Verbeugung, wünschte sie »Guten

Abend«.

»Frau v. Dönhoff läßt grüßen, Papa«, sagte sie, indem sie Platz nahm.

»Hast du Besuch gemacht?«

»Nein, ich traf sie auf der Straße.«

Jakob stürzte hinter seinem Schrank hervor, um die Serviette aufzuheben,

die dem General entglitten war.

»Otto geht es gut?«

»Ja, nur zwei, drei Wochen«, erwiderte der General.

Es hatte beinahe den Anschein, als wolle eine Unterhaltung in Gang

kommen. So leicht gingen die Worte hin und her. Da aber runzelte der

General die Stirn, irgendein Gedanke war ihm durch den Kopf gegangen.

Schweigen. Jakob wechselte die Teller. Die Miene des Generals drückte

deutlich den Wunsch aus, nicht mehr gestört zu werden.

Plötzlich hob er das Gesicht vom Teller und richtete den Blick voll auf

Ruth. Ohne Zweifel, sie sah verändert aus! Daß es ihm erst heute

auffiel? Sie trug auch eine andere Frisur, einen einfachen Knoten, der

ziemlich tief im Nacken lag. Es sah aus, als habe sie soeben die Haare

gewaschen und die Frisur rasch aufgesteckt. Diese Frisur mißfiel dem

General, sie verriet geringe Sorgfalt. Wie gewöhnlich war ein Lächeln

über Ruths Gesicht gebreitet, und besonders die langen Brauen, die über

den Wangen schwebten, lächelten. Oh, wie genau kannte der General dieses

Gesicht und dieses Lächeln!

Es war das Gesicht ihrer Mutter und das Lächeln ihrer Mutter. Dies war

einer der Gründe, weshalb der General es vermied, in das Gesicht seiner

Tochter zu blicken.

Ruth hob den Blick, und für eine Sekunde waren ihre Augen auf ihn

gerichtet. Auch diese Augen kannte er genau, zu genau: sanft,

schimmernd, schwärmerisch -- aber, ein Nichts, und die Schwärmerei

wandelte sich in Hysterie.

»Jakob!« Der General deutete mit dem Messer auf die leere Fachinger

Flasche. Der Bursche stürzte zur Türe hinaus. Röte ergoß sich in das

Gesicht des Generals.

_Wo war sie?_

Der 9. November: Roman · 第 18 / 74 题