Der Tag dampfte über den Kartoffeläckern und Rübenfeldern im Osten von
Berlin, und graue Wolken schleppten sich über die Laubenkolonien
zwischen den roten und gelben Backsteinmauern der Vorstädte, über die
Halden mit Bauschutt, Papierfetzen und verbeulten Eimern. Hinter den
grauen Wolken aber kam ein Funke! Der Funke leckte feurig einen
Wolkenrand und ein Blitz blendete hervor. Da begannen die gelben und
roten Backsteinmauern der Vorstädte zu blühen, die Fensterscheiben
funkelten, das Millionenauge der Riesenstadt blitzte. Die Trompeten in
den Kasernenhöfen schmetterten, und Tausende von Männern erhoben sich
von den elenden Lagern.
Ein Lichtbüschel züngelte mitten durch das Fenster einer Mietskaserne im
Nordosten Berlins -- einer grauen, mürrischen Mietskaserne, über deren
Fassade sich die Riesenaufschrift »Leihhaus« erstreckte -- und blendete
in ein aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch lag auf einem kleinen Tisch
dicht am Fenster des armseligen Zimmers. Das Buch flammte, Feuer schlug
heraus: es war die Bibel!
Eine Hand hatte Verse angestrichen, und diese Verse brannten unter dem
Lichtstrahl:
»Und die Könige auf Erden, und die Obersten, und die Reichen, und die
Hauptleute, und die Gewaltigen, und alle Knechte, und alle Freien
verbargen sich in den Klüften und Felsen an den Bergen.«
»Und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns, und verberget
uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn
des Lammes.«
»Denn es ist kommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?«
Da glühte das ganze Buch, flammte auf und brannte.
Neben dem Buch stand eine kleine Schreibmaschine veralteten Systems. An
der Türe des kleinen Zimmers hing ein großer, weiter, grauer
Soldatenmantel.
Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und während er in den Mantel
schlüpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene Bibel, die im
Lichtstrahl flammte.
»Auch die Apokalypse gibt keine Deutung!« sagte der junge Mann
kopfschüttelnd, mit rasenden Augen, und schloß das Buch. Sofort erlosch
es, schwieg es, wurde es stumm.
»Diese apokalyptischen Reiter -- sie sind Schemen. Das Blut stieg bis an
die Zäume der Pferde -- er sollte es mit eigenen Augen sehen -- die
Pferde versinken im Blut!«
Da aber traf der Lichtstrahl ihn mitten ins Herz. Er fuhr zusammen,
seine rasenden, dunkeln Augen richteten sich ins Licht und flammten in
seinem bleichen Gesicht.
Er sah nicht die Schutthaufen mit den Papierfetzen und rostigen Eimern,
nicht die Lauben mit den schwarzen Lumpen auf den Dächern: er sah das
Licht, das sich zwischen düsteren Wolkensäumen durchfraß und die
Herrschaft über die Dunkelheit an sich riß.
Seine Finger berührten das heilige Buch, zuckten.
»_Ich glaube! Ich glaube!_« schrie er dem Licht entgegen.
2
Auch der alte Portier, der Veteran von 70, war schon wieder auf seinem
Posten. Zuweilen trat er aus der Loge und spuckte aus. Und da -- ist es
zu glauben? -- da war auch schon wieder jener Aufdringliche, jener
kleine, ältere Herr. Er zog den steifen Hut.
»Seht an -- Sie? Schon wieder?« begrüßte ihn der Portier unfreundlich.
Und vorwurfsvoll fuhr er fort: »Sie haben mich in eine hübsche Lage
gebracht, das muß ich sagen!«
»Hübsche Lage --? Um Gottes willen --?«
»Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr?«
»Jawohl, Herbst.«
»Etwas war offenbar nicht in Ordnung mit Ihrem Brief, Herr Herbst!«
»Nicht in Ordnung --?«
»Nein. Seine Exzellenz -- Sie haben doch gutes Papier genommen?
Jedenfalls haben Seine Exzellenz --« Der Portier in seinem im Laufe der
Kriegsjahre etwas schäbig gewordenen Mantel brach ab, öffnete die
Glastüre der Loge und verbeugte sich. »Guten Morgen, Herr Oberst!« Säbel
rasselten, ordenglitzernde Brüste schwebten am Glasfenster vorüber,
Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen. Die Soldaten und Schreiber
huschten die Granittreppen hinauf. Der Dienst begann wieder, dieselbe
Sache, wie seit Jahren.
»Jedenfalls war etwas mit Ihrem Brief nicht in Ordnung. Seine Exzellenz
waren -- hm -- ungehalten.«
»Sie selbst haben mich doch ermutigt.«
»Höflich und richtig abgefaßt. Ich habe gesagt, versuchen Sie es.
Reichen Sie ein Gesuch um eine Audienz ein. Haben Sie gehorsamst
geschrieben?«
»Ja, gehorsamst habe ich geschrieben.«
»Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weißer wäre besser
gewesen. Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. Sie sehen auf
Kleinigkeiten, wenn zum Beispiel auch nur ein ganz kleiner Schmutzfleck
da ist -- Guten Morgen, Herr Major, Herr Rittmeister! -- Es ging ja noch
gut ab, aber es hätte leicht ein Donnerwetter setzen können, schon
fürchtete ich einen Blick zu bekommen, ja, wissen Sie, einen Blick --!
Und nun ist heute nacht diese Sache passiert -- wissen Sie -- diese
Sache --«
»Welche Sache?«
»Nun, der Sohn Seiner Exzellenz -- der Herr Oberleutnant,« die Stimme
des Portiers sank zu einem Flüstern herab, »er hat Malheur gehabt mit
dem Revolver, beim Packen. Der Revolver hat sich geklemmt, und schon
ging also der Schuß los -- in die Hand.«
»Ist es möglich?«
»Nun können Sie sich vorstellen, was für eine Aufregung das hier im
Hause ist! Der Adjutant war schon hier und gab mir einen Wink. Denn
sehen Sie, wenn Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu
spaßen mit Exzellenz. Für gewöhnlich sind Exzellenz ja ganz umgänglich
-- freundlich sogar . . . Aber« -- plötzlich musterte der Portier seinen
Besuch -- »hören Sie -- Sie sind ja ganz naß, völlig durchnäßt?«
»Ich bin in den Regen gekommen.«
»In den Regen? Und wie Sie aussehen, Herr! Als ob Sie auch nicht ein
Auge zugetan hätten?«
»Wie ich Ihnen schon sagte, ich bin zuweilen vollkommen schlaflos --«
Der alte Portier, mit den weißen Haarsträhnen, den kleinen Medaillen aus
Kupfer und Blech auf der Brust des zu weiten Mantels, schüttelte den
Kopf -- kritisch, mißbilligend. Hier in seiner Loge --
Der Havelock, das heißt der Herr mit dem Havelock, Herr Herbst, machte
allerdings einen jämmerlichen Eindruck. Sein rostbrauner Havelock, der
viel zu lang war und bis an die schmutzigen Stiefel reichte, war
zerknittert und dunkel vor Nässe. Der schwarze steife Hut, der bis an
die abstehenden Ohren fiel, war glänzend schwarz vom Regen, das Band,
das die Krempe säumte, einfach vollgesogen mit Wasser. Sein Gesicht war
keineswegs stahlblau, sondern gelblich bleich, von ungesunder Färbung,
mit merkwürdigen gelben Flecken, klein, hohlwangig und von tiefen
Furchen zergraben. Öffnete er den kleinen, faltigen Mund mit dem
weißgrauen Stoppelbärtchen, so wurden gelbe Zahnstumpen sichtbar -- und
seine Glatze zog bis ins Genick, nur einige Härchen, grauweiß
gekräuselt, deuteten noch den Haarkranz an -- und diese großen,
abstehenden Ohren! Seine wasserhellen Augen waren entzündet und tränten,
sie schwammen fortwährend in Wasser. Es war ein Mensch, der nichts auf
sein Äußeres gab -- sich vernachlässigte, schlaflos, krank offenbar --
sein Sohn -- der alte Portier fühlte plötzlich Mitleid, obschon es ihm
peinlich war, daß dieses durchnäßte Herrchen sich in seiner Loge befand.
Wenn jemand hereinkäme, nicht ein Schreiber, vor ihnen hatte er keine
Angst, aber, nehmen wir an, ein Offizier?
»Und, sagen Sie -- lieber Herr -- was wollen Sie nur wieder, schon so
früh --?« fragte er, plötzlich aufs äußerste erstaunt.
»Ich wollte --« hier errötete Herr Herbst und wurde sehr unruhig --
»nun, ich wollte doch nachsehen, ob keine Antwort --?«
»Antwort --?«
»Der General sollte Ihnen Bescheid geben, wann die Audienz --?«
Der Portier schlug erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. »Also
auch mich ziehen Sie mit hinein -- mich?«
»Es schien mir das Einfachste --«
»Das Einfachste -- und Exzellenz werden nun denken --!« Und wieder
schlug der Portier außer sich die Hände über dem Kopf zusammen.
Herr Herbst fühlte nur zu deutlich, daß seine Position hoffnungslos
verloren war. Hastig fuhr er mit der kleinen, schmutzigen Hand in den
zerknitterten Havelock und zog ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein
großes Etui aus Aluminium.
»Ich bitte«, stotterte er.
»Nun kommen Sie mir wieder mit Ihren Zigarren.«
»Nehmen Sie ruhig, mein verehrter Herr!«
»Ich will Sie nicht berauben. Heutigentags ist eine Zigarre eine
Kostbarkeit. Danke. Also -- keine Adresse, Sie Unglückseliger --?«
»Nein. Ich wußte auch nicht recht welche -- ja, wie sollte ich es machen
-- ich habe -- zwei Wohnungen.«
»Zwei Wohnungen haben Sie?«
»Ja, zwei. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wohne.«
»Zwei Wohnungen, und er weiß nicht -- ja, eigentümlich -- ein
eigentümlicher Herr sind Sie --«
»Es kommt alles _daher_ -- alles _daher_ --« stotterte Herr Herbst zu
seiner Entschuldigung.
In diesem Augenblick klappte draußen ein Wagenschlag. Es war fünf
Minuten nach neun Uhr. Der Portier schrak zusammen und warf einen
raschen Blick durch das Guckfenster.
»Seine Exzellenz! Seine Exzellenz!« rief er in höchster Aufregung aus.
»Exzellenz darf Sie hier nicht sehen. Um Gottes willen -- daß Sie mir
nicht durch die Türe blicken!«
Und schon stürzte der Portier zitternd hinaus, um dem General seinen
Bückling zu machen.
Der Mann im Havelock floh erschrocken in die Ecke der Loge. Sein Herz
schlug vor unbeschreiblicher Angst. Er preßte das Zigarrenetui aus
Aluminium vor die Brust. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand
-- dann aber zwang ihn eine Macht, gegen die es keinen Widerstand gab,
langsam, ganz langsam den Kopf zu drehen und durch die Glastüre zu
lugen.
Soeben ging der General an der Loge vorüber. In Gedanken versunken, wie
gewöhnlich, stieg er die Granittreppe hinauf.
* * * * *
»Gott sei Dank, Exzellenz hat Sie nicht bemerkt!«
Aufatmend trat der Portier in die Loge zurück. »Und gar nicht schlecht
gelaunt, ja, sonderbar. Wer soll sich bei diesen hohen Herren auskennen?
Er sagte, sogar: >Guten Morgen, Heinecke<.«
Der Havelock wagte sich wieder aus seiner Ecke hervor. Seine tränenden
Augen forschten in dem alten Frauengesicht des Portiers. »Und --?«
»Was meinen Sie -- und?«
»Kein Bescheid?«
Der Portier schlug verzweifelt die Hände zusammen.
»Sie glauben also, mein lieber Herr, Exzellenz hat an nichts anderes zu
denken als an Ihr Gesuch«, rief er ärgerlich. »Um fünf Uhr haben Sie das
Gesuch abgegeben! Um acht Uhr waren Sie schon wieder da! Kaum beginnt
der Tag, so kommen Sie -- ich bitte Sie, mein verehrter Herr --!«
»Verzeihen Sie --«
»Exzellenz hat natürlich den Kopf vollgestopft mit allen möglichen
Dingen. Exzellenz hat dreihundert Leute unter sich, verstehen Sie, was
das heißt? Offiziere und Beamte und Mannschaften -- dreihundert. Da gibt
es Befehle und Schreibereien -- täglich kommen über hundert Telegramme
-- jeden Augenblick ruft die Oberste Heeresleitung an -- na und so zu --
und da glauben Sie --! Ich muß offen mit Ihnen reden. Sie sind nie
Soldat gewesen?«
»Nein.«
»Nun, da haben wir's. Dann können Sie freilich nicht wissen, wie es
zugeht. Keine ruhige Minute. Seit vierzig Jahren mache ich das mit.«
»Sie selbst haben doch --«
»Ja, leider Gottes habe ich -- aber bedenken Sie doch, was Sie
verlangen! Eine Audienz! Hunderte warten darauf -- wochenlang! Ich muß
nun offen mit Ihnen reden. Gestern schreiben Sie und heute glauben Sie
schon -- Ein General! Bedenken Sie -- und wer sind Sie? -- Ich will
Ihnen nicht zu nahe treten -- aber wer sind Sie -- oder ich --?
Vielleicht wird Exzellenz überhaupt nicht antworten.«
»Überhaupt nicht --?!« rief der Mann im Havelock voller Schrecken aus
und hob die Hände.
»Möglich, weshalb nicht? Ich spreche nun ganz offen mit Ihnen.«
»Aber mein Sohn -- es handelt sich ja --«
»Möglich -- alles möglich -- Sie sind weltfremd, mein Herr, kennen das
Leben nicht. Aus der Provinz --«
Herr Herbst nahm den Hut. Niedergeschlagen wandte er sich zur Türe:
»Nun, dann werde ich ein neues Gesuch schreiben!« sagte er entschlossen.
»Um Gottes willen!«
»Wenn er aber auch darauf nicht antwortet -- wissen Sie, was ich dann
tue --?« Herr Herbst versank in Nachdenken.
»Nun, nun -- wer sollte es für möglich halten --?«
Offenbar fand der Havelock aber keine Lösung.
»Nun jedenfalls ein neues Gesuch -- ja ja -- morgen schon! Ich kann doch
wohl verlangen -- Als Vater habe ich doch ein Recht -- ein Recht --«
Der Portier brach in ein heiseres Altmännerlachen aus und hustete. »Ein
Recht! Ein Recht!« schrie er.
»Weshalb nicht, als Vater?« fragte Herr Herbst, schon wieder ganz
zaghaft und entmutigt.
»Hahahaha -- ehek, ehek!«
Der Mann mit dem Havelock war verschwunden. Als der Portier sich
ausgespuckt hatte, war weit und breit von ihm keine Spur mehr zu sehen.
3
Langsam wandelte der General den endlosen Korridor entlang. Diesen
Korridor liebte er, und so oft er ihn entlang ging, empfand er ein
sonderbares Behagen, obschon dieser Korridor genau so häßlich, kahl und
übelriechend war wie alle Korridore des riesigen Amtsgebäudes. Aber in
etwas unterschied er sich von den andern Korridoren: er vibrierte
unaufhörlich von den Maschinen, die im Erdgeschoß arbeiteten. Sie
erfüllten den kahlen Gang mit ihrer Energie.
Wie täglich, wie stündlich, blieben die Ordonnanzen und Schreiber gegen
die Wand gedrückt stehen, sobald der General in ihre Nähe kam. Sie
wandten den Blick nicht von seiner verschlossenen Miene, bis er vorüber
war. Und selbst dann blickten sie ihm noch eine geraume Weile nach.
Jetzt erst setzten sie sich, den Kopf ruckweise zurechtdrehend, wieder
in Bewegung. Die Offiziere, die das Unglück hatten, zufällig über den
Korridor zu gehen, blieben stehen und machten ihre respektvolle
Verbeugung. Und der General hob den Finger an den Mützenrand, wie
täglich, wie stündlich, ohne die Menschen, die vor ihm zurückwichen,
anzusehen. Sein Blick war zu Boden gerichtet, auf die Steinfliesen, die
abgeschliffen waren von den genagelten Soldatenstiefeln. Es sah aus, als
ob die ganze Last der Kriegführung auf seinen Schultern ruhte.
Unter den Steinfliesen arbeiteten die Druckereien. Tag und Nacht
schleuderten die Rotationsmaschinen Stöße von Kartenblättern heraus,
die, zu großen, nach Leim und frischer Farbe riechenden Stapeln gehäuft,
nach und nach sämtliche Korridore des weiten Gebäudes überschwemmten. Es
waren Karten von allen denkbaren und undenkbaren Ländern, vom Eismeer
bis zum Äquator -- soweit die scharfen Augen der Generale blickten.
Aus diesen Kartenstapeln strömten Inspirationen. So sah der General in
diesem Augenblick, ohne jede bewußte Ideenverbindung, deutlich den
Peipussee vor sich und die strategische Grenzlinie Deutschlands im
Osten, die schon sein großer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. --
Übrigens, kurios, der Portier, dieser alte Veteran, er sah dem alternden
Moltke etwas ähnlich, natürlich nur ganz entfernt, soweit ein aus dem
Unteroffizierstande hervorgegangener Beamter überhaupt einem Heerführer
ähnlich sehen kann. -- Diese Linie, ja, und im Norden mußte ein
erstarktes Finnland, fest an Deutschland geknüpft, der Verbündete
werden: mit der Pistole an der Schläfe mußte Rußland in den Frieden
hineingehen.
Ein Glück nur, daß dieses elende Diplomatenmachwerk von Brest-Litowsk
nur ein Provisorium war . . .
Plötzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie der Schnitt
eines Rasiermessers vom Peipussee südlich führte, durch irgendetwas
gestört. Was war es doch? Ein weiter, grauer Soldatenmantel flatterte
durch sie hindurch!
Da war er also wieder, seht an . . .
Seit Wochen schon war ihm dieser Mantel aufgefallen, und zwar nur, weil
er so merkwürdig flatterte, wie kein Mantel sonst. Obschon er immer nur
-- ein sonderbarer Zufall -- einen Zipfel dieses Mantels verschwinden
sah, konnte er doch feststellen, daß es der Mantel eines gemeinen
Soldaten war, der nachlässig, unsoldatisch, mit einem Wort
vorschriftswidrig getragen wurde. In besonderen Stimmungen hatte er in
dem Flattern dieses Mantels sogar etwas Herausforderndes erblickt --
eines jener Symptome des Abbröckelns der Disziplin, gegen das er in
ungezählten Tagesbefehlen ankämpfte -- schon an der Front, was ihm von
gewissen Seiten wieder übel vermerkt wurde.
Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hände, er konnte ihm
nicht entgehen.
Der Soldat kam näher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, sah der
General, daß er das eine Bein etwas nachschleppte. Der weite Mantel
stand an der Wand still, wie alles, was sich hier bewegte, wenn der
General in Sicht kam.
Der General sah einen einfachen Soldaten von etwa fünfundzwanzig Jahren
vor sich stehen, mittelgroß, breitschulterig, mit schlichten, für sein
Alter auffallend ernsten Zügen. Was dem General aber besonders an dem
Gesicht auffiel, das waren die Augen. Sie waren braun und
außerordentlich sanft. Es waren die sanftesten Männeraugen, die der
General jemals gesehen hatte. Und der ganze Bursche, bleich und schlecht
genährt, wie die meisten Ordonnanzen und Schreiber, die sich im
Amtsgebäude herumtrieben, der ganze Bursche machte einen ebenso sanften
und versöhnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen Haare waren etwas zu
lang und standen unter der Mütze vor. Die Haltung dieses Mannes war ohne
jeden Tadel. Indessen, es lag etwas in dem Ausdruck seines Gesichts --
ja, wie soll man sagen? In den warmen, braunen Augen schimmerte -- oder
täuschte er sich -- ein unmerkliches Lächeln, und dieses unmerkliche
Lächeln lag trotz dem Ernst auch auf dem etwas bleichen Gesicht.
Der General betrachtete das Gesicht in aller Ruhe -- so wie man eine
Schnitzerei betrachtet. Aber dieser Mann kam nicht in Verlegenheit,
wurde nicht unsicher, der Ausdruck seiner Augen änderte sich nicht,
seine Lider bewegten sich nicht rascher. Er blieb gleichmäßig ruhig und
gleichgültig.
Dieser Mann hatte offenbar keine Angst, von einem hohen Vorgesetzten
gemustert zu werden, ruhig erwiderte sein Blick den des Generals --
keine Angst, nicht die geringste.
Hm!
Übrigens hatte der General dieses Gesicht schon irgendwo und irgendwann
gesehen, obgleich er sicher war, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Es
war ein Gesicht, wie man es auf alten Bildern sah -- ein Gesicht aus
vergangenen Epochen sozusagen. Auf alten Gemälden und Stichen, von
Mönchen, Poeten und sonstigen Schwärmern.
Nun stieg eine leichte Röte unter der blassen Haut des Gesichts empor.
Rasch wie Hammerschläge fielen Fragen und Antworten:
»Wie heißen Sie?« -- »Ackermann.«
»Was sind Sie?« -- »Hilfsschreiber!«
»Zivilberuf?« -- »Student!«
»Wo verwundet?« -- »An der Somme!«
Unvermittelt nahm die Stimme des Generals einen strengen Ton an.
»Wenn Sie auch Student sind, so können Sie doch Ihren Mantel
vorschriftsmäßig zuknöpfen!«
Die Hände des Soldaten fuhren nach den Mantelknöpfen.
»Nachher, mein Sohn«, sagte der General wieder milder und ging.
Schon verschwand er in der grüngepolsterten Doppeltüre.
* * * * *
Etwas unsicher machte Hauptmann Weißbach, der Adjutant, seine Meldung.
Ottos verletzte Hand war soeben geröntgt worden. In wenigen Wochen
dürfte Otto wieder völlig hergestellt sein.
»Also, der Arzt befürchtet nicht, daß seine Karriere dadurch beeinflußt
werden könnte?«
Weißbach erblickte seinen Gebieter durch eine Art Nebel in
Überlebensgröße. Er hatte die Empfindung, Wolken von Alkohol
auszuströmen. Wenn man ihm mit einem Streichholz zu nahe kam -- um
Gottes willen, seien Sie vorsichtig! -- so würde er lichterloh in
Flammen stehen, augenblicklich -- diese etwas peinliche Empfindung hatte
der Adjutant. Ganz abgesehen davon konnte jeden Augenblick der
Parkettboden unter seinen Füßen einbrechen und er im Keller landen, bei
den Rotationsmaschinen, die Tag und Nacht Karten aller Herren Länder
ausspien.
Vor knapp einer halben Stunde war er von Ströbel gekommen. Ströbels
Herrenabende -- die Saharet zählte gar nicht -- pflegten sich stets bis
zum Morgen auszudehnen. Punkt acht Uhr wurde die letzte Bank abgezogen.
Dann badete man, rasierte sich und frühstückte. Herrlichen Mokka gab es
bei Ströbel, Brötchen mit Butter -- einfach alles. Zuletzt noch einen
Kognak -- und dann los! Ottos Unfall war telephonisch gemeldet worden.
Augenblicklich hatte Weißbach, so wie es sich für einen Adjutanten
gehörte, seine »Maßnahmen ergriffen«. Alles telephonisch. Er wollte ins
Lazarett fahren, sobald eine Minute Zeit war. Er wußte, was man von ihm
forderte --
Der General befahl mit Ottos Regimentskommandeur im Felde verbunden zu
werden -- und dann: wenn Anmeldungen vorliegen?
»Der Herr von der Presse.«
»Ich bitte!« Die Verblüffung warf Weißbach nahezu zu Boden.
Seit einer Woche bereits antichambrierte dieser Herr von der Presse, und
Weißbach wagte kaum noch, ihn zu melden. Der General verachtete alles,
was mit diesem Gewerbe zu tun hatte -- all diese entgleisten Studenten,
Gelehrten und Schriftsteller, die die Anmaßung besaßen, die öffentliche
Meinung machen zu wollen.
Die hohen Bogenfenster spiegelten sich im gewichsten Parkett, der breite
Goldrahmen des großen Kaiserbildes an der Wand glänzte. Sonst war der
Arbeitssaal Leere und Kahlheit, bewohnt einzig und allein von Seiner
Majestät, mit dem Marschallstab und der von Orden, Kreuzen, Sternen,
Tressen und Schnüren funkelnden Brust.
Von tiefem, feierlichem Blau waren die langen, schmalen Vorhänge an den
hohen Bogenfenstern, silbergrau die Wände -- zuweilen wichen sie zurück,
wenn der General arbeitete -- in weite Fernen, und es schien ihm dann,
als säße er in einem endlosen Nebel.
Der General heftete den Blick auf das Kaiserbild -- täglich tauschte er
Blicke mit seinem obersten Herrn. Aber die Augen des Soldaten im weiten
Mantel erschienen vor seinen Blicken: sonderbare Augen, in der Tat --
genau wie auf den alten Ölgemälden --
Schon trat der Herr von der Presse ein -- mit einem feierlichen
Bückling, bis zum Parkett. Ein warmer Unterton in der Stimme des
Generals ermutigte ihn näher zu treten.
Weißbach unterbrach die Unterhaltung.
»Das Regiment«, meldete er. »Befehlen Herr General das Gespräch hier
hereinzulegen?«
»Ich bitte -- es wird wohl nicht stören?« Der Herr von der Presse wußte
das außergewöhnliche Vertrauen zu schätzen.
Und der General begann in das Telephon zu schreien: »-- schon
unterrichtet -- jawohl -- eine Abschiedsfeier, Herr Oberst, die bis
morgens um sechs Uhr dauerte --« Und nun lauschte der General und
verbeugte sich am Telephon. Der Regimentskommandeur drückte die Hoffnung
aus, seinen tapfersten Offizier bald wiederzusehen. Er sagte
ausdrücklich: tapfersten -- hier verbeugte sich der General -- und
wieder heulte der General in das Telephon. »Stimmung ausgezeichnet,
sagen Sie -- prächtige Laune -- Zuversicht -- es wird ja wohl bald
wieder vorwärtsgehen --« und wieder lachte der General in das Telephon.
»Sie verzeihen die Unterbrechung. Meinem Sohn ist ein kleines Malheur
zugestoßen. Beim Einpacken, er sollte heute zum Regiment zurück, klemmt
sich der Revolver, und plötzlich geht er los --«
Auf den Zügen des Pressevertreters malten sich äußerster Schrecken und
tiefste Anteilnahme.
Untadelig glänzte das Wappenschild der Hecht-Babenberg durch die
Jahrhunderte. Gerade dieses Wappenschildes wegen deckte der General
seinen Sohn mit dem eigenen Leibe. Wenn man auch voraussetzen sollte,
daß vor dem Namen Hecht-Babenberg die Zungen unverantwortlicher
Schwätzer verstummten, so wimmelte dieses Berlin doch von Neidern und
Verleumdern -- er selbst konnte ja ein Lied davon singen -- denen selbst
das fleckenlose Wappenschild der Hecht-Babenberg nicht heilig sein würde
. . .
Der Dienst verschlang die Zeit, und im Augenblick war es Mittag
geworden. Punkt ein Uhr raste die graue Limousine davon, um erst vor
Stifters Diele, Unter den Linden, anzuhalten.
4
Der General frühstückte jeden Tag in Stifters Diele. Ruth war zur
Mittagszeit in ihrer Küche beschäftigt, und allein in dem kahlen
Speisezimmer zu Hause sitzen --? Nein. Es war am Tage noch ungemütlicher
als am Abend -- und totenstill.
In Stifters Diele waren wenigstens Menschen und etwas Lärm, gerade so
viel, wie Leute mit guter Kinderstube ihn beim Dinieren erzeugen, ein
beruhigender, wohltuender Lärm. Silber klirrte.
Hier, in seiner Nische hinter den Stechpalmen, fühlte der General sich
geborgen vor den Zudringlichkeiten der Welt. Zuweilen nur drang
irgendein neugieriger Blick durch die Stechpalmen, um sich sofort wieder
ehrfurchtsvoll zurückzuziehen.
Stifters Diele war nicht ein gewöhnliches Restaurant, sondern eine
Speisekapelle: farbige Kirchenfenster, Dämmerung, gedämpfte Lichter und
dicke Teppiche. Das Speisen hatte hier die Form eines religiösen Kults
angenommen. Die Kellner murmelten feierlich wie Priester, die die
Beichte abhören.
Zwischen dem Etablissement und den Gästen bestand eine stillschweigende
Verabredung: das Etablissement versprach, seine Gäste gesund und
wohlgenährt durch den Krieg zu bringen, wogegen die Gäste sich
verpflichteten, zu schweigen und zu zahlen. Es verkehrten fast
ausschließlich Stammgäste in Stifters Diele. Zumeist hohe Würdenträger,
die neue Energien für den anstrengenden Dienst zu gewinnen suchten, und
Junker, die von ihren großen Gütern nach Berlin kamen und die Küche der
Diele kannten. Manchmal verirrten sich auch zweifelhafte Elemente hier
herein -- aber sofort kam der Oberkellner, leider alles bestellt, die
Herrschaften --
Wie eine Orgel summte die tiefe Stimme des Oberkellners. Näher als
irgendein anderer Sterblicher es hätte wagen dürfen, rückte er dem roten
Ohr des Generals.
»Bouillon mit Mark oder Klößchen, Exzellenz? -- Mit Klößchen, sehr
wohl.«
»Hühnerpastetchen, Exzellenz? Heute ist fleischloser Tag, aber -- nur
für unsere Stammgäste natürlich -- Chateaubriand -- Es ist auch etwas
Kaviar eingetroffen. Ich darf eine Portion servieren, ohne den Preis zu
nennen?«
Der General setzte den goldenen Kneifer auf und blickte den Befrackten
an. »Sie sagten --?«
»Ja, über Finnland. Der russische Friede macht sich schon geltend. Haben
Exzellenz übrigens die Flagge auf der russischen Botschaft gesehen?
Nein? Zum erstenmal heute aufgezogen. Etwas Pudding oder Camembert?«
»Camembert!«
»Sehr wohl, Exzellenz. -- Den Wein habe ich schon bereitgestellt. Sehr
wohl.«
Jeden Mittag pflegte der General eine halbe Flasche Sekt zum Frühstück
zu trinken. Zuweilen aber nippte er nur am Glase, es hing ganz von
seinem Befinden ab.
Die Leberklößchen, die auf der Zunge zerschmolzen, die Geflügelpastete
mit eingehackten Champignons und würzigen Kräutern, das Chateaubriand
auf englische Art, der Kaviar -- ein Erlebnis sozusagen nach langen
Jahren -- neue Kraft erfüllte die Nerven, die Unglücksgeschichte Ottos,
die Plackereien des Dienstes versanken. Nichts blieb, gar nichts, es war
ein herrlicher Zustand des Schwebens im Nichts. Nur das Gegenüber störte
die vollkommene Harmonie. Vielleicht würde er doch noch den Platz
wechseln?
Gegenüber saßen zwei Rittmeister. Mit ihren glattgeschorenen, runden
Schädeln, voller Höcker und Knollen, ihren gedunsenen Gesichtern, ihren
rosigen Fettnacken, waren sie die typischen »Etappenschweine«, die nie
eine Kugel pfeifen hörten. Nichts aber haßte der General mehr als alles,
was Etappe hieß. Dabei trugen sie ellenlange Ordensschnallen auf der
Brust. Sie schämten sich nicht einmal, den Halbmond zu tragen, obwohl
sie nie die Türkei gesehen hatten, einen Orden, den selbst der General
nicht besaß. Immer tuschelten sie, immer kicherten sie, immer gossen sie
die Gläser voll -- und goldene Armreife wurden an ihren haarigen
Handgelenken sichtbar. Sie pflegten dem General ihre Achtung
auszudrücken, ohne irgendwelche Übertriebenheit: es waren Leute der
gleichen Gesellschafts klasse. Der General verachtete sie aus tiefster
Seele.
Schon aber stand der Oberkellner mit einer strahlenden Kerze vor ihm:
»Eine Zigarre, Exzellenz?«
Gott sei Dank, die beiden Burschen gingen.
Der General legte sich behaglich in den Sessel zurück.
»Aber das Pferdematerial?« fragte eine skeptische Stimme in seinem Ohr.
Tag und Nacht war er mit den Problemen des Krieges beschäftigt. »Ob die
Pferde noch den Anstrengungen einer Offensive gewachsen sein werden --?«
»Die Pferde sind ausgeruht -- gut gefüttert und gepflegt«, antwortete
eine zweite, zuversichtliche Stimme.
Wieder war Ruhe, wieder herrliches Schweben im Nichts. Der General
verschwand im Rauch der Havanna.
Heute abend würde er bei Dora speisen. Es war Freitag. Dienstags und
Freitags pflegte der General, wie schon erwähnt, bei Frau v. Dönhoff zu
Abend zu essen.
Plötzlich aber erhellte ein Gedanke die Augen des Generals. Sie
erweiterten sich, blinkten hell aus der Dämmerung der Speisekapelle.
Kalt, wach, nachdenklich. Der Gedanke hatte sie ganz erfüllt.
»_Wo war Ruth?_« fragte er, und die Augen wuchsen.
Dann schlossen sie sich zur Hälfte, nur noch ein Spalt war sichtbar, ein
Spalt funkelnden Eises.
Und diese unverständliche Bemerkung in dem Brief des kleinen Mannes mit
dem blaugefrorenen Gesicht --?
Bekam sie nicht plötzlich eine merkwürdige Bedeutung?
* * * * *
»Wie? Wie? Was!« rief der General aus, als er den Fuß vor Stifters Diele
setzte. Er wankte.
»Wie? Wie!«
»Ist es möglich?«
»Sind die Leute denn wirklich verrückt geworden?«
In der Tat, deutlich spürte er das Schwanken des Bodens unter den Füßen.
»War so etwas möglich? In Berlin?«
»Unter den Linden?«
Die Röte flog in sein Gesicht.
Gegenüber, auf dem Dache gegenüber, wehte im frischen Wind, lustig, wie
die selbstverständlichste Sache der Welt, hoch oben -- eine blutrote,
blutrot leuchtende Flagge!
Alle Blicke zog sie auf sich. Man stelle sich vor: eine rote Flagge in
einer Stadt, wo selbst eine rote Krawatte eine lebensgefährliche
Herausforderung ist, wo die rote Farbe, wenn sie allein auftritt,
einfach verpönt ist, wo die Säbel der Polizisten jeden automatisch
zerfleischten, der es wagen würde, ein rotes Taschentuch zu schwingen,
um sich damit die Nase zu putzen. Und hier -- ohne weiteres -- wie die
natürlichste Sache der Welt -- eine rote Flagge, eine rotleuchtende
Standarte, gehißt an einem richtigen Flaggenmast, auf einem Dache! Die
Spaziergänger bogen die Hälse, versteinerten, trauten ihren Augen nicht,
zwinkerten --
Weithin leuchtete die rote Flagge und verkündete den Sieg des russischen
Volkes über den Herrn der Galgen, siebenschwänzigen Katzen und
Bleibergwerke -- über das endlose Häusermeer von Berlin strahlte sie,
funkelte sie.
»Sind sie denn da drüben gänzlich verrückt geworden?« Er meinte die
Wilhelmstraße.
Und der General versank in düsteres Nachdenken, während der Wagen die
Linden hinabschoß.
Diese Flagge -- getränkt mit dem Blute gekrönter Häupter und hoher
Würdenträger . . .
Schamlos.
Zuweilen war es ihm, als höre er über sich ein Knistern, ein Splittern
--
5
»Ich glaube!«
»Ich glaube an den Menschen!«
»Ich glaube an die Güte des Menschen und seine Reinheit! Ich glaube an
seine heilige Bestimmung und seine göttliche Seele! Ich glaube an die
Brüderlichkeit, die Kameradschaft, an die allerlösende Menschenliebe!
Dies ist mein Bekenntnis, großer Gott über der Finsternis!«
Mit der ganzen Inbrunst seiner fünfundzwanzig Jahre schrie Ackermann,
der Soldat, dies Bekenntnis vor sich hin. Soeben flog die bekannte graue
Limousine an ihm vorüber.
»Ich glaube --!« Die Glocke eines elektrischen Wagens gellte, und er
sprang mit einem Satz zur Seite. Um ein Haar wäre er überfahren worden.
Sein weiter, grauer Mantel flatterte dem Brandenburger Tor zu. Mit
großen, raschen Schritten, wie gewöhnlich, ging er dahin. Er
gestikulierte heftig, und seine rasenden, dunkeln Augen glühten in dem
fahlen, mageren Gesicht.
»Ich glaube an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern, die sich heute
zerfleischen! Ich glaube an den Tag, da man die Kanonen und
Schlachtschiffe zertrümmern, die Grenzpfähle umstürzen und die Flaggen
zerreißen wird! Ich glaube an den Tag, da die Menschen nur eine Sprache
sprechen werden, einerlei welche, denn nicht um die Sprache handelt es
sich, allein um die Gedanken, die sie damit ausdrücken!«
»Ich glaube an den Tag, da kein Mensch mehr den Menschen ausbeuten wird,
an den Tag, da es weder weiße noch schwarze, noch gelbe, weder männliche
noch weibliche Sklaven geben wird, an den Tag der gleichen Rechte bei
gleichen Pflichten! Ja, ich, Ackermann, glaube daran! Ich glaube an den
Sieg des Rechts über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge! Ich
glaube, daß göttliche Ideen die Welt bewegen und nicht die Kanonen.«
»Ja, ich, Armseligster unter den Armseligsten, ich glaube an das
kommende Menschenreich auf Erden -- das Reich der Vernunft,
Gerechtigkeit, Würde und Schönheit!«
»Auch an dich glaube ich, mein Volk!« rief Ackermann mit rasenden,
glühenden Augen aus, und durchschritt das Brandenburger Tor. Es ist gut,
dachte er aufatmend, sich zuweilen sein Bekenntnis zu wiederholen -- in
dieser entsetzlichen Verfinsterung -- so gut tut es.
In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urplötzlich gehemmt.
Etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes, ein Wunder! Feuer lohte durch seinen
Körper, Glut flog über sein Gesicht, die Hände brannten. Der Himmel
blendete, der Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel über Berlin.
Schon --? Schon --? Verheißung . . .
Er blieb stehen, schob die Mütze zurück über die schwarzen Haare, und --
so erregt war er -- deutete auf die rote Flagge auf dem Dache. Seine
Lippen bebten. Ohne jede Regung stand er, gläubiges Feuer die Augen.
Dann nahm er die Mütze ab.
»-- Licht aus dem Osten, Morgenröte --«
6
Während der General bei Stifter dinierte, löffelte der Havelock, der
kleine Herr Herbst, in der Volksküche in der Dorotheenstraße seine
Kartoffelsuppe. Er kam häufig hierher, aus bestimmten Gründen.
»Also nicht?« flüsterte er aufgeregt vor sich hin. »Und ich wartete
extra vor dem Restaurant und grüßte, aber er sah mich nicht. Er hätte
sich gewiß daran erinnert. Nun, vielleicht -- wenn auch dieser Portier
glaubt -- ein alter Mann, was weiß er?«
Herr Herbst saß in seinem feuchten, dampfenden Mantel, den steifen Hut
auf dem Kopf, neben einem Fenster, das auf den düsteren Hof hinausging.
Auf dem Fensterbrett lag noch dieselbe tote Fliege -- wie lange lag sie
schon da? Wieder stand im Hof das Auto mit den Papierballen. Dieser Hof
gehörte zu jenem bekannten roten Gebäude in der Dorotheenstraße, wo die
Verlustlisten auslagen. Jeden Tag kam das Lastauto mit den riesigen
Ballen der neugedruckten Listen, täglich, seit dreieinhalb Jahren -- sie
fielen da draußen wie das Laub der Bäume im Herbst.
Wie das Laub -- nicht anders -- so dachte Herr Herbst, voller Gram.
Auch er, sein Sohn -- Robert -- war gefallen -- nun -- wie ein Blatt --
das einfach fällt . . . ohne daß jemand es sieht . . .
Er nickte vor sich hin.
»Wie ein Blatt --«
Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während er stöhnte.
»Und niemand sah es!«
Ach, ach, ach!
Plötzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter,
quiekender Schrei. Die Gäste an den Nebentischen wandten sich um.
Schon war er wieder still, nur keine Beunruhigung, und schlürfte seine
Suppe. Der Schmerz hatte ihn überfallen, wie ein reißendes Tier,
urplötzlich.
Die Küche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte und klapperte.
Sie roch nach Kohl, wie alle diese Küchen. Ohne Kohl und Rüben hätten
sie sofort schließen müssen.
Der Havelock aber fand sie elegant im Vergleich zu den Küchen am
Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gab es zum Beispiel Bestecke,
wenn auch aus Blech, aber ohne Pfand, während man in jenen Küchen eine
Mark als Pfand hinterlegen mußte. Diebe waren die Menschen geworden,
nichts als Diebe, sie stahlen einfach alles, was sie mitnehmen konnten.
Hier dagegen verkehrte nur gutes Publikum.
Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wächserne
Stenotypistinnen, düstere, vergrämte Beamte, bleiche, bebrillte
Studenten, Mappen und Bücher unter dem Arm, einzelne Uniformen. Sie
standen um die kahlen Holztische und warteten geduldig auf Platz.
Unaufhörlich ging die Türe, und Nässe und Kälte strömten in das düstere
Lokal.
Bleich, gelb, mit wächsernen Ohren, die Schultern nach vorn gebogen,
hustend, trüb die Augen, fiebernd -- sie alle waren schon gezeichnet.
Die Grippe würde sie holen, heute, morgen, in einem Jahr -- spielt keine
Rolle, sie entgingen ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten
für sie auf dem Stapel irgendeines Holzplatzes. Aber noch lachten sie,
die kleinen wächsernen Stenotypistinnen, kicherten. Sollte man es für
möglich halten -- während schon die Bretter zusammengenagelt wurden? Sie
erregten sich, debattierten, das Blut stieg in die bleichen Gesichter.
»Haben Sie gelesen -- haben Sie gehört -- nun behaupten sie, daß wir
Fett aus Leichen herstellen.«
»Fett aus -- wie sagen Sie? Wer --? Fett?«
»Die Entente, natürlich!«
»Diese Schurken, diese --!«
»Ah, ah -- aber das ist doch --!«
»Ist es nicht schlimmer als Mord? Sind wir Verbrecher, Auswurf der Erde?
Darf man -- ich ertrage es nicht mehr, ich zittere an allen Gliedern --
die Grippe. -- Wie können Menschen so tief sinken? Ah, pfui, pfui --!«
»Auch mich hat die Grippe gepackt. Sie sollten sich nicht so erregen,
beim Essen besonders. Und die Regierung --?«
»Die Regierung? Sie schläft. Sie liest keine Zeitungen, weiß es noch gar
nicht. Sie läßt das Volk beschmutzen, schläft. Versteht nichts, hat
Bedenken, unfähig, über alle Maßen.«
Kohl und Rüben, Rüben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene und angefaulte
Kartoffeln, vielleicht etwas Erbsen und zuweilen, ganz selten, ein
Stückchen Fleisch, sehr wenig, und meistens ein Knochen. Die Knochen
wurden ja gesammelt und den Küchen zur Verfügung gestellt. Aber doch war
es weitaus besser hier als am Alexanderplatz, dort roch es sauer und
unangenehm, zum Erbrechen.
Scheu und vorsichtig drehte der Havelock den Kopf -- und dort, dort
stand _sie_ -- der Liebling!
Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer etwas
zerstreut, manchmal steckte sie sogar den Finger in den Mund, mitten in
diesem Wirbel von Köpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie, _seine_
Tochter -- die Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus dem
die endlosen Reihen von dampfenden Tellern von roten Händen geschoben
wurden, und kontrollierte. Zuweilen trat sie auch an einen Tisch,
plauderte, besänftigte.
So zart, so fein, ihre Augen schimmerten -- diese Händchen -- sollte man
es für möglich halten -- mitten in diesem dicken Kohlgeruch, diesem Lärm
-- ein gnädiges Fräulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war
auch im Felde gewesen -- alles wußte der Havelock -- dort hatte sie
gepflegt. Sie, die Zarte, hatte den furchtbaren Kanonendonner gehört,
von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den
Kopf wandte, hatte sie etwas Ähnlichkeit mit dem General -- sonst keine,
nicht die geringste.
Verstohlen blinzelte der Havelock zu ihr hin, und plötzlich errötete er
wie ein Verliebter.
Sein Herz war verwaist, einsam, er war aus der Provinz zugezogen, kannte
niemand in Berlin, er trank auch, der Alkohol -- es war die Wahrheit: er
liebte die Tochter des Generals! Ganz gegen seinen Willen, denn
eigentlich wollte er sie hassen! Er kam nur hierher, um seinen Liebling
zu sehen, wie er Ruth nannte. Ihr Anblick erwärmte sein Herz. Sie selbst
hatte ihn ja hierher gebracht, in diese Küche. Auf diese Weise hatte er
überhaupt erst diese Küche entdeckt.
Nun aber kam Ruth näher, und er wandte rasch den Kopf ab und blickte auf
den Hof hinaus, wo Soldaten die Papierballen von dem Lastauto abluden.
Wieder dieser Alte mit der runden Hornbrille, wieder war er unzufrieden!
Jeden Tag fast hatte er irgend etwas auszusetzen.
»Wir tun, was in unseren Kräften steht«, suchte Ruth ihn zu beruhigen.
Aber der Alte mit der Hornbrille schrie aufgeregt: »Ich bezahle ja, mein
Geld ist so gut wie das Geld der andern. Und wo ist die Einlage,
Fräulein --?« Verzweifelt rührte er mit der Gabel zwischen den
Kohlblättern. »Ich habe für fünfundzwanzig Gramm Fleischmarke gegeben,
Fräulein -- und wo ist das Fleisch, ich bitte Sie? Wo? Wo ist mein
Fleisch -- ich habe Anspruch. -- Wo ist mein Fleisch -- mein Fleisch --
mein Fleisch --!?«
»Ich werde sehen«, erwiderte Ruth und trug den Teller des Alten zur
Küche.
Der Havelock atmete auf.
Da aber erschien der weite, graue, offene Soldatenmantel in der Türe --
und sofort rückte der Havelock den steifen Hut zurecht und ging.
7
Ja, die Tochter des Generals selbst hatte ihn in diese Küche geführt --
sehr einfach -- obwohl er nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte . . .
Hinab die Friedrichstraße segelte der Havelock mit dem steifen Hut. Es
sah aus, als schwimme er, aufrecht stehend, so unmöglich das ist. Er
trippelte und schlürfte, die Knie etwas eingebogen, die linke Schulter
eine Kleinigkeit geneigt. Seit gestern morgen war er unterwegs, hatte
nur auf einer Bank im Tiergarten ein kleines Nickerchen getan, im Regen
-- nun fühlte er seine Beine und Füße nicht mehr.
Ohne jede Anstrengung glitt er vorwärts, es ging von selbst. Er rollte
auf einer kleinen Wolke dahin, nicht größer als ein gefüllter
Kartoffelsack. Zuweilen spürte er sie wie Teig unter den Sohlen. Er
konnte auf dieser kleinen Wolke auch ausbiegen, nach links, nach rechts,
ohne jede Mühe --
Ja, sie selbst -- seine Tochter, das gnädige Fräulein.
Er stand da bei einem Zigarrenladen, mitten in dem Zug von gierigen
Rauchern, die warten, bis geöffnet wird, und die Zigarren steigen im
Preise, während sie warten. Das ist Tatsache! Da stand er also und
sprach mit einem Soldaten, Kraftfahrer. Dieser Kraftfahrer kannte nicht
die Höhe von Quatre vents, er kannte nicht Roberts Bataillon, das am 5.
August stürmte, aber er kannte den Chauffeur des Generals, Schwerdtfeger
mit Namen, und der General war seit vier Wochen nach Berlin kommandiert!
Wie? Hier? Welch ein Zufall! Wieviel hundert Soldaten hatte er
angesprochen, und nun führte ihm Gott diesen Kraftfahrer in den Weg!
Er war hier? Hier! Schlaflos die Nächte, ruhelos die Tage.
Ja! Dieses Gesicht --!
Dieses schweigende Gesicht, das nie sprach, diese Augen, die man nie
sah! Dieser Gang -- und der tiefe Bückling des Portiers! -- ohne jeden
Zweifel: er war es! Robert hatte ja ausführlich aus dem Felde
geschrieben: Wir marschierten vorüber, und unser General stand auf der
Treppe seines Schlosses und grüßte. Er und kein anderer! Wie aus einem
Felsen gehauen . . . schrieb Robert. Das also war er, den die Soldaten
-- nun, besser, das Wort nicht auszusprechen -- nannten! So sahen die
aus, die befahlen: Nur über unsere Leichen führt der Weg zur Höhe! --
Die Briefe Roberts knisterten in seiner Tasche.
Tagelang verfolgte ihn das Steingesicht durch das Labyrinth der Straßen.
Sonderbares Gesicht aus Stein. Es zog an!
Jeden Mittag schoß das graue Auto in die gleiche Richtung -- schon zwei
Tage später stand der Havelock vor Stifters Diele. Und plötzlich grüßte
er, und der General hob die Hand zur Mütze. Weshalb? Weshalb grüßte er,
er hatte eine Sekunde vorher gar nicht daran gedacht, daß er den General
grüßen könnte -- grüßen durfte. Es war gewiß anmaßend, unhöflich. Nach
drei Tagen -- er hatte nichts zu tun, gar nichts, Rentier Herbst -- nach
drei Tagen schon wußte er, wo der General wohnte.
Dieses Haus -- Sie erlauben wohl -- kannte er ganz genau, jedes Fenster
und die kleinsten Risse in der grauen Mauer. Das Haus erschien ihm im
Traum -- als ein Gesicht aus grauem Stein. Er kannte auch das
efeubewachsene Backsteinhaus mit dem Messingschild: Dönhoff. Er kannte
den Zebrakittel, Petersen -- alles liebe Menschen, gesprächig --
* * * * *
Der Havelock rollte auf seiner kleinen Wolke über den
Belle-Alliance-Platz, unter der Hochbahn hindurch, die Blücherstraße
hinab.
Hier glitt er an einem schmalen, gelben Hause einigemal hin und her,
blickte nach oben zur dritten Etage, wo die Rolläden herabgelassen
waren. Dieses Haus, diese Etage schien ihn ungemein zu interessieren --
anzuziehen, abzustoßen . . .
Seine Schultern krümmten sich zusammen, er ächzte, plötzlich fühlte er
die Last wieder, die ihn zu Boden drückte, die er ewig mit sich
schleppte durch die endlosen steinigen Straßen Berlins.
Dann aber wandte er entschlossen um und rollte wieder die Blücherstraße
hinauf.
Da aber blieb die Wolke stehen und war nicht mehr vorwärts zu bewegen.
Im nächsten Augenblick -- schon war er drinnen. Ein Gläschen, noch eines
und ein drittes! Schon war er wieder auf der Straße.
Aus dem grauen Hause des Generals, mit den Messingbeschlägen an der
Türe, die unausgesetzt geputzt und poliert wurden von den beiden
Burschen, war täglich eine junge Dame gekommen. Heute, morgen, jeden
Tag. Seht an!
Eine Zigarre gefällig, Herr Soldat. Ein Zigarrchen -- immer fleißig, ein
schöner Wintertag . . .
Nun kannte er Jakob und Wangel. Mit Jakob kam er öfter ins Gespräch.
Außer Ruth war auch noch ein Sohn da, Otto, Oberleutnant, im Felde, und
die Frau des Herrn Generals -- tot, ja, tot, seit Jahren.
Jeden Tag aber ging das gnädige Fräulein in die Dorotheenstraße und
verschwand in einem Torbogen. Schließlich wagte er es, ihr zu folgen.
Auf diese Weise hatte er die Küche in der Dorotheenstraße entdeckt.
Täglich konnte er nun seine Tochter, die Tochter des Generals, sehen! Da
stand sie, dicht neben ihm -- Fleisch von seinem Fleisch, Blut von
seinem Blute. Der Haß kochte, die Gelüste nach Vergeltung fraßen . . .
Er beschloß, sie zu beleidigen! Vor allen Gästen! Vielleicht würde er
ihr einen Teller vor die Füße werfen, aber so, verstehen Sie, daß er in
tausend Stücke zersprang. Weshalb eigentlich? Ja, unerklärlich -- hatte
sie ihm etwas getan?
Tagelang brütete er, schmiedete er Pläne. Vielleicht würde er einen
Teller mit Kohlgemüse über ihre Schürze schütten? Eine herrliche Idee!
Aber da ergab sich die Sache ganz von selbst.
Der Havelock blieb stehen und verschnaufte. Ob er in jene Kneipe
gegenüber gehen sollte?
Ganz von selbst Eines Tages, ganz unerwartet, fügte es sich, daß sie
dicht neben ihm an einem Tische plauderte. Nun aber kam das Schmachvolle
--
Heute noch trat ihm der Schweiß auf die Stirn, wenn er an das
Schmachvolle dachte, obgleich schon zwei Monate seitdem vergangen waren.
Nicht einen Teller voll Kohlsuppe, nein, sondern nur einen Löffel voll
-- er nahm ihn und ließ ihn über die Schürze Ruths fließen. Schon aber,
Allmächtiger, packte ihn eine harte Hand am Arm, und eine Stimme schrie
durchs ganze Lokal: »Wie können Sie es wagen --?«
»Ich -- ich -- ich zittere mit der Hand --«
»Nein, deutlich habe ich es gesehen, Sie!«
Der Soldat mit dem weiten Mantel stand neben ihm, voller Zorn. Die Gäste
sahen auf, es erregte Aufsehen, ringsum, alle Tische blickten her.
Und der Soldat in dem weiten Mantel schrie ganz laut: »Sie sind mir ein
netter Herr. Gießt der Dame einfach einen Löffel mit Suppe über die
Schürze --«
»Meine Hand zittert --«
Da aber wandte sich Ruth um. Sie besah die Schürze, nahm ihr
Taschentuch, und lachte -- lachte ihm freundlich ins Gesicht.
»Vielleicht hat man den Herrn angestoßen. Es ist ja nicht schlimm.«
»Ich zittere, meine Hand zittert --«
»Es ist ja kein Unglück geschehen.«
Schmachvoll, schmachvoll! Er hatte Tränen in den Augen. Wie kam er doch
dazu, ganz einfach den Löffel voll Suppe über ihre Schürze zu gießen? An
diesem Tage trank er so sehr, daß er schließlich die Treppe hinabstürzte
und sich blutig schlug. Aber so geschah ihm gerade recht.
Seit diesem Vorfall blickte er auf die Tochter des Generals mit andern
Augen. Sein Herz pochte, sobald er sie erblickte.
Er liebte sie, eigentümlich.
Diese Gedanken erfüllten den kleinen alten Mann, während er durch das
Labyrinth der Straßen eilte. Er überquerte wimmelnde Plätze, geriet in
Strudel von Menschen, die aus der Erde quollen -- und plötzlich machte
er Miene umzukehren, den ganzen Weg, den er gekommen war, zurückzugehen.
Wie? Sollte er in die Lessingallee gehen, heute abend? Nein, nach Hause,
ohne Widerspruch, verstanden?
8
»Oberleutnant v. Hecht-Babenberg?«
»Dritte Station, meine Dame, den Gang entlang und dann links. Zimmer
233.«
Man mußte nur höflich fragen, dann bekam man selbst hier in Berlin
höfliche Auskunft. Hedi war stolz auf ihre Fähigkeit mit den Menschen
umzugehen. Selbst jetzt, wo sie rasend wurden, wenn man sie nur
anblickte, kam sie noch vorzüglich mit ihnen aus. Allerdings sah dieser
Pförtner wohl auf den ersten Blick, daß er eine Dame vor sich hatte. Sie
wollte natürlich einen guten Eindruck machen, wenn sie Otto besuchte,
und hatte ihr himbeerfarbenes elegantes Hütchen aufgesetzt. Dazu trug
sie den Biberkragen von Mama und helle Seidenstrümpfe.
Aus der Papierhülle lugten drei weiße Rosen.
Es roch nach Karbol, aber Hedi liebte Karbolgeruch. Alles war blitzblank
und eigentlich weniger schrecklich, als sie es sich gedacht hatte. Sie
liebte es nicht, derartige Orte zu besuchen, Friedhöfe, Krematorien,
Krankenhäuser flößten ihr Schauder ein. Sie mied sie. Nur Mamas Grab
besuchte sie zuweilen -- aber das war ja schon lange her.
Nun aber wurde der breite Korridor belebter, und sie schritt schon etwas
zaghafter vorwärts.
Ein Soldat, dem der rechte Fuß abgetrennt war, humpelte an ihr mit
bloßem Fußstumpen vorbei. In hellen Krankenkleidern saßen auf einer
langen Bank Soldaten mit verbundenen Armen, Beinen und Köpfen. Sie
erwarteten sie mit neugierigen Blicken, musterten sie von oben bis
unten, und sie fühlte voller Unbehagen all die Blicke der verwundeten
Männer auf ihrer Haut. Plötzlich wurde die Türe eines Saales geöffnet,
und Hedi war so unvorsichtig, einen Blick in den Saal zu werfen. In
diesem Saale wurde auf einem Holztisch gerade ein Soldat verbunden, dem
ein Bein bis zum Knie amputiert war. Der nackte Schenkel endete nicht --
zu Hedis Entsetzen -- mit einem Fuße, sondern mit einer Art Pferdehuf,
einem roten Lappen unterhalb des Knies. Ein Arzt betupfte den roten
Pferdehuf mit Watte. In diesem Augenblick drehte der Verwundete seine
Augen zur Türe, Augen voll größter Qual und äußersten Schmerzes. Schon
wurde die Türe wieder geschlossen. Hedi war nahe daran zu taumeln.
Hinter der Türe eines Operationssaales stöhnte ein Verwundeter, und die
barsche Stimme eines Arztes gebot ihm Ruhe. An einer Kreuzung von
Korridoren stieß sie auf eine Tragbahre, die von zwei Soldaten
vorübergetragen wurde. Mit einem Laken zugedeckt lag darauf ein Soldat,
dessen Gesicht bis zur Nase verhüllt war. Er hatte die glänzenden Augen
zur Decke gerichtet und sah sie nicht an.
Hedi war purpurrot geworden. Welcher Irrsinn, hierher mit einem
himbeerfarbenen Hut und hellen Seidenstrümpfen zu kommen? Sollte sie
umwenden -- entfliehen?
Da aber schrak sie zusammen!
Wildes Geschrei, als ob jemand lebendig in Stücke geschnitten würde.
Mein Gott, was müssen diese Menschen Unsägliches erdulden! Wer ahnt es
denn? Das Geschrei trieb sie rascher vorwärts. Da aber knallte eine
Türe, und das Geschrei erscholl plötzlich in nächster Nähe. Ein
schreiender Soldat, der den verbundenen rechten Arm hochhielt, stürzte
über den Korridor, gefolgt von einer Schar von Ärzten und
Krankenschwestern. Der Schreiende lief wie gehetzt den langen Korridor
hinunter. In der weißlackierten Türe erschien das bebrillte, fahle
Gesicht eines Arztes im weißen Kittel, der laut auflachte.
Das Geschrei entfernte sich.
Hedis Blick flatterte. Ihre Haut war von Hitze bedeckt wie von heißem
Sand. Entsetzen hauchte aus diesen getünchten Mauern. Dieses Krankenhaus
war ein endloses Labyrinth, durch graues und blaues Eis gehauen. In der
Ferne tauchte die Dämmerung an den kahlen Korridorfenstern, Schatten
humpelten, hinkten durch ferne Quergänge. Ein Labyrinth mit Tausenden
von Kammern voller Qualen und Grauen. Tag und Nacht schnitten hier die
Messer in Menschenfleisch, unaufhörlich füllten sich die Eimer mit Blut
und Eiter. Die Wände schwangen von Schmerzen. Das ganze Haus war wie
eine Riesenwunde, eine Schlucht von eiterndem Fleisch, in der die Ärzte
mit ihren Messern kletterten.
Da kam aus einem Quergang würdevoll ein hoher Offizier geschritten.
Langsam trieb seine massige Gestalt mit den steilen Schultern -- wie
eine Erscheinung aus einer anderen Welt -- durch den Korridor. An den
Umrissen schon erkannte Hedi den General. Zwei Krückenmänner stellten
sich in Positur, einer mit Socken an den Füßen, dem andern fehlte ein
Bein. Sie standen auf den Krücken gegen die Wand gelehnt und warfen das
Kinn in die Höhe. Auf einem Stuhl kauerte ein Krüppel mit
dickumwickeltem Bein. Er blieb sitzen, den Oberkörper steif
aufgerichtet, und stellte die beiden Krücken vor sich hin, als
präsentiere er wie mit dem Gewehr.
Der General schritt vorüber, ohne Hedi anzusehen. Sie hatte ihn übrigens
nur einmal bei Dora getroffen, er hätte sie schwerlich wiedererkannt.
Eine Pflegerin, eine taktlose Person, gab Hedi mit malitiösem Lächeln
den Bescheid, daß Otto heute keine Besuche mehr empfangen könne. Sie
hatte ihre Karte ins Zimmer geschickt, er wußte also recht gut, daß sie
es war. Deutlich hatte sie seine helle Stimme im Zimmer gehört.
Natürlich war sie nur gekommen, um ihm ihre Teilnahme an seinem Unfall
zu zeigen -- aus keinem andern Grunde. Er sollte sehen, daß sie erhaben
war über gewisse Dinge. Diese taktlose Person aber musterte Hedis
himbeerfarbenes Hütchen, ja sie erdreistete sich, den Blick an ihr hinab
bis zu den hellen Seidenstrümpfen streifen zu lassen. Hedi warf einen
kritischen Blick auf die etwas unordentliche Frisur der kleinen
rothaarigen Pflegerin. Augenblicklich war zwischen den beiden Damen eine
tödliche Feindschaft ausgebrochen.
»Das allgemeine Befinden ist gut?« erkundigte sich Hedi mit
liebenswürdigem Lächeln.
»Man kann indessen nie wissen, ob nicht Komplikationen eintreten«,
entgegnete die Schwester ausgesucht höflich.
»Wie wahr!« Hedi lächelte spöttisch und grüßte mit vollendeter
Liebenswürdigkeit.
Die Rosen aber nahm sie wieder mit.
»Hotel Kaiserhof!« rief sie dem Kutscher zu, als sie wieder in die
Droschke stieg. Denn Hedi hatte sich einen Wagen geleistet. Es gab
gewisse Stadtviertel Berlins, vor denen sie Furcht hatte.
Plötzlich warf sie die Rosen mit einer zornigen Bewegung durch das
Wagenfenster auf die schmutzige Straße. Zwanzig Mark für drei Blumen,
welcher Wahnsinn!
Otto hatte ihren Besuch sicher völlig falsch ausgelegt. Gewiß war es ihm
unmöglich, an lautere und selbstlose Motive bei seinen Mitmenschen zu
glauben. Nun aber lebe wohl, Otto! Sollte er ruhig mit dieser
rothaarigen Person -- ja, ihretwegen . . .
* * * * *
Der Geiger schob ein violettes Seidenkissen zwischen Frack und Kinn,
grüßte noch mit einem koketten Lächeln ins Publikum, dann schleuderte er
den Bogen in die Luft, daß seine blendende Manschette aus dem Ärmel
fuhr: Carmen.
»Auch Kuchen?«
»Auch etwas Kuchen, bitte.«
Da saß sie nun wieder, Hedi. Erstens, dachte sie, erstens und zweitens
und drittens -- man muß nun genau überlegen. Es wird höchste Zeit, so
geht es nicht weiter.
Erstens also stand fest, daß sie sich in ewiger Geldkalamität befand.
Zweitens langweilte sie sich zu Hause zu Tode, und drittens: es mußte
etwas geschehen. Sie hatte keine Lust, ihre ganze Jugend zu vertrauern,
nur weil dieser Krieg kein Ende nahm.
Aber nicht so rasch, bleiben wir bei erstens. Dieses bißchen
Taschengeld, das ihr Papa an jedem Monatsersten mit strahlender Miene
einhändigte -- lächerlich. Wie konnte Papa glauben -- nun, Papa verstand
es eben nicht anders. Es blieb nichts anderes übrig, als Geld zu
schaffen! Es lag ja zurzeit auf der Straße, die Leute sagten es
wenigstens, die Millionen flogen durch die Luft. Sollte sie filmen?
Schnurrige Idee, aber leider unausführbar. Man mußte -- wie herrlich war
doch diese Musik, voller Mut! -- man mußte Verbindungen haben, und die
Gesellschaft --? Nein. Übrigens, diese Gesellschaft, darauf gab sie
nicht so -- viel!
Immerhin -- der Kellner brachte den Tee, und Hedi war für eine Weile in
Anspruch genommen. Wieder saß die Weizenblonde mit den Brillantohrringen
da, und auch jene Dunkele, Tragische, mit den hellgelben Stiefelchen.
Und jener alte Herr mit dem Schnauzbart und der Glatze nahm ebenfalls
wieder hier seinen Tee. Hedi schloß plötzlich, um sich zu amüsieren, das
eine Auge und blinzelte ihn über das Teeglas hinweg unvermutet an. Der
Herr mit der Glatze prallte im Sessel zurück -- aber schon hatte Hedi
ihr Batisttüchelchen aus der Tasche genommen und rieb sich das Auge, als
sei etwas hineingeflogen. Nein, wie komisch diese Männer waren!
Ja, Geld mußte jedenfalls geschafft werden. Sie besaß, zum Beispiel,
drei Paar Seidenstrümpfe. Schon rannen die Maschen, obgleich die
Strümpfe nur bei besonders feierlichen Anlässen getragen wurden. Aber
wenn diese Strümpfe nun unbrauchbar wurden? Die Handschuhe, die Stiefel,
wenn es sich darum handelte, ein neues Kleid zu beschaffen --? Und schon
würde sie aus der Klasse der Tadellosen, der Ladies ausschalten. Schon,
es ging rasch, die Gesellschaft duldete keine abgeschabten Knopflöcher,
keine geflickten Stiefelchen. Und sie würde second class sein --
unerträglich! So unglaublich es klang, ihre Zukunft, ihr ganzes Leben
hing an einem Paar Seidenstrümpfen.
Fürchterlich war der Gedanke an den Sturz in die Tiefe. Sie erschrak,
Schwindel ergriff sie. Es war aber hohe Zeit, den Tatsachen ins Gesicht
zu sehen.
Bald würde sie sich, zum Beispiel, um nur ein Beispiel zu nennen, wieder
ein Stück Seife im Schleichhandel kaufen müssen -- so ging es jeden Tag!
Zu Hause war das Leben unerträglich geworden. Papa, lieb und gütig, aber
immer müde, überarbeitet, immer beschäftigt. Und dabei wußte er gar
nichts, trotzdem er im Auswärtigen Amt arbeitete! Häufig geschah es, daß
sie bei Tisch etwas sagte, etwas Politisches, und Papa schüttelte
tadelnd den Kopf. Man sagt so etwas nicht, mein Kind. -- Aber Papa, es
stand ja schon vor drei Tagen in der Zeitung! -- Ah, schon vor drei
Tagen --? -- So war Papa. Klara war ein Kind. In einer Minute tanzte sie
wie eine Närrin, in der nächsten weinte sie. Sie kannte das Leben noch
nicht. Sie war noch nicht in das Alter gekommen, wo jeder Tag ein
Problem ist, ein fürchterlicher Kampf, wo man bei lebendigem Leibe
täglich vor Sehnsucht verbrannte -- wo man wartete, wartete -- wo das
Warten das schrecklichste Leiden ist. Oh, schrecklich! Schrecklich!
Grau gingen die Tage. Sie lebten äußerst bescheiden, sie besaßen kein
Vermögen. Dazu, hatte Papa ihnen verboten, die Gesetze für die Ernährung
im geringsten zu verletzen. Wie lebten sie, was aßen sie -- trotzdem sie
alles Mögliche auf den Tisch schmuggelten -- es war eine Schande und
niemand durfte es wissen, wenn sie nicht für immer unmöglich sein
sollten. Zum Beispiel Rüben, wie die Kühe sie bekommen, erfrorene
Kartoffeln . . .
Grau, kalt, finster gingen die Tage.
Licht, Glanz, Wärme, Frohsinn, Tanz, Feste, die früher den Eintritt der
jungen Mädchen in das Leben begleiteten -- wo waren sie? Sie hatte vor
dem Kriege nur zwei Bälle mitgemacht, davon träumte sie noch heute.
Was war diese Musik im Vergleich zu jener Musik auf den Bällen? Ein
zaghaftes Echo. Diese Beleuchtung -- ein Abglanz. Das Lachen der
Menschen von heute, ihre Mienen -- Schatten in einer Schattenwelt, nicht
mehr, nicht mehr . . .
Plötzlich aber beugte sich Hedi errötend über das Teeglas: dort stand
er! Der Spanier war gekommen! Er wußte, daß sie wieder hierherkommen
würde, daß er also, wenn er sie zu sehen wünsche -- sie hatten sich
verstanden.
In seinem gelben Mantel stand er im Mittelgang und polierte das Einglas.
Er hatte sie sofort gesehen und überlegte nun. Ob er den Mut haben würde
sie anzusprechen? In der Droschke hatte sie schon Träume gesponnen --
ein Wiedersehen beim Tee, zum Beispiel im Adlon oder Bristol --
vielleicht ein Theaterabend, in einer Loge -- ein Diner, wo man
plauderte . . .
Er kam. Hedi hatte ihre Verlegenheit vollständig überwunden und blickte
ihm ruhig entgegen. Sie war wieder ganz Lady. Ströbel kam geradeswegs
auf sie zu, die Brauen wie vor freudigem Erstaunen hochgezogen. Aber je
näher er kam, desto häßlicher wurde er. Sein gelber Mantel war etwas zu
weit, zu auffallend. Die ganze Kleidung zeigte eine etwas übertriebene
Eleganz. Ah, und nicht die Spur von einem Spanier, er war eine --
Bulldogge. Seine blaurasierten Wangen waren etwas faltig, fahl und
verlebt, nichts blieb von dem Spanier als das glänzende schwarze Haar,
das um eine Kleinigkeit zu eng an den Kopf gebürstet war, das um eine
Idee zu stark pomadisiert war -- nicht first class mit einem Wort.
Aber er hatte die Nonchalance, die Manieren der großen Welt.
Mit unübertrefflicher Zwanglosigkeit verbeugte er sich. »Unser
gemeinsamer Freund hat einen Unfall erlitten --«, begann er, gänzlich
unbefangen. Und er verlor seine Unbefangenheit auch nicht, als Hedi ihn
anblickte -- gänzlich verständnislos. Obschon sie doch mit ihm das
Theater besuchen, dinieren, plaudern wollte, bei einem Glas Sekt zum
Beispiel -- gänzlich verständnislos.
»Sie täuschen sich, mein Herr«, erwiderte Hedi mit einem
liebenswürdigen, verstehenden, verzeihenden Lächeln, einem Lächeln, wie
nur eine Dame von Welt es auf die Lippen zu zaubern vermag.
War es nicht eine Unverfrorenheit ersten Ranges, sie hier im »Kaiserhof«
einfach zu überfallen?
»Sie saßen doch gestern --?«
»Ich erinnere mich nicht.« Hedis Stimme wich in weite Fernen zurück.
Fern und unwirklich wurde ihr Lächeln.
»Wir wollen nur hoffen, daß Herr v. Hecht --«
Hedis Augen wurden plötzlich kühl, das Leben erkaltete in ihnen.
Mit einer tadellosen Verbeugung, völlig ungezwungen, völlig Herr der
Situation, zog Ströbel sich zurück.
Der Geiger in seinem schwarzen Frack schwang sich in den Hüften und
blickte kokett lächelnd zum Tisch der Dunkeln, Tragischen, der das
Mißgeschick passiert war, ein Glas Wasser umzustoßen.
Hedi gab ihren Mienen einen träumerischen und harmlosen Ausdruck.
Niemand sollte auf den Gedanken kommen können, daß ein Wildfremder es
gewagt habe, sie anzusprechen. Die Weizenblonde mit den Brillanten in
den Ohren hatte die Szene beobachtet. Hedi streifte sie mit einem Blick,
und in dem kaum merklichen Aufatmen ihrer Brauen, mit dem sie über die
Weizenblonde hinwegsah, lag ihre ganze Verachtung.
Nein, nein, noch war sie lange nicht _so weit!_ Was bildete er sich doch
ein --?
9
Zögernd bog der kleine Herr Herbst um die zugige Ecke und lenkte in
seine Straße, die Fabriciusstraße, ein -- ganz weit da draußen.
Eine plumpe Eisenbrücke spannte sich zwischen den Häusern, und soeben
rollte donnernd ein Lastzug darüber. Der Qualm sank auf den Schmutz des
Pflasters herab.
Es half alles nichts, er mußte unter der Brücke hindurch, auch wenn sie
zusammenbrechen sollte. Die Angst des Trinkers schnürte ihm die Brust
zusammen.
Die große Stadt machte hier einen düstern und verwahrlosten Eindruck.
Die Straßen waren schnurgerade, überall die gleichen grauen
Mietskasernen, die gleichen Aufschriften, die gleichen Scharen von
bleichen, zerlumpten Kindern. Die gleichen hohlwangigen Weiber, die, mit
einem kleinen Topf oder einer Tasche in der Hand, in Tücher gehüllt, an
den Häusern entlangkrochen und husteten. Die gleichen mageren schwarzen
Alleebäumchen, die in der sauren Luft erstickten. Der Mörtel fiel von
den Hauswänden, schmutzige Papierfetzen trieben in den Rinnsteinen. Vor
den Nahrungsmittelgeschäften, die die Wochenration an Fett, zwanzig
Gramm, ausgaben, standen lange Reihen von blaugefrorenen Frauen und
vertraten sich die kalten Füße, während sie schwätzten und keiften.
Sonst waren Geschäfte und Läden leer, gähnende Särge. Bäckerläden ohne
Brot, Fleischerläden ohne Fleisch, Schuhgeschäfte mit Holzschuhen und
Blechdosen voller Stiefelwichse. Auch in dieser Gegend gab es jene
Läden, in denen altes Metall gesammelt wurde, für die Kriegführung,
Lampenfüße, Photographierahmen, Aschbecher, der Schutt aus den Wohnungen
der Ärmsten.
Dann gab es hier noch das Delikatessengeschäft von Alfred Schustermann,
mit der Aufschrift: Mensch, was für 'ne Ware! Seemuscheln,
Pfahlmuscheln, waggonweise eingeführt, zu Gelee, Aspik, Pasteten,
Würsten verarbeitet. Die Professoren, die entdeckt hatten, daß Baumrinde
nahrhaft war und man Pilzkulturen in den Dachrinnen anlegen konnte,
erklärten, daß diese Muscheln selbst Ochsenfleisch an Nährkraft
überträfen.
Immer näher aber kam die graue Mietskaserne mit der riesigen Aufschrift:
Leihhaus.
Der Schritt des Havelocks verlangsamte sich mehr und mehr, seine
tränenden, entzündeten Augen blinzelten unter dem steifen Hut. Er hatte
fast jeden Mut verloren.
Eine Weile holte er Atem vor der »Zoologischen Handlung«. Noch lebte er,
der kleine muntere Zeisig, sein Freund, der das Problem gelöst hatte,
das Körnerfutter bis zu fünfundneunzig Prozent auszumahlen. Die andern,
die kleinen grünen Papageien, die beiden Kanarienvögel, die Drossel, sie
waren an dem Problem nacheinander gescheitert und gestorben. Ja,
gestorben. Auch die kleinen weißen Mäuse, die ewig im Kreise liefen,
waren plötzlich bei ihrem spaßigen Rundlauf in Atemnot geraten. Der
vierte Kriegswinter hatte auch sie vernichtet. Nur der Zeisig sprang
noch munter in seinem kleinen Käfig hin und her.
Zwischen der »Zoologischen Handlung« und dem Leihhaus führten drei
ausgetretene Stufen zum »Löwen von Antwerpen« empor, und schon war der
Havelock in der Gaststube.
Keine Vorwürfe -- er mußte Mut sammeln für die Nacht. Denn die Nacht
würde kommen, so gewiß wie etwas! Und mit ihr die furchtbaren
Nachtgespenster, seine Peiniger, vor denen nur der tiefe Schlaf Schutz
bot. Der Rausch, um offen zu sein, die bewußtlose Trunkenheit.
Ja, hier war er zu Hause, man sah es sofort an der Grimasse, mit der ihn
der Wirt, ein Buckliger, empfing. Dieser Wirt wurde von den Soldaten,
die in der Kneipe verkehrten, der »Millionär« genannt. Ja, hoho, so ein
Buckel hatte seinen Wert heutzutage, ohne Zweifel! An den Sonntagen
kamen auch Munitionsarbeiterinnen hierher, und es ging lustig zu. Sie
tranken -- sollte man es glauben, die Kleinen? -- sie tranken Schnaps
wie die Männer -- ah, und sie trugen seidene Röckchen. Wenn sie ihn auch
etwas hänselten, es schadete nichts. Sie lachten und hatten keine
Sorgen. Vielleicht flogen sie morgen in die Luft, alles war möglich,
deshalb lachten sie auch so ausgelassen.
Endlich -- es war schon finster draußen -- kroch der Havelock die Treppe
des Leihhauses empor. Längst war die kleine Wolke, auf der er
stundenlang bequem dahingerollt war, verschwunden. Seine Beine zitterten
vor Müdigkeit.
Leise, leise schloß er die Flurtüre auf. Er liebte es nicht, daß man ihn
kommen oder gehen hörte. Drei Parteien wohnten hier, jede hatte ein
Zimmer, und die Küche gehörte ihnen gemeinsam. Aber er hatte diese Küche
nie betreten. Schon war er in seiner kleinen finsteren Stube, schon
hatte er die Schuhe abgelegt. Plötzlich zitterte er. Ah, wenn er nur
nicht wieder von dieser Schaukel träumte! Alles, nur das nicht! Träumte
er doch neulich, er säße auf einer Schaukel, die durch endlose schwarze
Nacht dahinschoß. Angeklammert wie ein Affe saß er auf dem schmalen,
schlüpfrigen Brett, er schrie vor Angst -- aber die Schaukel schoß dahin
in endlosen Pendelschwingungen, jede eine Ewigkeit, ohne Gnade pfiff sie
in rasender Schnelligkeit dahin.
Rasch, rasch, ehe sie ihn packten . . .
Schon schlief er. Ein leises Wimmern drang aus seinem kreisrund
geöffneten Mund. Den Havelock hatte er anbehalten.
* * * * *
Da! Augenblicklich saß er wieder aufrecht im Bett. Seine dünnen Haare
sträubten sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn. Er dampfte vor Hitze
und Kälte. Immer noch war sein Mantel feucht vom Regen der gestrigen
Nacht.
Hatte nicht jemand gerufen, ihm fürchterliche Worte ins Ohr
geschleudert, wie Felsen? Und ein Krachen, als berste das ganze Haus in
zwei Teile, hatte er es nicht deutlich gehört? Die Balken splitterten.
So deutlich!
Noch gellte das furchtbare Krachen in seinen Ohren, und erst nach
geraumer Zeit fand er sich in die Wirklichkeit zurück. Zwischen einer
unbekannten, ungeahnten Welt und der Wirklichkeit lebte er -- seit jenen
Ereignissen . . . Oft hielt ihn das Unbekannte, Unverständliche tagelang
in seinem Bann, oft überfiel es ihn urplötzlich am lichten Tage -- aber
wiederum hatte er auch seine klaren Tage, wie er sie nannte. Da war
alles so wie früher, und das andere erschien noch unverständlicher und
schrecklicher.
Dunkelheit, und nun erwachten Geräusche, Geräusche dieser Welt, Gott sei
Lob und Dank.
Hinter der Türe, dem schmalen Bett gegenüber, klapperte eine
Schreibmaschine. Er arbeitete dort, der Student Ackermann, zurzeit
Soldat. Er schrieb für Zeitungen, um Geld zu verdienen -- er schrieb
auch noch ganz andere Dinge -- Herr Herbst wußte Bescheid, oh, oh! Er
wußte mehr, als jener ahnen konnte.
Hinter der Wand, an der das Bett stand, auf dem er lag, strich ein
Schritt vorüber, immer auf und ab, wie ein Tier, das rastlos in seinem
Käfig hin und her geht. Das war Hähnlein, der Tapezierer, zurzeit
Soldat. Er wohnte in dem Zimmer nebenan mit seiner kranken Frau und
seinen beiden Kindern. Vor kurzem hatte sie wieder geboren, aber das
Kind war bald nach der Geburt gestorben. Es wog nur viereinhalb Pfund.
Und welches Geschrei hatte es gegeben, trotzdem sie nichts zu nagen und
zu beißen hatten! Hähnlein und Ackermann waren früher beim gleichen
Regiment, und Hähnlein hatte Ackermann hierher in dieses Haus gebracht.
Das alles hatte Herr Herbst Gesprächen entnommen.
»Schlafe doch!« zischelte Frau Hähnlein. Die Bettstatt krachte, und sie
hüstelte.
»Schlafen? Schlafen? Ich kann nicht schlafen«, entgegnete die heisere
Stimme Hähnleins, und wieder schabte sein Schritt hinter der Wand.
Die Wand war dünn wie Papier, nun, eine Mietskaserne, er vernahm jeden
Laut.
Die Frau wimmerte.
»Weine nicht, vielleicht kommt es bald, wie Ackermann sagt«, tröstete
sie Hähnlein. Und deklamierend fügte er hinzu: »Die Völker der Erde
werden sich erheben gegen ihre Peiniger!«
Oft ging Hähnleins Schritt die ganze Nacht hin und her, bis der Tag
graute. Herr Herbst hatte sich längst daran gewöhnt. In unruhigen
Nächten beruhigte ihn dieser ruhelose Schritt sogar. Ein Mensch, ein
Leidender, wie er, dicht nebenan.
Es wurde still hinter der Wand, und nur die Schreibmaschine Ackermanns
klapperte eifrig. Es konnte noch nicht spät sein, denn im Haus summten
Stimmen. Türen wurden zugeschlagen, und zuweilen krachte die Haustüre
ins Schloß, daß das ganze Haus zitterte.
Die lange furchtbare Nacht lag vor ihm.
Seine Beine waren vor Müdigkeit geschwollen. Sie waren Wolken, ins
Endlose verströmend. So würde er nun sitzen müssen die ganze Nacht und
lauschen auf jedes Geräusch -- auch auf jene Geräusche, die aus dem
Unbekannten kamen.
Seltsame Fügung, die ihn in dieses Zimmer geführt hatte! Der bucklige
Wirt vom »Löwen von Antwerpen« hatte es ihm empfohlen, damals, als er
den Entschluß gefaßt hatte, nicht mehr in die Blücherstraße
zurückzukehren. Längst hatte er es aufgegeben, nach Erklärungen zu
forschen, alles war Fügung. Jeder Schritt im menschlichen Leben wurde
gelenkt von unbekannten Gewalten, guten und bösen. Sinnlos, sich dagegen
zu sträuben. Nun, er sträubte sich nicht mehr, er forschte auch nicht
mehr -- er war in der Hand des Allmächtigen, der die Haare auf seinem
Haupte gezählt hatte. Sollte es so sein!
Frau Hähnlein hinter der Wand begann zu wimmern, zu klagen, zu
beschwören. Nun begann es wieder. Es half ihr nichts. Der Mensch ist ein
Tier . . . obschon seine Frau leidend war -- ein Tier war dieser
Hähnlein.
Dann wurde es wieder still, die Geräusche im Hause erstarben mehr und
mehr, und nur noch die Schreibmaschine hinter der Türe klapperte.
Schreibe du nur! sagte Herr Herbst zu sich -- um sich zu beschäftigen,
die Nacht war lang -- »Deine Zettel, deine Reden, deine . . .« Lange
Wochen war ihm dieser Soldat im weiten Mantel ein Rätsel gewesen. Was
trieb er, was tat er in den Nächten? Oft hielt er Reden, förmliche
Reden. Erst vor kurzer Zeit, beim Januarstreik, hatte er ihn plötzlich
erkannt! Mit eigenen Augen und Ohren sah und hörte er, wie er zu einem
Haufen streikender Arbeiter sprach, nebenan, bei den Laubengärten -- und
was er sagte, Grundgütiger! Es gab keinen Zweifel mehr, er war -- ein
Spion, ein Agent . . . gehörte zu jenen, von denen die Zeitungen
schrieben, daß sie Geld bekommen von den Feinden. Er stand auf einem
Steinhaufen, redete, schrie und schwang die Soldatenmütze. Keine Granate
mehr! Da aber kam die Polizei, und sie liefen -- und auch er lief. So
schnell wie die andern -- hahaha! So schnell liefen sie, solche Angst
hatten sie . . .
Manchmal kamen auch Freunde zu ihm, meistens junge Leute, Kameraden, die
laut schrien und alle wild durcheinander redeten. Unvernünftige,
Unerfahrene. Was für Leute waren das? Nun . . . dieselbe Sorte, um kein
Haar besser. Für sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie
haltmachten. Die Minister, was waren sie? Nun -- höchst einfach --
Dummköpfe und Verbrecher! Und die Generale -- höchst einfach -- geputzte
Narren! Und die Diplomaten -- selbstgefällige Gecken! Ja, sie, sie,
diese jungen Leute, sie waren viel klüger als diese Minister und
Diplomaten! Aber die höchsten Fürstlichkeiten, was waren sie -- nun, er
würde sich schämen, die Worte zu wiederholen. Aber auch die feindlichen
Staatsmänner, Präsidenten und Minister, was waren sie -- ganz das
gleiche verbrecherische Gesindel. Nein, nichts gab es, was ihnen Respekt
einflößte. Hat man es je gehört: Die deutsche Regierung bestand aus
Anarchisten, die Tag und Nacht darüber nachdachten, wie sie das Deutsche
Reich am schnellsten zugrunde richten könnten? Wie? War es denkbar?
Aber, was waren diese Leute in Rußland, diese Räuber und Diebe? --
Heilige waren sie, nicht mehr und nicht weniger.
Ja, völlig neu mußte die Welt aufgebaut werden, von Grund auf -- und
sie, diese jungen Leute, die so laut schrien, sie allein wußten, wie
alles gemacht werden mußte. Sie ganz allein.