Ein freudiger Schreck lähmte seinen Schritt.
Stand nicht etwas Weißes am Fenster -- das weiße Buch? Nein, nichts, der
Reflex einer Gaslaterne. Finster das Haus. Das eiserne Gartentürchen war
verschlossen. Otto berührte den Drücker, er war eisig kalt. Die kahlen
Zweige der Büsche peitschten auf und ab, und Otto sah durch die
brodelnde Efeuwand hindurch in Gängen und Zimmern die Heiligenfiguren in
ihren grotesken Verrenkungen.
Sie schlief, fest und tief, aber ihr Blick glänzte über dem schwarzen
Hause.
Quer durch den brausenden, finstern Tiergarten führte Ottos Weg. Ströbel
wohnte bei den Zelten. Die Fröhlichkeit mußte jetzt in dieser Stunde
ihren Höhepunkt erreicht haben -- ja, schnell, schnell! Gierig erraffen
von der Nacht, was noch zu erraffen ist. Fort!
Immer rascher ging er dahin, gepeitscht von Begierde und Qual. Die Zeit
wanderte unter den Sohlen seiner Stiefel. Mit jedem Schritt wanderte ein
Stückchen Zeit rückwärts, ein zertretenes Staubkorn Zeit floh mit
rasender Schnelligkeit zurück in Nichts. Ja, Sand war die Zeit,
rinnender Sand, rasend rinnender Sand, nichts sonst. Ein Meer, ein
Sandmeer rinnt -- und schon ist ein Jahrhundert vergangen -- schon ein
Jahrtausend. Ein Riesenkrater rinnt, und Städte, Völker, Kontinente
kommen ins Gleiten und rinnen hinunter -- ins Nichts. Zeit, welch
entsetzlicher Begriff! Glücklich Tiere und Götter, die ihn nicht kennen.
In diesem Moment trat der Mond aus dem dunkeln Gewölk. Auch er raste
dahin -- wie alles auf dieser Welt, das vor dem sicheren Untergang floh
-- raste, obgleich einige Jahrtausende bei ihm keine Rolle spielten.
Aber eines Tages würde seine langweilige Visage bersten und er, zusammen
mit dem Staub dieser Erde, den Schwanzzipfel eines Kometen bilden, der
zum großen Staunen der Astronomen plötzlich vor der Linse der Teleskope
erscheint -- irgendwo in undenkbarer Ferne.
Noch sieben Stunden! Rasend stürzte Otto vorwärts. Die Zweige des
brausenden Parkes griffen nach ihm. Und plötzlich schrie Otto -- wild,
wie ein Tier. Er war jung und er liebte das Leben.
11
»Einen Augenblick nur!« Schon hatte der General die Mappe mit den Akten,
die heute noch alle bearbeitet werden mußten, aufgeschlossen. Den einen
Schlüssel besaß er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Händen. Kein
unbefugter Blick konnte in diese geheimen Aktenstücke dringen, es war
alles bis ins Kleinste wohlorganisiert.
Er lehnte sich im Sessel zurück. Die Teegesellschaft bei Dora hatte ihn
ermüdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit so an wie die Gespräche
durcheinanderschwirrender Stimmen. Anders die Sitzungen, die er mit
einem Zucken der Brauen lenkte! Aber in einer Gesellschaft, wo jeder
glaubte sprechen zu können, wann und wie lange und wie laut es ihm
beliebte, ja: wie laut, das war es -- Einen Augenblick nur --
Reserven -- ungeheure Heere -- wie eine Sturmflut werden sie sich
dahinwälzen . . . schon schlief der General.
Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, kaum kam das erste tiefe
Röcheln aus seiner Brust, da wurde er auch schon wieder geweckt. Etwas
pickte am Fenster, wie ein Finger, ein Fingernagel. Er wandte den Kopf:
durch die Scheibe starrte ein kleines, glänzendes, stahlblaues Gesicht.
Eine faustgroße Larve von leuchtendem Blau -- in der Tat, ein intensives
Blau, wie eine Spiritusflamme in einem dunkeln Raum -- und erloschene
Fischaugen mit einem toten Glanz. Von diesem stahlblauen, aus sich
selbst leuchtenden Gesicht ging Drohung und Hohn aus, obschon das
Gesicht ohne jede Regung durch die Scheiben starrte.
Der Schrecken, den das Gesicht durch die Scheiben strahlte, war so
stark, daß der General nun wirklich erwachte. Er hatte, wie er sofort
konstatierte, eine volle Stunde verschlafen. Unwillkürlich wandte er den
Blick zum Fenster -- aber es war natürlich nichts zu sehen, die grünen
Vorhänge waren dicht geschlossen. Er räusperte sich, laut und ungeniert,
wie es seine Gewohnheit war, und warf einen Blick durch die Vorhänge
hinaus auf die Straße. Nichts, natürlich. Regen, Dunkelheit, keine Seele
weit und breit.
Plötzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt hatte, wieder
vor ihm -- und zwar dicht vor ihm in der Luft des Zimmers -- auch die
Augen mit dem toten Glanz. Es ist, ja ja, es ist jener -- von heute
nachmittag, natürlich, dachte der General. Er hatte das Gesicht
nachmittags kaum beachtet. Es ist jener kleine Alte, der den Brief
überbracht hat.
Ein übrigens völlig wirrer Brief, den er nur überflogen hatte -- wirres
und törichtes Zeug, was dieser kleine Alte mit dem blauen Gesicht
. . . Ja, wo steckte der Brief eigentlich. Hier, nun siehst du, schon
dieser Umschlag --
Der General konnte aber nun nicht mehr widerstehen, obschon die
Aktenmappe dickbäuchig dalag, eigentümlich. Er war neugierig geworden,
mehr als das. Er entfaltete den Brief und las ihn -- langsam, immer
langsamer, immer aufmerksamer.
Wie heute abend unter der Lampe des Foyers, stieg Röte in sein Gesicht,
aber nicht eine leichte Ziegelröte, sondern -- Feuer. Die Stirn legte
sich in tiefe Falten --
Wie --? Nein, in der Tat, er hatte den Brief nicht gelesen.
Aber --? Was wollte er -- gefallen, auf der Höhe der Vier Winde, auf
Quatre vents -- nun, und -- wie? -- sogar von Ruth stand etwas hier,
denn Ruth war wohl gemeint -- wie? Nein -- er hatte den Brief wirklich
nur ganz flüchtig überflogen -- er erinnerte sich nur, daß von der Bitte
um eine Audienz die Rede war.
Wirr -- mehr noch, viel mehr als wirr:
-- untertänigst bitte ich um eine Audienz. Mein einziger Sohn, Robert,
hat unter dem Befehl des Herrn Generals gekämpft. Er ist am 5. August
beim Sturm auf Quatre vents gefallen. Er war begeisterter Soldat, Jäger,
die einzige Hoffnung und der Stolz seiner Eltern. Ich bitte, mir
gnädigst mitzuteilen, wo sein Grab sich befindet, und besonders, _ob das
Grab nicht den Granaten ausgesetzt ist!_ Dies beunruhigt mich sehr, so
daß ich gänzlich schlaflos geworden bin --
Wie? Was meint er? Ob das Grab --?
Der General ist in ungeheure Erregung geraten. Seine Augen starren.
Die Höhe! Ja, der Brief hat die Erinnerung an die Höhe in seinem Blut
geweckt.
Das dunkle, mit Borsten bestandene Ungeheuer qualmt plötzlich wieder vor
den Augen des Generals: Quatre vents! Der 4., 5. und 6. August -- am
Abend des 6. war sie verloren!
Am 4., 5. und 6. ratterten die Lastautos vorüber, der Schmutz spritzte
-- behangen mit Schwärmen von Menschen. Rote Gesichter, schweißhelle
Augen -- sie schwangen die Helme: hurra -- und der General, auf der
Treppe seines Schlosses -- salutierte. Welches Feuer! Die Erde bebte --
jetzt hörte er es wieder! Die Hölle! Brennend stürzte ein französisches
Flugzeug in den Schloßpark, mitten in den Rosengarten.
»Herr General, die Jägerbataillone!«
»Ich komme.«
Und die Autos schaukelten, rollten, rasten: hurra!
Die Höhe von Quatre vents war ein Friedhof von zwölf Stockwerken.
Deutsche, Franzosen, Deutsche, Franzosen. Aber sie lagen nicht nach
Nationen geschichtet, die Minen rissen ganze Stockwerke hoch und
schleuderten die Toten durch die Luft. Der Spaten stieß auf den Schädel
eines Franzosen, daneben traf er auf einen deutschen Infanteriestiefel.
Auch auf Knochen stieß er, nicht auf frische, sondern auf alte gelbe
Knochen und Skeletteile, denn auf der Höhe von Quatre vents hatte sich
ein alter Friedhof befunden. Ein Dorf lag früher da oben -- wo war es
hin? In Atome zermalmt. Die Minen hatten die Kuppe der Höhe abgetragen.
Zentnerweise wurde Dynamit in die Stollen gestopft -- ganze Kompagnien
und Bataillone flogen hoch -- hoch Deutschland! -- vive la France! Sie
kehrten nicht wieder.
Der General hatte die Höhe nur zweimal betreten. Einmal in einer
sternenklaren Nacht (wie unvergeßlich funkelten die Gestirne!), als es
ganz ruhig war. Die Laufgräben hauchten eine eisige Kälte und fauligen
Geruch aus, man trat auf Körper und wußte nicht, ob sie lebten oder tot
waren -- sonst hatte die Höhe, über die vereinzelte Kugeln zischten,
nichts Furchtbares, und der General sagte sich im stillen, daß all die
Geschichten von den Schrecken der Höhe von Quatre vents übertrieben
wären. Das zweitemal zeigte die Höhe schon etwas mehr ihr wahres
Gesicht. Der General kam am grauenden Morgen, und die Franzosen warfen
schwere Flügelminen, die wie einstürzende Häuser krachten. Ganze
Schwärme der langhälsigen, gierigen Raubvögel stießen auf die Kuppe
herab. Zuweilen schob man ihn hastig in einen Unterstand oder einen
Quergang, wenn der Schatten der Mine in der Nähe niederrauschte. Denn
er, der General, hätte sich nicht von der Stelle gerührt. Angesichts
seiner Offiziere und Leute, die aus den Stollen lugten, hätte er sich
ohne Wimpernzucken in Stücke reißen lassen. Damals passierte ihm auch
die -- offen zugestanden -- Albernheit mit jener ungeschickten Frage.
Nun wohl, sein Gehirn hatte unter dem Eindruck der herabstoßenden
Stahlvögel und des Lawinenkrachens einfach versagt. In einem
eingeebneten Grabenstück lag ein blutgetränktes Tuch, etwas wie eine
zerfetzte Unterhose, in einer Lache von Blut. Es war so viel Blut, daß
der General keineswegs vermuten konnte -- kurz und gut, er fragte: »Na,
ihr habt wohl geschlachtet?« Welche unbegreifliche Albernheit. -- Die
Grabenoffiziere antworteten mit einem verlegenen Lächeln. Und plötzlich
sah der General ein Stück von einem Menschen an der Grabenwand kleben,
daneben ein Stück des Hinterkopfes mit kurzen Haaren. Wie peinlich war
ihm die Frage! Noch heute erinnert er sich voller Scham deutlich des
verlegenen Lächelns der übernächtigten, vom Grabendienst beschmutzten
Offiziere.
Um acht Uhr saß er schon wieder in seinem Quartier beim Frühstück.
Ein drittes Mal betrat der General die Höhe nicht.
Er sah sie das letztemal, als sie verlorenging, das heißt er sah nicht
die Höhe, sondern Nacht und ein Büschel roter Notsignale, die ohne
Unterbrechung in der Nacht aufglühten -- Hilfe! -- und hoffnungslos
sanken.
Das also war Quatre vents.
Schwer atmend ging der General hin und her.
Deutlich hörte er wieder die Stimme des Adjutanten. Die Jägerbataillone,
Herr General! Also auf einem dieser Autos saß er -- unter hundert andern
-- mit den roten Gesichtern und den schweißgleißenden Augen -- er, jener
-- wie hieß er doch -- Robert! Am 5.! Ja, am 5., da hatte er noch
Hoffnung -- am Mittag des 6. wurde er schwankend und befahl einen
letzten Gegenangriff -- am Abend, da waren nur noch die roten
Leuchtkugeln . . .
Erst allmählich verflog die Erregung. Plötzlich lag die dickbäuchige
Aktentasche wieder auf dem Schreibtisch.
Sonderbare Menschen gab es! Sein Grab? Daß man es wagen durfte, ihm
solch einen Brief zu senden!
Und da -- was schrieb er am Schluß:
-- sollten Exzellenz geneigt sein, mir diese Audienz zu bewilligen, so
könnte ich Mitteilungen über das gnädige Fräulein machen, die Exzellenz
gewiß interessieren würden. Ein Unglücklicher. --
Ja, sonderbare Menschen . . .
Der General zerriß den Brief und warf die Fetzen in den Papierkorb.
Schon war er in die Akten vertieft.
Aber noch nach einer Stunde zitterte seine Hand: Hätte man ihm damals
die verlangte Unterstützung geschickt -- noch heute wäre Quatre vents in
seiner Hand!
12
»Sind Sie es, Otto?«
»Ich dachte schon, die Polizei kommt. Sie machen wieder einen solch
furchtbaren Lärm.«
Ströbel öffnete seinen Gästen selbst. Er hatte nach zehn Uhr keine
Dienstboten mehr im Hause, um gänzlich ungeniert sein zu können.
Wüster Lärm drang aus der Wohnung. Das ganze Haus bebte. Dieser Herr
Ströbel -- oder Herr v. Ströbel, niemand wußte es genau -- besaß vor dem
Kriege nichts als ein paar gutsitzende Anzüge, darunter einen
schwarzweiß karierten Sommeranzug, der so auffallend war, daß man sich
heute noch an ihn erinnerte, einen Zylinder und einige Paar sehr
elegante, etwas dandyhafte Schuhe. Das war alles, was er besaß -- dazu
Beziehungen.
Heute war er reich, er hatte eine Motorenfabrik, und seine Beziehungen
waren noch besser geworden.
Er war auch kurze Zeit im Felde -- aber das war eine Geschichte für sich
. . .
»Welch abscheuliches Wetter«, rief Otto aus und schüttelte sich. Seine
Augen flackerten vor Unruhe.
»Das Wetter ist nicht das Schlimmste«, erwiderte Ströbel, der sich in
einen Sessel der Diele geworfen hatte und die Lackschuhe gegeneinander
klappte. »Es ist die Finsternis! Eine nordische Stadt ohne Licht -- wie
stellen Sie sich das vor? Es ist ein schlechter Scherz! Eine nordische
Stadt ist der Finsternis abgerungen und das Produkt des Lichts. Das
Licht gab ihr Inspiration, Energie, Laune. Im Süden -- Sie waren nie im
Süden? -- da braucht man kein Licht -- Himmel, Sterne. -- Aber
hier oben? Ohne Licht sinkt eine nordische Stadt wieder in
Bedeutungslosigkeit zurück. Verdunkeln Sie London und es wird ein
armseliger, kleiner Fischereihafen --.«
»Nennen Sie Berlin eine nordische Stadt?«
»Natürlich. Es fiel früher nur nicht auf. Jedenfalls aber -- schlimm,
Otto, schlimm! -- geht diese Stadt vor die Hunde. Ja vielleicht ist es
schon so weit -- wir wissen es nicht mehr --«
Otto schrak zusammen: Drinnen fiel ein Schuß. Geschrei. Händeklatschen.
»Wird bei Ihnen geschossen?«
»Ja, die Feuerwalze ist hier, produziert sich als Kunstschütze. -- Sie
kennen ihn doch? Hauptmann Falk.«
Der Qualm, die Gesichter, der wilde Lärm -- von Otto wich augenblicklich
alle Unruhe. Jene unvergeßliche Szene glitt ihm durch den Sinn: in der
Nacht, bevor das Regiment ins Feld rückte, hatte einer der Kameraden,
ein Hauptmann Below -- lange tot, und zwar als erster gefallen -- der
sich vom Liebesmahl früher zurückziehen wollte, eine Droschke ans Kasino
bestellt. Man kaufte dem Kutscher höchst einfach die Droschke ab! Diese
Droschke wurde bei der Steintreppe aufgestellt, die fünfundzwanzig
Stufen tief vom Kasino in den Park hinunterführte. Freiwillige vor!
Augenblicklich war die Droschke überfüllt. Wie ein Schwarm hingen die
Kameraden auf dem Gefährt. Ein kleiner Schwung, und die Fahrt in die
Tiefe begann. Die Droschke zersprang in tausend Stücke, aber nichts
passierte.
Sie alle indessen -- von allen Offizieren des Regiments lebten nur noch
sechs, zwei davon waren Krüppel.
Mit strahlender Miene trat Otto ein, bereit, sich kopfüber in den
Strudel der Fröhlichkeit zu stürzen und jede Ausgelassenheit
mitzumachen. Wohltuend schlug ihm die Atmosphäre der
Kameradschaftlichkeit entgegen. Hier kannte man ihn. Hier wußte man zum
Beispiel, daß er 1915 einen französischen Offizier, der verwundet
zwischen den Stellungen liegengeblieben war, trotz aller Knallerei in
den Graben geschleppt hatte -- nicht aus Barmherzigkeit, nein, nur um zu
zeigen, was für ein Bursche dieser Hecht-Babenberg war!
Welche Gesellschaft! Fast alle ergraut, fahl und erschöpft. Hauptmann
Wunderlichs helle Katzenaugen blinkten, die Krücken lehnten wie immer
hinter seinem Sessel. Ein schwarzer Glacéhandschuh über der Holzhand.
Ein junger, totenbleicher Leutnant mit schräggeneigtem, verbundenem
Kopf, aus dem Lazarett entsprungen. Ein Herr im Smoking, blond und
schön, den leeren Ärmel in die Tasche geschoben. Auch einige geschorene
Billardkugelköpfe mit Knollen am Schädel waren da, Majore, Hauptleute.
Aber sie waren in der Minorität. Ein grünes Gesicht, mit Monokel, selbst
ein Blinder saß da, vergnügt ins Licht blinzelnd. Otto erblickte auch
einige Offiziere seines Vaters: den Adjutanten Weißbach, den hünenhaften
Major Wolff. Viele von ihnen waren dreimal, fünfmal verwundet gewesen,
morgen konnte die Reihe wieder an sie kommen. Der Krieg zog sich hin.
Alle aber waren in angeregter Stimmung, und auf ihren fahlen,
zerfurchten, verwüsteten Gesichtern lag ein leichtsinniger, kindlicher
Ausdruck.
»Also hier ist er -- hier kommt er!« schrie Hauptmann Falk Otto
entgegen. Dieser Hauptmann Falk, mit dem sonderbaren Spitznamen
»Feuerwalze«, war ein kleiner, klapperdürrer Mensch, rothaarig, mit
staubgrauem Gesicht -- nur um die Augen zogen kranke gelbe und olivgrüne
Ringe. Er sprach hastig und mit einer hohen Kehlkopfstimme, die
unangenehm und herausfordernd klang. Wie Hauptmann Wunderlich, der
Menschenjäger, trug er den höchsten Kriegsorden. Er war ein verwegener
Bursche, hatte die schlimmsten Tage an allen Fronten mitgemacht, und für
die, die ihn kannten, war es unbegreiflich, daß er überhaupt noch lebte.
Er selbst behauptete kugelsicher zu sein. Immer wieder tauchte er von
Zeit zu Zeit in Berlin auf, um die wenigen Tage Urlaub zu
durchschwärmen. Dann kam er drei, vier Tage nicht ins Bett, und erst auf
der Rückreise zur Front schlief er sich aus.
»Rasch, Hecht!« schrie er und fuchtelte mit einer Pistole. »Sie können
die Saharet gewinnen!«
Eben diese Saharet stürzte sich Otto mit einem kleinen Katzenschrei
entgegen.
»Sie werden sehen,« rief sie, »ich kenne Otto --!«
Sie war ein kleiner schwarzhaariger Irrwisch mit runden Katzenaugen.
Ihrer -- sehr entfernten -- Ähnlichkeit mit der Tänzerin Saharet
verdankte sie ihren Namen. Früher hieß sie -- ja, wer sollte es wissen?
Ströbel hielt sie als eine Art Hauskatze. Sie räkelte sich auf den
Sesseln, telephonierte, das war ihre ganze Beschäftigung. Sie sprach
geziert wie eine Ausländerin, eine Russin, eine russische Fürstin, und
spielte die große Dame. Mit einem Wort, sie war ungeheuer lächerlich.
Welchen Grund hätte auch Ströbel sonst gehabt, die Saharet zu halten?
Ja, also die Sache war die: die Saharet sollte ausgeschossen werden, als
Preis sozusagen. Sie wollte dem ein Schäferstündchen gewähren, mit oder
ohne Publikum, der sich ein Glas vom Kopf schießen lassen würde. In
irgendeinem Vorstadttheater hätte sie einmal Wilhelm Tell gesehen.
»Abgemacht, gut, abgemacht!« Hauptmann Feuerwalze hatte soeben zwei
Likörgläschen auf fünf Meter Entfernung freihändig vom Büfett
geschossen, er war zu allem bereit -- ein Glas vom Kopf, schön -- bitte
nur zu befehlen.
Hier aber begannen die Schwierigkeiten. Niemand hatte Lust, seinen Kopf
zu riskieren -- schon war die Saharet gekränkt, daß man ihre
Schäferstündchen so niedrig einschätzte, sie ließ die Katzenaugen im
Kreise gehen, schmollte, bettelte -- da kam Otto, und sie stürzte sich
auf ihn.
Otto, der Retter, der Lohengrin der Saharet!
Die Augen der Kameraden, alle Blicke waren auf ihn gerichtet, das
Gelächter, das flehende Schmeicheln der kleinen Saharet, Otto konnte
nicht widerstehen. Ohne zu überlegen, beseelt vom Wunsche gleich in den
Mittelpunkt der Gesellschaft zu treten -- nein, was für ein toller Junge
war doch dieser Otto! -- erklärte er sich augenblicklich bereit. Ein
Glas Sekt, und die Vorstellung kann beginnen.
»Wie? Sofort?« -- Bravo! Ungeheurer Beifall!
Die Saharet tanzte vor Entzücken auf einem Bein und klatschte in die
Händchen. »Ach, wie reizend, dieser Otto!« Höchst persönlich kredenzte
sie das Glas Sekt.
»Also los, fertigmachen«, schrie Hauptmann Falk mit wilden Augen.
Unter Gelächter und Scherzen wurde Otto gegen eine Wand gestellt. Es
zeigte sich indessen zur allgemeinen Verwunderung, daß ein Glas auf
seinem Schädel nicht so ohne weiteres stand. Ein kleines Buch, bitte!
Darauf also stellte der kleine aus dem Lazarett entsprungene Leutnant
mit dem verbundenen Kopf ein Sektglas. Sofort aber protestierte die
Saharet. Das Glas war zu groß. Was sollte das für ein Kunststück sein?
Sie selbst suchte ein kleines Weinglas heraus, rückte einen Stuhl heran
und stellte es eigenhändig auf Ottos Kopf. »Nein, wie reizend von Ihnen,
Otto!«
»Nun, fertig, los,« schrie die Feuerwalze, »macht Platz.«
»Also -- ein Schäferstündchen?«
»Wieso ein Schäferstündchen? Nein, nein --«
»Was also --?«
»Einen Kuß -- Otto! Einen Kuß!«
»Schön -- auch für ein Küßchen mache ich es.«
»Zurück! Sprechen Sie nicht, Hecht, sonst fällt das Glas herunter.«
»Es ist ein völliger Wahnsinn!« protestierte Major Wolff, der Hüne, der
noch einigermaßen nüchtern war. »Sie sollten es verbieten, Ströbel!«
»Verbieten, wieso?« entgegnete Ströbel erstaunt. »Niemand hat weniger
Rechte als der Wirt.«
Hauptmann Falk stärkte sich mit einem Kognak.
»Wenn Sie glauben, daß ich ewig hier stehenbleiben werde«, sagte Otto
ungeduldig, und das Glas wackelte auf seinem Kopfe.
»Sofort, bitte -- ich eröffne das Feuer«, schrie Hauptmann Falk.
»Achtung, meine Herren!« Hauptmann Falk schwang die Pistole. Aber in
diesem Augenblick warf ihn der Rausch einige Schritte zur Seite. Er
wandte sich empört um. »Ich bitte gehorsamst, mich nicht an den
Rockschößen zu zerren --«
»Sie sollten lieber die Sache sein lassen«, sagte Major Wolff.
»Weshalb denn?« schrie Hauptmann Falk mit wütender Miene. »Sobald ich
abdrücke, stehe ich wie eine Statue. Sie können sich auf mich verlassen.
Also los, ich eröffne das Feuer.«
»Ruhe!« rief die Saharet und preßte die Hände auf das Herz. Wie spannend
es doch war!
Der Lauf der Pistole war auf Otto gerichtet. Langsam bewegte sich das
runde Loch an ihm in die Höhe. »Daß mir jetzt niemand ein Wort redet,«
schrie Hauptmann Falk, »sonst schieße ich Hecht die Kugel in den Kopf.«
Alles war mäuschenstill. Die Saharet stand mit gefalteten Händen.
Ströbel betrachtete voll Interesse Otto, der unmerklich mit den Augen
zwinkerte, als die Mündung der Pistole zwischen seine Augen gerichtet
war.
Otto hatte eine ganz gleichmütige, etwas belustigte Miene aufgesetzt.
Ich wünsche jetzt nur das eine, dachte er, daß mir die Kugel mitten in
die Stirn fährt. Mitten in die Stirn und Schluß! So drücke doch ab! Er
war ganz ruhig . . .
Da wanderte das Loch der Mündung um einen Millimeter höher. Hauptmann
Falk hatte die Zähne zusammengebissen, so daß die Backenknochen aus
seinem grauen, mageren Gesicht vorstanden. Dann hielt er den Atem an,
und im gleichen Augenblick zersplitterte das Glas.
Welcher Beifall! Welche Ovationen!
Augenblicklich aber ergriff die Saharet, aus Koketterie, die Flucht.
Gläser zerschellten, Stühle krachten. Sie riß eine Tischdecke mit allem,
was darauf war, herunter. Aus Höflichkeit, aus gar keinem andern Grund,
hatte Otto die Verfolgung aufgenommen. Dieser schmale, armselige Mund
reizte ihn nicht. Endlich hatte sich die Saharet in der Ecke der
Bibliothek verrannt. Sie konnte weder vorwärts noch rückwärts und
versuchte, an den Bücherregalen in die Höhe zu klettern. Aber als auch
das nicht gelang, ergab sie sich, um Hilfe schreiend, in ihr Schicksal.
Schon hatte Otto die Hände ausgestreckt -- plötzlich aber schwankte er
und wurde weiß wie eine Wand. Erregt von der Jagd, berauscht, hatte ihn
plötzlich Schwindel ergriffen. Das Gesicht der Saharet verschwamm, ihre
Augen -- ein entsetzliches, halbverwestes Gesicht erschien, mit
blinkenden Zähnen, ein Totenantlitz.
»Ich werde fallen!« fuhr es ihm durch den Sinn, mit der Gewißheit einer
Erleuchtung, die keinen Zweifel zuläßt. Und dies war der Augenblick, wo
er bleich wie eine Wand wurde.
Wieder erweiterten sich seine Pupillen, wieder wurden seine Augen zu
Kratern voller Grauen. Ja, jetzt hatte er verstanden.
* * * * *
Schokolade knabbernd hockte die Saharet hoch oben auf dem Klubsessel, in
dem der hünenhafte Major Wolff saß, der die Bank hielt. Die fahlen,
verwüsteten Gesichter mit den grauen Schläfen drängten sich um den
Tisch. Karten, Banknoten flatterten. Auch der Blinde spielte, er machte
mit dem Einarmigen im Smoking ein Kompaniegeschäft. Nur Ströbel spielte
nicht. Er füllte die Gläser.
Otto gewann -- ganz im Gegensatz zu seinem sprichwörtlichen Pech beim
Spiel. Im Augenblick hatte er, obschon er ohne jede Überlegung, völlig
sinnlos spielte, dreitausend Mark gewonnen. Auch das war auffallend!
Und wenn ich falle, dachte er, was ist dabei? Viele Hunderttausend sind
gefallen, weshalb sollte ich, gerade ich, verschont bleiben? Es ist
schließlich völlig egal!