Noch einmal, einmal noch wollen wir das Schicksal befragen --

Die Bank war in eine Verlustserie geraten. Sie hatte sechsmal bezahlt,

und es war völlig unwahrscheinlich, daß das Glück ein siebentes Mal

gegen sie war.

»Dreitausend Mark Einsatz, Herr Major?« fragte Otto. Gewann er, gegen

alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit, nun, so würde er es glauben, so war

es sicher . . .

Die Bank verlor ein siebentes Mal.

»Ich werde fallen, gut!« -- Otto zählte die Scheine, die man ihm

zuschob, und steckte sie in die Tasche.

»_Und ich werde sie nie wiedersehen!_«

Er stand auf.

»Viertausenddreihundert -- erstes Geschütz --!« kommandierte Hauptmann

Weißbach, der in einem Sessel eingeschlafen war und mit offenem Munde

dalag, die bleiche Stirn in Falten zerknittert.

13

Nacht, der Regen rieselte, schwarzer Regen.

Die Riesenstadt schlief, sie keuchte im Schlaf. Die Menschen schwitzten,

in ihren Betten, trotz der eisigen Kälte der Wohnungen. Der kalte

Schweiß stand auf ihren Stirnen, mit offenen Augen starrten sie in die

Dunkelheit. Es war nicht mehr wie früher, da die Riesenstadt nachts

aufschrie -- weißt du noch, am Anfang des Krieges? In jeder Nacht

gellten entsetzliche Schreie aus Häusern und Höfen, furchtbares Jammern

und verzweifeltes Schluchzen -- die Depeschen regneten herab auf die

Riesenstadt: gefallen, gefallen, dein Sohn, dein Gatte, dein Geliebter,

der Ernährer deiner Kinder, gefallen, gefallen -- und die Riesenstadt

schrie! Das Geläute der Glocken, die die Siege feierten, summte noch in

der Luft, mit Blumen geschmückte Jünglinge und bärtige Männer stürzten

sich hinaus --

Nun schrien sie nicht mehr, sie lagen still, die verkrallten Finger in

die Brust geschlagen, sie setzten sich in den Betten auf und flüsterten

-- einen Namen.

Still lag die große Stadt und dunkel.

Erloschen die Feuersbrünste, die nächtlich aus den Bahnhöfen

emporloderten und den Himmel röteten, früher, nur noch scheue Lichtnebel

über der unendlichen Finsternis der verkohlten Stadt. Heulend und

winselnd rollten die Züge zwischen den finstern Häusern. Es waren die

Transporte, die des Nachts in die Stadt schlichen, in die halbdunkeln

Bahnhöfe, und die blutenden Menschen von den Schlachtfeldern brachten.

Dieselben, die mit Blumen geschmückt die Stadt verlassen hatten. Der Tag

durfte sie nicht erblicken. Riesenschatten schwankten über die hohen,

verstaubten Bahnhofsmauern, Tragbahren glitten hin und her, Automobile

schlichen auf ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und

zurück, hin und zurück. Dann erloschen die Bahnhöfe und versanken in die

Dunkelheit, bis wieder ein Zug winselte und schrie: ich bringe sie

. . . Und wieder schwankten die Riesenschatten über die verstaubten

Backsteinwände, wieder glitten die Tragbahren hin und her, wieder

schlichen die Automobile auf ihren Gummirädern verstohlen durch die

Straßen, hin und zurück. Die ganze Nacht hindurch, jede Nacht.

Schon winselt ein neuer Zug -- und viele sind noch unterwegs, weit

draußen zwischen den Kartoffeläckern und Rübenfeldern, über die der

Regen fegt. Viele, Abertausende --

In jeder Nacht schlägt die Flut des blutigen Ozeans bis ins Herz der

Stadt.

Im Grauen des Tages aber fahren die stillen Wagen von den Lazaretten

durch die Vorstädte, immer weiter, bis zu den Friedhöfen. Mit Kisten

beladen. Darin liegen sie, die mit Blumen geschmückt hinauszogen, ohne

Kleider, ohne Stiefel, ohne Wäsche, nackt, aber sie frieren nicht mehr.

Es ist Anfang Februar des Jahres 1918 --

Stumm fließen die Straßen dahin, ohne Ende. Höhnische Gespenster die

Laternen an den Ecken. An den ausgebrannten Häusern hängen windschief

die Firmenschilder. Riesenbuchstaben, kalt, bleich, Leichen. Die Namen

sind nicht mehr, die Firmen sind erloschen, die Magazine sind leer. In

der finstern Nacht kommen die Schatten zurück, sitzen an den

Schreibtischen der Bureaus, schleichen durch die leeren Magazine.

Schatten wimmeln die Treppen herab, Boten, Briefträger, gefallen.

Straßenkehrer fegen die finstern Straßen, gefallen. Schatten von

Omnibussen huschen zwischen den Fluten treibender Schatten dahin, die

die Straßen überschwemmen, ein Meer. Die Kutscher der Omnibusse

gefallen, die flinken Pferde gefallen. In jeder Nacht kehren die Toten

in die tote Riesenstadt zurück.

Ängstlich lugt der Wächter um die Ecke. Seine Zähne klappern vor Furcht,

die leichenhaften Riesenbuchstaben an den Häuserwänden starren auf ihn,

sie winken, sie lächeln so eigentümlich -- ach!

Da erzittert die tote Straße! Ein Schritt dröhnt, rasch, eilig. Ein

Sturmschritt, der Schritt eines Läufers, der dahinjagt. Eine Stimme

ruft. Die schlaflosen Menschen in den kalten Betten richten sich auf:

schauerlich hallt die Stimme durch die dunkle Stadt. Die schweißigen

Haare sträuben sich -- was ruft er? Wieder? Wie in jeder Nacht . . .

Ein weiter, feldgrauer Soldatenmantel flattert um die dunkle Ecke. Er

jagt durch die Straßen! Hände, zum Fluch gestreckt, züngeln empor.

Dröhnend rollt die Stimme über die schwarzen Häuser.

»Wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen!«

Sind es diese Worte?

Die Menschen, die in den Betten horchen, verstehen die Worte nicht. Es

sind uralte Worte, tausendjährige, sie fühlen es, es sind Worte des

Fluchs und des Untergangs.

Der Wächter entflieht. Ein Soldat! Flink sind sie heute mit dem Messer

. . .

In der Ferne schon schallt die Stimme. Sie rollt die endlosen Straßen

entlang, hinaus in die Vorstädte, hinaus auf das flache Feld. Lange noch

hängt ihr Hall zwischen den schlafenden Häusern.

Die Hausecken sind finster. Aber sobald der weite Soldatenmantel an

ihnen vorüberflattert, strahlt plötzlich Licht aus den dunkeln Wänden:

die schwarzen Steine haben ein Auge aufgeschlagen. Ein Wort leuchtet aus

der Dunkelheit:

»_Alle Völker sind Brüder!_«

Kalkweiß flattert der weite Soldatenmantel im Schein einer fernen

Laterne -- schon ist er verschwunden. --

Wieder ist es still, wieder liegt die Riesenstadt tot wie eine Stadt aus

Asche.

Draußen aber, die Vorstädte gleißten. Um die Stadt aus Asche schwang ein

Gürtel blendenden Lichts -- die gleißenden Feenpaläste der Fabriken

schwammen in der Nacht. Der rote Dampf zischte, aus den Schloten quollen

Schatten, dick und schwarz wie bei Kriegsschiffen in voller Fahrt. Die

Räder schwangen, der Boden zitterte. Abertausende standen an den

Drehbänken, das Öl spritzte -- Abertausende schleppten Granaten,

schraubten, polierten. Abertausende von übernächtigen bleichen

Arbeiterinnen saßen im grellen Licht der Bogenlampen an den

Arbeitstischen, füllten, wogen, verschnürten.

Und die schweren Züge keuchten dahin, hinaus.

Das ganze Land arbeitete in dieser Nacht, in jeder Nacht, Millionen

Hände -- der Tod war ihr Besteller.

14

Der Tiergarten brauste, in seiner Tiefe grollte es wie die Brandung des

Meeres. Die Wipfel mahlten in der Finsternis, und zuweilen peitschte ein

Zweig ohne jeden Grund rasend den Himmel. Ohne Aufhören floß der Regen

herab.

Finsternis, kein Licht weit und breit. Doch halt, im Hause des Generals

wurde nun ein Fenster hell. Es war das Fenster gleich rechts vom

Hauseingang, Ottos Zimmer.

Der Morgen war nahe.

Am Rande des Tiergartens stand ein Schutzmann in seinem Regenmantel. Er

horchte. Ein Schuß --? Er schabte mit den schweren Stiefeln auf dem

Pflaster und ging ein paar Schritte über die Straße. Er blickte hinüber

zu den Gärten, hinter denen die Regierungsgebäude liegen. Vielleicht hat

sich jemand in den Regierungsgebäuden erschossen? Ein Minister? Wie?

Wie? Und doch ein Schuß, sagte der Schutzmann und zog sich tiefer in das

Dunkel des Tiergartens zurück. Jede Nacht erschoß sich hier jemand --

ein Soldat, ein Bankrotteur, ein Verschmähter. Der Schutzmann bohrte

seine Augen in den finstern Park und versuchte mit seinem

Polizistenblick das Dunkel zu schrecken.

Immer noch war Ottos Zimmer, gleich rechts vom Hauseingang, hell

erleuchtet. Immer noch sang melancholisch der Regen.

Nun aber dämmerte Licht auch in den Gemächern links vom Hauseingang. Die

Türe zum Schlafzimmer des Generals wurde geöffnet, und ein Schleier von

Licht drang durch die Gardinen.

Da erschien die breite Gestalt des Generals in der lichten Türe. Der

General war im Schlafrock und taumelte schlaftrunken. Er verlor immerzu

die zinnoberroten Pantoffeln, während er sich in das Vorderzimmer

tastete. Ein Schatten kroch vor ihm her.

»Wie sagst du --?« Er räusperte sich, seine Mundhöhle war ausgetrocknet,

denn der General schlief mit offenem Munde und schnarchte. »Verletzt,

sagst du --?« Er bemühte sich, die Schnur des Schlafrocks zuzuziehen, um

sich nicht zu erkälten. Schon wieder hatte er einen Pantoffel verloren

und tastete mit dem nackten Fuße danach.

»An der Hand -- der Herr Oberleutnant --«

»Man sollte doch meinen, daß er mit Schußwaffen umzugehen versteht!«

schrie der General den Burschen an. Eigentlich hätte er dies Otto sagen

sollen, aber in derartigen Augenblicken wandte er sich mit Vorliebe an

Untergebene.

»Mache Licht!«

Zornrot ragte der Kopf aus dem fleischfarbenen Schlafrock. Auch dieser

Schlafrock zeigte karmesinrote Aufschläge, nicht so groß wie der Mantel,

aber von der gleichen Farbe.

»Beim Packen also --? Was soll das Gestotter!«

»Der Herr Oberleutnant wollte den Revolver in die Kiste schieben, da

ging er los -- ganz von selbst. Er ist schon einmal losgegangen.«

Mit wütenden Schritten ging der General durch die Zimmer. Der

fleischfarbene Schlafrock wehte. Plötzlich aber hielt er den Schritt an

und tastete mit der Hand gegen einen Türrahmen. »Ein Glas Wasser,

Jakob«, sagte er. »Und dann -- hörst du -- wecke meine Tochter, sofort

-- aber nicht du sollst sie wecken -- sondern wecke Therese, und Therese

soll meine Tochter wecken. Wangel soll sofort das Auto holen.«

Das Blut war aus seinem Kopf gewichen, er war totenbleich geworden. Er

taumelte ein paar kleine Schrittchen rückwärts, bis seine Hand eine

Stütze an einem Sessel fand. Der Atem pfiff in kurzen Stößen aus seiner

Brust.

»Und nun also ein Glas Wasser!«

Der General hatte nur einen flüchtigen Blick durch Ottos halboffene Tür

geworfen. Otto stand gestiefelt und gespornt, rasiert und frisiert, fix

und fertig zur Abreise. Auf dem Boden lag die gepackte kleine graue

Offizierskiste. Er sah völlig nüchtern aus, gesammelt, ohne jede Spur

von Betrunkenheit.

Und dann ein Handtuch -- zusammengerollt, wie ein blutiger Klumpen

. . . Es war eine Schwäche des Generals, daß er kein Blut sehen konnte.

Es war ihm immer peinlich gewesen -- im Felde, wo es sich doch nicht

vermeiden ließ -- aber es war eine Schwäche, die er schon in der

Kadettenzeit gehabt hatte. Es war ganz hoffnungslos, dagegen

anzukämpfen.

Man hörte Therese an Ruths Türe pochen. Man hörte sie halblaut rufen.

Dann ging die Türe. Therese verschwand in Ruths Zimmer und kam nicht

wieder.

Nun?

Endlich -- nach langer Zeit kam Therese wieder zum Vorschein. Ihre Miene

war verstört. Hilflos blieb sie an der offenen Türe stehen. Therese --

sie hieß gar nicht Therese, aber sie wurde, seit sie im Hause des

Generals lebte, so genannt, sie hieß Ernestine -- Therese war, wie

häufig, von ihrer Angst vor dem General gelähmt. Sie fürchtete ihn für

gewöhnlich, sie ließ sich nicht gerne in ein Gespräch mit ihm ein, lebte

für sich in den hinteren Räumen und kam nur selten nach vorn. Aber bei

besonderen Ereignissen steigerte sich ihre Furcht zum Entsetzen. Und in

diesem Augenblick erschien ihr der General wahrhaft erschreckend -- in

seinem fleischfarbenen Schlafrock und den roten Pantoffeln. Ihre Augen

zerrannen vor Ratlosigkeit, ganz wie seinerzeit, als sie vor dem Gericht

aussagen sollte. Damals, als der General den Prozeß führte und man sie

kreuz und quer über alles Mögliche ausforschte. Damals, als es keine

Ruhe mehr im Hause des Generals gab, nur Tränen. Therese fühlte, daß

wiederum etwas nicht in Ordnung war.

Der General aber starrte sie an, er begriff nicht. Sein Schnurrbart

zitterte, und Therese, die dieses Anzeichen sehr gut kannte, machte eine

verzweifelte Anstrengung zu sprechen. Ihr altes Gesicht legte sich in

tausend Runzeln und kleine Falten, als ob sie weinen wollte. Die Finger

zupften an den rasch übergeworfenen Kleidern.

»Ruth ist nicht hier.«

Der General hatte nicht recht gehört.

»Sie ist nicht in ihrem Zimmer.«

»Nicht hier --?«

Aber gerade in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit auf ein

Geräusch an der Türe gelenkt. In der Türe der Diele drehte sich ein

Schlüssel, und er wartete voller Spannung, was nun geschehen würde.

Zuerst erschien also eine kleine Hand, in grauen Handschuhen. Dann der

braune Pelzbesatz eines Ärmels, und schließlich stand Ruth in voller

Person mitten in der Türe. Auf ihrer kleinen, braunen Pelzmütze lagen

Regentropfen. Ruth erschrak nicht. Ihre braunen Augen, die weichen,

leuchtenden Augen der Sommerstorf, waren voller Erstaunen auf den

General gerichtet.

Dann aber begannen ihre Blicke sich langsam mit Unruhe zu füllen. Das

Leuchten erlosch, sie wurden dunkel.

Der 9. November: Roman · 第 14 / 74 题