Nun gut . . . Punkt acht Uhr begab sich der General ins Speisezimmer.
* * * * *
Ruth sagte »Guten Abend« und grüßte den Vater mit ihren hellbraunen
Augen, die in der Tiefe warm und golden schimmerten. Sie war keine
Hecht-Babenberg, sie war, heißt das, physisch nicht den Traditionen des
Hecht-Babenbergschen Blutes gefolgt, das große, solide Knochen, breite
Schädel mit etwas slawischen Backenknochen baute, sie war eine
Sommerstorf, nach der Mutter geraten, die einer süddeutschen,
fränkischen Familie entstammte. Sie war nicht groß, schmalschultrig,
eher zierlich, ihr Haar dunkelblond, fast braun, und so weich, daß es
sich schlecht frisierte und die Frisur häufig etwas nachlässig aussah.
Zuweilen rügte der General diese Nachlässigkeit, mit einem raschen
Blick. Ruth glättete dann verlegen mit den Händen die Haarwellen.
Der General goß sich Fachinger ein. Neben seinem Gedeck lagen die
Abendzeitungen, die er durchflog, während er die Suppe schlürfte. Wann
sollte er Zeit haben, die Zeitungen zu lesen? Er wußte kaum, was in der
Welt vorging. Aber das war auch Nebensache, die Hauptsache war, daß
diese Burschen geschlagen wurden, und es war nicht nötig, daraufhin die
Zeitungen zu studieren. Auf Tag und Stunde würde er es wissen, wenn es
so weit war. Noch war es allerdings nicht ganz so weit, auch das wußte
er ganz genau.
»Na, da haben sie wieder mal --« murmelte der General.
»Wie Papa?«
Schweigen. Der General schlürft hastig und ungeniert die Suppe, die vom
Löffel in den Teller tropft, und schielt in die Zeitung.
»Jakob? -- Es zieht.«
Jakob tritt aus dem Schatten neben dem Danziger Barockbüfett, wo er sich
gewöhnlich verbirgt, und geht zu sämtlichen Fenstern und Türen, auf den
Fußspitzen, obwohl er weiß, daß alle ordentlich geschlossen sind. Jakob
bedient auch bei Tisch. Der General liebt es, von einem Mann in Uniform
auch zu Hause bedient zu werden -- es ist wie im Felde. Er haßt
weibliche Dienstboten.
Die silbernen Bestecke blinken kalt, die Tischdecke ist wie Schnee --
und obgleich der Tisch nicht um vieles größer ist als ein gewöhnlicher
Eßtisch, scheint dem General diese Tischdecke zuweilen ein endloses
Schneefeld zu sein. Ganz am Rande dieses Schneefeldes weiß er seine
Tochter, fern, klein -- zuweilen scheint es dem General, als ob die
Menschen mehr und mehr in die Ferne glitten, mehr und mehr, täglich
mehr. Oft klingen ihre Stimmen fern und dünn, wie aus großer Entfernung.
Oft hört er sie gar nicht mehr, so dünn klingen sie. Es kommt daher, daß
er überarbeitet ist.
»Na, da haben sie wieder mal einige Tausend Tonnen heruntergeschossen.«
Jakob wechselte die Teller, geräuschlos.
Der General sah plötzlich auf. Jetzt erst bemerkte er, daß Otto bei
Tisch fehlte.
»Otto ist eingeladen, Papa.«
»Am letzten Abend --?« Röte stieg in das Gesicht des Generals. Seine
Wimpern hoben sich vorsichtig, und sein Blick tastete über Ruths
Gesicht. Dieses Gesicht war zart, blaß und von einer ungewöhnlichen
Reinheit des Teints. Es war voller Anmut, ohne irgendwie schön zu sein.
Eine träumerische Zerstreutheit war über die weichen Züge gebreitet, und
ein Lächeln lag auf den etwas zu vollen, tiefroten Lippen. Ruth fühlte
den Blick, ihre Lider zitterten -- aber schon war der Blick des Generals
wieder zu seinem Teller zurückgekehrt. Der General liebte es nicht, dem
Blick seiner Tochter zu begegnen -- es hatte seinen Grund, seine Gründe,
über die er niemand Aufklärung schuldig war.
»Viel Arbeit in der Küche?«
»Genug, Papa. Wir geben täglich achthundert Mahlzeiten aus.«
»Sapperlot!« Der General wischte sich den grauen, dünnen Schnurrbart ab
und rückte den Stuhl zurück. Er bot Ruth die Wange zum Kusse. Sie
berührte sie mit den weichen Lippen (wobei die stachlichen Bartstoppeln
sie stets kitzelten) und legte einen Augenblick die Hand sanft an den
grauen Kopf des Vaters. Diese Art des Gutenachtkusses hatte sich aus
ihrer Mädchenzeit erhalten. Der General fühlte den sanften Druck ihrer
Hand im Herzen. Jeden Abend. Jeden Abend erwachte bei dieser Berührung
die Liebe zu seiner Tochter, die während des Tages verblaßte, schlief,
ohne jede Spur erlosch. Am Tage dachte er fast nie an Ruth, und wenn sie
ihm in den Sinn kam, zufällig und selten, so geschah es ohne jedes
Gefühl, fast mit Kälte. Aber abends fing die Liebe unter dieser
Berührung zu glimmen an. Oft dauerte diese Empfindung an, und einmal kam
es sogar vor, daß der General spät abends an Ruths Türe lauschte, um zu
hören, wie sie atmete. Da stand er im dunkeln Korridor, wie ein Dieb,
das Ohr gegen ihre Türe gedrückt. Sein Herz brannte vor Liebe.
Am Tage aber -- Gleichgültigkeit, Kälte. Sonderbar!
»Gute Nacht, Papa!« Weich und fein klang Ruths Stimme.
»Gute Nacht.«
Der General erhob sich geräuschvoll. Jakob klappte mit den Stiefeln.
Plötzlich sagte der General im Befehlston: »Wenn mein Sohn nach Hause
kommt, ich möchte ihn sprechen! Aber nach ein halb zwölf will ich nicht
mehr gestört werden. Dann soll er früh in mein Zimmer kommen!«
»Jawohl, Herr General!« Und Jakob stürzte zur Türe. Er wußte, daß der
Herr Oberleutnant erst gegen Morgen zurückkehren würde wie jede Nacht.
Er hatte ihm schon befohlen, rücksichtslos kaltes Wasser anzuwenden,
wenn er nicht wach werden sollte.
Ruth wünschte dem Burschen mit heiterer Stimme »Guten Abend« und
schlüpfte in ihr Zimmer.
* * * * *
Ruths kleiner Salon war, ganz wie das anstoßende Schlafzimmer, immer
etwas in Unordnung und -- sowohl am Tage wie am Abend -- in Dämmerung
gehüllt. Kleidungsstücke, Bücher und Schreibpapier lagen verstreut
umher. Der kleine Salon, der auf den Tiergarten hinausging, war in
blauen und weißen Farben gehalten. Die niedrigen, mit einem Seidenbrokat
von senkrechten blauen und weißen Streifen überzogenen Fauteuils,
zeigten schon allenthalben feine Risse und waren gelblich geworden. In
die Rücklehnen dieser Fauteuils war ein Medaillon mit dem Wappen der
Sommerstorf eingestickt: eine Hand, die eine rote Rose hielt. (Diese
rote Rose spielte bei den Sommerstorf überhaupt eine große Rolle.)
Über dem kleinen Sofa, auf dem gewöhnlich Ruths Mantel und Hut lagen,
hing in einem ovalen weißen Rahmen das Porträt einer jungen Dame:
Margarete v. Sommerstorf, spätere Hecht-Babenberg. Das Aquarell, in der
Manier Kaulbachs gehalten, stellte Ruths Mutter im Alter von etwa
zwanzig Jahren dar, zur Zeit, da sie sich verheiratete: ein junges
Mädchen, die schmalen Schultern in ein weißes Spitzentuch eingehüllt,
einen Fächer in der Hand und eine brennendrote Rose im Haar. Das Haar
hatte in den Reflexen den gleichen Schimmer wie Ruths Haar, das manchmal
braun und manchmal blond erschien, je nachdem das Licht darauf fiel. Das
Bild hatte eine besondere Eigentümlichkeit. Die großen hellbraunen
Augen, die der Künstler besonders hervorgehoben hatte, verfolgten den
Beschauer überallhin, wo immer im Zimmer er stehen mochte. Sie ließen
ihn nicht aus den Augen und lächelten.
Ruth hatte nur eine blasse Erinnerung an die Mutter bewahrt. Etwas
Scheues, unendlich Warmes, Flüchtiges und Huschendes. Weiche Lippen,
unendlich zart und unendlich warm -- die sie geküßt hatten, als sie ein
kleines Mädchen war, und Therese hatte gerufen: »Grüße die Dame, es ist
Mama.« Ruth erinnerte sich genau an diese Worte Thereses, aber zu ihrem
Schmerz erinnerte sie sich nicht mehr an das, was diese blasse, scheue,
unbekannte Dame sprach.
Sie besaß übrigens das weiße Spitzentuch, in dem die Mutter porträtiert
worden war. Zuweilen, sehr selten, legte sie es um die Schultern, sie
steckte sich eine rote Rose von demselben prangenden Rot in das Haar:
dann lächelten diese beiden Frauen, die ganz gleich aussahen, einander
zu.
Eilig schlüpfte Ruth in den Mantel und sang leise vor sich hin, während
sie die Handschuhe suchte, die sie, wie gewöhnlich, verlegt hatte:
Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne,
die liebt ich einst alle in Liebeswonne.
Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine
die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine. --
Ruth vergötterte Schumann.
Aber da hatte sie auch schon die Handschuhe gefunden. Sie waren in eine
leere Blumenvase geraten.
9
»He, Kutscher, sind Sie frei?«
Otto sprang in den Wagen. »Paradies-Bar!« Es war eine alte, in allen
Fugen klaffende Droschke. Das Pferd lahmte und schnellte in merkwürdigen
Sprüngen vorwärts. Mein Himmel, was haben sie aus dieser Stadt gemacht,
dachte Otto, mit einem Gefühl von Schadenfreude im Herzen. Er war
zuletzt im vorigen Sommer einige Wochen hier gewesen, um sich von einer
Gasvergiftung zu erholen -- damals erschien ihm der Verfall noch nicht
so furchtbar.
Einsam klapperten die Hufe des Pferdes in der finstern Straßenschlucht.
Es hatte aufgehört zu schneien, Schmutz floß in den Rinnsteinen. Ohne
Aufhören ging ein schwarzer Aschenregen nieder auf die tote, verkohlte
Stadt.
Und früher, ein wogendes Meer von Licht! Schimmernde Perlenketten,
blitzende Diademe auf den Dächern, rasende Feuerräder am geröteten
Himmel, geschmolzenes Blei quillt aus den Fugen der Häuser. Die
Scheinwerfer der brüllenden Autoherden, die gleißenden Lichtblöcke der
Schaufenster -- und fröhliche Menschen treiben im Licht, Damen, die
Augen leuchten, und die Zähne blitzen. Lachen . . .
Da hielt die Droschke plötzlich. Das Pferdeskelett stand in seinem
abgeschabten Fell und zitterte.
Erschauernd entfloh Otto diesen drohenden Finsternissen, wie alle Welt,
die sich nach den Lichtinseln der verkohlten Stadt flüchtete, den
Theatern und Konzertsälen, um vor den Schatten und Gespenstern der
Dunkelheit zu fliehen. Wie Tiere bei einer Sintflut, die entsetzt
dahinjagen . . .
Schon in der magisch beleuchteten Tropfsteinhöhle, die als Garderobe
diente, fühlte Otto sich geborgen. Die Luft, die er liebte, schlug ihm
entgegen -- Parfüms, Lachen, Licht, Musik . . . Es war nicht das
allerfeinste Parfüm, es war dick, legte sich mehlig auf den Gaumen, aber
darauf kam es schließlich nicht an.
Trotz der frühen Abendstunde war die Rotunde der Paradies-Bar schon
überfüllt. Aber Otto hatte Glück, ein kleines Tischchen an der
Balustrade zu erobern -- dicht neben dem giftgrünen und himbeerroten
Jüngling, der die Gipsarme emporstreckte und von den farbigen Strahlen
eines Springbrunnens umsprudelt wurde. Lackrot und Gold waren die Farben
der Paradies-Bar. Bunte Blütenkelche hingen von der goldenen Decke herab
und strahlten Begierde und Wollust aus. Giftgrüne Insekten schabten die
Instrumente, hämmerten mit Klöppeln. Einer der Giftgrünen glitt zwischen
den Tischen hindurch und spielte den Gästen ins Ohr.
Otto klemmte die Scherbe vors Auge, damit alle Welt sehen konnte, daß er
Offizier war -- und nicht etwa einer von den vielen hier, den vielen,
die sich von den Kadavern auf den Schlachtfeldern nährten. Stimmen
schwirrten ringsum.
»Vor zwei Jahren lieh ich ihm fünfzig Mark, er kam zu mir -- seine
Stiefel -- überhaupt -- Kellner!«
»Heute hat er Millionen. Ich schätze ihn auf vier Millionen.«
»Kaufen Sie Ware, Ware -- einerlei -- eine Pleite, nicht auszudenken.
--«
»Rudi ist immer gleich bekneipt.«
Zwischen einer Glatze und einem Blumenstrauß hatte Otto ein schwarzes
schlankes Dämchen mit entblößten, entzückend runden Schultern entdeckt,
das seine Blicke erwiderte. Unter ihm, etwas tiefer, neben dem
Springbrunnen, saßen zwei befrackte Herren, mit zwei wie Fürstinnen
gekleideten Damen in kostbaren Roben, mit Brillanten und Blumen
geschmückt. Er roch den Puder, der von ihren entblößten Büsten aufstieg
und die Essenzen ihrer duftigen kunstvollen Frisuren. Wie rosig, dieses
kleine Ohr -- Kokotten natürlich -- aber immerhin Fleisch, Atem, Leben.
Am Nachbartisch hatten zwei Herren im Smoking Platz genommen. Ihre
dicken, glattgeschorenen Schädel und schwammigen Trinkergesichter kamen
Otto bekannt vor. Es waren zwei Rittmeister, die er immer in Stifters
Diele Unter den Linden gesehen hatte, wenn er mit Papa dort zu Mittag
speiste. Sie hatten sich zwei reizende kleine Damen mitgebracht,
allerdings nicht erster Klasse, vielleicht Verkäuferinnen, die schon
jetzt zu kreischen begannen.
Bunte Papierschlangen zischten durch die Luft.
Ja, hier war in der Tat das Paradies, und da draußen in der finsteren
Straße nichts als die nackte Wirklichkeit. Ein paar blaugefrorene Kinder
mit Streichhölzern, ein altes Weib mit nassen Zeitungen -- und der
Portier der Bar steht wie ein Erzengel in seinem grünen Mantel! Berlin
war im Aschenregen begraben, aber hier hatte sich, in einer Höhle, durch
ein Wunder, ein letzter Tropfen seines geilen Blutes erhalten. Mit allen
Sinnen sog Otto Gerüche, Stimmen, Fleisch in sich, er sammelte auf
Vorrat, für die langen Monate, wo er nichts sehen würde als verrosteten
Stacheldraht und Schrapnellwolken.
»Reformen -- Sie glauben also nicht daran?«
»Schwindel, alles Schwindel. Eher wird der Himmel einstürzen --«
»Aber das wäre ja Betrug!«
»Betrug? Was sonst? Wissen Sie, wie man den neuen Mann nennt, der uns
regiert? Den Fünfminutenbrenner! Er kann nur fünf Minuten wachbleiben,
dann schläft er wieder ein.«
»Gott sei uns gnädig und barmherzig!«
Die Damen mit den Brillanten lachten laut auf. Er sagte es auch zu
drollig, ergeben in sein Schicksal, und dabei stieß er mit der Zunge an.
Die schmachtende Geige des giftgrünen Primgeigers sang in Ottos Ohr.
Was sah er? Was hörte er?
Doras strahlende Augen? Hedis helles Haar hinter dem Schleier mit
Silberstickerei? Hörte er Doras Lachen? Nicht im geringsten.
Er sah: Nacht, Grausen, eine Kraterlandschaft, die Zone des Todes.
Geschützfeuer geistert und die Granaten heulen. Durch die Dunkelheit
schleppen keuchende Männer einen Verwundeten auf einer Zeltbahn. Beim
Schein des Geschützfeuers erkennt er plötzlich -- ja, er, er, er selbst
ist es, den die keuchenden Männer schleppen. Sein Gesicht ist überströmt
von Blut, und deutlich hört er den keuchenden Atem der Männer, die ihn
tragen . . .
Sofort schlug Otto erbleichend die Augen auf. Seine Pupillen erweiterten
sich, seine Augen wurden zu gähnenden Kratern voller Grauen -- das also
war es, was er sah und hörte, während der giftgrüne Primgeiger ihm ins
Ohr spielte. Die grausige Vision verblaßte, und augenblicklich kehrte er
wieder in die Paradies-Bar zurück. Nur ein leiser Schrecken zitterte in
ihm weiter.
Mit bebender Hand füllte er das Glas und trank dem schwarzen, schlanken
Dämchen mit den entblößten, entzückend runden Schultern zu. Seine Dame
lächelte huldvoll -- und augenblicklich drehte sich die Glatze um.
Die Schultern dieses schlanken Dämchens erinnerten ihn an Hedi. Und
während er sein Glas auf das Wohl der Schlanken leerte, gedachte er
Hedi, mit der nun, Gott sei Dank, alles zu Ende war. Er dachte an sie
ohne Haß, aber mit leiser Verachtung. Eine Dame -- tut eine Dame so
etwas -- damals im Sommer, das Abschiedssouper --? Und doch war er
gerade in diesem Augenblick, wo sich eine rote Papierschlange, von der
schwarzen Schlanken geworfen, um seinen Kopf ringelte, geneigt,
großmütig zu vergeben. Jeder Mensch hatte schwache Stunden.
»Nun also -- diese Hedi, sie würde wohl schlecht schlafen diese Nacht?«
»Vielleicht weint sie auch?«
»So ein bißchen? -- He, Kellner, Herr Ober --!«
* * * * *
Wie eitel diese Männer, wie töricht!
Es fiel Hedi gar nicht ein zu weinen. Sie dachte nicht einmal an ihn.
Sie dachte an den gelben Mantel! Ein Herr will einer Dame eine Huldigung
darbringen. Nun wohl. Er kauft weiße Rosen, obschon sie ein Vermögen
kosten, und läßt sie auf dem Tisch liegen. Kein Wort, kein Blick: ein
Gentleman!
Ihre Paläste waren in Schutt zerfallen, die Paläste mit dem Wappenschild
der Hecht-Babenberg: das rote Pferd im blauen Feld. Dahin! Schon aber
baute Hedi neue Paläste! Weitaus herrlichere, kühnere!
Ach, sie hatte ihre Jugend vergeudet! Drei Jahre lang hatte sie auf
Ottos Brief gewartet und selbst einige hundert Briefe ins Feld
geschrieben. Und dieser Krieg endete ja nie, sie hätte alt werden können
dabei. Wie töricht! Und diese Familie der Hecht-Babenberg, dieser
hochmütige General, in dessen Augen ein Geheimer Rat ein Kanzlist war,
nichts sonst. Er hätte sie stets als ein Geschöpf zweiter Klasse
betrachtet, ohne Ahnenreihe wie die der Babenbergs, die bis auf die
Kreuzzüge zurückging.
Ja, morgen würde sie vielleicht wieder in den Kaiserhof gehen zum Tee.
Erstens gefiel es ihr dort, die Musik, die Eleganz, die Sorglosigkeit --
und zweitens konnte es ja sein, daß dieser Herr Ströbel oder Herr v.
Ströbel . . .
Da richtete sich Klara leise in ihrem Bett auf. Die beiden Schwestern
schliefen zusammen in einem kleinen Hofzimmer. »Schläfst du, Hedi?«
flüsterte Klara. »Guck' doch mal den Mond an, wie er fliegt.« Hedi
antwortete nicht, und Klara beugte sich über ihr Bett. »Ah, du schläfst
ja doch nicht«, sagte sie lachend. Ganz unerwartet erhielt sie eine
klatschende Ohrfeige, denn Hedi war gar nicht in Laune, auf Klaras
Geschwätz einzugehen. Die Kleine ahnte ja nicht, daß sie, Hedi, soeben
in einem fünfzigpferdigen Tourenwagen dahinraste, eine Staubbrille vor
den Augen, Ströbel steuerte -- wenn ein Pneu platzte, konnte es eine
Katastrophe geben.
Klara saß still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war in Licht getaucht
und ihre Augen gleißten. Schneeweiß und leuchtend war sie wie ein
Gespenst. Sie atmete das Licht ein, sie war angefüllt vom Licht, und
gleißendes Licht floß durch ihre Adern.
Das Paradies lag vor ihren Blicken ausgebreitet.
10
Otto wickelte sich fröstelnd in den Mantel.
Es war schon das beste, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht wahr?
Sein Zug würde fahren, das stand fest! Er würde fahren, einerlei, was
passierte. Kühle Gesichter, steife Verbeugungen, laute Unterhaltungen
mit erkünstelt ruhigen Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, wo man
plötzlich ein fernes Brummen hört. Die Front! Irgendwo in der Einöde
hält der Zug, nur noch Männer, nur noch Soldaten. Autos, Wagen,
Kommandostimmen, Dunkelheit, Schmutz, Regen, der Geruch einer öden
Gegend. Geschütze poltern, Granaten winseln, es ist ganz wie früher. Die
Kameraden kriechen aus den Unterständen, Hände strecken sich einem
entgegen, man ist laut, man ist fröhlich, aber alles ist -- Lüge.
Er wußte nicht einmal, ob er sie noch in der alten Stellung finden
würde. Diese Stellung lag Tag und Nacht unter schwerem Feuer, aber doch
war sie angenehm im Vergleich zu den flachen Gräben seinerzeit in
Flandern, wo sie bis an die Brust im eisigen Wasser hockten und völlig
gelähmt, an zwei Stöcken einherhumpelten.
Aber all das ist es nicht, nicht das Feuer, die Nässe, die Kälte, die
Entbehrungen. Es ist das riesengroße Antlitz des Todes, das da draußen
über den Trichterfeldern steht. Es ist nichts als die grauenhafte Furcht
vor dem Tode, wenn man das Leben liebt, nichts sonst.